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Full text of "Correspondenz Blatt Für Schweizer Ärzte 1875 05muc"

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COREE8PONDESZ-BLATT 

für 

schweizer Aerzte. 


Herausgegeben 

von 


Dr. Alb. Bnrckhardt-Herian und 

Privatdocent in Basel. 


Dr. Arnold Baader 

in Golterkinden. 


Jahrgang V. 


--- 

BASEL. 

Benno Schwabe, Verlagsbuchhandlung. 

1875. 


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fKMii.iirnm; 
: RWilA ; 
' WONACH W.j 

V. 


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Sachregister. 


(O zz Original, R zz Referat. Die einz. Cant vide Vereinsber. und cant Corr.) 


.Abdom. tum. bei Gravid. 11. 

Abdom. typhus in Basel 707, Bern 425. Mollis 
O 609, 647. München 449, 450 Bez. Münster 
250, Solothurn 420. a. Schiffen 119. 

— Aetiol. des, O 216, 425. 

— Incub. Zeit O 210. 

— Path. und Ther. O 270. 

— Zugl. mit Scarl. 516. 

Acten der Aerztecommiss. v. Central vcr. 
Acrzteausschuss v. Centralver. 

-commiss., Schweiz, v. Centralver. 

-frequenz der Schweiz 232. 

-re ernten v. Recrutenschulen. 

-liehe Fragebgn. f. Irren an st. 192. 

-licher Stand und s. Pflichten 515, 628. 

Alcohol am Krankenbette 20, 286. 

Ammann, mech. Behdl. d. Vers. R 105. 
Amphicranie O 25. 

Amylnitrit bei Ohnm. 515. 

Anatomiegebäude, Genf 171. 

Aneurysma incidirt 171. 

Antipyret Wirkg. d. Salic.-S. O 302. 333. 
Anwendg. u. Erflg. d. Fleischpancr.-Clyst. O 441, 
471. 

Aorteninsuff., Diagn. durch Ophth. 435. 
Aphasisches Hirn, O 95. 

Apothekerver., Schweiz. 458. 

— — Petition 492. 

Aspirat. n. Dieulafoy 586. 

Atrophie des testicules 711. 

Ausmusterg. im UI. Divisionskr. 725. 

Ausweis wissensch. Berufsart v. Befähigg. 

Avanc. im Sanitätscorps 149, 321. 

Bäder Bünden b 15. 

BaginBky, Leichenverbrennung R 38. 

Barde, Gebärmutterruptur R 535. 

Beck, Receptalmanach R 46. 

Beckenfract, compl. 405. 

Beerdigg., Reform, England 604. 
Befähigungsausw. bei Freizügigkt. 380, 439, 458, 
539, 563, 652. 

Begräbnisswesen, bllrgerl. 283. 

Behandlungszwang 54. 

Beiträge z. Proph. u. Ther. d. Gehörkrankb. O 
521, 549. 

Bekleidungsreglem. 354, 386. 

Berichtigg. v. Cant. Corr, 

Bericht d. Oberfeldarztes ü. Fall Herzig 688. 

— ü. d. Leistungen d. Bürgerspit. in Solothurn 
O 698. 

Bern, Spitalbericht R 228, 291, 319. 


Bern, Spitalbericht, Jennersp. R 142, 593. 
Bernstein, Piet. geg. d. Todten R 38. 

Bibliogr., Schweiz. 116. 

Biel, Aerzteverein 725. 

— Kumys und Kumyscur R 197. 

— Spitalbericbt R 226. 

Bienen, z. Naturgesch. d. 47. 

Blutbrechen von Säuglingen 461. 

Bonseis, Analys. d. Arsens R 508. 

Brod, blauschwarzes 112. 

Brustumfang 571, 684. 

Budge, Comp. d. Phys. d. Mensch. R 144. 
Burckhardt, pliys. Diagn. d. Nervenkrankh., R. 716. 

Canalisat. Basels 150. 

Carboifieberpandemie O 61. 

— -säure, Misserfolge 349, 352. 

— — , subc. u. intracut 352, 379. 

Care. flex. sigm. bei Gravid. 11. 

— des Unterschenkels 38. 

Cataractoper., Statist 587. 

Central verein v. Vereinsber. 

— , Acten d. Schweiz. Aerztecommiss. 259, 289, 

320, 353, 380, 539, 563, 637, 658, 659, 
661, 687. 

— , Ausschuss 19, 87, 203, 232, 307. 

Cbätelain, maison de sant4 ä Prefarg. R 631. 
Chiasm. nerv. opt. 432. 

Chloroform 118. 

Citronensäure in Eisensäuert 112. 
Claviculanecrose 164. 

Code m6dic. profess. 515, 628. 

Compress. des Thorax 574. 

Concentr. Knochenatroph, am Hum« 453« 

Concord. v. Freizügigkt 
Congenitale Gelenkdifform. O 153. 

Congress, IV., internat, medic. 353, 459, 606, 
637, 725. 

Conrad, Alcohol- und Chin.-Behandlg« b, Puerp. 
R 286. 

Correspondenzen, cantonale. 

— Basel 167, 202, 350, 418, 568. 

— Baselland 230, 492, 538. 

— Bern 86, 291, 318, 570, 596, 632, 634, 68(5, 

691, 723. 

— Genf 171. 

— Glarus 49, 145, 256. 

— Graubünden 14, 47, 82. 

— Luzern 147. 

— Neuenburg 257. 

— Schaffhausen 231, 418, 506, 635. 

— St. Gallen 379, 692. 


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IV 


Correspondenzen, Thurgau 636* 

— Zürich 380, 571, 659. 

— Reisebriefe a. Südfrankreich 16, Prag 351,379. 

— öffentliche: Berichtigg. 23, Inselspital 291, 

319, Redact. des Bulletin 50, Redact. 50. 
Coametik 235, 419. 

Courvoisier, häusl. Krankenpflege R 629. 

Croup und Diphth., Basel, 709. 

Culturbild der Neuzeit R 12. 

Curorte Südfrankr. 16. 

Curpfuscherei 171. 

Cysten in der Vag. 430. 

Czuberka, chir. med. Vadem. R 289. 

Darmgeschwüre 165. 

— verdaqung O 676. 

Davos, Aerzteverein 633. 

— Curgebrauch 110. 

Dieulafoy’s Aspirat. 586. 

Digitaliswirkg. a. den Mensch. 481. 

Diprosopus binasalis 36, 449. 

Dissertat. uns. Facult. 1874 116. 

Dorfdoctor und Mortalit.- Statist. Feuill. 382. 
Dünndarm, prim. Lymphosarc. 348, 533. 

Ebstein, Magenkrebs R 513. 

Eclampsie bei Schwängern O 480. 

Einwirkg. d. Höhenkl. a. Reep, und Circ. O 578. 
Eiweisszersetzg. b. Muskelarbt. 427. 

Electr. als Mydriat. 100. 

— als Myotic. 100. 

Emphys., träum., artif. 386. 

Empyem O 57, 97. 

Entstehg. des Pteryg. 534. 

Epidem. d. letzt. 50 J. in Basel 707. 

— v. Icter. catarrh. O 545. 

— v. Pneumonie 710. 

Erweckungen, relig. 541. 

EsmarchB Meth. bei Fingerringen 353. 
Express.-Meth. in d. Geb.-Hülfe O 121, 250. 

Fabrikgesetz, eidg. 439, 540, 570, 620, 638, 658. 
Facultät v. Lehrpers. 

Falk, Norm.-Gab. d. Arzneimittel R 511. 
Feigencaffee 54. 

Fetzer, Krankh. des Nervensyst. R 317. 
Feuilleton, Gedichte: 

— Eidgen. Mixtur 374. 

— Hexameter 375. 

— Jahreswende 22. 

— Körperlänge 494. 

— Toast: Seid mir gegrüsst 679. 

— Der Dorfdoct. u. d. Mort.-Statist. 382. 
Fingerringe, Entferng. enger 353. 

Fleck, Benzs., Carbois. etc. R 510. 
Fleischpancreasclyst., Anwendg. etc. O 441, 47!. 
Fleischschau 710. 

Frauenstudium 236, 720. 

Freigebg. d. Medic. 258. 

— d. Praxis 49, 145, 170, 236, 320, 353, 458. 
Freizügigkt. d. Aerzte v. ßefähigungsausweis. 

— , Prüfungen 114, 353, 541. 

— , Eingabe 563, 659. 

— d. Apotheker 166. 

Fremdkörper, Blase 698. 

— Hand 701. 

— Vagina 700. 


Frequenz der Schweiz. Aerzte 232. 

— uns. med. Facult. 51, 419. 

Fritsch, Verbreitg. v. Fäulnissorgan. R 417. 
Froschauer, Vorb. d. Ansteckungskrankh. R 376. 
Fruchtbark. d. Ehen in Europa 606. 

Fussbekl. d. Sold. 86, 371. 

Fussgelenkresect., geheilt 709. 

Gallenstein, grosser, Absc. 281. 

Gangr. symmetr, 425. 

Gastrotomie 354. 

Garveus, Iridotomie R 490. 

Gedichte v. Feuilleton. 

Gehirn v. Hirn. 

Gehörkrankh., Prophyl. und Ther. O 521, 549. 
Gelenkdiff., congenit. O 153. 

General Dufour 638. 

Gesundheitspflege, öffentl. 158, 175, 437, 460, 

568, 725. 

Gewerbekrkh. d. Uhrm. 249. 

Giftverkauf 259. 

Graubünden, Irrenstat. 82. 

Gussenbauer, Billroths I. Kehlk.-Exst. R 79. 
Gusserow, Menstr. und Dysm. R 45. 

Haemorrh. pelv. O 241. 

Haftpflicht d. Medic. pers. 236. 

Haltbark, d Eisensäuerl. 111. 

Hartmann, ac. und chron. Gel.-Rheura. R 538. 
Hasner, Gränzen d. Accommod. R 630. 

Hebamme bestraft 692. 

Hegar und Kaltenbach, Operat. Gynzecol. R 145. 
Heredit. d. Psycho». 222. 

Herzgeräusche bei Chlorose 706. 

Herzig, Ber. d. eidg. Oberfeldarztes 688. 
Herzruptur 386. 

Hippocrates 605. 

Hirn, aphasisches O 95. 

-erkrankg., Gefässanom. 346. 

-gumma v. Hirnsyph. 

— -querschnitte 48. 

— -syphilis. O 89, 127, 281, 346, 406, 528, 588. 
-tubercul. 590. 

Hirsch, Verhütg. d. Volkskraokh. R 657. 
Hirscbfeld und Pichler, Curorte Europa’s R 512. 
Hi8, uns. Körperform R 199. 

Hodenatrophie O 711. 

Höbcnclima 110. 

— , Einw. a. Resp. und Circ, O 578. 
Honorarfrage 19. 

Htilfaver. f. Amputirte 322. 

— f. Irren 436. 

Huguenin, allg. Path. d. Nervensyst. R 44. 
Husemann, Handb. d. ges. ArzncimittelL R 508. 
Hydrocele bei Kryptorch. 662. 

— , bilocul. cong. 430. 

Hygieine v. Gesundheitspflege. 

— d. Sonntagsruhe 604. 

Hypertroph, d. Prostata 450. 

•Xaborandi, Wirkg. O 395, 714. 

Jahresber., Basel, chir. Abth. R 409. 

— — med. Abth. R 315. 

— d. Inselcorpor. R 141, 291, 319. 

— d. Jennerspitales R 142, 593. 

— d. Landesmedic.-Coll. v. Sachsen R 560, 591. 
Jahreswende, Gedicht 22. 


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V 


Icter. catarrh., Epidem. O 37, 545. 

Impfordnung, Basel, 202, 448. 

-zwang 321. 

Incubat.-Zeit d. Scarl. 37. 

— — d. Typh. abd. O 209. 

Indigo im Urin 678. 

Infectionskrkh. in Basel v. Schluss jeder Nro* 
Initial, stad, und Ther. d. Psych. O 663, 701. 
Instruct. ü. d. Ausmustrg. 172. 

Invagin. d. Darm. 533. 

Inversion d. Blase 606. 

IrrenhQlfsverein, Luzern, 436. 

-pflege in d. Schweiz 193, 222. 

— -Statist. Graubandens 82. 

Israeliten, Geaundht. d. 293* 

Jodgehalt, Saxon 600. 

Jodtinctur 165. 

Kaiserschnitt, wiederholt O 477. 

Kal. sulf. 165. 

Kalkconcr. als Geburtshindern. 605. 

Keuchhusten, Basel 708. 

Kinderernährg. und Erziebg. 138. 

-spit. Basel R 378. 

Klenke, Krone’sche Dilat.-Moth. R 412. 

Kletke, Medic. Gesetzgebg. Preus6. R 514. 
Knochenatrophie, concentr. am Hum. 453, 

-wachsth. und künsti. Steigg. 558. 

Kocher, Krankh. d. Hodens R 165. 

Kohlmann und Loeschke, Comp, sämmtl, Medicam 
R. 143. 

Kolbe und Neubauer, Salicylsäure R 287. 
Krahmer, Handb. d. Staatsarzneikunde R 316. 
Kraus, Comp. d. med. Wissensch. R 144. 
Kriegstatist, m. bes. BerUcks. d. 1. Krgs. O 497. 
Krippen Basel 293. 

— Paris 119. 

Krönlein, Beitr. z. off. und antis. Wundbehdlc. 

R 682. 

Küchenmeister, allg. Zeitschr. t Epidem. R 229. 
Kuhn, Blutergüsse in d. breit. Mutterb. R 721.. 
Kunstfehler bestraft 692. 

Larynxexstirpat. 493 
Lanssedat, la Suisse R 288. 

Lebensmittelcontr. 725. 

Lehrpers. uns. med. Facult. 51. 

Leichengift, Infect. e. Arztes 596. 

— Verbrennung Zürich 407, 453. 

Lindwurm, klimat. Curorte R 686. 

Liq. fern subc. g. Teleang. 419. 

Listerische Behdlg. b. d. Ovariot. O 393. 
Litzmann, eins. Form. d. eng. Beck. R 76. 
Lungenaffect. nach D. schneidg. d. n. vag. 483. 
Luxat. d. Occiputs 282. 

Maas, Geschwüre und Transpl. R 42. 

Madeira als Curort O 361, 397. 

Magengeschw., Unters, über 101. 

— -ruptur 573. 

Magnus, Bedeutg. d. färb. Lichtes R 507. 
Malzextr., medic. 693. 

Marvaud, aliments d’öpargne R 285. 

Masern in Basel 707. 

Maximaldosentabelle 661, 692. 

Medidnalconcord. v. Freizügigkt 

— gesetz, Glarus 145. 


Medicinalgesetz, Neuenburg 257* 

Mening. träum., Magenrupt. 573. 

Metrische Medicinalgew. 661. 

Microtom 48. 

Midriasis, Ther. 99. 

Militärsanitätswesen 149, 172, 204, 23 4, 321, 724, 

— — -avanc. 234, 354. 

— — -conf. in Bern 571. 

— — Neuform. d. Corps 540. 

— — Personaleinthlg. 602. 

-revacc. 538. 

-schulen, sanit. 149, 321, 635, 636, 659. 

Milzbrand b. Menschen 93. 

Missbildg. d. Herzens 11. 

— e. Kindes 36, 449. 

Mobiliar in’s baselland. Krankenhaus 230. 

Mortalit. der Mormonen 661. 

— in d. einz. Tagesstunden 205. 

— in London 662. 

— , Statist. 52, 262, 340 O, 637. 

Müller, Harnröhrentripper R 685. 

— klin. Pharmacop. R 657. 

Muskelarb., Einfl, a. Eiweisszers. 427. 

Nach Olten 577. 

Nachtglocken, curiose 419. 

Naht mit Cautschouc 253. 

Nasenrüssel 36. 

Naturf. Ges., Schweiz, v. Vereinsber. 

— gesch. Bündens 14. 

Necrologe: Dr. Böhm 54, Prof. Dr. Brenner 65, 
Dr. Imfeld 118, Dr. Oschwald 231, Dr. Pflffqer 
418, Dr. Schneider 596, 632, C. Sulger 596, 
J. Ueltschi 691. 

Necrose d. Clavic. 164. 

Nervenregenerat. 587. 

Nervi vagi, D. schneidg., Wirkg. a. Lunge 483. 
Nierensarcoro, prim. 587. 

-steincolik, Ther. 604. 

Obturat. b. Defect. im L. G. 372. 

Oeffentl. Corr. im Briefk. und b. cant. Corresp. 

— Gesundheitspfl. v. Gesundheitspfl. 

Oesterlen, das menschl. Haar in for. Bez. R 160. 
Operationswiederholungscurs 659. 

Ophthalra. Aphorismen etc. O 329, 367. 

— Miscellen O 7, 33. 

Ophthalmie, sympath. O 185, 216. 

Origina larbeite n. 

Acute Verblutg. bei Scharlach 614. 

Aetiol. des Abdominaltyph. 246. 

Amphirranie 25. 

Anwendg. und Erflg. d. Flelscbpancr.-Clyst. 
441, 471. 

Apbaeisches Hirn 95. 

Empyem 57, 97. 

Epidem. v. Icter. catarrh. 545. 

Hirnsyphilis 89, 127, 281, 346, 406, 528. 
Incub.-Zeit des Abdominaltyph. 209. 

Milzbrand beim Menschen 93. 

Scharlachepidemie in Basel 297. 

Stat. Beitr. z. Sympt. und Path. d. Abdominal¬ 
typh. 270. 

Typhusepid. in Mollis 609, 647. 

Atroph, des testicules 711. 

Carboifieberpandemie 61, 


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VI 


Congenit, Gelenkdifform. 153. 

Leistungen d. chir. Abth. d. Pürgerspit. Solo¬ 
thurn 698. 

Prophyl. Behdlg. d. Tum. alb. 338. 

Ranula 133. 

Sprengwirkg. d. modern. Kleingewehrgeschosse 
3, 29, 69. 

Eclampsie bei Schwängern 480. 
Expressionsmeth. in d. Geburtsb. 121, 250. 
Hromorrh. pelvina 241. 

Lister’sche Behdlg. bei d. Ovariot. 393. 
Ovarialcyste als Geburtshinderniss 165. 

Prophyl. des Puerperalfiebers 641, 670. 

Retent. d. Placenta 502, 709. 

Sect. cms., Heilung, II. Sect. etc. 477. 

Ophthalm. Aphorism. zur „Instruct.“ ctc. 329, 
367. 

Ophthalm. Miscellen 7, 33. 

Zur symp. Ophthalmie 185, 216. 

Beiträge z. Prophyl. und Ther. d. Ohrkrankh. 
522, 549. 

Antipyret. Wirkg. d. Salicilsäure 302, 333, 372. 
Darmverdauung 676. 

Ein wirkg. d. Höhenclima a. Rcsp. und Circ. 5?ö. 
Initialsympt. u. Ther. d. Psychosen 665, 70 i. 
Madeira als Curort 361, 397. 

Mortalitütsstatistik 340. 

Pflanzen als Heilmittel 445. 

Ueber Kriegsstatiat. m. bes. Berücks. d. 1. Krie¬ 
ges 498. 

Verwaltg. des Gesundheitswcs. in d. eidg. Armee 
1874. Beilage zu Nr. 6. 

Wirkg. des Jaborandi 395. 

Necrolog: Prof. Dr. Brenner 65. 

Osteom, diffus. 587. 

Ostit. prim., iufect. 559. 

— tibi® 164. 

Ovarialcyste als Geburtshinderniss O 465. 

— geheilt 102. 

Ovariotomie, 5 Fälle 102, 430. 

— , Lister'sche Bchandl. O 393. 

Periost. prim , infect. 559. 

Pflanzen als Heilmittel O 445. 

Placenta, Retention O 502, 709. 

Platzarztdienst 173. 

Pneumonieepidem. 700. 

Pocken, Basel 708, Böhmen 493. 
Präparationsgelüste, theure 605. 

Preisgericht d. Augustastiftg. 22 

Prophyl. und Behandl. d. Gehörkrkh. O 521, 549. 

— — — d. Tumor alb. O 339. 

— des Puerperalfiebers v. Puerperalfieb. 
Prostatahypertrophie 450. 

Prostitutionsfrage 280. 

Prüfjgn. v. Freizügigkt. 

Psychosen, Init. sympt und Thor. O 665, 701. 
Pterygium, Entst. und Besch. 534. 
Puerperalfieber, Prophyl. 588. O 641, 651, 670. 
Pustula maligna 596, 632. 

Pyrenmencurorte 16. 

Radic. operat. d. Varic. 175. 


Rahm, Gesundheitspfl. d. Kinder R 594. 

Ranula, O 133. 

Ravoth, Revis. d. Lehr- und Lernmcth. R 108. 
Recepturtaxe, Schweiz. 235. 

Rechenschaftsber. d. Inselcorp. R 140. 
Recrutenschule f. Aerzte 321, 635, 636. 
Redactionsart. 1, 270, 577, 697. 

Reden Sondereggers 307, 437, 620. 

Referate (und Kritiken). 

Anatomie und Physiologie. 

Budge, Comp. d. Phys. d. Mensch 144. 
llis, uns. Körperform 199. 

Schmidt, Wegw. z. anat. Zeichn. 144. 

Toi dt, Anat. d mensebl Brustggd. 681. 
Interne Medicin. 

Burkhardt, Physiol. Diagn. d. Ncrvenkrkh. 716. 
Ebstein, Magenkrebs 513. 

Fetzer, Krankh. d. Nervensyst. 317. 

Hartmann, der ac. und chron. Gelenkrhcumat. 

538. 

Huguenin, allg. Path. d. Nervensyst. 44. 

Müller, Harnröhrentripper 685. 

Roberts, Ruhe b. Beh. d. Brustkrankh. 80. 
Rohrer, das prim. Nierencarc. 489. 

Salomon, Classif. d. typh. Krankh. 686. 
Senator, Synanche contag. 10?. 

Stephenson, Pneumonie 103. 

— , Larynxabsc. 103. 

Störk, Asthm. bronch. und Hustenreiz 412. 
v. Ziemasen, Handb d. spec. Path. und Ther. 
V, 2, 456; VII, 1, 251; XII, l, 485. 
Chirurgie. 

Czuberka, chir. med. Vademecum, 289. 
Gussenhauer, Billroths I. Kehlkopfexstirp. 79. 
Kocher, Krankh. d. Hodens 165. 

Krönlein, Statist, d. ofl*. und antisept. Wund- 
behandlg. 682. 

Maas, Geschw. und Transplant. 42. 
Schauenburg, kriegschir. Teknik 143. 

Schrauth, unverrückb. Verbde. d ; neu. Chirurg. 

681. 

Thamhagen, Lister’scher Verbd. 46. 
Geburtshülfe. 

Ammann, mech. Behdlg. d. Vers. etc. 105. 
Bandl, Rupt. d. Gebärmutter 535. 

Conrad, Alcoh. und clin. Behdlg. b. Puerp. 286. 
Gusserow, Menstr. und Dysmen. 45. 

Hegar und Kaltenbach, operat Gynacologie 145. 
Klenke, Krone'sche Dilat -Meth. 412. 

Kuhn, Bluterg. in d. br. Mutterbdr. 721. 
Litzmann, einz. Form. d. eng. Beckens 76. 
Spiegelberg, Punct. des Mutterhalses 488. 
Vögtlin, Zustd. d. Genit. im Wocbenb. 316. 

Ophthalmologie 
Garveus, Iridotomie 490. 

Hasner, Gränzen d. Accommodat. 630. 

Magnus, Bedeut, d. färb. Lichtes 507. 

| Zehender, Handb. d. ges. Augenheilk. 481. 

| Staatsarzneikunde, 

Baginsky, Leichenverbrennung 38. 
j Bernstein, Piet. geg. d. Todten 38. 

| Culturbild d. Neuzeit 12. 

I Kletke, Medicinalgesetzg. Preussens 514. 

lvrahmer, Handb. d. Staatsarzncik 316. 
Oestcrlen, das menschl. Haar in foren. Bez. 166. 
ltcicbenbach, Etud. bistor. et crit. etc. 514. 
Schürmayer, gerichtl, Medic. 198. 


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VII 


Ullorspergcr, die d.Menschli. zuträgl. Bestätig. 38. 
Urne oder Grab 38. 

Materia medica. 

Beck, Receptalmanach 46. 

Falk, Norm. Gab. d. Arzeimittol 511. 

Fleck, Benzoe®., Carbois., Salicyls., Zimmets. 510. 
Husemann, Handb. d. ges. Arzneimittellehre 508. 
Kohlmann und v. Lceseke, Comp, sämmtl. Me- 
dicam. 143. 

Kolbe und Neubauer, Salicvls&ure 287. 

MQller, klin. Pharmac. 657. 

Jahresberich te. 

Jahresber. Basel, med. Abthlg. 315. 

— — chir. Abthlg 409. 

— — Kinderspital 378. 

— Bern, Jennerspital 142, 593. 

— — Inselsp. 140, 141. 

— — — , Dr. Schneider 228. 

— Biel, Dr. Neuhaus 226. 

— V, des Landesmedic.-Collcg. in Sachsen 
560, 590. 

Varia. 

Biel, Kumys und Kumyscur 197. 

Bonseis, Anal, des Arsen. 508. 

Chätelain, mais. de santö de Prefargier 631. 
Courvoisier, hänsl. Krankenpflege 629. 

Fritsch, Verbreitg. d. Fäulnissorgan. 416. 
Froschauer, Vorb. d. Ansteckungskrankb. 376. 
Hirsch, Verhtg. und Bekpf. d. Volkskrkh. 657. 
Hirschfeld und Pichler, Curorte Europa’s 512. 
Kraus, Comp. d. neu. med. Wissensch. 144. 
Küchenmeister, Zeitschr. f. allg. Epidem. 229. 
Ijaussedat, la Suisse 288. 

Lindwurm, klim. Curorte 686. 

Marvaud, les alim. d’öpargne 285. 

Rahm, Gesundheitspfl. d. Kinder 594. 

Ravoth, Revis. d. Lehr- und Lernmeth. 108. 
Reimer, Vierteljahreschr. f. Klimatol. 415. 
Rohlfs, Gesch. d. deutsch. Medic. 487. 

Rfledy, Gheel 349. 

Spec. Krankentabellen 350. 

Tobold, Laryngoscopie etc. 312. 

Ulrici, Gott und der Mensch 144. 

Virchow, Heilkräfte d. Organism. 657. 

Ziegler, Statist, d. Todesf. in Bern 722. 

Regl. ü. d. Org. d. Gesundhtd. 204, 289. 
Reichenbach, Etud. hist, et crit. etc. R 514. 
Reimer, Vierteljahreschr. f. Klimatol. R 415. 
Reisebriefe aus Südflrankreich 16. 

— — Prag etc. 351, 634. 

Relig. Wahnsinn 541. 

Retention d. Placenta O 502, 719. 

Revacc. des Milit. 117, 538. 

— , obligat. 385. 

Roberts, Ruhe in d. Behandlg. d. Brustkrankh. 80. 
Römischer Broncecath. 678. 

Rohlfs, Gesch. d. deutsch. Medic. R 487. 

Rohrer, d. prim. Nierencarc. R 489. 

Rouge, Recurefall 167. 

Roths, d. Schweine und Milzbrand 723. 
Rflckenmarksleitg. 711. 

Ruedy, Gheel 349. 

Ruptur v. Magen und Zwerchfll. 573. 

Sallcyis&ure 235, 302 O, 333 O, 354, 372. 
Salomon, Classif. d. typh. Krankh. R 686. 
Sanit&tsinstruct. 87. 


Sanitätspolizei 234. 

— -Statistik städt. BevÖlk. 687. 

— -wesen v. Militärsan. 

— — , öffentl. 235, 307. 

Sarcom d. Dünndarms 348, 533. 

— d. Niere, diff., prim. 587. 

Saxon, Jodgehalt 600. 

Scarlat., acute Verblutg. bei, O 614. 

— -Epidemie, Basel O 297, 707. 

— — durch Trinkwasser 236. 

— Incubat.-Zeit 37. 

— in St. Moritz 113. 

Schädeltypen, rhät. 49. 

Scharfer Löffel 435. 

Schauenburg, kriegschir. Technik R 143. 
Schinznach, Schwefelquellen 599. 

Schmidt, Verständn. b. anat. Zeichn. R 144. 
Schnyder, Oberfeldarzt, entl. 724. 

Schrauth, d. unverrück. Verb. d. neu. Chir. R 681. 
Schürmayer, gerichtl. Medic. R 198. 
Schwefelquellen 600. 

Schweizer. Aerztecommiss. v. Centralver. 

— med. Gesellschaft. 87. 

Secale corn. als Genussmittel 112. 

Sectio cfißsarea, Wiederh. O 477. 

Senator, Synanche contag. R 107. 

Sendschreiben an d. cath. Landg. R 12. 
Sennesblätter, falsche 322. 

Soc. möd. de la Suisso rom. 540. 

Spiegelberg, Punct. d. Mutterh. R 488. 
Spitalberichte 140, 141, 142, 226, 228, 291, 315, 
319, 378, 409, 593, 631, 698. 

Sprengwirkung d. mod. Kleingew.-Gesch. O 3, 
29, 69. 

Staatsapoth. in Basel 10. 

Statistik d. Aerzte als Vereinsmitgl. 232. 

— der Mitgl. d. bern. Cantonalges. 283. 

— d. Cataractoperat. v. Prof. Horner 587. 
Stellung der Aerzte 307. 

Stephenson, Larynxabsc. R 103. 

— Pneumonie R 103. 

Stork, Asthm. bronch. und Hustenreiz R 412. 
Strike d. glarner Aerzte 256, 458. 

Strongylus in d. Lungen 601. 

Struma, Tracheostenosen 434. 

— Wirkg. auf Umgebg. 624. 

St. Moritz, Absonderungshaus 113. 

St. Urban, Irrenanstalt 351. 

Studiengang 655. 

Sympath. Opthalm. O 185, 216. 
Syphilisübertragungen 638. 

Tannin bei Augenkrankb. 428. 

Taxen, ärztl. v. Honor, 

Teleang. durch Liq. ferr. subc. beh, 419. 

Tetanie 431. 

Thamhayn, Lister’scher Verbd. R 46. 

Toast: Seid mir gegr. y. FeuilL 
Tobold, Laryngoscopie R 312. 

Tod durch Leichengift, Dr. Böhm 54, Sulger 596. 
Todesanz. v. Necrologe, 

— -urs. v. Mort.-Stat, 

Toldt, Anat. d. menschl. Brustgegend R 684. 

Tr acheosten, b. Struma 434. 

-tomie 714 

Trichinosis 638. 

Truppenverpflegung 264, 318, 


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VIII 


Tum. alb., prophyl. Behandlg. O 338. 

Typhus v. Abdominaltyphus. 

Uhrmacher, spec. Krankh. 249. 

Ulrici, Gott und Mensch R 144. 

Ullersperger, Bestattg. R 38. 

Umstülpg. der Blase 118. 

Urne oder Grab R 38. 

Uteruspolypen 435. 

'Vaginalcysten 430. 

Varices, Radicaloperat. 175. 

Ventilat, im Gotthardtunnel 598. 

Verblutg., acute bei Scharlach O 614. 

VftroinftKAfifthto 

Aerztl. Centralverein 49, 231, 262, 292, 300, 
337, 371, 602, 619, 651, 676. 

Schweiz. Irrenärzte 192, 222. 

— Naturf-Gesellsch. 14, 47, 82, 109, 458, 
598. 

Soc. m6d. de la Suisse rom. 231. 

Basel, med. Gesellseh. 9, 36, 448, 706. 

Bern, cant. Gesellsch. 74, 99, 249, 282, 319. 

— med.-pharmac. Bezirksv. d. Mittellandes 425. 

— — <— — — Seelandes 596. 

Centralschweiz, med. Gesellsch. 147. 

Glarus 49. 

Luzern 164, 435. 

St. Gallen, Cantonaiver. 132, 158, 437. 

Soc. mdd. neuchäteloise 627, 711. 

ZUrich, Gesellsch. d. Aerzte in Zürich 280, 405, 
453, 481, 533, 558, 586, 714. 

Vereinsstatistik, ärzü., der Schweiz 232. 


Vergiftg. durch Anilinfarben 112. 

— — Chloral 171. ' 

Verhältnis d. const. Krankh. z. d. erbl. Psych. 223. 
Verpflegung der Truppen 264, 318. 

Verpflichtg. z. Behandlg. 54. 

Versammlg. d. deutsch. Naturf. und Aerzte 460. 

— — — Vereins f. öffentl. Gesund- 

heitspfl. 460, 568. 

— d. intern, med. Congr. v, Congr. 

— d. Schweiz. Naturforsch. Gesellsch. 458. 
Vertretg. d. Aerzte bei hyg. Fragn. 259. 
Verwaltg. d. Gesundheitsdienstes b. d. eidg. Armee, 

Beilage zu Nr. 6. 

Virchow, Heilkr. d. Organism. R 657. 
Vivissectionen 151, in England 493. 

Vorgang ärztl. Forderungen 113. 

Wirbelcar., Behandlg. 10. 

Wirkung des Jaborandi O 395. 

— der Struma auf Umgebg. 624. 

Württemberger Hülfsv. f. Amput. 322. 
Wundbehandlg., moderne Methode 74. 

— , Systeme 714. 

Wurst vergiftg. 515. 

Zehender, Handb. d. ges. Augenheilkunde R 484. 
Zerreissung der Harnröhre 405. 

Ziegler, Stat. der Todesfälle in Bern R 722. 
v. Ziemssen, Handb d. spec. Path. und Ther. V, 
2, 456; VII, 1, 254; XII, 1, 485. 

Zum Jahresschluss 697. 

— 15. Mai 270. 

— neuen Jahr 1. 


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COURESPONDEN Z-BLATT 


Am 1. und 15. Jeden 
Monate erscheint eine Nr. 

l l /i—2 Bogen stark; 
am Schluss des Jahrgangs 
Titel n. Inhaltsverzeichnis«. 


für 

schweizer Aerzte. 

Herausgegeben von 


Preis des Jahrgangs 
Fr. 10. — für die Sehweis; 
der Inserate 

25 Cts. die sweisp. Zeile. 
Die Postbnreanx nehmen 
Bestellungen entgegen. 


Dr* Alb* Burekhardt-Nerlan und 

PriTmtdocsnt in Basel. 


Dr. A. Baader 

in Oelteründen. 


N“ 1 . Y. Jahrg. 1875. 1 . Januar. 


Inhalt: 1) Zam neuen Jahr. — 2) Orifinalarbeiten: Prof. Dr. Kocher, Ueber die Sprengwirkung. der modernen 
Kleingewehr-Geschosee. Prot Homer, Ophthalmiatrische MUcellen. — 3) Vereineberiohte: Medidniscbe Gesellschaft in 

Baeel. — 4) Esfsrate und Kritiken: Dr. Adolf Togt, Ein Culturbild der Neuzeit oder „Sendschreiben an die katholi¬ 
schen und reformirten Land-Geistlichen der deutschen Cantone der Schweiz“. — 5) Kantonale Oorrsspendsnssn: Chur; 
Beisebriefe ans 8üdfrankreich. IU. — 6) Wochenbericht. — 7) Feuilleton. — 8) Briefkasten. 


Zum neuen Jahn*. 


Ein Ausblick. 


Der Jahreswechsel ist für uns Alle eine jener scharfen Biegungen unseres Le¬ 
bensweges, denen Keiner sich entziehen kann, und die zu einem augenblicklichen 
Stehenbleiben zwingen, das in verschiedenster Form die Frage uns entgegenwirft: 
„Bis hieher ging es; was bringt die Zukunft?“ 

Wir schätzen uns glücklich, diese Frage heute mit frohem Muthe beantworten 
zu können. Da9 „Correspondenz-Blatt“ hat den schwarzen, geheimnisvollen 
Schleier, der uns die Zukunft zu verhüllen strebt, nicht zu fürchten; es sieht 
hindurch. 

Die hehren Ziele, denen es entgegenstrebt, durch die Beförderung des colle- 
gialen Lebens und der wissenschaftlichen Bildung die abstracten und die con- 
creten Interessen des Standes und seiner einzelnen Mitglieder zu fördern und so 
einen gewiss nicht unwesentlichen Antheil an der Volks Wohlfahrt und der Volks¬ 
erziehung zu nehmen, lassen sein Panner lebendig in der bewegten Sphäre der 
geistigen Arbeit flattern. Die Schaar, die ihm folgt, ist ein männlicher Streithau¬ 
fen: ihm gilt heute unser bester Dank. Den verehrten Mitarbeitern, den activen 
Streitern, und den Lesern, den Nicht-Combattanten unseres Heeres, beiden sind 
wir zu grossem Danke verpflichtet. Wissen wir doch recht wohl, dass nur ihr 
wohlwollendes Zutrauen das Correspondenz-Blatt hebt und trägt, und dass auch 
zukünftig die gedeihliche Entwicklung des geistigen Bindegliedes der schweizeri¬ 
schen ärztlichen Genossenschaft hauptsächlich von ihrer ausdauernden regen Theil- 
nabme abhängt. 

Unser Ziel bleibt im neuen Jahre dasselbe wie bisher. Wir bestreben uns, 
für die gesteigerten Anforderungen auch die nöthige, vermehrte räumliche Aus¬ 
dehnung zu gewinnen und sind dem Herrn Verleger für seine erprobte Einsicht 
und sein allezeit bereitwilliges Entgegenkommen sehr verbunden. 


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I 



Wir hoffen, der durch unsere Vermittlung ausgestreute Same werde fröhlich 
keimen, und freuen uns, als besten Neujahrsgruss den Herren Collegcn zwei, erst 
in jüngster Zeit ausgereifte Früchte darbieten zu können. 

Die Delegirten des Central Vereines haben den ständigen Ausschuss ge¬ 
wählt. Die nächste Zukunft wird diesem unserm natürlichen und von Rechtes 
wegen eingesetzten Vertreter reichliche Arbeit bieten. Wir wünschen ihm zur 
energischen Initiative die nöthige Ausdauer, die ihn mit der hingebenden Liebe 
für die Sache über die mannigfaltigen Enttäuschungen, die ihm wohl nicht erspart 
sein werden, hinweg zu manchem schönen Erfolge führen wird; hat doch eben 
der provisorische Ausschuss, den wir gewählt hatten, die Commission für Mortali¬ 
tätsstatistik das ihr vorgesteckte Ziel glücklich erreicht. 

National- und Ständerath haben in den Gesetzesentwurf über Civilstand und 
Ehe nach längerem Zaudern doch noch die Bestimmung aufgenommen, dass die 
Todesursache, wenn immer möglich ärztlich bezeugt, in das Gesetz 
aufzunehmen sei. Wir verdanken die beinahe aufgegebene Eroberung dieser 
Position den unablässigen Bemühungen und Belehrungen unserer Commission und 
vor Allem dem rastlosen Eifer des Referenten, Dr. Ad. Vogt . 

Ist es nicht ein gutes Omen, dass zur selben Stunde, wo in Olten der stän¬ 
dige Ausschuss gewählt wurde, im Nationalrathe das vereinte Vorgehen der 
Schweizer-Aerzte zur Ermöglichung einer Mortalitätsstatistik mit Erfolg gekrönt 
wurde. Möge dieser erste Stern des Glückes uns auch zu fernerer Arbeit 
leuchten. 

Die ärztliche Geschichte unseres Landes steht vor einem Wendepuncte, der 
manchen im Kampf um’s Dasein auf exponirten Posten stehenden Collegen die 
Stirne faltet. 

Vor uns steht die Freigebung der Ausübung der Heilkunde, die 
grundsätzlich als erledigt zu betrachten ist. Ein Canton nach dem andern wird 
sie beschliessen; es handelt sich nur noch um die Abklärung des Ausführungsmodus. 

Es liegt auf der Hand, dass die Zeitrichtung, welche diese fundamentale Um¬ 
gestaltung unserer Stellung gebieterisch fordert, die ganze sociale Situation des 
Arztes überhaupt wesentlich verändert zu sehen wünscht. 

Durch die Freigebung wird die Stellung des Arztes entschieden freier. Wir 
geben unseren Beamtenstand auf und treten aus dem AbhängigkeitsVerhältnisse zum 
Staate heraus, der dann seinerseits dafür zu sorgen hat, für seine Bedürfnisse (ge¬ 
richtsärztliche Functionen) das nöthige ärztliche Personal zu gewinnen und sich 
von der Leistungsfähigkeit desselben zu überzeugen. 

Die Gesundheitspflege dagegen, die Prophylaxis, sei in ihrem weitesten Um¬ 
fange das Gemeingut Aller. Sie kann nur gedeihen, wenn die Laien, Private und 
Behörden, mit den Aerztcn Zusammenwirken, und wenn unter richtiger Beaufsich- 
tigung und Leitung vom Centrum aus auch die Peripherie thätig eingreift. Wir 
bedürfen einer centralen Medicinalbehörde, aber auch der „Gesundheitscollegien 44 
der einzelnen Gemeinden , wie wir beide Institute längst in England in segens¬ 
reichster Harmonie wirken sehen, und wie auch bei uns einzelne Cantone in erleuch¬ 
teter Weise mit gutem Beispiele vorangegangen sind. 


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3 


Erfolge werden diese Localbehörden aber nur dann aufweisen, wenn ihnen 
auch die nöthige Macht, die Basis alles Handelns, eingeräumt wird. Sie müssen 
eine gewisse Competenz haben. 

In noch höherem Grade gilt das von den ärztlichen Vereinen; gegen die Gering¬ 
schätzung des Publicums, wie sie in dem Verlangen nach Freigebung liegt, und das 
usuelle Ignorirtwerden durch die Behörden, wie es sich bei jeder Gelegenheit 
zeigt, reicht die Kraft des Einzelnen nicht aus. Association thut für die Zukunft in noch 
höherem Grade noth, als bisher. Soll sie aber thatkräftige Erfolge bezwecken, so 
müssen diesen ärztlichen Genossenschaften gewisse Befugnisse zukommen: sie 
müssen vom Staate als Collegien von Fachmännern anerkannt und mit den sach- 
bczüglichen Geschäften betraut werden. Wir verstehen darunter die Abgabe von 
Gutachten im ganzen Gebiete des Sanitätswesens und der betreffenden Gesetz¬ 
gebung, die Entscheidung hygieinischer Fragen, sowie vielleicht die technische 
Ueberwachung und Leitung regionaler MedicinalVerwaltungen. 

Der Kampf des wissenschaftlich gebildeten Arztes gegen die Routine einer¬ 
seits und gegen die Unwissenheit in allen ihren Stadien anderseits wird noch viel 
schwerer werden, als er es schon ist; er lässt sich aber nicht vermeiden und wird 
bei treuem Zusammenhalten zu schlagen sein. Wir haben uns nicht zu fürchten, 
sobald wir mit dem nöthigen Wissen und der rechten Charakterbildung gewappnet 
auf unserm Posten stehen. 

So mag denn das neue Jahr an uns herantreten; es wird in verschiedenen Be¬ 
ziehungen uns in den Kampf hinausführen. Ob wir immer Sieger bleiben werden, 
oder ob wir oft vor unerreichtem Ziele stehen bleiben müssen, wir wissen es nicht. 

Aber den Muth, verehrte Herren Collegen, den wollen wir nie sinken lassen 
und nie im Kampfe das Streben nach idealen Zielen aufgeben. 

Das Alte sank; mit ruhigem, fröhlichem Auge sehen wir in die Zukunft. 

Kampfgenossen, von Herzen Glück auf! Redaction. 


Original-Arbeiten, 


Ueber die Sprengwirkung der modernen Kleingewehr-Geschosse. 

Von Prof. Dr. Kocher in Bern. 


Busch in Bonn hat zuerst gezeigt, dass das Chassepot-Gewehr bei Schüssen 
aus grosser Nähe nicht nur keine reinen Lochschüsse macht, sondern eine gross¬ 
artig zermalmende Wirkung z. B. auf die Epiphysenenden der grossen Röhren¬ 
knochen ausübt. In seinem ersten Vortrage hierüber *) bezog er jene Wirkung 
wesentlich auf das Absprühen geschmolzener Bleitheilchen beim Aufschlagen der 
Kugel. In einer neueren Mittheilung **) kommt Busch dagegen zu dem Resultat, 
dass — vorzüglich bei Schädel- und Diaphysen-Schüssen — ausser obigem Factor 
zur Erklärung der Chassepot-Wirkung bei Nahschüssen wesentlich der hydraulische 


•) Verhandlungen des 2. Chirurgen-Congresses in Berlin 1873. 

**) Fortsetzung der Mittheilungen Ober Schussversuche. Langenbeck 's Archiv. Bd. 17, S. 165. 


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4 


Drück und die Centrifugalkraft in Betracht kommen, jene durch Fortpflanzung des 
Stosses der mit ausserordentlicher Geschwindigkeit anlangenden Kugel durch das | 

Gehirn- und Knochenmark, diese durch die rotatorische Bewegung des Ge¬ 
schosses. 

Seit Hagenbacti s und Sociris Experimenten darf wohl die Thatsache der Ab¬ 
schmelzung von Blei durch Umsetzung der Bewegung in Wärme bei plötzlicher 
Hemmung der modernen Geschosse nicht mehr beanstandet werden. Busch hat nun 
gezeigt, dass die Schmelzpartikel, welche sich beim Auftreffen der Kugel bilden, 
in einem Zerstreuungskegel durch den Körper hindurchgehen. Durch Fall-Experi¬ 
mente thut er dar, dass eine Erhitzung des Blei’s bis zum Schmelzpunct nöthig 
ist, um durch mechanische Gewalt eine Absprengung zahlreicher Stücke zu er¬ 
zielen. Je grösser die Propulsionskraft des Geschosses, um so schwächere Wider¬ 
stände genügen zur Erhitzung der Kugel bis zur Abschmelzung. Je niedriger der 
Schmelzpunct, desto eher findet letztere ceteris paribus — wie leicht verständlich — 
statt. (Woofs Legirung.) 

Während aber Busch selbst beim Durchschiessen der einen Wand alter mace- , 

rirter und morscher Schädel noch Abschmelzung findet, leugnet er dieselbe für 
Schüsse durch blosse Weichtheile hindurch, weil er keine Bleitröpfchen im Schuss¬ 
kanal , noch hinter demselben vorfand. Vielmehr schreibt er den kegelförmigen 
Defect, wie er in der Musculatur, in der Leber u. a. 0. zu Stande kommt, mit ge¬ 
waltig grossem Ausschuss gegenüber kleinem Einschuss, der Wirkung der im 
Sinne der rotirenden Kugel durch die Centrifugalkraft herumgewirbelten Gewebs- 
theilchen zu. ^ 

Dass endlich bei Schüssen auf einen mit Gehirn gefüllten Schädel oder eine 
intacte Diaphyse eines langen Röhrenknochens die hydraulische Kraft ausser dem 
Zersprühen des Geschosses eine Rolle spiele, ergibt nach Busch der Unterschied 
der Wirkung gleicher Geschosse auf leere und volle Schädel. Namentlich die Er¬ 
scheinung , dass bei letzterem Hirn- und Knochentheile gegen den Schützen zu 
zurückspringen, spricht für den hydraulischen Druck. Wir bemerken gleich hier, 
dass nachher sich die Angabe findet, auch bei Schüssen auf Muskelfleisch finde 
ein Zurückspringen von Gewebsfetzen hie und da statt. 

Dass aber ausser dem hydraulischen Druck die Centrifugalkraft wesentlich ist, 
scheint B. dadurch deutlich gemacht, dass kein Unterschied in der Wirkung der 
Geschosse ist, ob man auf geschlossene oder offene, mit Wasser gefüllte Gefässe 
sebiesst. 

B. lässt es dahingestellt, wie viel von der Sprengwirkung der Geschosse, na¬ 
mentlich des Chassepot, den einzelnen oben erwähnten Factoren zukomme. Dies 
näher zu bestimmen, ist Zweck der mitzutheilenden Experimente und Berech¬ 
nungen. 

Durch die gütige Verwendung unseres trefflichen eidg. Oberfeldarztes, Herrn 
Dr. Schnyder , erhielten wir von Seite des Verwalters des eidg. Kriegsmaterials, 

Herrn Oberst Wurstemberger , und nach Anweisung von Herrn Bundesrath Welti * 

Chassepot-, Ziindnadel- und Vetterligewehre nebst Munition, um die wichtigen 
Experimente von Busch zu wiederholen und zu erweitern. Herr Director Dr. Rud. 


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Sckdrer überliess uns bereitwilligst seinen Privat-Schiessplatz, und Dr. K. o. Erlach 
übernahm es mit verdankenswerthester Freundlichkeit, das Schiessen und Treffen 
zu besorgen. 

Wir referiren zunächst kurz über die Ergebnisse der Schiessversuche mit dem 
Vetterligewehr, welche den von Busch mit dem Chassepot erhaltenen ganz über¬ 
einstimmende Resultate ergaben. Es ist dies bei dem annähernd gleichen Gewicht, 
Grösse und Anfangsgeschwindigkeit der Kugel beider Gewehre leicht erklärlich. 
Das Gewicht beträgt beim Chassepot 25,0 Gmm., beim Vetterli 20—20,2 Gmm.*) 
DerDurchmesser ist bei Chassepot 11,6—11,7 mm., beim Vetterligewehr 10,2—10,8 mm. 
Bei beiden Geschossen findet eine Stauchung im Rohr statt. 

Die Anfangsgeschwindigkeit endlich beträgt beim Chassejot 420 M., beim 
Vetterli 435 M. 

A. Schüsse auf feste Körper. 

Zunächst wurden Schüsse auf feste Körper abgegeben: 

1. Ein System von 5 tannenen Brettern, von je 3 cm. Dicke und in ebendem¬ 
selben Abstand von einander befestigt, wurde in der schon von Dupuytren geschil¬ 
derten Weise so durchbohrt, dass in den entfernteren Brettern eine stets grössere 
trichterförmige Oeffnung sich fand, die Basis des Trichters vom Schützen abge¬ 
wendet, die Ränder mit Holzfasern besetzt Von Abschmelzung des Bleies war im 
Schusskanal nichts wahrzunehmen. Die Resultate mit Vetterli auf 100 Fuss Ent¬ 
fernung und mit glattem Rohr und Rundkugel auf dieselbe Distanz waren nicht 
wesentlich verschieden. 

2. Schuss mit Vetterli auf 100 Fuss auf ein geschlossenes Buch ergab einen 
vom Schützen abgewendeten Trichter mit erheblich grösserem Aus- als Einschuss 
und stufenartig geschnittener Wand. Keine Spuren von Verbrennung. 

3. Schuss mit Vetterli auf 100 Fuss auf eine 1 cm. dicke Eisenplatte, auf 
welcher ein Säckchen Pulver befestigt war. Letzteres wird eröffnet, das Pulver 
rinnt heraus. In der Platte ein dem Schützen abgewendeter Trichter mit Umkräm- 
pung des Eisens. Am Umfang des eingekrämpten Einschusses ist deutlicher Blei¬ 
beschlag, rings ein weisser Stern. Die Kugel wird heiss und bedeutend deformirt 
aufgehoben. 

Bei einem Schuss auf zwei hinter einander stehende gleiche Platten war die 
vordere wie oben durchbohrt, die hintere eingedrückt mit Bleibeschlag. 

4. Schuss auf leere Blechgefässe von cylindrischer Form. Auf 100 und 400 
Fuss mit Vetterli dasselbe Resultat: Kleinerer Einschuss mit einwärts gekrämp- 
ten Rändern, doppelter Ausschuss, der eine etwas grösser, der andere erheblich 
kleiner als der Einschuss, mit ausgekrämpten Rändern, in gleicher Höhe nahe 
neben einander. 

In einem Falle wird der schlanke Hals des Blechgefässes in der Löthstelle 
abgerissen. 

5. Schuss auf ein leeres cylindrisches Glasgefäss mit Chassepot auf 100 Fuss 
zersplittert dasselbe vollständig, nur der Boden bleibt auf dem Stativ liegen. Glas¬ 
splitter werden 4 Schritt vom Ziel zurück aufgelesen. 


') Laut Angaben de« Herrn Oberst Wurstemberger. 


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6. Schüsse auf Schweinsblaeen auf 100 Fuss mit Vetterli. Ein Schuss auf eine 
trockene, mit Luft gefüllte, aufgehängte Schweinsblase ergibt einen Einschuss klei¬ 
ner als das Geschoss mit einige Cm. langem Riss nach einer Seite, Ränder einge- 
krämpt. Ausschuss etwas grösser, mit herausgelegten Läppchen und kleinen stern • 
förmigen Einrissen. 

2 Schüsse auf mit Sand gefüllte trockene Schweinsblasen bewürben dagegen 
einen den ganzen vordem und unteren Umfang einnehmenden Längsriss. Der 
Sand fliesst aus, ohne umherzuspritzen und die Kugel wird in demselben deformirt 
und noch warm aufgehoben. 

7. Schuss auf Ö0 Fuss mit Vetterli auf entmarkte Ober- und Unterschenkel- 
Diaphysen eines Ochsen. Es entsteht ein zackiger Splitterbruch. 

8. Schüsse auf einen leeren, macerirten Schädel. Einschuss in der 1. Squama 
temporalis ungefähr der Grösse des Geschosses entsprechend, etwas grösserer Aus¬ 
schuss in der Squama temp. der andern Seite. Bei ersterem ist die Vitrea, bei 
letzterem die äussere Corticalis in grösserem Umfang herausgebrochen. 

In einem anderen Falle Einschuss auf der linken Nasenseite, Zertrümmerung 
eines Theils des Oberkiefers, des Keilbeinkörpers und Ausschuss von 4—5 cm. 
Breite, mit zackigen Rändern über der Spina occipitis. 

‘ B. Schüsse auf weiche Körper. 

Die Schüsse B, C, D wurden gegen 2 ganze Leichen, welche in knapp an¬ 
liegende leinene Tücher gehüllt waren, abgegeben auf verschiedene Distanzen. 

9. Haut- und Muskelschüsse: Ein Schuss auf 400 Fuss mit Vetterli traf den 
linken Unterschenkel in der Mitte. Es zeigt sich ein runder Einschuss, die Fibula 
gestreift, doch ohne Fractur, Muskelsubstanz zertrümmert und an der Wade ein 
6 cm. langer Längsriss. 

Ein zweiter analoger Schuss streift den Femur auf der Innenseite, geht zwi¬ 
schen Knochen und Schenkelgefässen durch. Die Muskelsubstanz unbedeutend 
zertrümmert, der Ausschuss nicht grösser als der runde Einschuss. Ein Schuss an 
analoge Stelle der andern Seite auf 700 Fuss gibt ziemlich genau dieselben Ver¬ 
hältnisse. 

Ein Schuss mit Vetterli auf 7C0 Fuss durch das leere Abdomen zeigt an der 
vorderen Bauchwand das Peritoneum schlitzförmig eingerissen, den Ausschuss an 
der hinteren Bauchwand ganz klein. 

Schuss auf 700 Fuss mit Vetterli dringt durch Vastus externus und Biceps 
femoris. Muskelsubstanz sehr wenig zertrümmert, der Ausschuss wenig grösser als 
der Einschuss. 

Schuss auf 700 Fuss mit Vetterli durch Sartorius, Vastus internus. Runder 
Einschuss, 5 cm. langer Ausschuss in Form eines Längsrisses. 

Analoger Schuss auf der Innenseite des Oberarmes mit Verletzung von Biceps, 
Aufreissen des Triceps, einem kleinen gerissenen Ausschuss, nicht einmal so gross, 
wie der Einschuss. 

Die übrigen Weichtheilschüssc werden wir unten gelegentlich verwerthen. Bei 
keinem einzigen dieser Schüsse, wo der Knochen ganz blieb, ist etwas von abge¬ 
spritzten Bleitheilchen im Schusskanal zu bemerken. 


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C. Schüsse auf festweiche Körp er. 

10. Epiphyscn-Schüsse und Schüsse durch spongiöse Knochen. 

Schuss mit Vetterli auf 100 Fuss. Runder Einschuss am vordem Umfang der 
rechten Schulter, wenig grösserer Ausschuss am hinteren Umfang. Am vorderen 
Umfang des Humeruskopfs ein anscheinend kleiner runder Einschuss. Bei Eröff¬ 
nung des Gelenkes zeigt sich aber der Kopf in seiner ganzen Ausdehnung voll¬ 
ständig zertrümmert, so dass von seiner Knorpelfläche nichts mehr zu sehen ist. 
Pfanne völlig intact, mit Spongiosabrei bedeckt. In der Ausschussöffnung Trümmer 
der Spongiosa. 

Ein Schuss auf die Vorderfläche des rechten Femurhalses mit Chassepot auf 
100 Fuss. Runder Einschuss, ebenso kleiner runder Ausschuss. Hals und Tro¬ 
chanter major vollständig zertrümmert. Ein Stück Corticalis des ersteren ist mit 
dem Kopf in Zusammenhang geblieben. Knorpelrisse am oberen Umfang. In der 
Muskulatur des Gesässes gegen den Ausschuss hin zahlreiche Knochentrümmer. 

Schuss auf die Patella auf 400 Fuss mit Vetterli. In derselben ein Einschuss 
mit Zertrümmerung der Umgebung, die Trümmer durch Bleipartikel schwärzlich 
gefärbt. Zertrümmerung des Condylus externus femoris, über welchem die Kugel 
eingedrungen ist. Ein Knorpelriss geht über dessen vordere Seite, die äussere 
Corticalis desselben ist in Form einer dünnen Platte aufgeklappt, die Spongiosa 
zermalmt. Splitterfractur des untersten Diaphysenendes. 5 cm. langer Ausschuss 
in Form eines Längsrisses. Unter der Haut der Umgebung daselbst einzelne grössere 
Bleipartikel. 

2 Schüsse auf 100 Fuss mit Vetterli. Bei dem einen ist der Einschuss am 
Malleolus int.; Astragalus und Calcaneus vollständig zertrümmert, die anstossen- 
den Knorpelflächen von Tibia und Naviculare nebst Cuboideum unversehrt. In¬ 
mitten der Knochentrümmer zahlreiche grössere und kleinere Bleipartikel. Aus¬ 
schuss 6 cm. lang mit aufgeworfenen Rändern, welche mit Knochenpartikeln ge¬ 
spickt sind. 

Beim zweiten Schuss, welcher im Bereich des Metatarsus eindringt, sind der 
2.—5. Metatarsalknochen, 2. und 3. Keilbein, das Os cuboideum und der Körper des 
Calcaneus zertrümmert, von deformen kleinen Bleistückchen durchsetzt Eben 
solche nebst 3 grösseren finden sich unter der Fersenhaut. Ein Ausschuss ist nicht 
vorhanden. 

(Fortsetzung folgt.) 


Ophthalmiatrische Miscellen. 

Vortrag von Prof. Horner in der Sitzung des ärztl. Centralvereins der Schweiz. 

Olten, den 24. October 1874. 

Es ist Ihnen, meine Herren Collegen, wohl bewusst, dass die Cultur der Spe- 
cialitäten in unserer Wissenschaft eine nothwendige Folge ihrer Ausdehnung, vor 
Allein aber davon ist, dass die Medicin in diagnostischer und therapeutischer Rich¬ 
tung immer polytechnischer wird und vom Einzelnen viel mehr technische 


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Uebung und Ausbildung in den Methoden der Untersuchung und Behandlung ver~ 
langt. Wie ernst diese Thatsachen die Fragen der medicinischen Erziehung, der 
Zeitdauer des Studiums berühren, ist bekannt genug und leider! nur allzuoft letz¬ 
tere bald durch mangelnde Kenntniss der Eltern, bald durch Mittellosigkeit ver¬ 
kürzt. Es soll aber die Pflege der Specialitäten auf dem Boden wissenschaftlicher 
Durchbildung nicht zur Monopolisirung in dem Sinne fuhren, dass die practischen Aerzte 
sich einer wichtigenSpecialität gar nicht annehmen. Sie thun es nicht straflos! Wenn 
sie sich von Chirurgie, Augenheilkunde, Gynäkologie u. s.w. immer mehr lossagen, neh¬ 
men sie sich den festesten Boden unter den Füssen weg und behalten nur jene Ge¬ 
biete, wo der Kampf mit dem Charlatanismus und Aberglauben am schwersten ist. 

Darum soll auch der Unterricht in den Specialitäten an den Hochschulen so 
sein, dass er den Bedürfnissen der Praxis angepasst ist, und die Lehrer der Spe¬ 
cialitäten selbst sollen die Resultate ihrer ausgebreiteten Beobachtungen den prac¬ 
tischen Aerzten wieder zustellen. 

Am 24. November dieses Jahres werden es gerade 20 Jahre, seit ich mich der 
Augenheilkunde specieller zuwandte, und es mag mir nun wohl erlaubt sein, hie 
und da ein therapeutisches Facit aus einem Beobachtungskreise zu ziehen, der 
mehr als 50,000 Kranke umfasst und genügendes Material zur exacten Empirie bot 

Ich greife heute, der Kürze der Zeit und dem Interesse meiner Herren Colle- 
gen Rechnung tragend, einige jedem practischen Arzte bekannte Krankheitsformen 
heraus, bespreche sie nur nach der therapeutischen Seite und verwahre mich zum 
Voraus gegen jeden Anspruch auf Unfehlbarkeit. Nirgends in der ganzen Medicin 
spricht sich deutlicher als in der Ophthalmotherapie der Satz aus: das Mittel thut’s 
nicht, sondern die Methode seiner Anwendung. 

Unter den Formen von Augenentzündungen, welche man als „scrophulöse* zu 
bezeichnen pflegte, erwähne ich zuerst das Eczema palpebrarum. Nachdem 
leidigen Gebrauche der Ophthalmologen, den Augenliderkrankheiten nicht die Na¬ 
men der Dermatologie, sondern eigene Epitheta zu geben, haben Sie dieses Leiden 
wohl als Blepharitis exulcerans, Blepharitis ciliaris, Psorophthalmie u. s. w. kennen 
gelernt. Das Uebel ist, wie Ihnen bekannt, bei Kindern sehr häufig neben Eczem 
des Kopfes, der Augenbrauen, des Gesichts und wird meistens vernachlässigt und 
auch von den Aerzten nicht genügend gewürdigt. Und doch wirkt es nicht allein 
entstellend durch seine Folgen: Cilienmangel, geröthete Lidränder, Trichiasis, Ec- 
tropion, sondern hat noch eine ganz besondere Bedeutung dadurch , dass es bei 
uns der häufigs te Ausgangspun ct der Diphthcritis conjunctivae 
ist. Die von Epithel entblössten Stellen der Lidränder werden der Boden für die my- 
cotische Infection, welche von hier aus die Bindehaut betritt Diese Folgen und 
Gefahren legen uns die Aufgabe nahe, die Behandlung des Eczema palpebr. ernst 
zu nehmen. Leider können wir nicht völlig den Rathen der Dermatologie folgen, 
weil die Localität besondere Cautelen nöthig macht. In erster Linie steht die 
sorgfältige Reinigung durch warme Fomenta, sei es blos von Wasser, von Blei¬ 
wasser oder beliebigen Infusen; aber sie genügt nicht. Ihnen Allen ist die Appli¬ 
cation verschiedener Salben aus Zink, rothem und weissem Praecipitat, die locali- 
sirte Cauterisation mit Argt nit. Stift bekannt — auch diese lassen oft genug im 


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Stich; da kenne ich nun kein mächtigeres Mittel, besonders in veralteten 
Fällen, als die sorgfältige Application von Jodtinctur. 

Es mögen mehr als 15 Jahre her sein, dass ich die Empfehlung dieses Mittels 
gegen Tinea tarsi durch Macmillan in der Medical Times las, und seither habe ich 
es sehr oft gebraucht Man drückt den in die Jodtinctur getauchten Pinsel am 
Rande des Glases sorgfältig aus und bestreicht nach der Reinigung die erkrankten 
Lidränder in einer Breite von 3 Millimetern, ängstlich die Commissuren und den 
Uebergangstheil zur Conjunctiva vermeidend, um nicht das Auge unnöthig zu reizen. 
Die Wiederholung geschieht zuerst alle Tage, später bei rascherer Ueberhäutung der 
Geschwüre alle 2—3 Tage. Sowie die Epithelbedeckung total und der Entzün¬ 
dungsgrad geringer ist, tritt die Theerbehandlung mit einem dicklichen Theeröl 
an die Stelle und wird durch längere Zeit fortgesetzt. 

Von den Formen der p hlyctaenulären oder pustulären Keratitis 
ist nicht die schlimmste für das Sehvermögen, aber die hartnäckigste, die sogenannte 
büschelförmige Keratitis, das scrophulöse Gefässbändchen. Sie ruft den 
heftigsten Beispielen von Blepharospasmus und setzt durch’s ganze Leben blei¬ 
bende bandförmige Trübungen, die sehr oft das Pupillengebiet durchziehen. Wer 
von Ihnen hätte nicht bei dieser Form schon mit mehr oder weniger Erfolg die 
namentlich von Alex. Pagensiecher wieder so sehr empfohlenen starken Praecipitat- 
salben gebraucht? Sie wirken oft Vortreffliches. Aber ich setze mir das Ziel, die 
Entstehung der büschelförmigen Keratitis zu verhüten, und wenn ich sie schon vor¬ 
geschritten finde, auf jedem Punct ihrer Wanderung ihr Halt zu gebieten, damit 
sie nicht das Pupillarareal der Hornhaut erreicht und das Sehvermögen lädirt. 
Beides ist möglich. Die grosse im Comealimbus sitzende Pustel, deren corneale Seite 
schon den convexen Einwanderungshof in gelblichem Bügel zeigt, ätzen Sie kräftig 
mit spitzem Lapisstift und ncutralisiren sofort durch Salzwasser. Ist die Pustel zer¬ 
stört, so tritt auch die Wanderung nicht ein. Haben wir vielleicht Infectionsträger 
zerstört? Ein einfaches Randgeschwür heilt dann leicht unter Atropin und Schluss¬ 
verband. Ebenso verfahren Sie mit dem hufeisenförmigen Spitzenexsudat, wel¬ 
ches wallartig der Wanderbahn der büschelförmigen Keratitis vorausmarschirt. Nur 
diese Spitze ätzen Sie, auf’s genauste die Cauterisation localisirend, und die Wan¬ 
derung ist sistirt. Sie reichen damit viel weiter, als mit der auch empfohlenen Durch¬ 
schneidung der Gefässo am Ilornhautrande. Nach dem Abfallen des Schorfs beginnt 
auffallend rasch die Epithelauskleidung der Ränder des Geschwürs. (Forts, folgt) 


“V ereinsberichte. 


Medicinische Gesellschaft in Basel. 

XI. Sitzung 3. September 1874. Anwesend 24 Mitglieder und 1 Gast. 
Geschäftliches. 

Rathsherr Müller referirt über die Infectionsanzeigen vom 20. Juli bis 
31. Augu 8 t; es sind 239. 


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Davon sind 85 Typh,en, 19 Kinder, 66 Erwachsene; bei der localen Ver- 
theilung ist das Südostplateau mit nur 3 bedeutend im Vortheil; 10 sind von aus¬ 
wärts hier Arbeitende, deren Infectionsort zweifelhaft ist. Ref. wünscht auf den 
Scheinen Angabe des Arbeitslocales. Die Fälle vertheilen sich auf 62 Häuser (5 
im Spital), die Mehrzahl im I. und H. Stock. 

Der Zeit nach ergeben sich in den ersten Tagen des August und wieder vom 
20. bis 22. kleine Explosionen der Krankheit, über die übrige Zeit sind die Fälle 
verzettelt. Einige Gruppen lassen sich unterscheiden, besonders eine um die Gold- 
brunnendohle, über deren Geruch, wohl in Folge von Trockenheit, am 23. Juli 
Klage einlief. Vom 12. bis 30. Juli erfolgten in 6 Häusern im Bereich der Dohle 
9 Typhusfälle, wovon 3 im Kopf der Dohle (Ringelhof); es erinnert dies an ähn¬ 
liche Fälle in Lausanne. Im Spitale erkrankten vom 1. bis 13. August 1 Patient 
und 4 vom Wartpersonal. 

Pertussis regiert schon längere Zeit; schon im Mai 3 Todesfälle daran, 
jetzt sind 110 Fälle gemeldet worden; viele entziehen sich jeder Behandlung. In 
Bezug auf Wohnung, Stockwerk, Infectionsgelegenbeit ergibt sich nichts Besonderes. 

Puerperalfieber 11 Fälle, wovon 4 im Spital. 

Erysipelas 15, wovon 11 Weiber; Diphtherie 4; Masern 1; Dysenterie 1 von 
Strassburg eingeschleppter Fall. 

Dr. Albert Burckfiardt berichtet über 7 Fälle von Fremdkörpern im Ohre (vide 
in extenso „Corr.-Bl.“ Nr. 20, 1874). 

XII. Sitzung 17. September 1874. Anwesend 15 Mitglieder. 

Prof. Uagenbach bespricht und deraonstrirt an 2 Patienten den Taylor' sehen Ap¬ 
parat zur Behandlung der Wirbelcaries. Derselbe besteht in 2 längs 
der Wirbelsäule verlaufenden Stahlstangen, die mittelst Scharnier und Schraube in 
mehr oder weniger stumpfer Winkelstellung können fixirt werden; durch Achsel¬ 
gurte am obern und Beckengurt am untern Ende wird die Wirbelsäule mehr oder 
weniger gerade gestreckt; es wirkt also der Apparat wie die Rückenlage und Ex¬ 
tension durch Entlastung der kranken Wirbelkörper, gewährt aber dem Pat. den 
Vortheil freier Bewegung; ein Mädchen, das gar nicht frei gehen konnte, ver¬ 
mochte dies mit dem Taylor* sehen Apparat vom ersten Tage an; bei einem Knaben, 
der seit 2 Jahren an Schwäche im Gehen litt und mit colossaler Kyphose eintrat, 
ist letztere wie auch das Gehen besser. 

Dr. Hugehhofer erwähnt einen Fall, wo bei gleichzeitiger Skoliose der Apparat 
Decubitus machte und überhaupt auf die Dauer nicht ertragen wurde. 

Rathsherr Müller referirt eingehend über den abschlägigen Entscheid der Re¬ 
gierung in der Frage der Staatsapotheke; die Regierung wäre allerdings 
bereit zu Gunsten einer wohlthätigen Anstalt, wie die Krankenpflege, eine Conces- 
sion zu erth eilen. 

Dr. Albert Burckhardt legt die Begründung des Antrages auf ständige Cen¬ 
tralvereinscommis sion vor; dieselbe wird nach kurzer Discussion geneh¬ 
migt und soll vor der nächsten Oltener Sitzung im „Correspondenzblatt“ erscheinen 
(vide Nr. 19, 1874). 


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XIII. Sitzung 1. October 1874. Anwesend 18 Mitglieder und 1 Gast. 

Prof. Bischoff demonstrirt und bespricht 2 pathologische Präparate: 

1) Das Herz eines 62 Stunden nach der Geburt unter andauernder 
Cyanose verstorbenen Kindes; die Untersuchung der Brustorgane im 
Leben hatte nichts Abnormes ergeben; die Section ergab ausser serösem Erguss 
in Bauch- und Pleurahöhlen die folgende Missbildung des Herzens. Dasselbe 
besitzt nur einen Ventrikel, in den durch Tricuspidalis und Mitralis die bei¬ 
den Vorhöfe münden; aus demselben entspringt ein Truncus arteriosus mit guten 
Klappen, der zuerst 2 Pulmonales, dann die Anonyma mit der einzigen Coronaria 
cordis, weiterhin Carotis und Subclavia sinistra abgibt 

Das Herz steht also auf der Höhe des nackten Amphibs; die Ventrikelscheide¬ 
wand, die sonst in der 7. bis 8. Woche vollendet ist, fehlt gänzlich; dagegen ist 
die Trennung der Vorhöfe normal, d. h. nur wenig unvollständig. Ref. macht auf 
die Seltenheit des Falles aufmerksam, sowie, dass auscultatorisch um so weniger 
etwas wahrnehmbar sein wird, je vollständiger die Scheidewand fehlt. 

2. Einen Fall von Abdominaltumor neben Gravidität. Pat, 
34jährig, in ärmlichen Verhältnissen, hatte 7 gute Geburten durchgemacht Anfang 
November 1873 letzte Menstruation, darauf nach 6 Wochen profuse Blutungen; 
vom Januar an fühlte sie sich unwohl, bemerkte kleinere und grössere Knoten im 
Leibe; weiterhin erfolgten in ungleichen Zwischenräumen menstruale Blutungen, 
zuletzt im April. 

Am 21. August sah sie Ref. kachektisch, fiebernd; Abdomen von einem Tumor 
eingenommen, der von der Leber nicht abgrenzbar; in den abhängigen Partien 
keine Dämpfung; keine Herztöne, eine Menge nuss- bis faustgrosser Vorragungen. 
Nach Allem war es am wahrscheinlichsten, dass Pat. im December einen Abortus 
durchgemacht, und dass der Tumor ein Ovarialcarcinom sei, das sich seit Anfang 
des Jahres entwickelt habe. Die innere Untersuchung ergab übelriechenden Aus¬ 
fluss; Uterus tief horizontal nach links und hinten verlaufend, vom Tumor nicht 
abgrenzbar. Sonde drang 11 Ctm. weit ein. Ref. sah sie erst wieder am 28. In¬ 
zwischen hatten sich am 26. Blutung und Wehen eingestellt und am 27. Morgens 
die Geburt eines normalen 18wöchentlichen Fötus; Ref. entfernte die Placenta; 
nach Entleerung des Uterus liess sich der Tumor gut von der Leber abgrenzen, 
am 4. September starb die Kranke, nachdem zwei Tage nach dem Abortus Diarrhoe 
aufgetreten war. 

Section ergab: Peritoneum fast normal; neben einem grossen Tumor des rech¬ 
ten Ovariums noch ein kleinerer an der Flexura sigmoidea, Drüsen im Mesocolon 
etc. Ovariotomie, die neben Schwangerschaft gemacht werden kann, wäre schon 
deshalb erfolglos gewesen, obgleich wegen des gestielten Ansatzes und der gerin¬ 
gen Adhäsionen des Tumors wohl ausführbar. 

Prof. Roth demonstrirt das betreffende Präparat« Das Carcinom der Flexura 
sigmoidea ist colloider Natur, ebenso die Drüsen des Mesocolon; ersteres ist wohl 
bei dem ganzen Leiden das primäre, da Gallertcarcinome wesentlich imDarmtrac- 
tus primär auf treten. Die Metastase im Ovarium ist allerdings nicht gallertig, zeigt 
aber doch microscopische Uebergänge. Die gallertige Beschaffenheit ist immer 


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secundar und hatte nicht Zeit, allgemeiner zu werden, da der Tumor bei der Con- 
gestion durch die beiden Schwangerschaften sehr rasch wuchs. 

Dr. Schneider fragt, ob das Thermometer nicht zur Diagnose der Schwanger¬ 
schaft verwendet werden könnte. 

Prof. Bischof hält es für zweifelhaft; im speciellen Fall war es wegen des 
Fiebers von vornherein unmöglich. 


Tfceferate und Kritiken. 


Ein Culturbild der Neuzeit oder „Sendschreiben an die katholischen und reformirten 
Land-Geistlichen der deutschen Cantone der Schweiz“. 

Vom schweizerischen Verein für volköthümliche Heilkunde, •) von Dr. Adolf Vogt zur Er¬ 
heiterung mitgetheilt. 

In unserer zukunft-schwangeren Zeit, in welcher ein ähnliches Gefühl, wie das vor 
einem drohenden Ungewitter, die Gemüther beständig belastet, richtet uns doch hie und 
da das immer menschlich fühlende Schicksal wieder auf durch ein erheiterndes Lichtbild, 
an dem sich unser gedrückter Humor wieder erfrischen kann. Zu diesen Lichtbildern 
— Schattenbilder haben wir ja genug daneben — gehört auch das obige Sendschreiben, 
in welchem eine glückliche Feder Komik und Satyre in einander webt. Sollte es auch 
vielleicht eine Mystification sein, so wird dadurch doch seine Wirkung nicht wesentlich 
beeinträchtigt. 

„ Hochw ürdiger Herr“ 

hebt es an in seiner Anrede. „Geehrt“, „Verehrt“, auch wohl „Hochgeehrt“ pflegt man 
uns übrige Menschenkinder anzusprechen, wenn nicht allfällig ein vieldeutiges „P. P.“ 
oder „Tit.“ der Phantasie des Adressaten den freiesten Spielraum der Selbstbeurtheilung 
gewährt, oder gar ein „Wohlgeboren“ oder „Hochwohlgeborrn“ ans dem Lande der Hof- 
und Gcheiinräthe uns überzeugen soll, dass wir keine Missgeburten sind. Nur solche 
Grobiane, wie sie das culturstürmerische Jahr 1789 gebar, pflegen „Mein Herr“ oder gar 
„Bürger“ zu schreiben. Sofort nach jener captatio benevolentiee Seiner Hochwürden durch 
die Anrede spicken ihm aber im Texte eine Unzahl giftiger Pfeile den Chorrock: „Sein 
Einfluss beim Volke nehme ab und sein Werken als Hirt und geistlicher Führer seiner 

Gemeinde sei daher vielfach unfruchtbar und erfolglos. „seinem segensreichen 

Wirken werden je länger je mehr Hindernisse aller Art in den Weg gelegt, indem ihm 

in Zukunft der Einfluss auf die Schule fehlen werde;“. „vielenorts sicht man ihn 

nicht gerne ungerufen in’s Haus kommen;“.„er wird leider eben noch vielfach eher 

gefürchtet und gemieden, als aufgesucht und gerne gesehen“.und das Alles in 

einem Athemzuge sollte Seine Hochwürden beim Lesen nicht sogleich die Wände hin¬ 
auftreiben ? 

Dieser grelle und doch fein ausgedrückte Contrast zwischen Anrede und Text wirkt, 
wie jede ächte Komik, sympathisch auf unseren herumvagirenden Nerven, welcher in tol¬ 
lem Wechselspiel Zwerchfell und Bauchmuskeln erschüttert und unserer Stimmritze das 
wahre herzerleichternde Lachen entlockt. Und nun lässt uns der Briefsteller gar nicht 
mehr zum Verschnaufen und zur Ruhe kommen. Indem er dem untersinkenden Geist¬ 
lichen zur Rettung beizuspringen scheint, streckt er ihm vom Ufer aus nicht etwa eine 
feste Stange entgegen, sondern einen — blauen Dunst, die Heilslehre der Homöopa¬ 
thie (!). Das Sendschreiben räth Seiner Hochwürden, statt Bibel, Brevier und Liturgie 
bei Herrn von Fellenberg~Ziegler für nur ÖO—60 Fr. eine homöopathische Haus- und 


*) Unterzeichnet vom Vorstand: Fr. Rödiger, Gutsbesitzer in Bellach, Präsident, Balmer, Regie- 
ruogsrath in Liestal, von Fellenberg-Ziegler in Bern, Sulser , Arzt in Aarwangen, Wehrli, Zinn- 
giesser in Aarau, Wydler, Notar in Aarau, Zimmerli, Photograph in Zoflngen. 


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Taschenapotheke nebst zudieneuden Büchern zu kaufen (— selbst eine gute Drehorgel 
kostet mehr —), um damit hausiren zu gehen. 

Die Homöopathie hat ja „in den letzten Jahren eine überhandnehmende Verbreitung 
erlangt“, der Markt erweitert sich also zusehends, und die Speculation ist daher als eine 
gesicherte zu betrachten. Wie könnte e» auch anders sein? Selbst in der neuesten Zeit 
legt die experimentelle Pathologie Zeugniss für sie ab. Als Thiersch in München weisse 
Mäuse Fliesspapier fressen liess, welches mit Cholerastoff imprägnirt war, und die ganze 
„alte Schule“ Beifall klatschte, als die Mäuse auf diesem allopathischen Wege wirklich 
die Cholera bekamen, dachten die Kurzsichtigen nicht daran, dass neuere exactere Ver¬ 
suche das ganze Kartenhaus umblasen würden. Die Mäuse bekamen nämlich auch die 
veritable asiatische Cholera, wenn sie reines Fliesspapier frassen, das in homöopathischer 
Weise nur mit dem Gedanken der Cholera imprägnirt war. Hatten doch die Birmanen 
schon längst die Erfahrung gemacht, wie es auch „bei allen Unbefangenen unbestritten 
fest steht“, dass das Verschlucken der ärztlichen Recepte sich in Krankheiten viel wirk¬ 
samer erweist, als das rohe Verschlingen giftiger Droguen, und dass dieses Verfahren 
„allen Ansprüchen an eine cito, tuto et jucunde wirkenden Heilmethode auf’s Beste ent¬ 
sprich! “ 

Mein Freund, der birmanische Doctor Thdbwa in Amarapura, versicherte mir sogar, 
dass das Verschlucken eines falschen Receptes „nie schade“, obgleich die Ingestion eines 
richtig gewählten Receptes, wie es „tausendfältig bestätigte Thatsache sei“, und wie es 
auch „bei allen Unbefangenen in Birma unbestritten feststehe“, „rascher, correcter und 
gründlicher wirke als die theuren und vielfach giftigen Vielgemische der alten allopathi¬ 
schen Methode“. Und was nun die unendlich höher stehende Homöopathie anbelangt, so 
liegt es für uns Zeitgenossen ja klar vor Augen, dass Napoleon III. noch heute auf dem 
Kaiserthrone sässe, wenn er den Völkern statt Mitrailleusekugeln homöopathische Streu¬ 
kügelchen dispensirt und Gesundheit und Leben nicht durch allopathische Misshandlung 
seiner vielfachen Uro-genitalkrankheiten untergraben hätte. 

„Die wissenschaftliche Bildung der Geistlichen“, sagt uns das Sendschreiben, „be¬ 
fähigt sie mehr als Andere, sich die nöthigen medicinischen Kenntnisse anzueignen“ ;.... 
„die Homöopathie erfordert keine umfangreichen Vorstudien“. Hat doch der Theologe 
bereits im Pentateuch eine sehr ausgebildete Gesundheitslehre, in den Evangelien * eine 
sehr wirksame Therapie und im hohen Lied Salomonis eine sehr detaillirte Anatomie des 
weiblichen Körpers studirt. 

Und »wie anders wird es stehn, wenn der Pfarrer auch Arzt des Leibes sein kann 
und will, wenn man ihn bei jedem Kranksein und nicht blos, wenn es zum Sterben geht, 
als Rathgeber und Hülfespender kommen lassen und bei ihm Rath, Hülfe und Heilmittel 
sich erbitten darf? Da tritt vor der Hand der geistliche Richter und Zuchtmeister (sic!) 
zurück; der Helfer in der Noth, der Menschenfreund, der Hülfe bringt, tritt in den Vor¬ 
dergrund und wird alsdann gerne gesehen“. Was die Religion nicht vermag, wird die 
Homöopathie hier leisten und die Auslage von 50 — 60 Fr. tür die Hausapotheke wird 
ihm ja „zudem mehrfach durch die selten ausbleibenden (!) freiwil¬ 
ligen Naturalgaben der Geheilten reichlich (!) vergütet werden.“ 
So kann der Geistliche „seinem erhabenen Berufe angemessen und entsprechend, un¬ 
eigennützig und umsonst (!) ärztliche Hülfe leisten.“ 

Dann werden auch „die Landleute nicht genöthigt sein, bei alten Weibern oder 
Winkelärzten (vulgo Pfuschern) oft sehr zweifelhafte Hülfe zu suchen“. — Welche feine 
Ironie liegt nicht schon in diesem Ausdruck „alte Weiber“ mit Auslassung der jungen 
Weiber, besonders in Anbetracht des Cölibats! 

Gegenüber den Zweiflern an der Unfehlbarkeit der Homöopathie, welche sie als 
Schwindel bezeichnen, ruft das Sendschreiben emphatisch aus: „Ein wirklicher Schwindel 
kann nicht mit steigendem Erfolge seit mehr als 60 Jahren bestehen und sich je länger 
je mehr ausbreiten und immer mehr Credit erwerben! Eigentlicher Schwindel fällt stets 
nach einem ephemeren kurzen Dasein wieder in sich selbst zusammen — und wird nicht 
mehr gesehen!“ 

Wie fein der Sarkasmus des Sendschreibers, dass er hier dem Leser den Gedanken 
an Wunderthun und Wahrsagerci, an Hexerei und Geisterseherei, die ihr Leben einige 
Siecula über jene 60 Jahre hinaus gefristet haben, ganz selbst Überlässt. Am längst- 


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lebigen und ausbreitungsfähigsten wird im Menschengeschlechte wohl die Dummheit sein: 
die könnte Blasphemie nur zum Schwindel stempeln. *) 


Kantonale Correspondenzen. 


Chur. **) Die 57. Versammlung der Schweiz, naturforschenden 
Gesellschaft in Chur, am 11. und 12. September 1874. Nachdem die 
Schweiz, naturforschende Gesellschaft bereits 3 Mal ihre Jahresfeste im Canton Grau¬ 
bünden (1826 und 1844 in Chur und 1863 in Samaden) gefeiert hatte, war es für unsere 
cautonale naturforschende Gesellschaft eine freudige Ueberraschung, dass die Schweiz, nat. 
Ges. in ihrer Versammlung in Schaffhausen 1873 beschloss, schon wieder einmal das Land da¬ 
hinten mit ihrem Besuche zu beehren und unseren Gesellschaftspräsidenten, den um die bftnd- 
nerische Landeskunde so verdienten Dr. med. E. Killias , zu ihrem Jahrespräsidenten zu 
ernennen. Die hiesige naturforschende Gesellschaft unterzog sich mit Vergnügen der für 
kleine Orte schweren Aufgabe einer derartigen Festabhaltung, um so mehr, als der neu¬ 
ernannte Festpräsident alle Gewähr bot, das Fest gelungen durchführen zu können. Die 
von demselben gewünschte Constituirung unseres Gesellschafts Vorstandes als Festcomitö 
wurde von der festgebenden Gesellschaft freudig begrtisst, und machte man sich sofort 
an die vorbereitenden Arbeiten, die Dank der allseitig dem Vorstande entgegengeh rächten 
Bereitwilligkeit und Unterstützung auch zu einem Resultate führten, auf das wir mit 
einem nicht unberechtigten Stolze zurückblicken können — unsere lieben eidg. Gäste 
waren ja Alle — wir haben wenigstens nichts Gegenteiliges vernommen — mit ihrem 
kurzen Besuche in Chur befriedigt. 

So gemüthlich und cordial das Fest in seiner Einfachheit einerseits verlief, so kann 
man wohl andererseits, ohne unbescheiden zu sein, sagen, dass in der kurzen Zeit von 
zwei Tagen auch wissenschaftlich recht wacker * gearbeitet worden ist. Sowohl die zwei 
allgemeinen als die Sectionssitzungen weisen eine Anzahl wissenschaftlicher Vorträge und 
Discussionen auf, die zeigen, dass gemüthliche Bummeltouren (Passugg und Hürlebad) dem 
Ernste wissenschaftlicher Arbeit keinen Abbruch thun konnten. 

Es ist an dieser Stelle nicht der Ort, über den Verlauf des Festes näheren Bericht 
zu geben, noch will ich mich darauf einlassen, über die Thätigkeit der Versammlung in 
extenso mich zu verbreiten, um so weniger, als bereits in manchen Blättern eingehend 
darüber berichtet worden ist. Ich beschränke mich darauf, einige Mittheilungen über die 
hier gepflogenen Verhandlungen zu geben, soweit sie das Leserpublicum eines ärztlichen 
Fachblattes interessiren können und naturgemäss in allgemeiner gehaltenen Referaten nicht 
en dötail gegeben werden konnten. 

I. Von den Vorträgen in den allgemeinen Sitzungen, die Fragen betrafen, die auch 
den Arzt und Physiologen angehen, sind hier vorerst zu erwähnen, die Eröffnungsrede 
unseres Festpräsidenten und der Vortrag des Herrn Dr. v, Planta-Reichenau „Ein Tag unter 
den Bienen“. 

Herr Dr. Killias gab nach kurzen Worten der Begrüssung der Versammlung einige 
biographische Notizen über die in jüngster Zeit verstorbenen Gesellschaftsmitglieder Rob . 
James ShuUleworth, Prof. August de la Rive von Genf, Dr. med. A. ff. Gosse in Genf, Ludwig 
Erd. Rud. Agassiz und Fr. Rud. Theod . Simmler von Zürich. Dann auf eine nähere Charak¬ 
teristik unserer engeren Heimath, des Cantons Graubünden, übergehend, beleuchtet der 
Vortragende die auf so engem Raume zusammengedrängte Mannigfaltigkeit der orogra- 


*) Als charakteristisch für unsere Zeit fügen wir noch die nachfolgende Stelle des „Sendschreibens M 
bei: „vielleicht möchten Sie unserer Einladung entgegenhalten, dass Ihnen auch bei dem besten Willen 
nach den bestehenden Medicinalgesetzen die Ausübung der Heilkunde nicht erlaubt sei..Unter¬ 

dessen ist sie (die Ausübung der Heilkunde) in diesen (den Cantonen) in praxi so viel als freigegeben, 
indem die öffentliche Meinung je länger je mehr und je bestimmter dieselbe fordert, die Behörden 
daher mehr als ein Auge zudrücken.“ 

Das wagt man beeidigten Beamten (Geistlichen) zu bieten! Bedact. 

**) Aus Raummangel bi6 heute zurückgelegt Red. 


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phischen, climatischen, ethnologischen, sprachlichen Verhältnisse, die unser Ländchen 
zu einer wahren cosmopolitischen Insel gestalten, die dem Forscher in diesen oder jenen 
Gebieten des Wissens so viel Anziehendes und so reiche Ausbeute gewährt, daher auch 
so vielfach von jeher aufgesucht und besucht worden ist und von Jahr zu Jahr mehr den 
Zielpunct von Reisen bildet, deren Zweck einerseits wissenschaftliche Forschung, anderer¬ 
seits Ruhe und Kräftigung zerrütteter Gesundheit ist. 

Die Beschreibung der naturhistorischen Verhältnisse Graubündens ist jedoch nicht 
jüngeren oder jüngsten Datums, nein, wir verehren in unserem bekannten, als Pfarrer zu 
Schieins 1582 gestorbenen Altvater vaterländischer Geschichte, Ulrich Campeil von Süs im 
Unterengadin, den ersten Forscher, der Über die Natur Graubündens im weitesten Sinne 
des Wortes ein Werk hinterlassen hat, das, obwohl von dem Geiste seiner Zeit getragen, 
auch für die Gegenwart an innerem wissenschaftlichem Gehalt einen hohen Werth bean¬ 
sprucht. 

Die dem Geschichtswerke Campelf s beigegebene „RhrotisB alpestris topographise de- 
scriptio“ führt ihre Aufgabe in einer Vollständigkeit und Umsicht durch , die uns heute 
noch staunen macht. — Der eigentliche naturgeschichtliche Theil des C.’schen Werkes be¬ 
schreibt des Näheren die allgemeine Physiognomie des Landes und seiner Producte , die 
einheimische Thier- und Pflanzenwelt und verfehlt der Verfasser nicht, gelegentlich selbst 
medicinische Notizen einzuflechten (so wird bemerkt, dass geschmolzenes Gletschereis 
nicht nur dazu diene, im Sommer den Wein zu erfrischen, sondern auch, genossen, ein 
gutes Mittel gegen Fieber und Dyssenterie sei; das bei uns als Volksmittel noch in gros¬ 
ser Achtung stehende Fleisch und Fett des Murmelthiers empfiehlt C . als besonders heil¬ 
kräftig bei Wöchnerinnen, dann bespricht er ausführlich die Frage, wie lange der Mensch 
es, in Lawinen begraben, aushalten könne, und kommt zu dem Resultate, es könne das 
2-8 Tage dauern u. dgl. m. Ref.) 

Den Schluss des Werkes bildet eine Charakteristik des „homo Rhroticus“ in seinen 
guten und schlechten Eigenschaften und ein Lob auf die Schönheit und Fruchtbarkeit der 
rhätischen Frauen. 

Die hiesige naturforschende Gesellschaft wird ihr Möglichstes thun, dieses ein schönes 
Stück Culturgeschichte aus dem lft. Jahrhundert enthaltende Werk ehebaldigst im Drucke 
erscheinen zu lassen. 

Während in früheren Jahrhunderten der Schwerpunct der nationalökonomischen Ent¬ 
wicklung unseres Cantons in der Wichtigkeit seiner Bergpässe und seiner Bergwerke lag, 
ganz abgesehen von dem Ertrage der Alpen und Wälder, liegt in jüngster Zeit derselbe 
neben den landschaftlichen Vorzügen der rhätischen Gebirgswelt besonders in dem gros¬ 
sen Reichthume an den verschiedensten Mineralwässern und seinen climatischen Verhält¬ 
nissen , der einer Anzahl von Curorten die Entstehung gab und noch geben wird , wie 
eie in solcher Menge wohl selten auf einem so kleinen Stück Eide erwachsen dürften. 

Ich muss hier darauf verzichten , auf eine Geschichte unserer Mineralwässer näher 
einzugehen und verweise diesfalls auf das in den Verhandlungen der Schweiz, naturfor¬ 
schenden Gesellschaft, pro 74, enthaltene Original. Es genüge hier zu erwähnen, dass 
Graubünden ungefähr 1Ö0 Mineralquellen besitzt, von denen viele unbenützt abfliessen, 
obwohl der Mineralgehalt aller beachtenswerth ist und sicher successive zur Geltung 
gelangen wird. Das Muttergestein von etwas über 70% sämmtlicher bündnerischer Mine¬ 
ralquellen ist der sog. Bündnerschiefer, eine wegen des fast gänzlichen Mangels an be¬ 
stimmbaren Versteinerungen geologisch noch immer nicht eingeordnete Formation, und kom¬ 
men die Quellen hier gruppenweise ziemlich nahe bei einander, obwohl sehr verschieden 
zusammengesetzt, vor. Es ist hier insbesondere auf die reichlichen Quellen bei Tarasp, 
Schuls, im Albulathal von Bergün bis Solis und in der Passugger Schlucht bei Chur auf¬ 
merksam zu machen. 

Neben dem Bündnerschiefer sind es gneissartige und Kalkgesteine, die Mineralquellen 
die Entstehung geben, ganz wenige entspringen in Gyps und Serpentin. 

An eigentlichen Thermen besitzt unser Canton, abgesehen von den, geologisch ge¬ 
nommen , noch den Bündner Formationen angehörigen Quellen von Pfäfers und Bormio, 
nur 2, nämlich in Vals, mit 25° C., in 4133' Schweizerhöhe und chemisch Weissenburg 
sehr ähnlich zusammengesetzt, und im vorderen Averserthal eine noch wenig gekannte 
Quelle von 32° C. Von unseren sämmtlichen Quellen sind nur etwa 20% practisch ver- 


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wertbet und zu Curzwecken benützt — Ganz abgesehen von der chemischen Constitution 
unserer Mineralwässer ist es hauptsächlich unser Clima und die Höhenlage der Quellen, 
die sie mit anderwärts befindlichen ähnlichen Wässern concurrenzfähig machen. 

Dieselben entspringen zu circa je y 3 zwischen 500—1000, zwischen 1000—1500 und 
zwischen 1500—20C.0 Meter über Meer, nur */a Dutzend noch höher. „Da nun Grau¬ 
bünden bekanntlich in gleicher Höhe wärmer ist, als die entsprechenden Lagen in den 
West- und Centralalpen, so kommt unseren Curorten neben den Vorzügen der verdünu- 
tcren und trockeneren Luft zugleich der einer höheren Mittelwärme zu statten,“ 

(Fortsetzung folgt.) 


Retfliebriefe aas ätidfrankreicil. III. Unter den Pyrenfien-Curorten 
nimmt Baröges in Bezug auf die Wirksamkeit seiner Quellen den ersten Rang ein, 
trotz seiner hohen Lage in einem rauhen Bergthale suchen zahlreiche und namentlich 
auch schwer Erkrankte dort Hülfe. Die Höhe von 1240 Meter möchte nicht so erheb¬ 
lich in die Wagscbale fallen, liegen doch St. Moritz, Bernhardin bedeutend höher, wenn 
nicht in Folge der in den Pyrenäen eingerissenen und 6eit Jahrhunderten geduldeten 
schlechten Forstordnung 4 Fünftheile der Berge waldlos wären. 

Baröges liegt in einem von Westen nach Osten ansteigenden Thale, dessen nach 
Süden gelegene Abhänge noch ziemlich reichlich bewaldet sind , während die nördlichen 
Bergrücken vollkommen kahl sind. Von diesen nördlichen Abhängen stürzen im Früh¬ 
jahre zahlreiche Lawinen ins Thal und bedrohen Bar&ges und namentlich gewisse Stellen 
des Badeortes, so dass von den 120 Gebäuden nur 90 fest in Stein aufgeführt sind, wäh¬ 
rend 80 in Holz hergestellt sind und jeden Herbst abgebrochen werden müssen. Gegen 
diese Lawinen hat man Abhülfe gesucht durch Mauern, durch Einschlagen von eisernen 
Stangen — für 50,000 Fr. wurden eiserne Stangen an den steilen Berghalden ohne irgend 
einen Nutzen eingeschlagen — das sicherste und einfachste Mittel, Bewaldung des Ber¬ 
ges, ist bis jetzt aber noch nicht zur Anwendung gekommen und Baröges schwebt nach 
wie vor unter der Lawinen-Gefahr. 

Wüsste ich nicht, dass in der Schweiz, namentlich im Berner Oberland, in Grau¬ 
bünden, in Tessin u. s. w. auf dieselbe liederliche gedankenlose Weise gewirthschaftet 
würde und dass z. B. in Graubünden jährlich mit Bewilligung des Bundesrathes trotz der 
neuen Bundesverfassung so und so viel Tausende von Bergaroasker Schafe zum Weid¬ 
gang eingelassen werden, die uns die Wälder verwüsten und die Klauenseuche einführeu, 
so würde ich mir mehr Tadel erlauben. 

Von Pierrefitte führt eine gut unterhaltene Strasse über Luz nach Baröges, die über 
den Pass nach dem Bade Bagn&re de Bigorre fortgesetzt ist, die Saison fängt im Juni 
an und hört Ende September auf, die Curzeit ist in der Regel 4 Wochen und meist sind 
ein-, zweimalige Wiederholungen der Cur nothwendig. Der Vorstand des Militär-Kran¬ 
kenhauses (in welchem sich 292 Betten für Soldaten und 69 für Officiere befinden), 
Herr Dr. Armieux ,*) der mich mit vieler Zuvorkommenheit empfangen hatte und mir gestat¬ 
tete, eine Anzahl von Kranken zu untersuchen, hat eine ausgezeichnete Schrift über Ba- 
rdges herausgegeben , die ich als Muster einer Badeschrift bezeichnen möchte und die 
auf zahlreiche Arbeiten und Untersuchungen sich stützt. So hat Dr. Armieux versucht, 
den Einfluss des Höhenclima’s nachzuweisen, zunächst bei Gesunden, und hierzu die 86 
Militärwärtcr gewählt, die im Mai in Toulouse und während ihres Aufenthaltes in Ba- 
r&ges wiederholten Untersuchungen in Bezug auf Grösse, Gewicht, Brustumfang unterworfen 
wurden, und hierbei das interessante Resultat erhalten, dass bei 3 Individuen der Brust¬ 
umfang sich gleich blieb, während er bei 82 mehr oder weniger zugenommen hatte, im 
Mittel 25 Millimeter und bei Einzelnen bis zu 8 Ctm. 

Bei 14 Militärwärtern hat er auch Untersuchungen in Bezug auf Zahl der Pulsschläge 
und der Atbemzüge angestellt und das merkwürdige Resultat erhalten, dass der Puls in 
Bar£ges an Zahl ab- und die Athmung an Zahl zunimmt. Armieux will daraus den 
Schluss ziehen, dass das Höhenclima für die Herzthätigkeit beruhigend wirke. 

Bar&ges hat zahlreiche aber nicht sehr reichliche Quellen, die in 24 Stunden nur 

# ) Etudes medicalcc sur Bareges par le Dr. Armieux . Paris 1870. 


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1?0,000 Liter liefern und alle in und um das emsige Badehaus entspringen. Das Bade¬ 
haus, 1861 angefangen und 1864 fertig gebaut in Marmor von Lourdes, besteht aus einer 
schönen Halle von 7 Meter Breite, 52 Meter Länge und 21 Meter Höhe, an deren rech¬ 
ter Seite sich die Bäder (mit Ankleidezimmer) befinden, die direct an die Wassersamm¬ 
ler stossen und das Mineralwasser aus erster Hand erhalten; es bestehen 20 Bade- und 
3 Douchencabinets. Vor dem Badehause und tiefer liegend befinden sich 3 Piscinen, die 
je 12—>14 Personen fassen können und von denen die eine für Militärs, die zweite für 
Civilisten und die dritte für Arme bestimmt ist. Die Piscinen, die sorgfältig vom Luft¬ 
zutritt geschützt sind — Oberlicht — dienen zugleich als Inhalationsräume. Sie werden 
2 Mal täglich vollständig geleert und gereinigt, haben aber ausserdem fortwährend schwa¬ 
chen Zufluss von Mineralwasser, der zum kleinen Theil von noch nicht gebrauchtem, zum 
grösseren Theil von dem Wasser der Douchen und Einzelbäder herrührt. Die Piscinen 
werden während 22 Stunden im Tage benützt, vom Militärspital, welches dem Badehause 
gegenüber liegt, führt ein Tunnel in die Piscinen. 

Die Temperaturen der Quellen bewegen sich zwischen 44 und 29,6 Centigr., der Gehalt 
ah Schwefel-Natron, Chlor-Natron, kieselsaurem Natron und Baregine ist in den einzelnen 
Quellen nicht sehr verschieden, so dass ein Bad von 270 Liter von 4—5 Grammes 
Schwefel-Natron, in den Piscinen bis zu 9—10 Grammes Schwefel-Natron enthält. Ob¬ 
gleich die Quellen von Bar6ges nicht so reich an Schwefel-Nation sind wie die von 
Luchon und Ax, so scheidet sich der Schwefel nicht so leicht ab wie in den beiden obi¬ 
gen Bädern, deren Wasser beim Zutritt der atmosphärischen Luft milchicht wird. Ar- 
mieux räth Bar6ges nur für schwerere Erkrankungen ah, leichtere Fälle finden Heilung 
ebenso gut in den climatisch günstiger gelegenen 8chwefel-Theimen der Pyrenäen. 

Höchst interessant sind die statistischen Erhebungen, die Armievx mittheilt über 4000 
Militärkranke, die in den Jahren 1862—1867 in dem Militärspital in Baräges behandelt 
worden sind. Diese Erhebungen sind um so wichtiger, da der Erfolg nicht nach dem 
Austritt aus dem Badespital controlirt worden ist, sondern erst im folgenden März durch 
die betreffenden Militärärzte. Armievx unterscheidet daher zwischen unmittelbaren und nach¬ 
träglichen Cur-Erfolgen und ich muss gestehen, dass mir eine der Art geführte Statistik 
viel mehr Zutrauen einflösst, als was uns von Cur-Erfolgcn in vielen Badeschriften ge¬ 
geben wird. Sollten Collegen eine ähnliche Reise vornehmen wollen, so würde ich ihnen 
rathen, da wo Militärspitäler in Badeorten bestehen, sich in erster Linie dahin zu wenden. 
Die Militärärzte sind äusserst zuvorkommend, man hat die beste Gelegenheit Kranke zu 
sehen und über alle Kranken werden genaue Tagebücher geführt. Dagegen ist es zweck¬ 
los, 8pitäler, wo Ordensschwestern das grosse Wort führen, besuchen zu wollen, und die 
meisten Civilspitäler stehen unter solchem Einfluss. 

Durch den Gebrauch der Quellen von Baräges werden allerhand Zufälle herbeigeführt, 
die meist nur einen leichteren Grad einnehmen und nur selten von Gefahr begleitet sind. 
Die Sterblichkeit bei den Patienten im Militärspital von Baräges vom Jahre 1825 bis und 
mit 1866 betrug auf 22,500 Kranke 54; eine auffallend geringe Sterblichkeit, wenn* man 
berücksichtigt, dass unter dieser Zahl viele Schwererkrankte sich befunden. 

Baröges liefert die besten Cur-Erfolge, namentlich bei Eiterungen von Drüsen, Ge¬ 
lenken , Knochen, weniger bei nicht eiternden Anschwellungen von Drüsen, Gelenken 
u. s. w.; eben so glänzende Resultate bei alten, schweren Hautkrankheiten, wo andere 
Schwefelthermen vergeblich angewendet worden sind. Den Schwindel wegen Syphiliden 
kennzeichnet Armievx gehörig und ladet derartige Patienten ein, andere bequemer gelegene 
Schwefelthermen zu benützen. 

Da es jetzt kaum möglich ist in Baröges bei dem geringen Erguss der Quellen alle 
dort Hülfe suchenden Kranken in der kurzen Curzeit zu behandeln, so hat Armievx das 
Project vorgeschlagen, die Quellen von Baröges im Frühjahr und Herbst nach Luz zu 
leiten, das in einem geschützten, warm exponirten Thale sich befindet und dort zu ver¬ 
wenden. Der Plan hat so viel für sich, dass es sich wohl der Mühe lohnen würde, an 
die provisorische Ausführung zu gehen. Vielleicht liessen sich auch die Schwefelwasser 
von St Sauveur, das nur 20 Minuten von Luz entfernt ist, dahin leiten. 

ln einer Entfernung von 10 Minuten thalabwärts von Baröges entspringt eine andere 
Schwefelthcrme, B a r z u n, die sich durch grösseren Reichthum an Baregine und Stick¬ 
stoff von Baröges auszeichnet. Diese Quelle wird angewendet gegen Catarrhe des Kehl- 


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kopfes, des Magens, der Blase und der Scheide und gegen Hautausschläge. Hie Hin¬ 
richtungen in Barzun sind äusserst einfach, denn Lawinen und Ueberschwemmungen erlau¬ 
ben keine höhere Baute und es wäre daher zu fragen, ob es nicht gerathen wäre , die 
an Erguss reiche Quelle von Barzun nach Baröges hinauf zu leiten und dort zu ver¬ 
wenden ? 

Bagnäre de Bigorre in einem Parallelthal mit Pierrefitte gelegen und durch 
eine Bergstrasse mit Bar 6 gc 9 in Verbindung gesetzt, gehört zu den besuchtesten Pyrcnäen- 
Bädern ; von Tarbes (Station an der Eisenbahn von Bayonne nach Toulouse) führt eine 
Zweigbahn bis nach Bigorre, das, in einem breiten, freundlichen, fruchtbaren Thale gele¬ 
gen, nicht nur im Sommer und namentlich im Frühjahr und Herbst einen angenehmen 
Aufenthalt gewährt, sondern sich auch wegen seines milden Winter-Clima’s zu einem 
Winteraufienthalt eignet Die Quellen in Bigorre sind äusserst zahlreich und von reich¬ 
lichem Erguss, weichen aber in ihrer Zusammensetzung wesentlich von den anderen 
Pyrenäen-Bädern ab; statt Schwefel- und Chlor-Natron enthalten sie bei Temperaturen 
von 40—ÖO Centigr. schwefelsauren Kalk, Magnesia, Kieselsäure und einige kohlensaures 
Eisen. Ausser einer städtischen Anstalt, die in Marmor gebaut und vorzüglich ausge¬ 
rüstet ist — Wannen von Marmor, Ankleidezimmer, Douchen, Dampfbäder, Einrichtungen 
zum Massiren — bestehen eine Reihe von Privat-Etablissements, die eigene Quellen be¬ 
sitzen, die in ihrer Zusammensetzung mehr oder weniger von einander ab weichen. Die 
Quellen von Bagnäre de Bigorre, obgleich sie in Bezug auf den Gehalt an schwefelsaurer 
Magnesia gegen andere Quellen zurückstehen, wirken ziemlich alle leicht abführend, wenn 
auch nicht im Anfang, so doch im Verlauf der Cur; sie werden empfohlen gegen Gicht, 
Rheumatismen, Neuralgien, Gebärmutterleiden, Blasenbeschwerdcn, die eisenhaltigen bei 
Bleichsucht, Blutarmuth nach schweren Krankheiten u. s. w. Den Badegästen, die in 
der freundlichen Umgegend und den nahen Bergen zahlreiche Ausflüge machen können, 
werden im Orte selbst alle möglichen Gelegenheiten zur Unterhaltung und zum Vergnü¬ 
gen geboten; wir finden daher unter denselben eine grössere Anzahl Gesunder, die na¬ 
mentlich im Frühjahr und Herbst durch die freundliche geschützte Lage veranlasst wer¬ 
den, hier ihren Aufenthalt zu wählen und selbst den Winter ganz oder theilweise hier 
zubringen. 

Bagn&re de Luchon liegt nach Südosten von Bagnäre de Bigorre und steht 
auch durch eine Zweigbahn mit der Pyrenäenbahn in Verbindung. Obgleich tief in den 
Pyrenäen eingebettet und ganz am Fusse der höchsten Berge gelegen, hat es doch kaum 
eine höhere Lage als Bigorre und bietet daher alle Vorzüge eines milden Clima’s mit 
dem erfrischenden Einfluss der Luft der nahen Berge. Die Pyrenäen bilden hier einen 
tiefen Einschnitt gegen Spanien, die Ebene erstreckt sich bis nach Luchon und ganz in 
der Nähe dringt die Garonne, die in Spanien ihren Ursprung nimmt, durch die Pyrenäen¬ 
kette hindurch. Luchon steht nach Aller Urtheil an der Spitze aller Pyrenäen-Bäder und 
wegen seiner schönen Lage, seinen zahlreichen Quellen und vorzüglichen Bade-Einrich- 
tungen, seinen Bequemlichkeiten, seinen Vergnügungen u. s. w. wird dasselbe nicht blos 
von zahlreichen Kranken, sondern beinahe mehr noch von Gesunden besucht. 

In Luchon besteht ein brillantes Bad-Etablissement von 85 Meter Länge und 86 Me¬ 
ter Tiefe mit Trinkhalle, Inhalationszimmer, 120 Marmor-Badewannen (ohne Ankleide¬ 
zimmer), mit Douchen aller Art, Dampfbädern mit Massiren, 2 Piscinen und einem grossen 
Schwimmbassin mit prächtiger Halle und bequemen Ankleidezimmern. Bei dem luxuriösen 
Bau und dem überflüssigen Platz ist mir aufgefallen, dass die Badecabinette direct auf 
den sie verbindenden gemeinschaftlichen Raum münden, keine Vorzimmer haben und eher 
dunkel sind, indem ihr Oberlicht nicht direct von aussen, sondern von der grossen Halle 
Licht empfängt. Es sind der Quellen über 40 , die in ihrer Temperatur von 68 bis zu 
34 Centigr. abweichen, alle Schwefel-Natron (die heisseren mehr wie die kälteren), Chlor- 
Natron, Kieselsäure, kieselsauren Kalk und organische und vegetabilische Stoffe — Bare- 
gine — u. s. w. enthalten. Luchon’s Quellen werden empfohlen gegen alle Arten Rheu¬ 
matismen, Catarrhe der Lungen, des Darmcanals und der Geschlechtstheile, gegen Haut¬ 
ausschläge und gegen veraltete Syphilis. 

Ich habe noch einige Schwefelthermen besucht wie Ussat und A x, die tief in 
den Pyrenäen liegen und von denen namentlich Ax sich auszeichnet durch hohe Tempe¬ 
raturen udü reichlichen Erguss. Die Einrichtungen, Verpflegung, Bequemlichkeiten, Ver- 


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gnügen sind natürlich im Gebirgstbal bei einer Höhe von 711 Meter viel einfacher, das 
Leben ungcnirter, die Verpflegung gut und die Kosten geringer. Von Ax lassen sich 
zahlreiche Bergtouren Ausfuhren. 

In den Ost-Pyrenäen befinden sich noch 2 Schwefelthermen, zu denen man von Per- 
pignan aus gelangt, V e r n e t und Amalie les Bains, ich habe nur das Letztere 
besucht. Beid? Bäder haben das Eigenthümliche, dass sie beinahe mehr im Winter be¬ 
sucht sind als im Sommer, nicht nur als Aufenthaltsort, sondern um Curen zu machen. 
Amölie les Bains liegt 4 Stunden Fahrzeit von Perpignan entfernt am Fusse des Canin- 
gon, 200 Meter hoch in einer vollkommen geschützten Lage, so dass die Vegetation noch 
einen entschieden südlichen Charakter trägt, der Oelbaum, die Korkeiche finden sich in 
nächster Nähe und in den Gärten des Ortes stehen einzelne Dattelpalmen, Yucca 
und Pomeranzenbäume. Die Quellen sind reichlich und von hoher Temperatur und 
werden ausser zu Curzwecken auch zu Erwärmung der Treppen und Gänge in den bei¬ 
den Privat-Badeanstalten mit Röhrenleitungen benutzt. 

Während für Civilkranke 2 Anstalten bestehen, die nicht gerade allen Ansprüchen 
des Comforts entsprechen und die auch in ihren Bade-Einrichtungen manche Verbesserun¬ 
gen einführen könnten, hat Napoleon IIL in Amölie les Bains eine trefflich eingerichtete 
Anstalt für kranke Militärs gegründet, die von dem bekannten Bad-Techniker Francois 
auf die zweckmässigste und practischste Art ausgeführt worden ist. Im Sommer wohnen 
in der Anstalt etwa 150 Soldaten und Officiere, im Winter gegen 400, die dort ihre Cur 
machen. Amölie wird vorzugsweise benutzt von Brustkranken, sei das Uebel mehr ca- 
tarrhalischer oder tuberculöser Art, und es lässt sich begreifen, dass das milde Clima für 
Wintercuren von bedeutendem Einfluss sein wird. Neben den beiden Badeanstalten fin¬ 
den Kranke in gut eingerichteten und sonnig gelegenen Privathäusern Wohnung und 
Kost 

V ernet soll dieselben Vortheile bieten wie Amdlie les Bains und die dortigen Ein¬ 
richtungen eher noch besser sein. 

Ueber meinen kurzen Aufenthalt an der Riviera kann ich nichts medicinisch Interes¬ 
santes mittheilen und um so weniger, weil ich Dicht zur Curzeit dort gewesen bin, und 
müsste mich mehr aussprechen über die schöne Gegend, die herrliche südliche Vegeta- 
l ion, das Meer und die zum Theil vortrefflichen Einrichtungen der Gasthöfe, Pensionen 
i. s. w. Obgleich ich nicht in der Saison hinkam, merkte ich gleich einen wesentlichen 
T nterschied in den Preisen gegenüber den Pyrenäen und kann nicht sagen, dass die 
Vpflegung gerade besser gewesen wäre. 

Basel, November 1874. Dr. L. deWette. 


W oohentoeiriolit. 


Schweiz. 

Amtlicher Centralvereln. In den ständigen Ausschuss wurden gewählt 
die Ht en Dr. Sonderegger als Präsident, Dr. Burckhardt-Merian , Dr. Steiger , Dr. Vogt und 
Dr. 7,et\er. 

Wi ärztliche Honorarfrage ist nachgerade auch bei uns eine dringende 
geworde davon zeugen die Verhandlungen, die anno 1873 und im vergangenen Jahre 
mehrfacluQd i m Schoosse verschiedener ärztlicher Gesellschaften der Schweiz geführt 
worden 80 in St. Gallen, Toggenburg, Winterthur, Andelfingen, Basel, Zürich. Wir 
lesen von^jen Anträgen — aber von keinem Beschlüsse. Die Zürcher Cantonalgeseü- 
schaft hat^ehe Seite 377, 1874) sehr richtige Ansichten geäussert, die Entschliessungen 
jedoch hal |>f s jetzt auf sich warten lassen. Die Aargauer wollen andere Staaten mit 
gutem Beis*] e vorangehen lassen; — sie haben die Abänderungsvorschläge der Aerzte- 
kammer v <>Oberbayern (in Nr. 1, 1874) studiren können. Aber auch andernorts regt 
sich’s in De<;hland. Den Anstois in der Aerztewelt Preussens gab die ministerielle 
Verordnung, »durch als Zusatz zu der annoch gültigen Taxe vom Jahre 1816 dieMor- 


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phiuminjectionen mit dem Taxpreise von fünf Silbergroschen bonorirt werden sollen. Die 
Vereinigung dor berliner Aerzte bat deshalb den Entwurf einer neuen Taxe Ausgearbei¬ 
tet und als Petition an’s königlich preussiscbe Ministerium gelangen lassen; die Sanction 
der Taxe steht unseres Wissens noch aus. Die practiscben Aerzte Stettins kommen zu 
einer Reihe von Resolutionen, welche für streitige Fälle gelten sollen. Der Geschäfts¬ 
ausschuss des 2. deutschen Aerztevereinstages (Juni 1874 zu Eisenach) kommt in einer 
Petition an das h. Reichskanzleramt und an die h. Staatsregierungen Deutschlands mit 
der Bitte, man wolle bei Neuregelung der ärztlichen Taxen (welche als Norm für strei¬ 
tige Fälle festgesetzt werden, während die Bezahlung im Allgemeinen der Vereinbarung 
überlassen bleibt) für die Besserung der bedrohten materiellen Lage der practiscben 
Aerzte ihre Gesichtspuncte berücksichtigen. Die ärztlichen Taxen dürfen nicht fallen ge¬ 
lassen werden. Die jetzt in Deutschland bestehenden Taxen entsprechen zum grössten 
Theil den heutigen Verhältnissen nicht mehr, weil der Geldwerth gesunken und die ärzt¬ 
lichen Untersuchungsmethoden zeitraubender geworden sind. Um den ärztlichen Stand 
als Ganzes in seinen Erwerbs Verhältnissen der Jetztzeit gleichzustellen, müssen vor Allem 
die Minimalsätze der nicht ausreichenden Taxen um 20—50 Procent gebessert, auch 
die Maximalsätze, und diese sehr erheblich, um 100 Procent gesteigert werden. 
Der Bereich der Gültigkeit jeder einzelnen Taxe ist auf kleinere, in ihren Erwerbsver¬ 
hältnissen ziemlich homogene Kreise zu beschränken, damit eine wirkliche Aufbesserung 
der Stellung der Landärzte Platz greife. Es ist unmöglich, für ausgedehnte Länder eine 
einheitliche Taxe zu beschaffen. — Wir fügen hieran einen Auszug aus den Taxent- 
würfen: 


d. verein, ärztl. Vereine 
Berlin’s (Juli 1874) 

(1 Mark = Fr. 1. 25.) Mark: 

1) Für den ersten Besuch innerhalb der Stadt 5 — 20 

2) Für jeden folgenden 2 —10 

3) Für jeden Nachtbesuch 10 —30 

6) Für die erste Consultation in der Wohnung 

des Arztes 2 —10 

7) Für jede folgende lj/ a —5 

11) Bei contagiösen Krankheiten eine Verdop¬ 

pelung obiger Ansätze. 

9) Für jede verlangte gemeinsame Berathung, 
jedem der Aerzte 

12) Für einen einfachen Krankenschein 

13) Für ein ausführliches Gutachten mit wis¬ 

senschaftlichen Gründen 

14) Ein ärztlicher Brief 
34) Reposition und erster Verband eines ge¬ 
brochenen Knochens 

80) Laryngotomie oder Tracheotomie 
92) Operation eines eingeklemmten Bruches 
112) Zangenentbindung oder Wendung 
119) Für die mit Schwierigkeiten verbundene 
Nachgeburtslösung 

108) Für den Beistand bei einer regelmässigen 
Niederkunft 

Für eine operative Entbindung 
19) Jeder bei einer Operation assistirende Arzt erhält 
rateur bestimmt ist. 


10 

—30 

3 

—6 

10 

—25 

5 

—10 

60 

-60 

30 

— 100 

30 

—150 

20 

—150 

15 

—150 

20 

-50 


d. pract. Aerzte Stettin’s 
(März 1874) 
Mark: 

5—15 

2—10 

10-20 

2—10 


10—20 


50-101 
100—2C 

'/, des Satzes, der für 


Ope- 


Bei der Verwendung von Alcohol am Krankenbette, wie sie jl* immer 
mehr gebräuchlich wird, sei es in der Form von Wein, sei es als Schnaps ir n ^ wel¬ 
cher Art, mag es nicht ohne Werth sein, den Gehalt der verschiedenen /ein- und 
Schnapsarten in vergleichender Weise nach den uns zugänglichen Quellen z# mi &6n *u 
stellen. 


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g/e 



Spiritus absolutus und Spiritus alcoholisatus (Gehalt an Alcobol circa 95%) kommen 
therapeutisch selten zur Anwendung, ebenso der Spirit vini rcctificatissimus (s. concen- 
tratus) mit 90 — 91% Gehalt, wohl aber 

Spiritus vini dilutus (s. spir. vini rectiflcatus) ; Gehalt an Alcobol 68—70%. 

Es wäre am einfachsten, den Spiritus rect. zu verwenden, was auch in letzter Zeit 
wiederholt empfohlen wurde, mit Acid. citr. oder blos mit Zuckerwasser gemischt. I)a 
aber der Weingeist nur sehr selten mehr aus Wein bereitet wird, sondern gewöhnlich 
aus Kartoffeln, seltener aus Getreide, 60 enthält er immer mehr oder weniger übelrie¬ 
chendes Fuselöl, wodurch er nicht nur bald den Patienten unangenehm widerlich wird, 
sondern auch oft Magencatarrh bewirkt. *) 

Viel besser vertragen wird dagegen der Rh um (Spiritus sacchari), sodann Cognac 
(Spiritus Cydoniarum), Arrac (Spiritus Oryzse) , Franzbranntwein (Spiritus Vini gallici), 
die alle 68—70—72% Alcohol enthalten. Es ist natürlich nöthig, dass der Arzt, der 
sicher gehen will, von Zeit zu Zeit sein Präparat untersuchen lässt, da er sonst leicht zu 
falschen Schlüssen gelangen könnte. Die Fabrication von künstlichem Wein und Schnaps 
ist eben sehr vielgestaltig geworden. 

Schottischer Whisky enthält nach Brande 63% 

Genever „ „ „ Bence Jones 49% 

Rhum, wie er in der berner Gebäranstalt verwendet wurde,**) nach Nencki 71,25% 

Die Weine stehen viel tiefer. 


Vinum 

Xerense 

enthält 

ca. 

15 % Alcohol. 

9 

Madeirense 

9 

9 

15 — 20 „ 

n 

Malacense 

9 

9 

10—12 , 

9 

Capense 

9 

9 

12-15 , 

i» 

Hungaricum Tokayense 

9 

9 

12-15 ff 

9 

Gallicum album 

9 

9 

8-10. 

9 

„ rubrum 

9 

9 

8-10 , 

9 

Bordeaux 

9 

9 

®j8 n „ 

9 

Rhenanum (Rheinwein) 

9 

9 

6-12 y) 

9 

Moseilm = verdünntem Rheinwein. 





Vinum Lusitanicum rubrum (Portwein) steht dem Madeira nahe, weisser und rother 
Burgunder dem Bordeaux, ist aber alcohol- und zuckerreicher; Champagner enthält viel 
Zucker und CO t , meist aber nur wenig Alcohol. 

Unsere bessern weissen und rothen Land weine dürften ca. 5% Alcohol enthalten. 
Es wäre für die Aerzte der Schweiz sehr erwünscht, wenn eine exacte Untersuchung 
über den Alcoholgehalt unserer bessern Land weine ausgeführt und publicirt würde; ganz 
besonders aber sollten unsere landesüblichen Branntweine untersucht werden. Wir pro- 
duciren ein gutes Kirschwasser, das Überall leicht und billig zu beziehen, sowie 
ächt zu erhalten wäre. Namentlich in der Form des Aeniskirschwassers („Bürgermeistern“) 
angenehm schmeckend, dürfte es sehr zu empfehlen sein. Wir hoffen, einen Fachmann 
zu Untersuchungen und zur Publication derselben hiedurch angeregt zu haben. 

Ausland. 

Frankreich. Während die Nationalversammlung die Zukunft der medicinischen 
Facultäten in’s Auge fasste, herrschte unter den Medicinern des Quartier latin eine grosse 
und nicht ganz stille Freude: Professor Chauffard , von dessen gewaltsamer Perhorrcscirung 
wir kürzlich berichteten, ihre böte noire, hatte die Anzeige gemacht, dass er „in Folge 
eines Urlaubs“ seine Vorlesungen über allgemeine Pathologie vorläufig einem Hülfapro- 
fe8sor anvertraue. Die studirende Jugend hofft, und wie man hört, nicht ganz mit Un¬ 
recht, aus dem „Vorläufig“ werde ein „Immer“ werden. 

In der Kammer wurde die Errichtung von 4 neuen medicinischen Schulen beantragt, 
bei welcher Gelegenheit ein Deputirter, selber Arzt, unter dem lebhaften Gelächter der 
ganzen Versammlung arglos und naiv den Antrag mit dem Motive befürwortete , dass 
die Zahl der Aerzte beständig abnehme, die Bevölkerungszahl dagegen wachse. 


# ) Vide n. A. Conrad, über Alcohol- und Chininbehandlung bei Puerperalfieber, pag. 18. 
**) Conrad 1. c. 


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22 


Prensseu • Die Preisrichter für den von der deutschen Kaiserin Augusta gestif¬ 
teten Preis „für das beste Handbuch der kriegschirurgischen Technik“, 
die Herren Prof. Billroth in Wien, v. Langenbeck in Berlin und Socin in Basel haben über die 
5 eingegangenen Concurrenzscbriften (4 deutsche, 1 englische) so geurtheilt, dass der 
Preis (2000 Thaler) getheilt wurde und die eine, weil sie der Fassung der gestellten 
Aufgabe am vollkommensten entspricht, 1000 Thaler erhält (Verfasser: Prof. Dr. Fr. Es- 
march in Kiel), zweien anderen dagegen, weil sie ein werthvolles Material für ein Hand¬ 
buch der Kriegschirurgie enthalten, je 500 Thaler zugetheilt werden (Verfasser: Surgcon- 
Major J. H. Porter , Assistant Professor der Kriegschirurgie am Royal Victorial Hospital, 
Netley, England, und Dr. Joseph Landsberger , pract. Arzt in Posen). 

Zwei Arbeiten wurden nicht prämirt. 

Uebcr den II. von der Kaiserin gestifteten Preis („für die beste Arbeit 
über die Genfer Convention“) hat eingetretener Umstände halber die Jury 
ihren Ausspruch noch nicht eröffnen können. (Kriegerheil, 1874, Nr. 10.) 

Stand der Infections-Krankheiten in Basel« 

Vom 12. bis 24. December. 

Erysipele werden fortwährend gemeldet (14 Fälle) und häufen sich nach der Ent¬ 
stehungszeit meist auf einzelne Tage oder Gruppen von Tagen. Auf den 16. December 
ist der Anfang bei 5 Fällen zurückzuführen. Von Typhus 7 Fälle zur Meldung gekom¬ 
men , aus sehr verschiedenen Theilen der Stadt. 2 der früher gemeldeten sind seitdem 
gestorben. Die Fälle von leichter Diphtherie Dehmen an Häufigkeit ab (6). Varicellen, 
Rubeola und Keuchhusten werden ebenfalls seltener. Die Fälle von letzterer Krankheit, 
welche seitdem noch zur Meldung gekommen sind, haben schon eine längere Krank¬ 
heitsdauer. 

Feuilleton. 


J ahreswende. 


Sitzest einsam du daheime, 

Harrest auf des Jahres Ende, 

Scheint so langsam dir der Zeitflug, 
Und du zauberst längst verblich’ne 
Bilder bunt gemischt noch einmal 
Vor dein Auge; lass sie ziehen ! 

Denkst du noch der Rosentage, 

Wo du einzogst in die Praxis, 
Hoffnungsvoll und thatenlustig ? 

Wo du eifrig den Collegen, 

Die im Kampfe grau geworden, 

„Nach der allerneusten Forschung 
Und den jüngsten Theorien, 

Auch statistischen Belegen 
Ihres überwundenen Standpuncts 
Morsche Basis klar bewiesest“, 

Wo du ihr mitleid’ges Lächeln 
Für den schnödsten Undank hieltest 
Und so weiter? Ach, wie bald kam 
Selber dir die Zeit des Zweifeln» 

An der Wissenschaft, der Mitwelt, 
Allem, was dir lieb und theuer! 
Glücklich, wenn du wacker strittest 
Und das Herz au3 trüber Flut hast 
Frei von Sand und Schlamm gerettet, 
Ziert ja Jugendfrische doppelt, 


Wenn ums Haupt Schneeflocken liegen, 
Doch im Herz ist Frühling blieben. 

Einen kenn’ ich, der kam schlimm weg. 
Spätherbst war’s, als er mich einstmals 
Eilig Hess zu sich bescheiden. 

Sei ein schwerer Casus, schrieb er, 

Ein gar hitzig Gallenfiebcr, 

„Hepatitis biliosa.“ 

Sollt’ Blutegel mit mir bringen. 

Und ich ging mit langen Schritten. 

Wo des Spätherbsts warmer Sonnstrahl 
An der steilen Hügelkette 
Einen prächtig klaren Rothwein 
Reift, da liegt das Dörflein und im 
„Rebstock“ wartend sass Collega. 

War ein altersgrauer Kämpe, 

Der im schweren Kampf um’s Dasein 
Manchen harten Strauss bestanden 
Und trotz tapfrer Gegenwehr doch 
Manchen Schaden hat erlitten, 

Manches Loch davon getragen. 

Doch er hat ein Mittel funden, 

Gut für alle seine Schäden! 

Wenn des Lebens böse Tücken 
Ihm das Herz trübselig stimmen, 

Giesst er auf die alten Schäden 


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Rothweina unbegrenzte Fülle, 

Bis ein neckisch schlimmer Kobold 
Flimmern ihm macht vor den Augen, 

Vor'm Sensorium auch ein Nebeln 
Und „Paresis des Lingualis“. 

„Prost, Collega I“ ruft er, „freut mich, 
Die Bekanntschaft anzuknüpfen; 

Soll ein Smollis gelten!“ •— „„Ach, das...““ 
„Larifari, keine Flausen!“ 

Und zum grossen Jux der Gäste 
Tranken wir ein rührend Smollis. 

In der Küche stemmt die dicke 
Wirthsfrau beide Fäuste auf die 
Hüften, lacht mit ganzem Leibe. 

Auf dem Wege zur Patientin 
Meint er: „Hör’, Collega, wenn ich 
Von der Leber rede, sagst du 
Sofort: Ja, da steckt das Uebel.“ 

Lag ein Mägdlein in der Kammer, 

Rings umjammert von der ganzen 
Nachbarschaft, hochroth die Wangen, 

Sah mit fieh’ndem Blick zu uns auf. 
Nächste Woche wollt’ sie Hochzeit 
Feiern, und nun kam „das Fieber“ ! 

Legt’ die Hand ihr auf die Stirne, 

War nicht heiss. „Ja, kaltes Fieber“, 
Meint mein Freund ; ich schob die Hand dann 
Auf die Leber; da war freilich 
Ein gar hart Geschwülstlein fühlbar, 

Das gerade Krämpfe plagten. 

„Wollen doch sofort“, sagt’ ich nun, 

„Ein Chamillenclysma setzen 
Lassen durch die Hebamm’“, und trotz 
Allem Achselzucken zog ich 
Freund Collega fort. Nach kurzer 
Weile kam die frohe Botschaft, 

Dass von einem drallen Knäblein 
Glücklich sei die Maid genesen. 

„Jetzt gilt’s, sich ’rauszubeissen!“ 

Spricht Collega und am Krankbett: 


„Hätten meine starken Mittel 
Nicht gottlob zur rechten Zeit noch 
Durch die Frühgeburt das Uebel 
Glücklich abgeleitet, niemals, 

Mägdlein, hättest du’s ertragen!“ 

Und die Menge staunte dankbar. 
„Frühgeburt“, das klang ganz tröstlich. 

Als ich später kam in’s Wirthshaus, 

War geleert die volle Flasche, 

Und die dicke Wirthsfrau klopft mir 
Lachend auf die Schulter: „Seid noch 
Jung! der alte Schlaukopf lässt Euch 
Sagen, dass nach altem Comment 
Bei dem Smollis zahlt der Jüng’re.“ 
Heimwärts trug ich meine Egel. 

Auf des Berges hoher Warte, 
Wasserscheide beider Thäler, 

Sah ich fern am Waldessäume 
Noch die letzten Sonnenstrahlen, 

Und ich dacht’ bei ihrem Glühen: 

„Ist dir wohl im Kampf des Lebens 
Auch ein langer Streit beschieden? 

Und wirst du aus all’ dem Ringen 
Wohl auch so viel Wunden tragen?“ 

Eben schwand der letzte Sonn’strahl; 

Doch ich hob die Stirne freier : 

„Was die Zukunft mir auch bringe, 

Nie versanden, nie versumpfen!“ 

Bergab eilt’ ich rascher heimwärts. 

Sinn’ ich an des Jahres Wende 
In der mitternächt’gen Stunde 
Leis zurück, so hab’ ich trotz der 
Kurzen Kampfzeit doch schon manchen 
Wunden Fleck mit schlechter Narbe. 

Doch trotz alledem, Collegen, 

Rufen wir dem neuen Jahr aus 
Tiefer Brust und unverzagt zu: 

„Wird der Kampf auch noch so hart 
uns, 

Nie versumpfen, nie versanden!“ 

A. B. 


Ilerichtigung. 

Im Protocoll der ärztlichen Gesellschaft des Cantons Zürich, abgedruckt in Nr. 23 
des „Correspondenzblattes“, lässt mich der Actuar (pag. 658, 6. Linie von unten) sagen: 
„Bei Röhrchenlymphe bekommt man bei der Revaccination % erfolglose oder mit unge¬ 
nügendem Erfolg, während man bei Kindern 70% mit vollkommenem Er¬ 
folg hat.“ 

Da die Kürze des Ausdrucks hier dem Zweifel Raum lässt, als ob jene 70% sich 
auf die Erfolgsprocente bei der Vaccination beziehen', so erlaube ich mir zu bemerken, 
dass ich gesagt habe: „dass ich bei der Revaccination bei Entnahme von Vac¬ 
cine direct vom Kindesarm in 70% der Fälle vollkommenen Erfolg erzielt 
hätte, während bei Benutzung von Röhrchenlymphe oft Vs aller Revaccinationen ganz 
oder theilweise erfolglos blieben.“ Da nämlich mein bisheriges durchschnittliches Resul¬ 
tat bei der Vaccination 95—99% vollkommener Erfolg beträgt, so lohnt es sich wohl der 
Mühe, jeden Zweifel zu beseitigen, auf was sich jene 70% beziehen. 

Wädensweil, 16. Decoinber 1874. Dr. Jeuui. 


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- §4 - 

Briefkasten. 


Um die Expedition dieser Nummer nicht aufsuhalten, kann der Titel nnd Index ent Nr. 2 bei¬ 
gelegt werden. 

Um vielfache Anfragen hiemit zu beantworten, theilen wir den Herren Mitarbeitern mit, dass die 
Einsender von Originnlarbeiten in Zukunft 12, Einsender von Yereinsberichten 3 Exemplare der 
betreffenden Nummer direct vom Verleger unverlangt gratis erhalten werden, Separat&bsQge müssen 
beim Einsenden der Manuscripte bei Herrn Schwabe besonders bestellt werden, der für Separatabdrücke 
grösserer Arbeiten nur die Kosten des Umbrechens und des Papiers in Berechnung bringen wird. 

Herrn Dr. A. Vogt , Prof. Atby , Prof. Kocher , Bern ; Prof. Horner , Zürich; Dr. Pfiffner , Wallen¬ 
stedt: Dankend erhalten. — Herrn Dr. J. B, Schneider , Bern; Dr. Andeer , Basel; Dr. Pflüger , 
Luzern; Dr. P- i in E—a: Mit bestem Danke erhalten. 


Nouyelle publication. 

En vente chez tous les libraires: 

LA SUISSE 

Etudes mödicales et sociales 

par le 

Dr. Louis Laussedat. 

280 pages in-8°, brochd Fr. 3. 50. 

Bäle, Janvier 1875. 

Itenno Schwabe, libraire-editeur. 

Taylor’sche Maschinen. 

Den Tit. Herren Aerzten kann die Anwendung 
der Taylor’schen Apparate für die mechanische 
Behandlung von entzündlichen Affectionen des 
Hüft- und Kniegelenkes, wie der Wirbel nicht 
genug empfohlen werden. Die erkrankten Ge¬ 
lenke werden durch den Gebrauch solcher Ma¬ 
schinen von jeglichem Drucke befreit und der 
Patient wird befähigt, den Aufenthalt im Bette 
mit der Bewegung in frischer Luft zu vertau¬ 
schen, da dies die Maschinen in vorzüglichem 
Grade möglich machen. 

1) Taylor’sche Hüftgelenk-Maschinen. 

2) Taylor’sche Stützmaschinen, zur Verhütung 
von Recidiven bei Gelenk-Affectionen und 
nach Resection des Schenkelkopfs zu ge¬ 
brauchen. 

3) Taylor’sche Maschinen zur mechanischen Be¬ 
handln ug der Synoritis des Kniegelenks. 

4) Tavlor’sche Maschinen zur Aufrichtung der 
Wirbel bei der Pott’schen Kyphose. 

H. Weber-Moos, Bandagist u. Orthopädist, 
Rindermarkt 7, Zürich. 

Bern, December 1874. 

Unterzeichneter hat die Taylor’schen Apparate 
für Coxitis und Spondylitis in der letzten Zeit 
von Herrn Bandagist Weber-Moos in Zürich be¬ 
zogen und kann bezeugen, dass dieselben vor¬ 
trefflich gearbeitet sind und vollständig ihrem 
Zweck entsprechen. 

[H-c813-Q] Prof. Dr. Kocher. 


Gipsbinden, 

stets frisch bereitet, liefert mit Garantie für aus¬ 
gezeichneten, schnell erhärtenden Gips ä 60 Cts. 
per Stück ä 5 Ellen [H-3513-Q] 

Die Hecht-Apotheke von C. Fr. Hansmann 
in St. Hallen. 


Für Aerzte. 

Soeben erschien: 

DEUTSCHER MEDICINAL- 

TT AT T?\TTYI?T> Unter Mitwirkung der 
IVAiJ-Cjll 1/JuIit Herren Prof. Bäumler, 
Dr. Acker, Prof. Michel, Prof. Hilger, Dr. 
Rotter, Prof. Kämmerer, Dr. Wolffhügel, 
Dr. Karrer u. s. w. herausgegeben von Dr. Carl 
Martins, kgl. Medicinalrath in Ansbach. 
Zweiter Jahrgang 1875. 

In Leinwandband 1 Thlr. = 1 fl. 48 kr.; in 
Leder band 1 Thlr. 10 Sgr. rz 2 fl. 24 kr. 
BV"* Mit Beilage: Schematismus der Aerzte 
von Baden, Bayern, Elsass-Lothringen, 
Hessen nnd Württemberg. [H-3741-Q] 

Verlagshandlung von Eduard Besold in Erlangen. 


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werden billigst ausgeführt. Bei Abnahme der 
Waaren w'ird die 

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ohne Provision auf’s schnellste besorgt und Pläne 
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B. Schwabe, Verlagsbuchhandlung in Basel. 


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Am l. und 15. jeden für 

Monats erscheint eine Nr. 

17 i —2 Bogen stark; 
am Schluss des Jahrgangs 
Titeln. In halte verzeichn iss. 

Herausgegeben von 


schweizer Acrzte. 


Preis des Jahrgangs 
Fr. 10. — für die Schweiz; 
der Inserate 

26 Cts. die sweisp. Zeile. 
Die Postbnreaox nehmen 
BesteUungen entgegen. 


Dr. Alb. Burcliliardt-iHerlaiB und 

Privatdoccnt in Basel. 


Dr. A. Baader 

in Gelterkinden. 


N“ 2. Y. Jalirg. 1875. 15. Januar. 


Inhalt: 1) Originalarbeiten: Dr. A. Zürcher, Amphikranie in Folge einer beidseitigen Syrapathicus-Erkrankrirg. 
Prof. Dr. Kocher, Ueber die Sprengwirkung der modernen Kleingewehr-Geschosse. (Fortsetzung) Prof. Homer, Ophthalmia- 
trisebe Miscellen. (Schluss.) 2) V e re i ns be ri chte: Medicinücho Gesellschaft in Basel. — 3) Referate and Kritiken: 
Urne oder Grab? Hermann Maas, Die Behandlung von Geschwüren mit besonderer Berücksichtigung der Reverdin'schen Trans¬ 
plantation. Dr. 0. Huffueuin, Allgemeine Pathologin der Krankheiten des Nervensystems. Gusserow, Ueber Menstruation und 
Dystnenorrhce. Dr. Berk, Recepteualmanach Dr. 0. Thatnhayn, Der Lister'sche Verband. — 4) Kantonale Correepon- 

denzen: Chur (Fortsetzung); Glarus. — 5) Wochenbericht. — G) Briefkasten. 


Orig-i nül-Arbcl ten. 


Amphikranie*) in Folge einer beidseitigen Sympathicus-Erkrankung. 

Vortrag, gehalten an der Jahresversammlung der aargauischen medicinischen 
Cantonalgesellschaft von Dr. A. Zürcher in Aarau. 

Seit du Bois-Reymond aus den Symptomen einer an sich selbst beobachteten 
Migraine den Sitz dieser Krankheit in die Regio cilio-spinalis verlegt und als Te¬ 
tanus des vom betreffenden Halstheil des Sympathicus gebildeten vasomotorischen 
Nervensystems definirt hat, fasst man das Wesen der Hemikranie als eine durch 
örtliche Circulationsstörungen bedingte Neurose auf und unterscheidet zwei Formen 
derselben, die Hemicrania 8 y mpatliico - tonica, den Gefässtetanus du 
Boig-Reytnond's repräsentirend, und die Hemicrania neuro- oder a n g i o - 
paralytica im Sinne Möllendorf* s, welcher die Hemikranie als eine theils typisch, 
theils atypisch einseitig auftretende Anergie der die Art. carotis beherrschenden 
vasomotorischen Nerven bezeichnet, wodurch die Arterien erschlaffen und eine ar¬ 
terielle Fluxion nach dem grossen Gehirne gesetzt wird. 

Stelle ich kurz die Symptome der der einen und andern Form zu Grunde lie¬ 
genden Definition der Neurose zusammen , so sind es die schon von genannten 
Autoren bezeichneten, hauptsächlich folgenden: 

Neuralgia sympathico - tonica: Die Schläfenarterie der befallenen 
Seite fühlt sich wie ein harter Strang an, die betreffende Gesichtshälfte ist blut¬ 
leer, das Auge eingesunken, der Schmerz steigert sich durch Erhöhung des Blut¬ 
druckes im Kopfe durch Bücken, Husten etc., die Pupille der erkrankten Seite ist 
erweitert, um so augenfälliger, je stärker die Beschattung des Auges. Die der 
Reg. cilio-spinalis entsprechenden Dornfortsätze der Halswirbel sind während und 


*) Im Gogensatz zu Hemikranie: doppelseitiger Kopfschmerz. 


3 


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hach dem Anfälle schmerzhaft Der Krampfzustand wird gehoben durch Erschlaf¬ 
fung der glatten Muskelfasern der Gefässe, wobei vermehrter Blutzufluss und oft 
eine Temperaturerhöhung mit Schweiss an der betreffenden Gesichtshälfte, Röthung 
der Conjunctiva und des Ohres zu constatiren ist. Eulenburg und Guttmann *) ge¬ 
ben eine entschiedene Verengerung der Pupille auf der leidenden Seite gegen Ende 
des Insults an. 

Neurälgia neuro- oder angio-paralytica. Carotis und Tempo- 
ralis fühlen sich weich und breit an, der Herzschlag ist verlangsamt, die Radial¬ 
arterien sind klein und contrahirt, die Conjunctiven geröthet; Möllendorf fand in 
einem Falle die centralen Netzhaut- und die Chorioidealgefasse erweitert, den 
Augenhintergrund scharlachroth. Compression der Carotis der leidenden Seite be¬ 
seitigt den Kopfschmerz, Nachlass des Druckes bringt ihn sofort wieder. Com¬ 
pression der Carotis der gesunden Seite erhöht den Schmerz. Mit Ausnahme der 
leidenden Gesichtshälfte, in welcher das Gefühl der Hitze, besteht keine Schweiss- 
secretion, gegentheils sind Hände und Füsse kühl, besteht oft Frösteln am ganzen 
Stamme. 

Gegen Ende eines Anfalls der sympathico-tonischen Form können sich ähnliche 
Symptome zeigen, wie bei der neuro-paralytischen Form und ist deshalb der Mo¬ 
ment der Untersuchung genau zu berücksichtigen. 

Das Gefühl des Schmerzes war Duboit geneigt in den sensiblen Gefässnerven 
selbst, erzeugt durch den Krampf der Muskelfasern, zu sucheq. Eulenburg nimmt 
an, der Schmerz entstehe durch die Schwankungen der Blutzufuhr in den sensiblen 
Kopfnerven, durch arterielle Aneemie oder Hyperämie, je nach der einen oder 
andern Form, da ja beide Zustände ähnliche Wirkungen in den Gehirnnervenbah¬ 
nen hervorrufen. Aus der Reizung des vasomotorischen Centrums, der Med. ob¬ 
long., erklärt er auch das Sinken der Zahl der Herzschläge und die straffe Span¬ 
nung der Arterien mit dem Gefühl des Frostes. **) Der die Migräne begleitende 
Brechreiz oder das wirkliche Brechen rührt von den Schwankungen des Blutdruckes 
innerhalb der Schädelhöhle. 

Nachdem diese Bemerkungen vorausgeschickt, wird folgende Krankenge¬ 
schichte leicht der zugehörigen Form der Sympathicus-Neurosen anzureihen sein: 

A. R., 15 Jahre alt, Bezirksschüler, etwas schmächtig gebaut, mit flachem 
Thorax, dünner und etwas schlaffer Muskulatur, etwas ansemisch, klagt seit dem 
9. Jahre über dumpfes Kopfweh in den vom ersten Aste des Quintus versorgten 
Nervengebieten des N. frontal, und supraorbitalis, sowie des N. auriculo-temporal. 
des 3. Astes und zwar beidseitig. Das Kopfweh ist nicht periodisch, sondern be¬ 
steht beim Erwachen des Morgens gerade so gut wie Abends beim Schlafenlegcn, 
nur die Intensität des Leidens kann durch geistige Arbeit gesteigert werden. Das 
jahrelange Leiden des Knaben verursachte eine allgemeine „Nervosität“ desselben, 


*) Die Pathologie des Sympathien auf physiologischer Grundlage, pag. 20. 

**) Die Untersuchungen Fomn’s mit dem Sphygmographen an der Radialis bei epileptischen An¬ 
fällen scheinen diese Annahme cu bestätigen. Vide: Nothnagel , über den epilept Anfall, Nr. 39, 
Samml. klin. Vortr., p. 815. 


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27 


raubt ihm alle Lust und Freude des Lebens und lässt ihn die Ruhe und Isolirung 
aufsuchen Gemüthliche Erregung erzeugt schnell eine weinerliche Stimmung, so 
die Musik. Der Appetit ist, trotz reiner Zunge, mangelhaft, Verdauung und Stuhl 
sind in Ordnung, Schlaf in letzter Zeit gut. Onanie wird bestimmt in Abrede ge¬ 
stellt. In ätiologischer Beziehung ist zu erwähnen, dass die Mutter des Knaben 
an epileptiformen Anfällen, jedoch nach ihrer Aussage ohne Verlust des Bewusst¬ 
seins, leidet, wobei sie, von unsäglicher Schwäche übermannt, hinfällt, ohne sich 
wieder erheben zu können. Ein heftiges, über den ganzen Schädel sich erstrecken¬ 
des Kopfweh mit dem Gefühl, als ob die Knochen gesprengt werden sollten, stellt 
sich ein und dauert etwa zwei Tage. Starke Hautblässe begleitet das Auftreten 
des Anfalls. Eine Regelmässigkeit im Erscheinen der Anfälle besteht nicht. 

Die Untersuchung des Kranken ergibt am Kopfe nirgends schmerzhafte Puncte, 
keine abnorme Temperatur in Stirn- und Schläfegegend. Die Pupillen sind bei 
Beschattung sehr weit, bei auffallendem Lichte sich verengernd und auf Licht¬ 
wechsel reagirend. Der N. supraorbitalis soll bei Exacerbation der Schmerzen auf 
Druck schmerzhaft sein, durch Andrücken des Bulbus an die hintern Orbitalwände 
(Circulationsbeschränkung?) an Empfindlichkeit abnehmen; bei gesteigertem Schmerz 
fühlt Pat. auch den Pulsschlag in den Ohren. Die Untersuchung des Halssym- 
pathicus ergab in der Gegend der Querfortsätze des 2. bis 5. Halswirbels eine 
beiderseits gesteigerte Empfindlichkeit auf Druck und Zunahme der Schmerzen in 
der Stirn- und Schläfengegend und in der Augenhöhle, sowie Klopfen in den 
Öhren. Rechts wie links schien dieselbe Empfindlichkeit auf Druck zu bestehen 
und zwar gab der Kranke stets eine Steigerung des Schmerzes nicht blüs in den 
Verästelungen des Quintus derselben Seite an, sondern auch eine Erhöhung dessel¬ 
ben auf der andern, wenngleich nicht in dem Grade, wie auf der entsprechenden 
Seite. Die attaquirte Stelle, auf deren Schmerzhaftigkeit Pat. spontan aufmerksam 
machte, entspricht der Lage des obern Halsganglion des Sympathicus, das vor den 
Querfortsätzen des 2. bis 4. Halswirbels liegt und mit dem Halsgrenzstrang der 
Hauptregulator des Blutgefässsystems des Kopfes ist. 

Leitender Grundsatz bei der einzuschlagenden Therapie war mir nun die Herab¬ 
setzung der Hyperästhesie des betreffenden Nervenabschnittes durch ein narcoti- 
sches Mittel und die Hebung der Energie desselben für Regulirung der Blutcircu- 
lation, des arteriellen Tonus. Der ersten Indication wurde genügt durch subcutane 
Morphium-Injectionen ä 4 Milligr. pro dosi auf jeder Seite ad locum affectum und 
der zweiten durch eine Verordnung des Extr. seccal. cornut. h 0,5 Gmm. pro die, 
das bekanntlich durch Vermittlung des vasomotorischen Nervencentrums in der 
Med. oblong, eine Contraction der Blutgefässwandungen herbeiführfc und gegen 
Migräne von Woakes empfohlen ist. Nach der ersten Injection minderte sich der 
Kopfschmerz an den folgenden zwei Tagen und blieb nach der zweiten am fol¬ 
genden Tage ganz weg mit ebenfalls verminderter Empfindlichkeit auf Druck in 
den Gefäs8gebieten des Quintus. Nach einer dritten und vierten Injection ver¬ 
schwand auch der Schmerz in der Gegend der Querfortsätze der Halswirbel auf 
Druck gänzlich, und der Knabe war so auf leichte Weise sein Uebel losgeworden. 
Eine 4wöchentliche klimatische Cur hob auch seine Ernährung sehr. Inwiefern dem 


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Seccale cornut. ein Antheil an diesem Erfolge zuzumessen, steht dahin. Ohne die 
locale Application des Morphium wäre die Heilung jedenfalls nicht mit solcher 
Schnelligkeit erfolgt. 

Während drei Monaten blieb der Knabe von seinem Leiden befreit. Strenge 
Schularbeit und wenig Schlaf bereiteten indess den Boden zur Aufnahme eines 
neuen Anfalles vor, der nach einer etwas heftigen Erschütterung des Körpers beim 
Turnen in acuter Weise auftrat, nachdem bereits zwei Tage zuvor nach einer mili¬ 
tärischen Excursion die Kopfschmerzen begonnen hatten. Das Krankheitsbild ist 
folgendes: 

Schmerz über Stirn und Scheitel und im Augapfel. Ein besonders schmerz¬ 
hafter und die schmerzhafte Empfindlichkeit der Umgebung auf Druck erhöhender 
Punct (point douloureux) befindet sich am linken Seitenwandbein in der Nähe der 
Sutura sagittalis in ihrer Verbindung mit dem Stirnbein. Schläfenarterien weich 
und breit; Druck auf dieselben hebt den Schmerz ganz auf, ebenso Druck auf die 
Carotiden. Nachlass des Druckes bringt den Schmerz sofort wieder. Die Bewe¬ 
gungen des Augapfels sind schmerzhaft, der Bulbus glänzt, zeigt episclerale In- 
jection. Pupillen massig weit, rcagiren träge. Augendruck nicht vermehrt. An¬ 
drängen der Bulbi gegen die hintere Oibitalwand mindert den Schmerz in den 
Augen. Die Gesichtshaut und Ohrmuscheln beiderseits geröthet, die Temperatur 
derselben 37,2. Stirne und Scheitel heiss, leicht schweissend , Hände kühl. Der 
Anfall hatte mit Frost am ganzen Rumpfe begonnen, auch im Bette dauerte das 
Frösteln mehrere Stunden fort. Puls 9t>, wenig gespannt. Pulsationsgefiihl in den 
Ohren. Druck auf das obere Halsganglion empfindlich. 

Es wurde eine subcutane Injection von 7 Milligr. einer Morphiumlösung ge¬ 
macht; der Schmerz milderte sich, hörte jedoch erst gegen Schluss des folgenden 
Tages ganz auf und ist seither nicht wdedergekehrt. Von der ersten, Jahre an¬ 
dauernden Neurose unterschied sich dieser acute Anfall durch den deutlichen ob- 
jectiven Nachweis der Circulationsstörungen und der venösen Stase in den Kopf- 
gefässen. Der Appetit war während desselben ungestört und die Zunge rein. 

Ausgesprochene hereditäre Anlage muss für den Fall um so mehr beansprucht 
werden, als auch ein älterer Bruder des Knaben w’ährend seiner Studienzeit Jahre 
lang ein ähnliches Kopfweh gehabt haben soll und auf ärztlichen Rath die geistige 
Arbeit längere Zeit auszusetzen sich genöthigt sah. Eine Schwester, im Uebrigen 
ganz gesund, hat stets, bei Licht ebenso wie bei Beschattung, auffallend weite 
Pupillen. 

Das Charakteristische dieses Falles besteht in dem doppelseitigen Auf¬ 
treten einer Erschlaffung der Kopfgefässe als Folge einer Erkrankung und funk¬ 
tionellen Anergie eines Abschnittes der beiden Halsgrenzstränge, wie wir sie 
sonst nur einseitig zu beobachten gewohnt sind. Die Symptome sind auf beiden 
Seiten dieselben wie bei der einfachen Hemikranie. Beide obern Halsganglien 
sind auf Druck empfindlich und die Schmerzen vermehren sich durch denselben in 
den Verästelungen der Kopfgefässe in Folge der gestörten Ernährung ihrer Nerven¬ 
bezirke. Der nach einer langem Intermission des Leidens acut aufgetretene An¬ 
fall constatirte die Doppelseitigkeit zur Evidenz durch dieselbe Röthung und Tem- 


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peraturerhöhung der Haut des ganzen Gesichts und beider Ohren, durch dasselbe 
Verhalten der Pupillen, durch das unvollständige Coupiren der Schmerzen durch 
Compression blos einer Art. temp. oder Carotis und das vollständige durch Com- 
piession beider. Die Kälte der Hände und Füsse sowie das Frösteln am ganzen 
Rumpfe während des acuten Anfalles weist auf eine Mitaffection der Med. oblon- 
gata als vasomotorisches Centrum, wahrscheinlich durch hyperämische Reizung. 
Dass eine solche doppelseitige Hemikranie im Sinne der bisherigen Definirung 
derselben als Folge einer einseitigen Sympathicus - Erkrankung bezeichnender 
„Amphikranie“ genannt würde, scheint keiner weiteren Auseinandersetzung zu 
bedürfen. 


Ueber die Sprengwirkung der modernen Kleingewehr-Geschosse. 

Von Prof. Dr. Kocher in Bern. 

(Fortsetzung.) 

D. Schüsse auf festflüssige Körper. 

11. Diaphysen-Schüsse: 

Ein Schuss auf 400' mit V. auf den Humerus zersplittert denselben in einer 
Ausdehnung von 10 cm. Dem runden Einschuss in der Haut gegenüber findet sich 
ein doppelter Ausschuss in Form zweier Längsrisse, deren einer 9 cm. lang, durch 
eine schmale Hautbrücke getrennt. 

Schuss auf 100' mit Chassepot zeigt Kunden Einschuss auf der Vorderseite des 
Oberschenkels und einen Ausschuss in Form eines Längsrisses von 10 cm., aus 
welchem Muskelsubstanz hcraushängt. Der Femur ist etwas unter der Mitte zer¬ 
trümmert mit zahlreichen Längssplittern, deren grössere am Periost adhäriren, deren 
kleinere in der Musculatur umhergesäet sind. Die Ränder der Fractur sind 2 cm. 
weit vom Periost entblösst. 

Ganz analog sind die Verhältnisse bei einer Splitterfractur des Humerus auf 
100' mit V. zu Stande gebracht. Auffällig ist, wie weit hinauf das obere Diaphy- 
senfragment vollständig hohl erscheint. Aus dem 8 cm. langen längsgerissenen 
Ausschuss hängt die mit Knochen- und Bleistückchen besetzte Musculatur des Tri- 
eeps heraus. 

Ein Schuss mit V. auf 100' an der Grenze von Diaphyse und oberer Epi¬ 
physe des Humerus hat letztere zum Theil, erstere bis zum unteren Dritttheil zer¬ 
splittert. 

Schuss mit V. auf 100' bietet einen rissförmigen, gefetzten Einschuss; der 
Ausschuss stellt einen 8 cm langen Riss in der linken Wange dar, in welchen 
zerfetzte Musculatur hereinhängt. Der linke Oberkiefer ist in zahlreiche Stücke 
zertrümmert, ebenso die linke Unterkieferhälfte bis zum Gelenkfortsatz. Die grös¬ 
seren Splitter hängen noch am Periost. Der weiche Gaumen ist an seiner Ver¬ 
bindung mit dem harten scharf abgetrennt, die Zunge stellt einen unregelmässigen 
Fleischklumpen dar, mit Zähnen und Knochensplittern gespickt 

Die andern Diaphysen-Schüsse zeigen alle übereinstimmende Verhältnisse: der 


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Einschuss ist klein, der Ausschuss gross in Form eines oder zweier paralleler 
Längsrisse. Die Splitterung ist ausserordentlich ausgedehnt, in der Nähe der 
Gelenkenden gehen gewöhnlich Sprünge ins Gelenk hinein durch den Knorpel 
hindurch. 

12. Schuss auf 100' mit V. auf den uneröffneten Schädel ergibt einen unregel¬ 
mässig zerrissenen Einschuss auf dem rechten Stirnbein mit Knochendefect, auf 
der linken Squama occipitis einen sehr grossen Ausschuss, aus welchem das Ge¬ 
hirn heraushängt. Beim Abheben der Weichtheile findet sich der Schädel in 
zahlreiche Fragmente auseinander gesprengt , so dass man nach allen Seiten hin 
die an derGalea hängenden Fragmente auseinander klappen kann. Die Splitter sind 
meist sehr gross, mit glatten Rändern. Die Fissuren gehen allseitig nach der Basis 
hinunter, namentlich an den Seitentheilen in einer vom obern Pol ausstrahlenden 
radiären Anordnung. 

13. Schuss auf 100' mit V. auf einen macerirten Schädel, dessen Foramina 
sämmtlich mit Gyps zugemacht sind. Derselbe ist vom Foramen magnum mit Was¬ 
ser vollständig gefüllt und jenes mit einem Pfropf gehörig verschlossen worden. 
Der Schuss trifft die linke Schläfengegend, der Schädel springt in einem gewalti¬ 
gen Zerstreuungskreise in zahlreiche Splitter auseinander, wie durch einen Spreng- 
schuss. Die Splitter fahren bis 14 Schritt in der Richtung nach dem Schützen 
zurück. Zum Theil hat die Sprengung in den Nähten stattgefunden. 

14. 4 Schüsse auf 12 cm. im Durchmesser haltende, cylindrische Glasgefässe, 
zum Theil hermetisch verschlossen, zum Theil völlig offen, ergeben auf 100' mit 
Vetterli-, Chassepot- und Rundkugcl aus glattem Rohr stets das nämliche Resul¬ 
tat: hochgradige Zersplitterung, so dass nur der Boden des Gefässes auf dem 
Stand bleibt, während Splitter bis 14 Schritt gegen den Schützen zu rückwärts 
aufgehoben werden. Wo der Deckel angeklebt ist, springt er in toto einige Fuss 
hoch empor. 

15. 2 Schüsse auf mit Wasser gefüllte, cylindrische Blechgefässe haben unge¬ 
fähr die nämliche Wirkung, gleichgültig ob das Gefäss hermetisch verschlossen 
oder oben ganz offen ist, das eine Mal mit V. auf 100', das andere Mal aus glat¬ 
tem Rohr auf 40'. Der Einschuss ist klein, mit einwärts gekrämpten Rändern, an 
der gegenüberliegenden Seite ist das Gefäss der Länge nach aufgerissen, der 
Deckel ist ganz abgerissen; von einem Ausschuss ist nichts zu sehen. Bei dem offe¬ 
nen Gefäss und glatten Rohr ist an Stelle des Ausschusses das Gefäss in Ausdeh¬ 
nung einer halben Hand aufgerissen und herausgekrämpt. 

16. Schüsse auf mit Wasser gefüllte Schweinsblasen und Därme. 

Schuss auf 100' mit V. auf 3 in einem Abstande von 4 cm. hinter einander 
aufgehängte, mit Wasser gefüllte Schweinsblasen zeigt sämmtliche in einem Längs¬ 
risse hinten und vorne bis zur Mitte hinauf aufgerissen. 

Schuss auf 400' mit V. auf eine mit wassererfüllten Därmen angefüllte 
Schweinsblase. Einschuss mit gequetschten Rändern und sternförmigen Einrissen. 
Auf der abgewandten Seite ist die Blase weit aufgerissen. Die Därme sind an 
5 Stellen durchgerissen, an einer Stelle vollständig, an den andern bis auf einen 
kleinen Saum, meist quer. Von Ein- und Ausschüssen ist nichts zu sehen. 


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17. Scb&sse auf die symmetrischen Knochen desselben Ochsen, welcher zu einem 
bereits erwähnten Experiment diente, diesmal aber die Diaphysen mit Mark ge¬ 
füllt Die Zersplitterung ist eine viel ausgedehntere, in Ausdehnung von mehreren 
Zoll, die Knochensplitter mit Mark hängen zum Theil herab und lassen sich nach 
aussen leicht umbiegen. 

Wie hat man sich nun die colossalen Zerstörungen durch das 
Vetterli-Geschoss zu erklären? Busch nimmt, wie oben erwähnt, die drei¬ 
fache Wirkung des Auseinandersprühens der abgeschmolzenen Bleitheilchen, der 
Centrifugalkraft durch Rotation der Kugel und mitgerissener Gewebstheilchen und 
des hydraulischen Druckes an bei Schüssen auf Schädel und frische Diaphysen. 
Bei Schüssen dagegen auf Epiphysen spielt nach ihm der hydraulische Druck keine 
Rolle, ebenso wenig wie bei enthirnten Schädeln. Bei Schüssen auf Muskelfleisch 
endlich ist es ausschliesslich die Centrifugalkraft, welche in Betracht fallt, da 
hier Abschmelzungen nicht beobachtet sind. 

Die ersten Bedenken zunächst gegen letztere Auffassung, wo nur ein einziger 
Factor wirksam sein soll, wurden in uns dadurch rege, dass wir bei Schüssen durch 
Muskelfleisch gelegentlich wohl einen gewaltigen trichterförmigen Defect beobach¬ 
teten, aber in der Haut trotzdem einen Ausschuss, welcher kaum grösser war, als 
der Einschuss. Warum waren hier die wirbelnden Muskelfasern nicht auch noch 
durch die Haut mit fortgerissen worden? Ein ferneres Bedenken erregte uns der 
Umstand, dass bei grossen Ausschüssen durch die Haut beim Cadaver fast aus¬ 
nahmslos ein grosser oder zwei parallele Längsrisse bestanden. Es war also 
stets die Haut in einer ganz bestimmten Richtung — wohl entsprechend ihrer 
grössten Spaltbarkeit — durch Dehnung auseinander gerissen und nicht durch 
in unregelmässigem Wirbel andrängende Muskelstückchen beliebig zerrissen worden. 

Zunächst wandte ich mich nun an unsern Physiker, Prof. Dr. Förster , um Aus¬ 
kunft, ob die Annahme einer Centrifugalkraft im Sinne Busch 1 s überhaupt zulässig 
sei. Prof. Förster hatte die Güte, mit der grössten Bereitwilligkeit auf meine Fra¬ 
gen einzutreten, und ich verdanke ihm sämmtliche in diesen Notizen mitgetheilten 
Berechnungen. 

Nach F. lässt sich berechnen: „Gesetzt, dass die Kugel (Vetterli) eine An¬ 
fangsgeschwindigkeit von 435 m. hat und auf eine Länge des Laufes von 0,55 m. 
1,09 Umdrehung macht, *) so braucht sie zu 1 Umdrehung 0,00232 Secunden, 
oder macht pro Secunde 431 Umdrehungen. Dabei ist angenommen, dass die 
Kugel den Lauf mit einer mittleren Geschwindigkeit zwischen 0 und 435 = 218 m. 
durchlaufen habe. 

Behält sie nun ihre Rotation im Muskelfleisch bei und wird ihre Geschwindig¬ 
keit gleichzeitig erheblich herabgesetzt, so ist es schon möglich, dass von einer 
Kugel mit rauher Oberfläche Muskeltheilchen, durch Cohäsion zusammengehalten, 
mitgerissen werden.“ 

Allein dass durch diese Rotation an der Kugel festhaftender Fleischtheilchen 


) Angab« von Oberst Wurstemherger. 


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ein Schusscanal von 1 auf 15 cm sich erweitere — wie wir es beobachtet haben - 
ist schlechterdings nicht anzunehmen. 

Allein auch wenn man die höchst unwahrscheinliche Annahme macht, dass 
Abschmelzung der Kugel bei Muskelschüssen stattfinde (wir haben ebenso wenig 
wie Busch je abgeschmolzene Bleipartikel hier beobachtet), so kommt man auf ein 
sehr geringes Kraftmass durch die Centrifugalkraft. Nach Förster berechnet sich 

47i*R 

diese durch C — P. —rr, worin C die Kraft, mit welcher sich ein in der Entfer- 

nung R von der Rotationsaxe befindliches = P. schweres Theilchen von derselben 
zu entfernen sucht, wenn die Masse ihren Umlauf um die Axe in der Zeit = t 
vollendet. Nimmt man ein Theilchen von i / i gmm. Gewicht, das abgesprengt 
würde, an, so wäre C = 0,933, also noch sehr unbedeutend. 

Wenn aber weder Centrifugalkraft noch Abschmelzungen der Kugel den be¬ 
deutenden Defect in der Muskelsubstanz erklären, so muss man auch hier auf den 
hydrostatischen Druck zurückkommen. Es war also zu beweisen, dass im Muskel¬ 
fleisch ein solcher in analoger Weise, wie in Flüssigkeiten sich fortpflanzen könne. 

Es wurden cylindrische Blechgefasse von den früher angegebenen Dimensionen 
und oben offen, mit frischem Pferdefleisch in sehr grossen Stücken möglichst luft¬ 
frei ungefüllt und auf 100 Fuss Distanz mit Vetterligewehr und Hartblei (10 Blei 
auf 1 Zinn) dagegen geschossen. In beiden Fällen wurden Muskelstücke hoch 
emporgeschleudert und nach der Seite hin. Im ersten Fall war das Gefäss etwas 
seitlich getroffen. Von dem noch deutlichen Einschuss weg w r ar ein dreieckiges 
Stück von 3 /s der ganzen Höhe und Vs des Umfanges aus der Seitenwand heraus¬ 
gerissen. Im zweiten Fall war das Gefäss vollständig auseinander gerissen, so 
dass die eine Hälfte der Seitenwand nur noch an einem, dünnen Faden hängend 
in die Ebene des Bodens herabgeklappt war. Dem Einschuss gegenüber befand 
sich ein Dcfect von ca. 4 cm. Durchmesser. 

Vergleichsweise wurden auf 10' und 30' mit Vorder- und Hinterladerpistolen 
Schüsse auf ähnliche Gefässe abgegeben. Es fanden sich kleine Ein- und wenig 
grössere runde Ausschüsse, erstere mit ein-, letztere mit ausgekrämpten Rändern. 

Ferner w ? urde eine Schweinsblase möglichst luftdicht mit frischem Pferdefleisch 
gefüllt und auf 100' mit Vetterli und Hartblei darauf geschossen. Ganz analog 
wie bei der Füllung dieser Blasen mit Wasser (s. oben) wurde der ganze untere 
Umfang der Blase in unregelmässiger Weise abgerissen und das Fleisch bis 6' w eit 
weggeschleudert. 

Um aber noch sicherer zu urtheilen, wie weit der Antheil des Fleisches an 
Flüssigkeit und demgemäss der hydrostatische Druck eine Rolle spiele und wie weit 
möglicherw eise noch ein Mitreissen von Muskelfasern, wurde auf ein analoges Ge- 
fäss geschossen unter denselben Verhältnissen, aber das Gefäss mit gekochtem 
und möglichst trockenem Pferdefleisch thunlichst luftdicht gefüllt. Von einem 
Auseinandersprengen des Gefässes oder einem Umherstreuen von Muskelfleisch 
trat hier nichts ein. Der Einschuss war rund , wie gewöhnlich, der Ausschuss 
ebenfalls rund, etwa doppelt so gross wie der Einschuss, mit nach aussen gekrämp- 
ten Rändern. 


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Vergleicht man gerade letzteres Experiment mit den Schüssen auf leere Ge- 
fässe, so ergibt sich der unzweifelhafte Unterschied, dass überall, wo eine Zwi¬ 
schensubstanz und zwar je mehr solche zwischen Ein- und Ausschuss vorhanden 
ist, um so grösser der Ausschuss ausfällt. Dies ist ja eine schon seit Dupuytren 
bei Schüssen auf Brettersysteme bekannte Sache, mag man nun mit gezogenen 
oder glatten Gewehren schiessen. Wir haben oben diese Versuche auch für das 
Vetterli-Gewehr als bestätigt angegeben. Die Erklärung liegt einfach darin, dass 
die mitgerissenen Theilchen (indirecte Geschosse) den Effect der Kugel vergrös- 
sern helfen, ausserdem die dem Schützen abgewandte Seite des Brettes keine Un¬ 
terstützung hat. 

Die colossglen, trichterförmigen Defecte dagegen , welche zum Unterschied 
gegen Gewehre mit glattem Lauf durch Chassepot und Vetterli in der Muskelsub¬ 
stanz erzeugt werden, müssen wir nach obigen Experimenten wesentlich durch 
den hydrostatischen Druck erklären. So begreift sich denn auch in befriedigender 
Weise der gelegentlich kleine Ausschuss sowohl in der Haut, als die häufigeren 
ausgedehnten Längsrisse derselben. 

Wir erwähnen zur Illustration des ersteren Falles, wo ein kleiner Haut-Aus¬ 
schuss mit bedeutendem Trichterdefcct in der Muskelsubstanz sich findet, noch 
zweier Experimente, wo wir auf wassergefüllte Schweinsblasen schossen. Zwei 
derselben wurden aufgehängt und an einander gelehnt. Bei Schuss mit Vetterli 
(und Hartblei) auf 100' wurde die vordere Blase in der ganzen Länge, aber haupt¬ 
sächlich am vorderen Umfang, die hintere Blase ebenfalls in der ganzen Länge, 
aber hauptsächlich am hinteren Umfang, aufgerissen. Aus beiden Blasen waren 
einzelne Stücke ganz herausgerissen. 

Als nun zwischen die beiden Blasen (einfach durch den gegenseitigen Druck 
gehalten) eine 2 mm. dicke Eisenplatte eingelegt wurde, waren die Zerreissungen 
ganz analog, aber zum Unterschied vom ersten Versuch war entsprechend dem 
runden Loch in der Eisenplatte ein runder Ausschuss in der vorderen und ein 
ebenso deutlicher Einschuss an der hinteren Blase zu sehen. 

Es zeigen diese Versuche, w ie w ichtig eine Unterstützung des Zieles von hinten 
her für die Grösse der Schussöffnung ist. 

(Schluss folgt.) 


Ophthalmiatrische Miscellen. 

Vortrag von Prof. Horner in der Sitzung des ärztl. Centralvereins der Schweiz. 

Olten, den 24. October 1874. 

(Schluss.) 

Bevor wir aus dem Gebiete der ophthalmologischen Kinderpraxis hinausgehen, 
möchte ich noch der so wichtigen Blennorhoea neonatorum und der bei 
dieser Krankheit so häufigen Hornhautaffcctionen gedenken. 

r. Gräfe pflegte zu sagen, für die Menschheit sei die richtige Behandlung der 
Bleimorhoea neonat, wichtiger als die Cataractextraction, und wenn man ein grosses 


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Blindenasyl betritt, fühlt man die Motive dieses Ausspruchs. Nicht dass ich die 
ganze Therapie der Krankheit des Weitern besprechen möchte — nur auf ein 
wichtiges Princip will ich aufmerksam machen. 

Das blennorhoische Hornhautgeschwür ist ein von aussen nach innen gehen¬ 
des, das mit einem Epithelverlust beginnt und rasch in die Tiefe schreitet. Sein 
Sitz ist immer die untere Hälfte der Cornea; besonders der erste Anfang häufig 
in einer bandförmigen Partie zwischen Centrum und unterm Hornhautrand. Die¬ 
selbe Stelle ist meistens von den traumatischen Geschwüren befallen und zeigt 
jene bandförmigen Epithelschwielen in phthisischen und durch chronische Irido- 
chorioiditis erblindeten Augen. 

Ich heisse sie die Lidspaltenzone der Hornhaut. In den soeben berühr¬ 
ten Fällen bezeichnet sie die bei mässiger Oeffnung der Lider exponirte Hornhaut¬ 
partie. Dieselbe Zone ist aber auch bei ruhigem, nicht krampfhaften Schluss der 
Lider der Lidspalte am nächsten und ist noch in einer sehr interessanten Reihe 
von Fällen Sitz mehr oder weniger bandförmiger Geschwüre. Am deutlichsten 
sieht man die Prädilection dieser Stelle bei Miliartuberculose der Pia, wo zuweilen 
zwischen Centrum und unterm Cornearand, dem letztem näher, eine Furche durch 
die ganze Hornhaut im soporösen Halbschlafe entsteht; ebenso bei der sogenannten 
Hornhauterweichung bei infantiler Encephalitis, welche Form nichts mit Encepha¬ 
litis, aber, mit dem den Diarrhoeen etc. folgenden marastischen Sopor sehr viel zu 
thun hat, und endlich auch bei den reinen neuroparalytischen Formen. Alle diese 
Fälle heilen auch, wenn die Lebensdauer des Individuums es erlaubt, unter ver¬ 
nähten Lidern sofort, wohl ein Experiment, das die Auffassung der Formen, als 
von aussen durch Epithelvertrocknung und Lockerung und secundäre Infection der 
Corneasubstanz entstandene Geschwüre wesentlich stützt. 

Die Thatsache, dass auch die blennorhoischen Geschwüre vorwiegend dieses 
Gebiet der Cornea einnehmen, muss uns die Ueberzcugung nahe legen, dass auch 
ihr Ursprung mit der im Lidspaltengebiete eintretenden Ansammlung des hier der 
Atmosphäre nahe kommenden Secrets Zusammenhänge und die Prophylaxis wesent¬ 
lich in der Vermeidung jedes Epithelverlustes, in der Hinderung aller die Integri¬ 
tät des Epithels gefährdenden Momente liege. 

Das Stagniren des Sccrets — die gefährlichste Erscheinung — hindern wir 
durch häufiges Reinigen, aber gerade dieses birgt eine zweite Gefahr. Alle Rei¬ 
nigungsmethoden, bei welchen die Cornea berührt, abgewischt, durch starken 
Wasserstrahl getroffen wird, sind schädlich I Ich habe mich davon überzeugt, wie 
leicht selbst mit feinstem Schwamme das macerirte Epithel entfernt wird, und er¬ 
lebte selbst im wörtlichsten Sinne das „Ausspritzen“ des Auges durch Laienhand. 
Für Laien und Ungeübte passt daher einzig bei fixirtem Kopfe (am besten zwi¬ 
schen den Knieen) die Lider auseinander zu halten und den Conjunctivalsack aus¬ 
zuspülen, indem aus einem in Wasser getauchten Schwamm an der Nasenseite ein¬ 
getropft und an der Schläfenseite aufgefangen wird. Der Geübte wird dio Lider 
umstülpen und mit den ectropionirten Lidern die Cornea decken, während jene ab¬ 
gewischt werden. 

Damit und mit kalten Compressen bricht man die Gefahr der ersten Tage in den 


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meisten Fällen und thut gut, es auch dabei bewenden zu lassen, bis die Acme 
vorbei, die Schleimhaut dunkelroth, weich, faltig, die Lider ganz leicht zu ec- 
tropioniren und das Secret dicker Eiter ist. 

Das wissen Sie zwar schon, m. H., aber ich wiederhole es doch, weil 
nach meinen Erfahrungen noch sehr oft zu früh und zu stark geätzt und damit 
eines der schädlichsten Momente eingeführt wird : das Verbleiben einer harten, die 
Cornea gleich einem Fremdkörper aufkratzenden Eschara. Ich* bin heute noch, 
nachdem ich manches Hundert Blennorhoischer behandelt habe, durchaus Anhänger 
der v. Gräfe 'sehen Methode resp. der Benutzung des mitigirten Stifts; warne aber 
bei dem jetzt häufigen Vorkommen dip htheritischer Mischformen, die 
unsern Freunden in Neuenbürgs Bergen schon längst bekannt sind, dringend 
vor früher Aetzung, ja rathe dem Ungeübten, lieber eine 2procentige Lösung auf 
die umgestülpten Lider einmal täglich zu appliciren. Das aus Bequemlichkeit im¬ 
mer noch häufig verordnete Einträufeln von schwachen Lösungen dient in Laien¬ 
hand nur zur Schwarzfärbung des Gesichts und ist eine wohlfeile Art, die Ver¬ 
antwortung von sich abzuwälzen. Nur diese Bemerkungen, die ich überschreiben 
könnte „zum Schutze der Cornea“, wollte ich in Betreff der Therapie der Blen- 
norhee machen und bitte Sie, nun noch einen Sprung in das späte Mannesalter mit 
mir zu wagen. 

Da finden Sie — in unseren noch trachomfreien Gegenden — die traumatische 
eitrige Keratitis, die sog. Hypopyon-Keratitis, von Sämisch sehr bezeich¬ 
nend U1 cu8 serpens. genannt, als häufigste und gefährlichste Corneaerkrankung. 
Sie kennen sie alle im Sommer bei der Ernte, im Winter bei der Arbeit im Walde 
den Bauernstand, das ganze Jahr Berufsarten treffend, bei denen leicht abspringende 
Stücke das Auge treffen (Holzhacker, Steinhauer etc.), und haben wohl in der Mehr¬ 
zahl schon Augen verloren gehen sehen. Ich habe mich anderswo über meine Auffas¬ 
sung dieser Form ausgesprochen — als einer aus primärem traumatischem Epithel¬ 
verlust hervorgehenden inficirten Geschwürsbildung, sei die Inficirung in der Blen- 
norhoe des Thränensacks, in der Conjunctiya oder in der Atmosphäre zu suchen — 
hier will ich, wie überhaupt in diesen Miseellen, nur in therapeutischer Rich¬ 
tung mich äussern. Die Form ist so leicht zu kennen an dem im oder unter dem 
Centrum liegenden flachen Geschwür mit gelbweissem Rande und deutlicher in 
der Tiefe der vordem Kammer sitzender Eiteransammlung. Lassen Sie, meine 
Herren, bei diesem Bilde ja den antiphlogistischen Apparat zu Hause: Kälte scha¬ 
det, und Blutegel nützen nur dem Verkäufer. Das Beste ist in frischen Fällen bei 
kleinem Geschwür und Hypopyon fester Schlussverband, vorausgesetzt, dass keine 
Dacryocystoblennorhoe da sei; in letzterem Falle nach Spaltung des Thränenkanäl- 
chens oder bei reichlichem Secret des Thränensacks und Ausspritzen desselben, 
tüchtiges Auspinseln des Geschwürs selbst mit Chlorwasser täglich 1—2 Mal. So han¬ 
deln Sie der Aetiologie gemäss! Je seltener wir dies thun können, desto fester 
sollen wir darauf halten. Ist kein Inficiens in nächster Nähe der Cornea vorhanden, 
so schützen wir 6ie vor der Luft und unterstützen die Heilung durch möglichste 
Immobilisirung der Lider; ist dagegen das Inficiens im Thränensack oder der Con- 
junctiva, so desinficiren wir, und vorsichtig ist es, die Desinfection nie zu unter- 


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lassen! Kommen Ihnen die Fälle spät und weit entwickelt zu oder progredirt ein¬ 
mal einer der schon in Behandlung befindlichen, dann spalten Sie das Geschwür, 
wie Sämisch räth, und halten Sie die Wunde mit einer Sonde offen, bis die Eite¬ 
rung nicht mehr weiter schreitet. 

Ich scldiesse mit dem Bewusstsein , wenig Neues gesagt zu haben; aber mit 
der Hoffnung, durch schärfere Indicationsstellung mehrere der Anwesenden ermu- 
thigt zu haben, aüch bei Augenkranken zwar nicht Specialisten, ober tüchtige prac- 
tische Acrzte zu sein. 


"V* ereinsberioh te. 


Medicinische Gesellschaft in Basel. 

XIV. Sitzung 19. November 1874. Anwesend 27 Mitglieder. 

Prof. Bischof? demonstrirt ein lebendes, 3 Tage altes Mädchen von einer gesun¬ 
den II-Gebärenden, deren erstes Kind wohlgebildet ist, in Kopflage geboren, das 
sich lebhaft bewegt, schreit, eingeflösste Nahrung gut schluckt und Meconium und 
Urin entleert Gewicht 6 Stunden post partum 2800, Länge 49 25 /a 4 - Rumpf incl. 
Genitalien und Extremitäten wohlgebildet. Kopf vcrhältnissmässig klein, auffallende 
Abplattung der Stirne. Diam. F. O. 9.3 Circumferenz 29,3- D. Bip. 8,5, Bitemp. 8. 
Mittlere Hasenscharte durch Mangel des Zwischenkiefers, Rachen nicht gespalten, 
Zunge normal. Andeutungen von Nasenbeinen und ein einziger dünner Nasen¬ 
knorpel, Nasengegend eingesunken. Links geht die Spalte gegen den innern Au¬ 
genwinkel höher herauf als Andeutung einer linksseitigen Gesichtsspalte. Während 
das rechte Auge normal gebildet ist und eher eine zu kleine Lidspalte besitzt, 
zeigen sich links beide Lidspaltwinkel verlängert, beide Lider beträchtlich ver- 
grössert, Palpebralcollobom am obern Lid; Exophthalmus, bimförmig gespaltete 
Pupille mit Spitze innen unten. Von der Mitte des obern Orbitalrandes am linken 
Auge erhebt sich eine rüsselförmige, dem Nasenrüssel bei Cyclopenbildung voll¬ 
ständig entsprechende Vorragung mit schmaler Basis, die einen kleinen Knochen¬ 
vorsprung in sich trägt mit breiter Spitze. Gesammtlänge 2,75 Cm. Der Rüssel 
trägt 1 Cm. von der Basis eine circuläre Einkerbung und endet mit einer napf- 
formigen Vertiefung, in deren Centrum sich ein 1,75 langer Canal befindet, welcher 
reichlich klares Serum ohne jegliche Formbestandtheile secernirt. Seine Haut be¬ 
sitzt zahlreiche Talgdrüsenöffnungen, wie sie sonst an der Nase des Neugebornen 
getroffen werden. Beim Schreien und Runzeln des Gesichtes bewegt sich der 
Rüssel lebhaft und schwillt etwas an. Kopfknochen und Ohren vollständig symme¬ 
trisch. Die Deutung des Rüssels als Nasenrüssel wäre sehr naheliegend, wenn er 
sich nicht vollständig extramedian befände. 

Prof. Roth glaubt, gestützt auf die Form des Rüssels, auf den vorhandenen 
Canal und die talgdrüsenreiche Haut, dass es sich dennoch um einen Nascnrüssel 
handelt, welcher vielleicht durch zeitweise ovoamniotische Verwachsung nach der 
Seite gezogen worden ist. 


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37 


Dr. Fischer erinnert in warmen Worten an den kürzlich verstorbenen Herrn 
Prof. Brenner , seine Verdienste als Vertreter der Psychiatric und Arzneimittellehre 
an der Universität, seine Befähigung zum practischen Psychiater und endlich seine 
wohlwollend collegiale Gesinnung, die er noch bei der letzten Rheinfahrt be¬ 
tätigte. 

Dr. Albert Burchhardl theilt mit, dass der Antrag der Section Basel in Olten sei 
angenommen worden. 

Derselbe interpellirt Rathsherrn Müller wegen des neuen Impfgesetzes. 

Rathsherr Müller erklärt sich bereit, in der nächsten Sitzung den Entwurf mit 
der medic. Gesellschaft zu besprechen. 

Prof, tlagenbach theilt einige Erfahrungen mit über Incubationsdauer der 
Scarlatina; die Angaben darüber schwanken; Thomas gibt 4—7 Tage an, an¬ 
dere mehr, z. B. Gerhardt 11 ; seltener sind kürzere Angaben, doch stellt Thomas 
Fälle von 4—1 Tag zusammen. 

Ref. legt nun Beobachtungen vor aus der letzten Epidemie. Alle Scarlatina- 
patienten wurden im Absonderungshaus des Kinderspitals behandelt, mit vollstän¬ 
digem Abschluss des Personals, ausgenommen die Aerzte, die ihrerseits durch eng 
anschliessende leinene Kutten, Carboiwaschung und Chlorräucherung sich möglichst 
desinficirten. So blieb im Hauptgebäude jede Erkrankung aus, vom Beginn am 
2. März bis 7. Mai. Am 26. April wurde ein Kind zum Besuch hereingebracht, 
das scharlachkrank war; nach 11 Tagen erkrankte ein Knabe, der sich besonders 
mit ihm beschäftigt hatte; derselbe wurde noch ohne Exanthem nach 1 ‘/ 2 Stunden 
auf die abgeschlossene Station der Verdächtigen im III. Stock entfernt; nach 
7 Tagen erkrankte dessen Bettnachbar und nach weitern 14 der Bettnachbar des 
letztem; dieser, auf einem Balcon von den andern getrennt, wurde nach einer 
Stunde sofort ins Absonderungshaus verlegt; von da an keine weitern Fälle. 

Ein anderes Kind wuTde mit etwas Abschuppung und Diphtherie in das Zim¬ 
mer der Kleinen gebracht; nach 3 Tagen erkrankte ein jähriges Nachbarkind. 

Zwei mit Hydrops post scarlatinam wurden im Hauptgebäude ohne Ueber- 
tragung aufgenommen, während es auch dafür in der Literatur Beispiele gibt. 

Aus der Verdächtigen-Station wurden die Patienten, sobald es sicher war, ins 
Absonderungshaus gebracht und zwar die Betten nicht durch das Haus, sondern 
durch das Fenster. 

Die Uebertragung fand also statt im Beginn der Krankheit noch ohne Exan¬ 
them und wieder bei bestehender Abschuppung, im letztem Fall mit Incubation 
von 3 Tagen. 

Prof. Bischoff erwähnt, dass nach englischen Berichten besonders bei Schwän¬ 
gern die Incubation oft nur 2 Tage sei. 

Prof. Immermann erwähnt einen Fall von Scarlatinainfection bei einem schweren 
Typhus gegen das Ende. 

Von mehreren Seiten wird der Chlorräucherung Carboizerstäubung vorgezogen. 

Prof. Hagenbach fragt ferner nach Beobachtungen von Icterus catarrha- 
lis, wovon er 4 Fälle in den letzten Wochen gesehen hat; erinnert an die übri¬ 
gen in der Literatur beschriebenen Fälle von epidemischem Auftreten desselben. 


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Die Discussion scbliesst mit der Bitte, die beobachteten Fälle dem Referenten 
zu melden. 

Prof. Roth legt einen Unterschenkel mit Kankroidgeschwür 
vor, welcher von Herrn Dr. Kappeier in Münsterlingen einem 44jährigen Mann am- 
putirt worden war. Das Kankroid hatte sich aus einer seit 34 Jahren bestehenden, 
beständig eiternden Knochenfistel entwickelt, gegen welche im Lauf des Jahres 
zwei Sequestrotomien der Tibia vorgenommen wurden; wegen zunehmender Ver- 
grösserung des Geschwürs erfolgte schliesslich die Amputation. Das über hand¬ 
grosse Geschwür zeigt den Bau eines Epithelialcarcinoms, ein grosser Theil der 
Tibia ist carcinomatös infiltrirt, in den Muskeln finden sich zwei bohnengrosse 
Krebsknoten. — Das Präparat ist ein neuer Beleg zu der alten Erfahrung, wie ur¬ 
sprünglich gutartige Veränderungen unter Umständen zum Ausgangspunkt von bös¬ 
artigen Geschwülsten werden können. 


Referate und Kritiken, 


„Urne oder Grab?“ 

Von dor Tit. Redaction sind dem Einsender zwei Brochuren zur Besprechung Über¬ 
macht worden. Die erste enthält „die Leichenverbrennung vom Standpunct der Hygieine“, 
von Dr. Baginsky und „Über Pietät gegen die Todten“ (Berlin, bei Denicke), von Dr. Bern¬ 
stein; die andere eine Untersuchung über „die der Menschheit zuträglichste Bestattung 2 , 
von Dr. J. B . Ullersperger (Erlangen, bei Enke). Die erstere bewegt sich in der gemes¬ 
senen Form wohl ausgearbeiteter Vorträge, besonders Dr. Baginsky mit Maass im Urtheil; 
die zweite gibt eine überlaufende Fülle von historischen , archäologischen , statistischen, 
technisch-öconomischen, naturwissenschaftlichen, literarischen, glaublichen und unglaub¬ 
lichen Mittheilungen, dabei Citate der Classiker alter und neuer Völker mit Abschnitzeln 
aus Tagesblättern gemischt: alles das durchsetzt mit geistreichen Bemerkungen. Dr. Ba¬ 
ginsky kömmt zu dem Schlüsse: cs sei die Verbrennung der Leichen für grössere Städte 
überhaupt, für jeden Ort zur Zeit der Epidemien ein unabweisbares Postulat der öffentlichen 
Gesundheitspflege; bei günstigen Anlagen mögen die Friedhöfe kleinerer Orte als un¬ 
schädlich fortbestehen. Dr. Bernstein nennt die Verbrennung „die vollkommenste und 
reinste Lösung einer unhaltbaren Gemeinschaft zwischen Vergänglichem und Ewigem, 
zwischen Leib und Seele 2 ; aus ihr kann die auf der Bahn der Cultur fortschreitende 
Menschheit „wie ein Phönix aus seiner Asche verjüngt hervorgehen 2 ; „sie hat eine ge¬ 
waltige Tragweite gesundheitlich, volkswirthschaftlich, durch Einfluss auf Gesittung, Kunst 
und Wissenschaft“. Dr. Ullersperger wirft die ganze Fülle seiner Argumente in die Eine 
Wagschale für Verbrennung, für die Urne. 

Wir wenden uns zur Sache selbst, welche bereits in einer weitschichtigen Literatur 
erörtert und schon seit geraumer Zeit io den verschiedensten Kreisen zu Stadt und Land 
besprochen wird. Die hiebei immer wiederkehrenden Gesichtspuncte sind der hygieinische, 
der kirchlich-religiöse, der ästhetische und der national-Öconomische. 

1. Die Frage der Leichenverbrennung ist zu unsern Zeiten von zwei verschiedenen 
Seiten zugleich in Anregung gebracht worden. Die in Folge unserer Verkehrsentwick¬ 
lung mächtig anwachsenden Städte finden für die Todten keinen Raum mehr; und die 
eingehenden wissenschaftlichen Untersuchungen über die Bedeutung von reiner Luft und 
reinem Wasser für das physische Leben und daherige sanitätspolizeiliche grosse Vorkeh¬ 
ren nehmen einen grassen An^toss an der bisherigen Bestattungsweise. Wir fassen vor¬ 
erst blos die letztgenannten Rücksichten ins Auge. 


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tSs wird da hingewiesen auf die ungeheure Menge von sich zersetzenden Orga¬ 
nismen und auf die nothwendigen Übeln Einflüsse der Zersetzungsproducte auf Luft und 
Wasser nach Pettenkofer 'scher Grundwasser- und Grundlufttheorie. Da wird hingewiesen 
auf die unerklärliche Entstehung und Verbreitung von Cholera und Typhus. Dr. Bernstein 
sagt: „durch die Beerdigung ist Egypten, das schöne gesunde Land im Mittelalter, zur 
Brutstätte der schlimmsten Krankheiten, der Pest und Pocken geworden, die von da aus 
wie eine Geissei Gottes sich über die Länder verbreiten ; die Bevölkerung ist denn auch 
von 8 auf 3 Millionen reducirt worden, das Beerdigen der Leichen ist die allein nach¬ 
weisbare Quelle der Entvölkerung. Noch heute lösen sich alle zwei oder drei Jahre in 
grausiger Abwechslung Epizootien und Cholera in diesem einst so hoch civilisirten Lande 
ab. a Das sind „grausige“ Uebertreibungen. Die internationale Expertencommission hat 
über Egypten hinaus gehen müssen, zunächst nach Djedda, um sich die Entstehung 
und Verbreitung der Epidemie zu erklären, das sollte denn auch in Berlin bekannt sein. 

Selbst der sonst besonnene Dr. Baginsky weiss, dass in „dem besten, porösesten Bo¬ 
den von der Choleraleiche die Luft aus dem Boden aufsteigt, geschwängert mit Milliar¬ 
den von Cholerakeimen“! und wir „schaffen durch die Beerdigung von Cholera- und 
Typhusleichen Centralherde der Infection“ u. s. w. Das sind Annahmen, aber noch keine 
Belege. Freilich soll die Richtigkeit jener Theorien vor Allem aus aus der Beschaffen¬ 
heit des Trinkwassers bewiesen werden. Aber es ist nun einmal eine bekannte That- 
sache, dass das sorgfältig untersuchte Quellwasser der Berliner Kirchhöfe als „rein“ und 
dasjenige der Pariser als „nicht unrein“ erklärt worden ist. Einsender hat einen laufen¬ 
den Brunnen, welcher auf dem wohl ältesten Friedhof in Baselland entspringt, da auf 
demselben tief in der Erde schon ein römischer Grabstein gefunden worden ist und ur¬ 
kundlich nachweisbar schon den 14. April 752 hier ein christlicher Begräbnissort be¬ 
standen hat; im Jahre 1855 wurden hier die Choleraleichen, wie andere von jeher, bis 
auf 10 Fuss Nähe der Brunnstube beerdigt, und noch nie hat sich ein Uebelstand erge¬ 
ben. (Seit 1862 ist der Ort als Begräbnissplatz nun geschlossen, weil er auf einmal als 
lebensgefährlich betrachtet wurde). In Kilchberg ist am Abhange unmittelbar unter dem 
Friedhof und blos 62 Fuss entfernt, ein Ziehbrunnen angelegt; eine von Prof. Goppetsröder 
vorgenommene Untersuchung hat keine Verunreinigung des Wassers nachgewiesen. Ueber- 
haupt fehlt es auch an jedem positiven, thatsächlichen Beweise, dass die Nähe des Fried¬ 
hofs, sei es durch das Medium der Luft, sei es des Wassers, den Lebenden gefährlich 
sei, und die übertriebenen Auslassungen und Schilderungen, welche nun einmal gegen die 
Erdbestattung gerade nach dieser Seite hin gegeben werden, sind wenigstens nicht immer 
bestätigt durch die Erfahrung. Sagen wir doch ganz offen : der jetzige Stand unserer 
Kenntniss der hier in Frage kommenden Processe lässt uns solches annehmen; da es 
nun einmal nicht so ist, so müssen wir jene chemischen und physikalischen Vorgänge 
noch näher kennen lernen. 

Eh wird hingewiesen auf die Schlachtfelder und deren schrecklichen Nachlass. Die 
Erfahrungen von Varna, Solferino, Metz u. a. schreien gewiss laut um Abhülfe grauen¬ 
hafter Zustände. Ob aber gerade da der Feuerofen das richtige Abhülfsmittel ist, lässt 
sich erst noch fragen. Wenn von den Feldern von Metz an 40,000 (Menschen- und 
Thier-) Leichen entfernt werden mussten, so hätte für den kurzen Zeitraum zwischen 
Tod und Uebergang in Fäulniss so vieler Organismen eine Zahl von Oefen mit all’ ihrer 
umständlichen Einrichtung vorhanden sein müssen, wie solche schwerlich zu beschaffen 
gewesen wäre. 

Es wird uns aber bei alledem nicht gesagt, welches die hygieinischen Folgen einer 
solchen massenhaften an Ein Local gebundenen Gasentwicklung etwa auf eine Stadtbe¬ 
völkerung sein möchte. 

Das ist allerdings eine ausgemachte Thatsache, dass in den sich zersetzenden Orga¬ 
nismen sich dem lebenden feindliche Potenzen entwickeln (Leichengift) und dass in Zei¬ 
ten herrschender Epidemien allgemein schädliche Exhalationen der Leiche gefürchtet wer¬ 
den; schon diese Furcht rechtfertigt ein beruhigendes Verfahren. 

2. Von kirchlich-religiöser Beite ist uns kein Ein wand gegen die Verbrennung denk¬ 
bar. Allerdings ist einst die Kirche für die Beerdigung eingestanden. Allein durchaus 
nicht aus dogmatischen Gründen, sondern aus ethischen. Den Armen , den Gedrückten 
und Verachteten nahte das Evangelium als Trösterin; es wandte sich ab von denen, 


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Welche in sinnlosem Pomp und in verschwenderischer Pracht den von wohlriechenden 
Oelen und Gewürzen duftenden Scheiterhaufen auf dem Forum schichteten, und gesellte 
sich dem kleinen und verschüchterten Gefolge zum Grabe bei. Und da nun einmal jede 
Religion mehr oder weniger klar ahnt, dass der Ausgang aus diesem Leben im Zusam¬ 
menhänge steht mit noch irgend Etwas, und darum dieseu Ausgang mit dem Ausdrucke 
seiner Ahnungen und Ueberzeugungen umgibt, so war dies auch der Fall bei den man¬ 
nigfaltigen Religionen des zerfallenden Römerreichs und da wies die mächtiger gewordene 
Kirche dann die in Eins verbundenen Bräuche und Cercmoniell zurück, und das um so 
mehr, da die Feuerbestattung geradezu als eine paganische Demonstration auftrat. 

Die Verbrennung wird von allen Besprechern der Sache als eine einfach beschleunigte 
Incineration bezeichnet. Was in der Erde mehrerer Jahre bedarf, der Process der Auf¬ 
lösung, das wird hier in einer Stunde durchgeführt. Da wird auch die klarste Unsterb¬ 
lichkeitshoffnung, die Hoffnung auf ein persönliches Fortleben, durch diese Flamme nicht 
berührt „Das Fleisch kann das Reich Gottes nicht ererben“ und die Hinterlassenen 
können um so getroster dem verzehrenden Processc zuschauen, da sich mit ihrer Hoffnung 
zugleich die Ueberzeugung von der Liebe und Macht eines persönlichen Gottes als Vater 
verbindet, welcher vor unseren Augen verborgen das „Wie“ nach dem Tode sich selber 
Vorbehalten hat und nur unser kindliches Vertrauen, unsern Glauben verlangt. 

3. Aber das ist den Hinterbliebenen nicht gleich, ob der Act der Bestattung etwa 
ein Schnitt durch das Band der Gefühle bildet, das sie mit den Abgeschiedenen verbin¬ 
det. Es ist nach des Einsenders Ansicht durchaus nicht das Richtige, wenn, um den 
Act der Feuerbestattung recht glänzend und rein zu malen, alle Schrecken und abscheu¬ 
lichen Bilder auf den Act der Zersetzung im Grabe geworfen werden. Hierin wird so 
Ungeheuerliches und Unwahres selbst von Autoritäten zusammengeschrieben, dass man 
sich sehr unerbaut abwendet. Einsender war dabei, als ein ganzer Todtenacker mit 128 
Leichen in allen Stadien der Zersetzung verlegt wurde: es war eine peinliche Arbeit, 
aber man fand da kein Gewürm und selbst der Geruch war nicht das Lästigste. Ein¬ 
sender dies hat ferner in Basel der Oeffnung eines Grabes beigewohnt und dabei folgen¬ 
des ergreifende Schauspiel gesehen. Als der Sargdeckel (er war noch unversehrt) geho¬ 
ben wurde, da lag die Leiche des vor .24 Jahren Begrabenen noch kenntlich mit seinen 
Zügen da — zusehends verwischten sich unter dem Zutritte der Luft die Züge und die 
Linien der Gestalt, sie verschwammen und es war nach etwa 10 Minuten nur noch ein 
längliches Häufchen Asche da, welches fein und fettig anzufühlen war. 

Der Act der Erdbestattung nun schlicsst sich an die Gefühle der Scheidestunde wohl 
ebenso gut oder noch besser an, als die Feuerbestattung. Der Tod, der unerbittliche, 
vor dem auch der letzte irdische Helfer, der Arzt, rathlos steht, tritt als eine von aussen 
kommende Macht in den Kreis Derer, die im Leben verbunden waren. Unsere eigene 
Kraft kann ihn nicht hinausstellen und darf ihn nicht herbeiführen; wir beugen uns unter 
eine unabwendbare Naturnothwendigkeit. Und das wohl entseelte, aber immer noch 
theure Bill soll nun gleichsam mit eigener Hand der Zerstörung übergeben werden? 
Gar Viele werden doch vorziehen, einer weitern andern Macht, der Erde, es zu über¬ 
lassen, still und verschwiegen diesen peinlichen Process durchzuführen. 

Was nun die äussere Form betrifft, unter welcher die Erinnerung fortlebt, so betre¬ 
ten wir mit der Betrachtung derselben das Gebiet des Geschmacks, und da lässt sich 
bekanntlich streiten. Urne oder Grab. Das ist uns wohl Allen klar, dass es Aufgabe 
der Kunst ist, den richtigen Ausdruck zu finden, und dass gerade die künstlerische Ge¬ 
staltung des Andenkens an Geschiedene einen grossen Theil des Kunstlebens der Völker 
ausmacht. Dieses Thema bespricht gerade Dr. Bernstein einlässlich, aber nach unserer 
Ansicht nicht glücklich. Es ist geradezu nicht richtig, wenn er die antike Kunst fort¬ 
blühen lässt bis zu ihrem Contact mit dem Christenthum und die Zerstörung der Meister¬ 
werke diesem zu Lasten schreibt. Als die Römer von den Höhen des Capitols herab 
ihre Reihen von Statuen auf dio andringenden Gothen niederschmetterten, da war ihnen 
das hellenische Kunstlcben schon lange fremd geworden; überhaupt hat auch das sieges¬ 
stolze Rom seine Künstler aus Griechenland geholt und nie recht nach Italien verpflanzen 
können. Mummius war doch kein Christ und wir kennen seine Taxation der Kunstwerthe 
von Korinth. Es theilt sich eben die göttliche Gabe der Kunst nicht nach den Religions¬ 
bekenntnissen, sondern nach ganz andern Gesetzen mit, und sie fasste selbst auf Grund 


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ihres heidnischen Ursprungs wieder tiefe Wurzeln in christlichen Ländern, als ihre Zeit 
erfüllt war. 

Und es ist nicht richtig, wenn er geradezu „die Verherrlichung des Todtengerippes“ 
bezeichnet als „eine Frucht der Leichenbeerdigung", wobei „der christliche Kirchhof die 
Wiege ist dieser Ausgeburten von Furcht und Aberwitz". Es liegt doch viel näher, den 
ganzen Unfug des Reliquiencultus zurückzuführen auf die Sammlung von Knochen und 
Knöchelchen in Urnen und Columbariennischen. Im Evangelium selbst liegt kein Motiv 
zur Verherrlichung der Gebeine; es fand eine solche erst in fremdem Lande vor und 
zwar in voller Blüthe. Und gerade diese Seite der Feuerbestattung ist es, welche nach 
der Ansicht des Einsenders gegen eine solche spricht. 

Welche Seite der Gefühle soll durch diese gesammelten Aschen und calcinirten 
Knochen berührt und angesprochen werden? Einsender hat in den Columbarien Roms 
selber diese Frage an sich gestellt und keine befriedigende Antwort gefunden. Als er 
sich Angesichts dieser Nischen in Gedanken im Besitze der Asche seiner Geliebtesten 
sah, da stieg er aus der Tiefe hervor und schaute nach einem schattigen Rasenplatze mit 
einer Ruhebank aus. 

Allerdings ist der Anblick unserer Kirchhöfe gewöhnlich ein wenig erhebender und 
die Kunst findet da in der Regel keine Heimath. Aber das ist nicht die Schuld der 
Erdbestattung . sondern des Mangels an Kunstsinn. Wenn einmal statt der Grabsteine 
die Urnen in Uebung kommen sollten , so würden diese wohl wie jene dem Kunstsinn 
der Hinterlassenen entsprechen und wohl selten nach classischen griechischen oder etruri- 
schen Modellen gearbeitet sein. Es wäre wohl schwer zu sagen, ob nicht gerade diese 
schablonenmässigen Urnen des Jahrmarkts nicht noch geistloser ausfallen würden als un¬ 
sere gewöhnlichen Grabsteine. 

Es trifft die für die Erdbestattung gewöhulich angenommene Zeit eines Turnus so 
ziemlich zusammen mit dem durchschnittlichen Lebensalter einer Generation. In der Re¬ 
gel also wird das Grab des Vaters vom Kinde gepflegt, bewacht, besucht bis zu des 
Kindes Tod, dann wird es umgegraben und der Stein entfernt Dieser hat seinen Dienst 
gethan, er hat dem Kinde die Ruhestätte des Vaters bezeichnet und tritt nun als ge¬ 
schichtliches Denkmal in die grosse Zahl derer zurück, welche als Andenken dem wei¬ 
tern Kreise der Gemeinde angehören. Hier pflanzet die Kunst auf die Friedhöfe, und 
wenn ihr nicht wisset, wie das thun, geht auf den campo santo in Pisa, in dessen Hal¬ 
len die Gesohichte der ghibellinischen Stadt so gewaltig von todten Steinen docirt wird. 
Das kann man auch im Kleinen machen. Aber wenn die Urnen in den knappen Woh¬ 
nungen von einem Winkel in den andern geschoben werden , wenn sie zerbrechen, und 
es werden Asche und Knochen zerstreut; oder wenn nach dem Tode der sorgsam hüten¬ 
den Nachkommen die Urnen der Vorfahren keine liebende Hand mehr finden, sondern 
ausgelcert und gar zu häuslichen Zwecken verwendet werden oder in Scherben um das 
Haus herum liegen — da wendet sich der Genius der Kindesliebe wie der Kunst ab. 

Saget nicht, die Gemeinden werden Columbarien bauen: wir kennen die Archive, die 
Geräthsammlungen, die Bibliotheken, die Magazine der Gemeinden und ihren Zustand un¬ 
ter den rasch wechselnden Behörden. 

Wir kommen also hier zum Schlüsse, dass der Kunstgehalt der Pflege des Anden¬ 
kens an die Verstorbenen nicht abhängt von der Bestattungsweise, sondern vom obwal¬ 
tenden Kunstsinn. 

4 . Die öconomische Seite der Frage berührt sowohl das Allgemeine als auch die 
Privaten. Diese letztem wohl weniger, da seit der Auffindung einer practischen Lösung 
der Frage der Verbrennung auch eine Kostenberechnung möglich ist und diese immerhin 
keine exorbitanten Ansprüche macht Wir betrachten nämlich den ätimifu’schen Ofen als 
eine Lösung des aufgestellten Problems. In volkswirtschaftlicher Beziehung wird sich 
die Frage wohl einfach auflösen in das Dilemma: Brennmaterial oder Bodenfläche, was 
kommt billiger zu stehen? Das mag nun allerdings ganz von örtlichen Verhältnissen 
abhangen. 

Wir vermögen nicht uns zu versteigen zu Richter *s Speculation mit der Verbrennung 
zur Gewinnung gewerblich und landwirthschaftlich nützlicher Stoffe; wir können auch, 
wie schon oben bemerkt, nicht Dr. Bernstein *s Ansichten über die Entvölkerung Egyptens 
theilen und vermögen, als langjähriger Vorstand eines landwirtschaftlichen Vereins, auch 


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nicht dem Fluge seiner hoffnungsvollen Phantasien zu folgen, wenn er auf Sicilien hin¬ 
weist, die einstige Kornkammer Roms, welche gegenüber der frühem 6 Millionen jetzt 
kaum ihre 1,900,000 Menschen zu ernähren vermag ; wenn er ferner hindeutet auf den 
undankbaren Erwerbszweig der Landwirthschaft in Europa, und all’ die Uebelstände hei¬ 
len will durch die Leichenverbrennung. „Die Beerdigung der Leichen ist eine der schlimm¬ 
sten volkswirtschaftlichen Sünden, welche die Welt gesehen 4 u. s. w. Bei Auhörung 
all’ dieser Exclamationen fällt uns ein, dass es w r ohl auch ein volkswirtschaftliches Mo¬ 
tiv, war, welches in Attika das Verbot des Leichenbrandes wegen Mangels an Holz 
aufstellte. 

Summa summarum, kommen wir zu dem Schlüsse, dass unter gewissen Umständen 
die Verbrennung zur Notwendigkeit werden köune , dass aber die Beerdigung wohl die 
übliche Bestattungsweise bleiben werde, und das um eo mehr , wenn bei Anlage und 
Unterhaltung der Friedhöfe immer mehr mit Sorgfalt und Umsicht vorgegangen wird. 

B. 


Die Behandlung von Geschwüren mit besonderer Berücksichtigung der Reverdin’schen 

Transplantation. 

Von Hermann Maas, klin. Assistent in Breslau. Sammlung klin. Vorträge Nr. 60. Leipzig, 

Breitkopf & Härtel 

Nachdem Verfasser das Geschwür als eiternde Fläche mit molekularem Zerfall de- 
finirt, stellt er für die Behandlung desselben folgende Puncte als leitende Grundsätze auf: 
1) soll man den molekulären Zerfall zum Stillstand bringen, 2) die jetzt entstandene gra- 
nulircnde Fläche der Vernarbung zuführen und 3) die Narbe günstig und widerstandsfähig 
gestalten. 

Das einfache Geschwür erfordert sorgfältige Reinlichkeit und Ruhe des Glie¬ 
des. Die Eiterung schränken wir durch Abhalten der in der Luft befindlichen Schäd¬ 
lichkeiten möglichst ein, und zwar am besten entweder durch das Listet*sehe Verfahren 
oder den Volkmann *sehen Watteverband (der von A . Guerin wiedererfunden wurde). Die 
Erfolge der letztem Behandlung sind besonders für die wenig Tendenz zur Heilung zei¬ 
genden varicösen Beingeschwüre ganz ausserordentlich. 

Von den vielen medicamentösen Mitteln, welche für Geschwüre gebraucht und em¬ 
pfohlen werden, wirken ein Theil wesentlich desinficirend (Chlorwasser, schwache Salz¬ 
lösung u. s. f.), ein anderer Theil, die Alcoholica (Vin. camphorat. u. s. f.) thrombosirend 
auf die oberflächlichen Capillaren, und reizend , d. h. den Blutzufluss aus den grossem 
Gefassen steigernd; ein dritter Theil endlich, die Balsamica, wirken, ohne stark zu throm- 
bosiren, noch kräftiger den Blutzufiuss steigernd und die Auswandung der weissen Blut¬ 
körperchen befördernd. 

Für das entzündliche Geschwür sind ganz dieselben Behandlungsweisen am 
Platze; es muss aber vorerst die Entzündung durch Ruhe, kalte Umschläge und Inciaionen 
bekämpft werden. 

Das neuralgische Geschwür erfordert vor Allem lncisionen zur Entspannung 
der blosliegenden oder gedehnten Nerven, z. B. bei Fissura ani. 

Das callöse Geschwür kann in leichten Fällen oft mit Erfolg durch Bepinseln 
der Ränder mit Jodtinctur behandelt werden oder durch Wasserumschläge mit Kochsalz¬ 
zusatz (um Maceration der Epidermis zu verhüten); sicherer aber durch schräge Abtra¬ 
gung der Ränder und Watteverband, wodurch Volkmann sehr schöne Resultate erzielte. 
Auch die von Nussbaum wieder empfohlene Circumcisiou der Geschwüre hat gute Erfolge 
au fzu weisen. 

Noch mehr erfordert ein actives Eingreifen das torpide Geschwür (vom vori¬ 
gen dadurch unterschieden, dass es nicht nur in seinen Rändern, sondern auch in seiner 
Fläche verändert ist). Das Sicherste ist hier das Auslöffeln nach Volkmann , eventuell Zer¬ 
stören aller untauglichen Massen mit einem starken Aetzmittel. Die Combination des 
Auskratzens mit dem Galvanocauter wird in Breslau oft angewandt. 

Ist nun die Granulationsbildung im Gang, so müssen wir die Narbenbildung in der 
Weise überwachen, dass wir einer mangelhaften Entwicklung des jungen Gewebes duroh 


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reizende Verbandmittel nachhelfen, eine zu üppige Granulation dagegen cindämmen, ent¬ 
weder durch Aetzmittel oder durch den in diesem Stadium ganz ausgezeichnet wirkenden 
Druckverband, namentlich in Form der Bayntori'. schon dachzirgelförmig sich deckenden 
IIeftpflasterstreifen. Handelt es sich aber um sehr ausgedehnte Geschwüre, oder haben 
wir es mit einer grossen z. B. durch Maschinenverletzung oder Verbrennung entstandenen 
Wunde zu thun, die ihres beträchtlichen Umfangs wegen uns wenig Hoffnung auf Ueber- 
häutung bietet, so gibt uns die Erfindung von Jacques L. Reverdin (von Genf) ein Mittel 
in die Hand, mit dem wir unser Ziel auf unerwartet schnelle Weise erreichen können. — 
Man nimmt am besten an der Innenseite des Armes oder Bciues mit einer Lanzette ganz 
dünne Plättchen (2—6 mm. gross) Epidermis weg, und zwar so dünn, dass das retc Mal- 
pighi eben noch oberflächlich getroffen wird und so die Wunde nicht blutet, sondern sich 
nur ein rother Thau zeigt. Man bringt die untere Fläche des Läppchens sofort auf die 
unverletzten Granulationen (Anfangs machte man Incisionen in die Granulationen oder 
befestigte das Stückchen durch Nähte; es genügt aber vollständig, dasselbe durch einen 
Heftpflasterstreifen oder nur durch Watte etwas angedrückt zu erhalten). Die Studien 
über die histologischen Vorgänge bei . der Transplantation sind noch nicht abgeschlossen. 
Unter günstigen Umständen haftet schon nach 24 Stunden das Läppchen so fest, dass es 
nicht mehr abgespült werden kann. Am folgenden Tage stösst sich die Hornschicht des 
Läppchens ab und in den nächsten Tagen beginnt um das Läppchen ein Vernarbungs¬ 
rand, und es bildet sich, von der Grösse des Läppchens fast unabhängig, eine Insel, die 
selten grösser als ein 10 Centimessttick wird. Kleine Läppchen bilden relativ grössere 
Inseln. Die Ernährung geschieht wohl Anfangs durch die aus der Umgebung transsu- 
dirende Flüssigkeit. Nachher wird das Läppchen von Wanderzellen durchsetzt und es 
bilden sich Gefüssausläufer von den Granulationen, während die Gefässe des Läppchens 
obliteriren. — Die Narbenbildung ist als von den Epidermiszellen und zwar von denen 
des stratum mucosum ausgehende Proliferation zu betrachten (Ilautstückchen von Negern 
auf Weisse erzeugen pigmentirte Narbeninseln). — Als Zeitpunct für die Transplantation 
wählt man am besten den Moment, wo die Granulationen die Höhe des Randes erreicht 
haben und wo von Letzterem her die Bcnarbung bereits begonnen hat Die Granulatio¬ 
nen müssen gesundes Aussehen zeigen. Bei einiger Uebung und Geschicklichkeit reicht 
man mit einer Lanzette vollständig aus und sind die kostspieligen Scheerenpincetten über¬ 
flüssig. Grosse Epidermisstticke zu transplantircn hat keinen Vortheil, weil solche 
Pfropfungen oft fehlschlagen, und, auch wenn sie glücken, die Narbeninsel dadurch doch 
nicht im Verhältniss grösser wird. Andererseits sind die Angaben, dass mit dem Rasir- 
messer abgeschabte Epidermiszellen oder gar der Inhalt von Vesicatorblasen zur Pfropfung 
genüge , bis jetzt durchaus noch nicht erwiesen. Stückchen von der Innenfläche von 
Atheromen oder Dermoidcysten erwiesen sich vielfach, namentlich in Bezug auf reichliche 
Narbenbildung, als sehr günstig. Gewöhnlich wird man Stückchen von demselben Indi¬ 
viduum nehmen (es sollen schon Pocken und Syphilis durch Pfropfung von andern Per¬ 
sonen übertragen worden sein); nur bei kachektiscben Individuen thut man gut, sich 
Epidermis von jüngern kräftigen Leuten zu verschaffen. Die Anzahl der Läppchen lich¬ 
tet sich nach der Grösse der zu überheilenden Wunde. Man thut indess gut, erst den 
Erfolg von 0—8 überpflanzten Stückchen abzuwarten und dann nach Bedürfniss vorzu¬ 
gehen bis 100 und mehr. 

Die Vortheile der Methode sind: 1) dass wir die Dauer der Vernarbung bedeutend 
abkürzen, 2) dass wir die Ueberheilung von Flächen erzielen können, die man bisher 
kaum ermöglichen konnte, 3) dass wir die Narbe widerstandsfähiger machen. Man hat 
nämlich oft beobachtet, dass wenn eine solche junge Narbe von irgend einer Wundkrank¬ 
heit (Erysipel u s. f.) ergriffen wurde, die gepfropften Inseln stehen bleiben und einen 
Anhaltspunct für die Wiederheilung bieten. Es gelingt ferner, die Verwachsung zweier 
gegenüberliegender eiternder Flächen zu verhüten (sehr wichtig für die Behandlung der 
Syndaktylio und ähnlicher Difformitäten). Dass, wie Manche Anfangs glaubten, die eigent¬ 
lich plastischen Operationen sich durch die Trarsplantation werden ersetzen lassen, hat 
sich allerdings nicht bestätigt. Man müsste dazu grosse Stücke von der ganzen Cutis¬ 
dicke nehmen und dabei würde man öftere Misserfolge haben, als bei der wirklichen 
Plastik. 

Die junge Narbe muss in der ersten Zeit vor äussern Insulten sorgfältig geschützt 


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Werden, am besten durch Bedeckung mit Watte, und wenn nöthig Fixation des (Gliedes. 
M. empfiehlt, um durch Druck reichliche Epithelwucherung hervorzurufen, längere Zeit 
einen dachziegelförmig angelegten Heftpflasterverband tragen zu lassen, oder eine grosse 
Platte von Emplastrum consolidans , das 5 mm. dick auf Leder gegossen und der Form 
des Gliedes genau angepasst wird. Er hat so die andauernde Heilung von Unterschen¬ 
kelgeschwüren bei arbeitenden Männern durch Jahre beobachten können. Muralt. 


Allgemefne Pathologie der Krankheiten des Nervensystems. I. Theil. Anatomische 

Einleitung. 

Von Dr. G. Huguenin . Verlag von Zürcher & Furrer in Zürich. 

Das Streben der Pathologie, die Errungenschaften der Anatomie sich nutzbar zu 
machen, tritt wohl in keinem Zweige derselben mehr hervor, als im Gebiete des Central¬ 
nervensystems. Was sie bedurfte, war die Kenntniss des Faservcrlaufes, die Kenntniss 
der Topographie der Gewebselemente, der Orientirung der Centren und Leiter. Dass sie 
sich, von der Anatomie wenig befriedigt, von dieser ab und der experimentellen Physio¬ 
logie zuwandte, lag in der Natur der Sache. Die Pathologie fragt nicht nach der Zelle 
und Faser an sich, sie fragt auch nicht nach dem Centrum an sich, wenn sie nur weiss, 
wo ein solches sich befindet. Aus diesem Grunde sehen wir denn auch die auf rein 
histologischer Basis abgefassten Abhandlungen über Gehirnanatomie von der Pathologie 
wenig benützt. Es fehlte an einem mehr die Bedürfnisse der Physiologie und Pathologie 
berücksichtigenden Werke, welches zugleich gegenüber den bisher reichlich zusammen¬ 
getragenen einzelnen Bausteinen als einheitlicher Bau dastände. 

Mit Recht wurde daher die MeynerC sehe Abhandlung von allen Seiten mit Freude 
begrüsst In der That musste sie der Pathologie von unberechenbarem Nutzen erschei¬ 
nen, nicht so fast durch ihre histologischen Details, als vielmehr durch die Würdigung, 
welche in ihr den Leitungsbahnen zwischen Centrum und Peripherie zu Theil geworden 
sind. War dies nun theilweise schon durch frühere anatomische Arbeiten geschehen, so 
muss, wenn sie der Pathologie vielleicht weniger nützlich erschienen, der Grund in der 
vorherrschenden Masse von histologischen Einzelheiten, zwischen denen meistens erst die 
Verbindungen aufgefunden werden mussten, gesucht werden. In den auf Physiologie und 
Pathologie fussenden Abhandlungen muss nothwendig das histologische Interesse in den 
Hintergrund treten und an die Stelle monographischer, den Nichtanatomen ermüdender 
Ausführungen eine einfachere, die functioDelle Verschiedenheit der Centren und Leiter 
aufsuchende Behandlung des Stofles treten: eine gewisse Schematisirung, für den, der 
weder Zeit noch Lust hat, sich in längere Monographien zu veitiefen, allerdings er¬ 
wünschter. 

MeynerC* in jeder Hinsicht einzig dastehende Abhandlung strebt zum Theil eine solche 
Schematisirung an. Trotzdem dürfte sich der Anfänger und Studirende vielleicht wegen 
der concis gehaltenen und denn doch einigermassen Vorkenntnisse erfordernden Darstel¬ 
lung weniger mit ihr befreunden wollen. 

Fehlt es nun zwar nicht an Lehrbüchern , aus denen die Anatomie des Gehirns zu 
studiren ist, so ist, wenn ich nicht irre, denn doch nur in einem auch auf die 
neueren Darlegungen (MeynerC s) Rücksicht genommen. Ein elementares Lehrbuch indess, 
welches insbesondere den Bedürfnissen des Pathologen mit Rücksicht auf das Nothwen- 
digste und Wichtigste diente, wüsste ich aber nicht anzuführen, und insoferne füllt das 
obengenannte Buch des Herrn Prof. Huguenin in der That „eine Lücke in der Litera¬ 
tur“ aus. 

I)cr Zweck des Buches ist, dem Arzte und Studirenden bei der Orientirung in dem 
coinplicirten Bau des Gehirns ein Führer zu sein , eine Aufgabe, welche der Herr Verf. 
dadurch zu lösen gesucht hat, dass er die sämmtlichen anatomischen Thatsachen in mög¬ 
lichst schematisches Gewand zu kleiden sich bestrebte. Durch zahlreiche möglichst ein¬ 
fach gehaltene schematische Abbildungen ist die Uebersichtlichkeit des Ganzen wesentlich 
erhöbt. Eine entwickelungsgeschichtliche Uebersicht leitet das Buch ein. 


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Die makroskopische Anatomie, welche dem gewöhnlichen Gang der anatomischen 
Lehrbücher gemäss zuerst abgehandelt und an der Spitze der Gehirnanatomie sich zu 
finden pflegt, konnte der Herr Verf. allerdings nicht zu einem Übersichtlichen Schema ver¬ 
arbeiten, während allerdings aus der Meynert'?chcn Abhandlung ein solches sich ergibt 
Dieses, mit zuweilen wörtlicher Wiedergabe der Meynerf scheu Darlegung, ist mit möglichst 
schematischen Abbildungen dem Gesammten vorangestellt. 

Erst dann folgt die Betrachtung des äusseren Baues des Gehirns (makrosk. Anal), 
welche indess, ohne einen Tadel aussprechen zu wollen, mir beinahe etwas zu kurz be¬ 
handelt erscheint (Da denn doch immer der Standpunct des Studirenden zu berücksich¬ 
tigen ist) Es gereicht ihr zum Verdienst, den Leser mit der sonst wenig gesehenen 
Leuret'echen (nicht Gratiolet wie Herr Verf. angibt) Eintheilung der Säugethiergehirne 
wohl bemerkt mit nothwendigen entsprechenden Abänderungen (6. Leuret'sche Gruppe?, 
Elephantengehirn) bekannt zu machen. 

In dem weitaus grösseren Theil des Buches der mikroskopischen Anatomie hat sich 
Herr Verf. im Grossen und Ganzen an Meynert gehalten, dessen Darstellungsweise dem 
Leser nicht selten begegnet. Mit anerkenuenswerther Umsicht und Kenntniss hat aber 
der Herr Verf. die gesammte Masse des Stoffes durch möglichste Abtheilung in kleinere 
Capitel dem Leser zurecht gelegt, und so die Orientirung bedeutend erleichtert. 

Indem ich nicht hoffe , dass aus einzelnen ganz unwesentlichen Puncten, wie etwa 
selbstständige Gegenübersetzung des Hirnschenkels der Haube, Missverständnisse dem 
Leser erwachsen möchten, und zugleich aber sehr bedauere, dass uns der Herr Verf. 
über andere wesentliche Puncte, wie z. B. das centrale Höhlengrau im 3. Ventrikel keine 
näheren Aufschlüsse bietet, kann ich das Lehrbuch als ein der Pathologie höchst nütz¬ 
liches bezeichnen. Dr, C. Hermann. 


Gusserow Uber Menstruation und Dysmenorrhoe. 

Volkmann’s kl. Vorträge Nr. 81. Leipzig, Breitkopf & Härtel. 

Nach kurzer Wiedergabe der nouesten anatomischen Untersuchungen über Uterus- 
Schleimhaut während der Menstruation und nach Trennung der sogenannten Pseudomen¬ 
struation, die nichts ist als eine pathologische Blutung ins Uteringewebe vor der Men¬ 
struation, bespricht G. die verschiedenen Anschauungen über Zusammenhang von Ovula¬ 
tion und Menstruation. Trotz einiger in der neueren Literatur veröffentlichter Fälle bleibt 
er bei der Ansicht, dass die Menstruation an das Vorhandensein von Ovarien, resp. von 
normalem Ovarialgewebe gebunden sei. Ein Fortschritt in der Deutung gebührt R. Sigis¬ 
mund ; nach ihm sind die Schwellung der Uterinschleimhaut und die Loslösung des Ei’s 
zwei gleichzeitige von einander unabhängige Vorgänge ; die Schwellung der Schleimhaut 
bildet das Anfangsstadium der Gravidität, wird das Ei nicht befruchtet, so geht die ge¬ 
schwellte Schleimhaut durch regressive Metamorphose zu Grunde und die bei Abstossung 
der Decidua fast unausbleiblichen Gefässverletzungen bilden die Blutung; die menstruale 
Blutung ist somit das Zeichen, dass das Ei der betreffenden Ovulationsperiode zu Grunde 
gegangen ist. 

Nach Löwenhardt muss der Beginn der Schwangerschaft nach dem Zeitpuncte der 
zuerst ausgebliebenen Menstruation berechnet werden, indem das in dieser Zeit ausge- 
stossene Eichen befruchtet wird. Bei der ältern Ansicht (Befruchtung des bei der letzten 
Menstruation gelösten Eichens) müsste man annehmen, dass zum regulären Ablauf der 
Fortpflanzung zwei aufeinander folgende Menstruationsperioden nöthig seien, deren erste 
das Eichen liefere, deren zweite die Einbettung besorge. 

Die Menstruation wäre somit ein Zeichen stattgefundener aber unfruchtbar gebliebe¬ 
ner Ovulation, ihr Eintritt ist Folge des oberflächlichen Zerfalls der Decidua bei frucht¬ 
loser Ovulation. 

Bei der Betrachtung der Dysmenorrhoe unterscheidet er die ovarialen von den ute¬ 
rinen oder mechanischen Formen. Die ovariale ist wieder verschieden, je nachdem es 
sich um mangelhafte Entwicklung des Uterus bei gut gebildeten Ovarien, wobei theore¬ 
tisch die Exstirpation der Ovarien das einzig rationelle Mittel wäre, oder um zu grosse 


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Widerstände für die Beratung des Follikels (Dysmenorrhoe im Beginne der Pubertätszeit), 
wobei oft durch die Ehe, resp. die wiederholten Congcstivzustände beim Coitus eine Er¬ 
weichung des Stromas, ßomit Heilung der Beschwerden entsteht, oder um perioophoritische 
Zustände mit unheilbarer Sterilität handelt 

Die Behandlung muss dem entsprechend verschieden sein. Bei den uterinen Dys¬ 
menorrhöen handelt es sich fast ausnahmslos um eine Stenose des Cervicalcanals mit 
oder ohne Anteflexion. Die Stenose selbst ist meistens nichts anderes als ein Fehler der 
ursprünglichen Bildung des Cervicalcanals. Während in der ersten Zeit des Bestehens 
eine mechanische Behandlung, vor Allem die bilaterale Discision, die G . am liebsten mit 
dem Instrumente von Greenhalgh ausfübrt, und entsprechender Nachbehandlung zur Heilung 
ausreicht, kann sie erfolglos bleiben, wenn es im Gefolge lang bestehender Stenose sc- 
cundär zu Veränderungen des Uteringewebes (excentrische Hypertrophie des Uterus) ge¬ 
kommen ist. 

Zu warnen ist vor der Discision da , wo die Enge des Cervicalcanals eine mangel¬ 
hafte Bildung des Uterus begleitet B. 


Receptenalmanach, enthaltend ein Verzeichniss der neuesten Heilmittel, Heilmethoden, 

Apparate u. s. w. 

Von Dr. Beck. Jahrgang 1875. Im Selbstverlag des Herausgebers. Druck und Expedition 
von Zürcher und Furrer in Zürich. Preis Fr. 1. 50. 

Der Verfasser und Herausgeber des obigen, wenn wir nicht irren, bereits im dritten 
Jahrgang, früher" anonym, erschienenen Almanach’s hat sich eine schwierige, aber ver- 
dankenswerthe Aufgabe gestellt und dieselbe in wohl durchdachter Weise und in gewis¬ 
senhafter Ausarbeitung gelöst. In dem engen Rahmen von 60 Duodezseiten werden hier 
die therapeutischen Früchte der jeweiligen periodischen Literatur eines Jahres gesammelt 
und dem practischen Arzte in einer Form präsentirt, wie sie conciser und compendiöser 
kaum erdacht werden kann, ohne der Vollständigkeit und Reichhaltigkeit Abbruch 
zu thun. 

Wir können deshalb die Anschaffung des Schriftcheus jedem Fachgenossen bestens 
empfehlen, besonders aber denjenigen, welchen Zeit und Gelegenheit abgeht, aus der 
Menge der jährlich in den verschiedenen Zeitschriften neu auftauchenden oder modiffeirten 
Rccepte und Curvorschläge das ihnen geeignet Scheinende selbst herauszusuchen und zu 
sammeln. J. R. Sch. 


Der Lister’sche Verband. 

Ina Deutsche übertragen von Dr. 0. Thamhayn. Leipzig, Verlag von Veit & Comp. 

283 Seiten. 

Nicht nur als begeisterter Anhänger des Lister 'sehen Verfahrens, sondern vor Allem 
als Freund der Wahrheit empfehlen wir obige Brochure jedem nach Fortschritt ringenden 
Arzte zum eingehenden Studium aufs Angelegentlichste. 

Thamhayn hat sich die höchst verdankenswerthe Aufgabe gestellt, die in verschiede¬ 
nen Zeitungen zerstreuten Aufsätze Lister 's , in denen sein Verfahren entwickelt und in 
seiner jetzigen Vervollkommnung niedergelegt ist, zu sammeln und ins Deutsche zu Über¬ 
tragen. Die Erlaubniss hiezu hat Lister nicht nur bereitwillig ertheilt, sondern in einem 
Schlussartikel (vom Oct. 1874) seine neuesten Entdeckungen und Erfahrungen einem deut¬ 
schen Leserkreise mitgetheilt. — 

Den zahlreichen Freunden Lister 's wird dieses Buch eine reiche Quelle der Belehrung 
bieten und vor Allem anregend durch seine schlichte, anspruchslose Form zu neuen Ver¬ 
suchen eine schätzbare Basis bilden, den zahlreichen Gegnern aber möchten wir an’s Herz 
legen, an der Hand dieses Buches die vom Jahr 1867 bis heute von Lister gemachten 
Versuche, Experimente und Beobachtungen an geeigneten Fällen genau und gewissenhaft 
durchzuprobiren. 

Die Sache ist wichtig genug, Jeden zu eingehender Selbstprüfung zu bewegen. 

B u rckhardt-Mer ia n. 


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Kantonale Coi’respondenzen. 


Chor. Die 5 7. Versammlung der Schweiz, naturforschenden 
Gesellschaft in Chur, am 11. und 12. September 1874. (Fortsetzung.) 

Dieser climatische Vorzug unserer Bündner Alpen erklärt es, wie es möglich war, 
dass in dem verhältnissmässig kurzen Zeitraum von reichlich 10 Jahren eine Anzahl Cur- 
orto sich einer grossen Frequenz von Stärkungsbedürftigen erfreut, die über keine ande¬ 
ren Heilmittel gebieten, als ihr „ Clima tf . Ich erinnere hiebei an die enorme Entwick¬ 
lung von Davos, in etwa 5000' Höhe, nicht nur als Sommer-, sondern auch als Winter- 
station für Lungenkranke. 

Das einst einsame Bergdorf Davos-Platz ist in 10 Jahren zu einem stattlichen 
Flecken angewachsen und besteht die Concurrenz mit weltberühmten climatischen Cur- 
orten. 

Lassen wir es dahin gestellt, ob es die verdünnte Luft, die geringe Feuchtigkeit, der 
Ozongehalt derselben oder die intensive Insolation hauptsächlich ist, die die schönen 
Erfolge längeren Aufenthaltes für Lungenkranke bedingen, wir begnügen uns mit der 
Thataächlichkeit des Erfolges und hoffen, dass noch andere geeignete Oertlichkeiten des¬ 
selben Glückes sich erfreuen werden wie Davos. Als Sommerfrischen sind neben Davos, 
neben dem Oberengadin schon Churwaiden, Flims, Seewis, Klosters, Bergün und andere 
Orte zu bekanntem Rufe gelangt. 

Zunächst scheint Flims einer bemerkenswerthen Entwicklung als Luftcurort entgegen 
gehen zu sollen und sicherlich mit vollem Rechte. In 3673' Höhe (1102 Meter) mitten 
in üppigen Wiesengeländen, gegen S. offen, gegen N. geschützt, gelegen, erfreut es sich, neben 
seiner eigenen schönen Lage, einer Nachbarschaft (in */* Stunde Entfernung),den sogen. „Wald¬ 
häusern“, die so recht einladen, sich hier heimisch niederzulassen. Idyllisch am Saume und theil- 
weise im Walde selbst gelegen, war dieser Fleck schon längst von Churern als Sommer¬ 
frische mit Vorliebe besucht. Das vortheilhaft bekannte Hötel Segnes ist längst nicht 
mehr im Stande, allen Anfragen zu genügen, die ihm aus der Schweiz und selbst aus 
Deutschland zukommen. 

Wie man aus zuverlässiger Quelle erfährt, steht in nächster Zeit die Errichtung einer 
Curanstalt in Aussicht, die neben der schönen Waldluft, der Badgelegenheit im nahen 
See auch eine vollkommene Einrichtung zu jeder jetzt gebräuchlichen Form von Hydro¬ 
therapie bieten soll, wodurch die Indicationen für einen Aufenthalt in Flims sehr wesent¬ 
lich erweitert werden. Die Unternehmer wollen, von dem bis dahin Üblichen Casernen- 
syatem abweichend, um ein Hauptgebäude eine Anzahl kleinerer Villen sich gruppiren 
lassen, was ärztlicherseits sehr zu begrüssen ist. 

Herr Dr. v. Planta-Reichenau führt uns in seinem Vortrage „Ein Tag unter den Bie¬ 
nen, vom chemischen Standpuncte aus“ in klarer anschaulicher Weise in das Leben 
eines Bienenstockes ein, gibt eine anatomische Skizze des Körpers der Bienen (Königin, 
Drohnen und Arbeiterinnen) und bespricht in ausführlicher Darstellung den Chemismus 
der Herstellung des Honigs und des Wachses. Die diesfalls von ihm vorgenommenen 
Untersuchungen geschahen gemeinsam mit und hauptsächlich unter Anregung von Herrn 
Prof. Erlenmeyer in München und sollten hauptsächlich folgende zwei wichtige physiologische 
Fragen ihrer Erledigung nahe führen, nämlich: 

1. „Ob Bienen Honig und Wachs als fertige Products in den Pflanzen vorfinden und 
nur eintragen oder ob sie dieselben ganz oder zum Theil durch Umwandlung anderer 
Körper erzeugen?“ 

2. „Entsteht Fett im Thierkörper aus Kohlehydraten (Stärke, Gummi, Zucker), wie 
Liebig behauptet, oder ist das Fett, wie Voit meint, ein Product eiweissartiger Körper oder 
endlich von beiden zusammen ? u 

Die zur Erledigung dieser Fragen nöthigen chemisch-physiologischen Untersuchungen 
sind zu weitläufig, um hier in extenso gegeben zu werden, und verweisen wir diesfalls 
auf das Original (Verhandlungen der Schweiz, naturforschenden Gesellschaft pro 1874). 
Es genüge hier, die gewonnenen Resultate zu skizziren. 


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1. Honig und Wachs sind die Producte chemisch-physiologischer Vorgänge im Bie- 
nenkörper selbst, werden in demselben aus den den Pflanzen entnommenen Materialien 
gebildet. 

2. Honig ist keineswegs eine wässerige Zuckerlösung, sondern enthält Eiweissstoffe 
und Nährsalze, enthält um so mehr Blutbestandtheile, je höher in den Alpen er gewon¬ 
nen, ist um so duftiger, je südlicher er eingesammelt wurde. 

8. In Bezug auf die zweite der obigen Fragen nach der Entstehung des Fettes aus 
Kohlehydraten, Eiweiss oder beiden sind die Untersuchungen noch nicht so weit gediehen, 
um darauf positive Schlüsse bauen zu können. 

II. Sections Sitzungen, 
a. Medicinische Sectio n. 

1. Herr Dr. Aug. Forel, Assistenzarzt an der Kreisirrenanstalt in München, zeigt mi- 
croscopisch dünne Querschnitte durch das ganze menschliche Gehirn, sowie andere 
Schnitte durch Thiergehirne, welche mittelst eines neuen von Prof. Gudden in München 
erdachten Microtoms angefertigt wurden. Es unterliegt keinem Zweifel, dass, wie Henle 
sagt, die vervollkommnte Schnittmethode bei der anatomischen Untersuchung der ner¬ 
vösen Centralorgane die Zukunft für sich hat. Erforderlich sind aber dabei: 

1. Vollkommene Schnittreihen eines Gehirns, so dass das ganze Gehirn in unmittel¬ 
bar auf einander folgenden Quer- oder Längsschnitten zerlegt wird. Es darf keine Lücke 
bestehen, sonst könnte gerade an dieser Stelle das Fehlen von gewissen Fasersträngen, 
welche daselbst umbiegen, zu irrthümlichen Annahmen führen. 

2. Die Schnitte müssen so dünn sein, dass sie mit dem Microscop, auch bei stärke¬ 
ren Vergrösserungen, angesehen werden können, und dass dabei die Zellen und Nerven¬ 
fasern deutlich einzeln zu unterscheiden seien. 

8. Es muss eine Tinctionsmethode angewendet werden, welche zugleich die Achsen- 
cylinder der Nervenfasern, die Ganglienzellen und deren Fortsätze deutlich färbt 

Beiden ersten Erfordernissen wird durch das Gvdderieche Microtom vollkommen ent¬ 
sprochen. Mit dem dritten sind wir allerdings noch nicht so weit. Das Instrument be¬ 
steht aus einem weiten hohlen, mit breitem flachen oberen Rande versehenen Messing - 
cylinder, in welchem mittelst einer Micrometerechraube, eine innere kurze, massive, das 
Lumen des Cylinders genau ausfüllende Messingscheibe hinauf und hinunter bewegt wer¬ 
den kann. In den Cylinder wird das Gehirn gelegt, und mittelst einer flüssigen, warmen, 
hei Abkühlung erstarrenden Masse (z. B. Stearin 16, Fett 12, Wachs 1) flxirt. Durch 
Heraufschrauben wird das Präparat ungemein langsam und genau in die Höhe geschoben. 
Dadurch können bei jeder Schraubenbewegung, mittelst eines auf dem oberen flachen 
Rande genau aufliegenden, dicken, beiderseits hohl geschliffenen Messers, welches mit 
beiden Händen geführt wird, sehr dünne Schnitte (Scheiben) durch die ganze, die Höh¬ 
lung des Cylinders ausfüllende Masse angefertigt werden. Bis jetzt unterscheidet sich 
dieses Instrument von seinen Vorgängern fast blos durch eine sehr genaue und prac- 
tische technische Ausführung, welche dem Instrumentenmacher Katsch in München zu ver¬ 
danken ist. 

Der Hauptvortheil liegt aber darin, dass das Microtom in einem grossen mit Wasser 
gefüllten und mit etwa 2 Zoll hohen Rändern versehenen Metalltische (aus Gusseisen) ein¬ 
gelassen ist, so dass das Wasser den oberen flachen Rand des Microtoms bedeckt, was 
das Schneiden unter Wasser ermöglicht. Der Metalltisch kann durch eine Zinkwanne 
ersetzt werden, welche auf einem in der Mitte durchlöcherten Holztische ruht. — Da¬ 
durch, dass sie im Wasser schwimmen, werden die feinsten Schnitte nicht verletzt, wenn 
sie auch die grössten Dimensionen haben (sagittale und Längsschnitte durch das ganze 
Menschengehirn). Nur das alte Microtom von Welker hatte diese Bedingung des Schnei¬ 
dens unter Wasser erfüllt, jedoch war seine sonstige Bearbeitung zu ungenau und des¬ 
halb die Resultate nicht besonders günstig; auch war es nur für kleine Schnitte be¬ 
rechnet. 

Die von Betz in der Wiener Ausstellung 1873 ausgestellten, bis jetzt für die schön¬ 
sten geltenden, mit einem Microtom, aber nicht unter Wasser, angefertigten Querschnitte 
durch eine ganze Hemisphäre des menschlichen Gehirns, sind zwar schön, jedoch noch 


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zu dick, und was die Hauptsache ist, bieten keine vollkommene Reihe, sondern blos ver¬ 
einzelte Bilder. Bios durch die Länge des Balkens ist ein einziges menschliches Gehirn 
im Laboratorium des Herrn Prof. Gudden in 700 Querschnitte, das ganze Gehirn eines 
kleinen Affen sogar in 800, mittelst des in Rede stehenden Microtoms zerlegt worden. 
Die Bchnitte wurden in Carrain gefärbt und in Damarfirniss eingelegt Drei verschieden 
grosse (mit innerem Diameter von 3,2, 6,5 und 15,6 Centimeter), alle unter Wasser 
stehende Microtorae werden zugleich im Laboratorium für die verschiedenen Grössen der 
Thiergehirne gebraucht. Die mit diesen Instrumenten angefertigten Schnitte sind nicht 
nur viel grösser und gleichmässiger, sondern auch feiner als diejenigen, die auch Geübte 
mit freier Hand gewinnen können/ (Von dem Vortragenden selbst zu Protocoll gegebene 
Skizze seines mit vielfachen Demonstrationen begleiteten Vortrages.) 

2. „Herr Dr. J. Andeer von Basel verliest eine „„Einleitung zu Studien über die rhä- 
tischen Schädeltypen, ein Beitrag zur Anthropologie Graubündens““. 

Verfasser macht vorerst darauf aufmerksam, dass die bis jetzt herrschenden Ansich¬ 
ten über die früheren, prähistorischen Bewohner Graubündens jeder materiellen Basis 
entbehren, da in dieser Hinsicht noch zu wenig Alterthumsfunde gemacht worden seien, 
an der Hand derer die Historiker und Chronologen etwas Bestimmtes hätten eruiren kön¬ 
nen. Doch hält Verfasser die Vermuthung für berechtigt, dass die Urbewohner, Autoch- 
thonen, dieselben Höhlenbewohner gewesen seien, wie man sie für die übrige Schweiz, 
gestützt auf an verschiedenen Orten gemachte Funde, mit ziemlicher Bestimmtheit an¬ 
nehmen darf. 

Eine Invasion der Etiusker nach Rhätien hält Andeer für unwahrscheinlich, um 
so mehr, als die Existenz der Etrusker als Volksstamm anzuzweifeln sei. Es hält der 
Herr Verfasser aus einer Reihe von Gründen die Römer als das erste Invasionsvolk nach 
GraubOnden.“ (Aus dem Protocoll der Section.) (Fortsetzung folgt.) 

Glarus. Wir Glarnerärzte schweigen — wenigstens echriftlich — wohl mehr als 
vom Guten ist und hätten doch alle Ursache, unserm lieben Correspondenzblatte nicht 
nur passiv als Abonnenten, sondern in Wort und That zugethan zu sein.*) Es fehlt 
uns aber 4 er Hauptmotor zu solchem Beginne, ein entwickeltes medicinisches Gesell¬ 
schaftsleben. Die medicinisch-chirurgische Gesellschaft des Cantons Glarus ist auf ein 
Dutzend Mann reducirt, die jährlich etliche Mal zusammen kommen, um die regulären 
Geschäfte abzuwickeln und dabei sich zu sagen, dass sie doch etwas mehr thun sollten. 
Bei dieser Versammlung tauchen hie und da Ideen in der und dieser Richtung auf, es 
werden auch zeitweilig Anläufe gemacht, auf dem Gebiete der öffentlichen Gesundheits¬ 
pflege zu arbeiten, und sind wir in letzterer Beziehung — in Verbindung mit dem hohen 
Cantonsschulrathe — denn doch zu etwas gekommen, Dank der eifrigen Hingebung eines 
Einzelnen unter uns ; — aber im Ganzen vegetirt unser Vereinsleben in steriler Gemtith- 
lichkeit, und einige andere „befruchtende Ideen“ stehen fortwährend unter dem Damokles¬ 
schwerte des habituellen Abortus. 

Den ältern Herren Collegcn, die entweder der Gesellschaft nie angchört haben, oder 
beim „Krach“ im Frühjahr 1867 daraus geschieden sind, passt es überhaupt nicht mehr, 
Anläufe zu machen; sie halten unter sich perennirende und ephemere medicinische Lite¬ 
ratur, sind also ein Lesezirkel ohne andere Vereinsthätigkeit. 

Dass es beim obenerwähnten Dutzend im Grunde nicht viel anders steht, ist zwar 
unangenehm einzugestehen, aber wahr. 

Bei der letzten Hauptversammlung hat indess diese stillgcmüthliche medicinisch- 
chirurgische Gesellschaft gezeigt, dass sie weder blos weiter vegetiren will, noch gar 
sich mit Selbstmordgedanken abgibt; sie bat endlich — und einstimmig — beschlossen, 
sich zur Aufnahme in den ärztlichen Centralverein anzumelden. Hof¬ 
fentlich können wir schon zur nächsten Versammlung desselben zahlreich uns einfinden. 
Die Schuld an diesem Schritte, oder besser — das Verdienst an diesem Fortschritt — 
gebührt dem Paragraphen über Einführung eines ständigen Bureau beim Centralvereine. 
Mögen fernerhin von dort aus, vom Centralvereine, treibende Kräfte unsere kleine Section 


*) Wir applaudiren lebhaft und zwar so verstanden, 
den Canton Glarus bezieht. 


dass sieb diese schöne Stelle nicht nAr auf 

Bedact. 


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im Gang erhalten; wohl möglich, dass die localen, cantonalen Dinge uns alsdann auch 
etwas wärmer werden lassen. 

Der Canton Glarus war bekanntlich einer der ersten, die dem Zuge der Zeit, den 
ärztlichen Stand herabzuwürdigen, gefolgt sind. Unsere Landsgemeinde hat mit der Frei- 
gebung der ärztlichen Praxis die ganze Medicinnlordnung über den Haufen geworfen und 
damit mehr gethan, als die Antragsteller damals wollten. Der Rath, unsere Regierung, 
wollte nachher die Dummheit, die passirt war, in etwas mildern Farben erscheinen 
lassen und beauftragte unsere Sanitätscommission, das Medicinalgesetz zeit- und sach- 
gemäss zu ändern; und die löbliche Sanitätscommission, die eigentlich nach der damali¬ 
gen Landsgemeinde das Recht gehabt hätte zu sagen: „Leben Sie gefälligst hoch!'* — 
war so artig, dies Mandat anzunehmen, und w r ill wenigstens bis zum Abfluss der Amts¬ 
dauer auf den „nicht mehr schön grünen“ Sesseln ausharren. Ueber letzteres Thema 
wird das competentere Präsidium qurestionirlicher Commission referiren. 

In Wirklichkeit hat wohl kaum ein Arzt unseres Ländchens über schlimmere Zeiten 
zu klagen, aber der damalige Landsgemeindebcschluss involvirt eben in unsern Augeu 
doch eine Herabwürdigung des ärztlichen Standes. Doch, was wollen wir einer Lands¬ 
gemeinde zumuthen, die in vielen Dingen einem unmündigen Kinde gleicht, und unter 
Umständen „Alles frisst“; — die eidgenössischen Räthe haben’a ja nicht besser gemacht. 
Dass die keine „staatlich anerkannten“ Militärärzte wollten, das geht denn doch über’s 
Bohnenlied. 

In solchen Fragen wird hoffentlich ein „ärztlicher Centralverein“ auch seinen Stoff 
suchen. 

Also freuen wir uns dessen, was wir haben, und das ist für uns jüngere Aerzte 
eben unser Entschluss, dem ärztlichen Centralvercine beizutreten. Dass man uns mit col- 
legialischen Gefühlen aufnimmt, haben wir gehört und gelesen. 

Auf Wiedersehen in Olten! P. 


Offene Correspondenzen. 

An die Redaction des „Correspondenz-Blattes für Schweiz. 

Aerzte“.*) 

Als Antwort auf den letzten Satz des in Ihrem Blatte (Seite 707, 1874) veröffent¬ 
lichten Briefes des Herrn Dr. Ladame diene Ihnen die Mittheilung, dass wir entschlossen 
sind, die eingeschlagene Richtung zu verfolgen, nämlich die Union der bestehen¬ 
den ärztlichen Vereine anzustreben. 

Die grundlosen Verdächtigungen dieses unseres „esprit söparatiste ou sonderbundien“ 
durch Herrn Dr. Ladame sind kleine Schwierigkeiten, Über die wir uns leicht hinwegsetzen 
werden. 

Die Redaction dee Bulletin der 
Soci6t6 midicale de la Suisse romande. 


Herrn Dr. J. R. Schneider , Bern. Sie bitten uns, „die Frage zu prüfen, ob es nicht 
möglich wäre, je alle 2 oder 3 Monate dem „Correspondenz-Blatte“ ein möglichst voll¬ 
ständiges Verzeichniss aller medicinischen Schriften, welche in der Schweiz 
erscheinen, oder von Schweizern im Ausland verfasst und gedruckt wurden, bei- 
z ulegen. 

„Jedenfalls wäre so etwas wtinschens werth, so wie auch wenn Ihre Correspon¬ 
denten aus den Cantoncn regelmässige Mittheilungen über Alles, was 
in Medicinalangelegenheiten geschieht, oder auch unterlassen wird, machen würden. 

„Beides zusammen gäbe am Ende vom Jahr ein möglichst vollständiges Bild dessen, 
was die Schweiz in uuserem Fache leistet und auch nicht leistet.“ 

Sie sprechen uns da ganz aus dem Herzen, Herr College. Wir unsererseits sind 
gerne bereit, Ihre beiden Anregungen practisck auszuführen, bedürfen aber dazu der Mit- 


*) Mit dieser Zuschrift schliessen wir die Acten dieser Angelegenheit. Redact. 


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51 


hülfe unserer Collegen. Wir haben als kleinen Anfang (1874, p. 412) die Promotions¬ 
schriften des Jahres 1873 mitgetheilt und wollen sehen, wie es uns möglich wird, eine 
allgemeinere Uebersicht der mcdicinisch - literarischen Tbätigkeit unserer Landsleute zu 
erhalten. 

Correspondenzen aus den Cantonen wären uns sehr willkommen, wenn sich die Herren 
Collegen nur öfter der kleinen MUhe unterziehen wollten, uns zu schreiben. Denen , die 
es bisher gethan haben, sind wir sehr dankbar dafür. Redact. 


W oelienberielit. 


Schweiz. 

Frequenz unserer me dlclni sehen Facultäten im Winter¬ 
semester 1874/7 5. 



Aus 

dem 

Aus 

andern 







Canton 

Cantonen 

Ausländer 

Summa 

Total 


M. 

W. 

M. 

W. 

M. 

W. 

M. 

W. 


Basel 

13 

— 

54 

— 

4 

— 

71 

— 

71*) 

Sommer 1874 

10 

— 

54 

— 

5 

— 

69 

— 

69 

Wintrr 1873/74 

13 

— 

63 

— 

8 

— 

84 

— 

84 

Sommer 1873 

12 

— 

45 

— 

8 

— 

65 

— 

65 

Bern 

49 

— 

74 

— 

14 

28 

137 

28 

165**) 

Sommer 1874 

53 

— 

73 

— 

15 

30 

141 

30 

171 

Winter 1873/74 

57 

— 

67 

— 

12 

26 

136 

26 

162 

Sommer 1873 

56 

— 

86 

— 

7 

5 

147 

5 

154 

Zürich 

38 

1 

89 

— 

43 

18 

170 

19 

189 

8ommer 1874 

42 

1 

77 

— 

47 

14 

166 

15 * 

181 

Winter 1873/74 

‘ 41 

1 

83 

1 

47 

15 

171 

17 

188 

Sommer 1873 

43 

1 

79 

1 

73 

88 

195 

90 

285 


I^ehrperftonal unserer medlclnischen Facultäten Im Winter¬ 
semester 1874/754 

Basel. Decan: Prof. Moritz Roth . 

L O rdentlich e Professoren. 

Dr. F. Miescher Vater: Path. Anatomie. Dr. L. Rutimeyer: Zoologie und vergleichende 
Anatomie. Assistent: Stud. Schcermeli. Dr. A. Socin: Chirurgie, Chirurg. Klinik. Assistenz¬ 
arzt Dr. P. Barth . Assistenten: I. Cand. med. Roth, II. Cand. med. Binswanger. Dr. H . Immer - 
mann: Pathologie, med. Kliuik. Assistenzärzte: Dr. Oeri , Dr. A. Schaffer. Assistenten: 

I. Cand. med. Studer , II. Cand. med. Winiger. Dr. C. E . E. Hoffmann: Anatomie. Prosec- 
tor: Dr. Hermann. Dr. J. J. Bischoff: Gynäkologie und geburtshtilflichc Klinik. Assistent: 
Dr. EgH . Dr. F. Miescher , 8ohu : Physiologie. Dr. Moritz Roth: Scctionen und path. Ana¬ 
tomie. Assistent: Matzinger . 

II. Ausserordentliche Professoren: 

Dr. J. Hoppe: Allg. Therapie. Dr. H. Schiess: Augenheilkunde und Angenklinik. As¬ 
sistent: Dr. F. Merian. Dr. JE. Hagenbach: Kinderkrankheiten und Kinderklinik. Assistent: 
Dr. Kunz. 

III. Privatdozenten. 

Dr. L. deWette , Cantonsphysicus: Gerichtliche Mcdicin. Dr. Gotti. Burckhardt: Nerven¬ 
krankheiten und neuropath. Klinik. Dr. A. Burckhardt-Merian: Chirurgie. Dr. C. Bulacher: 

*) Dazu 8 Auskultanten 

**) Dazu kommt t Auskultant. In dieses Verzeichniss sind nur diejenigen Studirenden aufge¬ 
nommen, welche für dieses Semester wirklich Vorlesungen belegt haben. (Ref.) 


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52 


Chemie. Dr. Fischer-Dietschy : Materia medica. Dr. Massini: Director der Poliklinik. 
Dr. E. Hermann: Secierübungcn und Anatomie. Dr. 0. Cartier: Zoologische Uebungcn und 
Zoologie. 

Bern. Decan : Prof. Dr. Kocher . 

I. Ordentliche Professoren. 

Dr. Valentin: Physiologie. Assistenten: Ganguillet\ Glaser , Stud. med. Dr. K. Emmert: 
Staatsmedicin. Dr. Aebxj: Anatomie des Menschen und vergleichende Anatomie. Assi¬ 
stenten: Stud. med. Burtscher, Surbeck , v. WiegandL Dr. Dor: Augenheilkunde. Assistenten: 
Stud. med. Füglistaller , Korber . Dr. Kocher: Chirurgie. Assistenten: Stud. med. Scheurer , 
Gerster. Poliklinik: Dr. König. Dr. Quincke: Specielle Nosologie und Therapie. Assisten¬ 
ten: Dr. Dvbois , Stud. med. König. Poliklinik: Dr. Valentin. Dr. Müller: Geburtshülfe. 
Assistenten: Dr. Conrad, Stud. med. Vögtli. Dr. Langhans: Patholog. Anatomie. Assisten¬ 
ten: Dr. v. Ntncki, St. med. v. Ins . 

II. Ausserordentlicher Professor. 

Dr. Schürer: Psychiatrie. Assistent: Stud. med. Eichhorn . 

III. Honorarprofessoren. 

Dr. Jonquiere: Materia medica. Dr. v. Nencki: Pathologische Chemie. Dr. Demme: 
Physikal. Diagnostik und Kinderkrankheiten. 

IV. Privatdozonten. 

Dr. W. Emmert: Verbandlehre. Dr. v. Erlach: Syphilitische und Hautkrankheiten. 
Assistent: Stud. med. Meyer. Dr. Ziegler: Allgemeine Pathologie. Dr. Dutoit: Tatholog. 
Anatomie. Dr. Christeller: Ohrenheilkunde. Dr. Emil Emmert: Augenheilkunde. Dr. Va¬ 
lentin: Innere Medicin. Dr. Studer: Descriptive und vergleichende Anatomie. Dr. Conrad: 
Geburtshülfe und Gynäkologie. 

Zürich« Decan: Prof. Hermann . 

I. Ordentliche Professoren. 

Dr. Heinr. Frey: Histologie. Assistent: Wider. Stud. med. Dr. Herrn. Meyer: Anato¬ 
mie. Assistenten: Schulthess-Rechberg , Schneider. Dr. E Rose: Chirurgische Klinik, Chi¬ 
rurgie. Assistenten : Schlüpfer , Bindschädler. Untcrassistenten : Zürcher , Carl. Dr. Ludimar 
Hermann: Physiologie. Assistent: Luchsinger. Dr . J. Eberth: Pathologische Anatomie. As¬ 
sistent: Haab. Dr. F. Frankenhäuser: Geburtshülfl. und gynäkolog. Klinik. Assistent: 
Dr. Kuhn. Unterassistent: Hausamman. Dr. G. Huguenin: Medicin. Klinik, specielle Patho¬ 
logie. Assistenten: Dr. Müller , Dr. Schmutziger. Unterassistenten: Gwaller , Slreiff, Hegner. 
Dr. A. Cloelia: Materia medica, Staatsarzneikunde. Dr. F. Horner : Ophthalmologische Kli¬ 
nik, Ophthalmologie. Assistenten: Dr. Mannhardt, Niederhauser. 

II. Ausserordentliche Professoren. 

Dr. 0. JTyss: Poliklinik, pädiatrische Klinik, Pädiatrie. Assistent der Poliklinik: 
Dr. Esslinger. Unterassistent der Poliklinik: Wütherich . Assistent des Kinderspitals: 
Dr. Reati. Dr. Spöndli: Geburtshülflicher Operationscurs, Geburtshülfe. 

III. Privatdozenten. 

Dr. J. J. Billeter: Pathologie und Therapie der Mundorganc, zahnärztlicher Operations¬ 
curs. Dr. Goll: Materia medica, Hygieine. Dr. Meyer : Pathologie und Therapie des Ra¬ 
chens, Kehlkopfs, der Luftröhre, Laryngoscopie, Herz- und Gefässkrankheiten. Dr Brunner: 
Ohrenheilkunde. Dr. Seilz : Electrotherapie. 

Bern. In dem Nationalrathe kam letzthin bei der Berathung des Gesetzesentwurfes über 
Civilstand und Ehe auch die Angabe der Todesursachen zur Sprache. Unsere 
ad hoc niedergesetzte Commission und vor Allem ihr rühriger Referent hat sich keine 
Mühe reuen lassen, um das Gelingen, resp. die Annahme zu ermöglichen. 

Der Ständerath (vide p. 677, 1874, d. B ) hatte beschlossen, dass v/enn möglich auch die 
Todesursache, ärztlich bescheinigt, aufgeführt werde, ein Postulat, welches der ärztliche 
Centralverein der Schweiz in einer besondern Eingabe an die Tit. Bundesbehörden drin- 


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- 6ä - 


gend empfahl, und die Schweiz, statistische Gesellschaft hat sich in ihrer letzten Jahres¬ 
versammlung mit dem Wunsche vollständig einverstanden erklärt 

Ausser der hohen wissenschaftlichen Bedeutung, die derselben inneliegt, bildet ja 
die Mortalitätsstatistik einen der wichtigsten Factoren zur Lösung vieler socialer Fragen. 

Die Mehrheit der nationalräthlichen Commission beantragte nun aber Strei¬ 
chung dieser Bestimmung; eine Minderheit verlangte Zustimmung. Es sprachen für die 
Mehrheit die Herren Pictet , Segesser und Demieville , indem sie darauf hinwiesen, dass eine 
Statistik der Todesursachen ohne Inanspruchnahme der Civilstandsregister, welche einem 
andern, als dem statistischen Zweck dienen, erzielt werden könne; die Statistik der Todes¬ 
ursachen könne naturgemäss nur ein Theil der Gesundheitsstatistik überhaupt sein; es 
widerstrebe sehr oft dem Familiengefübl, die Todesursache in’s öffentliche Civilstands¬ 
register eintrageu zu lassen, weil gewisse Krankheiten die Ehre des Todten und die Re¬ 
putation der Familie berühren könnten; in einer Menge von Fällen werden die Aerzte 
nicht die richtige Todesursache angeben (Pictet), oder durchaus unzuverlässige Angaben 
machen (Segesser) und alsdann sei auch der statistische Zweck der Massregel verfehlt; 
wenn die Statistik Werth haben solle, so müsse die Todesursache stets durch einen com- 
petenten Arzt festgestellt werden ; man werde aber nicht eine arme Familie, die nicht 
die Mittel hatte, den Arzt zu bezahlen, damit er ihrem Angehörigen das Leben rette, 
zwingen wollen, einen Arzt für die Constatirung der Ursache seines Todes beizuziehen. 
Eventuell stellte der Redner den Antrag, dass über die Todesursachen ein besonderes 
Register und zwar blos mit Angabe der Nummern, nicht der Namen des Civilstandsregi- 
sters geführt werden solle. 

Für die Minderheit, also für Aufnahme einer sachbezüglichen Bestimmung, sprachen 
die Herren Anderwert (bis), Weber, Klein, Dr. Tschudi, Hungerbühler und Desor . Sie betonten 
hauptsächlich die enorme Wichtigkeit der Mortalitätsstatistik für den allgemeinen Gesund¬ 
heitszustand des Volkes. Die Mortalitätsstatistik einzig ermögliche eine richtige Diagnose 
der allgemeinen Krankheitsursachen und damit ein erfolgreiches Entgegenwirken gegen 
diese Ursachen. In England haben Lungenschwindsucht und Typhus um 50 Procent ab¬ 
genommen , seit man eine richtige Mortalitätsstatistik besitze. Wenn man Viehseuchen 
bekämpfe, so dürfe man auch Menschenseuchen in’s Auge fassen. Auf allen medicini- 
schen Congressen werde die Wichtigkeit der Mortalitätsstatistik hervorgehoben. Dio 
practischen Befürchtungen, die man an die Aufnahme der Todesursachen in das Sterbe¬ 
register knüpfe, seien illusorisch. In den allermeisten Fällen haben Aerzte die Gestorbe¬ 
nen behandelt und sie kennen die Todesursache; die Auslagen für eine Bescheinigung 
derselben seien minim; es sei auch nicht absolut nöthig, die Ursachen aller Todesfälle zu 
kennen; auch schon aus 80 Procent aller Fälle, die z. B. in Eng’and ärztlich constatirt 
werden, ergeben sich grosse Vortheile ; in amtlichen Auszügen aus dem Civilstandsregister 
endlich müsse die Todesursache nicht angegeben werden, da es sich bei solchen Acten 
nicht um dieselbe handle; auch die Discrction gegenüber den Familien sei demnach nicht 
gefährdet (Weber). 

Die Civilstandsregister hätten ferner auch einen statistischen und volkswirthschaft- 
lichen (speciell für die medicinische Praxis) und nicht blos einen juristischen Zweck, und 
dass der erstere ebenso wichtig sei als der letztere. Gegenüber den grossen Vortheilen 
der Aufnahme der Todesursachen in das Civilstandsregister fallen die mit dei selben ab¬ 
fällig verbundenen Inconvenienzen nicht in Betracht. Ohne gesetzlichen Zwang zur An¬ 
gabe der Todesursachen sei eine Mortalitätsstatistik nicht denkbar. Wenn man eine 
solche mit den unabsehbaren Wohlthaten, die sich für ganze grosse Volksclasscn an sie 
anknüpfen, ermöglichen wolle, so müsse man die Angabe der Todesursache zur gesetz¬ 
lichen Pflicht machen, wie dies in vielen Kantonen seit Jahren bereits geschehe. {Klein, 
Dr. Tschudi.) 

Eine derartige Bestimmung wird Überdies den grossen Vortheil bringen, dass die 
statistischen Berichte ein wichtiges Hülfsmittel zur Handhabung des Art H9 der neuen 
Bundesverfassung in Bezug auf die bei gemeingefährlichen Epidemien von Bundes wegen 
zu treffenden Massregeln und zur Controlirung der Vollziehung der nach Art. 34 zu erlas¬ 
senden Gesetze Uber „Gesundheit gefährdenden Gewerbebetrieb“, darbieten. 

Im Inlande habe im Canton St Gallen der Grosse Rath die Leichenschau trotz gros¬ 
ser Opposition eingeführt und es seither nicht bereut. Angesichts solcher Erfahrungen 


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eei es geboten, auch für die ganze Schweiz die Todtenregister so einzurichten, dass sie 
den Anhaltspunct für eine richtige Mortalitätsstatistik bieten können. Anfällige Neben- 
rücksichten können nicht in’s Gewicht fallen, wo e 9 sich um hochwichtige Interessen der 
Menschheit handle. Man habe die Scheu gegen die Sectionen Überwunden und so 
werde man auch mit der Scheu vor der Angabe der Todesursachen fertig werden. 
( Hungerbühler .) 

Desor vertheidigte die Aufnahme vom Standpuncte der Interessen der Wissenschaft 
au?. Anderwert bemerkte, dass allerdings die Angabe der Todesursache nicht die gleiche 
formelle Glaubwürdigkeit und Beweiskraft haben könne, wie die übrigen Angaben des 
Todtenregisters; es wäre daher wünschbar, dass die Todesursache constatirt werden 
könnte ohne Eintragung in’s Civilstandsregister; ein entsprechendes Verfahren existire in 
Preussen, woselbst die Todesursache beim Civilstandsbeamten bescheinigt angegeben und 
die Bescheinigung von diesem an das statistische Bureau befördert werde. Eine ähnliche 
Einrichtung liesse sich vielleicht auch für unsere Verhältnisse treffen. Redner beantragte 
daher Rück Weisung der ganzen Frage an die Commission. (Desor.) 

Diese RUckweisung wurde beliebt, seither haben nun aber beide Räthe beschlossen, 
es sei die Angabe der Todesursache, womöglich ärztlich bescheinigt, in d e n 
Gesetzesentwurf aufzunehmen. 


Ausland. 

Deutschland. Dieser Tage ist eiaer der tüchtigsten Aerzte Hessens, Dr. Böhm 
in Offenbach a. M., der als Oberstabsarzt im deutsch-französischen Kriege hervorragende 
Dienste geleistet, in Folge einer Infection durch Leichengift gestorben. Am 25. December 
verletzte er sich bei der Obduction einer ain Kindbettfieber verstorbenen Wöchnciin und 
erlag den Folgen dieser Verletzung trotz der Bemühungen seines aus Strassburg an’s 
Krankenlager herbeigeeilten Freundes, Herrn Prof. Lücke , schon 8 Tage nachher. 

Dr. Böhm wird ebenso betrauert als ausgezeichneter Arzt wie als treuer, aufopfernder 
Wohlthätcr der Armen Offenbachs. 

Feigenkafiee. Unter der grossen Zahl von Kaffeesurrogaten nimmt der Feigen¬ 
kaffee, dessen Verbrauch beständig steigt, die erste Stelle ein und zwar, wie Prof. 
Dr. Schuhmacher (W T icn. mcd. Pr. 1874 , Nr. 45) nach weist, mit vollem Rechte, weil er 
einzig und allein aus der wohlbekannten Feige zubereitet wird, in Folge dessen er keine 
schädlichen, wohl aber einen reichen Gehalt an Fruchtzucker besitzt, so dass er ein wirk¬ 
liches Nahrungsmittel bildet. Mischt man daher Feigenkaffee mit ächtem Kaffee, so hat 
man eine Vereinigung eines Nahrungs- und Genuss-(Reiz-)mittels. Zudem schadet sein 
anhaltender Genuss nicht, regt nicht auf; rechnet man hinzu, dass er wohlfeiler ist als 
Kaffee, den Zucker erspart, sehr wohl schmeckt, so wird man begreifen, wie so es kommt, 
dass sich in Oesterreich-Ungarn auch in fiuancicll unabhängigen Familien der Gebrauch 
einer Mischung von Feigen- und indischem Kaffee völlig eingebürgert hat. 

Oesterreich* Das Wiener med. Doctorcncollegium hat soeben eine neue Ein¬ 
gabe an den Reichsrath lancirt gegen die Verpflichtung, die bis heute in Oester¬ 
reich den Arzt zwingt, unverweigerlich der begehrten ärztlichen Hülfe - 
leistung sich zu unterziehen. 

Indem wir dieser Petition, der die ärztlichen Vereine des Landes sich anschliessen 
werden, von Herzen den gewünschten Erfolg wünschen, heben wir aus derselben folgende 
treffende Stelle hervor: 

„Mit welchem Recht wird hier in einem Rechtsstaatc eine oft drückende Verpflich¬ 
tung einer Classe von Bürgern auferlegt, die in keinem Vertragsverhältnisso zu ihm stehen, 
die der Staat nicht besoldet und denen vom Staate keine bevorzugte Stellung unter ihren 
Mitbürgern eingeräumt wurde; während in gewissen dringenden Fällen die Hülfeleistung 
anderen Ständen angehöriger Bürger weit nöthiger und erspriesslicher wäre, als die des 
Arztes, und doch ist noch keiner Gesetzgebung eingefallen, sie ihnen aufzubürden. 

„Es sei hier nur ein Beispiel anzuführen erlaubt. Wenn ein Mann, halb nackt, den 
Qualen des Hungers und der Kälte preisgegeben, auf der Strasse zusammen stürzt und 
eine Beute des Todes würde, wenn man ihm nicht Nahrung, warme Hüllen und Obdach 
bietet, gibt es da ein Gesetz, welches den Restaurant zwingt, dem Sterbenden mit einem 


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56 


Löffel Suppe beizuspringen, den Kleiderhändler zur Lieferung warmer Bedeckung ver¬ 
pflichtet, oder dem Millionär im nahen Palaate gebietet, eine der etwa leer stehenden 
Ubikationen zum zeitweiligen Obdach zu überlassen? Nein. Nur der Arzt, der sein Lebe¬ 
lang der Humanität Opfer bringt, er wird zur Humanität gezwungen, wenngleich die 
Hülfe der anderen genannten Bürger bei weitem wirksamer gewesen w ? äre. Man schreckt 
zurück, die anderen Stände in dringenden Fällen zu unverweigerlicher Hülfelcistung ge¬ 
setzlich zu nöthigen, weil man das Eigenthum respectirt. Aber die Kenntnisse, die sich 
der Arzt erworben, sind auch ein Eigenthum, mühevoller erworben als das Geld der Crö- 
suse ; sie sind sein Capital, Uber das er allein verfügt, von dessen Zinsen er leben muss, 
und wer es zum Nutzen Anderer erzwingt, begeht einen Eingriff in die persönlichen 
Rechte. Dem natürlichen Gebote der Humanität wird sich der Arzt noch weniger ent¬ 
ziehen, als jeder andere human denkende Mensch, allein einer erzwungenen wird er nie 
freudig Folge leisten. tt 

In Russland wurden die zahlreich verhafteten Studenten wieder freigegeben, 
nachdem die Untersuchung ergeben hatte, dass die aufregenden Rcizartikel von — Pro¬ 
fessoren waren verfasst worden. 


Stand der InfectIont-Krankheiten ln Basel« 

Vom 24. December 1874 bis 12. Januar 1875. 

Nach langer Pause wurde am 10. Januar wieder ein Scharlachfall gemeldet. Die 
im letzten Quartale des vergangenen Jahres so häufigen Fälle von (gutartig verlaufender) 
Diphtherie haben sehr abgenommen; 1 Croupfall mit tödtlichem Ausgaug. Varicellen 
kommen immer noch vor und werden von den Hebraisten mit Variololden mehr vermengt, 
als für die Deutlichkeit absolut wünschbar ist. Rubeola bleibt constant innerhalb des 
Aeschenquartiers, doch in nicht häufigen Fällen. Keuchhusten , den wir schon mehrere 
Jahre nicht mehr losbekommen haben, sorgt auch heuer für Fortpflanzung. Typhus und 
Erysipele sind nicht gerade häufig, aber sehr ständig (5 und 8). 


Briefkasten. 


Herrn Dr. B: Sie fragen mich, ob nicht für kleinere Vereine Sitzungen ohne wissenschaftliche 
Tractanden vorzuziehen seien. Niemals! Lesen Sie darüber Dr. Sonderegger’s Meinung, 1874, p. 519 
dieser Blätter. — Herrn Prof. Dr. Kocher , Bern, Dr. J. R. Sch—r in Bern, Dr. J2ilty 9 Divisions¬ 
arzt Z —r in B.: Dankend erhalten. — Herrn Rathsherr M. in B.: Mit bestem Danke erhalten, wird 
benützt. 


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Preis des Jahrganges von 4 Bänden 20 Mark, in 
Oesterreich 10 fl. 


Inhalt. I. Original-Aufsätze. Eppinger, 
Mittheilungen aus dem pathol.-anat. Institut zu 
Prag. — Petters, Leber Lymphorragie. — 
Eppinger, Pseudohermaphrodismus masculinus 
internus (mit 1 lithogr. Tafel). — Kan lieh, Die 
Cholera in Böhmen in den Jahren 1866 nnd 
1872—1873. — Henke, Kritisches überKlump- 
füss und Plattfuss (mit 1 lithogr. Tafel). — 
Klebs, Ueber Lymphangiektasie. — II« Ana- 
lecten. — III. Literarischer Anzeiger. — 
IV. Miscellen. [H-36031] 



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in Gelterkinden. 


N? 3. Y. Jahrg. 1875. 1. Februar. 


Inhalt: 1) Originalarbeiten: Dr. A. Steiger, Heber Empyem. Frans Pfifner, Die Garbolfieber-Pandemie. Prof. 
Friedr. Brenner, f Prof. Dr. Kocher, Ueber die Sprengwirkung der modernen Kleingewehr - Geschosse. (Schloss.) — 
2) Vereinsberichte: Ordentliche Versammlung der medicini-sch-chirurgischen Gesellschaft des CantonsBern. — S) Referate 
nnd Kritiken: C. C. Th.Litemann, Uober den Einfluss der einseinen Formen des engen Beckens auf die Geburt. Dr. C. Qussen- 
bauer, Ueber die erste durch Billroth am Menschen ausgeführte Kehlkopfexstirpation and die Anwendung eines künstlichen 
Kehlkopfes. Dr. Fr. T. Roberts, Ueber Rahe in der Behandlung von Brnstkrankheiteo. — 4) Kantonale Correepon- 
denaen: Chor (Fortsetzung); Bern. — 5) Wochenbericht. — 6) Briefkasten. 


Originnl-Arbeiten. 


Ueber Empyem. 

Erfahrungen gesammelt an 27 Fällen. 

(Vortrag gehalten in der Section Lnzern der medic. Gesellschaft der Centralschweiz.) 

Von Dr. A. Steiger in Luzern. 

Visu, non auditn. 

In unserm ärztlichen Correspondenzblatte •) sind vor einiger Zeit schon von 
verschiedenen Seiten her zwei Fälle von Empyem mit Durchbruch durch die Lungen 
erwähnt worden, bei denen die beiden Referenten jedes Mal ihre Verwunderung 
nicht unterdrücken konnten, dass solche Patienten so schön mit Leben und Ge¬ 
sundheit haben davon kommen können. Auch Herr Prof. Biermer hat mir bei Ge¬ 
legenheit einer Consultation dieselbe Ansicht eröffnet. Es müssen den betreffenden 
Coliegen wenige Erfahrungen in dieser Beziehung zu Gebote stehen, sonst würden 
sie wissen, dass Empyem, welches durch die Lunge seinen Ausweg sucht, auf 
diese Weise weitaus am besten und vollkommensten heilt, *•) dass solchartige 
Kranke so zu sagen regelmässig gerettet sind, wenn der Durchbruch erfolgt und 
dass dabei nur höchst ausnahmsweise ein tödtlicher Ausgang eintritt. Ich habe 
mir bisher 27 Fälle von Empyem bemerkt; von diesen wurden 6 operirt und 21 bra- 
eben durch die Lunge durch. Von erstem 6 heilte nur Einer rasch und vollstän- 


*) Dr. 0. Fischer, Fall von Empyem etc., Corr.-Bl. 1873, p. 57. 

K., Phlegmone des Halses, Perfor. in die Luftwege etc. a. a. 0., 1873, p. 589. 

A . Baader, Empyem, Perf. ln die Broncb. etc., a. a. 0., 1873, p. 593. 

## ) Vide 1. cit. p. 595, II. Al. von unten, wo, wie im ganzen Artikel Qberhaupt, die bekannte 
Thatsacke der günstigen Prognose bei spontanem Durchbruche volle Würdigung findet. A. B. 

5 


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dig, während die übrigen entweder bald starben an Erschöpfung oder sich Jahre 
lang hinschleppten, bis sie endlich doch weggerafft wurden oder einen geschwäch¬ 
ten Körper für immer davon trugen. Von den 21 Durchbrüchen heilten alle 
gänzlich bis auf Einen, der, grosser Potator, bald nach erfolgtem Durchbruche 
an Lungcnblutung starb. 

Die physicalischen Zeichen des Empyems sind bekannt; sie sind dieselben, 
wie die des pleuritischen Exsudates, aus welchem es ja häufig secundär hervorgeht. 
Darum keine Worte hierüber verloren ! Wichtiger dagegen ist die Entscheidung, 
ob wir Serum oder Pus im Pleurasacke haben. Es gibt nun absolut kein Zeichen, 
an dem wir ein Empyem mit Sicherheit von einem serösen Exsudate unterscheiden 
können, als die umschriebene Vorwölbung der Weichtheile in einem oder zweien 
Rippenzwischenräumen. Ein Schüttelfrost oder wiederholte Schüttelfröste mögen 
aufgetreten sein und doch bleibt das Exsudat serös; ohne allen Schüttelfrost, selbst 
ohne eigentliches Frösteln, können wir es doch mit einem Empyem zu thun haben. 
Das Exsudat kann rasch erscheinen oder sich sehr schleichend bilden, sowohl bei 
einfacher als bei eitriger Pleuritis. In beiden Fällen können wir abwechselnd Zu- 
und Abnahme der Dämpfung bemerken. Bevor ich dieses Verhalten herausgefun¬ 
den hatte, liess ich mich zuweilen über die Natur des Exsudates sehr täuschen. 
Auch die Grösse des Exsudates bat keine Beweiskraft für Serum oder Eiter. Von 
ca. 1 U bis 9 U habe ich Ansammlungen gesehen von purulenten wie serösen Er¬ 
güssen. Ebenso wenig ist das begleitende Fieber, die Qualität des Pulses, das 
Vorkommen hydropischer Anschwellungen, der eiweisshaltende Harn von wesent¬ 
licher Bedeutung für die Entscheidung, ob Serum, ob Eiter. Auch Alter, Gesund¬ 
heit oder Herabgekommensein sind nicht charakteristisch für die Natur des Krank- 
beitsproductes; ich habe Vijährige Kinder und 65jährige Männer an Empyem be¬ 
handelt. Dagegen hatte ich unter den 27 Fällen eine einzige Frau, hinter 
Kindbett. 

Trotzdem war ich im Ganzen ziemlich glücklich in Bestimmung der Art des 
Exsudates und ward es je länger je mehr. Ich will versuchen die Sache klar zu 
machen. Wenn Jemand unter heftigem Schüttelfrost ungeheures Seitenstechen be¬ 
kommt und dieser Stich fast mit derselben Heftigkeit eine 
Woche lang anhält, gleichviel ob gleichzeitig Pneumonie vorhanden ist 
oder nicht, so habe ich bisher in allen solchen Fällen Empyem entstehen sehen. 
Charakteristisch für mich ist die 7 — 8 Tage lange Dauer des gleich heftigen, ja 
stets zunehmenden Schmerzes, der in allen Tonarten geschildert wird, die Kranken 
zwingt, beständig eine und dieselbe zusammengezogene Lage einzunehmen, der 
weder auf Blutegel, Schröpfköpfe, Eis, Kataplasmen, noch irgend etwas sich we¬ 
sentlich mindert, höchstens für ganz kurze Zeit etwas schweigt, um dann mit neuer 
Wuth wieder fortzufahren. Bei gewöhnlicher Pleuro-Pneumonie oder Pleuritis ist 
der Schmerz wohl auch heftig, aber nie in demselben Grade und nie auf so lange 
Dauer. Nach 8 Tagen tritt immer Nachlass ein, sog. Pseudocrisis; eine allfällige 
Pneumonie löst sich und der wenig erfahrene Praktiker sieht bereits kommende 
Genesung; es ist mir anfänglich auch so gegangen. Schwere Täuschung! Denn das 
pleuritische Exsudat wächst nun. Ich habe einmal erlebt, dass der Pseudocrisis 


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in 24 Stunden ein offenbar seröses Exsudat gefolgt war, welches die ganze Brust- 
liälftc bis Clavicula und Spina Scapulae anfüllte. Dieses Exsudat verminderte sich 
schon in den darauf folgenden 24 Stunden wieder durch reichliche Diurese bis auf 
einen kleinen unscheinbaren Rest hinten unten, von welchem aus dann Empyem 
entstund. Schon nach 3, gewöhnlich nach 4—5, manchmal, aber seltener, nach 9 
und 10 Wochen kann es zum Durchbruch durch die Lunge kommen. Zuweilen 
entwickelt sich aber die ganze Sache so schleichend und unbedeutend, dass man, 
wenn nicht immer genau untersucht wird, das kleine Exsudat übersieht und dann 
durch das Ausspucken einer Menge Eiter überrascht wird. 

Hat man es mit kleinen Kindern zu thun, so ist die Sache zum Verwechseln 
mit Pneumonie ähnlich, so umschrieben bildet sich das eitrige Exsudat. In diesem 
letzteren Falle sterben die Kinder häufig erst am 10., 14., 20. Tage. Statt der 
pneumonischen Infiltration, oder an der Seite derselben, findet man den umschrie¬ 
benen pleuritischen Abscess, zuweilen wie in einen Beutel gehüllt. Die Absackung 
bei eitrigem Exsudat in der Pleura ist überhaupt häufig ; gerade dieser Umstand, 
dieses lange dauernde, gleichmässige Umschriebensein der Dämpfung entscheidet 
die Wahrscheinlichkeits-Diagnose. Bei einfachem Exsudate tritt ein solches Um¬ 
schriebensein selten so rasch und so vollkommen ein. 

In den letzten 12 Jahren meiner Praxis hatten sich alle Fälle von Empyem 
spontan durch die Lungen entleert, so dass ich für mich schon die Theorie ablei¬ 
ten wollte, man habe nie zu operiren, sondern ruhig den Durchbruch abzuwarten. 
Ich machte mir schon Vorwürfe, vorher überhaupt operirt zu haben. Im Jahre 1874 
war ich gezwungen, binnen kurzer Frist 4 Fälle propter indieationem vitalem von 
aussen zu öffnen, während mir doch wieder 2 andere mit Durchbruch durch die 
Lungen vorkamen. Jetzt wurde meine Idee wieder modificirt. II ne faut jurer 
de rienl 

Dagegen blieb die Erfahrung aufrecht und fest, dass der Durchbruch 
durch die Lungen der naturgemässe Heilungsvorgang bei 
Empyem ist, gerade wie die Lösung bei Pneumonie. Der Durchbruch des Em¬ 
pyems durch die Lunge ist auch der häufigste Ausgang, bei weitem der glück¬ 
lichste. Spontane Ocffnung nach aussen (anderswohin habe ich keinen Fall erlebt) 
oder Thoracenthesis ergeben unendlich schlechtere Resultate. Nur ein Aber ist 
hier beizufügen. Der Durchbruch nach den Lungen muss geräumig sein, muss in 
einen grösseren Bronchus münden , darf nicht blos eine kleine Oeffnung bilden, 
sonst entleert sich die grosse Eitermasse nur unvollkommen und es kommt schliess¬ 
lich doch noch zur Nothwendigkeit des Einschneidens von augsen. Die Operation 
hat in den wenigem Fällen glänzenden Erfolg; hie und da nur vorüber¬ 
gehenden, der Kranke erliegt bald der Hektik; häufig nur unvollkomme¬ 
nen, so dass die Operirten Jahr und Tag noch an ihrem Uebel zu tragen haben, 
dabei allmälig herunterkommen, unheilbare Veränderungen im Innern der Brust¬ 
höhle erleiden und selten mehr so gesund werden wie früher. 

Noch schlechter stellt sich der spontane Durchbruch nach aussen. Dieser 
macht sich nämlich gewöhnlich durch einen buchtigen Gang unter einer grossem 
Hautpartie und stellt so der gründlichen Entleerung des Eiters unübersteigliche Hin- 


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dernisse entgegen; er ist ohne künstliche Nachhülfe stets von üblen Folgen 
begleitet. 

Die Ursache des so verschiedenen Ausganges nach der Operation kann ich 
nur im Verhalten der Lunge finden. Wenn bei Bildung des eitrigen Exsudates die 
Lunge an einzelnen Stellen mitergriffen ist, was man sicher nie zum Voraus wis¬ 
sen kann, wenn in diesen Fällen atmosphärische Luft mehr oder weniger in Be¬ 
rührung tritt mit dem Exsudate, ohne dass gerade Pneumothorax entsteht, einfach 
durch Gasaustausch durch morschere oder von der Pleura entblösste Lungenpar¬ 
tien, so wird das Exsudat zersetzt und bildet eine übelriechende Masse mit Fetzen, 
Krümmein, Luftblasen, Fetttropfen etc. Zeigt sich beim Einschneiden das Exsu¬ 
dat von dieser Art, so darf die Prognose nicht zu günstig gestellt werden. Ist 
dagegen der herausfliessende Eiter pus bonum et laudabile, so lässt sich guter Er¬ 
folg hoffen, wenn man auch zum zweiten Male punctiren müsste. Denn in diesem 
Falle ist die Lunge gesund, dehnt sich bald wieder aus und trägt'somit das Meiste 
bei, die Eiterhöhle zum Schliessen zu bringen, indem sie die Flüssigkeit vor sich 
her zur äussern Oeffnung hintreibt, soferne nur dafür Sorge getragen wird, die¬ 
selbe hübsch gangbar zu erhalten. Wenn dagegen die Lunge selbst infiltrirt ist, 
oft theilweise zusammengedrückt, geschrumpft, so bekommen wir eine beständig 
sich erneuernde Eiteransammlung (Brustfistel). Ist schon die Heilung eines ge¬ 
wöhnlichen fistulösen Ganges schwierig, häufig unmöglich, ohne gänzliche Spaltung 
der Decke, so wird die Brustfistel noch um so schwieriger zu heben sein. Denn 
einerseits haben die kranken Lungentheile Neigung, sich allmälig mehr und mehr 
zusammen zu ziehen (zu schrumpfen), anderseits biegen sich die Rippen ihrer knö¬ 
chernen Beschaffenheit wegen nicht gerade an jenen Stellen ein. So bleibt bestän¬ 
dig ein offener Raum vorhanden, in welchem der Eiter sich ansammeln muss, weil 
er nur unvollkommenen Abfluss durch die höher gelegene äussere Oeffnung hat, 
trotz der Wiederausdehnung der noch gesunden Lungentheile. Die ursprünglich 
einräumige Eiterhöhle wird ferner allmälig mehrkämmerig durch stellenweise Ver¬ 
wachsungen, so dass dem Eiterabfluss durch diesen Umstand wieder neue Hinder¬ 
nisse erwachsen. Auf diese Weise, was man auch immer machen mag, zieht sich 
die Sache schrecklich in die Länge; die Kranken kommen herunter; gerne zeigt 
sich secundärc Tuberculosis oder sonstiges Siechthuin. 

Ganz anders verhalten sich die Dinge beim Durchbruche des Eiters durch die 
Lunge. Dort wird immer die schlimmste Stelle der ergriffenen Lunge durchbro¬ 
chen, bald weiter oben, bald mehr unten. Die verhältnissmässig gesunden Theile 
dieses Organes dehnen sich allmälig wieder aus und stossen dadurch den Eiter 
gegen den unausdehnbaren Theil, wo sich gleichzeitig die Durchbruchsstelle befin¬ 
det. Die Eiteransammlung muss sich auf diese Weise stets verkleinern, aber nur 
in dem Masse, als sich die Lunge erweitert, die verdrängten Organe wieder an 
ihre alten Plätze zurückkehren und die Brustwand selbst etwas einsinkt. Diesen 
Vorgang kann man zuweilen Schritt für Schritt verfolgen. Häufig befindet sich 
z. B. der kranke Lungentheil mehr in der Mitte , während der obere und untere 
relativ gesund sind. In diesem Falle dehnt sich die untere Lungenpartie aus; die 
frühere Dämpfung verschwindet dort wesentlich, während sie in der Mitte fortbe- 


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steht, zum Beweise, dass durch die sich ausdehnende Lungenpartie die Eiterhöhle 
unten aufgehoben ist, trotz des Gesetzes der Schwere, und dass Eiteransammlung 
blos noch in der Umgebung des starren und durchbrochenen Lungentheils sich 
vorfindet. Die innere Lungenfistel wird also durch Compreö- 
sion mittelst der gesunden L ungentheile zum Sch Hessen 
gebracht. Dieser mechanische Vorgang findet bei jedem Durchbruch des Em¬ 
pyems durch die Lungen statt, ob die Eiterung gross oder klein, ob sie gutartig 
(sehr selten) oder stinkend ist. Darum auch so zu sagen der beständige günstige 
Ausgang. Ich habe nun allerdings 2 Fälle erlebt, wo ein Durchbruch durch die 
Lunge stattfand und z. B. in kurzer Zeit 1 Schoppen Eiter entleert wurde, dann 
aber der Auswurf plötzlich wieder aufhörte, so dass ich einige Zeit nachher doch 
die Thoracenthesis vorzunehmen hatte. In diesen Fällen war der selbst entleerte 
Eiter dünn, nicht allzu schlecht riechend, während bei der künstlichen Eröffnung 
die herausfliessende Masse dicklich war und schrecklichen Geruch verbreitete. Of¬ 
fenbar musste der ausgespuckte Eiter mehr nur durchgezwängt worden sein. Die 
kleine Oeffnung in den Lungen verklebte sich rasch wieder, nachdem der grosse 
innere Druck sich etwas vermindert hatte. Darum sagte ich oben, der Durchbruch 
des Empyems durch die Lungen müsse mit grösserer Oeffnung in einen grossem 
Bronchus erfolgen, wenn der Ausgang ein günstiger sein solle. 

(Schluss folgt.) 


Die Carbolfieber-Pandemie. *) 

Von Franz Pfiffner, pract. Arzt in Wallenstadt. 

Meine 'Herren! 

Wer mit der neuesten Literatur nur cinigermassen vertraut ist, kann sich des 
Eindrucks nicht erwehren, als wäre in der Carbolsäure (was man so zu nennen 
pflegt, ist weder Aldehyd noch Säure; wir finden drum den Namen „Carbol“ rich¬ 
tiger) die Panacee gefunden gegen alles Uebel, was da unten kreucht und fleucht. 
Was Wunder, wenn die „Fliegenden Blätter“ am Eingang des modernisirten Dio¬ 
geneshauses eine gewaltige Carboiflasche angebracht haben! — Dr. Berger sagt in 
einem Vortrag über das „Amylnitrit“: „Man lasse alle Illusionen fahren, die die 
neuere Zeit daran geknüpft hat und verlange nicht mehr vom Amylnitrit, als es 
vermöge seiner physiolog. Eigenschaften zu leisten im Stande ist; dann, meine ich, 
wird das Mittel eine feste Stellung in unserm Arzneischatz behaupten. Geht man 
in seinen Anforderungen zu weit, so läuft das Mittel Gefahr, ebenso rasch vom 
Schauplatz der ärztl. Thätigkeit wieder zu verschwinden, wie es so vielen andern 
Mitteln auf Grund kritikloser Empfehlungen ergangen ist.“ Diese goldenen Worte 
lassen Sie mich auch für das Carbol in Anspruch nehmen. 

Einerseits den Strom der angehobenen Lobpreisungen in seine richtigen Schran- 


*) Dieser Vortrag war für eine kleine ärztliche Gesellschaft bestimmt. 


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ken einzudämmen und anderseits bereits verloren gegangene Sympathien ihm wie¬ 
der zuzuwenden, sei die Aufgabe dieses kurzen Vortrages. 

Die Verwendung des Carbois in der internen Medicin ist das Ergebniss 
einer ebenso einfachen als formell richtigen Logik. Die gegenwärtig geläufige 
Theorie betrachtet als die Erzeuger der meisten Infectionskrankheiten niedere Or¬ 
ganismen. Die Experimentalpathologie hat in dem Carbol ein sehr intensives Gift 
gegen diese kleinen Ungeheuer entdeckt. Ergo: erfüllen wir durch Application 
von Carbol gegen diese Infectionskrankheiten eine Indicatio causalis par excellenco. 
ttüler behauptet sogar, dass alle Entzündungskrankheiten auf Invasion von Monaden 
beruhen. Dadurch bat sich natürlich der Wirkungskreis des Carbois noch enorm 
erweitert. 

Sie sehen, an diesen ätiologischen Anschauungen scheint im Wesentlichen 
der Ruf des Carbois zu hängen; mit ihnen steigt oder fällt es. Die Verbindung 
scheint so intim, dass mich wundert, warum noch keinem Carbolfreund eingefallen 
ist, ex juvante aut non juvante das Infectiöse oder Nicht-Infectiöse einer Krank¬ 
heit zu constatiren. Ich fühle keinen Beiuf, die erste Prämisse unseres Syllogis¬ 
mus, die Monadentheorie nämlich, einer Kritik zu unterziehen; ich beschränke mich 
darauf, die Ungenauigkeit der zweiten hervorzuheben. Carbol ist nämlich nicht in 
jedem Verhältniss ein Gift für die niedern Organismen oder chemischen Ferment¬ 
körper. Die Experimentalpathologie hat nachgewiesen, dass es erst dann deletäre 
toxische Wirkung enthaltet, wenn seine Lösung wenigstens lprozentig ist. 
Wollen wir also das Carbol anwenden, um alle im Gesammtblut eines inficirten 
Menschen kreisenden Fermentstoffe zu vernichten, so müssen wir diese Blutmasse 
zu einer lprozentigen Carbollösung machen. Nehmen wir die Blutflüssigkeit zu 
10 U an, so bedürften wir, um diesen Zweck zu erreichen, einer Carbolmenge von 
ungefähr 50 gmm. Und zwar müsste diese Quantität auf einmal dem Blute ein - 
verleibt werden, weil das Carbol eben erst in besagtem Concentrationsgrad für 
Monaden giftig wirkt. Viel ungünstiger würde sich das Verhältniss gestalten in 
jenen Infectionskrankheiten, die kein Contagium animatum zum Erzeuger haben, 
weil die chemischen Fermente zu ihrer Sistirung bedeutend grösserer Mengen Car¬ 
bol bedürfen. 

Es ergibt sich nun von selbst die Frage, welcher Maximalquantität Carbol der 
menschliche Organismus zu widerstehen vermöge; mit andern Worten, ob Carbol 
uns früher tödtet als unsere ungerufenen Gäste, die Monaden? 

Die Literatur der letzten 3 Jahre hat eine Reihe tödtlich endender Carbol- 
intoxicationen verzeichnet, aus deren Geschichte die Carbolbcgeisterten noch bei¬ 
läufig die ernste Mahnung ziehen mögen, etwas vorsichtiger mit diesem Mittel um¬ 
zugehen. Die tödtliche Dosis betrug gewöhnlich zwischen 20 und 30 gmm. 

Sie sehen daraus, meine Herren, dass weit früher als die kleinen Missethäter 
unseres kranken Blutes der menschliche Organismus den Wirkungen dieses Mittels 
unterliegt. — 

Sie wissen, meine Herren, dass der letzte Wiener-Congress die Desinfection 
grosser Städte verworfen hat, weil sie keine Erfolge aufweisen konnte. Göttisheim 
erklärt diese Erfolglosigkeit aus der bisherigen Uebung, die mit der Desinfection 


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erst dann beginne, wenn bereits die ganze Stadt vom Seuchegift durchdrungen 
war. Der erste Herd sei zu suchen und zu neutralisiren — dann werde die Des- 
infection andere Früchte zeugen. Dieser Weg wird auch von uns einzuschlagen 
sein, wenn anders wir mit den bis jetzt bekannten Desinficientien den er¬ 
krankenden Organismus schützen wollen. Wir müssen das Gift auf seinen ersten 
Wegen, die es in den Körper wandelt, zu vernichten suchen; denn nur solange, 
als der inficirte Säftestrora noch klein genug ist, um der erlaubten Carbolquan- 
tität den zur Vernichtung des Giftes nöthigen Concentrationsgrad zu wahren — 
werden wir eigentlich desinficiren können. Zur Bekräftigung der Richtigkeit dieser 
theoretischen Forderung erlaube ich mir, Ihnen einige Fälle anzufiihren. Dr. Wilde 
berichtet im Archiv für klinische Medicin über 6 Fälle von sept. Erysipel, die er 
mit Injectionen von Natr. sulfo-carbolicum behandelt hat. Er applizirte die Pravaz'sche 
Spritze an der perifer. Entzündungszone, damit das Carbol in den Lymphbahnen 
dem Stamme zuschwimmend das ganze Entzündungsgebiet durchdringe und des- 
inficirc. Am ersten Abend schon machte sich ein Sinken der Temperatur bemerk- 
lich; am 2.-3. Tag verminderte sich die Röthe, um am 4. Tag ganz zu verschwin¬ 
den. Aehnliche Resultate haben in letzter Zeit Hüler , Aufrecht und Kaczoronski ver¬ 
öffentlicht. 

Bei den eigentlichen Infectionskrankheiten werden wir gewöhnlich erst dann 
zum Kampf gegen die Fermente aufgerufen, wenn schon die ganze Blutmasse von 
ihnen durchsetzt ist. Hier gilt es nicht mehr den Feind auf den ersten Etappen 
zu schlagen; nein, der ganze Mensch muss desinficirt werden. Ich bin Ihnen, 
meine Herren, den practischen Beweis für die Wahrheit jener frühem Deduction, 
nach der eine intensive Carboiwirkung gegen diese Fälle zu den Illusionen ge¬ 
hört, an denen wir mehr oder weniger Alle kränkeln, noch schuldig. Begleiten 
Sie mich drum noch einige Augenblicke auf meiner Wanderung durch die Tages¬ 
literatur! 

Im Jahre 1871 schrieb Treulich in die W. med. Pr., dass er mft 3 Gran (!) Car¬ 
bol eine Reihe inveterirter Intermittcnsfälle geheilt habe. Ihm erwiderte Cursch- 
rnann , dass das Mittel sich in allen seinen Fällen als durchaus unwirksam erwiesen 
hätte. Curschmann behandelte mehr frische Fälle , in denen die miasmatödtenden 
Eigenschaften des Carbois erst recht hätten zur Geltung kommen können. 

Die Erfolge des Carbois gegen Recurrens bezeichnet Ulfen als höchst zweifel¬ 
haft. Noch ungünstiger äussert sich Allan über dieses Mittel bei Typhus, und Lie - 
hermeistei - schreibt im Ziemsserischen Handbuch: „Die Magnesia sulfurosa, die Carbol- 
säure scheinen bisher nichts geleistet zu haben, was ihnen die Anerkennung als 
Specificum gegen Typhus sichern könnte.“ 

In Frankreich wurde das Carbol als Specificum gegen Milzbrand, Cholera, In- 
termittens, Typhus gepriesen von Declal. Declal hüllt aber einen Theil seiner thera¬ 
peutischen Methode in tiefes Geheimniss, so dass wir daraus schon wissen, was 
von dem Mann zu halten. Nur ein höchst auffälliger Widerspruch sei hier consta- 
tirt, der nämlich, dass Declal Carbol vorzüglich gegen Milzbrand empfiehlt, wäh¬ 
rend Dacaine' s genaue Untersuchungen lehren, dass gerade für Milzbrandbacteridien 
Carbol ein sehr wenig intensives Gift ist. 


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Mit Ausnahme von Stromeyer , der Kälte und Zugwind als Ursachen der Pyämie 
beschuldigt, sind alle Forscher darüber einig, dass diese Krankheit fermentativen 
Stoffen ihre Entstehung verdanke. Also auch ein Feld für Carbol! Prof. Nussbaum 
theilt mit, dass er bei klinischer Beobachtung Pyämischer, bei sog. „Gone, up ca- 
ses“ mehrfach das Carbol angewandt, aber nur unsichere Wirkung gesehen habe 
unter ständigem letalem Exitus. Erb machte Thiere pyämisch durch Injection pu¬ 
trider Stoffe. Gegen das nach einigen Stunden auftretende Fieber wurden Carbol¬ 
einspritzungen gemacht. Die Thiere starben. 

Dr. Kunze , der der Ansicht huldigt, die Pleuropneumonie gehöre zu den Infec- 
tionskrankheiten, hat in seiner Zeitschrift 2 Fälle veröffentlicht, die den hohen 
Werth des Carbois darthun sollen. Ich bitte Sie, meine Herren, diese 2 Fälle 5m 
Original genau zu lesen. Mir macht der erste — Herr Kunze möge es mir zu gut' 
halten — den Eindruck, als sei eine am 26. März ausgebrochene Pleuropneumonie 
in der Nacht vom 1. auf den 2. April in typische Krisis übergegangen. Beim 2. 
Fall ist sehr zu bedauern, dass er nicht ausführlicher erzählt wird, denn er stellt 
eine höchst eigenthümlich verlaufende Lungenentzündung dar. Es fehlten nämlich 
die ersten 3 Tage — dem Berichte nach könnte man meinen, während der ganzen 
Zeit — alle physicalischen Erscheinungen einer Pneumonie; die Morgentemperatur 
des 2. Tages betrug nur 38,2, die des 3. nur 37,4. Ich will in die Diagnose des 
Herrn Kunze nicht weiter eingehen. Die diesem Fall vindicirte Beweiskraft aber 
muss ich vor der Hand des Entschiedensten zurückweisen. 

Meine Herren! Ich wäre nun mit meinem Thema, die Ohnmacht einer internen 
Carboltherapie gegen Infectionskrankheiten darzuthun, zu Ende. Es sei drum nur 
anhangsweise des Carbols gegen mono- und polyarticulären Rheumatismus 
erwähnt. Kunze hat einige brillante Erfolge von dieser Behandlung nolirt. A priori 
bedaure ich, dass es gerade diese Krankheit sein muss, die dem Carbol zu wei¬ 
terer Berühmtheit verhelfen soll. Dieses schwergeprüfte Kind unserer Sorgen ist 
schon durch so manches Mittel curirt worden, dass die neue Entdeckung fast über¬ 
flüssig erscheint Chinin hat geholfen, Bleizucker hat geholfen, Jodkali, Salpeter, 
hydropathische Einwicklung, Propylamin — Alles, Alles hat geholfen; Und mit 
welcher Emphase wurden alle diese Mittel zu ihrer Zeit gepriesen 1 Alle hat der 
Orkus wieder verschlungen. Wird es auch dem Carbol so ergehen ? Bill hat bereits 
in dem Americ. Journal berichtet, dass er von dem Carbol bei Rh. acut nicht den 
geringsten Erfolg beobachtet habe. 

Die Acten sind darüber noch nicht geschlossen ; ich bitte Sie aber, den Wider¬ 
willen gegen Publicationen negativer Resultate zu überwinden und auch solche 
— wenn sie Vorkommen sollten —- mitzutheilen. Ich gebe Ihnen zum Schlüsse noch 
2 eigene Beobachtungen, die in diese Kategorie gehören: Die erste betrifft meine 
Wenigkeit selbst, die vor 2 Jahren einen heftigen acuten Gelenkrheumatismus 
durchmachte. 

Nach einem regnerischen Militärcurse befiel den Bandapparat meiner Fuss- 
gelenke abwechselnd eine sehr heftige rheumatische Entzündung. Wenn sie 4 
Tage am rechten Fuss gewüthet hatte, ging sie auf den linken über, um nach Ab¬ 
lauf dieses Termins wieder zum erstem zurückzukehren. Als wieder die linke Ge- 


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lenbgegend ergriffen wurde, spritzte ich boffnungerfüllt die Wagnerische Carbollösung 
ein und gedachte, wie der Magazinier von Baden (Correspondenzblatt Nr. 16) des 
andern Tages meinem Beruf obliegen zu können. — Die Entzündung aber schwand 
erst nach ca. 4 Tagen — wie früher auch! 

Ferner: Marie M. wurde plötzlich von sehr heftigen Schmerzen im linken Fuss- 
gelenk befallen. Dieselben verschwanden nach 2 Tagen spontan, um in das rechte 
zu „fahren“. Dort wurde die Entzündung so heftig, dass Patientin das Bett hüten 
musste und mich rief. Die Gegend des innern Knöchels war geschwollen und in¬ 
tensiv geröthet; der leichteste Druck, sowie Bewegungen des Fusses sehr schmerz¬ 
haft. Ich machte 2 Carbolinjectionen, die aber ohne allen günstigen Einfluss blie¬ 
ben, so dass andern Tages die Angehörigen, mit der „neuen Methode“ höchst un¬ 
zufrieden, nach Blutegeln verlangten. 


Prof. Friedr. Brenner in Basel f 

geboren den 8. Jan. 1809, gestorben den 31. Oct. 1874. 

Wieder hat einer von der alten Garde den Kampfplatz verlassen, nicht unvor¬ 
hergesehen, aber doch überraschend plötzlich. 

Schon seit längeren Jahren, und zwar vielleicht von dem heftigen Eindrücke 
her, den ihm der unerwartete Anblick der Leiche eines Freundes verursacht hatte, 
litt er an den Beschwerden eines organischen Herzfehlers. Auch stand er unter dem 
Drucke einer zunehmenden Schwerhörigkeit, die ihm den Umgang mit Andern er¬ 
schwerte. Aber die alternde und beschwerlich werdende Hülle barg einen jugendlich 
gebliebenen Kern, ein warmes Interesse für Beruf und Vaterland, eine harmonisch 
durchgebildete Humanität, jenes eigentümliche Etwas, das den Männern seiner 
Zeit häufig eigen ist, und das der Vergänglichkeit zu trotzen scheint. Und 
wer gar Zeuge davon gewesen war, mit welch’ fröhlichem Humor er an den 
Festlichkeiten des vergangenen Sommers Theil genommen hat, an der Ein¬ 
weihung des Bernoullianums und der Rheinfahrt der medicinischen Gesellschaft, 
wahrlich der hätte nicht geglaubt, dass Brenner das Jahresende nicht sehen werde. 
Aber singen wir nicht: Venit mors velociter, rapit nos atrociter? Ihn hat der Tod 
auf dem Felde der Ehre dahingerafft. Er bestand seinen letzten Kampf am 
Krankenbette eines Grosskindes; Hülfe spendend starb er. 

Aus einem Kaufmannshause stammend, hatte er sich, von seinem zu früh ihm 
entrissenen vortrefflichen Vater dazu angeleitet, mit naturhistorischen Studien be¬ 
fasst, ganz besonders mit der Botanik; und schon als Knabe war in ihm der ideale 
Zug zu dem Entschlüsse durchgebrocben, die heilsamen Kräfte der Pflanzenwelt 
im Interesse der leidenden Mitmenschen zu verwerthen. Somit hatte er seine 
Lebensaufgabe erfasst. Er wurde Arzt. 

Nachdem er die Schulen seiner Vaterstadt, zuletzt den zweijährigen Curs des 
Pädagogiums absolvirt hatte, ging er, wie er in seinem Curriculum vit® sagt, nach 
Zürich, „cujus academia summis laudibus elata est tt , 


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Zürich besass damals das „medicinisch-chirurgische Cantonalinstitut“, das 1782 
als Privatinstitut gegründet, 1804 vom Staate war übernommen worden. Wie die 
Statuten von 1812 besagen, hatte es 16 ordentliche Lehrer, die Vorlesungen soll¬ 
ten „so viel möglich zu den gesetzten, verabredeten Stunden gehalten werden“; 
die Honorare der Docenten bestritten sich aus den Collegiengeldern (2 fl. 20 kr. 
per Jahresstundc) und einem Regierungszuschuss von 800 Schweizerfranken, nach 
unserem heutigen Begriffe gerade genug für einen Pedell. „Sed ista schola“, sagt 
das Curriculum weiter, quae tum trium annorum spatio e rusticis medicos formare 
tendebat minime mihi placuit, et cum eodem anno feriis Basileam reveniens clarissi- 
n.um professorem Jung anatomiam et physiologiam ingeniöse atquo liquidissimo 
docentem audirem me in longinquo quaesivisse, quae patria urbs melius mihi prae- 
bere poterat, intellexi.“ 

Allen damals an der Basler Universität wirkenden jungen, nachmals theilweise 
berühmt gewordenen Lehrern bewahrte er ein dankbares Andenken, befreundet 
wurde er besonders mit Jung und Reeper und blieb es mit ersterm bis der Tod das 
Band löste. 

Brenner vollendete seine Fachstudien in Freiburg i. B., wo Baumgärtner lehrte, 
damals einer der wenigen deutschen Kliniker, welche sich den französischen Er¬ 
rungenschaften anschlossen und die weittragende Bedeutung der Pariser Revolu¬ 
tionsschule gewürdigt hatten. 

Er doctorirte in Basel, noch ehe er seine Dissertation abgeliefert hatte. Aber, 
fährt das Curriculum, an die Herren Examinatoren sich wendend, fort, vos illustres 
viri, me in hac re negligentia non acusabitis, nam permagnum malorum scriptorum 
numerum augere nolim, eine Bescheidenheit, die in unserem schreibseligen Jahr¬ 
hundert nicht Jedermanns Sache ist. 

Seine aber ist sie geblieben. Er ist kein Mann der Publicität geworden, und 
das nonun prematur in annum hat er fast stricte innegehalten. 

Gewiss sind es nicht die gewöhnlich sich geltend machenden Gründe gewesen, 
die ihn wenig publiciren Hessen, sondern eher eine, ich möchte sagen keusche 
Scheu vor dem Unfertigen. Zwar er sah sich bald von verschiedenen Seiten in 
Anspruch genommen. Seine Privatpraxis entwickelte sich und blieb ihm, wenn 
auch, wie die Andrer, in die klimakterischen Jahre kommend, bis an seinen Todes¬ 
tag treu. Ja, viele seiner Patienten bezeugten es besonders, wie sie in ihm nicht 
nur einen Arzt verloren haben, der durch seine ruhige Ueberlegung ihr Vertrauen 
gewonnen, sondern einen Freund, der am Wohl und Wehe der ganzen Familie 
freundschaftlichen Antheil nahm. Er widmete dem Vaterlande seine Dienste als 
Militärarzt und Mitglied der Räthe. In erstcrer Stellung .gelangte er bis zum Range 
eines Divisionsarztes und erhielt den Auftrag, alle in der mittleren und östlichen 
Schweiz zerstreuten Invaliden des Sonderbundskrieges zu besuchen, und an die 
oberste Militärbehörde behufs der Pensionirung zu berichten, ein Auftrag, dessen 
er sich mit Hingebung und Sachkenntniss erledigte, und dessen winterlicher Aus¬ 
führung er oft und gerne gedachte. 

Als Gross- und Verfassungsrath arbeitete er besonders für die damals höchst 
dringUche Reorganisation des Schulwesens, und sein Name wird in den Blättern 


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jener Zeit neben dem seines Bruders oft genannt. Er gründete auch, als junger 
Arzt, seinen Hausstand, und widmete der Erziehung seiner Kinder, und später dem 
erweiterten Familienleben bis zu seinem Tode einen Theil seiner Zeit und seiner 
Liebe. Er hatte endlich seine bestimmten Freundeskreise, worin er nicht zu fehlen 
pflegte, und die er, als er nicht mehr ausgehen konnte, zu sich in seine Wohnung 
zog. Denn sie blieben ihm Bedürfniss, weil die Gespräche sich um wissenschaft¬ 
liche Themata und Probleme der verschiedensten Art bewegten. 

Trotz alledem, was manchen Andern völlig beschäftigt hätte, schrieb er viel. 
Er hinterlässt viele schriftliche Aufzeichnungen, die für ihn, aber allerdings 
ihn allein Werth hatten. Man kann von ihm sagen: er dachte schriftlich. Und 
besonders reichlich in seiner spätem Zeit, wo sein Gehör abgenommen hatte, ge¬ 
wiss psychologisch ein sehr interessanter Fingerzeig, wie nahe das Ohr mit der 
Sprache verbunden ist, und wie dem innern Sprechen, d. h. dem Denken, das Auge 
als Basis unterlegt wird, wenn das Gehörorgan gelitten hat, und doch das Bedürf¬ 
niss des Denkens geblieben ist. 

Wen wird es wundern, dass seine Gedanken am meisten damit beschäftigt 
waren, was ihm die liebste Seite seiner Berufsthätigkeit war, mit der Psychiatrie? 
Und hierin ist er auch an die Oeffentlichkeit getreten, sei es als Docent, sei es 
als Gerichtsarzt, sei es als Vorsteher der Irrenanstalt Basels. 

Fünf Jahre nach seinem Doctorexamen habilitirte er sich als Privatdocent, 
10 Jahre später wurde er ausserordentlicher Professor zuerst der Materia medica, 
dann der Psychiatrie. Seine Probevorlesung vom Jahre 1835 behandelt die Frage: 
Was sind psychische Krankheiten? Zwar entsprechen die darin niedergelcgten 
erkenntniss-theoretischen Ansichten über die Gefühle dem heutigen Standpuncte 
der Wissenschaft nicht mehr. In der zweifachen Polarität des Geistes (Erkennen 
und Wirken) und in der darauf gebauten Eintheilung der Geisteskrankheiten klin¬ 
gen naturphilosophische Klänge nach. In diesen Dingen war er auch ein Kind 
seiner Zeit. Aber darin ging er mit den Pionieren seiner Wissenschaft einig, dass 
er die Psychosen wie die samotischen Krankheiten analysirt wissen wollte, dass das 
psychische Leben wie das leibliche und noch mehr als dieses als ein einheitlich zu- 
eammengehörendes anzusehen sei, und ebenso wenig wie jenes in einzelne Stücke 
dürfe gerissen werden, die unter sich ohne Zusammenhang seien. Ja er betont beson¬ 
ders, dass beide, Körper und Geist, so innig verbunden, dass sie nicht zu trennen 
seien, wenn schon jedem sein besonderes Recht müsse eingeräumt werden. Das 
Problem, wie Stoff und Kraft Zusammenhängen, hat ihn überhaupt vielfach beschäf¬ 
tigt, und wie ich aus mündlichen Mittheilungen weiss, bis in seine letzte Zeit. 
Als practischer Psychiater hielt er fest, dass man mit Abführmitteln nicht dio Seele, 
sondern nur den Leib behandeln könne und dass deswegen die Psychosen als Neu¬ 
rosen müssten angesehen werden. „Die Geisteskrankheiten sind immer und immer 
Nervenkrankheiten“, sagt er in seinem zweiten Jahresberichte. 

Er sprach dies gegenüber den Behörden und dem Publikum Basels aus. Denn 
für diese waren zunächst seine Jahresberichte bestimmt, die er in ca. 10jährigen 
Intervallen erscheinen liess. Er that es, um seinen Standpunct als Arzt zu kenn¬ 
zeichnen, um die vielen imklaren und abergläubischen Ideen zu bekämpfen, welche 


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im Volke über Ursprung und Wesen der Geisteskrankheiten umgehen; er that es, 
um auch den Werth der psychischen, der religiösen Behandlung, ins richtige Licht 
zu setzen, und auf die passendste Weise durchzuführen, er that es endlich, um un¬ 
berufene und böswillige, oder wenigstens leichtfertige Einmischung abzuwenden. 
Im Anfang der fünfziger Jahre wurde er in den öffentlichen Blättern angeklagt, 
der christlichen Gesinnung seiner Pfleglinge systematisch entgegen zu wirken. Der 
Angriff hatte sich einen solchen Schein der Thatsächlichkeit zu geben vermocht, 
dass Brenner sich vor der Behörde verantworten musste; dass er seine Wirk¬ 
samkeit ungestört weiterführen durfte, war seine beste Rechtfertigung. Wiewohl 
ihm die Sache sehr nahe gegangen war, verschob er eine öffentliche Erklärung bis 
zu seinem nächsten Jahresbericht, im Jahre 1860, und widerlegte weiters die An¬ 
schuldigung thatsächlich dadurch, dass er selbst die Geistlichen in der Irrenanstalt 
einführte. 

Der letzte Jahresbericht, den Zeitraum von 1861—1870 umfassend, enthält ne¬ 
ben den amtlichen Angaben eine Anzahl interessanter therapeutischer und patho¬ 
logischer Erörterungen, so über die Behandlung des Delirium tremens, mit protra- 
hirten warmen Vollbädern und Eisumschlägen, über die Verwendung von Zwangs¬ 
und Coercitivmitteln ; von besonderem Interesse ist eine zwar kleine, aber sorgfältig 
ausgeführte Reihe von Himwägungen, als deren Resultat Brenner binstellt, „wie 
die vorgenommenen Wägungen das Schwinden des Gehirns als wesentliche Ursache 
der unheilbaren Psychosen constatiren“. 

Mit vielen seiner Fachcollegen stand Brenner in regem freundschaftlichem Ver¬ 
kehre, mit einzelnen, wie Geheimrath Roller , in intimem. Er gehörte der schwei¬ 
zerischen psychiatrischen Gesellschaft als Mitglied an und besuchte auch Versamm¬ 
lungen ausländischer Vereine. Auf seine Einladung hin tagten die Schweiz. Irren¬ 
ärzte im Spätsommer 1871 in Basel und die medic. Gesellschaft ergriff gerne die 
Gelegenheit, ihrem Mitgliede die Honneurs machen zu helfen. 

Jener Versammlung legte Brenner die „Grundzüge eines Irrengesetzes“ vor, 
das besonders einlässlich die Rechtsverhältnisse ins Auge fasst, und es lag ihm 
dies wiederum besonders nahe, da er oft vor den Gerichten als Sachverständiger 
zu verkehren hatte, und so mit den Rechtsfragen in Berührung kam. Seine Gut¬ 
achten, sorgfältig ausgearbeitet, fanden auch jeweilen die ihnen geziemende Be¬ 
rücksichtigung. 

Es ist aber noch Eines zu erwähnen, das Brenners Charakter als Arzt und 
Mensch ganz besonders kennzeichnet. Brenner wurde 1833 zum Irrenarzte ernannt. 
Neun Jahre lang besorgte er seine Kranken im ehemaligen Almosen, wo in zwei 
grossen dunklen Säälen Sieche, Krüppel, Ausgestossene aller Art mit den Irren 
zusammen gepfercht und bis zu seinem Amtsantritt durch Ketten und Prügel waren 
regiert worden. 

Wenn es nach seinem Wunsche gegangen wäre, so würde eine neue Irrenan¬ 
stalt ausserhalb der Stadt errichtet worden sein. Das war aber doch den damali¬ 
gen Verhältnissen zu viel zugemuthet. Die Irrenanstalt wurde als Appendix des 
Bürgerspitals eingerichtet. Im Vergleich zum alten Almosen, dessen Abbildung in 
Bremer' s Ordinationszimmer hing, war die 1842 bezogene Anstalt luxuriös zu 


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nennen. Ihre (Jebeistände begannen sich aber doch mehr und mehr fühlbar zu 
machen. Der Spital vergrösserte sich, die Bevölkerung Basels wuchs. Was auf 
20,000 Einwohner berechnet war, wollte für 40,000 nicht mehr reichen. Die Nach- 
barcantone und Nachbarländer erweiterten und vermehrten ihre Anstalten, den Be¬ 
dürfnissen entsprechend. Früher waren die Fachcollegen nach Basel gekommen, 
um die neue Irrenanstalt zu sehen, jetzt kam keiner mehr. Aber Brenner verlor 
den Muth nicht, er hatte das Vertrauen, dass man auf seine erste Idee zurück¬ 
kommen werde und müsse, und that einstweilen das, was ihm zu thun gestattet 
war, nämlich, dass er sich jedes Kranken besonders annahm. Und wer das ein 
Leben lang durchfuhren kann, der muss nicht nur eine ungewöhnliche Zähigkeit, 
und eine harmonische Gliederung seines innern Seins besitzen, die ihm auf der 
einen Seite gewährt, was ihm auf der andern Seite versagt ist, sondern auch einen 
unverwüstlichen Glauben an den Fortschritt, an die Veredlung und an das Gute 
in der menschlichen Natur. 

Mit jugendlicher Wärme bat er noch in seinen letzten Lebenstagen von seinen 
Plänen einer neuen Irrenanstalt gesprochen, deren Aufbau in naher Zukunft ge¬ 
schehen soll. Er hat das gelobte Land geschaut, erreichen sollte er es nicht mehr. 
Aber die, welche da ernten, wo er gesäet, welche da einziehen, worauf er gehofft, 
die werden seiner nicht vergessen, und werden, wenn sie anders einer Pflicht der 
Pietät genügen wollen, die Wände des neuen Directionszimmers mit seinem Bilde 
schmücken, dem Bilde des ersten Irrenarztes von Basel. Gottl. Burckhardt. 


lieber die Sprengwirkung der modernen Kleingewehr-Geschosse. 

Von Prof. Dr. Kocher in Bern. 

(Schluss.) 

War einmal für die Muskelschüsse die wesentliche Bedeutung der Centrifugal- 
kraft und Abschmelzung der Kugel in Frage gestellt, so konnten diese Factoren 
immer noch ihre Geltung haben bei den Schüssen auf Epiphysen, weil hier der 
Widerstand ein grösserer ist. 

Nun musste es uns auch schon hier auffällig erscheinen, dass bei einem Schuss 
auf den Oberarmkopf und bei einem analogen auf den grossen Trochanter ein klei¬ 
ner Ein- und kaum grösserer Ausschuss in der Haut vorhanden war, während die 
betreffenden Epiphysen vollständig zermalmt waren. Vergleichende Schüsse mit 
Vetterli und dem erwähnten Hartblei auf 100' auf frische und auf vollständig ge¬ 
trocknete Tibia-Epiphysen sollten hier Aufschluss geben. Während bei dem fri¬ 
schen Knochen die Epiphyse vollständig auseinander gerissen, gewissermassen auf¬ 
geklappt wurde, entstand bei den getrockneten Knochen nur ein ungleich geringerer 
Defect Einen reinen Lochschuss zu erzielen gelang uns nicht (weil bei unserer 
am 18. Dec. 1874 angestellten zweiten Versuchsreihe kein Schuss ganz genau die 
Mitte traf). 

Denselben Unterschied beobachteten wir bei Streifschüssen: Bei frischen Knochen 


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war auf der dem Schützen abgewandten Seite ein grosser Defect, ein viel deut¬ 
licherer Rinnenschuss bei den trockenen Knochen vorhanden. 

Uebereinstimmend waren die Ergebnisse, welche wir bei Vergleichung des 
Verhaltens anderer trockener und feuchter Gegenstände erhielten. Mit Vetterli 
auf angegebene Distanz wurde erst auf ein mit trockener, fest gepresster Charpie- 
vratte ungefülltes Blechgefäss geschossen. Es entstand ein runder Einschuss, ein 
ebenfalls runder, wenig grösserer Ausschuss, aus vrelchem circa 4 cm. lang die 
mitgerissene Watte hcrausragte, in horizontaler Richtung. Ein ganz gleicher Ver¬ 
such mit dem einzigen Unterschied, dass die Watte vollständig durchfeuchtet 
wurde, ergab ein vollständig anderes Resultat: die Watte wurde weit umher und 
aus dem Gefäss heraus geschleudert. Letzteres war gegenüber dem Einschuss in */s 
der Höhe und in einer Breite von 6 cm. auseinander gerissen. 

Ein Schuss unter gleichen Bedingungen auf ein mit trockenem Sägemehl ge¬ 
fülltes Blechgefäss ergab völlig das gleiche Resultat, wie das Experiment mit 
trockener Watte. Der nämliche Versuch dagegen nach völliger Durchfeuchtung 
des Sägemehls warf letzteres in weitem Zerstreuungskreise umher und riss gegen-, 
über dem Einschuss das Geläss in der Grösse eines Handtellers auf. Dasselbe war 
auch in der Richtung des Schusses gedehnt. 

Um endlich darzuthun, wie der hydrostatische Druck auch bei nicht ganz flüs¬ 
sigen Körpern wirkt, schossen wir auf ein mit Gelatine-Gallerte angefülltes Gefäss 
von Blech. Während die Gallerte einen sich etwas trichterförmig erweiternden 
Schusscanal zeigte, am Einschuss nicht einmal einen eigentlichen Defect, sondern 
nur einen sternförmigen Riss, war das Gefäss durch den Einschuss hindurch in der 
ganzen Höhe aufgerissen; der Ausschuss mit stark umgeklappten Rändern zeigte 
einen Durchmesser von stark 4 cm. 

Auch für die Epiphysen müssen wir nach den angestellten Erörterungen den 
hydrostatischen Druck für den Hauptfactor halten bei der Erklärung der zerstören¬ 
den Wirkung der Chassepot- und Vetterli-Geschosse. 

Es bleibt uns schliesslich die Frage : Haben wir bei der Sprengwirkung, welche das 
Vetterli-Geschoss dem gefüllten Schädel und den markhaltigen Diaphysen 
gegenüber geltend macht, einen Grund, ein wesentliches Gewicht auf andere Factoren 
als den hydrostatischen Druck zu legen? Was den letzteren hauptsächlich unge¬ 
nügend erscheinen liess, war die Beobachtung, dass ein, wie es schien, nicht so 
erheblicher Distanzenunterschied die Sprengwirkung des Geschosses zu nichte 
machte. Beim Chassepot z. B. zeigte sich dieser Unterschied bei 20 Schritt gegen¬ 
über 200 Schritt schon. Beim Vetterligewehr freilich erhielten wir auf 400' Ent¬ 
fernung noch eine exquisite Sprengwirkung am Schädel sowohl als an den Dia¬ 
physen. 

Entgegen den erwähnten Bedenken muss geltend gemacht werden, dass für 
die Entfaltung des hydrostatischen Druckes ein ziemlich hoch liegendes Minimum 
von Propulsionskraft nothwendige Bedingung ist, wie sich auch für die Erwärmung 
des Bleies geltend machen lässt. Wenn nicht ein plötzlicher Druck stattfin¬ 
det, so tritt die Wirkung nicht ein. Nach Förster 's Mittheilung ist die Compressi- 
bilität des Wassers für einen Druck von 1,033 Kilogr. pro Idem. nur *%oooooo des 


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Volums. Es müsste also eine 25 gmm. schwere Kugel (deren Volum = 2, 7 im) 
beim Eindringen in den Schädel 2,21 Cub.-Cent. Hirnmasse verdrängen, oder — 
wenn man die mitgerissenen Knochentheile am Einschuss mitrechnet — noch mehr. 
Diese Verdrängung erschiene zur Sprengung des Schädels genügend. Allein man 
darf nicht vergessen, dass namentlich am Schädel ein Ausweichen von Flüssigkei¬ 
ten (Blut und Cerebrospinalflüssigkeit) möglich ist, sobald irgend etwas Zeit dazu 
gelassen ist. 

War diese Annahme richtig , so musste auch eine runde Kugel aus glattem 
Rohr die Sprengwirkung zur Folge haben, wenn man ein Ausweichen der Flüssig¬ 
keit unmöglich machte. Es wurde zu diesem Behuf ein macerirter Schädel (der¬ 
selbe war bereits durchsägt und nur durch Hacken wieder an einander gehalten) 
vom foramen magnum aus mit einer Schweinsblase luftdicht gefüllt und letztere mit 
Wasser gefüllt und ausserhalb des foramen luftdicht zugebunden. Nun wurde auf 
100 / ein Schuss aus glattem Rohr abgegeben. In ganz analoger Weise, wie wir es 
oben vom Vetterligewehr geschildert haben, zersprang der Schädel in weitem Zer¬ 
streuungskreise auseinander und Stücke wurden 15 und 20 Fuss weit vom Ziel auf- 
gelesen. Viel exquisiter noch als beim Vettcrlischuss war der Schädel in den Näh¬ 
ten gesprengt. 

In ähnlicher Weise verfuhren wir mit einem oben offenen Blechgefäss, in wel¬ 
ches luftdicht eine oben zugebundene Schweinsblase gelegt war. Auch hier fand 
ein vollständiges Auseinandersprengen statt durch Schuss auf 100' mit Vorderlader. 

Busch glaubte noch durch seine Versuche mit den oben offenen Blechbüchsen 
es unwahrscheinlich gemacht zu haben, dass nur der hydrostatische Druck die 
Sprengung bewirke. Allein bei genauerer Betrachtung sind diese Beobachtungen 
gerade ein Beweis für den hydrostatischen Druck. Wie sollte es sich sonst er¬ 
klären, dass das Wasser aus dem Gefäss gelegentlich 10 Fuss und mehr empor¬ 
geschleudert wird ? 

Wir machten ferner ein von Dr. v. Erlach angegebenes Experiment, indem wir 
einen hölzernen Badkasten von 36 cm. Höhe, 50 cm. oberer Breite, 30—35 cm. unterer 
Breite und 150 cm. Länge an seinem einen Ende mit einem grossen Loch versahen 
und dieses mit einer Schweinsblase schlossen. Der Kasten wurde mit Wasser gefüllt. 
Mit Vetterli und Hartblei auf 100' wurde geschossen. Die Kugel schlug durch die 
Schweinsblase, drang durch die ganze Länge der Wassersäule durch und blieb am 
anderen Ende in der Holzwand stecken. Der Kasten war am entfernten Ende auf 
einer Seite aus den Fugen gerissen. Dabei wurde das interessante Factum con- 
statirt, •) dass das Wasser weitaus am stärksten am Anfang und Ende des Bad¬ 
kastens empor gehoben wurde. Dieser Umstand erklärt sich leicht daraus, dass 
am Anfang und Ende ein Widerstand gegen die plötzliche Ausdehnung des Was¬ 
sers von 4 Wänden gegeben war, in der Mitte nur unten und auf beiden Seiten. 
Die Centrifugalkraft würde dieses Verhalten nicht erklären. Die Kugel war nur 
an ihrem vordem Theil abgeplattet. Ob durch den Widerstand des Wassers, bleibt 
dahingestellt, da sie einschlug. Wir gedenken den Versuch mit einem noch län- 


*) Prot Förster machte zuerst darauf aufmerksam. 


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geren Kasten zu wiederholen. In einem der Versuche wurde das Wasser 15—20' 
hoch empor geschleudert und fiel als Regenschauer nieder; die Kugel war in diesem 
Falle viel oberflächlicher durchgegangen. 

Wir kommen zu dem Schlüsse, dass je mehr man einer Flüssigkeit ein Aus¬ 
weichen unmöglich macht, um so geringere Propulsionskraft des Geschosses schon 
eine Sprengwirkung zur Folge hat. Die Sprengwirkung ist demgemäss auch bei 
demselben Geschoss um so geringer, je besser die Flüssigkeit auszuweichen ver¬ 
mag. Bei Vetterlischüssen auf offenes Blecbgefäss beschränkt sich oft die Sprengung 
auf einen etwa handtellergrossen Ausschuss, bei geschlossenem Gefäss wird dasselbe 
in der Regel völlig auseinander geklappt. 

Nimmt man dazu die alte Erfahrung, *) dass bei Schüssen auf den Schädel 
aus grösster Nähe bei den verschiedensten Geschossen, auch wenn eine Pistole 
blos mit Wasser geladen wird, der Schädel auseinander gesprengt wird, so ergibt 
sich, dass das Zustandekommen der Sprengung ausschliesslich von der Bedingung 
abhängt, dass mit einer sehr bedeutenden Geschwindigkeit ein Geschoss in den 
Flüssigkeit haltenden Raum eindringt. 

Wir haben uns schon oben dahin ausgesprochen, dass wir weit entfernt sind, 
die Möglichkeit der Schmelzung einer Bleikugel beim Aufschlagen auf gewisse 
Körpertheile zu leugnen. Prof. Förster hatte die Güte, uns zu berechnen, welche 
Geschwindigkeit die Kugel haben muss, um beim Auftreffen auf einen Widerstand 
sich bis zur Schmelzung erhitzen zu können: Zur Schmelzung von 0,025 Kilogr. 
Blei sind nöthig 0,3752750 Wärmeeinheiten (= Wärmemenge, um das Blei von 
15° auf 326° zu erhitzen oder 0,025 X 0,031 X 311, + latente Schmelzwärme oder 
0,025 X 5,37), entsprechend 159,02 Kilogr.-Meter. Die lebendige Kraft einer 25 

P.v* 

Gramm schweren Kugel, begabt mit einer Geschwindigkeit von 400 M. ist L = ^ 
= ~ = 208,9 K.-M. Bei einer Geschwindigkeit von 200 M. dagegen ergibt 

die gleiche Rechnung L = 52,24 K.-M. 

Die Minimalgeschwindigkeit, welche völlig in Wärme umgesetzt werden muss, 

um 25 gmm. Blei zu schmelzen ist v = ^= 353,2 M. 

Es ergibt sich aus diesen Berechnungen, dass die Differenzen in der Geschwin¬ 
digkeit bei gezogenen und nicht gezogenen Gewehren gerade um diejenigen Gren¬ 
zen herum sich bewegen, wo eine Schmelzung des Bleies noch unmöglich oder 
schon möglich wird: Die Geschwindigkeit einer soliden Kugel von 400 M. Ge¬ 
schwindigkeit muss durch den Widerstand schon auf 46,8 M. reducirt werden, wenn 
die ganze Kugel geschmolzen werden soll und die lebendige Kraft einer Kugel 
von 200 M. Geschwindigkeit z. B. ist zur Erzielung dieser Wirkung schon nicht 
mehr gross genug. 

Und selbst wenn man annimmt, dass die Kugel den Lauf eines gezogenen 
Rohres mit einer Temperatur von 300° C. verlasse — was nach Förster aus dem 


*) Diese Erfahrung wurde mir bei meinem Vortrag im heroischen Bezirksverein vom 8. Dec. 1874 
von mehreren Ccilegen nach eigenen Beobachtungen bestätigt. 


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Umstande zu entnehmen zulässig ist, dass man die Flugbahn der Kugel häufig an 
dem Rauche des sich zersetzenden Talges erkennt (die trockene Destillation des 
Talges tritt bei 300° C. ein) — so muss der Widerstand die Geschwindigkeit der 
Kugel noch von 400 M. auf 173,4 M. herabsetzen, um so viel Wärme zu erzeugen, 
dass die ganze Kugel geschmolzen w r ird. *) Und die ganze Wärme kommt nicht 
einmal der Kugel, sondern zum Theil dem Widerstande zu gut. 

Wir resumiren die obigen Auseinandersetzungen in Folgendem: Die zerstörende 
Wirkung der modernen Kleingewehrgeschosse auf den menschlichen Körper er¬ 
klärt sich: 

1. Aus der Abschmelzung von Blei, ermöglicht durch Umwandlung eines 
hohen Antheils der Geschwindigkeit des Geschosses in Wärme. Dieselbe hat eine 
nennenswerthe Bedeutung nur für die Knochenschüsse und kann hier (durch die 
Ablenkung der Bleipartikel im Zerstreuungskegel und das Mitreissen von Knochen¬ 
splittern) die trichterförmige Erweiterung des Schusscanals gegen den Ausschuss 
zu erklären. Die Wirkung ist einfach diejenige des Stosses, welcher im Gegensatz 
zu den Kugeln mit schwacher Propulsionskraft auf eine breitere Fläche einwirkt. 

2. Ganz hauptsächlich erklärt sich aber die zerstörende Wirkung aus dem Zu¬ 
standekommen des hydrostatischen Drucks, durch die plötzliche Verdrängung 
incompressibler Flüssigkeiten in allen Weichtheilen des Körpers. Dieselbe ist er¬ 
möglicht durch die ausserordentliche Geschwindigkeit der neueren Geschosse ge¬ 
genüber den früheren aus glattem Rohr. Jede von der Schussrichtung seitlich ab¬ 
weichende Zertrümmerung in den Weichtheilen, sowie jede über den Mantel des 
(durch Abschmelzung bedingten) Zerstreuungskegels bei den Knochen hinausge¬ 
bende Seitenwirkung, muss auf den hydrostatischen Druck bezogen werden. Die 
Zertrümmerung der Epiphysen ist der Hauptsache nach durch ihn bewirkt, ebenso 
die ausgedehnte Sprengung von Schädel und Diaphysen. 

Die practischen Consequenzen, welche wir aus diesen Sätzen nur andeutungs¬ 
weise zu ziehen uns erlauben, sind folgende: 

1. Da nach den Grundsätzen civilisirter Kriegführung nicht die Vernichtung, 
sondern die blosse Kampfunfähigkeit der feindlichen Individuen beabsichtigt wird, 
so muss die Abschmelzung der Geschosse thunlichst verhütet werden. Ein Mittel 
biefür gibt es, da am Widerstand und an der Distanz, in welcher geschossen wird, 
nichts geändert werden kann, nur in der Wahl von Metallen mit höherem Schmelz- 
punct. Hiezu sind alle Legirungen von Blei mit Metallen von noch niedrigerem 
Scbmelzpunct, wie z. B. Zinn, zu vermeiden, da der Schmelzpunct einer Legirung 
stets erheblich niedriger ist, als das arithmetische Mittel aus denjenigen der legir- 
ten Metalle (Förster). Es ist demnach das sog. Hartblei (aus Blei und Zinn) zu 
verwerfen. Kupferne oder eiserne Geschosse wären vorzuziehen und der Umstand, 
dass solche nur vermittelst eines Treibspiegels durch gezogene Rohre geführt wer¬ 
den können, wäre als ein Vortheil zu betrachten, da hiemit auch die Erhitzung der 
Kugel im Rohre herabgesetzt wird. 


*) Es ist hiebei in obigen Formeln statt 311 nur 26 in der Gleichung der W. E. einzusetzen, wo¬ 
nach 0,16440 W. E. — 65,4656 A. E. für P. herauskommen. 


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2. Um den hydrostatischen Druck möglichst gering ausfallen zu lassen, möchte 
kein anderes Mittel zur Verfügung stehen, als die Grösse der Geschosse auf ein 
Minimum herabzusetzen, da ja am Flüssigkeitsgehalt des Körpers nichts geändert 
werden kann *) und die Kriegführenden kaum auf die bedeutende Propulsionskraft 
der neueren Waffen werden Verzicht leisten wollen. Es werden ja auch hei mini¬ 
maler Grösse der Geschosse genug ausgedehnte Knochenzerstörungen Vorkommen, 
auf welche es ja bei der Schlichtung von Meinungsdifferenzen durch Schusswaffen 
hauptsächlich abgesehen ist. 


V ereinsberichte. 


Ordentliche Versammlung der medicinisch-chirurgischen Gesellschaft des 

Cantons Bern. 

Samstag den 28. Februar 1874, Morgens 10 Uhr im Casino zu Bern. 

Präsidium: Dr. J. R. Schneider ; Actuar: Prof. Dr. Kocher . 

Verlesung des Protocolls. Dasselbe ist von Herrn Dr. J. R. Schneider in ge¬ 
wöhnlicher gediegenerWeise, theilweise humoristisch, abgefasst und wird einstim- 
mig genehmigt 

Nach der Erledigung verschiedener Verwaltungsgeschäfte beschränkt sich Prof. 
Dr. C. Emmerl (dessen auf den Tractanden befindliches Thema: „über moderne 
Methoden der Wundbehandlung“ seither in Langenbeck's Archiv für kli¬ 
nische Chirurgie XVI. H. 1, 1874, S. 96 erschienen ist) darauf, mitzutheilen, dass 
er in dieser Arbeit den Lister' sehen antiseptischen Verband, die sogen, offene 
Wundbehandlung und den trockenen Wundverband besprochen und nachzuweisen 
gesucht hat, dass die guten Erfolge, welche durch die beiden ersten Behandlungs¬ 
methoden erzielt worden sind, nicht sowohl auf Rechnung des specifischen Details 
dieser Methoden, als vielmehr auf Rechnung der grossen Sorgfalt in der ganzen 
Wundbehandlung zu bringen seien, zu welcher eben jene Methoden führen. 

Die Wundsepsis, welche die so verderbliche Septicämie veranlasse, hänge 
hauptsächlich von zwei Bedingungen ab, einerseits von der Gegenwart von Zer¬ 
setzungsmaterial in der Wunde, welches durch der Mortification verfallene Gewebs- 
theile, durch Blutgerinnsel, sowohl freie als intravasculäre, durch sich nicht or- 
ganisirende eiweisshaltige Wundflüssigkeiten u. s. w. geliefert werde, andererseits 
von der Gegenwart von Keimen der Fäulnisserreger der septischen Bacterien, 
welche in allen terrestrischen Feuchtigkeiten in enormer Menge enthalten sind. 

Nun aber sei die Fernhaltung oder Ertödtung dieser Keime wegen der ausser¬ 
ordentlichen Verbreitung derselben, wegen ihrer grossen Widerstandsfälligkeit, 
wegen der Unmöglichkeit, die desinfieirenden Mittel in zureichender Weise anzu¬ 
wenden, namentlich auch wegen der Unzulänglichkeit mancher Wundstellen, eine 

Nüchternheit bleibt immerhin empfehlenswerth. 


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nicht vollständig zu lösende Aufgabe und müsse deshalb die meiste Rücksicht auf 
Verhütung der ersten Bedingung genommen werden, was erreichbar sei durch 
sorgfältiges Operiren, namentlich durch Vermeidung aller quetschenden und zerren¬ 
den Einwirkungen, wodurch Anlass zur Mortification von Gewebstheilen gegeben 
werde, — durch sorgfältige Blutstillung, namentlich Unterbindung, damit nicht 
Nachblutungen entstehen und Blutgerinnsel in Wundlücken sich bilden und Zurück¬ 
bleiben, — durch sorgfältige Reinigung der Wunden von allen abgestorbenen Ge¬ 
websresten, Blutgerinnseln und Fremdkörpern, — durch vorsichtige Anlegung der 
Naht und anderer Wundschlussmittel, wenn solche den Wundverhältnissen nach 
geboten sind, damit nicht Druckbrand eintritt, — durch Verhütung jeder Ansamm¬ 
lung und Stagnation von Wundproducten, indem man jeden unpassenden occludi- 
renden Verband vermeidet und in den Wund Verhältnissen entsprechender Weise 
für freien Abfluss der Wundproducte und überhaupt für Reinhaltung der Wunde 
sorgt, mag das nun durch Drainagirung mit Injection, durch Abschwemmung mit 
reinem oder carbolisirtem, chlorisirtem Wasser u. s. w. oder durch einen trockenen 
Gegenstand wie Charpie, Baumwolle u. dgl. geschehen, denn das ist alles weniger 
wesentlich tmd kommen hiebei nur Rücksichten der Einfachheit, Bequemlichkeit 
u. s. w. in Betracht. Der Hauptzweck sei Reinigung und Reinhaltung der Wunde, 
ohne sie dadurch zu insultiren. 

Nicht das Specifische einer besondem Methode berge das Geheimniss einer 
guten Wundbehandlung, sondern die genaue Befolgung jener allgemeinen Regeln, 
die bei verschiedenen Behandlungsmethoden in Ausführung gebracht werden kön¬ 
nen, woraus sich denn auch erkläre, warum mit den verschiedensten zum Theil 
einander ganz entgegengesetzten Methoden gute Resultate erzielt werden, warum 
in verschiedenen Spitälern so grosse Differenzen in den Mortalitätsverhältnissen 
sich ergeben, warum an einzelnen Orten Pyämie und Septicämie zeitweise so 
schrecklich hausen, während an andern solche Epochen gar nicht Vorkommen und 
warum im Allgemeinen diejenigen Behandlungsmethoden die günstigsten Resul¬ 
tate ergeben, bei welchen die Methode selbst zu einer sorgfältigen Wund¬ 
behandlung führt. 

Weiter macht Prof. Emmert darauf aufmerksam, dass die offene Wundbehand¬ 
lung noch eine weitere Ausdehnung erhalten habe durch die von Nussbaum (Aerzt- 
liches Intelligenzblatt, München 1874, Nr. 3) kürzlich empfohlene Drainagirung der 
Bauchhöhle mit intraperitonalen Injectionen bei der Ovariotomie zu Entfernung 
septicämiscber Flüssigkeiten aus der Bauchhöhle, welche durch Spencer-Wells und 
Prasler eingeführt worden sind, indem sich ergeben habe, dass in den meisten 
Fällen tödtlich abgelaufener Ovariotomien dieser Ausgang durch Septicämie in 
Folge Ansammlung sich zersetzender Wundflüssigkeiten in der Bauchhöhle herbei- 
geführt werde. Nach Sims gingen von 39 durch Spencer-Wells gemachten Ovario¬ 
tomien 24 und nach Nussbaum von 78 seiner Operationen 28 zweifellos an Septi¬ 
cämie zu Grunde. 

(Schluss folgt.) 


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Referate und. Kritiken. 


Ueber den Einfluss der einzelnen Formen des engen Beckens auf die Geburt. 

Von C. C. Th. Litzmann . Sammlung klinischer Vorträge von Richard Volkmann. Nr. 74. 

Leipzig, Breitkopf & Härtel 1874. 38 S. 

Cette petite brochure est la troisiäme d'une särie de quatre qui doivent composer un 
exposä d’ensemble sur l’accouchement dans les cas de bassins räträcis. L’auteur y re¬ 
ch erche l’influence des trois principales formes de räträcissement du bassin dont il a fait 
la description dans une präcädente publication. II donne surtout les räsultats de ses 
propres observations et de son expärience. 

Les trois formes de räträcissement du bassin qu’il distingue et dont la division nous 
paralt träs importante au point de vue pratique sont: 1) bassin räträci ägalement dans 
toutes ses dimensions; 2) bassin simplement aplati; et 3) bassin aplati, räträci gänärale- 
ment. Suivons l’auteur dans les descriptions qu’il donne des particularitäs qu’on observe 
dans ces divers cas. 

Bassin räträci ägalement. Si l’on envisage cette premiäre forme de räträcisse- 
ment, on constate d’abord qu’elle est de toutes, celle qui offre le moins d’importance pra¬ 
tique, non seulement parce qu’elle est la plus rare, mais aussi et surtout parce que le 
räträcissement n’atteint ici que par exception un degrä süffisant pour entraver särieuse- 
ment raccouchement. II y a träs peu de ces bassins dont la conj. vera mesure moins de 

9.5 ctm. et l’auteur affirme que, si ce diamätre arrive k moins de 8 ctm., on peut ätre 
sür d’avoir affaire k un bassin aplati de la troisiäme catägorie, c’est-A-dire aplati et rä¬ 
träci gänäralement 

Une anomalie de forme et de position de l’uterus se rencontre plus rarement dans 
les cas qui nous occupont que dans les autres formes de räträcissement C’est de lä que 
vient aussi dans les premiers la plus grande fräquence des präsentations craniennes sim¬ 
ples et la raretä des positions vicieuses des fcetus. Si le räträcissement ne däpasse pas 

1.5 ctm., l’accouchement pourra se faire toqt k fait normalement, et mäme jusqu’ä 2 ctm. 
on ne rencontrera pas plus de difficultäs que d’ordinaire. L’extraction consäcutive de la 
täte dans les präsentations pelviennes pourra de mäme ätre pratiquäe sans grande dif- 
ficultä. Mampe en 1821 est le premier qui ait attirä l’attention des accoucheurs sur le 
mäcanisme du passage de la täte k travers un bassin räträci ägalement dans toutes 
ses dimensions. Get auteur signalait däj k comme caractäristique de cette forme de rä- 
träcissement la place beaucoup plus basse qu’occupe la petite fontanelle. Plus tard Mt- 
chaelis formula comme rägle dans ces cas la Präsentation de l’occipul Mais cette 
rägle s’applique aussi k tous les bassins qui sont räträcis transversalement et non pas 
seulement k ceux dont nous parlons, de sorte qu’on ne peut faire de ce symptöme un 
eigne caractäristique du bassin räträci ägalement dans tous ses diamätres. 

La petite fontanelle peut cependant aussi ätre placäe plus bas y indäpendamment de 
la forme du bassin, quand la matrice k une position oblique du cötä de l’occiput. Getto 
anomalie de la position de l’uterus ne se fait du reste sentir qu’au däbut de raccouchement 
en donnant au fmtus une direction anormale vis-ä-vis du bassin. Une autre caractäristi¬ 
que däjä releväe par Michaelis c’est la variabilitä dans la direction du diamätre 
suboccipito-frontal par rapport aux diamätres de l’enträe du bassin. Un troisiäme eigne 
diagnostique qui offre surtout de l’imputance vis-ä-vis des bassin9 aplatis, c’est l’enträe 
räguliäre des deux pariätaux dans le bassin. Litzmann n’a pas pu confirmer l’obser- 
vation de Stein qui prätend que la rotation de l’occiput en avant est empächäe dans ces 
cas et qu’on trouve la täte dans son diamätre transverse plus profondäment engagäe que 
d’habitude dans la cavitä du bassin. Le seul cas oü l’auteur ait observä ce fait se 
rapportait k un bassin oü le diagnostic de la forme de räträcissement ne put pas ätre 
ätabli bien sürement. 

La plus mauvaise position du cräne dans les cas de bassins räträcis ägalement c’est 
cellc oü il se präsente par sa partie antärieure. On avait prätendu ces derniers temps 


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que l’extraction par les pieds dtait pleine de difficultds dans ces cas, mais Litzmann as- 
eure que c’est 14 une erreur et que cette extraction se fait relativement assez facilement, 
plus facilement que dans le bassin siraplement aplati. 

La foime de rdtrdcissement du bassin qui nous occupe ne provoque que trds rare- 
ment des ruptures violentes ou des ddchirures de la matrice et du vagin, mais le plus 
souvent une contusion intense des parties molles, qui peut m&me aller jusqu’4 la ndcrose 
des tissus. La tumdfaction sanguine du cuir chevelu s’observe ici de trds bonne beure 
et on trouve sur lo cr&ne, aprds la naissance, des traces de compression 4 plusieurs en— 
droits, surtout celle du promontoire qui s’observe d’habitude präs de la bosse paridtale. 
L’effet le plus constant de la compression est le cbevaucbement des os aux sutures. 
L’occipital pdndtre sous les paridtaux, de m&me que le frontal, tandis que trds rarement 
les paridtaux chevauchent l’un sur l’autre. Jamais l’auteur n’a observd une ddpression 
en entonnoir. Dans la Präsentation pelvienne le frontal porte un point de compression du 
promontoire. Depuis Stein on a beaucoup trop exagdrd les dangers de l’accouchement 
dans cette forme de rdtrdcissement du bassin. Le chifire de mortalitd est moindre pour 
ces cas que pour ceux des bassins simplement aplatis. Le pronostic est aussi meilleur 
pour les enfants que dans les autres formes de rdtrdcissement. 

Bassin simplement aplati. Les anomalies de forme ou de direction de la 
matrice sont ici plus frdquentes que dans le cas prdcddent et l’on comprend facilement 
leur f&cheux effet sur les positions du foetus qui sont par cette cause souvent vicieuses. 
En ddterminant le degrd de rdtrdcissement du bassin par une mensuration soigneuse du 
diamdtre conjugud, on peut se faire 4 l’avance une idde trds exacte des difficultds md- 
cauiques qu'on rencontrera 4 l’accouchement, une fois que le diagnostic de la forme du 
rdtrdcissement a dtd nettement dtabli. Dans la rdgle l’accouchement se fait par les seules 
forces naturelles, c’est ainsi que sur 173 cas, observds par l’auteur, 79 % out dtd ter- 
minds par les seules forces de la nature. La plus grande difficultd qui se prdsente est 
l’entrde de la täte dans le bassin, une fois la täte descendue dans la cavitd du bassin, 
le reste de l’accouchement s’accomplit trds facilement. Les anciens accoucheurs connais- 
saient ddj4 les particularitds principales du mdcanisme de l'accouchement dans cette forme 
de rdtrdcissement, ainsi la position transversale de la täte, la Situation plus basse de la 
grande fontanelle etc., mais c’est Michaelis qui a le premier flxd les rdgles et expliqud 
les phdnomdnes de ce mdcanisme. L’auteur a pu confirmer les observations de Michaelis 
et il les a compldtdes par ses propres observations, tout en les rectifiant sur certains 
points de ddtail. La position transverse de la täte se maintient longtemps, jusqu’4 ce 
qu’elle soit engagde trds profonddment dans le bassin; sa rotation se fait ainsi trds tard 
et m&me parfois n’a pas lieu du tout. Dans la moitid des cas c’est la partie antdrieure 
du cr&ne qui est la plus basse; la grande fontanelle est plus basse que d’habitude et se 
trouve prds de la ligne mddiane. Parfois on peut 4 peine atteindre la petite qui mdme 
peilt dtre compldtement inaccessible. Si le raccourcissement du diamdtre conjugud est 
prononed et que le cr4ne soit plus large que d’habitude, la täte entre dans le bassin avec 
sa partie antdrieure la premidre; sinon, l’occiput baisse peu 4 peu 4 mesure que la 
grande fontanelle remonte, la täte restant toujours dans sa position transversale. 

L’dloignement de la suture sagittale du promontoire est la meilleure mesure pour 
donner une idde exacte du rapport- qui existe entre la grosseur de la täte et l’dtroitesse 
du bassin. D’habitude c’est le paridtal antdrieur qui se prdsente, parfois cependant, et 
plus souvent que dans le bassin normal, o’est le paridtal postdrieur. Cette dernidre Prä¬ 
sentation a surtout pour cause la direction de l’axe de l’uterus et l’action anormale des 
maux. Pour corriger cette mauvaise Präsentation on appuye la main au-dessus du pubis 
et on refoule par la pression le paridtal antdrieur derridre la symphyse; cette manoeuvre 
rdussit dans la grande majoritd des cas. L’auteur eite un seul cas oü il düt avoir re- 
cours 4 la Perforation. 

Quant aux prdsentations pelviennes, la täte est souvent arrdtde au ddtroit supdrieur 
et l’on ne peut bien souvent alors s’en tirer que par la cdphalotripsie. 

Pour la mdre les seuls endroits oü la compression se fasse sentir sont la symphyse 
et le promontoire, mais cette compression peut aller jusqu’4 provoquer la nderose des 
parties molles. Il y a rarement une tumdfaction sanguine sur le cr4ne du feetus, mais 
trds souvent par contre des places comprimdes sur certains points de la täte. Le point 


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de compression le plus marqud est celui du promontoire qui se voit sur le parietal pos- 
tdrieur, entre la bosse paridtale et la grande fontanelle. II existe trds rarement devant 
un seoond point de compression qui rdsulte de l’action de la symphyse pubienne. Le 
chevauohement des os du cräne aux sutures est beaucoup plus rare ici que dans la forme 
prdcddente et c’est k peine si Litzmann Ta observd dans */ s des cas. Le plus souvent 
c’est le paridtal postdrieur qui est ddprimd et poussd sous le frontal, plus rarement il est 
ddvid du cötd de la suture lambdoidienne et par exception sous l’dcailleuse. Par contre, 
les deux moitids latdrales de la tdte sont trds souvent aplaties Tun contre l’autre et 
dans un cas cet aplatissemont attint mdme un si haut degrd que l’angle de la sagittale 
dtait aigu. La ddformation de la tdte qui rdsulte de l’impression en entonnoir 
est ici trds rare, notamment infiniment plus rare que dans la forme suivante, le bassin 
aplati, rdtrdci gdndralement. 

Le pronostic pour la mdre est un peu plus mauvais que dans le bassin rdtrdci dga- 
lement dans toutes ses dimensions, mais il est surtout beaucoup plus mauvais pour l’en- 
fant, non seulement parce que l’accouchement dure en gdndral plus longtemps, mais aussi 
et surtout k cause de la plus grande frdquence des positions et prdsentations vicieuses. 

Bassin aplati rdtrdci gdndralement Cette troisidme forme de rdtrdcisse- 
ment a presque toujours pour cause le rachitisme. La forme ordinaire du ddtroit supd- 
rieur est triangulaire. La position et la configuration de la matrice offrent les mdmes 
anomalies que dans la forme prdcddente. L’obliquitd antdrieure, le ventre en besace 
(pependulus), est ici plus frdquente et plus prononcde. Les positions et les attitudes vi- 
cieuses du fruit sont en rapport avec les anomalies de forme et de direction de la ma¬ 
trice. Les maux sont aussi frdquemment anormaux pendant l’accouchement, surtout pen- 
dant la pdriode de dilatation du col. Dans ces cas il est impossible de se faire k l’a- 
vance une idde aussi exacte et aussi süre que dans la forme prdcddente des difficultds 
mdcaniques que prdsentera l’accouchement. La grandeur du diamdtre conjugud est bien 
encore le point essentiel k connaitre, mais il n’est plus süffisant k lui seul pour orienter 
l’accoucheur. L’exploration externe a ici une trds grande importance. 

Cette forme de rdtrdcissement ndcessite le plus souvent l’accouchement prdmaturd 
artiflciel Bien souvent on est obligd d’avoir recours k la Perforation et parfois on n’a 
pas d’autre choix que l’opdration cdsarienne. 

C’est encore Michaelis qui a reconnu le premier la frdquence et l’ilnportance prati- 
que de cette troisidme forme de rdtrdcissement. Il a dtudid avec soin ses effets sur 
raccouchement dans le9 prdsentations craniennes. De mdme que dans la forme prdcd¬ 
dente (bassin aplati) la tdte est transversale, mais ce qui est caractdri9tique pour les cas 
qui nous occupent, c’est un mouvement pendulaire de la tdte qui penche tantdt en avant, 
tantdt en arridre de l’occiput, suivant la position que prend la femme. Si la tdte entre 
dans le bassin, quand par hasard le rdtrdcissement le permet, c’est presque toujours l’oc¬ 
ciput le premier et lorsque l’entrde de l’occiput vient k dtre empdchde, l’accouchement 
devient alors absolument impossible sans la Perforation. Le plus souvent cependant la 
tdte se prdsente par le paridtal antdrieur, et beaucoup plus souvent que dans les cas 
prdcddents (dans le */ 5 environ) par le paridtal postdrieur. Litzmann n’a pas observd dans 
cette forme des prdsentations de la face. Quant aux prdsentations pelviennes, le menton 
s’engage d’ordinaire, suivi de la partie antdrieure du cräne; mais parfois aussi le menton 
vient s’accrocher k une des branches du pubis et c’est l’occiput qui s’engage par un 
mouvement de bascule facile k comprendre. Dans ces cas il n'est pas question de sau- 
ver la vie de Tenfant Une des complications les plus frdquentes et les plus fächeuses 
de cette forme de rdtrdcissement, c’est l’dcoulement prdmaturd des eaux. 

La mdre est exposde dans ces cas k une foule de blessures graves des Organes 
gdnitaux, ruptures de la matrice, ddchirures considdrables du vagin, contusions violentes 
et dtendues etc, etc. La tumdfaction sanguine du cuir chevelu chez le fostus est un des 
symptdmes les plus constants des prdsentations craniennes, et il en est de mdme pour 
les points de compression sur le cräne, surtout celui du promontoire. Le chevauchement 
des os du cräne est ici non seulement plus fidquent mais aussi plus prononcd et plus 
compliqud que dans toutes les autres formes de rdtrdcissement. On y on trouve rdunis 
les divers chevauchements que nous avons ddcrit par les deux formes prdcddentes. C’est 
ici aussi qu’on rencontre le plus frdquemment la ddpression de la tdte en forme d’en- 


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tonnoir, probablement parce que l’accouchement ötant le plus souvent prdmaturö, la töte du 
foBtus est plus tendre et se ddforine plus facilement. 

La mortalitä des m6res pendant la pöriode puerpörale est plus forte que dans les 
bassins simplement aplatis; mais le pronostic est encore plus mauvais pour les enfants. 
La longue duräe de l’accouchement, la rupture pröcoce de la poche des caux, la grande 
frdquenee des attitudes vicieuses, l’accouchement prömaturö dans la plupart des cas et 
enfin les ldsions intenscs des os du cräne, ajoutös k la nöcessitd trop souvent reconnue 
de pr&tiquer des opdrations telles que la Perforation, la cdphalotripsie ou l’opdration cä- 
sarienne, toutes ces causes rdunies peuvent facilement donner une idöe de la gravitö du 
pronostic pour les enfants dans les cas de bassins aplatis rdtrdcis gdndralement. 

Attirds par l’intdrdt et l’importauce du sujet, nous nous sommes laissds aller k don¬ 
ner un rdsumd complet de la brochure de Litzmann. Nous espdrons que nos confrdres 
seront engagds par lä k se procurer cet intdressant travail pour en juger par eux-mdmes. 
Litzmann a rdussi k exposer avec clartd et prdcision ce sujet si compliqud, si difffcile et 
si aride des rdtrdcissements du bassin; il n’est pas besoin dds lors de recommander son 
travail dont l’importance pratique sera justement apprdcide par tous les mddecins. 

Dr. Ladame. 


lieber die erste durch Billroth am Menschen ausgefUhrte Kehlkopfexstirpation und die 
Anwendung eines künstlichen Kehlkopfes. 

Von Dr. C. Gussenbauer , Assistenzarzt an der Billroth' sehen Klinik. Langenbeck' s Archiv 

Bd. 17, 2. Heft. Berlin, Hirschwald. 

Ein 36 Jahre alter Beligionslehrer litt schon seit 3 Jahren an Heiserkeit und wurde 
von Störck mit localen Cauterisationen behandelt. Im März 1873 wurde er vollständig 
aphonisch und Störck entdeckte nun einen Tumor unter den wahren Stimmbändern. Cau¬ 
terisationen mit lapis und parenchymatöse Injectionen von liq. ferri konnten die Entwick¬ 
lung des Tumors durchaus nicht aufhalten , im Gegentheil wuchs derselbe immer mehr 
und machte heftige DyspnoB. Es gelang, Stückchen davon zu excidiren und dadurch 
wurde die Stenose wenigstens gebessert Die mikroskopische Untersuchung bestätigte 
unterdessen die Vermuthung , dass man es mit einem Epithelialcarcinom zu thun habe. 
An eine vollständige Entfernung des ganz breit aufsitzenden Tumors per os war nicht 
zu denken, und Pat. wurde deshalb auf die Billroth' sehe Klinik transferirt. Am 27. Nov. 
machte Billroth die Laryngofissur unter Anwendung der in diesem Falle ihren Dienst sehr 
unvollständig versehenden Trendelenburg' sehen Trachealc&nüle. Nachdem das Carcinom mit 
der Hohlscheerc excidirt war, wurde die ganze Wundfläche mit dem scharfen Löffel aus¬ 
gekratzt und mit liq. ferri betupft. Der Verlauf in den nächsten Tagen war ein befrie¬ 
digender: vom 4. Tage an war Pat. schon ff eberlos. Bis zum 29. Dec. war die äussere 
Wunde soweit geheilt, dass nur noch eine starke Sonde passiren konnte; in der darauf 
folgenden Nacht aber bekam Pat einen stenotischen Anfall, der eine stumpfe Erweite¬ 
rung der Fistel und Einlegung einer Canüle nöthig machte. Jetzt zeigte sich am Kehl¬ 
kopfeingang und den Morgagni’schen Taschen eine kleine höckerige Geschwulst. (Schon 
zur Zeit der ersten Operation waren diese Stellen geröthet und abnorm dick erschienen ; 
man hatte es aber als entzündliche Schwellung aufgefasst.) Als darauf hin Billroth , in 
der Absicht, den ganzen Kehlkopf gründlich auszukratzen, die Narbe gespalten hatte, 
zeigte sich nicht nur das ganze Kehlkopfinnere, sondern auch das Perichondrium externum 
von der Krankheit ergriffen. Es blieb also nur die Exstirpation des ganzen Kehlkopfs 
übrig, eine Operation , die Billroth nach den gelungenen Versuchen Czerny' s an Hunden 
dem Pat. anrieth , Angesichts des qualvollen Todes, dem er sonst sicher entgegeDging. 
In l 3 /4 Stunden dauernder, von Blutungen und Hustenanfällen oft unterbrochener Opera¬ 
tion wurde der ganze Larynx zuerst von den seitlichen Weichtheilen, dann durch Schnitt 
von der Trachea und dann von der Vorderwand des Oesophagus losgelöst und nur ca */, 
der Epiglottis zurückgelassen. Die Trachea wurde an die Halshaut festgenäht, der 
Schlundkopf durch einige Nähte verengert, um dem Herausfliessen der Speisen vorzu¬ 
beugen. Vier Stunden nachher trat eine Blutung aus der linken A. laryngea sup. ein. 


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In den nächsten Tagen begann eine reichliche Eiterung; der sehr intelligente Pat. ex- 
pectorirte aber alle eingedrungenen Secrete planmässig sehr gut. Anfangs mit der 
Schlundsonde genährt, nahm er schon am 8. Tage flüssige und breiige, und nach wieder 
einer Woche feste Speisen auf dem gewöhnlichen Wege zu sich. 

Nun war der Zeitpunct gekommen, an einen Ersatz für den Larynx zu gehen. Czerny 
hatte bei seinen Hunden eine T-förmige Trachealcanüle mit einem Kugelventil eingelegt, 
das dem Exspirationsstrom den Weg im Hals absperrte uBd ihn durch die Rachenhöhle 
zu gehen zwang. Weil die Wunde in diesem Falle ziemlich klein war, musste die Ca- 
nüle wesentlich modificirt werden. Ohne eine genaue Beschreibung demselben geben zu 
wollen, skizzire ich nur das Wesentliche, um eine ungefähre Vorstellung davon zu ermög¬ 
lichen. Denke man sich eine gewöhnliche Trachealcanüle, die an der Convexität einen 
grossen Ausschnitt trägt, eine sog. Sprechcanüle, durch die äussere Wunde in die Trachea 
eingelegt. Nun wird eine zweite gleiche Canüle so in die erste hineingesteckt, dass ihr 
Ende aus dem Ausschnitt an der Convexität heraus-, also gegen den Rachenraum hinauf¬ 
ragt. Weil der Ausschnitt der zweiten Canüle im Lumen der ersten liegt, so ist nun 
die Communication von Trachea und Rachenhöhle nach der Halsöffnung hin hergestellt, 
oder, wenn hier (am Halse) zugehalten wird, so strömt die Luft aus der Trachea durch 
die Canüle frei in die Schlundhöhle. Und wird nun an dem nach oben ragenden Ende 
der Canüle eine Metallzunge eingesetzt, so wird diese vom Exspirationsstrora in Schwingung 
gesetzt, einen Ton geben. Oben wird noch eine mit Feder versehene Klappe ange¬ 
bracht , die, den Kehldeckel imitirend , das Eindringen von Schleim und Speisen ver¬ 
hindert. 

Es zeigte sich, dass Metallzungen den Ton länger halten, als elastische Membranen, 
dass sie aber in der Klangfarbe der menschlichen Stimme nicht so nahe kommen. In 
einem andern Falle würde G. den Apparat früher einsetzen, wenn noch genügend Raum 
da ist, und würde denselben anders , dem menschlichen Kehlkopf ähnlicher, construiren. 
Im vorliegenden Fall wurde er erst am 21. Tage eingelegt. 

Das Resultat ist nun, dass Pat. mit deutlicher Stimme so laut spre¬ 
chen kann, dass er in einem grossen Krankensaalc bis an die äussern Enden verstanden 
werden konnte, wenn er vorlas. — Der Unterschied von der normalen Sprache war nur 
darin gelegen, dass die Stimme monoton und von anderer Klangfarbe war und die An¬ 
strengung beim Sprechen viel stärker sein musste. — So wurde der Pat. am 27. Fe¬ 
bruar 1874 der k. k. Gesellschaft der Aerzte in Wien vorgestellt und am 3. März ent¬ 
lassen. — 

(Nach einer mündlichen Mittheilung ist seither ein Fall derselben Art von Heinecke 
operirt worden, und wird wohl nächstens veröffentlicht werden. Ref.) Muralt. 


Ueber Ruhe in der Behandlung von Brustkrankheiten. 

Von Dr. Fr. T. Roberts (Practitioner März, Mai, Juni und August 1874). 

Der Verf. gibt zunächst eine Uebersicht über die verschiedenen Methoden, durch 
welche sich die gewünschte Ruhe erzielen lasst Es sind dies: 

1. Verminderung der Muskelanstrengungen, zumal heftiger. 2. Willkürliche Vermin¬ 
derung der Athemzüge. 3. Möglichste Unterdrückung des Hustens, Schonung oder selbst 
Nichtgebrauch der Stimme u. s. w. 4. Möglichste Vermeidung des Einathmens unge¬ 
sunder Luft, daher nüthigenfalls Wechsel des Berufs und des Clima’s. 5. Das Einath- 
men comprimirter Luft, wodurch die Athemzüge vermindert werden und zwar nicht nur 
vorübergehend. 6. Das Anlegen passender Verbände, wodurch die Functionen einer gan¬ 
zen Lunge oder eines Theils derselben, wenn auch nicht aufgehoben, so doch beschränkt 
werden. 

Der Verf. erörtert sodann die Anwendung der genannten Methoden bei den meisten 
Brustkrankheiten. — Bei der Pleuritis vermag die Ruhe sowohl die Entzündung zu 
begrenzen und zu bekämpfen, als auch den Flüssigkeitserguss zu beschränken und dessen 
Resorption zu befördern. Ausser den soeben unter 1., 2. und 3. angeführten Vorschriften 
passt hier vor Allem ein Verband. Ara geeignetsten sind dazu 4—5" breite Heftpflaster- 


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streifen, wovon bei möglichst tiefer Inspiration der erste vom Rücken her schief in der 
Richtung der Rippen angelegt wird, der 2. denselben rechtwinklig kreuzt, der 8. wieder 
in der Richtung der Rippen verläuft und den 1. Streifen ungefähr zur Hälfte bedeckt 
u. s. w., bis die ganze kranke Seite derart eingchüllt ist. Ausserdem legt man einen 
Streifen über die Schulter und befestigt seine Enden wiederum durch einen queren Strei¬ 
fen. — In leichtern Fällen braucht man ausser diesem Verbände weiter nichts. Aber 
selbst in schwerem Fällen ist er in einem frühem Stadium in der Regel von grossem 
Nutzen, besonders da er die Schmerzen gewöhnlich sofort bedeutend vermindert und den 
Erguss von Flüssigkeit beschränkt. Bei grossem Exsudat ist er jedoch von zweifelhaftem 
Werth und bei doppelseitiger Pleuritis nicht zu brauchen. — Der Verf. erwähnt eine 
34jahrige Patientin , welche nebst Residuen von Phthisis auf beiden Lungenspitzen ein 
ansehnliches rechtseitiges Exsudat hatte und bei welcher dasselbe schon eine Woche nach 
Anlegung eines Verbandes bedeutend abnahm und im Verlauf von 2 fernem Wochen 
gänzlich verschwand. Bei Pleurodynie helfen 2—3 fest auf der betreffenden Stelle 
angezogene Streifen gewöhnlich gründlich. Bei Pneumothorax in Folge Ruptur 
einer Caverae bewirkt obiger Heftpflasterverband sofortige Erleichterung, wenn in Folge 
pleuritischer Verwachsungen nur eine beschränkte Menge Luft austreten konnte und die 
8chmerzen die hauptsächlichste Erscheinung sind. Aber auch in schweren Fällen , wo 
wegen mangelnder Adhäsionen die Luft den ganzen Pleurasack zu füllen vermag, leistet, 
zumal in einem frühem Stadium, ein Verband viel, besonders wenn über die Heftpflaster¬ 
streifen, welche dann nur circulär angebracht zu werden brauchen, noch 2—3 Lagen 
ebenso breiter und in derselben Weise angelegter Binden kommen, die in eine Mischung 
von Gummischleim und Gips getaucht wurden. Durch heisse Sandsäcke wird hierauf der 
Verband so rasch wie möglich getrocknet. Es gewährt derselbe das bei Pneumothorax 
fehlende Gefühl einer Stütze auf der betreffenden Seite und beschränkt zugleich die Athem- 
bewegungen. Bei starker Ausdehnung des Pleurasackes durch Luft ist es am besten, 
diese vorher durch den Aspirateur zu entfernen. Bei der Pneumonie ist das Haupt¬ 
gewicht auf die 3 ersten der oben genannten Methoden zu legen. Ein Verband hat ge¬ 
wöhnlich wenig Aussicht auf Erfolg. Indessen erleichterte ein solcher, bei einem jungen 
starken Mann mit Pneumonie des linken untern Lappens im Beginn der Krankheit ange¬ 
legt, die Athmung sofort bedeutend und beseitigte zugleich die Schmerzen. Bei acuter 
Bronchitis darf man im Gegensatz zur Pneumonie dem Patienten nicht zu viel Ruhe 
gönnen, damit die Bronchien möglichst vom Secret befreit werden. Die Schultern und 
der Kopf des Patienten seien erhöht und fest unterstützt. Er darf nicht längere Zeit 
schlafen und soll in längern oder kürzern Zwischenräumen möglichst ergiebig husten. Um 
die Expectoration wirksamer zu machen, soll der Pat. aufsitzen und tief athmen. Der 
Husten kann oft unterstützt und seine Schmerzhaftigkeit vermindert werden durch einen 
Verband, der erträglich fest um den Bauch und den untern Theil des Brustkorbes ange¬ 
legt wird. Sedativa sind nur von Nutzen, wenn der Husten heftiger und häufiger ist, als 
die Expectoration es erfordert. 

Beim Emphysem muss vor Allem die chronische Bronchitis sorgfältig 
behandelt werden. Oft ist dies nur dadurch möglich, dass der Patient vor den Schäd¬ 
lichkeiten der Luft bewahrt wird , z. B. durch einen Respirator oder bei feuchtem und 
kaltem Wetter durch Aufenthalt in einem Zimmer mit reiner, hinreichend warmer Luft 
oder allenfalls durch Wechsel des Clima’s oder des Berufes. Ferner sind alle starken 
exspiratorischen Anstrengungen zu meiden, nämlich anhaltendes oder lautes Sprechen oder 
Schreien, Singen, Spielen von Blasinstrumenten, Pressen beim Stuhlgang und hauptsäch¬ 
lich heftiger Husten. Bei chronischer Bronchitis ist eben der Husten gewöhnlich viel be¬ 
deutender als für die Expectoration nöthig ist. Der Patient suche ihn daher zu mässigen 
und versuche das Secret erst auszuwerfen, wenn es in den grossen Luftwegen ist. Des¬ 
halb sind da auch Sedativa oft von Nutzen. Emphysematiker ^müssen sich ausserdem vor 
physikalischen Anstrengungen aller Art hüten, besonders wenn das Leiden weit vorgerückt 
ist. Das Einathmen comprimirtcr Luft ist ihnen zum Theil wohl deshalb vortheilhaft, 
weil 6B den Lungen eine grössere Ruhe ermöglicht. 

Zum Schlüsse bespricht der Verf. die Behandlung der Phthisis, bei der er am 
längsten verweilt. Bei erblicher Anlage kräftige man, besonders in der Wachsthums¬ 
und Entwicklungsperiode den Körper durch Aufenthalt im Freien und Bewegung, lasse 


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aber bei dieser, namentlich bei schwächlichem Organismus, zu grosse Anstrengung sorg¬ 
fältig vermeiden. Man verhindere, wenn möglich, die Erwählung eines Berufes, der für 
viele Stunden an’s Zimmer fesselt und daher Uebungen im Freien nicht zulässt. Den 
Brustkorb kann man allenfalls dadurch zu erweitern suchen, dass man jeden Morgen und 
jeden Abend während 2—5 Min. je 12—15 tiefe Athemzüge in der Minute thun lässt 
— Besteht schon eine Lungenaffection, so ist vorsichtige Bewegung im Freien auch zu 
empfehlen, und es beruht der Nutzen eines mildern Clima’s zum Theil eben darauf, dass 
es dieselbe dem Patienten eher möglich macht. Ist die Erkrankung schon weit vorge¬ 
schritten oder sind' sonst bedenkliche Erscheinungen, z. B. erhebliche Haemoptoe vorhan¬ 
den, so muss natürlich die Bewegung sehr eingeschränkt oder selbst absolute Ruhe be¬ 
obachtet werden. — Man suche den Pat. sowohl zu Hause als im Freien vor den Schäd¬ 
lichkeiten der Luft, zumal solcher, welche feste Partikeln enthält, zu bewahren. Es wirkt 
daher oft ein Respirator sehr wohlthätig. Man bekämpfo den Husten und mildere ihn 
nur in so weit nicht, als er zur Expectoration nöthig ist. Man verbiete öffentliches 
Sprechen, Singen und andere Anstrengungen der Lungen. — Je mehr die Affection be¬ 
grenzt ist und der Process zur Heilung sich neigt, um so eher kann man eine Unter¬ 
stützung dieser Heilung und eine Verhinderung der Weiter Verbreitung von einem Verbände 
erwarten. Man legt diesen über den obern Theil der einen Lunge in der Weise an, dass 
man in senkrechter Richtung Heftpflasterstreifen über die Schulter fest von hinten nach 
vorn zieht und durch seitliche Streifen befestigt, die theils schief und sich kreuzend, theils 
horizontal verlaufen. Sind die Fosssb supra- und infraclav. merklich eingefallen, so muss 
man sie vorher mit Watte auspolstern. Selbst in solchen Fällen, wo keine Heilung zu 
erwarten ist, soll ein solcher Verband insofern zur Erleichterung des Pat. dienen, als er 
die Schmerzen lindere, das Athmen und Husten leichter mache, das Gefühl einer ange¬ 
nehmen Stütze gewähre und zur Verhütung einer Höemoptoe beitrage. Fankhauser. 


Kantonale Correspondenzen. 


Chor. Die 5 7. Vers ammlung der Schweiz, naturforschenden 
Gesellschaft in Chur, am 11. und 12. September 1874. (Fortsetzung.) 

3. Verliest Herr Dr. Kaiser von Chur einen von ihm als Präsident des cantonalen 
Sanitätsrathes abgefassten und zur Vorlage an den Grossen Rath bestimmten Bericht 
„über die statistische Aufnahme der Irren des Cantons Grau¬ 
bünden im Frühjahr 18 7 4 “. 

Da die sehr weitläufige, mit zahlreichen tabellarischen Zusammenstellungen ausge¬ 
stattete Arbeit im Jahresberichte unserer naturforschenden Gesellschaft zum Drucke ge¬ 
langen wird, so beschränke ich mich hier darauf, einige zumeist das ärztliche Interesse 
beanspruchende Zahlenangaben zu geben. 

Die Eintheilung nach der Form des Irrseins ist diejenige in der 8t. Galler Cantonal- 
Irrenanstalt 8t Pirminsberg übliche in Melancholie (Schwermuth), Manie (Tobsucht), Pa¬ 
ranoia (Verrücktheit) und Anoia (Blödsinn). 

Die Aufnahme geschah durch die Bezirksärzte (14 für den ganzen Canton) nach 
denselben vom Sanitätsrath zugestellten Formularien. Ausdrücklich wollen wir noch be¬ 
merken, dass Idioten und Cretins hierbei keine Berücksichtigung fanden, also nicht mit¬ 
gezählt sind. 

Unser Canton besitzt 200 Irre, ein Ergebniss, das mit demjenigen der eidg. Volks¬ 
zählung von 1870, 1. December, welches von ganz anderem Standpuncte aus sich ergab, 
vollkommen stimmt. Diese Zählung ergibt nämlich 199 Irren. Es entfällt demnach auf 
je 458 Einwohner 1 Geisteskranker = 2,178°/oo* C^ 11 Preussen 1:468, in England 1:387, 
in der ganzen Schweiz 1: 344.) 

Höchst auffällig ist der Unterschied zwischen der diesjährigen Aufnahme der Irren 
und derjenigen von 1851, die ebenfalls durch die Bezirksärzte geschah. Damals hatte 


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Graubünden bei einer Bevölkerung von 89,914 Seelen 88 Irren, d. h. 1:1021 oder 0,978% 0 . 
Wenn nun schon die jüngste Aufnahme (1874) mehr Anspruch auf Genauigkeit hat, als 
die ältere, so ergibt sich doch in 25 Jahren eine betrübende Zunahme der Zahl der Gei¬ 
steskranken. 

Nach dem Geschlechte stellt sich das Verhältniss für das weibliche günstiger als 
für das männliche, entgegen der gewöhnlichen Annahme. Die weibliche Totalbevölkerung 
tibertrifft die männliche um 4706, von den 200 Irren sind aber 92 weiblichen gegen 108 
männlichen Geschlechtes, d. h. auf je 1000 Einwohner im Ganzen trifft es 1,002 weib¬ 
liche, 1,176 männliche Irren. Das Verhältniss der Irren zu der Bevölkerung nach den 
Geschlechtern berechnet ergibt auf je 1000 Männer 2,481, auf je 1000 Weiber 1,904 
Irren oder 1 geisteskranker Mann auf 403 Männer, je 1 geisteskrankes Weib auf 525 
Weiber. 

Nach den Erankheitsformen vertheilen sich die 200 Irren bei ziemlicher 
Uebereinstimmung mit den anderwärts gemachten Erfahrungen. 

Vertheilung der Irren nach dem Alter. 

Von 0—29 Jahren 12 °/ 0 
, 80—59 * 64 °/o 

über 60 Jahre 24 % 
oder 

Von 0—20 Jahren 1,0 % 

„ 20—60 n 75,0% 

„ 60 u. mehr „ 24,0 % 

Es entfallen auf: 

Melancholie 30,00 % 

Manie 14,60 °/ 0 

Paranoia 44,60 % 

Anoia 11,00 °/ 0 

übereinstimmend mit einer Tabelle bei Oester len (pag. 620), die für das Alter von 20 bis 
60 Jahren in 9 verschiedenen Ländern in Europa und Nordamerika ein Mittel von 74% 
aller Geisteskranken ergibt. 

Ueber das Verhältniss des Alters zu den einzelnen Krankheits- 


formen gibt folgende 

Tabelle Auskunft: 




Im Alter v. 0—19 

20—29 

30—39 

40—49 

50—59 

60 u. mehr Jahren. 

Total. 

Melancholie 0,00 

2,50 

7,00 

7,00 

4,50 

9,00 

30,00% 

Manie 0,50 

3,50 

2,50 

2,50 

2,50 

3,00 

14,50»/. 

Paranoia 0,00 

4,00 

7,00 

13,50 

10,50 

9,50 

44,50% 

Anoia 0,50 

1,00 

3,50 

2,00 

1,50 

2,50 

11 , 007 . 

Total 1,00 

11,00 

20,00 

25,00 

19,00 

24,00 

100 , 007 , 


Vertheilung der K r a n k h e i t s f o r m e n nach d e m G e s ch 1 e c h t: 

Von je 100 Schwermüthigen sind männlich 50,00, weiblich 50,00 
3 3 3 Tobsüchtigen „ „ 55,17, „ 44,82 

» » » Verrückten 3 3 51,68, 3 48,31 

3 3 3 Blödsinnigen 3 3 68,18, 3 31,81 

Bezüglich der Confession stellt sich das Verhältniss fast durchaus gleich. Unter 
100 Geisteskranken zählen wir 57 Reformirte, 43 Katholiken, unter 100 Einwohnern 
56,53 Reformirte, 43,45 Katholiken. 

Nach Fetscherin beträgt im Canton Bern die Zahl der protestantischen Irren 4,4°/ 00> 
der katholischen nur l,8°/oo der Gesammtbevölkerung. 

Irren nicht christlichen Bekenntnisses sind keine aufgeführt, wir haben aber auch fast 
keine nichtchristlichen Einwohner. 


Nach dem Civilstande finden sich unter 

100 Irren: 66,50 Ledige 

22,50 Verheirathete 
11,00 Verwittwete. 


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Die Geschiedenen sind nicht besonders aufgeführt. 

Bei der Bevölkerung im Ganzen kommen auf 

je 100: 60,86 Ledige 

31,42 Verheirathete 
7,72 Verwittwete. 

Erwägen wir aber, dass von 0—20 Jahren nur 1% Geisteskranke Vorkommen, so 
ist sofort ersichtlich, wie sehr sich das Verhältniss zu Ungunsten der Ledigen verändert. 

Aus einer grösseren diesbezüglichen Tabelle ergibt sich weiter Folgendes: 

„Es prävalirt unter den ledigen Irren das männliche Geschlecht vor dem weib¬ 
lichen im Verhältniss von 39:27,5, bei den Verheiratheten wie 12,0:10,5, während unter 
den Verwittweten sich mehr Frauen als Männer befinden (7:4). — Von den einzelnen 
Altersstufen zeigt bei den Ledigen das 4. Decennium (30—39 Jahre) das Maximum mit 
17,5% und von da an besteht wieder eine Abnahme ; die Verheiratheten erreichen ihr 
Maximum im 5. Decennium mit 9,0% , die Verwittweten beginnen erst mit dem 5. De¬ 
cennium mit 2,5% und steigen in den späteren zu 4,6 und 4,0%. 

Bei der Berechnung der Irrenzahl nach den Berufsarten ergibt sich in unserem 
vorwiegend agricolen Lande die Schwierigkeit, dass sich solche kaum genau ausscheiden 
lassen. Sehr viele Handwerker, Dienstmägde u. s. f. beschäftigen sich vielfach auch mit 
landwirthschaftlichen Arbeiten, so dass hier von einer auf Exactheit Anspruch machenden 
Genauigkeit keine Rede sein kann. 

Im Allgemeinen wird man wohl nicht weit fehl gehen, wenn man annimmt, dass an 
70% der Irrenzahl unter die Rubrik „Landwirthe“ zu stellen sein werden, so dass sich 
dann für jede der obigen Berufsarten sehr kleine Theilziffern ergeben würden. Wie 
weit dieses Verhältniss mit demjenigen der Bevölkerung im Ganzen stimmt, kann der 
Berichterstatter nicht angeben, da die Vertheilung der Bevölkerung nach Berufsarten 
aus der Volkszählung nicht ersichtlich ist, indessen dürfte es nach allgemeiner Schätzung 
so ziemlich stimmen. 

Ebenso schwierig ist eine Rubricirung der Irren nach den V ermögensum- 
8 t ä n d e n , und gibt der Bericht unter ausdrücklicher Hinweisung auf die möglichen dies¬ 
falls obwaltenden Schwierigkeiten und Ungenauigkeiten das aus den bezirksärztlichen 
Tabellen sich ergebenden Facit, dass darin 41,50% &ls vermöglich, 18,00% als unbemit¬ 
telt, aber nicht ganz arm, 40,50% als arm bezeichnet werden. 

Es folgen nun Zusammenstellungen über die eigentlich psychiatrischen Verhältnisse 
der Irren, Ursachen, Dauer, Charakter, Prognose der Krankheit. 

Nachdem der Berichterstatter auf die hierüber sehr mangelhaft gegebene Auskunft 
der Aufnahmstabellen und die vielen möglichen Fehlerquellen hingewiesen hat, gibt er 
als annähernd richtiges Ergebniss folgende Angaben: 

a. Ursachen: Bei 36,5% ist eine Ursache nicht angegeben. Von den übrigen 
63,5% ist auch hier zu Lande die grösste Zahl auf erbliche Verhältnisse zurückzuführen, 
nämlich 26%. 

Die übrigen Ursachen vertheilen sich wie folgt: 


Geschlechtliche Verhältnisse (Onanie etc.) 9 5% 

Familienverhältnisse 

9,0% 

Vorhergegangene Krankheit 

5,0% 

Religiöse Vorstellungen 

5,0% 

Trunksucht 

4,0% 

Körperverletzung 

3 ,0% 

Gemüthsbewegung 

1,5 /o 


Aus einer weiteren tabellarischen Zusammenstellung der ursächlichen Momente für 
die einzelnen Erkrankungsformen ergibt sich, da man wohl einen minimen Theil der als 
„unbekannt“ verzeichneten Fälle als auf Erblichkeit beruhend annehmen kann, „dass man 
bei der Melancholie und Manie mehr als % , bei der Paranoia wenigstens */ 8 &U er Fälle 
der Erblichkeit zuschreiben darf. Von den übrigen ursächlichen Momenten sind keine so 
hervorspringend, dass sie für unser Land eine besondere Rolle zu spielen scheinen. Ein¬ 
zig in Betreff der religiösen Vorstellungen als Ursache der Geistesstörung sei noch er- 


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wähnt, dass von den 10 diesfalls aufgeführten Kranken (5%) 3 (1,6%) weiblich, 
7 (3,5%) männlich sind. Der Confession nach 4 Katholiken (2%), 6 Refor- 
mirte (3%). 

b. Dauer der Krankheit: 

63,5% dauern länger als 5 Jahre, 

23,0% bestehen seit 1—5 Jahren, 

6,0% sind frisch. 

Bei 7,5% ist nichts hierüber angegeben. 

c. Der Charakter der Krankheit bezüglich der Gefährlichkeit der 
einzelnen Irren gestaltet sich so, dass im Ganzen 

81,0% harmlos, 

14,6% gefährlich sind und von 
4,6% keine Angabe sich findet 
100 , 0 % 

Die Blödsinnigen sind Alle als harmlos, während von den Schwerinüthigen 3,33% 
von den Verrückten 11,23% und von den Tobsüchtigen 62,07% als gefährlich bezeich¬ 
net werden» 

d. Prognose: 

Bei 52,0% keine Aussicht auf Genesung, 

„ 13,6% geringe, 

„ 14,0% ziemlich gute, 

* 20,5% findet sich keine Ansicht hierüber ausgesprochen. 

Behandlung und Versorgung der Irren. 

Es sind nur 15,5% derselben in Heil- und Pflegeanstalten untergebracht und zwar 
davon 8% in St. Pirminsberg, 7,5% vereinzelt in andern Anstalten. Von den übrigen 
84,6% sind 69,5% zu Hause gehalten, 15% in der cantonalen Verwahrungsanstalt in 
Realta, „Da nun letztere ihrem Charakter und ihrer Bestimmung nach nur eine Verwah¬ 
rungsanstalt unheilbarer Irren ist, und da ferner so ziemlich auch von den zu Hause be¬ 
findlichen Irren kaum einige ausnahmsweise einer regelmässigen Behandlung unterzogen 
werden, so kann man also diese sämmtlichen 84,5% als unbehandelt betrachten.“ 

Der Krankheit nach finden sich in Anstalten von der Gesammt- 

irrenzahl: 

Von den Schwermüthigen 11 = 5,5% 

w „ Verrückten 14 = 7,0% 

„ „ Tobsüchtigen 6 = 3,0% 

„ „ Blödsinnigen 0 = 0,0% 

31 =15,5% 

Dem Vermögen nach: 

Arme 5 = 2,5% 

Unbemittelte 5 =r. 2,5% 

Vermögliche 21 = 10,6% 

31 =: 15,5% 

Der Dauer der Krankheit nach befinden sich in Anstalten: 

Bis 1 Jahr Kranke 6 = 3,0% 

i» ö » » 10 = 5,0% 

Mehr als 5 Jahr Kranke 12 = 6,0% 

Unbekannt 3 = 1,5 % 

Total 31 = 15,5% 

In Realta befinden sich 15% der Irren und zwar: 

Schwermüthige 2,6% 

Verrückte 8,0% 

Tobsüchtige 2,0% 

Blödsinnige 2,5% 

Total Tö,Ö% 


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80 


Arme 12,0% 

Unbemittelte 0,5% 

Vermogliche 2,5% 

Total 15,0% 

Nach der Dauer der Krankheit: 

Bis 1 Jahr Kranke 0,0% 

1 — 5 „ „ 1 , 0 % 

Mehr als 5 Jahr Kranke 11,5% 

Unbekannt 2,5% 

Total l57>%~ 

Endlich sei noch erwähnt, dass unter den 69,6% zu Hause wohnenden Irren sich 
26,0 Arme ) ... 

15jo Unbemittelte! zuaammen 41 
28,5 Vermogliche befinden. 

(Fortsetzung folgt.) 

Bern. Unsere thätige Militärdirection arbeitet in aller Stille an der Lösung des 
Problems einer guten Fussbekleidung für den Soldaten. Preisaufgaben waren ausge¬ 
schrieben worden, die mehrere ganz tüchtige Beantwortungen durch Officiere gefunden 
haben. In Folge dessen wurde beschlossen, in der bei einer Milizarmee einzig thunlichen 
Weise vorzugehen, nämlich durch Anschaffung möglichst guter und practischer Schuhe 
von Staatswegen und Verkauf derselben an die Rekruten zum kostenden Preise. 

Wir haben die angenommenen Musterschuhe auf dem Commissariat besichtigt und 
sind davon höchst befriedigt. Es sind dies etwas hohe Schuhe streng nach dem System 
von Hermann Meyer, solid gearbeitet und doch nicht allzu schwer, mit 3 Löcherpaaren 
zum Schnüren. Unsere einzige Bemerkung war, dass die beiden obersten Löcherpaare 
passender durch Haken ersetzt würden, was namentlich bei nassen Schuhen das Schnüren 
wesentlich vereinfacht — Die Schuhmacher von Stadt und Land, welche die Modelle be¬ 
sichtigten , schüttelten freilich ob der krummen Sohle bedenklich die Köpfe; es wurde 
ihnen aber ganz kategorisch begreiflich gemacht, dass gerade diese Form geliefert werden 
müsse. Die Unternehmer haben sich denn auch gefunden, und an genauer Controle der 
Arbeit wird es nicht fehlen. Die Hauptschwierigkeit bildet einstweilen die Beschaffung 
der nöthigen Leisten. Es 9ind 6 Nummern verschiedener Fusslängen in Aussicht genom¬ 
men, jede von der andern um ca. 7 mm. differirend; jeder Längennummer entsprechen 3 
verschiedene Breitensorten; also haben wir im Ganzen 18 Sorten Schuhe, wohl eher zu 
viel als zu wenig. Das Paar kann zu 12 Fr. abgegeben werden , wahrlich ein höchst 
billiger Preis. 

Hoffen wir, dass jeder Rekrut, welcher mit solchen Schuhen aus der Garnison heim¬ 
kömmt, ein Apostel derselben werde, und dass sich diese Schuhform vom Militär aus 
auch bei den Bürgern und auch bei deren schönerer Hälfte einbtirgere, deren Füsse für 
das Auge des Anatomen, Dank den chinesischen Bestrebungen der altwohllöblichen 
Schusterzunft, vom idealen Fusse der Venus so weit ab weicht wie der Rücken Aesops 
von dem des Phöbus Apollo. — Es wird sehr zweckmässig sein, bei anstrengenden 
Militärdiensten die Einwirkung des neuen Schuhwerks auf die Häufigkeit der Fussleiden, 
dieser crux medicinse castrensis, statistisch zu prüfen. 

Hoffen wir, dass die anderen Cantone Berns Beispiel bald befolgen. Z. 


W oolien'bex’iclit. 


Schweiz. 

Aerstlicher Central verein. Sonntag den 24. Januar tagte in Olten unter 
- dem Präsidium Sonderegger' a zum ersten Male der ständige Ausschuss des Gen- 
tral Vereins. — 

Das erste Tractandum war die Anordnung der in der ersten Hälfte Mai in Bern 


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i 




stattfindenden Centralvereinszusammenkunft, zu welcher die Collegen der romau. Schweiz 
durch Zuschrift eingeladen werden sollen. Zur Besprechung gemeinsamen Vorgehens bei 
Erlass des eidg. Fabrikgesetzes, der Ausführungsbestimmungen in Sachen Mortalitäts¬ 
statistik etc. etc., so wie um mit Nachdruck als Vertreter des ärztlichen Standes der gan¬ 
zen Schweiz bei den betreffenden Behörden seine Stimme geltend machen zu können, 
wurde beschlossen, die Socidtd medicale de la Suisse romande einzuladen, sich beim Aus¬ 
schuss des Centralvereins durch 2 Delegirte vertreten lassen zu wollen. 

Einstimmig wurde das Project einer Fusion der 2 ärztlichen Central vereine aus ver¬ 
schiedenen Gründen als nicht wünschbar erklärt, hingegen in dem Zuziehen von Vertre¬ 
tern aus der roman. Schweiz eine leistungsfähige Repräsentation des gesammten Schweiz, 
ärztlichen Standes erblickt. 

In dieser Richtung werden nun vom Ausschüsse aus die nöthigen Schritte gethan 
und hofft derselbe in der Maiversammlung in Bern dem Centralverein die gewünschten 
Erfolge mittheilen zu können. 

Sanit&tofnstriictoreil. Sicherem Vernehmen nach sind im Verlaufe des Jah¬ 
res 1875 zwei neue Sanitätsinstructorenstellcn I. Classe zu schaffen und zu besetzen. Die 
Besoldung wird vorläufig 3000 ä 4000 Fr. betragen. Aspiranten auf diese Stellen werden 
sich voraussichtlich schon im Verlaufe des kommenden Frühlings in einzelnen Cursen als 
Instructionsgehülfsn zu bethätigen haben. Eine Ausschreibung dieser Stellen kann aus 
dem Grunde nicht erfolgen , weil dieselben eben noch nicht creirt, und im Budget nicht 
vorgesehen sind, wir wissen aber des Bestimmtesten, dass der Herr Oberfeldarzt gerne 
bezügliche Anmeldungen, besonders von Seite solcher Aerzte entgegennehmen wird, welche 
der deutschen und französischen Sprache wenigstens einigermassen mächtig sind. 

Bcni* Die ordentliche Winterversammlung der medicinisch-chirurgischen 
Gesellschaft des Cantons Bern findet iu Bern (Casino) Freitag den 6. Hor¬ 
nung 1875, Vormittags IO 1 /* Uhr statt. Die Tractanden sind: 1. Bericht über das 
Resultat der Untersuchungen betreffend Verbreitung der Tuberculose, von Prof. Dr. Jonc- 
qviere. 2. Mechanismus und Behandlung der Brucheinklemmung, von Prof. Dr. Kocher, 
8. Bericht über den Stand der Frage der Mortalitäts-Statistik, von Dr. A, Vogt, 4. Be¬ 
sprechung des Decretentwurfs betreffend das bürgerliche Begräbnisswesen. Ref. Dr. A. 
Ziegler, Ö. Prof. Dr. Müller: Ueber Dilatation des innem Muttermundes. 0. Neuwahl des 
Comite’s. 7. Rechnungspassation pro 1873/74. 8. Aufnahme von neuen Mitgliedern. Be¬ 

stimmung des Versammlungsortes für die Sommersitzung. 

Stand der Infeetions-Krankheiten in Basel. 

Vom 13. bis 25. Januar 1875, 

Der Scharlach scheint seine 3. Invasion ernstlich machen zu wollen; seit dem 12. 
sind uns 7 neue Fälle zur Kenntniss gekommen, wovon 2 im Kinderspital selbst ihren 
Ursprung haben; derselbe sah sich genöthigt, sein Absonderungshaus wieder zu öffnen. 
Ein Blatternfall wurde eingeschleppt durch einen Arbeiter, der aus Brüssel hergereist 
kam. Der Mann wurde sofort in das Spital aufgenommen und sein Zimmer, Wäsche etc. im 
Gasthofe desinficirt. Varicellen, Rubeola, Croup, Diphtherie und Keuchhusten kamen vor, 
jedoch nur in ganz vereinzelten Fällen (von jedem 2—3). Auch 2 Fälle von Puerperal¬ 
fieber sind gemeldet Erysipelas 16 Fälle, Typhus 3, in den Aussenquartieren Klein- 
Basels. — 


Briefkasten. 

Herr Prof. Breishy : Wird besorgt. Erwarte das Versprochene. Besten Dank für Ihren freund¬ 
lichen Brief. — Herr Prof. Aeby : Mit vielem Dank erhalten. — Herr Dr. R. in Pf.: Ihre sehr zeitge- 
mässe Correepondenz kommt in nächster Nummer. — Herr Dr. L, in Pontresina: Wegen Platzenge 
muss die Correspondenz auf nächste Nummer verschoben werden. — Herr Dr. Wagner in B.: Wo 
bleibt die Fortsetzung Ihres Referates. — Herr Dr. Conrad : Die Haare lassen sich nicht mehr weg¬ 
rasieren. Näheres in Bälde brieflich. — Herr Dr Ludwig , Pontresina: Besten Dank für die freund¬ 
liche Aufmerksamkeit, das Buch ist beim Buchhändler bestellt. — Herr Dr. O — e in A—8. Wir 
erwarten das Versprochene. — Herr Dr. A. Ziegler , Bern. Sehr erwünscht. Könnten wir nicht in 
Zukunft die sämmtlicben Acten der Medic. Conc. erhalten? — Herr Prof. O, Wyes, Zürich; Prof. 
C, E . E, Hoffmann , Basel; Dr. Gramer , Biel, dankend erhalten. — Herr Dr. C — ni : Besten Dank« 
Herr Dr. Müller in W. : Besten Dank; Sie erhalten baldigst briefliche Antwort, 


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88 


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in Hannover, Prof. Hahn in München, Dr. Harms 
in Hannover, Privatdocent Harz in München, 
Prof. Kehrer in Giessen, Prof. Klebs in Prag, 
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hagen, Hofthierarzt Lydtin in Karlsruhe, Dr. 
Lustig in Hannover, Prof. Pagenstecher in 
Heidelberg, Prof. Perls in Giessen, Prof. Pflug 
in Giessen, Dir. Probstmayr in München, Doc. 
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Medicinalassessor Schuster in Jena, Prof. Semmer 
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habers erledigte Stelle eines Assistenzarztes an 
der Irrenanstalt St. Urban wird anmit zur 
Wiederbesetzung auf 1. Juni nächsthin ausge¬ 
schrieben. 

Bezügliche Anmeldungen sind hei der Tit. 
Direction der Anstalt zu machen, woselbst auch 
jede weitere Auskunft über die mit der Stelle 
verbundenen Rechte und Pflichten ertheilt wird. 

Luzern, den 28. Januar 1875. [H-38-Lu] 

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in Oelterkinden. 


N. B 4. Y. Jahrg. 1875. 15. Februar. 


Inhalt: 1) Originalarbeiten: Prof. Dr. Huguenin, Ueber Hirnsypbilis. Fr. Pftffner, Ein Fall von Milzbrand beim 
Menseben. Dr. v. Oreui, Ein apbasisches Hirn. Dr. A. Steiger, Ueber Empyem. (Schluss.) - 2) Vereinsbericbte: Ordent¬ 
liche Versammlung der medicinisch-chirorgischen Gesellschaft des Cantons Bern. (Schluss.) — 3) Referate und Kritiken: 
William Stephenson, 1. On abscess of the larynx simnlating croup. 2. Clinical obsen'ations on pnenmonia in Children. Dr. 
J. Amann, Zar mechanischen Behandlung der Versionen und Flexionen des Uterus. Senator, Ueber Synanche contagiosa 
(Diphtherie). Dr. Ratoth, Zur Revision und Reformirung der Lehr- und Lemmethode an den Universitäten, hauptsächlich der 
Mediein. — 4) Kantonale Correspondenzen: Chur (Schluss); Graubönden; Luzern. — 5) Wochenbericht. — 
6) Briefkasten. 


Original - Ajrbei ten. 


Ueber Hirnsyphilis. 

Von Prof. Dr. Huguenin in Zürich. 

I. 


Syphilitische Necrose. 

Es liegt in der Absicht des Verfassers, einige specifische Affectionen der Ner- 
vencentren, welche dem Praktiker nicht allzu selten Vorkommen, anschliessend an 
einige Fälle, kurz zu besprechen. Unmöglich ist es, an diesem Orte alle Verän¬ 
derungen, welche, auf specifischem Boden wurzelnd , das Hirn und seine Hüllen 
betreffen können, in ihren Symptomen zu schildern. Die Beschränkung auf einige 
besonders prägnante Bilder und ihre in neuerer Zeit klarer gewordenen anatomi¬ 
schen Unterlagen mag durch die Enge des zu Gebote stehenden Baumes gerecht¬ 
fertigt sein. 

Die Affectionen, welche die Syphilis an und im Schädel zuwege bringt, sind 
bekanntlich äusserst mannigfach. Es möge erinnert werden, daran, dass dieselben 
durchaus nicht immer ein specifisches Gepräge an sich tragen, dass sie zu einem 
Theile bloss solche sind, welche sich durch gewebliche Structur als syphilitische 
documentiren, zu einem andern aber keinen andern als einen entzündlichen Charak¬ 
ter ansprechen können. 

Wer wird geweblich cariöse und necrotische Processe an der äussem und 
innern Schädelfläche mit Sicherheit zu trennen im Stande sein von analogen pe¬ 
riostalen Affectionen, welche auf anderer Unterlage zu Stande gekommen sind? 
Es müsste denn die Untersuchung, wie bei Osteomyelitis gummatosa, wirklich das 
Bpecifische Product zu Tage fördern, was aber in der Mehrzahl der Fälle Illusion 
sein wird. Wer wird ferner eine sog. Pachymeningitis interna, welche bei Hirn- 


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Schrumpfung allgemeiner oder partieller Natur ein so häufiger Befund ist und bei 
specifischen Affectionen am Hirne häufig genug gefunden wird, von einer analogen 
Erkrankung bei Dementia paralytica, bei einem Hirntumor unterscheiden können? 
Gehen wir über auf die Pia, so finden wir hier Veränderungen, welche in vielen 
Fällen schon mehr einen der Syphilis eigenartigen Charakter an sich tragen. Es möge 
liier erinnert werden an die bekannte Griesinger'sehe specifische Meningitis, welche 
seitdem kaum einige wenige Analoga gefunden hat. Aber auch hier wird man noch 
vergeblich nach speciell syphilitischen Producten suchen. Schon klarer treten uns 
die letztem entgegen in gewissen allerdings seltenen gummatösen Affectionen der 
Pia, welche zu circumscripten Entzündungen und Adhäsionen derselben an die 
Dura und die Hirnoberfläche Veranlassung geben. Ihre Symptomatologie ist aber 
bis heute noch nicht mit der Genauigkeit bekannt, welche eine Besprechung in 
diagnostischer Richtung rechtfertigen könnte. Erreicht diese gummatöse Affection 
eine bedeutende Ausdehnung, so spielt sie in den meisten Fällen die Rolle eines 
corticalen Tumors und fällt auch in den Symptomen mit dem letztem zusammen; 
diese Symptomcnreihe haben wir hier aber nicht zu besprechen. — Gehen wir über 
auf die Hirnsubstanz, so sind es namentlich zwei Processe, welche von jeher die 
Aufmerksamkeit in Anspruch genommen haben. In erster Linie steht das Gumma. 
Dasselbe kommt in den spätem Stadien der Syphilis im Hirne nicht sehr selten 
vor und besitzt insofern gewisse Prädilectionsstellen, als es sich zumeist in der 
Peripherie des Hirns entwickelt, sowohl an der Concavität, als, wie es mir vor¬ 
kommt, noch häufiger an der Basis, hier sowohl extra- als intracerebral. Es ent¬ 
wickelt sich sowohl bei acquirirter als bei congenitaler Syphilis, und mancher so¬ 
genannte basale Hirntuberkel bei Kindern würde sich bei genauerer Untersuchung 
als Syphilom heraussteilen. 

Es ist klar, dass dasselbe in der Mehrzahl der Fälle die Wirkung jedes andern 
Hirntumors entwickeln wird. Da das Gumma uns in einem spätem Artikel be¬ 
schäftigen wird, so sei hier nur in aller Kürze die bekannte Thatsache erwähnt, 
dass dasselbe eine von den Scheiden der Gefässe ausgehende Wucherung darstellt, 
dass es in concentrischer Schichtung um die Gefässe angeordnet ist, dass seine 
anfängliche Structur bald einer käsigen Destruction weicht und dass es auf das 
umgebende Hirngewebe in mannigfacher Weise zerstörend zu wirken im Stande 
ist. Viele seiner Symptome sind daher nicht ihm selber zuzuschreiben, sondern 
— wie bei andern Hirntumoren — den consecutiven Veränderungen. 

Als zweite längst bekannte und nie verstandene Affection der Hirnsubstanz 
erwähnen wir die syphilitische Encephalitis. Man hat seit langer Zeit so gewisse 
Heerde genannt, welche mit Encephalitis eine gewisse äussere Aehnlichkeit haben, 
welche im Hirne auftreten, scheinbar ohne alle nachweisbare nähere Aetiologie, 
welche schliesslich zu necrotischen Lücken im Gewebe führen, die in ihren Wir¬ 
kungen eine begreifliche Aehnlichkeit besitzen mit den embolischen, den thrombo¬ 
tischen Hcerden aus Arterio-Sklerose, endlich mit gewissen Formen von Apoplexie. 
Immerhin war an diesen Heerden schon lange aufgefallcn, dass sie auch eine Prä- 
dilection für gewisse Hirnpartien besitzen; in der ungeheuren Mehrzahl der Fälle 
sitzen sie im Gebiete der grossen Ganglien, von der vordem Grenze des Streifen- 


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hugelkopfes bis zur hintern Linsenkernspitze; bald im Thalamus, in diesem Palle 
keine grossartigen Symptome erregend, bald in der innern Kapsel und im Linsen¬ 
kern, dann unausweichlich zu Hemiplegie der gegenüberliegenden Seite führend, 
bald endlich als Oberflächen-Erweichung auf der Rinde der Insel und nächster 
Umgebung. Es fiel im Weitern auf, dass die Wirkungen dieser Heerde von den¬ 
jenigen der ebenfalls mit Vorliebe hier sitzenden embolischen, thrombotischen und 
apoplectischen Heerde durchaus nicht verschieden waren, so dass ohne genaue Kennt- 
niss der Aetiologie wohl kaum Jemand die richtige Diagnose zu machen im Stande 
war. Das Unklarste blieb aber, dass unter dem Einfluss der Syphilis Heerde in 
jener Gegend entstanden, welche scheinbar der nähern Aetiologie (Gefäss-Affection, 
Embolie), welche bei den andern längst bekannt ist, entbehrten. Immerhin finden 
sich Andeutungen des wahren Sachverhaltes schon bei Autoren, deren Arbeiten 
Jahre hinter uns licgerl, so bei Gros und Lancereaux ; indessen ist es das Verdienst 
Steenberg' s und Gildemeester' s, zuerst mit klaren Worten den Zusammenhang der sog. 
Encephalitis mit Gefässveränderungen dargethan zu haben. Aber erst der neuesten 
Zeit, nachdem das casuistische Material schon in hohem Grade angewachsen war, 
war es vergönnt, den Knoten zu lösen. Heubner in Leipzig demonstrirt bündig den 
Zusammenhang der Heerde im Hirn mit Erkrankungen der basalen Hirngefässe 
und weist dieser Erkrankung, welche bisher constant mit dem gewöhnlichen Athe¬ 
rom verwechselt wurde, ihre gebührende Stellung an. Er zeigt, dass sie vom 
Atherom in allen Stücken gänzlich verschieden und ohne Zweifel als eine specifisch 
syphilitische Gewebsveränderung der Gefässwand aufzufassen ist. 

In vorliegender Abhandlung werden wir uns beschäftigen 

1. mit der Heubner' sehen Degeneration der basalen Hirnarterien und der con- 
secutiven Him-Necrose, 

2. mit der gummatösen Neubildung an Convexität und Basis, 

3. mit der Combination von beiden. 

Es werden immerhin noch eine Reihe von Krankheitsbildern übrig bleiben, 
welche, als unfertige und abnorme, keine anatomische Diagnose bis heute zulassen. 


Syphilitische Arterio-Sklerose der Gefässe der Basis, mit consecut. Erkran¬ 
kung des Hirns. Es lässt sich die Aflection am besten an der Hand einiger Fälle 
studiren. 

1. R. M., 40 Jahre alter Knecht 

Im 18. Jahre erlitt Patient eine Luxation der Hüfte, lag damals 7 Wochen und 
wurde völlig geheilt Anno 1871 Fractur der linken Clavicula. Vor 2 Jahren lag 
er während 4 Wochen auf der specifischen Abtheilung des Kantons- 
Spitals mit Ulcus indur. penis und Exanthema syphilit. Er trat völlig 
geheilt aus, will seitdem keine Spuren von Syphilis, keine Exantheme, Condylome u. dgl. 
gehabt haben; er hatte blos hie und da über rheumatoide Schmerzen im Rücken zu kla¬ 
gen, welche ihm seine Arbeit oft sehr erschwerten. 

Letztes Frühjahr litt er kurze Zeit an einer Gehörstörung rechterseits, welche mit 
der Sommerwärme verschwand. 

8eine Familie bezeichnet er als gesund. Indess starb eine Schwester an Phthisis 
und eine zweite erlag auf der klinischen Abtheilung des Spitals vor kurzer Zeit einer 
rasch verlaufenden pernieiösen Anämie, 


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Am 31. October 1874 war Pat. mit Dreschen beschäftigt und fühlte sieb so gesund 
und wohl, wie je, als er plötzlich eine leichte Schwäche im linken Kniegelenke verspürte; 
dieselbe stieg bald, so dass nach einigen Minuten ihm das Knie schon den Halt versagen 
wollte. Einige Augenblicke hielt er sich an der Wand und fühlte sich dann sofort wie¬ 
der stark genug, um stehen und gehen zu können. Er arbeitete weiter bis Mittags. 
Gefühl von Eingeschlafensein oder irgend welche periphere Dysästhesie fehlte , sowie er 
auch von Kopferscheinungen jeder Art gänzlich frei geblieben war. 

Beim Mittagessen aber fühlte er plötzlich eine bedeutende Schwäche im linken Bein, 
linken Arm und in der linken Gesichtshälfte. Wieder kein Kopfschmerz, kein Schwindel, 
kein Brechreiz. Mit dem Arme konnte er indess noch dies und jenes machen, konnte 
auch noch zum Arzt gehen. Auf dem Wege fühlte er aber eine deutliche Zunahme der 
Kraftlosigkeit, stürzte auch auf dem Heimwege einmal, und bis l*/ 2 Uhr Nachmittags war 
die Lähmung vollständig. Ein Zurückgehen derselben wurde bis zum Spitaleintritt nicht 
beobachtet, von andern Hirnerscheinungen # war er absolut frei. 

Spitaleintritt 4. October. Status: 

Vollkommene motorische Lähmung des linken Beins , eine ganz leise Drehung von 
innen nach aussen ist im Liegen möglich, von Gehen und Stehen ist nicht die 
Rede. Gänzliche motorische Lähmung des linken Armes, in liegender Stellung kann die 
linke Schulter etwas gehoben und der Vorderarm etwas gedreht werden, sonst keine Be¬ 
wegung möglich. Linker Mundwinkel hängt, linkes Facialisgebiet besitzt weniger Tonus 
als das rechte. Bei Willkürbewegungen, Pfeifen etc. tritt die link3eitige Facialis-Parese 
deutlich hervor, rechte Gesichtshälfte wird normal bewegt. In der Faltung der Stirne, 
im Schluss der Lider ist kein Unterschied zwischen beiden Seiten bemerkbar , dagegen 
kann Pat. den linken Nasenflügel kaum in die Höhe ziehen. Die Parese ist beschränkt 
auf Mund- und Nasenäste. Keine Ptosis, keine Pupillendifferenz, Augenbewegungen frei. 
Zunge gerade, keine Articulationsstörung, keine Aphasie, Uvula gerade. Phonation eben¬ 
falls ungestört, Kauen und Schlucken normal. Function der Sinne, Kyche, Intelligenz etc. 
gänzlich intakt Seit 24 Stunden hat Pat. keinen Urin entleert, Blase ist ausgedehnt und 
muss mit dem Katheter entleert werden. Uriu ohne Eiweiss, ohne irgend welche an¬ 
dern pathologischen Bestandtheile, 1012. — Sensibilität auf der linken Gesichtshälfte um 
ein Geringes herabgesetzt, alle leichten Reize werden gefühlt, aber etwas weniger deut¬ 
lich als rechts, an den linkseitigen Extremitäten und an der linken Seite des Rumpfes 
aber ist die Sensibilität gänzlich normal. — Reflex-Erregbarkeit überall erhalten, dess- 
gleichen die faradische Erregbarkeit der Muskeln. 

Reste der vor 2 Jahren vorhandenen speciflschen Erkrankung sind nicht zu finden, 
an den Knochen und Schleimhäuten nichts, von geschwollenen Drüsen keine Spur. Lun¬ 
gen, Herz, Unterleibsorgane völlig gesund. 

Atherom fehlt. 

Weitere Symptome von Seite des Hirns sind nicht zu finden, weder subjective noch 
objective. 

Tp. normal, Puls 68—70. 

In der Nacht vom 3./4. October hat der Kranke ein leichtes, rasch vorübergehendes 
Schütteln der linken Oberextremität verspürt. 

Vom 4.—8. October Besserung der Lähmungen (Ord. Kali jod., gmm. 1,5 pro die). 
Der Kranke kann das linke Bein leicht flectiren, den linken Arm etwas anziehen, Facia¬ 
lis-Parese gleich, subjectives Befinden ungestört. 

In der Klinik besprochen den 9. October. 

In diagnostischer Beziehung ist zu bemerken, dass es sich um einen Process heerd- 
artiger Natur in der Gegend der grossen Ganglien, oder unmittelbar oberhalb derselben 
im Stabkranzgebiete handeln muss. Der Cortex kann mit Sicherheit ausgeschlossen wer¬ 
den, weil vom Beginne der Krankheit an nicht ein einziges Mal auch nur eine 
momentane Bewusstseins- oder Gleichgewichtsstörung (Schwindel etc.) beobachtet wurde. 
Ferner kann unterhalb der Facialiskreuzung der Heerd nicht sitzen, weil damit eine ge¬ 
kreuzte Lähmung hätte resultiren müssen, die Lähmung der Facialis und der Extremitäten 
ist aber gleichseitig. In der Pedunculargegend kann der Heerd auch nicht angenommen 
werden, weil ohne Läsion des Oculomotorius er dann schwerlich abgegangen wäre; der¬ 
selbe ist aber intakt. Somit bleibt blos die Annahme, dass der Heerd sitzo zwischen dem 


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Eintritt des Pedunculus in die Hirnganglien und der Rinde, ob im Btabkranz oberhalb der 
letztem, ob in den Ganglien selbst, dies anzugeben ist vorläufig nicht möglich. Tief 
unten aber, bis an die Linsenkernbasis kann er nicht reichen , weil die Augenäste des 
rechten Facialis gänzlich intakt sind. Der Heerd sitzt auf der rechten Seite. Seine Be¬ 
schaffenheit ist eine relativ unschuldige, es hat zu keiner Zeit seines Bestehens Druck¬ 
oder Reizsymptome gemacht, muss daher ohne allen Zweifel in die Kategorie der Er¬ 
weichungsheerde gestellt werden. Von einem Gumma, das sich im Hirne entwickelt, wird 
aus diesem Grunde schwerlich die Rede sein können, obwohl der Eintritt der Lähmung 
und ihre Beschaffenheit nicht dawider sprechen würde. — 

Als ätiologisches Moment wird aber die latente Syphilis festgehalten, obwohl sich 
kein anderes Zeichen derselben auffinden lässt; es fehlen alle andern ätiologischen Mo¬ 
mente, welche erfahrungsgemäss dergleichen Affectionen zu Grunde liegen. 

Die weitere klinische Erörterung beschlägt Dinge, welche unten zur Sprache kommen 
werden, fällt daher hier aus. — 

Im Weitern wird mit dem Jodkalium äusserlich eine leichte Schraiercur verbunden, 
0,5 üng. cinerei pro die. 

Unter dieser Behandlung bessert sich das Befinden des Kranken von Tag zu Tag, 
Ende Octobcr führt er schon kräftige Bewegungen gröberer Natur aus und heute ist er 
im Stande zu gehen und leichten Fingerdruck zu üben. Dem entsprechend ist die Parese 
des Facialis zurückgegangen. — 

(Fortsetzung folgt.) 


Ein Fall von Milzbrand beim Menschen. 

Von Fr. Pfiffner, pract. Arzt in Wallenstadt 

Heinrich Br., Fabrikarbeiter, öOjährig, von sehr kräftiger Constitution und hei¬ 
terster Gemüthsart, klagte den 24. Nov. 1874 über allgemeine Mattigkeit, Kopf¬ 
schmerz und Frösteln. Er machte sich deshalb statt an die Arbeit hinter den 
Ofen, aber ohne das Gefühl des Fröstelns zu besiegen. Zunge stark belegt, foetus 
ex ore. Puls langsam und kräftig. Thermometer wurde nicht eingelegt. Dia¬ 
gnose : Status gastricus; Therapie: Magnes. usta. 

28. Nov. Noch Kopfschmerz, Durst und Nausea Pulsus idem. Zum ersten 
Mal Klagen über Schmerz unter der rechten Achselhöhle. 

29. Nov. Patient delirirt fast immer, singt und plaudert. Schmerz in der rech¬ 
ten Seite nimmt zu. Erhebliches Fieber nicht vorhanden. 

30. Nov. Puls schnell und klein; dürre Zunge, rapider Verfall der Kräfte. 
Sehr bedeutende Empfindlichkeit der rechten Thoraxseite bei Druck. Etwas An¬ 
schwellung der betreffenden Partien ohne Röthung. Patient murmelt immer vor 
sich hin; verlangt nach Wein. 

1. Dec. Collapsus immer gefahrdrohender. Die rechte vordere Thoraxhälfte 
stark geschwollen und geröthet. — 

Soweit der Bericht eines Collegen. Es wurde am gleichen Tage eine Consul- 
tation mit Obbenanntem veranstaltet, die folgenden Status erhob: 

Patient cyanotisch, liegt auf der linken Seite. Sensorium tief benommen, so 
dass nur sehr laute Rufe noch psychische Reflexe auslösen. Athmung schnell und 
röchelnd. Puls sehr klein und spitz, 120. Temp. 36,0. Ueber der rechten Thorax- 
liälftc von der 2. bis 10. Rippe nach abwärts, seitlich eine Hand breit vom Sternum 


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bis zur Scapula reichend, dehnt sich eine blaurothe, dralle Geschwulst, die sich 
heiss und teigig weich anfühlt. Ein Erythem zieht sich bis auf das Darmbein 
herunter. Compression der Geschwulst ist ungemein schmerzhaft, ebenso die leich¬ 
teste Erhebung und Rotation des Armes, was auf ein Mitergriffensein der Mm. pec- 
toralcs hindeutet. Die beiden hintern, untern Lungenpartien bieten bronchiales 
Athmen mit catarrhal. Rasselgeräuschen. 

Diagnosis: Sept. Phlegmone mit consec. Blutvergiftung; gegenwärtig im 
Stadium des Collapsus. Hypostatische Pneumonie. — Dabei war ich mir bewusst, 
dass die Diagnose einer Septiciemie, deren Collapsstadium keine hochfebrile Tem¬ 
peratur vorausgegangen, ein bedenkliches Fragezeichen in sich trage. 

Therapie: 2 Carbolinjectionen in die Geschwulst; innerlich Alcohol. 

2. Dec. Morgens 8 Uhr Tod. Die Leiche wird sofort mit Carbollösung ge¬ 
waschen. 

3. Dec. S e c t i o n. Durch die Carbolwaschuug wurde die erkrankte Haut¬ 
partie von Epidermis entblösst, so dass das Bett von blutfiirbigem Serum, das die 
Nacht durch aussickerte, ganz durchtränkt war. Beim Einschneiden in die kranke 
Seite fliesst massenhaft fleischfarbiges Serum aus. 

Das sanguinolente Oedem durchsetzt Haut, Unterhautzellgewebc und die Mm. 
pectoral. bis auf die Rippen. Die Lungen bieten in ihren untern Partien das Bild 
der hypostat. Pneumonie dar. 

Die Section des Abdomens unterblieb aus individuellen Gründen. 

Recherchen ergaben, dass Br. 4 Wochen vorher Fleisch von einem Rinde, das 
an einer peracuten Krankheit verendet war, gekauft hatte. Und zwar wurde durch¬ 
aus wahrscheinlich gemacht, dass das Rind am sog. Kothwerk i. e. an in Form von 
Karbunkeln auftretendem Milzbrand gelitten hatte. Das schwarze, brandige Fleisch 
am hintern Gestelle des Thieres soll herausgeschnitten, das übrige gut geräuchert 
worden sein. Es hatten noch 6 andere Personen von dem nämlichen Fleische ge¬ 
nossen, ohne irgend welchen Schaden an ihrem Leibe zu nehmen. 

E p i c r i s i s. Zur Diagnose. 

Die Section wies unsere Annahme einer sept. Phlegmone des Entschiedensten 
zurück. Und so suchten wir in den gewöhnlichen Handbüchern der spec. Patholo¬ 
gie vergeblich nach einem Rahmen, in den sich unser Krankheitsbild einfügen Hesse. 
Erst in Bollinger *s „Zoonosen 44 fand ich einen Symptomencomplex gezeichnet, den 
ich des Vergleichs wegen hier citiren muss. Genannter Autor schreibt: 

„Die ersten Erscheinungen nach dem (Milzbrand-) Fleischgenuss sind folgende : 
Die Patienten klagen über Frösteln, Mattigkeit, Kopfschmerz. Oder die Erkrankung 
erfolgt unter allgemeinem Unwohlsein, Appetitlosigkeit, unruhigem Schlaf, grosser 
Mattigkeit, Niedergeschlagenheit, worauf — manchmal erst am 8., 10. Tage — 
Milzbrandkarbunkeln zum Vorschein kommen. Es entwickelt sich rasch Collapsus, 
Athemnoth, Bewusstlosigkeit. 44 — Die Aehnlichkeit dieses Bildes mit dem unseres 
Falles ist so frappant, dass wir an der Richtigkeit der Diagnose kaum mehr zwei¬ 
feln dürfen, besonders dann nicht, wenn wir als ihre Stütze noch den eigentüm¬ 
lichen Charakter der äussern Geschwulst und das ätiologische Moment des Milz¬ 
brand-Fleischgenusses in Erwägung ziehen. Sehr zu bedauern bleibt immerhin, 


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dass wir im Anthrax-Oedem nicht nach den wohlcharakterisirten Bacteridien ge- 
sucht und keine Inoculationsversuche an Kaninchen gemacht haben. — 

Zur Aetiologie: War die Infection von aussen oder interne erfolgt ? Ich glaube 
Letzteres annehmen zu müssen und zwar, weil 1) sich eine äussere Affection erst 
offenbarte, als das Allgemeinbefinden schon bedeutend alterirt war; weil 2) die 
durch äussere Infection bedingten Karbunkel gewöhnlich unbedeckte Körper- 
theile befallen; weil 3) die in unserm Fall vorliegende, nicht häufige Form von 
Anthrax gerade besonders gern nach Fleischgenuss auftritt (fiuipori). War dem¬ 
nach die Infection interne erfolgt, warum blieben die 6 andern Personen von Milz¬ 
brand verschont? Hier müssen wir zu einer allerdings unbewiesenen Annahme flüch¬ 
ten. Wir wissen von der experimentellen Forschung, dass der Magensaft gesunder 
Hunde das Gift selbst rohen Milzbrand-Fleisches zu zerstören vermag. Aehnlich 
verhält sich der Magensaft des Menschen und zwar ist es nach Davaine s Versuchen 
wahrscheinlich die Salzsäure, die in l / 3Q00 noch die Bacteridien vernichtet. Diese 
Beobachtungen erklären, warum die Volksmeinung, ja an einzelnen Orten die Mei¬ 
nung der höchsten sanitären Organe den Genuss milzbrandkränker Thiere für un¬ 
schädlich und erlaubt hält. Denke man sich aber den Magen in dyspeptischem 
Zustande. Dann wird von den antiseptischen Eigenschaften des Magensaftes wohl 
nicht mehr viel zu erwarten sein, so dass das mit dem Fleisch einverleibte Gift 
nun ungehemmte Wirksamkeit entfalten kann. Gewöhnlich liegt bei Dyspepsie der 
Appetit allerdings so vollkommen darnieder, dass gewiss nur selten nach Fleisch 
verlangt wird. Es dürfte aber einmal geschehen — und was dann?! Sollte auch 
bei unserm Patienten dieser gastrische Zustand vor dem Fleischgenuss vorhanden 
gewesen sein? 

Ich deducire aus diesem Fall keine weitern Warnungen für die Organe der 
öffentlichen Prophylaxe; denn er spricht selber deutlich und einschneidend genug. 


Ein aphasisches Hirn. 

Von Dr. v. Orelli y Krankenasyl Stammheim. 

Das Dogma, dass die Aphasie ihren Sitz in der untern Frontalwindung der 
linken Hemisphäre oder doch in der nächsten Umgebung der linken Fossa Sylvii 
habe, stand mir nach Allem, was ich darüber gelesen hatte, so fest, dass ich mir 
nur noch das Vergnügen der Ocularinspektion bereiten wollte, als sich ein ein¬ 
schlägiger Fall zur Section darbot. Derselbe kam in der externen Praxis zur Be¬ 
handlung bei einer 60jährigen Frau, welche einen „Hirnschlag“ bekommen hatte 
und mehrere Wochen hindurch das Bild der vollständigen Aphasie in exquisiter 
Weise darbot. Es bestand keine Paralyse weder der Zunge noch der Extremitä¬ 
ten, sondern nur das Symptom, dass die Frau andere Worte gebrauchte, als sie 
auszusprechen beabsichtigte , was ihr grossen Aerger verursachte. In den ersten 
Wochen war dies unverständliche Sprechen mit einigem*Stammeln verbunden: die 
Kranke suchte nach dem rechten Wort und probirte verschiedene, bis sie schliess¬ 
lich ein ganzes aussprach, welches dann doch wieder nicht das richtige war. Spä- 


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ter verlor sich das Stammeln und auch die Worte stellten sich zum grossem Theil 
richtig ein, zum kleinern Theil blieben sie entweder ganz falsch oder verstümmelt, 
was fast in jedem Satz bemerklich war. So blieb der Zustand bis Anfang März 
vorigen Jahres, wo die Kranke plötzlich zu taumeln anfing, zwar beim Bewusstsein 
blieb (sie erkannte mich, als ich sie Va Stunde nach der Attaque sah und konnte 
mich, wenn auch undeutlich, begrüssen), aber das Athmen war mühsam; die ge¬ 
lähmten Buccinatorii blähten sich bei jeder Exspiration auf, alle Extremitäten waren 
gelähmt und in 2 Stunden lag die Kranke todt. Ich war begierig die Section zu 
machen; denn auch dem Ungeübten musste es hier nicht allzu schwierig sein, die 
alten Hirnveränderungen, welche der ein halbes Jahr andauernden Aphasie zu 
Grunde lagen, von den neuen der terminalen Apoplexie auseinander zu halten und 
ich hoffte nun, die ersteren um die linke Sylvische-Grube herum zu finden, die letz¬ 
teren in den Corpora striata und Ventrikeln beider Hemisphären. 

Ich machte die Section 12 Stunden nach dem Tode. Beim Durchsägen des 
Hinterhauptbeins tröpfelte viel Blut aus und noch mehr, als das Schädeldach dem 
sprengenden Hebel wich. Mehrere Unzen ergossen sich beim Zurückschlagen der 
dura matcr, welche nirgends adhärent war. Als ich das Hirn ganz herausgenommen 
hatte, schien es auf den ersten Blick hübsch normal; aber beim Durchschneiden 
des Mittelhirns von der Basis aus strömten wieder mehrere Unzen Blut aus den 
Ventrikeln, welche mit Zerstörung des Fornix und Septum pellucidum eine grosse 
Höhle bildeten mit allseitig erweichten Wänden. Welche Arterie gerissen war, 
Hess sich nicht ausfindig machen, aber der bedeutende Bluterguss und die ausge¬ 
dehnten Zerstörungen im Mittelhirn erklärten zur Genüge den raschen Tod. 

Nun handelte es sich darum, die Aphasie zu finden: Ein Frontalschnitt durch 
die Frontalwindungen sollte mir dieselbe zeigen. Allein zu meinem Erstaunen 
konnte ich ein Dutzend solcher Schnitte machen, und auf allen erschien die untere 
Frontalwindung ebenso fehlerlos wie die mittlere und obere; die graue Rinde liess 
die drei makroskopischen Schichten deutlich erkennen, die weisse Substanz erschien 
in gleichmässig weisser Farbe, die Gefasse nur schwer sichtbar, keine Blutpuncte. 
Ebensolche vier Querschnitte ergaben die vordere Centralwindung , die hintere 
Centralwindung, die Äai/’sche Insel, die Parietalwindungen, die Frontalenden der 
Temporalwindungen. Erst 2 cm. von der Sylvischen-Grube nach hinten zeigte sich 
in der zweiten Temporalwindung eine Cyste von l 1 /, cm. Durchmesser und noch¬ 
mals 2 cm. weiter nach hinten und oben in derselben Windung, wo sie in die Oc- 
cipitalgyri übergeht, eine zweite Cyste von 1% cm. Durchmesser. Beide Cysten 
waren flachgedrückt, lagen in der weissen Substanz unmittelbar unter der grauen 
Schicht, welche höchstens mit ihrer innersten Lamelle noch etwas betheiligt war. 
Die Cysten waren ausgekleidet mit einer dünnen rostbraunen Membran und hatten 
noch etwas Serum enthalten. Zu jeder derselben Hess sich ein aus dem Innern 
des Hirns herkommendes thrombosirtes Gefässchen finden. Ausser diesen beiden 
Cysten zeigte sich in dem linken wie in dem rechten Hirnmantel nirgends etwas 
Abnormes. 

Niemand wird bezweifeln, dass diese Cysten von der ersten die Aphasie zu¬ 
rücklassenden Apoplexie herrührten, also auch dieselbe bedingten, da keine andere 


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Läsion zu finden war. Bei der ersten Attaque wurden die betreffenden Nerven- 
fäden zerstört und die umgebenden für einige Zeit ausser Function gesetzt, schliess¬ 
lich blieben aber nur die wirklich zerstörten und somit eine verminderte Aphasie 
als Anomalie zurück. — Wäre nun dies die erste einschlägige Section, so müsste 
offenbar der Satz aufgestellt werden: das Sprachcentrum, resp. die Aphasie sitzen 
im linken zweiten Temporalgyrus. Haben aber andere Sectionen zu dem ebenso 
unzweifelhaften Resultat geführt, dass die betreffende Function um die Sylvische- 
Grube herum residire, so ergibt sich aus der Summation beider der Schluss: die 
Sprachbildung und ihre Störungen sind keineswegs Functionen eines englocalisirten 
Hirnbezirks, sondern es sind weit ausgedehnte Hirnpartien bei ihrer Darstellung 
betheiligt und es bedarf erst wieder neuer und viel genauerer Beobachtungen, um 
die Function der einzelnen Abtheilungen kennen zu lernen. Ich bedaure auch, die 
Erscheinungen am Lebenden nicht viel genauer notirt zu haben; aber ich hatte 
eben keine Ahnung, dass die anatomische Läsion so circumscript und so leicht 
erkennbar sein würde. 


(Jeber Empyem. 

Erfahrungen gesammelt an 27 Fällen. 

(Vortrag gehalten in der Section Luzern der medic. Gesellschaft der Centralschweiz.) 

Von Dr. A. Steiger in Luzern. 

(Schluss.) 

Was nun den Zeitpunct zur Vornahme der Operation anbetrifft, so möchte ich 
vor Allem vor frühzeitigem Eingreifen warnen, um, wenn immer möglich, der Na¬ 
tur Zeit zu lassen, selbst die Entleerung durch die Lungen vorzunehmen, da dieses 
das günstigste Ereigniss ist. Sonst würde ich operiren: 

1) bei Vor Wölbung einer umschriebenen Stelle in einem Rippenzwischenraum 
um die sinuöse Fistel zu verhüten, 

2) bei sehr grosser Athemnoth (Indicatio vitalis), 

3) bei starkem Oedem der untern Extremitäten, der Hände etc. Wenn auch 
die Athemnoth hier nicht immer aufs höchste gestiegen ist, so habe ich in solchen 
Fällen keinen spontanen Durchbruch mehr erlebt. 

Bei der Operation selbst öffne ich möglichst tief, ungefähr in der Axillarlinie, 
mehr nach vorn, des Liegens wegen. Ist nun Vorwölbung da, mache ich daselbst 
einen Einschnitt per Strata, aussen 2 Zoll, innen mindestens 5—6 Linien lang, so 
dass ich bequem mit der Spitze des Zeigefingers eindringen kann. Ist keine Vor¬ 
wölbung da, punctire ich mit dem Troicart. Eingedenk, dass man hie und da 
Serum trifft, wo man Eiter vermuthet, schütze ich den Kranken gegen Lufteintritt 
für den erstem Fall dadurch, dass ich ein feuchtes Darmstück über die Handhabe 
des Stachels und dann beim Herausziehen desselben über die äussere Oeffnung der 
Canüle lege. Diese Klappenvorrichtung wirkt besser und ist unendlich einfacher 
als alle künstlichen Ventilapparate mit Gewinden und Schrauben. Findet sich Eiter 
vor, so erweitert man die Wunde mit dem Messer. Alsdann lege man eine Drai- 


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nirröhre ein, die ausserordentlich gut wirkt, leider aber nie länger als 14 Tage bis 
3 Wochen ertragen wird, da mit der allmäligen Entleerung sie beständig die näher 
kommende Lunge reizt und grosse Beschwerden verursacht. 

Gewöhnlich kommt es bei der Entleerung zu heftigen Hustenstössen; deswegen 
soll man dieselbe möglichst langsam vornehmen. Daher empfiehlt sich anfänglich 
eine kleine Oeffnung und erst später die Erweiterung der innern Wunde mit dem 
Knopfmesser oder Herniotom. Es ist mir vorgekommen, dass bei der Entleerung 
durch die wiederholten heftigen Hustenstösse die Lunge mit grosser Gewalt so in 
eine grössere Einschnittsöffhung hereingezwängt wurde, dass jeder Ausfluss plötz¬ 
lich stockte. Ich sah eine dunkle, schwammige Masse vor mir, aus der sich etwas 
dickes, schwarzes Blut ergoss. Mit grösster Sorgfalt suchte ich dieses Gewebe 
zuriickzuschieben, was mir aber nicht gelang, es war zu fest eingekeilt Da setzte 
ich mein Vertrauen auf die Zusammenziehungskraft der Lunge, wartete 2 Mal 
24 Stunden ab und siehe, ich wurde nicht getäuscht. Mit geringer Mühe schob 
ich dann noch zurück, was sich nicht selbst entfernt hatte, und der Ausfluss begann 
von Neuem. 

In der Regel entleert man das erste Mal 5—6 U Eiter. Es bleibt aber noch 
viel zurück. Die Drainirröhre wirkt dann ausgezeichnet. Die Lunge und die 
Athemmuskcln pumpen durch dieselbe ganz regelmässig hinauf und entleeren die 
folgenden Tage noch enorm viel Eiter. Damit die Röhre aber gut wirke, muss sie 
möglichst den Boden der Eiterhöhle erreichen (4—6 Zoll tief inwendig), was ja 
leicht gefühlt und abgemessen werden kann. Ebenso lang lässt man sie aussen 
herabhängen, damit sie nicht etwa nach innen gezogen wird; man kann sie zu noch 
grösserer Sicherheit auch aussen befestigen. 

Würde die Drainirröhre lange genug ertragen, so glaube ich mittelst der Ope¬ 
ration weit bessere Erfolge erringen zu können. So lange sie liegen konnte, 
gingen die Patienten sehr gut, dagegen sofort schlechter, wie die Röhre von den 
Patienten selbst der unausstehlichen Schmerzen wegen entfernt worden war. Dann 
hält es schwer, die Oeffnung stets weit genug für gehörigen Abfluss offen zu er¬ 
halten und doch ist dieses die conditio sine qua non aller Heilung; man muss sie 
nicht selten mit Bäuschen Pressschwamm wieder erweitern, selbst mit dem Messer 
auffrischen. In 24 Stunden war bei einem Patienten die äussere Wunde geheilt, 
nachdem er die Röhre entfernt hatte. Ich habe mir vorgenommen, beim nächsten 
Falle von der ersten Oeffnung aus mittelst einer Leitsonde den eigentlichen Grund 
der Eiterhöhle nach aussen zu bezeichnen, dort eine zweite Oeffnung anzulegen, 
durch beide Oeffnungen ein Bändchen zu ziehen, um dadurch ganz sicher ein vor¬ 
eiliges Schliessen der Wunden zu verhüten und dem Eiter an der untersten Stelle 
Abfluss zu verschaffen. Dann würde das Ausspülen der Höhle auch bessern Erfolg 
haben; denn bis jetzt habe ich davon kein besonderes Resultat gesehen. 

In den oben erwähnten 2 Fällen, wo trotz eines anfänglichen Lungendurch¬ 
bruches später doch Paracenthesis nothwendig wurde, bildeten sich, nachdem die 
äussere Fistel lange bestanden hatte, noch innere Fisteln aus, so dass beim Ein¬ 
giessen oder Einspritzen von Wasser oder leichter Carbolsäurelösung in die äussere 
Oeffnung die Patienten sofort Flüssigkeit (Eiter und Wasser) ausspucken mussten. 


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In einem dieser Fälle schloss sich endlich die äussere Oeffnung ganz, während die 
innere Fistel noch Monate lang dauerte und der Patient hie und da, nicht häufig, 
stinkenden Eiter auswarf. Er erholte sich indessen wesentlich und ich bin über¬ 
zeugt, dass er seine Gesundheit wieder gänzlich erhalten wird, trotzdem die Hälfte 
der Lunge verloren ist. 

Wenn die Entleerung des Empyems durch die Lungen beginnt, so glauben die 
Kranken an der anfänglich massenhaft heraufquellenden stinkenden Masse ersticken 
zu müssen; 1—2 U entleeren sich häufig in der ersten halben Stunde. Der Geruch 
ist meist infam, aus allen Fettsäuren niederer Ordnungen zusammengesetzt. Zu¬ 
weilen ist es sogar möglich, an diesem Gerüche den Durchbruch 24 Stunden vor¬ 
her anzusagen. Im Laufe der Entleerung der Höhle bleiben wenigen Patienten 
hectische Zufälle erspart; Diarrhoeen, Aphthen, erschöpfende Schweisse, quälender 
Husten bringen den Patienten an den Rand des Grabes. Wochenlang scheint 
manchmal die Sache im Gleichen zu liegen und doch — per tot discrimina rerum 
— sind mir Alle davon gekommen , bis auf den Säufer, wie schon erwähnt. Der 
Eiterauswurf hat verschieden lang gedauert, stets 3—4 Wochen, manchmal 5, 
einmal gegen 10 Wochen. Dieser letztere Patient warf anfänglich täglich 1 Schoppen 
aus; täglich wollte ihn seine Frau selbst todt haben und doch ist er genesen. Er 
geht jetzt wieder seinem Berufe als Strassenaufseher nach, wie ehe und zuvor, 
trotz seiner 55 Jahre. 


"V ereinsl>ei*iolite. 


Ordentliche Versammlung der medicinisch-chirurgischen Gesellschaft des 

Cantons Bern. 

Samstag den 28. Februar 1874, Morgens 10 Uhr im Casino zu Bern. 

Präsidium: Dr. J. R. Schneider; Actuar: Prof. Dr. Kocher . 

(Schluss.) 

Herr Prof. Dr. Dor hält einen Vortrag über „Behandlung der Midria- 
8 i 8 44 durch den inducirten Strom. Nach einer kurzen Einleitung über Natur, Pro¬ 
gnose und übliche Behandlung der Mydriasis hebt er die physiologische Thatsache 
hervor, dass Aufsetzen einer 4spitzigen Electrode auf den Limbus Corneae die Pu¬ 
pille erweitert, Aufsetzen einer spitzen Electrode auf das Centrum der Hornhaut 
die Pupille verengt. ( Ziemssen p. 129 und 130.) 

Prof. Dor hat bei 3 Fällen von paralytischer Mydriasis drei Methoden mit Er¬ 
folg in Anwendung gebracht. Bei 2 Fällen wurde nach 8tägiger Behandlung we¬ 
gen der Schmerzen trotz dem erzielten partiellen Erfolge aufgehört, bei einem drit¬ 
ten aber wurde ein dauernder Erfolg erzielt und zwar bei einem Falle, wo die 
Mydriasis schon seit 1 Jahr bestand. 

Die genauen Durchmesser der Pupille und die Heranrückung des Nahepunctes 
des deutlichen Sehens wurden täglich notirt. Die Eleetricität wurde ungefähr 


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einen Monat lang in 2 täglichen kurzen Sitzungen (Va —3 Minuten) angewendet. 
Die dauernde Verengerung der Pupille betrug nur 2 Millim., von 8—6 Millim. 
die Pupille verengte sich aber bei jeder Accommodationsanstrengung zum Durch¬ 
messer derjenigen des gesunden Auges, was vor der Behandlung absolut nicht ge¬ 
schah, und das punctum proximum rückte von 8Va auf 4 , / a / ', während dasjenige 
des gesunden Auges 37a" betrug. 

Einen Monat lang wurde die Gur durch fortgesetzte Physostigmin-Einträufelung 
unterstützt. 

Zwei Monate nach Aufhören jeder Behandlung war p. proximum des Kranken 
3 3 / 4 ", des gesunden Auges 3 ’/ a /# ; die Pupille blieb aber noch um 1—2 Millim. 
grösser, als die gesunde, so lange in die Weite gesehen wurde, verengte sich aber 
sofort, wenn accommodirt wurde, wobei binoculäre Fixation und Arbeit ohne Mühe 
auch längere Zeit ermöglicht war. 

Die Mittheilung von Prof. Dor wird bestens verdankt. 

Dr. Emil Emmert. Schon Ernst Heinrich Weber habe vom physiologischen 
Standpuncte aus bewiesen, dass durch Aufsetzen einer Electrode auf das Hornhaut¬ 
centrum die Pupille sich contrahirt und durch Aufsetzen einer solchen am Horn¬ 
hautrande dieselbe sich dilatirt; Bernstein und Engelhardt thaten experimentell das¬ 
selbe und stützten auf diese Erscheinungen ihren Beweis von der unzweifelhaften 
Existenz eines Radiärmuskels oder Dilatator pupillsB und eines Kreismuskels oder 
sphincter pupillae. Benedikt , Fieber, Driver suchten diese Thatsachen therapeutisch 
zu verwenden und zwar bei Mydriasis, indem sie die eine Electrode auf die ge¬ 
schlossenen Lider setzten, was vollständig genüge, um die Pupille zur Contraction 
zu bringen. Die Lei dieser Behandlung erzielten Resultate seien meist die, dass 
die Mydriasis für eine gewisse Zeit gebessert wurde, nach einiger Zeit aber wie¬ 
derkehrte, gleich wie bei den anderen Mitteln, welche gegen Mydriasis angewendet 
worden, wie Ergotin, Physostigmin etc. 

Was die Anwendung der Electricität direct auf das Auge anbelangc, so sehe 
er nicht recht ein, inwiefern dadurch bessere, nachtheiligere Resultate erzielt wer¬ 
den sollen, als bei der indirecten durch die Lider hindurch. Bei der Application 
der Electrode direct auf das Auge sei aber die Schmerzempfindung sehr intensiv 
und werde von manchen Individuen durchaus nicht ertragen und bei der ausser¬ 
ordentlichen Reizung, welche das Auge dabei erfahre und der darauf folgenden sehr 
bedeutenden plötzlichen Ueberfüllung der Gefässe könnten, abgesehen von einer 
traumatischen Keratitis, Blutungen aus der Iris und aus andern Membranen erfol¬ 
gen und bei der beträchtlichen Erregung, welche die Netzhaut erleide, wie aus 
den intensiven Lichterscheinungen, die bei der Application der Electricität auf das 
Auge wahrgenommen werden, hervorgehe, selbst Entzündungen der Netzhaut 
entstehen. 

Dr. Emmerl theilt ferner mit, er habe selbst Versuche mit der Electricität ge¬ 
macht und gebrauchte dieselbe nicht wie Herr Prof. Dor als Myoticum oder 
pupillenverengendes Mittel, sondern als Mydriaticum oder pupillenerweitern¬ 
des Mittel, und zwar wollte er sie dazu benutzen, in Fällen, wo z. B. nur eine 
hintere Synechie, d. h. Anheftung der Iris an die vordere Linsenfläche, vorhanden 


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ist und man nicht gerne wegen dieser allein eine entstellende Iridectomie mache 
oder bevor man sich zu der Operation nach Passavant (Zerreissen der Synechie 
durch Anziehen der Iris mit der Pincette) entschliesse, durch Aufsetzen einer Elec- 
trode des inducirten Stromes am Hornhautrand eine active Contraction der Radiär¬ 
fasern der Iris hervorzurufen und auf diese Weise die Synechie zu zerreissen (bei 
der Mydriasis durch Atropin entsteht die Mydriasis durch Lähmung des Sphincters 
und passive Contraction des Radiärmuskels). Es gelang ihm nicht, da der Schmerz 
bei der Application der Electrode zu intensiv war und er deshalb von dem Verfahren 
habe abstehen müssen. 

ln einem der seltenen Fälle von Abducenslähmung mit gleichzeitiger Mydriasis, 
wie solche von Petit , Longel , Ilyrtl, Adamück (unter 42 Fällen 3 Mal) beschrieben 
worden seien, wo die pupillenverengenden Fasern des Oculomotorius nicht mit und 
in diesem, sondern mit dem Nerv, abducens verlaufen und erst innerhalb der Or¬ 
bita diesen verlassen, um in einem oder zwei Aestchen zum Ganglion ciliare hin¬ 
überzuziehen und in Folge dieses eigentümlichen anatomischen Verhältnisses bei 
Abducenslähmung auch die mit ihm verlaufenden die Pupille verengenden Oculo- 
motoriusfasern gelähmt seien und Mydriasis entstehe, habe er die Electricität eben¬ 
falls angewendet und zwar direct auf den Musculus rectus externus. Dabei nahm 
er auf das Unzweifelhafteste Contractionen der Pupille wahr und schien die My¬ 
driasis abnehmen zu wollen. Schon nach circa 6 Sitzungen jedoch habe ihm Pa¬ 
tient, obschon er die Electrode mit einem Schwämmchen umwunden hatte, erklärt, 
diese Behandlung nicht fortsetzen zu wollen und entzog sich derselben. 

Emmerl sagt, er führe diese Beispiele an, um zu beweisen, dass es, abgesehen 
von allen anderen Gründen, wegen der lebhaften Schmerzen durchaus nicht in allen 
Fällen möglich sein werde, die Electricität direct auf das Auge und besonders 
nicht auf die Hornhaut zu appliciren, indem die einen Individuen empfindlicher 
seien als die anderen und wir uns hier ohne Zweifel nach der grösseren oder ge¬ 
ringeren Sensibilität des Patienten richten müssen. Gleichwohl sei er der Ansicht, 
dass wir in desperaten Fällen von Mydriasis, wo die anderen Mittel alle fehlge¬ 
schlagen haben, auch die Electricität noch versuchen sollen und wenn man wolle 
und Patient es ertrage, selbst direct auf das Auge, wie schon Ziemssen am (chlo- 
roformirten) Menschen es gethan zu haben anführe. 

Prof. Quincke berichtet über das Ergebniss von Versuchen, welche Herr cand. 
med . Dätwyler auf seine Veranlassung über Magengeschwüre anstellte. Es 
wurden dazu Hunde benutzt, welchen eine Magenfistel mit Einheilung einer weiten, 
durch einen Pfropf verschliessbaren Canule angelegt war. Auf diese Weise war 
die Magenschleimhaut experimentellen Eingriffen zugänglich; durch Quetschung 
und temporäre Ligaturen, sowie durch Application heissen Eisens wurden Hyper¬ 
ämien und Verschorfungen erzeugt, aus denen sich mehrmals Geschwüre entwickel¬ 
ten: ferner entstanden Geschwüre durch Selbstverdauung der Magenschleimhaut nach 
Aetzung mit dem Glüheisen, mit argent. nitric., mit acid. nitric., nach Unterbindung 
einer Schleimhautfalte und nach Einspritzung von ätzenden Flüssigkeiten in das 
submuköse Gewebe. Die Geschwüre waren verschieden tief, reichten zum Theil 
biö auf die Muskelschicht, zeigten einen reinen , glatten Grund. Sie entstanden 


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meist innerhalb eines Tages nach geschehenem Insult der Schleimhaut und verheil¬ 
ten in 5 bis 21 Tagen. Künstliche Anämie der Thiere schien die Entstehung der 
Geschwüre zu begünstigen, ihre Heilung zu verzögern. Betupfung mit argent nitr. 
beschleunigte die Heilung. 

Es werden zwei Hunde, einer mit einem älteren, einer mit einem jüngeren 
Geschwür, vorgestellt. 

Vortrag von Prof. Dr. Kocher über 5 Fälle von Ovariotomie. Der Vortra¬ 
gende knüpft an die Bemerkung von Dr. Vogt an, dass ihm die Zulässigkeit der 
Ovariotomie immer noch fraglich erscheine, und sucht durch Vorstellung zweier 
Patientinnen, welche nach überstandenen sehr schwierigen Operationen jetzt der 
vollständigsten Gesundheit sich erfreuen, das Zutrauen der Aerzte zu der Operation 
zu erhöhen. 

K. schreibt den Umstand, dass selbst im Inselspital mit glücklichem Erfolge 
operirt wurde, einmal dem Umstande zu, dass er langsam operirt, die Adhärenzen 
nicht zerreisst, sondern mit Catgut doppelt unterbindet und durchschneidet, ferner 
dass er während der ganzen Dauer der Operation einen Sprühregen von 1:100 Car- 
bolwasser über Wunde und Eingeweide stäuben lässt. 

Dr. Vogl erklärt, dass er nur eine subjective Bemerkung gemacht habe. 

Dr. Conrad erhebt sich gegen sämmtliche Schlussfolgerungen von Prof. Dr. Kocher , 
indem er sagt: 

1. Spencer-Wells operire auch im Spital. 

2. Er mache auch nicht Lister' sehe Bestäubung, trenne die Adhäsionen auch 
mit der Hand. 

3. Herr Conrad glaubt, man müsse rasch operiren. 

Prof. Kocher kann keinen der Einwände von Dr. Conrad als stichhaltig gelten 
lassen, 1. weil er kein Spencer-Wells , 2. weil das Inselspital nicht das Samaritan 
Hospital sei, 3. weil eine Methode nicht für alle Fälle passe. 

Prof. Breisky unterstützt die Anschauung von Prof. Kocher , dass selber Welfs 
Praxis nachweise, dass im Spital die Prognose weniger gut sei. Er hält die Pra¬ 
xis des Loslösens der Adhärenzen mit der Hand für gefährlich. Die Blutstillung 
müsse gemacht werden, sei es durch Catgut, sei es durch Torsion. Schliesst 
sich auch bezüglich der vom Vortragenden geäusserten Ansicht, dass weniger die 
Exposition des Bauchfells als die Ansammlung von Cystenflüssigkeit oder Blut in 
demselben zu Entzündung Anstoss gebe, Prof. Kocher an. Er meint, Sims' (Nuss- 
baurri s) Rath der Drainirung der Bauchhöhle (welchen Kocher in seiner allgemei¬ 
nen Fassung verworfen hat) sei doch für gewisse Fälle zu beachten, namentlich 
wo es sich um bereits bestehende eitrige Peritonitis handle. Er will die Drainage 
durch den Douglas' sehen Raum und nachher desinficirende Injectionen machen. 
Prof. Breisky denkt, die Berechtigung der Ovariotomie könne gar nicht mehr in 
Frage kommen. 

Herr Dr. Lanz theilt mit, dass Dr. Neuhaus seine 2 ersten Fälle glücklich in 
der Nothfallstube operirt habe. 

Dr. Schneider theilt einen Fall von Ovarialcyste mit, wo nach 5 Punc- 
tionen (je 35—40 Schoppen) definitive Heilung eintrat. Erst letztes Jahr habe er 


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auch einen Fall gesehen, wo anhaltende Bäder und Ueberschläge mit Kreuznacher 
Soole nach 3 Monaten vollständige Beseitigung der Cyste zur Folge hatten. Jetzt 
sei Recidiv auf der andern Seite da. Ferner sei bei Erwägung der Indication zur 
Ovariotomie noch ein wesentlicher Punct, dass es nicht viele Spencer •Wells und 
nicht viele Schwester Babetic gebe. 

Dr. Hopf bekämpft die Anschauung, dass die Insel ein für Wundheilung un¬ 
günstigeres Resultat ergebe durch eine Statistik nach Zusammenstellungen von 
Dr. Lehmann Danach stehe die chirurg. Klinik günstiger als Zürich und Lausanne, 
um wenig ungünstiger als Basel. 

Beim Mittagessen wurden folgende neue Mitglieder unter den üblichen Cere- 
monien aufgenommen: 

Dr. Albrecht , Bern, Dr. Ringier , Kirchdorf, Dr. Schnyder , Oberfeldarzt, Dr. Schiff - 
muftn, Interlaken, Dr. Sferki . 

Als nächster Versammlungsort wird Tavannes bestimmt. 

Von den verschiedenen Eingangs berührten Verwaltungsgeschäften, welche in 
dieser Sitzung zur Behandlung kamen, sind hier nachträglich noch zu erwähnen: 

a) Die Genehmigung der abgelegten Rechnungen der allgemeinen Casse, der 

Unterstützungscasse, des Reservefonds und der Casse des Lehmann' sehen 

Legats pro 1871 und 1872. 

b) Die Entgegennahme folgender Geschenke an die Vereinsbibliothek: 

1. Von der ärztlichen Gesellschaft des Cantons Zürich: Dr. Alfred Brunner: 
Die Pocken im Canton Zürich (1870—1872). 

2. Von Prof. Dr. Lücke: Bericht über die chirurgische Universitätsklinik in 
Bern (1865-1872). 

3. Vom ärztlichen Verein der Stadt Frankfurt: Jahresbericht über die Ver¬ 
waltung des Medicinalwesens, nebst statistischen Mittheilungen über den 
Civilstand der Stadt Frankfurt im Jahre 1872. 

4. Von Prof. Dr. Bor : Beiträge zur Electrotherapie der Augenkrankheiten, 

5. Von Prof. Dr. K . Emmert: Ueber moderne Wundbehandlung. Separatab¬ 
druck aus Langenbeck' s Archiv. 

Den Gebern wurde der Dank der Gesellschaft ausgesprochen. 


Referate und Kritiken. 


1. On abscess of the larynx simulating croup. 

2. Clinical observations on pneumonia in Children. 

William Stephenson, M. D., F. R. C. S. E., Physicain to the Royal Hospital for Sick Children. 
Edinburgh. Oliver and Boyd, Edinburgh. 

Diese zwei Brochuren berichten über einige wichtige Erfahrungen in dem herrlich 
gelegenen, aufs Beste eingerichteten und trefflich geleiteten Edinburger Kinderspitale. 

1. Die drei Fälle von Laryngealabscess kamen alle in den ersten Lebensjahren vor, 
1 Mal nach Scharlach und 1 Mal nach Pocken. Die Krankheit entwickelte sich sehr all-* 


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malig, führte aber 2ü gan 2 croup-ähnlichen Erscheinungen: Anschwellung der Halsdrüsen, 
Beengung der Athmung, namentlich der Inspiration, rauher, ganz klangloser Husten, livi- 
des Gesicht, cyanotische Lippen, kühle Extremitäten, schneller und sehr schwacher Puls. 
Das Schlucken war sehr erschwert und jeder Schlingversuch erregte Husten und ver¬ 
mehrte die Athemnoth. Ira ersten Fall brach der Abscess spontan nach innen durch, 
worauf die Erstickungsanfälle sofort aufhörten. Trotzdem starb aber das sonst schon sehr 
elende Kind am nächsten Tage. Im zweiten Fall konnte St. unmittelbar unter der cartil. 
thyreoid. Fluctuation nachweisen und er entleerte durch Incision nach vorhergegangener 
Probepunction 4 Drachmen Eiter. Das durch Pocken sehr heruntergekommene Kind starb 
aber gleichfalls. Der dritte Fall entwickelte sich sehr langsam: erst zwei Wochen, nach¬ 
dem die ersten Erscheinungen aufgetreten, konnte der sich bei jeder Exspiration leicht 
vorwölbende Abscess incidirt werden: es flössen 4 Unzen Eiter aus. Die DyspnOB liess 
sofort nach, die Wunde secernirte noch etwa 14 Tage lang und das Kind erholte sich 
vollständig, nur ist die Stimme etwas schwach geblieben. — ln allen Fällen war der 
Abscess an der Aussenseite der cartil. thyreoid. — 

Hi Ui et und Barthez beschreiben einen ähnlichen nach Masern aufgetretenen Fall als sub- 
mucöse Laryngitis; aber wahrend in St' s Fällen das Kehlkopfinnere vom Normalen nur 
wenig abwich , war in dem ihrigen die ary-epiglottische Falte und die Epiglottis durch 
Schwellung stark verdickt und der ganze Kehlkopfeingang sehr verengert. 

Hinsichtlich der Diagnose hebt St. noch hervor, dass der Laryngealabscess mit 
dem Retropharyngealabscess manche Aehnlichkeit hat. Das (dem Croup gegenüber) mehr 
allmälige Einsetzen der Laryngealerscheinungen, der schmerzhafte und schwierige Schling¬ 
act, die suffocatorischen Anfälle, die darauf folgen, und schliesslich, dass die Pat. die auf¬ 
rechte Stellung vorziehen und sich dadurch wesentlich erleichtert fühlen, während die 
horizontale Lage die DyspnOB bedeutend vermehrt. — Eine genaue örtliche Untersuchung 
wird wohl meist diese beiden Krankheiten von einander sowohl, als auch von Croup un¬ 
terscheiden lassen. — 

In der diesem Vortrag folgenden Discussion erzählt John Bell , das9 er zu einem Fall 
gerufen wurde, um die Tracheotomie auszuführen; dass es sich aber nur um einen extra- 
laryngealen Abscess handelte, nach dessen Entleerung das Kind sich rasch erholte. Und 
Handyside hatte schon auf die Trachea eingeschnitten, in der Absicht, dieselbe zu eröff¬ 
nen, als er einen grossen Abscess entdeckte, den er nun spaltete. Auch dieses Kind ist 
geheilt. — 

Schliesslich veröffentlicht John Parry in der Philadelphia Medical Times 2 ähnliche 
Fälle, wovon einer günstig ablief, der andere aber (nach Erysipelas aufgetreten) rasch 
starb. — 

2. Bei Kinderpneumonien kommt es öfter als bei denen der Erwachsenen vor, dass 
die physicalischen Zeichen einige Zeit latent bleiben, oder dass sie während des ganzen 
Verlaufes nur undeutlich sind, und es geschieht bei Kindern Öfter als bei Erwachsenen, 
dass die Krankheit die Spitze ergreift und auf dieselbe beschränkt bleibt. Als Charak¬ 
tere der primären acuten lobären Pneumonie der Kinder, von der* allein S . hier sprechen 
will, bezeichnet er die schnelle Entwicklung eines hochfieberhaften Zustandes, der sich in 
ziemlich gleichmässiger Höhe hält, 5 Tage lang wenig Tendenz zu Remissionen zeigend, 
dann 1 oder 2 Tage leicht abfallend mit einer deutlichen Krisis endigt. In Fällen, wo 
Husten, Schmerz auf der Bru9t, veränderte Respiration fehlen; spricht das Vorhandensein 
von Delirium im Schlaf mit Wahrscheinlichkeit für Pneumonie. Seitdem St. mehr darauf 
achtet, hat ihm diese Erscheinung bei Kindern über 2 Jahren nie gefehlt Er möchte 
nicht missverstanden sein: er weiss wohl, das9 auch bei andern fieberhaften Krankheiten, 
schon bei leichter Verdauungsstörung, die Kinder im Schlaf sprechen (bei Typhus tritt 
diese Erscheinung erst später auf); er erwähnt das Delirium hier nur als ein Symptom, 
das, wenn andere Zeichen fehlen, unsere Aufmerksamkeit auf die Lungen lenken soll. — 
Die physicalischen Symptome sind oft so unbedeutend und vorübergehend, dass die Zeit, 
wo sie in Erscheinung getreten wären, vielleicht gerade zwischen zwei Untersuchungen 
fällt; anderseits aber sind die Fiebererscheinungen so typische , dass St. nicht anstehen 
würde, einen Fall, wo vom ersten Tage an das Thermometer 103—104 (= C. 39,6 bis 
40) zeigt, und wo am 5. oder 7. Tage eine deutliche Krisis eintritt, als Pneumonie zu 
erklären. 


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Es folgen nun eine Anzahl Krankengeschichten (mit Curven über Temperatur, Puls 
und Respiration, zum Theil 2stündlich gemessen), die manches interessante Detail ent¬ 
halten. Sie betreffen Kinder zwischen 6 und 13 Jahren (nur eines von 2 l / t und eines von 
4 Jahren). — 

Für die Prognose hält SL viel weniger die absolute Höhe der Temperatur, als viel¬ 
mehr das gegenseitige Verhältniss von Puls und Temperatur für entscheidend: Fälle mit 
104° (= 40) und 140—160 Puls verliefen tödtlich, solche mit derselben Temperatur, aber 
nur 130—130 Puls günstig. — 

Die Behandlung war eine solche, dass er selbst sagt, die Krankheit sei dadurch in 
ihrem natürlichen Verlauf nicht beeinflusst worden. Von Coupiren kann keine Rede sein. 
Weil die Krankheit auch ohne therapeutischen Eingriff oft sehr rasch verläuft, hat man 
sich gewiss früher vielfach über den Werth der angewandten Mittel getäuscht. Der 
Massstab für die Therapie sollte folgender sein: je näher sich das Fieber dem 
normalen Typus hält, desto richtiger ist sie. 

Fieber ist ein sehr complicirter Zustand und Viele haben sich allzu sehr daran ge¬ 
wöhnt, dasselbe blos nach Temperatur und Puls zu beurtheilen. Der Puls zeigt so vor-« 
schiedenen Charakter, die Temperatur zeigt bei verschiedenen Krankheiten bei gleicher 
Höhe so verschiedene Oscillationen, bald treten Nervensymptome auf, bald bleiben sie 
aus u. s. f., so dass St. sich veranlasst sieht, beim Fieber noch ein Element anzunehmen, 
das er einstweilen, bis wir es näher kennen, analog der Spannung der Electricität, 
„8pannung“ nennt. Auf das Detail, wie er sich diese Spannung denkt, wie sie für die 
Prognose Verwerthung findet, und wie sie sich von der Therapie beeinflussen lässt, kann 
hier nicht eingetreten werden. 

Betreffend die Therapie hat St. gefunden, dass sich die Pat. in warmen Einwicklun¬ 
gen sehr erleichtert und behaglich fühlen. Ueber den Werth der angewandten Medica- 
mente, Aconit, Antimon/ Ammon, acet., und Ipecacuanha ist V. noch nicht im Fallo, eine 
bestimmte Ueberzeugung mitthcilen zu können. In seltenen Füllen , nämlich wenn bei 
kräftigen Kindern die Pneumonie mit hochgradiger Dyspnce einsetzte, oder heftige Schmer¬ 
zen vorhanden waren, hat er von 1 — 2 Blutegeln zwischen die Schulterblätter oder an 
die schmerzhafte Stelle grosse Erleichterung eintreten sehen. Ist aber der Puls im Ver¬ 
hältniss zur Temperatur sehr hoch, so räth er, Chinin, Eisen und Digitalis einzeln oder 
in entsprechender Combination zu geben. Zögert die Resorption oder macht sie einen 
Stillstand , so werden nach &’s Erfahrungen kleine Dosen Mercur entschieden günstigen 
Einfluss ausüben. — Muralt. 


Zur mechanischen Behandlung der Versionen und Flexionen des Uterus. 


Von Dr. J. Amann , Privatdocent und Vorstand der gynäkologischen Poliklinik in München. 

Erlangen, Verlag von F. Enke. 1874. 

Die Frage der exclusiv medicinischen oder der mechanisch intrauterinen Behandlung 
der Uterusdeviationen ist heute noch keine endgültig abgeschlossene. Wenn im Jahre 
1854 die Akademie der Medicin in Paris, veranlasst dureh Valleix’s übertriebenes Lob der 
Behandlung der Uterusdeviationen durch seinen „Rcdresseur intrauterin", die Sache durch eine 
Commission prüfen liess und rundweg erklärte : die Anwendung der verschiedenen In- 
trauterinpessarien ist erfolglos, zugleich gefährlich und daher ganz aus der Praxis zu 
verbannen, — wenn 1850 die deutsche Naturforscherversammlung in Wien (Sektion für 
Gynäkologie und Geburtshülfe), an ihrer Spitze der noch heute eifrig dagegen kämpfende 
Scanzoni , sie noch schärfer verurtheilte, und die gleiche Versammlung in Dresden 1808 
sich letzterer anschloss, — dagegen aber dieselbe Versammlung 1872 zu Leipzig sich 
zum grösseren Theil zu Gunsten der mechanischen Behandlung aussprach — so beweist 
dies, dass die Methode intrauteriner Behandlung der Uterus de viationen noch eine offene 
wissenschaftliche Frage ist, die durch die Autorität gelehrter Körperschaften nicht in 
Form eines Dogma’s in Bausch und Bogen mundtodt gemacht werden kann. 

Desshalb verdient vorgenannte Schrift in dieser Discussion berücksichtigt zu wer¬ 
den, da der Verfasser als mehrjähriger Vorstand der gynäkolog. Klinik und Poliklinik in 


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München und als vieljähriger Frauenarzt mitzusprechen berufen ist: „Verfasser hatte 
mehrere Jahre nahezu ausschliesslich die rein medicinische Behandlung in Anwendung 
gezogen und sich dabei überzeugt, dass durch dieselbe gerade die wichtigsten Symptome 
der in Rede stehenden Lagedeviationen (heftige Uterinalkoliken, Funktionsstörungen der 
Harnblase und des Mastdarms u, a. m.), sowie die als sicherer Folgezustaud auftretende 
dauernde Sterilität nicht beseitigt werden können.“ Darauf hin wandte sich Amann in 
den letzten Jahren zur mechanischen intrauterinen Behandlung und überzeugte sich, dass 
durch dieselbe „unter gewissen Voraussetzungen, insbesondere beim Gebrauch eines ent¬ 
sprechenden Instruments die besten Erfolge zu erzielen seien.“ 

Um den Werth der mechanischen Behandlung festzustellen, illustrirt Amann die Be¬ 
deutung der Uterusdeviationen durch eine kurze treffliche und vollständige Beschreibung 
der vielgestaltigen subjectiven Symptomatik derselben, ohne in die anatomisch-pathoge¬ 
netische Seite des Leidens näher einzugehen : die consecutiven Funktionsstörungen des 
Mastdarms und der Harnblase, die periodisch auftretenden Menorrhagien und Koliken, 
die Sterilität, die paretischen Zustände in den untern Extremitäten, die übrigen Inner¬ 
vationsstörungen und die Psychosen, wobei Amann Scanzoni zugibt, dass die lange Reihe 
der consecutiven Störungon ihre causale Grundlage in den dabei fast nie fehlenden Tex¬ 
turerkrankungen des Uterus hat 

Verfasser findet den Grund für die schroffe Divergenz der Ansichten über die Be¬ 
handlungsmethode eines Uterusleidens, das nach der anatomischen und klinischen Seite sehr 
genau aufgeklärt ist, darin, dass „von beiden Seiten die Sache mit einer gewissen Ani¬ 
mosität oder wenigstens mit mangelnder Geduld behandelt werde“ und weil „ein grosses 
Material und eine Prüfung dazu gehört, die einen Zeitraum- von mehreren Jahren um¬ 
fasst, um über die bei diesen therapeutischen Untersuchungen in Betracht kommenden 
Momente zu entscheiden.“ 

Im Folgenden beweist Amann die Nothwendigkeit, Ungefährlichkeit und die Erfolge 
der intrauterinen Orthopädik. Die Nothwendigkeit deducirt er aus der Insufficienz der 
reinen diätetischen und pharmaceutischen Behandlung. Scanzoni , der Hauptanhänger der letz¬ 
teren Methode, giebt zu (vide Lehrbuch der Gynäkologie), dass er nie eine Gebärmut¬ 
terknickung geheilt habe. 

Für die geringeren Grade der Versionen und Flexionen begnügt sich Amann ebenfalls 
mit der medicinisch-symptomatischen Behandlung und anerkennt, dass die Behandlung 
der dieselben begleitenden Uterus- und V&ginalblenorrhoe durch in Adstringentia ge¬ 
tauchte Tampons und durch Aetzungen der Uterushöhle mit Lapis infern, und endlich die 
Anwendung der Geinture hypogastrique die leichteren Grade der Deviationen vermindert 
oder ganz aufhebt — Die übrigen zahlreicheren ausgebildeten Fälle, die vorzugsweise 
in ärztliche Behandlung kommen, verlangen eine intrauterine Orthopädik, jedoch unter 
Ausschluss der Fälle, auf welche die unten näher zu präcisirenden Contraindicationen zur 
Anwendung kommen, und in welchen die von Amann vorgeschlagene Methode nicht zu¬ 
lässig ist 

Die bisher in der Litteratur verzeichneten Fälle, in welchen durch die Anwendung 
der Knickungsinstrumente bedenkliche örtliche Affectionen sogar mit tödtlichem Ausgange 
hervorgerufen wurden, analysirt Amann und zieht daraus den ganz logischen Schluss, dass 
die Instrumente von Kiwisch , Simpson , Valleix, Delschy u. a. m. als den Uterus zu stark ir- 
ritirend nicht empfehlenswerth seien, hiedurch aber durchaus nicht die unschädliche Er¬ 
reichung des Zweckes durch geeignete Instrumente ausgeschlossen sei. — Wenn jedoch 
der Verfasser, in Widerlegung von Spiegelberg , der das Cavum uteri als ein Noli me tangere 
betrachtet, so weit geht zu sagen : „nach meinen sehr ausgedehnten Erfahrungen ist die 
Schleimhaut der Uterushöhle kaum empfindlicher als jene des Cervix“, so möchten wir 
dies als ein Extrem nicht in genere, sondern blos für einzelne Fälle gelten lassen. — 
Verfasser betont, — und dies ist sehr wesentlich — dass der mechanischen Behandlung 
in den meisten Fällen eine medicamentöse voranzugehen hat : ein etwa vorhandener Con- 
gestivzustand, chron. Catarrh, Geschwüre etc. müssen vorher beseitigt werden und zu 
diesem Behufe ist immer eine successive künstl. Erweiterung der Uterushöhle durch La- 
minaria digit. voranzuschicken. Bei Entsprechung dieser Postulate bleibt blos eine minime 
Zahl von Fällen mit intraperitonealen Adhaesionen und allgemeiner Hyperaesthesie des 
Uterus der mechanischen Behandlung unzugänglich. — Amann deutet die Wirkungsweise 


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dieser Behandlung in der Weise, dass „durch Wochen« und monatelanges Liegenlassen 
von Intrauterinpessarien allmählig eine mehr oder minder gUnstige Accommodation benach¬ 
barter Organe des Uterus erzielt werden, die zur Fixirung des Organs nicht unbedeutend 
beitragen.“ Als zur mechanischen Behandlung nothwendig vorhandene Bedingungen führt 
Amann an : Beweglichkeit oder eventuelle Dehnbarkeit der Adhäsionen des Uterus; Dila- 
tirbarkeit des Cervix durch Laminaria ; vorhandene parenchymatöse Erkrankungen des 
Uterus und der Scheide müssen vorher geheilt sein; Hysterie ist keine Contraindication; 
die Intrauterinbehandlung ist während der Menstruation auszusetzen. 

Verfasser kritisirt die zahlreichen, in seinem Buche meist abgebildeten Intrauterinpes¬ 
sarien und verwirft sie, weil sie entweder zu sehr irritiren oder intrauterin nicht fixirt 
werden können. Der Ceinture hypogastrique, den intravaginalen und intrarectalen Char- 
piekugeln, sowie den hufeisenförmigen Hodge 'sehen Hebelpessarien spricht er mit Recht 
den Charakter von Radicalmitteln ab und benutzt sie als brauchbare Palliativmittel, wo 
eine intrauterine Behandlung contraindicirt ist. 

Das näher zu beschreibende .dmann’sche Pessarium besteht aus einem Stift von Hart¬ 
gummi, der von verschiedener Länge (5—8 Ctm.) und verschiedener Dicke (0,3—0,5 
Ctm. im Durchmesser) ist und stets 0,5—1,0 Ctm. kürzer sein muss als die durch die 
Uterussonde genau bestimmte Länge des Uteruscavum. Der Stift hat anstatt des unten 
gewöhnlich angebrachten Knopfes des einfachen Regulators eine länglich runde Platte, 
welche durch Einlegen von Watte vor oder hinter dieselbe beliebig gestellt und dadurch 
den Uterus je nach Bedürfniss mehr nach vorn oder mehr nach hinten bewegen kann. 
Die Platte hat eine Länge von 3 Ctm. und eine Breite von 2 Ctm., ist Überall abgerun¬ 
det Das ganze Instrument ist polirt. Amann schickt der Einführung seines Instrumentes 
immer die Sondirung des Uterus unmittelbar voraus. Sehr genau beschreibt Amann die 
Technik einer mit Geschick ausgeführten Uterussondirung und die Methode der Einfüh¬ 
rung seines Pessariums für die verschiedenen Deviationen, wobei wesentlich ist, dass der 
obere dickere Rand der Platte an dem äusseren Muttermund anliegt An die Seite, 
gegen welche die Platte in Folge der Lageabweichung des Uterus hingedrängt wird — 
also bei Retroversio und Retroflexio an die zwischen Platte und vordere Scheidewand 
gelegene — wird mittelst eines Mager "sehen Speculums ein längerer Wattetampons, der 
mit einer Glycerin-Tanninlösung (Glycerin., Aq. Dest. äa 20,0 Tannin. 1,0) getränkt ist, 
schräg bis an den Fornix vaginae hinaufgeschoben, so dass durch denselben die Platte 
die für die normale Lage des Uterus nöthige Stellung dauernd einnimmt Der freie Raum 
auf der andern Seite der Platte wird durch einen kleinem Tampons ausgefUllt, sowie das 
unter der Platte liegende Drittheil der Vagina durch einen entsprechend grösseren. Die 
Entfernung der Tampons erfolgt jeden 3. oder 4. Tag. Verfasser druckt als Belegfälle 
16 ausführliche Krankengeschichten seiner klinischen und Privatpraxis ab. 

Da wir seit der LectÜre dieses Buches Gelegenheit hatten, eine zur Badekur in Ba¬ 
den verweilende Patientin mit einer seit circa 1 Jahr bestehenden Retroflexio uteri in 
Behandlung zu bekommen, so haben wir ein nach Amann 's Vorschrift verfertigtes Pessarium 
benutzt und waren sehr befriedigt zu sehen, dass daeselbe gut fixirt bleibt und, wie es 
mir schien, dadurch gut vertragen wird, dass es dem Uterus bei gleichzeitiger Fixation 
eine leichte Excursion in rectificirter Lage gestattet und hiedurch das Endometrium we¬ 
nig irritirt. J. Wyler in Baden. 


Senator, Uber Synanche contagiosa (Diphtherie) 

in Volkmann'& Sammlung klinischer Vorträge Nro. 78. Leipzig, Breitkopf & Härtel. 

Gewiss entspricht diese kleine Abhandlung in hohem Grade dem Zwecke, den diese 
Vortrage programmgemäss haben : „In grossen Zügen, frei von aller Fachgelehrsam- 
„keit, wesentlich die allgemeinen Interessen in’s Auge fassend, möglichst über dem Streite 
„der Parteien, aber auf dem festen Boden der strengen Wissenschaft stehend tt entwirft 
Verfasser nach kurzer Berührung der Begriffsverwirrung, die zur Zeit an dem Worte 
Diphtheritis klebt, ein möglichst concises Bild der anatomischen Veränderungen, welche 
die „Synanche contagiosa 8 — so schlägt er den Namen vor — hervorbringt in ihren 


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Formen, als i I. Katarrh der Schleimhaut an der Kreozungsstelle des ttespiral und Diges- 
tionstractuB; 2. als Abschieferung des Epithels in häutigen Fetzen auf der Rachenschleim- 
li&ut; 3. als acute Verschorfung oder diphtheritische Entzündung der Schleimhaut des 
Rachens und des oberen Theiles des Kehlkopfes, zuweilen mit Steigen ng bis zu tief¬ 
greifender Gangrän besonders der Tonsillen; und endlich 4. als Entzündung mit freiem 
faserstoffigem (croupösem) Exsudate auf der Schleimhaut im untern Theile des Kehlkopfes 
und der Luftröhre — mit ausdrücklicher Betonung der Thatsache, dass diese Formen nicht 
nur auf verschiedene Individuen derselben Epidemie, sondern sehr häufig neben oder nach 
einander an demselben Kranken zur Beobachtung kommen. In kurzen Umrissen werden 
die Symptome, der Verlauf und die Ausgänge beschrieben, wobei dann auch die Specifi- 
tät der nach Synanche auftretenden (diphtheritischen) Lähmungen widerlegt wird. Sehr 
objectiv und vorurteilsfrei werden Ursachen und Wesen der Synanche besprochen : 
Verf. betont allerdings die Zusammengehörigkeit der diphtheritischen Entzündung oberhalb 
der Stimmbänder und der croupöscn unterhalb derselben in ätiologischer Beziehung als Fol¬ 
gen desselben Synanche-Contagiums, wenigstens für die Überwiegende Mehrzahl der 
Fälle, aber er läugnet doch nicht die Thatsache, dass Croup ohne jede Mitbetheiligung 
der Rachengebilde, unabhängig von Synanche, Vorkommen könne, und entwickelt dann 
aus den Tbatsachen und Beobachtungen heraus, die den Streitfragen zu Grunde liegen, 
seine Ansicht : „der unbekannte Anstcckungsstoff, da9 Synanche-Contagium, disponirt zu 
„einer heftigen Entzündung der Schleimhaut an der Kreuzungsstelle des Respirationa- 
„und Digestionskanales und einzelner angrenzender Abschnitte, in der Weise, wie Schar- 
„lach zu einer Entzündung der Rachenschleimhaut, oder Masern zu einer solchen der 
„grössern Luftwege, der Nase und Augenbindehaut disponiren. In Folge der Entzündung 
„kommt es in der Rachenhöhle, ausser in den leichtesten Fällen, nicht blos zum einfa¬ 
chen Katarrh, sondern zu stärkerer Auflockerung und Abhebung des Epithels, auch 
„wohl zu kleinen Substanzverlusten, und die mehr oder weniger cntblösste, wunde 
„Schleimhaut ist dem Eindringen und Einnisten der in der Rachenhöhle vorhandenen 
„Pilzelemente preisgegeben, durch deren Thätigkeit ein Absterben der obersten entzün¬ 
deten Schichten, die Verschorfung oder Diphtheritis entsteht;“ aber Mycose (Diphthe- 
titis) der Schleimhaut ist nicht nothwendig zum Synanche-Process, sowie auch mit Ue- 
bertragung der Mycose nicht nothwendig auch das Synauche-Gift übertragen werden 
muss. — In Beziehung auf Diagnose wird besonders die Wichtigkeit des epidemischen 
Auftretens betont, und die Therapie in so offener, nüchterner Weise besprochen, dass 
sich wahrscheinlich nicht bloss Homöopathen, sondern noch manch andere gläubige Aerzte 
mitleidig davon ab wenden werden, im frommen Glauben mehr zu können ! Rcfer. sieht 
gerade in diesem Abschnitte einen entschiedenen Beweis, dass Verfasser die Krankheit 
kennt und nicht blos einige Fälle gesehen hat Es sind der Arbeit recht viele Leser 
zu wünschen ! R. 


Zur Revision und Reformirung der Lehr- und Lernmethode an den Universitäten, haupt¬ 
sächlich der Medicin. 

Drei Vorlesungen von Dr. Ravoth. Berlin 1874. Elvvin Staude. 

In der ersten der drei Vorlesungen ist es das Bestreben Ravolh's nachzuweisen, dass 
nur durch ernste Arbeit und mit Auspannung aller Kräfte heutzutage das Ziel erreicht 
werden kann , welches ein jeder Studirende der Medicin im Auge haben soll, wenn er 
dereinst als tüchtiger Arzt, als tüchtiger Gelehrter dastehen will und dass C9 die Aufgabe 
des Universitätslehrers sei, seinen Schülern nicht nur vorzutragen, sondern sie auch zur 
eigenen Arbeit anzuregen. Der Universitätsprofessor müsse einsehen, dass seine Aufgabe 
nicht nur sei, zur Förderung der Wissenschaft beizutragen, d. h. Forscher zu sein, 
sondern dass ihm die oft wichtigere Aufgabe zufalle, die Jugend zur Wissenschaft heran¬ 
zuziehen, d. h. Lehrer zu sein. 

In der zweiten Vorlesung stellt Ravoth eine Anzahl von Forderungen, von denen einige 
auf eine veränderte Stellung der einzelnen Universitätslehrer zu einauder zielen, andere 


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einer grösseren Pflege der Hülfswissenschaften das Wort reden und endlich eine weitere 
Anzahl eine ausgedehntere Benutzung der Krankenanstalten für das pracHsche Studium 
anstreben, um so den Studirenden in umfassenderem Maasse die Möglichkeit zu gewah¬ 
ren, sich für die practische Seite seiner späteren Wirksamkeit auszubilden. 

Die dritte Vorlesung beschäftigt sich mit dem „klinischen Standpunct“ und der 
„klinischen Methode“ mit der Art und Weise , wie der Studirende sich dem Kranken 
gegenüber in Bezug auf Untersuchung, Feststellung und Behandlung der Krankheiten ver¬ 
halten soll. 

Ira Ganzen streben die drei Vorträge Verhältnisse für den medicinischen Unterricht 
an, denen auch wir unseren Beifall zollen, ohne für jede Einzelheit der Vorträge mit ein¬ 
stehen zu wollen. Jedenfalls ist Jedem, der sich für eine tüchtige Ausbildung der Me- 
diciner interessirt, die Lektüro der kleinen Schrift dringend zu empfehlen. H. 


Kantonale Coirespondenzen. 


Chor. Die 5 7. Vers ammlung der Schweiz, naturforschenden 
Gesellschaft in Chur, am 11. und 12. September 1874. (Schluss.) 

Ich habe mich bemüht, dem reichen, in fraglichem Berichte niedergelegten Materiale 
dasjenige zu entnehmen, was geeignet ist, ein Bild des gegenwärtigen Standes unseres 
kantonalen Irrenwesens zu geben , und leider müssen wir mit dem Berichterstatter ein¬ 
stimmen, wenn er sagt, dass die jetzt vorliegenden Verhältnisse vollkommen unhaltbare 
sind. Zur Verbesserung derselben ist die Alternative erwähnt zwischen der Gründung 
einer cantonalen Irrenanstalt oder einer Irrencolonie, nach Art derjenigen von Gheel, auf 
dem cantonalen Rheincorrectionsboden in Realta. 

Nur l*»Va°/o der sämmtlichen Irren gemessen einer geordneten Behandlung in An¬ 
stalten und wir müssen wohl auch bei diesen mit dieser Annahme um so vorsichtiger 
sein, als im Verzeichniss der Anstalten, wo bündneriseke Geisteskranke untergebracht 
sind, sich solche, die wohl kaum eine Gewähr rationeller Behandlung bieten, befinden. 
Von der mit dem cantonalen Corrections- und Zwangsarbeitshaus in Realta verbundenen 
Irrenabtheilung ist es ja hierlands schon lange mehr als allgemein bekannt, dass von 
ärztlicher Behandlung gar keine Rede, ja dass, wie Referent (Lorenz ) selbst sich gele¬ 
gentlich einer amtlichen Expertise vor etwa 8—9 Jahren zu überzeugen Gelegenheit 
hatte, Tobsüchtige z. B. in Zellen nntergebracht waren, die jeder Humanität Hohn spra¬ 
chen. Also hier von zweckdienlicher Versorgung gar keine Rede und doch hat das zu¬ 
nehmende Bedürfniss die Anstalt gezwungen, immer mehr solcher Unglücklichen aufzu- 
nehmen. Ursprünglich für 6 unheilbare Irren bestimmt, ist jetzt die Zahl der dort ver¬ 
sorgten Geisteskranken bis auf 30 gestiegen. Publicum, Behörden und Anstaltsverwaltung 
waren stets darin einig, dass diese Zustände in jeder Hinsicht nur ein Provisorium und 
für die Dauer unhaltbar seien. Und wohl aus diesen Gefühlen und der Absicht, wo mög¬ 
lich schreienden Uebelständen zu steuern, entsprang der Auftrag an den Sanitätsrath, eine 
Irrenstatistik aufzunehmen. 

Bei dem grossen Zudrange zu allen privaten und staatlichen Heilanstalten ist es kaum 
zu hoffen, dass man contractweise mit solchen eine stets sichere Unterbringung unserer 
Irren erzielen könuc, und somit bleibt allerdings nichts anderes übrig, als im Sinne der 
Anträge des Sanitätsrathes vorzugehen. Hoffen wir, dass trotz aller Schwierigkeiten, be¬ 
sonders finanzieller Natur, doch unser Canton in einer seiner würdigen Weise vorangehe. 

Der Bericht des Sanitätsraths hat auch bereits der Standescommission Vorgelegen 
und ist man selbstverständlich allgemein von dem Gefühle durchdrungen , auch in den 
Behörden, dass es anders werden müsse, welches Gefühl zunächst in dem Beschlüsse 
genannter Behörde zum Ausdrucke gelangte, es sei dem Grossen Rath die principiellc 
Trennung der Irren von den Correctionellen zu beantragen und Fachkundige begutachten 
zu lassen, in welcher Weise dies durchführbar sei. Dann wurde weiters beschlossen, 
beim Grossen Rathe zu beantragen, das gesammte Irrenwesen sei unter staatliche Auf- 


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sicht zu stellen; dann wurde der Sanitätsrath beauftragt, die financielle Tragweite auch 
mit Bezug auf die Pflege der heilbaren Irren, sei es mit, sei es ohne Errichtung einer 
eigenen Heilanstalt, zu begutachten. 

Wir Aerzte begrUssen diese Schlussnahmen aufs lebhafteste als den Keim, aus dem 
Gutes reifen wird. 

In der an diesen Bericht sich anschliessenden Discussion bemerkt der Vorsitzende 
der Section, Herr Dr. Fetscherin von Bern, er bedaure es sehr, dass bei der anlässlich der 
letzten eidgenössischen Volkszählung vorgenommenen Irrenzählung keine getrennten Ru¬ 
briken für angeborene Geisteskrankheit (Idioten und Cretins) aufgestelit worden seien. 
So seien die Idioten in einigen Cantonen den Geisteskranken zugezählt worden, in andern 
nicht, und die bezügliche statistische Vergleichung daher ganz unzulässig. Mit dem An¬ 
träge Kaiser^ betreffs Errichtung einer Irrencolonie kann er sich unter gewissen Voraus¬ 
setzungen einverstanden erklären. 

Ich bitte, mein Manchem vielleicht allzu lange scheinendes Verweilen bei obigem 
Berichte damit entschuldigen zu wollen, dass derselbe, ganz abgesehen von seinem fach¬ 
lich höchst interessirenden Inhalte, eine Frage zur Sprache bringt, die für unseren Can- 
ton auch practisch von der grössten Bedeutung ist. 

4. Herr Dr. Ä. Spengler , Curarzt in Davos, gibt in einem zur Vorlage an die Section 
an Herrn Dr. KiUias gerichteten Briefe nähere Angaben über die Indicationen zum Cur- 
gebrauche in Davos. 

„Vor Allem ist der hiesige Aufenthalt, und zwar Sommer wie Winter, indicirt bei 
ererbter sowohl wie erworbener Disposition zur Phthisis. Selbst erethische Constitutionen 
passen unter solchen Verhältnissen hierher, während sie, selbst bei nur leicht vorgeschrit¬ 
tenen Erkrankungen des Lungengewebes, aus welchen in der Regel floride Phthise rasch 
sich zu entwickeln pflegt, im Hochgebirgsclima ihre Contraindication finden. 

Ferner ist die Einwirkung des hiesigen Clima’s günstig auf alle chronischen Ent- 
zündungsproceese des Lungengewebes, welche zur Phthise führen. Doch dürfen diese 
Processe nicht zu weit vorgeschritten, es muss noch ein Kräftevorrath vorhanden, der 
Digestionsapparat darf nicht durch eine tiefere Läsion erkrankt sein , um einerseits den 
Angriffen des excitirenden Hochgebirgsclima’s Widerstand zu leisten, auf dieselben wohl- 
thätig zu reagiren und andererseits die zugeführten Nahrungsmittel, wie es hier der Fall 
ist, rasch verdauen und gut assimiliren zu können. — 

Es ergeben sich hieraus zum Theil die Contraindicationen: erethische Consti¬ 
tution mit schon entwickeltem Brustleiden, grosse Bchwächezustände mit vorgeschrit¬ 
tenem , bereits der Zerstörung anheimgefallenen Lungenleiden bei geringer Respirations¬ 
fläche und hohen Körpertemperaturen ; Larynxaffectionen wegen des Reizes, wel¬ 
chen die geringe absolute Feuchtigkeit bedingt; Emphysem, weil unter dem Einflüsse 
der verdünnten Luft bei der bestehenden verminderten oder gänzlich verlorenen Elastici- 
tat des emphysematosen Gewebes, die Schwierigkeit der Exspiration noch erhöht wird; 
Herzfehler, bei welchen schon consecutive Veränderungen in andern Organen (Leber 
etc.) eingetreten sind. 

Bei den Indicationen habe ich vergessen, dass Producte chronischer Pleuritiden zur 
Resorption, Verwachsung etc. gebracht werden, wodurch die so häufig an der gleich¬ 
seitigen Lungenspitze schleichend auftretenden Erkrankungen (Spitzencatarrh) verhütet 
werden. — 

Die Curmittel bestehen vor Allem in dem consequent fortgesetzten Aufenthalte an 
möglichst geschützten Höhen von ungefähr 5000' über Meer. Dabei sind von wesentlich¬ 
stem Einflüsse die verdünnte Luft, ihre geringe absolute Feuchtigkeit, die unverhältniss- 
mässig grosse Anzahl schöner, wolkenloser, windstiller Tage des Winters, welche, weil 
die Sonne, besonders an geschützten Orten, an welchen die reflectirte Wärme noch in 
Betracht kommt, beträchtliche Wärmegrade entwickelt (22—30° C.), den Patienten ge¬ 
stattet, sich im Freien zu ergehen, sogar stundenlang zu sitzen. Der Effect der rarefi- 
cirten Luft, abgesehen von ihrem geringeren absoluten Feuchtigkeitsgehalte, wolchem man 
in der That einen antipyretischen Effect zuschreiben kann , besteht trotz mannigfachen 
Widerspruchs ohne allen Zweifel in der Einwirkung auf den Athmungsmechanismus und 
die Herzbewegungen. Die Athmung wird langsamer, die Inspiration tiefer, der Herz¬ 
schlag kräftiger (Herzklopfen im Hochgebirge) und langsamer. 


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Diese Verhältnisse sind wohl * die wichtigsten , welche bei Heilung von chronischen 
Lungenaffectionen in Betracht kommen. Die Herzaction im Hochgebirge ist eine ratio¬ 
nellere, d. h. das paretische Herz der chronisch Brustkranken schlägt im Flachlande 
schwach und häufig; es verbraucht rasch seine Kraft, ist der Arbeiter, welcher ohne Ruhe 
Tag und Nacht arbeiten muss, sich aufreibt; im Hochgebirge werden die Herzactionen 
langsamer und kräftiger, die Ruhepausen gestatten ihm Erholung, während das Blut von 
ihm mit mehr Kraft durch die Bahnen des Lungengewebes getrieben, Stauungen beseitigt, 
Resorptionen etc. begünstigt werden. 

Weitere Curmittel sind vorsichtige Lungengymnastik, kräftige Nahrung, welche hier 
wegen vermehrter Oxydation rascher verdaut und besser assimilirt wird. Milchgenuss, 
Fett und Fettbildner spielen eine Hauptrolle. 

Ein wichtiges Curmittel ist noch die kalte Douche, ihr Zweck: Hautcultur, somit 
Beseitigung ihrer Anämie,. Erhöhung des Stoffwechsels, Abhärtung gegen äussere Ein- 
flösse , gegen Erkältung, reflectirtes, tieferes Athmen, Beförderung der Resorption von 
Exsudaten. 

Eine Statistik über Heilerfolge werde ich nächstens veröffentlichen. a — 

In der hieran sich schliessenden Discussion bemerkt Herr Dr. Lombard von Genf: 
Der Einfluss der verdünnten Luft ist ein mehrfacher: 

1. Wirkt dieselbe beständig wie ein grosser Schröpfkopf und zieht das Blut weg 
von innern Entzündungsheerden nach der Oberfläche des ganzen Körpers. 

2. Kann in Folge des verdünnten Sauerstoffs nicht sämmtlicher Kohlenstoff verbrannt 
werden und verbleibt als solcher im Blute. Diese Thatsache wurde in den Hochgebirgen 
Mexico’s, die ebenfalls aus climato-therapeutischen Gründen aufgesucht werden, durch 
sorgfältige Untersuchungen festgestellt und dürfte vielleicht auch die Immunität gewisser 
Höhenlagen gegen die Phthisis erklären. 

3. Erzeugt die verdünnte Luft ein künstliches Emphysem, wodurch die Gefässe com- 
primirt, Entzündungsheerde trocken gelegt und alte Exsudate mechanisch zur Resorption 
gebracht werden. 

(Nach dem Protocoll der med. Section.) 

Am Schlüsse der Verhandlungen der med. Section angelangt, kann ich der Curiosität 
halber nicht unterlassen, eines weitern der verdünnten Luft von Herrn Lombard vindicirten 
Einflusses zu erwähnen. Nach ihm soll nämlich die oben erwähnte „ Schröpfkopfwirkung“ 
der verdünnten Luft mit die Ursache des im Hochgebirge so häufigen Kropfs und Cre- 
tmismus bilden. Ohne in eine Discussion hierüber eintreten zu wollen, muss ich doch 
bemerken, dass die Thatsache der Häufigkeit gedachter Krankheitszustände im Hoch¬ 
gebirge keineswegs erwiesen ist und z. B. für unsern Canton geradezu nicht besteht. 
Diejenigen Gegenden Graubündens, wo in früheren Zeiten Kropf und Cretinismus ende¬ 
misch vorkamen (in neuer Zeit sind die Fälle glücklicherweise sehr selten geworden und 
kann füglich von einer Endemicität nicht mehr gesprochen werden), waren nicht Hoch¬ 
gebirgsgegenden, sondern geradezu Thalniederungen und zwar zunächst die beiden Rhein- 
thäler hinter Reichenau (Domleschg und Katzis am Hinterrhein, dann Cästris im Vorder¬ 
rheinthal bei Banz), dann im Rheinthal abwärts von Reichenau bis an die Bündner 
Grenze, die Gegend von Chur, Trimrais etc., und zwar ausser Katzis und Untervatz alles 
Orte am rechten Flussufer, alle in schöner, fruchtbarer Landschaft gelegen und in Höhen¬ 
lagen von 562—823 Meter über Meer. 

b. Physicalisch-chemisch-mathematische Section. 

L Herr Prof. Dr. Husemarm in Chur macht darauf aufmerksam, dass in Flaschen auf¬ 
bewahrte natürliche Eisensäuerlinge meist schon nach einigen Wochen kein Eisen mehr 
in Lösung enthalten und zwar trotz sorgfältigster Verkorkung. Auch das Fresenius' sehe 
Verfahren, die Luft aus dem Halse der Flasche durch Einfüllcn von CO 2 zu verdrängen, 
verhüte die Ausfällung des Eisens nicht, da die meisten Wässer oft ebenso viel oder 
mehr O in Gasform enthalten, als zur vollständigen Verwandlung des Eisenbicarbonats in 
Eisenoxydhydrat erforderlich ist. Anknüpfend an frühere Versuche Bischof s gelang es 
Herrn Husematm } durch Zusatz einer sehr geringen, nach der Zusammensetzung der Wässer 
verschiedenen, jedoch immer genau zu bestimmenden Menge von Citronensäure den 


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Eisensäuerlingen eine ausgezeichnete Haltbarkeit zu geben. Ein Ueberschuss von Citro- 
nensäure gibt zur Bildung von Schwefelwasserstoff Veranlassung. 

Diese Füllungsmethode wird auf Herrn Husemann'a Veranlassung bei der Füllung des 
nahe bei Chur entspringenden Säuerlings Belvedra seit mehreren Jahren und seit etwa 
2 Jahren auch in St. Moritz mit sehr gutem Erfolge befolgt. 

IL Macht derselbe, gestützt auf einen in Schiers im Prättigau vorgekommenen, tödt- 
lich verlaufenen Fall von Vergiftung durch rothgefärbtes Backwerk auf die ganz unge¬ 
wöhnliche Giftigkeit der arsenhaltigen Anilinfarben aufmerksam, die in gar keinem Ver¬ 
hältnisse zum Arsengehalt steht. 

Herr Husemann gedenkt gemeinsam mit dem Unterzeichneten den Gegenstand durch 
Versuche an Thieren näher zu verfolgen. 

c. Botanisch-zoologische Section. 

Hier habe ich nur einer Mittheilung des Herrn Prof. Dr. Brügger von Chur Erwäh¬ 
nung zu thun, die vielleicht die Leser des Correspondenzblattes interessiren möchte und 
entnehme ich dem Protocoll hierüber Folgendes: 

„Vorzeigung eines blauschwarzen Stücks B r o d sammt dem Weizen, aus welchem 
es hergestellt wurde. Es stammt letzterer aus Jaffa in Palästina, wo er von deutschen 
Einwanderern gebaut und exportirt wird. Er ist sehr stark mit Unkrautsamen verunrei¬ 
nigt ; es finden sich darin Lolium tcmulentum, Kornrade, Wicken, Saponaria Vaccaria, 
Ervum hirsutum, und eine Dipsacee, die sich schliesslich als Cephalaria syriaca Schrad. er¬ 
weist. Das Brod ist sehr bitter und macht Kopfschmerzen und Uebelkeiten, besonders 
ist aber die Farbe interessant, die nur von letzterer Pflanze herrühren kann. Ist diese 
Vermuthung richtig, so wäre das die erste Dipsacee, von welcher Farbstoff und giftige 
Eigenschaften bekannt wären. Interessant ist in diesem Falle auch das Vorkommen ge¬ 
meiner europäischer Unkräuter in Palästina, wo sie sich sonst nicht finden, sie dürften 
also wohl von den deutschen Einwanderern imporlirt sein. 

Im Anschluss hieran theilt Prof. Brügger mit, dass im ganzen Canton Grau blinden 
Lolium temulentum sich nur in der deutschen Gemeinde Obersaxen (mitten unter 
romanischen Dörfern) vorfinde; also wohl auch hier von der deutschen Bevölkerung 
importirt 

Endlich theilt derselbe Redner mit, „dass im Bündner Oberland Secale cornutum von 
den Leuten als Näscherei und zwar ohne üble Folgen gegessen werde!“ (Auch ander¬ 
wärts in Bünden, z. B. im Albulathal, herrscht diese Unsitte und wird es in der Regel 
sorgfältig vermieden, die Körner des Mutterkorns aus dem Roggen zu entfernen. Trotz¬ 
dem sind mir diesfalls keine Fälle von schädlicher Einwirkung bekannt geworden. Das 
Volk bezeichnet dieselben als „Manna“. Ref.) 

Am Schlüsse meines wohl etwas lange gewordenen Referates angelangt, sei es mir 
gestattet, noch einige kurze Bemerkungen allgemeiner Natur beizufügen. 

Wie in Deutschland von der grossen „Gesellschaft der deutschen Naturforscher und 
Aerzte“ sich im Verlaufe der letzten Jahre eine Anzahl Vereine zur Cultivirung eigent¬ 
lich specialistiseher Gebiete der Naturwissenschaft und Medicin abgelöst resp. constituirt 
haben und ihre besoudern Versammlungen und Congresse abhalteu, eo macht sich diese 
Tendenz auch in unserem Vaterlande geltend und haben sowohl der ärztliche Central¬ 
verein als die entomologische Gesellschaft u. s. f. selbstständig sich constituirt und halten 
ihre Separatversammlungen. Wenn nun allerdings in unserem grossen Nachbarlande ein 
solches Verhältniss für das Gedeihen der Naturforscherversammlungen keine Nachtheile 
bringen wird, so ist dagegen zu befürchten, dass in der kleinen Schweiz hierdurch das 
Interesse an der allgemeinen Schweiz, naturforschenden Gesellschaft sich in einem Grade 
verringern dürfte , dass einzelne Sectionen derselben zu verwaisen drohen, und war es 
schon hier in Chur betrübend zu sehen, wie schwach an Zahl die medicinische Section 
besucht war — im Ganzen 16—17 Mann, wovon fast die Hälfte Bündner, während früher 
die medicinische Section eine der besuchtesten der Versammlung v/ar. Allerdings wird 
hierdurch die Pflege der Wissenschaft keinen Abbruch erleiden, -denn gerade in Special- 
gesellschaften werden die einzelnen Zweige der Naturforschung sicherlich zu intensiverem 
Studium und Bearbeitung gelangen, allein der Zusammenhang, die Fühlung der einzelnen 
Fächer unter einander wird dadurch gelockert werden. 


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So sehr nun die Constituknng einer Vereinigung der Schweizerärzte, an der wir 
wünschen, dass bald alle Cantone Theil nehmen mögen, im Interesse der Wissenschaft 
und besonders in demjenigen der Bestrebungen der Aerzte, die Wächter der Öffentlichen 
Hygieine zu sein und andererseits ihre Standesinteressen gegenüber Staat und Publicum 
zu wahren, in hohem Grade zu begrüssen ist, so haben wir Bündner besonders, denen es 
zumeist durch die Entfernung von den Orten der Versammlungen des Schweiz. Central¬ 
vereins nur höchst ausnahmsweise vergönnt sein kann, an denselben Theil zu nehmen, 
es recht sehr empfunden, dass nicht mehr schweizerische Collegen uns hier besucht 
haben. 

Hoffen wir, dass nicht nur der ärztliche Centralverein kräftig blühen und gedeihen 
sondern dass die schweizerischen Aerzte auch das Interesse an der allgemeinen schwei¬ 
zerischen naturforschenden Gesellschaft bewahren mögen. *) 

Chur, 7. November 1874. Dr. P. Lorenz, 

d. Z. Secretär des Jahres Vorstandes 
der Schweiz, naturf. Gesellschaft. 

Graubfindton» Im Jahre 1867 kamen im Bad St. Moritz einige Scharlachfälle 
vor; unter den Fremden entstand eine solche Panik, dass an einem Tage im Curhause 
50 Zimmer leer wurden. Es vergeht fast keine Saison, dass im Oberengadin nicht Fälle 
epidemischer Krankheiten eingeschleppt werden. Meist sind es Blattern, womit uns ita¬ 
lienische Arbeiter bescheeren. Jedesmal ist man in der Zeit der grössten Ueberfüllung 
in Verlegenheit, wie und wo man solche Fälle isoliren soll. — Letzten Herbst haben nun 
sämmtliche Oberengadiner Aerzte die Errichtung eines gemeinschaftlichen Absonde- 
rungshauses angeregt, hauptsächlich mit Hinweis auf die Unmöglichkeit, ohne ein 
solches Epidemien zu verhindern. Am 14. d. M. hat eine öffentliche, von sämmtlichen 
Gemeinden beschickte Versammlung beschlossen, ein solches Absonderungshaus mit circa 
10 Betten zu bauen, und wurde eine aus 8 Aerzten bestehende Commission beauftragt, 
eine Planskizze mit Kostenvoranschlag etc. sich zu verschaffen. 

Ein weiterer Vorschlag, zugleich ein kleines Spital zu gründen, wurde — weil zu 
viel auf einmal — von der Versammlung abgelehnt, dagegen beschlossen, dahin zu wir¬ 
ken, dass die schon bestehenden Bestimmungen betreffs Nothfallstuben, strenger ausge¬ 
führt werden. Es besteht schon seit Jahren für jede Gemeinde des Kreises die Ver¬ 
pflichtung, für Nothfälle je 1—2 Krankenzimmer parat zu halten. In Zukunft soll der 
Bezirksarzt jährlich diese Zimmer inspiciren und darüber Bericht erstatten. L. 

Luzern« Der Entwurf zu einem einheitlichen Betreibungs - und Kon¬ 
kursgesetze spricht im Falle des Konkurses dem Arzte für seine Forderung nur in 
soweit ein Vorrecht zu, als diese nicht älter als % Jahr ist. 

Wenn es nun in Städten sehr schwer ist, halbjährliche Abrechnung ein- und durch¬ 
zuführen, so ist diess auf dem Lahde, zumal in landbautreibenden Gegenden noch unend¬ 
lich schwieriger, ja fast eine Unmöglichkeit. Das weiss jeder, der die Verhältnisse 
kennt. Ich erblicke daher in jener Bestimmung des Vorschlages zu einem Schweiz. Be- 
treibungs- und Konkursgesetze eine bedeutende Gefährde des ärztlichen Standes und 
möchte auf diesem Wege dem leitenden Vorstande des Central-Vereines zurufen: Caveant 
consules! Ein kräftiger Einspruch zur rechten Zeit (schon bei der Vorberathung) und 
am rechten Orte (bei der vorberathenden Kommission) ist vielleicht nicht ohne Erfolg 
und in Hinsicht auf die hohe Wichtigkeit der ärztlichen Leistungen für die physische 
Existenz gewiss keine Unbescheidenheit. R .... 


*) Als Andenken an die schönen Tage in Chur haben die Festtheilnehmer eine sehr hübsche 
Festgabe mit nach Hause genommen; wir meinen die Festschrift: „Naturgeschichtliche Beiträge zur 
Kenntnis« der Umgebungen von Chur, als Erinnerung an die 57. Versammlung der schweizerischen 
natu r forschenden Gesellschaft herausgegeben von der naturforschenden Gesellschaft GraubQndens. 
161 B. mit 1 Garte von Chur und seinen Umgebungen. 4 * Als „naturhistorisches Album“, das in 8 
Abteilungen Boden und OHma, Pflanzenreich und Tbierreich mit grosser Fachkenntniss behandelt, 
wird diese sinnige Gabe Jedem, der sich um die so mannigfaltige und vielgestaltige Naturgeschichte 
GraubQndens interessirt, sehr willkommen sein. Redact. 


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114 


W ochenberfclrk 


Schweiz. 

Schwelseriaclies Medicinalconcordat. Aus dem Jahresbericht des lei¬ 
tenden Ausschusses, bestehend aus den Herren Dr. A. Ziegler (Bern), Präsident, Sanitäts¬ 
rath L. Meyer (Zürich), Vicepräsident, und Dr. Fr. Müller (Basel), Actuar, über die Prü¬ 
fungen ira Jahr 1874 bringen wir folgende Data. 

Es haben im Ganzen 182 Prüfungen stattgefunden, von welchen 80 ungenü¬ 
gend gewesen sind. Eine Vergleichung mit den vorhergehenden Jahrgängen ergibt Fol¬ 
gendes : 



Prüfungen 

wovon 

ungenügend 


im Ganzen, 

ungenügend, 

in Procenten, 

1868 

62 

4 

6,4 

1869 

102 

10 

9,8 

1870 

148 

18 

12,1 

1871 

163 

37 

24,1 

1872 

162 

37 

22,8 

1873 

143 

20 

14,0 

1874 

183 

36 

19,7 

Vom Jahr 1868— 

■1874 952 

162 

17. 


ln Procenten von sämmtlichen Prüfungen fielen auf: 



1870. 

1871. 

1872. 

1873. 

1874. 


Zürich 

55,4 

43,7 

46,9 

53,8 

52,1 

(96) 

Bern 

33,1 

48,3 

44,4 

34,3 

37,9 

(69) 

Basel 

11,4 

7,8 

8,6 

11,9 

9,9 

(18) 

(182) 


Von den medicinischen Prüfungen allein fallen in procentischer Vertheilung auf: 

1873. 1874. 


Zürich 41,7 46,6 

Bern 40,6 41 

Basel 17,7 13,4 

Die folgende Tabelle gibt die Vertheilung der Prüfungen nach den Fächern, nach den 
Prüfungsorten und nach dem Erfolge. 


Basel. Zusammen. 


Fächer. 



Total 

genügend 


angenügend. 


Im Ganzen. 



propeed. 29 4 15 

Fachprüf. 16 2 16 

propsed. 6 — 1 

Fachprüf. 6 16 

15 6 7 . 

Fachprüf. | 11 — 5 2 — 

82" 13 50 Töl 14 



- 16 2 
4 146 36 


112med. Prüfungen. 


46 thierärztl. 


182 Prüfungen. j 

Eine Zusammenstellung der Examinirten nach den Heimathcantonen, nach Prüfungs¬ 
ort, Fach und Erfolg der Prüfung ergibt folgende Zahlen: 

Prüfungsort: Erfolg: 

Zürich. Bern. Basel. Genügend. Ungenügend 

a) Angehörige von Concordats- 
can tonen. 

Aargau: med. Propeed. 8 2 — 8 2 

„ Fachexamen 2 2 — 3 1 


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115 


Prüfungsort: 

E r folg. 

Zürich. Bern« Base). 

Genügend. Ungenügend* 


Aargau: 

pharmac. Propaed. 

— 

— 

2 

2 

— 


„ Fachexamen 

2 

— 

— 

2 

— 


thierärztl Propaed. 

4 

— 

— 

4 

— 


„ Fachexamen 

4 

2 

— 

4 

2 



(20 

6 

2 

23 

5) 

Baeelland: 

thierärztl. Propaed. 

1 

— 

— 

l 

— 


„ Fachexamen 

1 

— 

— 

l 

— 



(2 

— 

— 

2 

-) 

Baselstadt: 

: med. PropeBd. 

— 

— 

5 

5 

— 


„ Fachexamen 

— 

— 

1 

— 

1 


pharmac. 9 

— 

1 

— 

1 

— 



(- 

1 

6 

6 

1) 

Bern: 

medic. Propaed. 

2 

14 

1 

9 

8 


„ Fachexamen 

— 

9 

1 

8 

2 


pharmac. Propaed. 

— 

1 

1 

1 

1 


„ Fachexamen 

1 

1 

— 

1 

1 


thierärztl. PropaBd. 

3 

6 

— 

8 

1 


„ Fachexamen 

— 

4 

— 

4 

— 



(6 

35 

3 

31 

13) 

St. Gallen: 

: medic. Propaed. 

3 

2 

— 

4 

1 


„ Fachexamen 

4 

1 

— 

4 

1 



(7 

3 

— 

8 

2) 

Glarus: 

medic. Propaed. 

1 

— 

— 

1 

— 


„ Fachexamen 

— 

1 

— 

1 

— 



(1 

1 

— 

2 

-) 

Luzern: 

medic. Propaed. 

2 

— 

1 

2 

1 


„ Fachexamen 

1 

l 

l 

2 

1 


thierärztl. Propaed. 

4 

1 

— 

2 

3 


„ Fachexamen 

—. 

1 

— 

1 

— 



(7 

3 

2 

7 

5) 

Neuen bürg: medic. Propaed. 


3 

— 

l 

2 



(- 

3 

— 

1 

2) 

Schaff¬ 







hausen: 

thierärztl. Propaed. 

l 

— 

— 

1 

— 



(1 

— 

— 

1 

—) 

Schwyz : 

medic. Propaed. 

— 

— 

l 

l 

— 


pharmac. 9 

l 

— 

— 

1 

— 


thierärztl. „ 

l 

— 

— 

l 

— 


„ Fachexamen 

l 

— 

— 

l 

— 



9 ' 

— 

1 

4 

-) 

Solothurn: 

medic. Propaed. 


3 

2 

4 

1 


„ Fachexamen 

— 

1 

1 

2 

— 


pharmac. Propaed. 

— 

1 

— 

1 

— 



(- 

5 

3 

7 

1) 

Thurgau: 

medic. Propaed. 

2 

— 

— 

2 

— 


„ Fachexamen 

1 

— 

l 

2 

— 


pharmac. Propaed. 

2 

— 

— 

2 

— 


„ Fachexamen 

1 

— 

— 

1 

— 


thierärztl Propaed. 

4 

— 

— 

3 

1 


„ Fachexamen 

1 

— 

— 

1 

— 



(11 

— 

1 

11 

i) 

Zug: 

medic. Propaed. 

1 

— 

— 

— 

i 


thierärztl. „ 

1 

— 

— 

— 

i 



(2 

— 

— 

— 

2) 


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116 


Prtyfungsort: 

Erfolg: 

Zürich. Bern. Basel. 

Genügend. Ungenügend. 


Zürich: medic. Propaed. 

12 

— 

— 

11 

1 

„ Fachexamen 

8 

1 

— 

8 

1 

pharmac. Propeed. 

1 

— 

— 

1 

— 

„ Fachexamen 

3 

1 

— 

3 

1 

thierärztl. Propeed. 

2 

— 

— 

2 

— 

„ Fachexamen 

3 

— 

— 

3 

— 


(29 

2 

— 

28 

3 ) 

b) Von Aueserconcordatscantonen. 

Unter walden:medic. Propaed. 

— 

l 

— 

l 

— 

Wallis: pharmac. Propaed. 

1 

— 

— 

l 

— 

Waadt: pharmac. Fachexamen 

— 

2 

— 

2 

— 

thierärztl. „ 

1 

— 

— 

1 

— 


(2 

3 

— 

6 

-) 

c) Ausländer. 

medic. Propaed. 

2 

2 

— 

8 

l 

„ Fachexamen 

2 

3 

— 

5 

— 

pharmac. „ 

— 

2 

— 

2 

— 


(4 

7 

— 

10 

1) 


Im Ganzen haben nach abgelegter Prüfung das Concordatsdiplom erhalten 85 Aerzte, 
12 Pharmaceuten und 16 Thierärzte, ohne Examen 10 Aerzte, 8 Apotheker, 3 Thierärzte; 
5 Gesuche wurden abgewiesen. 

Wie man sicht, ist unser Concordat im Blühen: über eine kurze Zeit werden die 
letzten Schranken einer totalen Freizügigkeit in der Schweiz fallen. Neuenburg hat ge« 
zeigt, dass die sprachliche Verschiedenheit keine unüberwindlichen Schwierigkeiten bildet. 
Das Concordatsexamen wird im Strudel der Freigebung die beste Schutz- und Trutzwaffc 
für den gebildeten Arzt bleiben. 

Sehvreizerlsche medic« Facnltäten« Als Beiträge zu einer schweizeri¬ 
schen Medicinalbibliographie bringen wir auch diesmal die Dissertationen des verflossenen 
Jahres. 

a. Basel. 1. Samuel Hoffmann aus Jaffa, über Nephritis. 2. Hermann AUherr aus 
Appenzell, über Wägungen Neugeborener. 3. Victor Jaclard aus Hirslanden, über Herpes 
ophthalm. 4. Elias Haffter aus Weinfelden, über Dermoide. 

Es wurden ferner aus Anlass der Einweihung des Bernoullianums (chemisch-phys. 
Institut) honoris causa zu Doctoren der Medicin promovirt die Herren Friedr. Burckhardl , 
Prof, und Rector, Eduard Hagenbach-Bischoff, Prof., Julius Piccard , Prof., sämmtliche in Basel. 

b. Bern. 1. Paul Dubois aus Chaux-de-fonds (Diss. noch nicht gedruckt). 2. Frl 
R . Simonowitsch aus Odessa , über Hyoscyamin und dessen' Bedeutung für die Augenheil¬ 
kunde. 3. Fr. Schmid aus Maikirch, über Form und Mechanik des Hüftgelenkes. 4. Edgar 
Masson aus Veytaux, sur les matiöres colorantes du groupe Indigo. 5. Robert Niggeler aus 
Dotzigen, über Harnfarbstoffe aus der Indigogruppe. 6. Frl. Marie Siebold aus Russland, 
über die Bestimmung der Zeitdauer der Schwangerschaft nach der äussem Untersuchung, 
sowie über den Einfluss der Ausdehnung des Uterus auf den Gang der Involution. 7. Ed. 
Reichenbach aus Vevey, sur l’expert mddicolägal eu France, Allemagne et en Suisse. 

c. Zürich. 1. Frl. Anna Rheinmann , über die Ursachen der Kindersterblichkeit im 
Canton Zürich. 2. Eduard Bugnion , sur les Organes sensitifs dans la peau de l’Axolotl. 

3. Woldemar Holstein, über die Lage und Beweglichkeit des nichtschwangern Uterus. 

4. Johann Reoli , über die Behandlung der angeborenen Schädel- und Rückenmarksbrüchc 
und ihren Ausgang. 5. David Schneider , über Hämatom der Dura mater. 6. Frl. Marie 
VögtUn , über den Zustand der Genitalien im Wochenbett 7. Oswald Heer y über Fibrocysten 
des Uterus. 8. Hch. Keller , über Complicationen im Typhus. 9. Roümann , Beiträge zur 
Lehre über die Wirkung der Alcaloide. 10. Jb. Kuhn, über Blutergüsse in die breiten 
Mutterbänder. 11. Theodor Escher, über die Exstirpation des Mundbodencarcinoms. 12 Friedr. 
Rohrer f über Nierenoarcinom. 


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11 ? 


Bern« Das schweizerische Militärdepartement hat an die Militärbehörden der Can- 
töne das nachstehende sehr zeitgemässe Circular erlassen: 

„Wie Ihnen bekannt, hat der Schweiz. Bundesrath mittels Kreisschreiben vom 17. März 
1873, die im Jahr 1871 erlassene und im Jahr 1872 erneuerte Bestimmung bezüglich Re- 
vaccination der Militärpersonen als bleibend in Kraft bestehend erklärt. 

Demnach haben sämmtliche Recrutcn vor ihrem ersten Eintritte in die erste Militär¬ 
schule sich wiederimpfen (revacciniren) zu lafsen, und sich beim Diensteintritte über die 
stattgehabte Revaccination und deren Erfolg durch Vorzeigen eines Impfscheines aus¬ 
zuweisen. 

Diese Impfscheine sind auch bei jedem folgenden Dienstanlasse als Ausweis mit- 
zubringen. 

Indem wir Ihnen diese Bestimmungen wieder in Erinnerung rufen, können wir nicht 
umhin, Sie auf die mangelhafte Ausführung aufmerksam zu machen, welche dieselben im 
Verlaufe des Jahres 1874 vielfach gefunden haben. 

In mehreren Cantonen wurde die rechtzeitige Bekanntmachung der auf die Revacci¬ 
nation der ins wehrpflichtige Alter tretenden Jünglinge und der auf das Mitbringen der 
Revacciuationsscheine für alle in Dienst tretenden Militärs bezüglichen Verordnungen und 
Weisungen unterlassen , so dass eine nicht unbedeutende Anzahl Recruten unrevaccinirt 
in die erste Militärschule einrückte und ebenso die in Wiederholungscurse einberufenen 
Mannschaften vielfach nicht im Stande waren, den Ausweis über einmal stattgehabte Re¬ 
vaccination zu leisten. 

ln einigen Cantonen glaubte man sich in solchen Fällen damit helfen zu sollen, dass 
die Recruten und ebenso die in Wiederholungscurse abgehenden Mannschaften am Tage 
vor dem Eiurücken in die eidg. Militärschule noch schnell revaccinirt wurden. 

Wir brauchen Ihnen wohl kaum zu erklären, dass ein solches Verfahren ein durch¬ 
aus unstatthaftes ist, indem bei erfolgreicher Impfung die Revaccinirten ganz leicht für 
die ganze Dauer eines Wiederholungscurses dienstunfähig werden können, was bei der 
ohnehin nicht zu lang zugemessenen Instructionszeit nicht Vorkommen darf. 

Ebenso ist es fehlerhaft, den Revaccinirten Gesammtimpfscheine als Ausweis mitzu¬ 
geben. Die Verordnung, dass jeder Wehrmann auch bei jedem folgenden Dienstanlasse 
den Impfschciu mitzubringen habe, kann nur dann ausführbar sein, wenn die Impfscheine 
individuell ausgestellt und, falls solche verloren gegangen, auch für jeden Einzelnen laut 
Impfcontrole ersetzt werden« 

In Hinsicht auf die Recrutirung des Jahres 187Ö ersuchen wir Sie daher, 
die ins wehrpflichtige Alter Eintretenden zeitig dazu aufzufordern, sich revacciniren zu 
lassen (für den Fall, dass im Verlaufe der letzten 6 Jahre keine Revaccination stattge- 
funden hat). Die Revaccinationsscheine haben dieselben schon zu der durch Sie anzu¬ 
ordnenden ersten sanitariBchen Untersuchung mitzubringen, unter Strafandro¬ 
hung für Zuwiderhandelnde. 

Diejenigen, welche unrevaccinirt erscheinen, sind dann bei Anlass dieser ersten Un¬ 
tersuchung zu revacciniren, und mit Impfscheinen entsprechend zu versehen. 

Auch die in die Cadrescurse und später zu andern Cursen einzurückenden 
Mannschaften, Unterofficiere und Offleiere sind aufzufordern, ihre Revaccinationsscheine 
mitzubringen. 

Es ist sehr zu empfehlen, gleichzeitig auch die Revaccination der erst im Jahr 1876 
ins wehrpflichtige Alter tretenden Jünglinge anzuordnen, und zwar anlässlich der Kinder¬ 
impfung des Jahres 1875, wobei sich die Vortheile ergeben werden, dass wohl immer 
genug frischer Impfstoff vorhanden sein wird, und dass von Arm zu Arm geimpft werden 
kann. Ueberhaupt ist anzustreben, dass die Revaccination ein für 
allemal bei Anlass der Entlassung der Knaben aus der Schulpflicht 
und bes agter Vortheile wegen, gleichzeitig mi t d er Kin derimpfung 
angeordnet werde. 

Was die Revaccination der Saumseligen bei Anlass ihrer ersten Recrutenmusterung 
anbelangt, so empfehlen wir Ihnen die Impfungen vom Farren nach Vorgang des Herrn 
Physicus deWette in Basel oder mittelst Glycerinlymphe vornehmen zu lassen. 

Dez Vorsteher des eidg. Militärdepartements: Welti,“ 


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118 


Es ist sehr gut, dass den Cantonen auch der Weg gezeigt wird, auf welchem sie 
den Recruten zu einer rationellen Revaccination verhelfen sollen. In vielen Cantonen 
macht sich die 3ache einfach so, dass das Militäraufgebot die gedruckte Weisung ent¬ 
hält, der Einberufene habe sich revacciniren zu lassen. Kurz vor dem Dienstantritte 
kommen dann die Betreffenden zu dem unvorbereiteten Arzte und wollen revacciuirt sein, 
wobei es ihnen eben nur um die Einholung des nöthigen Scheines zu thun ist. Hat der 
Einberufene die nöthige Legitimation nicht, so bestraft ihn der Staat, der es doch unter- 
liess, sich durch vorhergehende Schritte mit dem Arzte zu verständigen. Abhülfe aus 
dieser Uebergangszeit bringen nur rationelle Gesetzes Vorschriften über obligatorische Re¬ 
vaccination. 


Obwalden« t Dr. Imfeld in Sarnen. In Sarnen starb in der Nacht vom 24./2Ö. 
Januar, kaum 30 Jahre alt, im kräftigsten Mannesalter, Dr. med. Christian Imfeld. Der 
Verewigte, aus angesehener Familie von Sarnen stammend, hatte nach absolvirter Gym¬ 
nasialbildung an den Universitäten von München und Bern Medicin studirt, an letzterem 
Orte als Doctor medicinie promovirt und alsdann seit 1868 in Kerns und in Folge Ueber- 
siedlung von seinem Heimathort seit 1871 in Sarnen als beliebter und frequentirter Arzt 
practicirt Seit mehreren Jahren versah derselbe neben seiner ansehnlichen Privatpraxis 
zugleich die Stelle als Badarzt im Schwändikaltbad bei Sarnen. Der Plan zu einem neuen 
und gro88artigem Etablissement ähnlicher Art, einer Wassercuranstalt in Engelberg, den 
der Verewigte entworfen, seit Jahren durch tausend Schwierigkeiten verfolgt und endlich 
der Ausführung nahe gebracht glaubte, wird wohl mit dem Tode seines Begründers zu¬ 
gleich auch sein eigenes Ende zu beklagen haben. Abgesehen von der practischen Be¬ 
tätigung, zeugen eine Menge von Beiträgen und Arbeiten in verschiedenen (medicinischen 
und andern) wissenschaftlichen Zeitschriften des In- und Auslandes von der reichen Be¬ 
gabung und der stetsfort regen geistigen Thätigkeit Imfeld' s. 

Das Vertrauen seiner Mitbürger hatte Imfeld auch zu practischer Mitarbeit auf dem 
Gebiete des Staatswesens berufen. 

In politischer Hinsicht war und galt Imfeld für liberal. So wenig Imfeld selbst, ausser 
bei besondern Anlässen , in der „Gesellschaft“ zu finden war — seine Mussestunden 
waren fast ausschliesslich dem Studium und der Lektüre gewidmet — war derselbe den¬ 
noch so thätig wie kaum ein Anderer für die Hebung und Erweiterung des geselligen 
Lebens; so arbeitete er während seines Aufenthaltes in Kerns an der Entwicklung des 
VereinBgesanges, sowie des gesellschaftlichen Schiesswesens; nach seiner Uebersiedlung 
nach Sarnen war er dort der Hauptbeförderer einer ständigen Bühne. 

Doch neben dem Arzte, neben dem Gebildeten und dem angehenden Staatsmanne be¬ 
dauern wir persönlich am Hingeschiedenen noch mehr den aufrichtigen Freund, den offe¬ 
nen loyalen Charakter. Imfeld war eine ideal angelegte Natur; der volle Kampf mit der 
Wirklichkeit des Lebens sollte ihm darum erspart werden. Er ruhe im Frieden ! 

(N. d. Bund.) 


Ausland. 


Chloroform. J. c. Barnes publicirt (im „Pharmaceutical Journal“ vom Decem- 
ber 1874) Beobachtungen über die gährung-verhindernde Wirkung des 
Chloroforms. Der Weingährung, dem Sauerwerden von Milch etc. wird durch einen 
Zusatz desselben vorgebeugt, oder wenn sie schon eingetreten, Einhalt gethan. Einfaches 
Erhitzen der betreffenden Flüssigkeiten treibt das Chloroform wieder aus. 

IjOndon« G. Thomson beschreibt (Lancet 1875, S. 46) eine bisher wohl noch nie 
beim Erwachsenen (und nur sehr selten bei kleinen Kindern) beobachtete E v e r s i o 
vesicae bei einer Frau von 40 und einigen Jahren. Dieselbe hatte 24 Stunden lang 
an heftiger acuter Cystitis mit starken spasmodischen Contractionen der Blase gelitten 
und liess ihn nun holen, weil sie bei einem Versuch Wasser zu lösen, plötzlich die furcht¬ 
barsten Schmerzen bekam. 

Er fand einen durch die sehr weite Harnröhre vorgefallenen, haselnussgrossen, har¬ 
ten, dunkelrothen, mit Concrementen bedeckten Tumor, den er im ersten Moment wie 
einen Polypen abtragen wollte. Nur die zu rechter Zeit entdeckte schleimhautähnliche 
Oberfläche hielt ihn davon ab nnd eine genaue Digitaluntersuchung der Urethra und des 


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119 


Stiels des Tumors überzeugte ihn, dass er es mit der prolabirten Blasenwand su thun 
habe. Er reponirte, — und bei entsprechender Therapie genas die Kranke rasch. 

Paris« Der Winter weist unter den vielfachen rein weltlichen Zerstreuungen der 
grossen Seinestadt auch solche auf, welche mit den Genüssen das Angenehme und Wohl- 
thätige verbinden. Das einst so beliebte und seit dem Kriege vernachlässigte Krippen- 
werk (les cröches) für die Kinder der Arbeiter hat in der bekannten Schriftstellerin 
Mme. Rat&zzi eine warme Förderin gefunden. Unter ihrem Patronage wurde vorigen 
Samstag ein grossartiges Concert veranstaltet, dem hervorragende Künstler ihre Mitwir¬ 
kung liehen und welches, Dank der Betheiligung eines Elitepublicums, glänzend ausfiel 
und dem oben erwähnten Zwecke einen namhaften Betrag zuführte. Neben den bereits 
berühmten Mitwirkenden errangen auch die beiden bildhübschen Töchter des italienischen 
Operncompositeurs Duigi Baldi einen bedeutenden und wohlverdienten Erfolg. Es ist 
Aussicht vorhanden, dass auch andere grandes dames, dem Beispiele der Mme. Ratazzi 
folgend, sich für das Krippenwerk interessiren werden, welches der arbeitenden Classe 
so erspriessliche Dienste geleistet hat. 

Tjrpluia auf Schiffen« Der letzte Bericht Über den Gesundheitszustand in 
der englischen Marine enthält Angaben über Ausbruch von Typnus auf mehreren könig¬ 
lichen und privaten Schiffen, welche sämmtlich in dem Hafen von Vigo ihr Trinkwasser 
für die Weiterreise geladen hatten. — Besonders bemerklich machte sich die Krankheit 
in dem Schiff „Narcissus“ , wo 18, und in der „Doris“, wo 16 Fälle vorkamen. Die 
ersten Fälle zeigten sich in beiden Schiffen auf hoher See, 14 Tage nachdem in Vigo 
die Anker waren gelichtet worden. Das Trinkwasser beider wurde bei der Analyse sehr 
verunreinigt und vollständig ungeeignet zum Consum gefunden. Auf andern Schiffen ergab 
die Untersuchung des Wassers negatives Resultat. 

(Es wird übrigens nicht näher berichtet über die localen sanitarischen Verhältnisse 
von Vigo.) 


Stand der Infectionz-Krankheiten In Basel« 

Vom 26. Januar bis 11. Februar. 

Eigentlicher Typhus wurde gar keiner gemeldet; dagegen scheinen nach eingezogenen 
Ertnindigungen febrile Abdominalcatart he sehr häufig zu sein. 

Die 2 letztgemeldeten Scharlachfälle datiren vom 26. und 29. Januar, und es scheint 
somit die 3. Invasion wieder ihr vorläufiges Ende erreicht zu haben. 

Leiohte Diphtherien immer noch zahlreich, ebenso Erysipele (14). Rubeola und Va¬ 
ricellen mögen wohl lange nicht alle zur Beobachtung und ira letztem Falle auch nicht 
alle zur Meldung kommen. 

Keuchhusten hat nicht aufgehört. Von Puerperalfieber sind Anfang dieses Monats 
4 Fälle gemeldet worden. 


Briefkasten. 


Herrn Dr. Schw. in St I.: Einverstanden. — Herrn Dr. Conrad : Merd. — Herrn C. W. Stein , 
St Gallen, Dr. Sch —r in M—s : Dankend erhalten. — Herrn Dr. ( 7 — r in B—1: Wird besorgt. — 
Herrn Dr, A. Vogt , Bern; Dr. B — r in L— n; Prof. Dr. Kocher , Bern; Dr. G. B—ff, Basel: Dankend 
erhalten. — Herrn Dr. Sch — r und Dr. Pf—r : Ihre Cant Corresp. erscheinen in nächster Nummer. 


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120 


Eidgenössischer Gesundheitsdienst. 

Zur Besorgung des Gesundheitsdienstes auf den verschiedenen Waffenplätzen der 
Schweiz werden Platzärzte gesucht. 

Diejenigen Herren Militärärzte, welche geneigt sind, eine solche Stelle zu überneh¬ 
men, werden ersucht, ihre Anmeldungen beförderlichst an den eidgOU. Oberfeldarzt 
zu richten. [H-530-Q] 

Bern, den 12. Februar 1875. _ 

Bekaiintmachung. 

In Zukunft werden alle diensttauglichen Medicin-Studirenden eine Infanterierekruten¬ 
schule durchzumachen haben. Dasselbe gilt dermalen auch für alle bereits patentirten, 
aber noch nicht brevetirten jungen Aerzte. 

Zur Erleichterung dieser letztem wird nun ausnahmsweise vom 7. März ab in Basel 
eine militärische Yorbildungsschule in der Dauer von 14 Tagen abgehalten werden und 
wird diese Schule denselben für eine ganze Infanterierekrutenschule zählen. 

Säinmtliche schweizerischen Aerzte, welche sich in besagtem Falle befinden, haben 
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in Gelterkinden. 


N: 5. V. Jahrg. 1875. 1. März. 


Inhalt: 1) Original arbeiten: Prof. Breisky, Uebcr die Expressionsmethode in der Geburtshülfe. Prof. Dr. Huguenin, 
Ueber Hirnejpbilis. (Fortsetzung.) — 2) Vereinsberichte: Aerztliclier Verein des Cantons St Gallen. — 3) Referate 
nnd Kritiken: Rechenschaftsbericht Ober die Verhältnisse und Leistangen der verschiedenen Anstalten der Insel-Corporation 
vom Jahre 1842 bis nnd mit 1873. Jahresbericht der Inselverwaltnng pro 1873 an die Direction des Innern. Prof. Dr. Bttdolf 
Bemme, Eilfter mediciniseber Bericht über die Thätigkeit des Jenner'schen Kinderspitales in Bern im Lanfe des Jahres 1873. 
Benne Kohlmann & A. v. lÄstke, Compendium säromtlirher Medicamente. Dr. Carl Herrn. Schauenburg, Handbuch der kriegs¬ 
chirurgischen Technik. Dr. Bemard Kraus, Compendium der neueren mediciniscben Wissenschaften. J. Budge, Compendium 
der Physiologie dee Menschen. Hermann Ulrid, Gott nnd der Mensch, L Leib nnd Seele. C. Schmidt, Wegweiser för das 
Ventftndniss der Anatomie, Dr. A, Hegar & Dr. R. Kaltenbach, Die operative Gynäkologie. — 4) Kantonale Cor- 
reepondenxen: Glarus; Luzern. ,— 5) Wochenbericht. 


Original-Arbeiten. 


Ueber die Expressionsmethode in der GeburtshQlfe. 


Von Prof. Breisky in Prag. 

(Mit Zugrundelegung eines Vortrags, gehalten in der Sommersitzung der medicinisch- 
chirurgischen Gesellschaft des Cantons Bern am 25. Juli 1874 zu Tavannes.) 

Während die Zuhülfenahme äusseren Druckes bei Entbindungen uralt ist und 
wir schon aus Christus Zeit Belege dafür kennen ( Celsus ), so ist die Einführung des 
Verfahrens der Expression als Methode bekanntlich ein Ergebniss neuester Zeit. 

Im Jahre 1860 hat Crede in der Naturforscherversammlung zu Königsberg den 
Impuls dazu gegeben, als er sein seither fast allgemein angewandtes Verfahren 
der Expression der Nachgeburt empfahl. Im Jahre 1867 suchte Krisleller in Berlin 
der Expressionsmethode eine weitere Ausdehnung zu gehen, indem er ihre An¬ 
wendbarkeit auch bei der Expulsion des ganzen Eies oder des Kindes in eingehen¬ 
der Weise erörterte und befürwortete. 

Dr. Krisleller 1 s Arbeit erregte mit Recht Beachtung und vielseitig wurde das 
Verfahren geprüft. Die Urtheile waren und sind heute noch nicht ganz überein¬ 
stimmend. Wenn auch soviel sicher ist, dass seitdem in einzelnen Fällen mit be¬ 
wussterem Plan von dem Verfahren Gebrauch gemacht, und auch in der Theorie 
gebührendermassen davon Notiz genommen wird, so lässt sich dennoch nicht be¬ 
haupten, dass in weiteren Kreisen Klarheit über die practische Bedeutung der Me¬ 
thode herrsche. 

Die Wichtigkeit der Sache veranlasst mich, mir einige Bemerkungen darüber 
zu erlauben, mit welchen ich Ihnen in Kürze die Ergebnisse meiner eigenen Er¬ 
fahrung über das Expressionsverfahren in ihren Schlussfolgerungen vorlege. 


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Lassen Sie mich zuvor kurz an die Technik erinnern, wie sie Crede für die 
Nachgeburtsexpression und Krisfeiler für die Expressio foetus lehrt« Crede umfasst 
den Uterus mit einer oder beiden Händen und drückt nur während der Wehe. 
Krisleller umfasst denselben mit beiden Händen (die Daumen nach der Mitte, die 
Ulnarränder nach dem Becken gerichtet) zur Seite der Frau stehend, und drückt, 
auch wenn keine Wehen da sind, 6—8 Secunden in Zwischenräumen von 2—5 Mi¬ 
nuten bis l !\ Stunde, je nach der Zeit der Geburt bis 40 Mal. 

Für Crede ist die Aufgabe, den Expulsionsdruck der Wehen durch die vis a 
tergo der comprimirenden Hand zu steigern, für Krisleller in jenen Fällen, wo 
Wehen wirken, dieselbe, wo sie aber sehr schwach sind oder gänzlich fehlen, gleich¬ 
zeitig durch den äusseren Druck solche hervorzurufen oder selbst zu ersetzen. — 
In Betreff der Steigerung des Expulsionsdruckes soll die Expression, wie beide 
Autoren mit Recht betonen, wesentlich das leisten, was sonst die Bauchpresse be¬ 
sorgt; es soll nämlich mittelst der äusserlich auf den Uterus applicirten und den¬ 
selben gleichzeitig fixirenden Hände gesteigert werden der zur Austreibung unzu¬ 
reichende Druck auf den Uterusinhalt, wodurch dieser zum Ausweichen nach dem 
Puncte des geringsten Widerstandes — dem geöffneten Muttermunde — getrieben 
wird; dadurch soll die Expression die Geburt bei unzureichenden Wehen auf na¬ 
türliche Weise ermöglichen, und in diesem Sinne die manuellen und instrumentellen 
Extractionen in manchen Fällen ersetzen. — 

Die Vortheile, welche dabei erreicht würden, liegen auf der Hand. Sie sind 
zum Theil schon von Rügen erkannt, am eingehendsten jedoch von Krisleller aus¬ 
einandergesetzt worden. Ich erinnere nur an die Vortheile, welche die gesicherte 
Haltung der Frucht bei der spontanen Geburt für Mutter und Kind im Vergleiche 
zur instrumentellen oder manuellen Auseinanderzerrung des Fruchtovoids durch 
die Extraction gewährt, und an den Ausschluss einer durch das Entbindungsver¬ 
fahren selbst veranlassten Infection. 

Wenn die Hoffnungen, welche man Anfangs vielfach in etwas sanguinischer 
Weise von dem Verfahren hegte, auf ein beschränkteres Mass zurückzuführen sind, 
so liegt dies daran, dass man die Bedingungen für die Wirksamkeit der Methode 
nicht hinreichend kannte und ihr darum zu weite Grenzen gesteckt hat. Eine Ein¬ 
schränkung derselben wird die Methode selbst nicht anfechten, sondern insofern 
festigen, als sie eine grössere Sicherheit des Erfolgs innerhalb der engeren Gren¬ 
zen der Anwendbarkeit gewährleistet. 

Zur richtigen Würdigung der Expressio muss daran festgehalten werden, dass 
ihr Werth nicht in ihrer „dynamischen“ (durch die äussere Reizung des Uterus 
wehenerregenden) Leistung gesucht werden darf. Denn dieser Antheil der Wir¬ 
kung ist, wenn er auch nicht gänzlich negirt werden soll, doch verschwindend klein 
im Vergleich zum directen mechanischen Effect des Verfahrens, zumal in jenen 
Fällen, wo die Expression zum Ersatz unzureichender Wehen eintreten soll. Mir 
wenigstens hat sich diese Ueberzeugung jedesmal aufgedrängt, wenn ich von der 
Expression Gebrauch machte. — 

Von dieser Voraussetzung ausgehend müssen wir zunächst in Betracht ziehen 
die Grösse der Kraft, welche uns für das Verfahren zu Gebot steht und 


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hiefur zulässig ist. Diese ist zwar nicht genauer bestimmt (von KristeUer wird sie 
auf ungefähr 8 Kilogramm Druck veranschlagt), allein wir sind genöthigt anzu¬ 
nehmen, dass sie jedenfalls bei weitem hinter der Kraft des Wehendruckes, und 
ebenso hinter der für die Extraction verfügbaren Kraft zurücksteht Es kann da¬ 
rum die Expression jene Geburtswiderstände nicht überwinden, welche die Wehen 
oder die Extractionsoperationen zu überwinden vermögen, deshalb kann auch im 
Allgemeinen nicht gesagt werden, dass die Expression die Wehen oder die Ex¬ 
traction zu ersetzen im Stande sei. Sie wirkt vielmehr ganz wie die Bauch¬ 
presse durch die Hinzufügung einer relativ geringen addi- 
tionellen Kraft zur Contraction und hat dann Erfolg, wenn die gleich 
anzuführenden Bedingungen für den Angriff der Kraft und den Widerstand günstig sind. 

Der Angriff der Kraft, der die Richtung des Druckes bestimmt, setzt, 
um wirksam zu sein, voraus, dass der von aussen gedrückte Uterus nicht nach 
einer andern vom Druck freien Stelle seiner Wandungen eine compensirende Aus¬ 
dehnung erfährt, welche die beabsichtigte Richtung des Druckes gegen den 
Muttermund aufhebt. Dazu gehört vor Allem, dass das Volumen des Uterus klein 
genug ist, um die Compression auf einen möglichst grossen Umfang seines Kör¬ 
pers und Grundes einwirken zu lassen, oder mit andern Worten: der Uterus 
muss von den comprimirenden Händen möglichst vollstän¬ 
dig umgriffen werden können. — Es ist dies ein Hauptpunct, der 
meines Wissens seit Krisleller 's Verallgemeinerung der Methode in der betreffenden 
Discussion nicht gebührend betont worden ist. In ihm liegt ein wesentlicher Grund, 
warum die Expression ihre besten Erfolge in der Nachgeburtszeit, ferner bei Abor¬ 
ten, dann in jenen Stadien der Austreibung reifer Früchte aufzuweisen hat, in 
welchen ein grösserer Theil des Kindeskörpers den Uterus bereits verlassen hat. 

Das Ausweichen der Uteruswandungen vor dem Drucke nach einer anderen 
Richtung als der erwünschten, wird ausserdem noch durch zwei Umstände be¬ 
schränkt, deren einer in allen Fällen, der andere nur bei der Expressio fcstus zur 
Geltung kommt. Der erstere besteht in der Erhärtung und Spannung der Uterus¬ 
wände während der Wehen, und auch dieses Moment weist darauf hin, dass der 
Druck während der Wehen ausgeübt werden muss 5 der andere liegt in der Resi¬ 
stenz des kindlichen Rumpfs, welcher bei vorgeschrittener Geburt in Längslagen 
durch Ausfüllung von Uterus und Scheide das seitliche Ausweichen des ersteren 
vor dem Drucke verhindern hilft. — Allein sämmtliche günstigen Bedingungen für 
den erfolgreichen Angriff der Kraft reichen nicht aus, wenn der Widerstand zu be¬ 
deutend ist. 

Die zweite wesentliche Bedingung für das Gelingen der Expres¬ 
sion liegt nämlich darin, dass die Grösse des Widerstandes nicht 
erheblich ist, um nicht im Missverhältniss zu stehen zur relativ geringen 
Kraft. — Es ist selbstverständlich, dass jene ungewöhnlich hohen Widerstände der 
Expulsion, welche durch Missverhältnisse zwischen Kopf und Becken oder fehlerhaft 
gelagerter Frucht im Becken u. dgl. bewirkt werden, einen Erfolg der Expression 
nicht zulassen und dass unter solchen Umständen das Verfahren höchstens als Ad¬ 
juvans anderer entbindender Operationen, also in untergeordneter Rolle in Betracht 


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kommen kann. Allein auch bei völlig gesicherten Längslagen der Frucht im ge- 
räumigen Becken, ja auch beim Abortus und in der Nachgeburtszeit ist nach mei¬ 
ner Erfahrung der geringe Widerstand eine indispensable Bedingung für den Er¬ 
folg des Verfahrens. Der Widerstand der mütterlichen Weichthcile, der hier in 
Betracht kommt, liegt hauptsächlich im Umfang der untern Uterinostien, besonders 
des innern Muttermundes, für die Expressio foetus aber auch mitunter in der 
Straffheit der Scheide und Enge ihres Ostiums sowie im gedehnten und gespann¬ 
ten Beckenboden (perinseum). 

In der Nachgeburtszeit nach vorausgegangener höchster Ausdehnung der Ute¬ 
rinostien, des Uterushalses, der Scheide und äusseren Genitalien ist der Wider¬ 
stand regelmässig gering, daher auch diese zweite Bedingung im günstigsten Masse 
vorhanden. Am abnorm gesteigerten Widerstande bei krampfigen Constrictionen 
des unteren Körpersegments scheitert dagegen auch um diese Zeit das Verfahren. 

Ebenso darf bei der Expressio foetus eine stärkere Einschnürung im untern 
Uterinabschnitt nicht bestehen; ist sie vorhanden wie bei krampfhafter Strictur oder 
umschnürt nur der innere Muttermund während der Wehe kräftig eine engere 
Stelle des Fruchtkörpers (Hals), so bleibt der Erfolg aus. Um den Uterusinhalt 
damit austreiben zu können, muss jede stärkere Verengerung des innern Mutter¬ 
mundes dadurch unmöglich gemacht sein, dass er bereits durch einen grossen 
Kindestheil (Kopf oder Rumpf) oder Eitheil (gespannte Blase) ausgedehnt ist. Der 
Widerstand des Collum uteri und äussern Muttermundes kommt um diese Zeit der 
Geburt, wo die Expression eintreten kann, in der Regel nicht mehr in Betracht. 
Sollte er aber ausnahmsweise noch hervortreten, so würde auch er die Wirkung 
des Verfahrens vereiteln. Die Scheide und äusseren Genitalien mit dem Becken¬ 
boden werden, wie bemerkt, nur der Expression grösserer Früchte resistiren. Bei 
der Mehrzahl der Erstgebärenden ist aber dieser Widerstand am Ausgang des Ge¬ 
burtscanals zu gross, um den vorliegenden Kopf exprimiren zu lassen und bleibt 
darum meist bei Kopflagen nichts übrig, als die Extraction mit der Zange, wenn 
die austreibenden Kräfte erlahmt sind. Günstiger gestaltet sich die Sache bei den 
Beckenendlagcn, zumal wenn der Steiss die äusseren Genitalien passirt hat. — Es 
gilt hierbei vom Collum und äussern Muttermund, von der Scheide und dem 
Scheidenmund dasselbe , was vom innern Muttermund gesagt wurde: e s m u s s 
eben das ganze Genitalrohr vom innern Muttermund ab durch den 
resistenten Fruchtkörper ausgedehnt und ausgefüllt sein, 
damit die zu starken Widerstände jener Ostienabschnitte beseitigt sind, wenn 
die Austreibung der Frucht durch die Expressio ersicht¬ 
lich gefördert werden soll. 

Diese Bedingungen des Angriffs der Kraft und des Widerstandes muss ich bei 
der für die Expression gegebenen Kraft für den mechanischen Erfolg des Verfah¬ 
rens als nothwendig festhalten. Es ergibt sich daraus eine bedeutende Einschrän¬ 
kung seiner Anwendbarkeit gegenüber den Anschauungen Kristeller 's •), dessen Ver¬ 
dienst und Initiative in dieser Sache ich übrigens volle Anerkennung zolle. 

# ) K. hält z. B. dafür (Monatshfh f. Geb., Bd. 29, pag. 365 et seq.) , dass bei Schieflagen der 
Herstellung der Geradlage durch äussere Handgriffe die Expressio unmittelbar folgen kann , während 


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Eine andere Frage als nach den Bedingungen des Erfolgs ist die nach der 
Zulässigkeit der Anwendung des Verfahrens überhaupt, und hierüber bemerkt Äri- 
steller sehr richtig, dass bei entzündlichen Affectionen der Bauchdecken, des Ute¬ 
rus etc. davon kein Gebrauch gemacht werden kann. Derlei Zustände sind nicht 
häufig und rufen beim ersten Versuch der Expression einen so energischen Protest 
seitens der Gebärenden hervor, dass nicht leicht die Gefahr vorliegt, mit ihnen zu 
collidiren, es wäre denn, dass man in tiefer Narcose der Frau manipulirb Immer¬ 
hin muss man sich diese Collision gegenwärtig halten, und sich auch bei Ge¬ 
sunden daran erinnern, dass zu kräftiges, ungleich vertheiltes 
und zu oft wiederholtes Quetschen des Uterus vom Uebel 
sein kann, und bereits mehr als ein Fall beobachtet worden ist, wo traumatische 
Metritiden und Perimetritiden auch äusserlich applicirten Insulten der Gebärmutter 
gefolgt sind. 

Wenn das Verfahren in der Gewalt des Druckes und in dessen möglichst 
gleichmässiger Vertheilung Mass hält, so kann es unter den oben auseinanderge¬ 
setzten Bedingungen unbedenklich ohfte Narcose angewendet werden, ja es 
wird dies rathsam sein, um in der Empfindlichkeit der Frau einen Massstab mehr 
zur Regulirung der angewandten Kraft zu bewahren. Die Opposition allzu em¬ 
pfindlicher und ängstlicher Frauen darf uns freilich niemals bestimmen, auf die 
evidenten Vortheile zu verzichten, welche uns dasselbe bietet. 

Ich halte den Werth der Expressionsmethode für erwiesen: 

1 . Vor Allem in der Nachgeburtszeit. 

Zur Technik sei mir hier nachstehende kleine Bemerkung erlaubt. Wenn der 
Uterus nicht zu gross ist, verwenden wir hierbei immer nur die eine Hand, damit 
die andere bereit sei, die exprimirte Placenta dicht vor den Genitalien in Empfang 
zu nehmen. Fällt die Placenta ohne diese Vorsichtsmassregel auf die Unterlage, 
so zerrt sie am Eihautstrange und reisst ihn zuweilen mit Zurücklassung von Ei¬ 
hautresten in utero durch. Bei massigem Uterus (nach Zwillingen etc.), wo beide 
Hände zum Exprimiren nöthig sind, muss das Empfangen der Placenta von einem 
Gehülfen besorgt werden. 

Auch nach Ausstossung der Nachgeburt kann die Expression 
nicht selten zur Austreibung von Blutcoagulis eine nützliche An¬ 
wendung finden. 

2 . Zur Entleerung des Uterus beim A b o r t u s, wenn bei dilatirtem Collum 
und eröffnetera Muttermund noch ein erheblicher Theil des Eies im Uteruskörper 
steckt, während der Rest das Collum oder Collum und Scheide ausfüllt. 

3. Für die Expression einer grösseren Frucht dann, wenn sie sich in 
Beckenendlage befindet und zwar besonders nach dem Durchschnei¬ 
den des Steisses. Ueber den Werth der Hülfskraft, welche die Expression 


ich bei solchem Hocbstand des Kopfes die Expression noch für gänzlich ausser Frage halte. K. 
spricht unter den Bedingungen zwar mit Recht von „einer gewissen Gunst der räumlichen Verhältnisse 
zwischen Kopf und Becken u . Dagegen bemerkt er: „8oll die Expression nur Weben auslösen oder 
eine Strictura orificii eröffnen, so ist ja hiermit ein gewisses Unvorbereitetsein der Weichtheile vor¬ 
ausgesetzt u Meine Wahrnehmungen sprechen entschieden dagegen, dass die Expresslo die Aufgabe 
haben kann, Wehen auszulösen oder eine Strictur des orif. Uteri su öffnen. 


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einsetzt, herrscht für die Beckenendlage kaum eine Meinungsverschiedenheit, wohl 
aber nichts weniger als Klarheit und Verständigung über den practisch wichtigsten 
Punct dabei, über den richtigen Zeitpunct ihrer Anwendung in diesem Falle. Ge¬ 
statten Sie mir deshalb noch ein paar Worte zu dieser Frage. 

Es kommt hierbei bekanntlich vor Allem darauf an, den möglichst raschen 
Austritt der oberen Rumpfhälfte und des Kopfes zu bewirken. Dies wird weder 
durch ein zu frühzeitiges, noch durch ein zu spätes Exprimiren erreicht. Speciell 
möchte ich bemerken, dass der so oft empfohlene äussere Druck auf den Kopf 
nach geborenem Rumpf und gelösten Armen ganz gewöhnlich das nicht leistet, 
was man von ihm erwartet Der Grund ist meistens der, dass die Retraction des 
innern Muttermundes um den engen Hals den Widerstand für die Expression zu 
sehr steigert, zumal als dadurch der Kopf gleichzeitig in Deilexionsstellung ge¬ 
drängt ist. Die dadurch bewirkte Verzögerung des Austritts des Kopfes reicht 
hin, um trotz der Expressio dem Kinde das Leben zu kosten. Ich spreche hier 
nicht vom engen Becken, bei welchem, abgesehen vom unverhältnissmässig grossen 
Widerstande, noch andere besondere Contraindicationen gegen die Expressio vor¬ 
liegen können, wie z. B. wenn — wie ich beobachtete — sich das ganze Corpus 
uteri hinter den Kopf bereits zurückgezogen hat und der Kopf im stark ausgedehn¬ 
ten Collum über dem verengten Beckeneingang steckt. Aeusserer Druck könnte 
hier nur zur Ruptur des Cervix führen. — Die Expression bei Beckenendlagen muss 
nach meiner Ansicht nach dem Durchschneiden des Steisses ge¬ 
macht werden zur Verstärkung jener Wehe, welche nun den 
Rest des Rumpfes austreiben soll. Jetzt ist die Combination den 
Bedingungen für den Angriff der Kraft und den Widerstand am günstigsten, daher 
effective Wirkung zu erwarten. Wenn nun mit Hülfe des Druckes die Wehe den 
ganzen Rumpf austreibt oder wenigstens die Schultern bis zum Beckenausgang 
treibt, so ist nicht nur für leichte Lösung der Arme gesorgt, sondern auch dafür, 
dass der Kopf mit seinem Tiefertreten ins Becken den innern Muttermund theil- 
weise wenigstens passirt und somit ausgedehnt erhält. Dann wird die manuale 
Extraction des Kopfes leicht werden, weil er in günstigster Haltung vorliegt und 
ihm kein erheblicher Widerstand ausser dem Perinaeum mehr entgegensteht. 

Beim vorliegenden Kopf ist, soviel ich sehe, auch bei bedeutendem Tiefstand 
der Widerstand des Scheideneingangs und Perinseums in der Regel zu gross für 
die Expressio; zudem ist dabei die Angriffsbedingung weniger günstig, weil der 
Uterus vor theilweisem Durchschneiden des Kopfes der reifen Frucht noch zu 
gross ist 

Nur ausnahmsweise bei recht geringem Widerstand wird man hier vom Ver¬ 
fahren den Erfolg sehen, welchen Kristeller beobachtete. Ausnahmsweise kann es 
auch Vorkommen, dass in der Nachgeburtszeit bei gelöster Placenta der Widerstand 
so reducirt ist, dass es selbst gelingt, den Uterusinhalt ausser der Wehe zu ex¬ 
primiren. 

Aus derartigen Ausnahmen darf man indessen keine Schlüsse in die Aufstel¬ 
lung der Regeln des Verfahrens übertragen, wenn man nicht Gefahr laufen will, 
in seinem Urtheil bei der nächsten Gelegenheit schwankend gemacht zu werden. 


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Auf die Zweckmässigkeit der Verbindung der Expression mit den Extrac- 
tionsoperationen gehe ich nicht näher ein, sie unterliegt im Allgemeinen keinem 
Zweifel. 


Ueber Hirnsyphilis. 

Von Prof. Dr. Huguenin in Zürich. 

(Fortsetzung.) 

Da kein Zweifel existiren kann, dass es sich im oben mitgetheilten Falle uni 
eine Heerd-Erkrankung im Hirne an der Prädilectionsstelle der Erweichungs- und 
apoplectischen Heerde handelte, so war es geboten, genauer nach der Aetiologie 
einer solchen sich zu erkundigen. Bei dem in Bede stehenden Kranken war es 
unmöglich, einen embolischen Vorgang anzuschuldigen, weil absolut keine embo- 
lische Quelle zu finden war; zudem passte das Entstehen der Lähmung nicht zu 
einer Embolie. Eine Thrombose einer intercerebralen Arterie anzunehmen, war 
man ebenso wenig berechtigt, weil eine Gefässanomalie erstlich nicht zu finden 
und auch beim Alter des Kranken nicht anzunebmen war. Eine Apoplexie war 
ebenso unwahrscheinlich. Endlich ein latentes Hirnleiden anzunehmen, dessen 
erstes Symptom gleich Hemiplegie gewesen und zwar nur Hemiplegie ohne irgend 
ein anderes Zeichen war auch nicht möglich. 

Dagegen existiren in der Litteratur eine ziemliche Anzahl ähnlicher Fälle, wie 
die Zusammenstellungen von Gildemeester , Steenberg , Braus und Heubner ergeben. 
Immer haben sie als unbegreifliche Dinge imponirt, bis in neuester Zeit die Heub- 
nir’schen Untersuchungen Licht in die Sache gebracht haben. Derselbe hat in 
eingehender Weise die Veränderungen der Hirnarterien bei Lucs untersucht: 

Es hat sich ergeben, dass in der Gefasswand eine Neubildung entsteht, welche 
an sich für Syphilis nichts Specifisches hat, wenigstens mit den gummatösen Ver¬ 
änderungen nicht zusammengestellt werden kann. Zwischen der lamina fenestrata 
der Innenhaut und dem Endothel entwickelt sich eine vom Endothel ausgehende, 
auf ziemlich weite Strecken sich verbreitende Wucherung neuer zählebiger Zellen, 
welche sehr lange ihre Form und Gestalt ohne alle Veränderung beibehalten, 
welche das Endothel des Gefässes, wenigstens seine glatte Oberfläche, durchaus 
nicht lädiren, aber zu einer Kaliberverminderung des Gefässes führen, indem sie 
das Endothel vor sich her drängen. Dies kann in sehr verschiedenem Maasse ge¬ 
schehen, entweder ist das Gcfäss eine Strecke weit blos verengt, so dass kein we¬ 
sentliches Hindemiss für den Blutstrom resultirt, oder es ist das Gefäss so enge, 
dass schliesslich von einem Verschwinden seines Lumens gesprochen werden muss. 
In solchen Fällen allerdings bemerkt man dann der Länge nach eine Fältelung 
des Endothels, welche die Bolle einer atheromatösen Bauhigkeit zu spielen im 
Stande ist. An solchen Stellen lagern sich faserstofflge Gerinnsel ab, welche eine 
Zeit lang das Durchtreten einer Welle noch gestatten, einmal aber wird die Ver¬ 
stopfung eine totale und die Welle wird in das periphere Arterienstück nicht mehr 
eintreten. 


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Die Veränderungen sind von Heubner an den verschiedensten Arterien naebge- 
wiesen (A. Vertebralis, Basilaris, Profunda, A.corp. callos., A. fossse Sylvii, Carotis). — 

Diese Aufschlüsse sind höchst werthvoll; Heubner hat sie aber durch verschie¬ 
dene Erwägungen und Nachweise ergänzt, welche für das Verständniss der embo- 
lischen Vorgänge überhaupt höchst wichtig sind. 

Die Wirkung der Verstopfung, sei sie eine langsam oder schnell eintretende, 
ist nach der Arterie, welche es betrifft, eine verschiedene. Dies ist eine längst 
bekannte Thatsache, indessen hat doch bisher die Einsicht gefehlt, warum Embo- 
lieen der Art. foss, Sylvii z. B., welche in ihrem Verlaufe von der Carotis bis zur 
Inselrinde sitzen, so sehr verschiedene Symptome machen. Einmal einen ganz 
schnell vorübergehenden Verlust des Bewusstseins und weiter nichts, ein zweites 
Mal das Gleiche, aber mit einer transitorischen Hemiplegie, ein drittes Mal Verlust 
des Bewusstseins mit einer bleibenden Hemiplegie und in einem vierten Falle nur 
eine hemiplegische Störung, während das Sensorium gänzlich intact bleibt. Aehn- 
liche Differenzen sind schon gesehen worden bei der Embolie der Art. corp. callos. 
und Profunda Cerebri. 

a. Profunda. Dieselbe kann zwischen ihrem Entstehen aus der Basilaris 
und dem Ramus communic. post, verstopft werden, ohne dass irgend eine schäd¬ 
liche Wirkung hervortritt, namentlich wenn die Verstopfung keine ganz plötzlich 
eintretende ist. Es wird ihr peripheres Gebiet (Vierhügel, Thalamus, angrenzende 
Rinde der medialen Hirnfläche) sofort alimentirt durch einen starken durch den 
Ramus communicans von der Carotis oder A. foss. Sylvii her andringenden Blut¬ 
strom. — Sie kann ferner verstopft werden zwischen dem Ramus comm. post, und 
ihrer peripheren Ausbreitung; hier ist die Ausgleichung schon ungleich schwieri¬ 
ger. Auf der' betreffenden Hirnoberfläche allerdings wird ein Collateralkreislauf 
wegen der ungeheuren Menge der Anostoraosen schnell zu Stande kommen, im 
Thalamus aber kann es zu Erweichung kommen, nach einem später zu beschrei¬ 
benden Vorgänge. Immerhin wird eine solche Erweichung im Thalamus wenig¬ 
stens keine hemiplegischen Symptome zu Stande bringen, wenn sie nicht auf die 
anliegende Capsula int. übergreift. Letzteres ist allerdings hie und da der Fall. 
Was die vorübergehende Circulationsstörung auf der Rinde anbetrifft, so hat man 
bei der Profunda gesehen, dass ihr entsprach ein vorübergehendes Schwinden des 
Bewusstseins, oder ein kurzer intensiver Schwindel mit starken dysästhetischen 
Sensibilitätsstörungen der gegenüberliegenden Seite, welche aber bald wieder ver¬ 
schwanden. — 

b. Art. fossae Sylvii. Dieselbe verbreitet sich auf der Rinde der Insel 
und der Ränder derselben, in eine inconstante Zahl von Aesten zerfahrend. Wird 
sie verstopft, bevor sie in diese peripheren Aeste sich theilt, so ist die Wirkung 
eine verschiedene. Stellt sich der Kreislauf bei nicht völlig gesunden Gefässen 
nicht sofort wieder her, so kann oberflächliche Erweichung der Rinde die Folge 
sein. Dies macht einen temporären Verlust des Bewusstseins, weil ein sehr gros¬ 
ses Oberflächengebiet plötzlich blutleer wird; ist die linke Arterie befallen, eine 
zurückbleibende aphasische Störung, hat aber keine Wirkung auf die Moti¬ 
lität der gegenüberliegenden Körperseite. 


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129 


Wird blos einer der peripheren Aeste verstopft, so kommt es vielleicht zu 
einem leichten transitorischen Anfall von Schwindel, die Störung wird aber durch 
die andern Aeste sofort wieder ausgeglichen. — 

Wenn aber schliesslich die Verstopfung stattfindet zwischen der Carotis und 
derjenigen Stelle, wo der Stamm in seine peripheren Aeste zerfahrt, also im An-* 
fangsstück der Arterie, so ist die unausbleibliche Folge Störung des Bewusst¬ 
seins (plötzliche Anämie eines bedeutenden Rindengebietes), unter Umständen 
Aphasie (wenn die Affection links und ein sofortiger genügender Collateralkreis- 
lauf wegen anderweitiger Verhältnisse nicht möglich ist), dazu kommt aber He¬ 
miplegie, entweder transitorisch, wenn ein collateraler Kreislauf in der Tiefe 
der Hirnganglien entsteht, oder bleibend, wenn es daselbst zur Erweichung kommt. 
Der Grund, liegt darin — und darauf hat Heubner namentlich aufmerksam gemacht 
— dass vom Anfangsstück der Art. foss. Sylvii einige oder eine Arterie 
senkrecht in die Tiefe der Hemisphäre aufsteigt, welche sich vertheilt in einem 
Theile des Linsenkerns und dem hintern Theile der caps. int. Es 
wird somit eine motorische Affection der gegenüberliegenden Seite sofort begreif¬ 
lich. Man wird also bei der Art. foss® Sylvii nunmehr zwei arterielle Gebiete 
von einander zu trennen haben, ein oberflächliches, die terminalen Zweige der In- 
sclrinde, und ein tiefes, die Aeste zum Centrum der Hemisphäre; dass bei einem 
kleinen, in einem Terminalast stecken bleibenden Embolus der Linsenkern mit 
einer Kapsel somit intact bleiben wird, liegt auf der Hand. 

c. Art. corporis callosi. Hier finden sich ganz ähnliche Verhältnisse. 
Sobald ein Endast derselben, oder ihr Stamm zwischen Ramus commun. ant und 
Carotis verstopft wird, kann es abgehen mit einem vorübergehenden Schwindcl¬ 
anfall, oder transitorischer Bewusstlosigkeit. Zu Lähmungen kommt es.wegen des 
Reichthums an Collateralen der Oberfläche nicht. 

Sobald aber das allererste Anfangsstück der betreffenden Arterie verstopft 
wird, so wird damit ein oder mehrere abgehende Aeste verlegt, welche aufsteigen 
ebenfalls in das Gebiet der grossen Ganglien und zwar zum Kopf des Streifen¬ 
hügels und dem vordem Theil der Caps- interna. Dies, macht, wenn Erweichung 
eintritt, Lähmung der gegenüberliegenden Seite, tritt sie nicht ein, wenigstens 
eine transitorische Lähmung. Aphasische Störungen resultiren hier niemals. — 

Es ist hinzuzufügen, dass bei den Hemiplegien, welche aus der besprochenen 
Verstopfung der A. foss® Sylvii und A. corp. callosi resultiren, die begleitenden 
Facialis-Lähmungen solche sind, welche sich auf Mund- und Nasenäste beschrän¬ 
ken. Im oben angeführten Falle ist dies namentlich hervorgehoben. — 

d. Carotis cerebralis- Auf die Symptome der Verstopfung der Carotis, 
sowie der Art. basilaris gehe ich hier nicht ein, weil uns dies von unserm Zweck 
zu weit abführen würde. 

Aus den obigen Anführungen geht nunmehr hervor, dass zwischen den einzel¬ 
nen Arterien stücken oder Abtheilungen ein grosser Unterschied besteht; auch 
in dieser Beziehung haben Heubner 's Angaben Licht geschaffen. Wir haben ange¬ 
führt, dass namentlich von der Art. foss® Sylvii und A. corporis callosi in senk¬ 
rechter Richtung ein Artcrienzweig (tiefe Arterienbahn) zu den Grosshirnganglien 


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aufsteigt, welcher in Bezug auf die Ernährung der letztem der hauptsächlichste 
Blutleiter ist. Die tiefe Bahn, welche von der Art. corp. callos. abgeht, versieht 
den Kopf des Streifenhügels, den vordem Theil der Caps: int., das I. und IL Glied 
des Linsenkerns. Der entsprechende Ast der Art. foss. Sylvii versieht: den hin¬ 
tern Theil der Caps, int., die Vormauer, das III. Glied des Linsenkerns; endlich 
ist eine analoge Bahn der A. Profunda oben auch schon angeführt worden, welche 
zum Thalamus und Vierhügel sich vertheilt. Alle oberflächlichen Verzweigungen 
der genannten Arterien aber gehen zur Pia, resp. zur Oberfläche des Hirnes. 

Zwischen diesen Bahnen müssen fundamentale Unterschiede existiren; es war 
schon längst bekannt, dass eine Verstopfung der oberflächlichen Bahn durch einen 
Embolus, der in der Arterie nicht eine allzu grosse Länge einnimmt, in der gröss¬ 
ten Mehrzahl der Fälle spurlos vorübergeht, dass aber Embolien der Anfangs¬ 
stücke, wo die tiefen Gefässe in die Ganglien hinein abgehen, meist mit 
Hemiplegien endigen. Heubner hat die Sache durch Experimente ins Klare 
gesetzt. 

Injectionen der verschiedenen Arterien und deren einzelnen Aeste ergeben, dass 
die tiefen Aeste sehr wenige Anastomosen besitzen, die oberflächlichen Pia-Aeste 
aber eine solche Menge, dass das Nichtzustandekommen eines genügenden Col- 
lateralkreislaufes bei einer Embolie der Oberfläche, sofern die Gefässe gesund 
sind, eigentlich unmöglich ist. Sehr viel schwerer wird eine solche Ausgleichung 
entstehen in der Tiefe des Hirns, in den Ganglien. Es wird daselbst unter Um¬ 
ständen zum hämorrhagischen Infarct der Hirnsubstanz kommen, während die 
Rinde des Hirns nur eine höchst transitorische Störung erleidet. Damit stimmt 
nun die klinische Erfahrung auf das Beste überein: 

1 . Werden oberflächliche Gebiete verstopft, so ist der Effect zumeist Schwin¬ 
del und Verlust des Bewusstseins; in der Mehrzahl der Fälle baldige Integrität. 
Bei ungünstigen Verhältnissen, kranken Gefässen z. B. Oberflächennecrose; da 
es zumeist die linke Art. foss. Sylvii betrifft, so ist die Aphasie eine häufige 
Folge. — 

2 . Werden Aeste der tiefen Gebiete verstopft, so ist zweierlei auseinander 
zu halten: 

a) Verstopfung des Stammes an der Stelle, wo die tiefe Arterie abgeht; in 
diesem Falle erfolgt Schwindel mit Bewusstseins Verlust, aber transitorisch, dazu 
eine transitorische, oder bleibende (letzteres häufiger) Hemiplegie der gegenüber¬ 
liegenden Seite. 

b) Verstopfung der tiefen Arterie allein; macht durchaus keinen Schwindel 
oder Verlust des Bewusstseins. Es erfolgt eine vorübergehende oder bleibende 
Hemiplegie der gegenüberliegenden Seite, je nachdem die durch die Embolie ge¬ 
setzte Stase sich sofort wieder ausgleicht, oder zur Necrose resp. dem hämorrha¬ 
gischen Infarcte führt. 

Dies Alles erklärt nun sehr gut die mannigfachen Verlaufsdiflferenzen, welche 
bei den embolischen Anfällen gesehen werden; wir fügen hinzu, dass A. foss® 
Sylvii und A. corp. callosi ungefähr die gleichen Symptome, wenn sie Emboli be¬ 
kommen, liefern; Aphasie gehört der A. foss« Sylvii an. Die Aehnlichkeit de r 


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Symptome aber ist leicht zu erklären, sobald man die oben angegebene Verkei¬ 
lung der tiefen Aeste in den Ganglien ins Auge fasst. 

Alle diese Erfahrungen können wir übertragen von der Embolie auf die Throm¬ 
bose in den betreffenden Arterien. Die Erfahrung zeigt, dass wenn ihre Wände 
krank sind (Atherom), ihre Intima rauh geworden, ihr Lumen bedeutend geringer 
ist, dass dann eine spontane Thrombose leicht eintreten kann. Von den anatomi¬ 
schen Wirkungen derselben gilt ganz das Gleiche, wie oben von den Embolien 
angeführt. Was ihre klinischen anbetrifft, so nähern sie sich ebenfalls in hohem 
Grade dem aufgestellten Schema, nur laufen alle Symptomenreihen langsamer ab, 
und es sind die Thrombosen der oberflächlichen Aeste ungleich seltener, als die 
der tiefen Gebiete. 

Ein zweiter Hauptunterschied der langsam eintretenden Thrombose gegenüber 
der Embolie liegt darin, dass die Wirkungen auf das Sensorium, wenn 
es oberflächliche Aeste betrifft, zu rück treten. Es ist dies begreiflich, denn 
wenn ein Zufluss zu dem Gefässnetze der Pia sich nach und nach verengert, 
so ist die Ausgleichung eine bedeutend leichtere. 

Gehen wir nun, mit diesen Erfahrungen bewaffnet, wieder zu unserem Falle 
zurück, so ist die Localität sowohl, als auch die Art des Processes nunmehr be¬ 
stimmbar. 

1 . Das thrombosirte Arterienstück ist das Anfangsstück der Art. fosssß Sylvii 
oder A. corporis callosi. (Ist keine Aphasie dabei, so bin ich noch nicht im 
Stande, diese beiden Localitäten auseinander zu halten, wie neulich ein Fall, wo 
die Unterscheidung versucht wurde, bewies.) Es ist dadurch die Abgangsstclle 
des tiefen Arterienzuges betroffen worden. 

2 . Es ist dadurch in der rechten Hemisphäre ein hämorrhagischer Infarct zu 
Stande gekommen, der seine unausweichlichen Umwandlungen zum necrotischen 
Heerde durchmachen wird. Derselbe muss sitzen im Gebiete des Streifenhügels, 
Linsenkerns und der Caps. int. — Sehr weit nach hinten kann er wegen mangeln¬ 
der Sensibilitätsstörungen nicht gelegen sein. 

3. Der Heerd hat sich gebildet in der Weise, wie ein analoger Erweichungs- 
heerd bei Encephalomalacia senilis sich bildet. Es ist nicht der Gang der Em¬ 
bolie, sondern derjenige der Thrombose. 

4. Bewusstseinsverlust ist nicht eingetreten, weil die langsame Verstopfung 
(Thrombose) auf der Oberfläche eine langsame Ausgleichung gestattete. Man 
könnte auch annehmen, dass blos die in die Tiefe führenden Arterien verstopft 
worden sind; es würde dies dem Gange der klinischen Symptome noch eher ent¬ 
sprechen. Aber es ist die specifische Arterien-Erkrankung von den intracerebralen 
Arterien noch nicht bekannt. 

5. Wahrscheinlich muss die betreffende Erkrankung aber nicht an den letztem 
angenommen werden, denn trotz langsamen Eintretens der Verstopfung bildete sich 
ein hämorrhagischer Infarct. Die Verhältnisse sind somit genau, wie in analogen 
Fällen beim Atherom. 

6 . Die Ursache der Thrombose suchen wir in der Beubner'schen Gefasserkran- 
kung aus specifischen Ursachen. Zu diesem Schlüsse kommen wir durch Exclusioa 


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einerseits (alle andern ätiologischen Momente fehlen), durch die Constatirung der 
Syphilis anderseits. Ueberdiess hat die Einleitung einer passenden Behandlung die 
gemachten Annahmen bestätigt. 

Im Folgenden wird uns die im Verlaufe der Syphilis nicht selten auftretende 
gummatöse Neubildung im Hirne beschäftigen. — 

(Fortsetzung folgt.) 


"V ereinsberiolite. 


Aerztlicher Verein des Cantons St. Gallen. 

Am 22. October 1874 versammelte sich der ärztliche Verein des Cantons 
St. Gallen, 24 Mann stark, in der freundlichen Hauptstadt des Toggenburg, in 
Lichtensteig. 

Der Präsident, Herr Dr. Sonderegger , eröffnete die Sitzung mit folgenden 
Worten: 

„P. P. Jede Zeit, welche überhaupt etwas werth ist, hat ihren bestimmten 
Charakter, und auch jede Sitzung unseres Vereins hat bisher ihre bestimmte Sig¬ 
natur gehabt. 

Wir stritten durch 10 Jahre einträchtiglich für die Idee, dass Krankenhäuser 
gut und für uns nothwendig seien, und seither haben wir den Cantonsspital erlebt 
und Gemeindespitäler in Wyl, Uzwyl, Rorschach, Rheineck und Altstätten, Be¬ 
zirksspitäler in Herisau, Trogen, Heiden und Appenzell, die rüstigen Appenzeller 
haben Bezirksspitäler in Herisau. Trogen, Heiden und Appenzell gegründet $ kurz 
die öffentliche Krankenpflege fängt in den Cantonen Appenzell und St. Gallen an, 
zum Culturleben zu gehören. 

Gegenwärtig tritt eine andere, ebenso grundsätzliche und einschneidende Frage 
an uns heran; die alte Frage: Gibt es überhaupt eine wissenschaftliche Medicin? 
Ist ein Mensch, welcher 12 Jahre lernt, soviel werth, wie einer, der nichts gelernt 
und sich selber zum Doctor promovirt hat? d. h.: Ist ein Mensch, der von der 
Universität herkommt, am Krankenbette wirklich mehr werth, als einer, der aus 
dem Kuhstalle kommt? 

Bisher ist diese Frage von der wilden Medicin mit Vorliebe aufgeworfen und 
halb scherzhaft am Biertische behandelt worden; heute wird sie in aller Nüchtern¬ 
heit und in bitterem Ernste von den Spitzen unseres Volkes, in der eidg. Militär¬ 
commission zu Mürren gestellt, und beschlossen, von „staatlicher Anerkennung“ der 
Militärärzte gänzlich abzusehen. Es liegt darin eine hinreichend deutliche Mah¬ 
nung für alle legitimen Aerzte, sich zu wehren. Mit der stolzen Resignation ist 
nichts gethan und ebenfalls nichts mit dem stillen Zorn der allgemeinen Freige- 
bung; diese nützt nur unserer Casse, aber nicht unserer Ehre, und am allerwenig¬ 
sten unserem Gewissen. Unsere Zeit steckt noch sehr tief im Sumpfe alter Vor- 
urtheile und naturhistorischcr Unwissenheit, aber sie verachtet den Arzt, wenn er 


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auch darin steckt und hat eine Ahnung davon, dass die Naturwissenschaften eine 
sociale Wahrheit sein könnten/ 

Der ärztliche Schwindel verschafft sich überall Geltung; sobald wir es ernst¬ 
lich wollen, wird die ärztliche Wahrheit noch weit mehr Geltung und Einfluss 
erringen. Dem centralen ärztlichen Vereine der Schweiz fällt die Organisation, 
den cantonalen Vereinen die locale Bearbeitung der öffentlichen Gesund¬ 
heitspflege zu! tt 

Nach verlesenem und genehmigtem Protocolle der letzten Sitzung gelangt der 
Vorschlag des ärztlichen Centralvereins über Erstellung eines ständigen Ausschus¬ 
ses zur Discussion und es wurde beschlossen: 

a) Der St. Gallische cantonale ärztliche Verein stimmt für einen ständigen 
Ausschuss und 

b) die Sitzungen des Centralvereins sollen wechselsweise nach Olten und Zürich 
verlegt werden. 

Es folgt ein mit viel gutem Humor gewürzter Vortrag von Herrn Dr. Steger 
von Lichtensteig über Banula. 

„Bei Anlass unserer letzten Frühlingsversammlung, die bekanntlich im ersten 
Act ebenso lehrreich und interessant, als im zweiten gemüthlich war, nahm mich 
unser geehrter Präses beim Rockkragen und sprach also: „Alter Freund, es wird 
Dir bekannt sein, dass jeweilen, wenn wir im Herbst die eine oder andere Land¬ 
stadt mit unserer Gegenwart beehren, ein pastor loci einen Vortrag zu halten hat. 
Auf das Quantum und das Quäle kommt es dabei nicht an, aber ein Vortrag muss 
sein; — usus est tyrannus — es ist einmal so!“ Nun, was war zu machen! Ob¬ 
wohl mir eigentlich von einem solchen Gesetz nichts bekannt war, so konnte ich 
doch nicht wohl nein sagen und behielt mir blos vor, die Versammlung um ein 
mildes Urtheil zu bitten, weiches Gesuch ich durch den Umstand begründe, dass 
ich schon seit Jahr und Tag jenen Lebensabschnitt überschritten habe, welcher 
nach Prof. Biermer 's Ansicht die Grenze der Brauchbarkeit, vielleicht auch der Zu¬ 
rechnungsfähigkeit des Arztes bildet. Mit 50 Jahren, findet e? nämlich, sollte man 
die Aerzte zwar nicht gerade todtschlagen, aber doch sammt und sonders in den 
Ruhestand versetzen; eine Meinung, die immerhin noch weniger pessimistisch lau¬ 
tet, als die Behauptung des misanthropischen Philosophen Arthur Schoppenhauer , dass 
es mit dem menschlichen Geiste überhaupt (die Professoren mit inbegriffen) schon, 
vom 36. Lebensjahre an abwärts gehe. 

Als Thema beabsichtigte ich Anfangs „die Geschwülste, die von Unwegsam¬ 
keit der Mundspeichel absondernden Organe herrühren“, zu wählen. Es schwebten 
mir dabei vorzüglich zwei interessante Fälle vor. Einige Monate vorher hatte sich 
ein junger Mann eine auf der linken Wange und dem aufsteigenden Aste des Un¬ 
terkiefers sitzende Geschwulst exstirpiren lassen, die ich für eine entartete Parotis 
halten musste, wenn auch ihr Standort nicht ganz der einer anatomisch normal ge¬ 
legenen Ohrspeicheldrüse war. Besagter Jüngling, ein Elsässer Namens Kiefer, 
der in der Meerschweinchenbande des Herrn Frik erste Räuber und zweite Lieb¬ 
haber spielte, war im Winter 1870—71 als französischer Soldat in der Schlacht bei 
Coulmiers durch einen Granatsplitter schwer verwundet worden. Ausser sehr aus- 


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gedehnter Zerreissung der Weichtheile der Wange war der Oberkieferknochen zer¬ 
schmettert und die Wunde heilte erst nach jahrelanger Eiterung und Ausstossung 
vieler Sequester mit Hinterlassung massiger Narben. Durch diesen Heilungsprocess 
und die Narbenbildung schien mir einerseits die Structurveränderung der Drüse, 
von der sogleich die Rede sein wird, anderseits die eben erwähnte Dislocation 
derselben veranlasst worden zu sein. Die wie ein Scirrhus hart anzufühlende, etwa 
hühnereigrosse, aber platte Geschwulst liess sich ganz leicht und fast ohne Blu¬ 
tung herausschälen. Um die Structur des Tumors zu untersuchen, wurde er durch¬ 
schnitten, was gleichsam unter einem knirschenden Geräusch geschah. Die Schnitt¬ 
fläche fühlte sich rauh an, etwa wie grobkörniger Sandstein, die Farbe war grau¬ 
lichgelb. Ich stellte mir nun vor, es habe nach Verschluss des ductus Stenonianus 
durch die Vernarbung die Anfangs noch fortdauernde Speichelfabrication bei Ver¬ 
hinderung des Abflusses Schwellung und chronische Entzündung der Drüse ver¬ 
ursacht, die statt in Eiterung überzugehen, sich wieder zertheilt habe, wobei das 
Gewebe der Drüse verödet, die flüssigen Bestandteile des Speichels resorbirt wor¬ 
den und die salzigen crystallisirt zurückgeblieben seien. Vielleicht waren diese 
auf der Schnittfläche so rauh anzufühlenden harten Körperchen auch Speichelstein- 
chen. Mikroskop und chemische Analyse hätten darüber Auskunft gegeben und 
wären mir meine Pastorlocipflichten damals gegenwärtig gewesen, so würde ich 
nicht ermangelt haben, den Tumor zu diesem Zwecke zurückzubehalten. Da dies 
aber nicht der Fall war, so überliess ich ihn zum Andenken an Coulmiers und 
Lichtensteig dem Meerschweinchen, welches ihn in Spiritus wohl verwahrt auf 
seinem Thespiskarren mit sich in der Welt herum führt Noch im April traf ich 
den edeln Mimen einmal zufällig in Rapperschwyl; von da an ist er mir spurlos 
verschwunden, und mehrfache Nachfragen, die ich anstellte, um die exstirpirte 
Drüse behufs genaueren Untersuchs von ihm zurück zu erhalten, waren erfolglos. 

So blieb der erste Theil meiner ursprünglich beabsichtigten Abhandlung eine 
Hypothese und mit dem zweiten, dessen Gegenstand eine grosse Fröschleinsge- 
schwulst, ging es mir beinahe noch fataler. Von jenem Fall kann ich nicht be¬ 
weisen, dass er von Verschluss des stenonischen Ganges herrührte, und bei diesem, 
der erst geraume Zeit, nachdem ich dem Präses mein Versprechen gegeben, zur 
Operation kam, stellte es sich heraus, dass die Geschwulst höchst wahrscheinlich 
mit dem Speichelapparat gar nichts zu thun hatte. 

J. Baptist Schönenberger, 22 Jahre alt, wohnhaft im Rick, Gemeinde Mosnang, 
stellte sich schon im Mai bei mir mit dem Gesuch, ihn von einer Geschwulst in 
der Mundhöhle zu befreien, die ihm nicht nur im Essen und Sprechen, sondern 
namentlich auch im Schlafen beschwerlich falle. Warm essen könne er fast gar 
nicht mehr, weil ihn die Speisen heftig brennen, das Kauen gehe sehr langsam und 
mühsam, indem die Zunge die Bissen nicht mehr gut über sich wegbringe und nur 
schwer von der einen zur andern Seite wälzen könne; der Schlaf sei unruhig; er 
schnarche die ganze Nacht und Morgens sei der Rachen rauh, trocken, wie ausge¬ 
dörrt. Beim Oeffnen des Mundes erblickte man eine die ganze Mundhöhle aus- 
füllende, überall knapp an die Wandungen anschliessende, zum Theil sich noch in 
die Zwischenräume zwischen den Zähnen drängende, bauchig vorstehende, schlüpf- 


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rige, feucht glänzende, durch ein stark injicirtes Gefässnetz geröthete Geschwulst. 
Dieselbe mass in senkrechter Richtung, von der Decke der Mundhöhle bis zum 
Alveolarrand der untern Schneidezähne 7 Centimeter und quer, von ihrem Ansatz 
an der Zungenwurzel der einen Seite bis zu derselben Stelle auf der andern Seite 
11 Centimeter. Die Mündungen des ductus Whartoniani Hessen sich leicht erken¬ 
nen; sie befanden sich 27 a Centimeter vor dem untern Rande der Geschwulst, 
jeder etwa ein Centimeter von der Mittellinie derselben entfernt. Durch eine ein¬ 
geführte feine Sonde konnte die Wandung des Ganges als eine dünne Membran 
etwas von der Geschwulst abgehoben werden. Bei diesem Experiment quillt Spei¬ 
chel hervor. Alle untern Scbneidezähne stunden V>~" 1 Centimeter von einander 
ab, waren wackHg, lose, etwas nach aussen gepresst und voll Weinstein; das 
Zahnfleisch wulstig hervorgetrieben; wo sich die Geschwulst zwischen die Zähne 
drängte, fanden sich auf derselben arrodirte Eindrücke von den letztem. Der junge 
Mann geiferte, wie ein Botocude mit dem Holzpflock in der Unterlippe. Die obern 
Schneidezähne waren schöner als die untern; ihre Abstände von einander wie bei 
diesen; auch sie standen nach vorn und dieselbe Richtung nach aussen hatten die 
Alveolarfortsätze des Oberkiefers sowohl als des Unterkiefers, ob von Natur oder 
im Laufe der Zeit in Folge des beständigen Druckes durch die wachsende Ge¬ 
schwulst, bleibt unentschieden; der Eigenthümer derselben, der dadurch eine eini- 
germassen äthiopische Physiognomie erhielt, behauptete das Letztere. Die Zunge 
lag hinter und über der Geschwulst und war nicht sichtbar; auf Commando kam 
sie aber unter der Decke der Mundhöhle auf der Höhe der Geschwulst zum Vor¬ 
schein und wurde letztere durch diese Bewegung etwas zusammengedrückt. Ich 
lasse hiemit eine Photographie circuliren; weiter, als auf der Photographie zu 
ersehen, konnte die Zunge nicht herausgestreckt werden. 

Ueber die Entstehungsgeschichte seines Leidens gab der Patient an, dass er 
ohne besondere Veranlassung zuerst vor vier Jahren oder noch länger einen klei¬ 
nen Höcker unter der Zunge bemerkt habe; derselbe sei von der Grösse einer 
Haselnuss gewesen und habe in der Mitte einen rothen Punct gehabt, durch den 
Wasser heraus gekommen sei. Etwa ein Jahr lang sei die Geschwulst haselnuss¬ 
gross gewesen und dann etwa zwei Jahre wie eine Baumnuss. Da sei immer noch 
tropfenweis Wasser ausgeflossen, was erst etwa seit einem Jahre aufgehört habe 
und seither habe die Geschwulst rasch an Grösse zugenommen. 

Um verschiedener Umstände willen wurde die Operation bis zum 1. August 
verschoben und dann folgendermassen ausgeführt. Um die ductus Whartoniani 
vor Verletzung sicher zu stellen, wurde durch eingeführte dünne Sonden ihr Ver¬ 
lauf bezeichnet und dann in der Erwartung, dass der Inhalt der Geschwulst dünn¬ 
flüssiger Natur sei, auf der linken Seite, etwa einen Centimeter oberhalb des duc¬ 
tus Whartoniani ein Troicart eingestossen. Statt einer Flüssigkeit floss aber eine 
dicke, griesbreiähnliche Masse nur langsam durch die Canule ab. Deswegen wurde 
diese wieder entfernt, statt ihr durch die Stichwunde eine Hohlsonde eingefübrt 
und auf dieser die Haut von links nach rechts gespalten. Durch die solchermas- 
sen erweiterte Wunde quoll nun der Inhalt der Geschwulst als eine dicke Brühe 
in einem Bogen heraus. Was davon aufgefasst und gemessen werden konnte und 


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was daneben kam, war zusammen reichlich fiv. Unmittelbar nach der Entleerung 
des Sackes konnte der Patient die Zunge weit heraus strecken; sie baumelte aber 
hin und her, wie ein Segel im Winde; sie hatte so zu sagen den Halt verloren 
und man begriff ganz gut, dass der Patient fand, er habe keine Kraft mehr darin- 
Alsdann wurde noch ein ausgiebiges Stück aus der Wandung des Sackes zwischen 
den beiden ductus Whartoniani und der Zunge heraus geschnitten, theils um die 
Höhle für die Nachbehandlung zugänglicher zu machen, theils um nicht gar viel 
überflüssige Haut stehen zu lassen. Der Sack wurde nun mit lauwarmem Wasser 
gehörig ausgespritzt; er sah inwendig so ziemlich wie derjenige einer struma cy- 
stica aus. Der in die Höhlung eingeführte Zeigfinger reichte auf ihrem Grunde 
bis hinter und unter das Zungenbein hinunter. Sie wurde nun mit in etwas ver¬ 
dünntem liq. ferri sesquichlorati getauchter J?rwn*’scher Wundbaumwolle ausgestopft. 

Die Nachbehandlung bestand ebenfalls in Ausfüllung undAetzung des Sackes* 
Die ersten Tage wurde die Charpie mit einer Höllensteinlösung, dann bis Mitte 
August jeden zweiten Tag und später jeden dritten Tag die Wandungen mit La¬ 
pis in Substanz kräftig geätzt und die Höhlung mit trockener Charpie ausgefüllt. 
Die Methode war also wesentlich die gleiche, wie bei der Radicaloperation der 
Hydrocele, nur dass bei dieser ein Leinwandläppchen oder ein Charpiebausch schon 
hinreicht, um eine adhäsive Entzündung zu bewirken. Aber unser Sack war eben 
keine seröse Haut, sondern so unempfindlich, wie altes Schuhleder; er wollte sich 
nicht entzünden und auch nicht nekrotisch absterben; dagegen schrumpfte er al¬ 
lerdings bis auf einen gewissen Punct zusammen, so zwar, dass er am Ende des 
Monats nur noch etwa 1 Zoll tief war. Kleiner aber wollte er nicht mehr werden, 
auch nicht, als ich mehrere Male die Charpie mit concentrirter Jodtinctur tränkte. 
In den letzten Wochen beschränkte ich mich darauf, den Sack so gut als möglich 
durch Pressschwamm auszustopfen und gab dem Jüngling den Rath, mit Hülfe 
einer Stricknadel selbst von Zeit zu Zeit die Oeffnung zu erweitern, um dem dro¬ 
henden Verschlüsse vorzubeugen. Wenn er damit einverstanden ist, so werde ich 
nächstens den zusammengeschrumpften Sack herauspräpariren oder wenigstens 
die Ränder von dessen Mündung wieder abtragen und dann den Sack mit der um¬ 
gebenden Schleimhaut der Mundhöhle zusammennähen. Es ist dies das Verfahren 
von Jobert , das ich jedenfalls befolgen werde, wenn mir je wieder ein gleicher Fall 
vorkommt. — 

Vor etwa 20 Jahren oder mehr exstirpirte ich einem alten Manne eine Ranula 
von der Grösse einer welschen Baumnuss. Es fand dabei eine ziemliche Blutung 
statt, weil ich mich eben nicht auf die Spaltung der Cyste beschränkte, sondern 
die ganze Geschwulst und wohl noch etwas von ihrem Boden dazu herausschnitt. 
Dieser Ranunculus hatte einen klaren, schleimigen oder speichelartigen Inhalt und 
demnach einen andern Charakter als derjenige, welcher Gegenstand unserer heuti¬ 
gen Betrachtung ist Dies führt uns auf die Frage: Was ist eigentlich eine 
Ranula? 

Tags nach der Operation schickte mein Sohn G. A., der dieselbe gemacht 
hatte, den in ein Glasfläschchcn gefassten Inhalt der Cyste zu näherer Untersuchung 
einem Studienfreunde in Zürich, Herrn Töl , der darüber Folgendes schrieb: 


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„Das Resultat der noch am Tage des Empfangs der Flüssigkeit vorgenomme¬ 
nen mikroskopischen Untersuchung war nachstehendes: 

Das Mikroskop zeigte ein Gemisch von Cholestearintafeln und zum grossen 
Theile ganz in fettiger Metamorphose befindlicher oder schon zerfallener Epitbc- 
lien, suspendirt in einer schleimigen, dicklichen Flüssigkeit; ausserdem natürlich 
die aus der Wunde stammenden Blutkörperchen. Der Anblick war ganz der des 
Inhalts einer Atheromcyste und da ich bei der vorgenommenen Prüfung mit Eisen¬ 
chlorid keine Rhodansalze nachweisen konnte, Sie ja auch angeben, dass die ductus 
Whartoniani durchgängig gewesen, so vermuthe ich, dass Sie es nicht mit einer 
ächten, aus einer Speicheldrüse resp. ganz hervorgegangenen Ranula, sondern mit 
einer der in jener Gegend ja öfter vorkommenden Atheromcysten zu thun gehabt 
haben. Jedenfalls ist der Befund nicht ganz uninteressant, da ein Atherom von 
vier Unzen Inhalt in jener Gegend doch wohl nicht so sehr häufig ist.“ 

Herr Töl meint also, unser Fall sei gar keine ächte'Ranula gewesen, weil die 
untersuchte Flüssigkeit keine Rhodansalze enthalten habe. Nun sind aber die 
Rhodansalze nach Hermann' s Physiologie gar keine constanten Bestandtheile des 
Speichels. Sie kommen zwar sehr gewöhnlich, aber doch nicht immer darin vor. 
Ferner lese ich in Piiha und Billrolh : Krankheiten der Mundhöhle von Weber: „Die 
Anwesenheit des Rbodankaliums, welches man für einen charakteristischen Bestand¬ 
teil des Speichels hielt, ist noch durch keine Analyse in dem Inhalte der Ranula- 
cysten nacbgewiesen worden; allein auch der Speichel der Unterkieferspeicheldrüse 
führt das Rhodankalium nicht constant.“ Herrn Töl' s Untersuchung beweist also 
nicht, dass wir cs nicht mit einer Speichelcyste zu thun gehabt haben; dessen un¬ 
geachtet aber gebe ich ihm zu, dass unsere Cyste ein Atherom war oder auf 
deutsch eine Grüzbreibalggeschwulst Mit der Beschreibung der letztem in dem 
Handbuch der pathol. Anatomie von Üble und Wagner stimmt die Untersuchung des 
Herrn Töl vollkommen überein. Es heisst daselbst: „Der Inhalt dieser Balgge¬ 
schwülste im engern Sinne besteht aus Epidermiszellen, ihren Residuen, Fetttröpf¬ 
chen und Cholestearincrystallen. 44 

Also, unsere Geschwulst war ein Atherom und doch war sie auch eine Ranula. 
Einer unserer berühmtesten Juristen, der verstorbene Herr Gruber , stellte einmal 
den Satz auf: „Recht ist, was man dazu macht.“ So ist es auch mit der Frösch- 
leinsgeschwulst: Ranula ist, was man dazu macht 1 Die verschiedenartigsten Ge¬ 
schwülste auf dem Boden der Mundhöhle wurden von jeher mit dem Namen Ra¬ 
nula bezeichnet. Ja die ältesten Mittheilungen über dieselbe weisen sogar darauf 
hin, dass man ursprünglich unter ranula, ranunculus und ßatqaxog einen patholo¬ 
gischen Process verstanden hat, welchen Ranula zu nennen heutzutage Niemanden 
mehr einfallen wird. Ich habe mir die Mühe genommen, etliche schweinslederne 
Folianten, Vermächtnisse meiner Ahnen, über dieses Thema nachzuschlagcn und 
das Gefundene mit Auszügen aus der neuern Literatur, so weit sie mir zugänglich 
war, zusammenzustellen. 

(Van Swieten 1700—1772.) Van Swieleris Commentaria zu Boerhave's Aphorismen 
enthalten unter dem Capitel Angina, wo von den Entzündungen der Zunge und 
ihrer Umgebungen die Rede ist, eine Stelle, welche ins Deutsche übersetzt fol- 

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gendermassen lautet: „Es scheint auch eine solche Zungengeschwulst von Hippo- 
krates beschrieben worden zu sein. Sie heisst aber bei ihm vnoylwaalg, welches 
Wort man Ranula übersetzt hat Er sagt nämlich: „„Wenn eine Fröschleinsge- 
schwulst entsteht, so schwillt die Zunge an. Der Theil unter ihr und um sie 
herum ist hart anzurühren und kann den Speichel nicht schlucken.““ Dass jene 
Geschwulst aber eine entzündliche gewesen, geht aus dem hervor , was hierauf 
folgt. Es heisst nämlich so: „„Wenn sie aber eiterig würde, so schneide man sie 
auf; bisweilen aber bricht sic auch freiwillig auf und vergeht ohne Schneiden.““ 
— Diese von Van Swieten citirte Stelle in Hippokratis de morbis lib. II, cap. X ent- 
• hält wirklich weiter nichts Wesentliches und der gleich nachher angeführte Are - 
(aus spricht gar von der Makroglossa, also von etwas, das noch viel weniger 
Aehnlichkeit mit dem hat, was man heutzutage unter Ranula versteht, als die 
Zungenentzündung und der Unterzungenabscess des Hippokrates. Nicht zu über¬ 
sehen ist, dass in diesem T an Siaeten’schen Commcntar, der im Jahre 1745 gedruckt 
wurde, also 80—90 Jahre nach der Entdeckung des ductus Whartonianus, die Ra¬ 
nula durch keine Silbe mit diesem in Verbindung gebracht ist. Die Speichelherren 
Steno und Bartholin aus Dänemark und Wharton aus London machten bekanntlich 
ihre Entdeckungen in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts und zwar wurden 
die ductus Stenoniani und Wbartoniani in den fünfziger und sechziger Jahren 
(duct. sten. 1658), die ductus Bartholiniani oder Riviniani 1679 entdeckt. 

Viel ausführlicher als Van Swieten behandelt die Ranula Petrus Forestus von Alk¬ 
maar in Nordholland, der beinahe zweihundert Jahre früher als jener lebte. (1522 
bis 1597 ) In der 29. Observation des 14. Buches mit der Ueberschrift de batracho 
seu ranunculo sub lingua zählt er fünf Fälle auf, von denen 3 allerdings noch ent¬ 
zündlicher Natur, 2 aber ächte Ranunculi auch nach unserem Begriff sind. Bei¬ 
läufig erwähnt er, dass Aätius den Batrachus als einen tumorem pnecipue venarum 
sub lingua beschrieben habe; der hat ihn also, wie es scheint, für einen varix einer 
vena ranina gehalten. 

Lorenz Heister, Professor zu Helmstädt, Begründer der rationellen Chirurgie in 
Deutschland (1683—1758), ist der erste unter den mir zu Gebote stehenden Auto¬ 
ren, der „das Fröschlein unter der Zunge“ genauer definirt und von den entzünd¬ 
lichen Geschwülsten trennt. Aber auch ihm fällt es nicht ein, dasselbe von dem 
Speichelapparat abhängig zu erklären. Nach ihm ist das Fröschlein „eine Ge¬ 
schwulst unter dem fordersten Theil der Zunge, bei den Frosch-Adern, welche 
bald mit einer zähen, wässerigen und schleimigen, bald mit einer dickeren und 
härtlichen Materie angefüllet ist.“ Heister hat also schon ziemlich die beiden Spe- 
cies, die Stromeitr aufstellt: eigentliche und atheromatöse Ranula. Am Schlüsse 
des Capitels behandelt er dann apart „die schmerzhafften, entzündeten Geschwülste, 
die unter der Zunge in den Drüsen entstehen“. 

Wer die Ranula zuerst für eine Speichelcyste erklärt hat, weiss ich nicht, 
vielleicht war es der von Chelius angeführte Murray : de tumoribus salivalibus, Up¬ 
sala 1785. Chelius lässt gar keine andern Froschgeschwülste gelten, als die durch 
Verschluss der Oeffnung des ductus Whartonianus entstandenen und fügt nur in 
einer Anmerkung bei: „Balggeschwülste, die sich unter der Zunge entwickeln 


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können leicht für eine Froschgeschwulst gehalten werden.“ Der totale Antipode 
von Chelius ist Stromeier , der behauptet: die Ranula ist nie eine Speichelcyste. Es 
gibt zwei Arten: die gewöhnliche Ranula ist nichts anderes als ein wassersüchtiger 
Schleimbeutel (hygroma sublinguata nennt diese Art Schüppel , Prof, der pathol. Ana¬ 
tomie in Tübingen) und sie entsteht immer in einem der von Fleischmann entdeck¬ 
ten Schlcimbeutel neben dem Zungenbändchen, die übrigens nach andern Anato¬ 
men sehr selten Vorkommen. Die zweite Art ist die atheromatöse Ranula. S/ro- 
meier beschreibt eine solche, die mit unserm Fall ganz übereinstimmt. Er öff¬ 
nete den Sack in der Mittellinie vom Halse aus, weil er sich scheute, dessen Secrete 
in die Mundhöhle gelangen zu lassen und legte dann auch ein kleines Leinwand¬ 
läppchen ein. Leider schreibt er nicht, ob und wann die Heilung erfolgt sei. 

Chelius und Slromeier sind demnach vollständige Extreme. Der Eine sagt ge¬ 
rade das Gegentheil vom Andern. Die Wahrheit wird wie gewöhnlich auch hier 
in der Mitte liegen. Es muss Jeder vom Andern etwas annehmen. Fügt man die 
Speichelcyste von Chelius zu den beiden Ranulaarten Stromeier' s als dritte Species 
hinzu, so haben wir eine ziemlich vollständige Classification der Fröschgesohwülste; 
und dass auch die Speichelranula, wenn auch vielleicht am seltensten vorkommt, 
ist sicher. Ganz unzweifelhaft war eine solche Unterkieferspeichelfröschleinsge¬ 
schwulst die von Beiz in Heilbronn im laufenden Jahrgang seiner Memorabilien be¬ 
schriebene und von ihm nach der Gyll' sehen Methode operirte , nämlich durch ein 
von der Mundhöhle aus durch die Geschwulst um den Unterkiefer herum gezoge¬ 
nes Haarseil. — Der Vollständigkeit wegen wollen wir doch auch noch die Ansicht 
des Anatomen Luschka anführen. Nach ihm sind die meisten Ranulse das Ergebniss 
des Verschlusses und der colloidcn Entartung einzelner Körner der Sublingual¬ 
drüsen. Und endlich lasset uns nicht die gewöhnlichen Schleimdrüsen vergessen, 
aus denen nicht gar selten Schleimcysten entstehen, die, wenn sie auch höchstens 
die Grösse von Haselnüssen erreichen, doch vielleicht auch noch mit einigem Recht 
auf den Namen Ranula Anspruch machen können. 

Nun wollen wir aber aufhören, sonst bekommen wir zu diesen fünf Species am 
Ende noch mehr. Es war mir ja eigentlich nur darum zu thun, zu beweisen, dass 
Freund F. B. Schönenberger eine wirkliche Ranula besessen habe, und wenn das 
Wesen der Fröschleinsgeschwulst in der möglichsten Aehnlicbkeit mit einem Frosche 
besteht, so darf er sich rühmen, eines der feinsten Exemplare besessen zu haben; 
denn sic sah nicht blos aus wie der Bauch eines wohlbeleibten Frosches oder einer 
hochschwangern Fröschin, sondern auch die quakende Sprache und der wie die 
schlüpfrige, schleimige Masse des Froschlaichs aus dem Munde fliessende Geifer 
erinnerten lebhaft an jene Sumpf bewohner, die dem Aristophanes Stoff zu einem un¬ 
sterblichen Lustspiel gegeben und den Gymnasiasten zu einem gelungenen Namen 
verholfen haben. > 

(Schluss folgt.) 


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tieferate und Kritiken, 


Rechenschaftsbericht Uber die Verhältnisse und Leistungen der verschiedenen Anstalten 
der Insel-Corporation vom Jahr 1842 bis und mit 1873. 

Bern, Buchdruckerei Lange & Cie., 1874. 

Der sich im Vorwort nennende Verfasser, Herr Dr. Lehmann , alt Oberfeldarzt, sagt 
daselbst, der letzte umfassende Bericht habe die Periode von 1832 bis 1841 behandelt. 
Kürzeres sei jährlich in den Staatsverwaltungsberichten erschienen. Im Jahre 1841 hat¬ 
ten im sog. Dotationsvergleich Staat und Stadt Bern auf die Eigenthums- und Verwal¬ 
tungsrechte in den betreffenden Anstalten verzichtet Dieselben waren selbstständig ge¬ 
worden, hatten Corporationsrechtc und eigene Administrationsrechte erlangt, Alles uuter 
Aufsicht der Regierung, wahrend sie früher nach dem Stiftungsbriefe der Frau Anna 
Seiler von 13Ö4 bis 1803/1804 reine Staatsanstalten gewesen waren, und dann der Stadt 
Bern als Eigenthum zufielen bei von Staat und Stadt gewählter gemischter Verwaltung. 
Das Jahr 1841 war für die gesammten Anstalten eine wichtige Epoche. 

Die Anstalten waren geschieden als 

A. Inselspital für gewöhnliche Krankheiten, 

B. Aeusseres Krankenhaus mit 

1. Curhaus für venerische und chronische Hautkranke. 2. Pfründerhaus für 
Unheilbare. 3. Irrenhaus, welches im Jahre 1853 als Waldau vom äussern Kran¬ 
kenhause geschieden wurde, jedoch unselbstständig als eine von der Inselverwaltung ab¬ 
hängige Anstalt verblieb. 

Der Bericht von Herrn Lehmann enthält eine Zusammenstellung von Bestand, Muta¬ 
tion des Vermögens, der Spccialfonds, Zweck und öffentlicher Stellung der Anstalten, Or¬ 
ganisation der Behörden, Namen der Mitglieder und Beamten bis zu Assistenten, Wärter, 
Ling&ren, Heizer u. dgl., Zahl der Sitzungen, Geschäfte und Verhandlungsgegenstände in 
chronologischer Reihenfolge, ferner Donatoren-Verzeichnisse, Liegenschafts-Rödel, Staats¬ 
beiträge, Belohnungen, überhaupt Oeconomie-Rechnungeu mit den specificirtesten Lebens¬ 
mittel-Preisen , Medicamenten-, Bad-, Bandage-Rechnungen der verschiedenen Jahre. 
Dann folgt in tabellarischer Uebersicht eine Statistik der Verpflegten, Geheilten, Gebes¬ 
serten, Verstorbenen, Evacuirten, der NothfälLe, der täglichen Krankenzahl, dies rubricirt 
nach Cantonen, Nationen u. s. w. Wir finden da z. B. pro 1845 ein Minimum mit 1342, 
ein Maximum pro 1868 mit 2192 Verpflegten, für Verstorbene ein Minimum im Jahre 
1844 mit 122, ein Maximum mit 271 auf das Jahr 1868 für den Inselspital. Wir finden 
noch Scheidung und besondere Zahlen für die chirurgischen und für die medicinischen 
Kranken. Ein besonderer Abschnitt ist der Seelsorge, dem Unterricht und der Poliklinik 
gewidmet, je besondere den Uebelständen des Inselspitals und der Waldau, für erstem 
von pag. 58 bis 61 mit der Erklärung, „dass dieselben durch vorgenommeue 
Verbesserungen wohl beseitigt seien“ (??) , für die Waldau mit lakonischer 
Kürze pag. 133 mit den Worten: „Diese ergeben sich aus dem bereits Ge¬ 
sagten.“ 

Die Brochure ist eine sehr fleissige, mühsame Arbeit. Der Verfasser hat sehr vielen 
Fleiss auf Auszüge und aufs Schreiben verwendet. Sie enthält viele und grosse tabel¬ 
larische Zusammenstellungen mit Jahresrubriken, ist daher für den bezüglichen Inhalt 
sehr übersichtlich. Sie ist eine eigentliche Chronik der Verwaltung für die Periode von 
1841 bis 1873. Für Spitalverwaltungen wird sie besonders interessant durch die Speci- 
fication der Lebensmittelpreise nach den einzelnen Jahrgängen. 

Die Aerzte werden sich kaum täuschen, wenn sie den Bericht als einen ersten Theil 
einer noch fortzusetzenden Arbeit ansehen , wofür sich sicher geeignete Persönlichkeiten 
finden dürften t welche bestmöglichst nach den vorhandenen Protocollen , Tabellen und 
Krankengeschichten-Sammlungen in wissenschaftlicher Weise eine Zusammenstellung und 
Rubricirung der in dem Inselspital und den dazu gehörigen Anstalten verpflegten Krank— 
heitsformen ausarbeiteten. 

Wir meinen z. B. für die medicinische Abtheilung ein Tableau der Typhen mit 
Unterabtheilungen der schweren, mittlern, leichten, und Complicationen nach Blutung, Per- 


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for&tionen u. dgl., Ausgängen, nach Alter, Geschlecht, Constitution, nach Heilungszeit, 
Behandlungsweise. 

Als anderes Beispiel führen wir die Pneumonien an, ob rechtseitig, linkseitig, dop¬ 
pelt, catarrhalisch oder croupös, lobulär, lobär mit Complicationen etc. wie oben, oder die 
Pleuritiden, ob mit Erguss, Empyem 11 . s. w. Für die chirurgischen Fälle wäre sehr 
wichtig z. B. die Wunden der Weichthcile oder Knochenverletzungen nach Körpergegend, 
Organ, Complicationen mit Erysipel z. B. oder Pyämie, Septicämie, Hospitalbraud u. dgl, 
Behandlungsweise, Heilungsdauer u. s. w. bearbeitet zu sehen. Da diese Verhältnisse 
im vorliegenden Berichte auch nicht mit der Nennung Eines Krankheitsnamens berück¬ 
sichtigt sind, so muss die Erwartung gerechtfertigt sein, dass diese in einem besondern 
zweiten Theile folgen werde. 

Nicht nur der wissenschaftliche Arzt muss das wünschen, sondern unter dem übrigen 
Publicum vorab jeder gebildete Laie. Ebenso wäre nothwendig eine genaue Angabe der 
Mortalitätsvorhältnissc, ob unter epidemisch schlimmem Verhältnissen, z. B. unter herr¬ 
schender Dysenterie, Pyämie u. dgl., die Mortalität sich vermehrt habe, was zwar schon 
mit der Morbilitätszu9&mmenstellung zusammen fällt, ferner ob die Patienten moribund oder 
wenigstens vernachlässigt unter schlechter Prognose von vornherein dem Spital übergeben 
wurden. Dies ist die einzig richtige Manier, um die Mortalität in einem Spitale mit der¬ 
jenigen eines andern gerecht zu beurtheilen. 

So er 9 t vernimmt man, was eine Krankenanstalt geleistet hat und im Vergleich zu 
einer andern zu leisten im Stande ist. Wir dürfen uns der Hoffnung, diesen zweiten 
Theil bald zugestellt zu erhalten, um so mehr hingeben, als von Seite anderer Spitäler 
derartige Berichterstattung längst Regel geworden ist, und die Inselspitalanstalten sehr 
mannigfaltiges und interessantes Material bieten. Cr. 


Jahresbericht der Inselverw&ltung pro 1873 an die Direction des Innern. 

In allgemeinem Berichte der Behörden der Insel- und Ausserkrankenhaus-Corporation 
(Bern) über alle 3 Anstalten werden im ersten Theile die Mutationen im Personal von 
Behörden und Beamten aufgezählt, dann die Verhandlungen der Verwaltung über Bauten 
(u. A. auch die s. g. und s. v. Abort-Verbesserungen, wo um Fr. 9Ö28 das Kübelsystcra 
cingefübrt worden), ferner die Verhandlungen der Direction, vielfach die Oeconomie, den 

Umbau des Spitals betreffend (Quousque tandem Catilina —-!). Weiter kommt 

die Verwaltungsrechnung der verschiedenen Anstalten mit Statistik der Kranken Verpfle¬ 
gung nebst Ausgängen der Krankheiten nach den einzelnen behandelnden Aerzten (!) zum 
Ueberblick. Es sind in nackter Kürze systematisch die einzelnen Krankhoitsformen, wie 
sie in den einzelnen Abtheilungen der Insel, des äussern Krankenhauses und der Waldau 
zur Behandlung und Verpflegung zusammengekommen sind, zusammcngestellt. Darauf 
folgt eine Operations- Statistik nach den einzelnen Abtheilungen nebst summarischer An¬ 
gabe des Erfolges, nach diesem eine Mortalitätsstatistik nach den einzelnen Spital-Ab- 
theilungen summt Commentar und einigen Andeutungen über die Therapie (z. B. offene 
Wundbehandlung in der Klinik von Prof. Kocher mit ihren wenigstens einstweilen gün¬ 
stigen Resultaten u. s. w.). Endlich findet sich ein summarisches Verzeichniss der Hülfe- 
leistungen in verschiedenen Beiträgen und Unterstützungen, der Heimathverhältnisse, der 
Zahl und des Verhaltens des Ilülfspersonals (Censur). Es ist dieser Bericht rein amtlich 
die Verwaltung betreffend. 

Mit Bedauern fühlt man den Mangel einer wissenschaftlichen Verwerthung des so 
vielen und interessanten Materials bei den nicht geringen wissenschaftlichen Arbeitskräf¬ 
ten Berns. Man fühlt diesen Mangel um so mehr, als aus Zürich und Basel (Universitäts¬ 
städten beiderseits) andere Spitalbcrichte in wirklich vorzüglich wissenschaftlich und 
practisch belehrender Weise ausgearbeitet uns zur Einsicht vorliegen. Cr. 


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Eilfter medicinischer Bericht Dber die Thätigkeit des ienner’schen Kinderspitales in Bern 

im Laufe des Jahres 1873. 

Von Prof. Dr. Rudolf Demme. 

Derselbe bietet wie immer manches wissenschaftlich Interessante. Statistisch notie¬ 
ren wir: 

Zahl der Spital-Pfleglinge 201, Zahl der poliklinischen Behandlungen 1794. Beiden 
Orts überwog das weibliche Geschlecht. Im Spital fielen auf das 1. Lebensjahr 85, auf 
das 2.- 6. 57, auf das 7.—11. 48, auf das 12.—15. 48 Kinder. In der Poliklinik fielen 
auf das 1. - 6. Lebensjahr 547, auf das 7.— 11. 493, auf das 12.—15. 303 Kinder. 

Der Spital weist 9446 Pflegtage auf, wovon das Minimum mit 650 Pflegtagen auf 
8eptember, das Maximum mit 997 Pflegtagen auf den Mai fällt. 

Durchschnittlich befanden sich im Spital 26 Pfleglinge. Die Mortalität betrug im 
Spital 10 = 4,9%, poliklinisch approximativ 13,1%. 

An innern Krankheiten wurden behandelt 78 Kinder, an chirurgischen Krankheiten 
123 Kinder. 

Grössere chirurgische Operationen wurden ausgefflhrt 33, darunter 2 Total-Resec- 
tionen des Ellbogen-Gelenkes, 1 Partial-Resection des Calcaneus und mehrfach von Fuss- 
gclcnken, alle mit günstigem Verlauf, ferner 1 Punction von S| ina bifida, wiederholt, mit 
Collodialatreif-Verband wesentlich gebessert, endlich 1 Obcrschenkelamputation. 

Besonders zahlreich siud die Nervenkrankheiten vertreten, Epilepsie, Eclampsie, Pa¬ 
ralysis essentialia, Chorea minor et St. Veitii. Gegen die Paralysen wurden subcutane 
Strychnin-Injectionen mit bestem Erfolge angewendet, weuiger leistete Electricität. Ge¬ 
gen Epilepsie wurde Atropin endcrmatisch angewendet, wobei von 5 Fällen 2 vollständig 
geheilt. Die Applicatiunsweise war: Aq. destill. 10,00, Atropini sulf. neutr. 0,10. Die 
Luer-Pravaz -Spritze mit 45 Theilstrichen hält 0,90 Flüssigkeit, der Thcilstrich 0,02. Je 

Flüssigkeitsgehalt der Spritze = 0,001 Atropin wurde wo möglich in der Aura, sonst 
anfänglich Morgens und später auch Abends am Oberarme injicirt. Einige Mal wurde 
die Dosis verdoppelt. •) 

Von Demme wird dem acuten Darmcatarrh noch besondere Aufmerksamkeit ge¬ 
schenkt. Für die 12 Jahre des Spitalbcstandes kommen 71 Fälle von Kindern in den 
2 ersten Lebensjahren mit 22 Todesfällen vor. Die gewöhnlichste Ursache war unpas¬ 
sende Ernährung. Diätetisch schädlich wirkt constant (auch durch anderweitige Erfahrung 
bestätigt) ••) die künstliche Kuh- oder Geismilch. Etwas weniger schädlich ist die con- 
densirte Milch. Versuchsweise wurden von 46 Kindern in den 10 ersten Lebenswochen 
15 mit condensirter Milch ernährt, allein nur 2 vertrugen sie während des Darmcatar- 
rhes. Ebenso wurde Nestle 's Kindermehl nur von 2 Kindern durchgehend vertragen. 12 
Kinder erhielten Liebig 'sehe Suppe oder Kuhmilch, verdünnt mit Kamillen- oder Woll- 
blumcn-lnfus. Diese stunden am schlechtesten. D . gibt Rindfleisch-Bouillon (*/ 4 —1 U 
möglichst fettloses Fleisch zerhackt und mit 4 Schoppen Wasser %—1 Stunde kalt iu- 
fundirt und auf 1 Schoppen eingekocht) abgekühlt, 2 — 3stündlich mit frisch bereitetem 
Reis- oder Gerstenv/asser (kurzes Auf kochen von Wasser mit wenig Reis oder Gerste). 
Auch Eiweisswasser (1 — 3 Eier-Weiss mit ! / a —2 8cboppen Wasser verklopft). Zur 
Hebung der Kräfte gibt D . 3—5 Mal täglich 5—30 Tropfen Cognac, ohne Rücksicht auf 
etwaigen Fieberzustand zu nehmen. 

Medicamentös gibt D . Opium Calorael oder Argentum 

nitricum (0,01 -0,25) mit Laudanum (gt. 2 — 3) in glyzerinhaltigem Wasser (5 :25) 3stünd- 
lich ein Kaffeelöffel. Er lässt Opium bald möglichst weg. Wismuth, Tannin und andere 
pflanzliche Adstringentien widerräth er ganz. Es wird eines interessanten Falles von 
blutendem Magengeschwür bei einem 4jährigen Kinde in Folge einer 2 Jahre vorange¬ 
gangenen Verbrennung eines Oberschenkels Erwähnung gethan. 

Von den chirurgischen Krankheiten nehmen mit 31 Fällen die Gelenk-Erkrankungen 
einen grossen Theil ein, wovon 5 = 16% lethal endeten. Ruhe-Lage, consequent 


*) Im Bieler Spital mit günstigem Erfolg nachgeahmt und bestätigt 
**) Besonders gilt dies von der käuflichen Milchhändlermilch. Anm. d. Ref. 

***) Zähler = Gesammtdosis, Nenner = die Zahl der Einzeldosen, worein erster« getheilt 


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143 


während vielen Monaten bis Jahre lang fortgesetzt, ist nach D, die einzig sichere 
Therapie. 

Noch fügen wir bei, dass Typhus im Jenner-Spital nicht vorgekommen ist — trotz (!) 
der Versorgung mit Gaseiwasser. Cr. 


Compendium sämmtlicher Medicamente, sowie der technisch wichtigsten Gifte, Chemi¬ 
kalien, Droguen und Mineralien. 

Von Benno Kohlmann & A, v. Lösekc, Apotheker. 492 S. Leipzig, Ambrosius Abel. 

Die Verfasser dediciren das Buch Aerzten, Apothekern, Kautleuten und Fabrikanten. 
Es bespricht nach Art des Lexicons in alphabet. Reihenfolge eine Unzahl Dinge, die 
sich das practischc Leben aus allen 3 Reichen der Schöpfung tributär gemacht hat. Wie 
die D< dication schon andeutet, ist an der für sehr verschiedene Elemente berechneten 
Gasttafcl der Ehrenplatz dem Arzte rcservirt. In der That, was die Materia medica seit 
1000 Jahren zu ihren Schätzen gezählt hat, ist hier bezeichnet und beschrieben. Nur 
Schade, dass das Buch ihre therapeutischen Tugenden, die Form ihrer Anwendung u. s. w. 
verschweigtI Dieser für den Arzt bedeutungsvolle Mangel wird durch Anführung eini¬ 
ger salbungsvoller, pietätgebietender Magistralformeln nicht ersetzt. Jeder Arzt wird 
sich die beigegebene Tabelle, die in sehr übersichtlicher Form die Gifte und ihre Gegen¬ 
mittel enthält, herausschneiden und das übrige Buch zu „gelegentlicher Benützung“ bei 
Seite legen. F. P. 


Handbuch der kriegschirurgischen Technik zum Gebrauch im Felde und bei Vorlesungen. 

Von Dr. Carl Herrn, Schauenburg. Erlangen, Verlag von F. Enke 1874. 

So mächtig die kriegschirurgische Litteratur in den letzten Jahren angeschwollen 
ist, hot es doch noch immer an einem Werke gefehlt, das in kurzer, handlicher Form 
die Erfahrungen früherer Zeiten mit den positiven Resultaten der letzten zwei grossen Kriege 
vermittelnd als Compendium dem Militärarzt zu Gebote stünde. Diesen Mangel musste 
der schweizerische Militärarzt, der durchschnittlich höchstens während der kurzen Zeit 
einer Truppenübung sich spezieller mit Kriegsheilkunde beschäftigt, ganz besonders in¬ 
tensiv empfinden. Ihm vor Allen, dem eine nur flüchtige Muse das »Studium der Spezial- 
werke meistens nicht erlaubt, wird dcsshalb das vorliegende Compendium eine dankbar 
zu empfangende Gabe sein. Aber auch der ständige Militärarzt wird in Kriegszeit das 
Büchlein gern in seine Feldkiste packen zu Trost und Belehrung in Momenten des Zwei¬ 
fels und seines Sprossen : der Unschlüssigkeit. 

Der Verfasser bespricht auf 240 Seiten alle Fragen der Kriegschirurgie an Hand 
der Erfahrung, oft giftige Pfeile der Ironie gegen nebelhaftes Theorctisiren schleudernd. 

Das Buch beginnt mit der Technik der Vorbereitung, Assistenz, Lagerung etc. des 
za Operirenden und der Technik der Wundnaht. Der 2te Abschnitt enthält die Wund¬ 
behandlung, Verbandlehre, die verschiedenen Methoden der Blutstillung mit anatomisch 
genauen Angaben der Ligaturstellen. Sehr lehrreiche Abbildungen zieren das 3te Kapitel, 
welches das Allgemeine über Knochcnschussverletzungcn und anschliessend die Technik 
der Amputation und Resection mit ihren Indicationen umfasst. Das Schlusscapitel be¬ 
spricht die Verletzungen der einzelnen Systeme des Körpers und ihre Behandlung in sehr 
eingehender Weise. Dieses Capitel gewinnt an Werth durch statistische Mittheilungen 
aus dem 8ecessionskriege. 

Das Buch, ein Kind reicher eigener Erfahrung und bedeutender litterar. Kennt¬ 
nisse, gibt besonders dem jungen, unerfahrenen Operateur so vortreffliche Winke, bir^t 
in kurz hingeworfenen Bemerkungen eine solche Fülle anregender Gedanken und Erin¬ 
nerungen, dass wir es jedem Militärärzte zum Studium während seiner Dienstzeit nicht 
genug empfehlen köqpen. 

Eine Masse sinnstörender Druckfehler und eine Polemik, die oft allzusehr an wi¬ 
derlichen Hausstreit erinnert, werden in einer 2ten Auflage wohl verschwinden. F. P. 


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144 


Compendium der neueren medicinischen Wissenschaften. 

Mit 71 in den Text gedruckten bildlichen Tafeln. Für Aerzte, Lehrende und Lernende 
nach dem gegenwärtigen Stande der Wissenschaft fasslich, die Materie erschöpfend dar¬ 
gestellt unter Mitwirkung hervorragender Fachgelehrten von Dr. Bemard Kraus , Chefred. 
der allg. W. med. Z. etc. Wien, Moritz Perles, 1875. 851 Seiten. 

Die Herausgabe dieses Buches war ein äusserst zeitgemässcs Unternehmen. In 12 
Abschnitten werden die Thermometrie, Sphygmographie, Percussion und Auscult&tion, 
Ophthalmoskopie, Mikroskopie, Uroskopie, Laryngoskopie, Sprachanornnlien, Otiatrik, Elek¬ 
trotherapie, Hygieine und die Toxicologic behandelt, d. h. der Praktiker findet einen ge¬ 
drängten Abriss der neuem physicalischcn und technischen Untersuchungsmethoden, sowie 
der jüngern Spccialitäten und zwar wissenschaftlich gehalten. 

Zum Selbststudium sowie zum Nachschlagen ist dieses Sammelwerk Jedem zu em¬ 
pfehlen, der nicht Zeit hat, sich durch eine Reihe von Specialwerken durchzuarbeiten. 
Wir haben uns überzeugt, dass die einzelnen Abschnitte gewissenhaft ausgearbeitet sind, 
und dass die Darstellung eine gelungene ist. A. Baader. 


Compendium der Physiologie des Menschen. 

Von /. Budge. Dritte vermehrte Auflage. Leipzig 1875. Ambrosius Abel. Kl. Octav. 

433 Seiten. 

Dieses Buch, schon seit einer langen Reiho von Jahren von den Studirenden vorzugs¬ 
weise bei der Repetition der Physiologie fleissig benutzt und rühmlichst dadurch bekannt, 
dass es in gedrängter Kürze Alles wiedergibt, was von physiologischen Thatsachen und 
Gesetzen irgend wissenswerth ist, liegt in neuer Auflage, welche gegen die früheren be¬ 
deutend verstärkt ist, vor. Wir finden auch in dieser Auflage die Entdeckungen bis in 
die neueste Zeit gewissenhaft yerwerthet. Sie wird wie ihre Vorgängerinnen bei Studi¬ 
renden wie Aerzten willkommen sein. H. 


Gott und der Mensch, I. Leib und Seele. 

Von Hermann Ulriä . 2. vermehrte Auflage. Leipzig 1874. T. O. W r eigcL 2 Theilo. 

Das Werk theilt sich in einen physiologischen und einen psychologischen Theil. Na¬ 
mentlich der physiologische wird für Aerzte in vieler Hinsicht äusserst interessant sein, 
da der Hallenser Philosoph eine sehr genaue Kenntniss in den verschiedenen Zweigen der 
Physiologie verräth, und sie zu seinem Zwecke, den Zusammenhang zwischen den physio¬ 
logischen und psychologischen Gesetzen auseinander zu setzen, verwerthet. In einem 
grösseren Abschnitte über den Begriff des Organismus bespricht er des Ausführlichen die 
Danvin'ßche Descendenztheorie, erörtert die für und gegen dieselbe vorgebrachten Gründe 
der verschiedensten Forscher und stellt sich schliesslich auf Seite des neuesten Schrift¬ 
stellers auf diesem Gebiete, A. Wigand (der Darwinismus und die Naturforschung Newton's 
und Cuvier' s, Braunschweig 1874), welcher die Unhaltbarkeit der Darwin 'sehen Lehre dar- 
znthun sucht Wir empfehlen die Lektüre dieses Buches, welches gegen den reinen Ma¬ 
terialismus, wie der Verfasser sich ausdrückt, mit „verschärften Angriffen“ kämpft, bestens. 

H. 


Wegweiser für das Verständnis der Anatomie beim Zeichnen nach der Natur und der 
Antike, sowie für die Studirenden der Medicin bei der Präparation der Muskeln. 

Von C . Schmidt, Tübingen 1874. H. Laupp’sche Buchhandlung. 

Dieses Büchlein, vorzugsweise für den zeichnenden Künstler berechnet, besteht aus 
28 Figuren in Holzschnitt mit beigefügten Erklärungen, wobei meist die Abbildungen des 
Skelettes, den entsprechenden Muskelabtheilungen gegenüber gestellt sind. Die 28. Ab¬ 
bildung bildet ein Schema für die Hauptmaasse des menschlichen Körpers. Zum Schlüsse 
folgt eine Tabelle, aus welcher Ursprünge und Ansätze der Muskeln ersichtlich sind. 

H. 


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1 


— 145 — 

Die operative Gynäkologie mit Einschluss der gynäkologischen Untersuchungslehre. 

Von Dr. A. Begar , Prof. etc. und Dr. R. Kaltenbach , Prof. etc. an der Universität zu Frei¬ 
burg i. B. Erlangen, Ferd. Enke, 1874. 459 B. 

Die rastlose literarische Arbeit auf allen Gebieten der wissenschaftlichen und prac- 
tisehen Medicin machen es dem Fachgelehrten schwer, dem ausübenden Practiker unmög¬ 
lich, all’ die nützlichen und unnützen Producte exacter, oft aber auch oberflächlicher Be¬ 
obachtung zu durchgehen und so den gewünschten Nutzen für die Praxis daraus zu 
ziehen. 

Sammelwerke, wie das vorliegende, die aus der grossen Zahl von Handbüchern und 
Monographien, sowie aus den zahllosen, zerstreuten Journalartikeln das Wesentliche her¬ 
ausgreifen und kritisch zusammenstellen, sind daher als wirkliches Bedürfniss zu be- 
grüssen. 

In prachtvoller Ausstattung bringt das Handbuch, zu dessen klarem Verständniss 
eine grosse Zahl gut ausgeführter Holzschnitte wesentlich beiträgt, dem Studenten sowie 
dem practischen Arzte das Wissenswerthe aus dem schönen Gebiete der operativen Gy¬ 
näkologie, von der Lehre der gynäkologischen Untersuchung mit und ohne Instrumente 
an bis zur „Unterbindung eines Ureters von der Bcheide aus" , welche Operation Hcgar 
selbst an einer Lebenden ausgeführt hat (pag. 458). 

Wir wissen, dass die Ovariotomie, die Operationen der Scheiden- und Uterus Vorfälle, 
sowie des veralteten Dammrisses Errungenschaften der neuern Zeit sind. Es wird daher 
dem Practiker von Werth sein, in dem besprochenen Buche gerade diese Operationen 
sehr anschaulich geschildert zu finden und zwar mit Abbildungen anatomischer und tech¬ 
nischer (Operationsmethoden, Instrumente) Natur. 

Eine speciellere Kritik des Inhaltes würde uns zu weit führen, da es leicht begreif¬ 
lich ist, dass der heutige Stand der Wissenschaft zahlreiche Controversen schafft Bo 
perhorresciren Hegar und Kaltenbach z. B. bei der Reinigung der Wunden die Carbolsäure 
und warnen vor dem häufigen Gebrauche starker Reizmittel nach Operationen (pag. 140 
und 141). 

Das Buch wird viele Leser finden und verdient es. A, Baader. 


Kantonale Correspondenzen, 


Glarus. Seit die glarncr Landsgemeinde im Mai, vorigen Jahres die Frei- 
gebung der Praxis beschlossen, sind bald 9 Monate verstrichen — und heute 
erst kann ich Ihnen den Wortlaut unserer neuen Medicinalordnung mittheilen. Zwar lag 
seit Anfang Juni ein Entwurf der Sanitätscommission in der Mappe des Raths, aber un¬ 
sere Landesvätcr fanden keine Zeit für dessen Berathung, bis sie endlich in letzter Zeit 
sich daran erinnerten. Nun räumten sie aber gründlich auf mit den §§. unserer alten 
Medicinalordnung, die sammt den Anträgen der Sanitätscommission in den Papierkorb flo¬ 
gen, und erliessen nachstehende 

„Provisorische Verordnung, betreffend die Medicinaiverfassung. 

(In Vollmacht der Landsgemeinde, erlassen vom Rathe in seiner Sitzung vom 

2. December 1874.) 

§. 1. Die Ausübung der ärztlichen Praxis in allen ihren Zweigen ist Jedermann 
gestattet. 

Für Fehler in der ärztlichen Behandlung und bei Operationen ist Jeder, der 
die Heilkunst ausübt, gegenüber der geschädigten Partei haftbar. Daherige 
Ansprüche sind auf dem Wege des Civilprocesses geltend zu machen. 

§. 2. Gerichts- und andere amtliche Functionen dürfen nur solchen Medicinalperso- 
nen übertragen werden, welche sich über ihre wissenschaftliche Befähigung hin¬ 
länglich auezuweisen vermögen. 

Ebenso sind auch nur Solche zur Ausstellung von ärztlichen Gutachten, 
Zeugnissen und Bescheinigungen ermächtigt. 


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146 


§. 8. Medicinalpersonen (Aerzte, Apotheker, Thierärzte), welche von der Prüfungs- 
behörde des Concordatskreises ein Diplom erhalten oder auswärts sich ein an¬ 
derweitiges Zeugniss wissenschaftlicher Befähigung erworben haben; ebenso 
Hebammen, welche eine wohleingerichtcte Hebammenschule mit Erfolg durch¬ 
gemacht haben und ein Zeugniss genügender Berufsbildung vorzuweisen im 
Falle sind, können ihre daherigen Ausweise der Sanitätscommission einreichen, 
welche sodann ihre Namen in ein amtliches Verzeichniss eintragen und durch 
das Amtsblatt zur Kenntniss des Publicums bringen wird. 

§. 4. In Fällen, wo ansteckende oder seucheartige Krankheiten unter Menschen oder 
Thieren auftreten, sind Diejenigen, welche sich mit deren ärztlichen Behand¬ 
lung befassen, verpflichtet, der Sanitätscommission ungesäumte Mittheiluug davon 
zu machen. 

§. Ö. Personen, welche bei Gebärenden Hebammendienste versehen, sind verpflichtet: 

a) Fruchtabtreibungen, beziehungsweise Versuche hiezu, welche zu ihrer Kennt¬ 
niss gelangen, dem betreffenden Polizeiamte zu verzeigen ; 

b) von dem erfolgten Tode einer Person, die mehr als sieben Monate schwanger 
war, einem in chirurgischen und geburtshüiflichen Operationen bewanderten 
Arzte sofort Kenntniss zu geben. 

§. 6. Die Medicinalvcrfassung, wie sic im zweiten Theile des Ldsb., S. 483 und ff. 
enthalten ist, tritt ausser Kraft; mit Ausnahme jedoch der 
Abschnitte IV, D : Begräbnissorduung 

und V, Verordnung gegen Thierquälerei. 

Die in den Nachträgen zum Landsbuch enthaltene 

Instruction für die Bezirksthierärzte, sowie 
die revidirtc Impfordnung 

werden durch den gegenwärtigen Erlass nicht berührt“ 

Wie Sie sehen, ist sie kurz ; ob auch gut, Überlasse ich der ßeurtheilung des ärzt¬ 
lichen Publicums. Provisorisch heisst sie, weil unsere bevorstehende Verfassungsrevision 
eine abermalige Umgestaltung erforderlich machen wird. Die Sorge für dos Sanitäts¬ 
wesen wird nach dem neuen Veifassungsentwurf dem Polizeidepartement zugetheilt, alle 
und jede speciellc Sanitätsbehörde, aus Fachleuten zusammengesetzt, abgcfchafft Was 
dann weiter geschehen soll, weiss Niemand. Viel liegt nicht daran. Für's liebe Vieh 
ist gesorgt: wir haben ein eidgenössisches Viehseuchengesetz und allerlei zweckmässige 
cantonule Gesetze, tüchtige Bezirksthierärzte zur Handhabung derselben — was die Leute 
anbetrifft, mögen die für ihre Haut selber sorgen ; daiür haben sie den gesunden Menschen¬ 
verstand 1 

Doch Spass bei Seite! Die Praxis ist also frei; Jung und Alt, Weib und Mann, der 
Spitzbube, der eben dem Zuchthaus entronnen, so gut wie die philantropische alte 
Jungfer — Alle haben gleiches Recht, mit Messer und Gift so gut wie mit Streukügel¬ 
chen an ihren Mitmenschen herum zu curircn und der Apotheker darf ohne langes Be¬ 
sinnen Jedem sein Gramm Strychnin so gut wie seine Düte voll Pfeffermünzzeltchen 
verkaufen. 

Bios §. 2 der Verordnung scheint einen Unterschied zwischen gebildeten Aerzten und 
ungeschulten Curirern zu machen, indem er nur den erstem die Berechtigung zu amtli¬ 
chen Functionen zugesteht. Aber §. 3 öffnet gutmüthig ein Hintcrthürchen. Nicht nur 
Concordatsdiplome gelten als genügender Ausweis — nein, auch „auswärts erworbene, 
anderweitige Zeugnisse“ gelten. Die Sanitätsbehörde hat aber nicht etwa deren Werth 
zu prüfen , sondern sie hat einfach, die Ausweisschriften zu registriren, die Namen der 
Besitzer dem Publicum bekannt zu geben und so vielleicht für den schwindelhaften In¬ 
haber eines werthlosen Doctordiploras sehr unfreiwillig Reclame zu machen. Das Publi¬ 
cum, die Behörden, welche amtliche Functionen verlangen, können dann beurtheilen, ob 
diese „Ausweise wissenschaftlicher Befähigung“ genügend sind. Ein richterliches Col¬ 
legium, aus Bauern und Kaufleuten zusammengesetzt, wird vielleicht sein Votum abgeben 
über den Werth oder Unwerth der Examina dieser oder jener Universität §. 4 wird 
recht hübsche Folgen haben. Gebildete Aerzte werden bestraft werden, wenn sie eine 
seuchenartige Krankheit nicht anzeigen, da man gewiss ist, dass sie dieselben erkennen 
— Quacksalber werden frei ausgehen; denn wenn sie die Anzeige unterlassen, können 


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147 


sie doch in guten Treuen gehandelt haben — ist’s ihnen doch nicht zuzumuthen, alle 
Krankheiten zu kennen. Zwar wir glarner Aerzte waren schon bisher an ähnliche Ar¬ 
gumentationen gewöhnt; sind doch schon Freisprechungen von Aerzten, die wegen Nicht- 
anzcige von Pockenfällen eingeklagt wurden, mit ganz ähnlicher Motivirung erfolgt. Was 
§. 6 beseitigt, bedarf illr Fernerstehende der Erläuterung. Die gestrichenen Abschnitte 
handeln von der Aufsicht über das Medicinal-Personal, von den Prüfungen, der Quack ¬ 
salberei, dem Verkauf von Arzneimitteln und Giften, welch’ letztere bei uns nun unbe¬ 
dingt zu Jedermanns Verfügung stehen. — Die Lebensmittelpolizei wurde schon vor vie¬ 
len Jahren der Sanitätscommission entzogen und der Polizeicommission zugeschieden. Man 
scheint aber auch mit deren Thätigkeit nicht zufrieden gewesen zu sein, da man letztes 
Jahr ein neues Gesetz für nöthig hielt, um bessere Aufsicht zu erzielen. 

In den „Nachträgen zum Landsbuch 44 sind allerlei Verordnungen enthalten. In vor¬ 
stehender „provisorischer Verordnung“ werden nur 2 derselben als „durch gegenwärtigen 
Erlass nicht berührt“ speciell bezeichnet — nachträglich aber behauptet die Regierung, 
dass überhaupt alle in den Nachträgen enthaltenen Verordnungen aus neuerer Zeit zu 
Recht bestehen bleiben. (?!) 

Unser Gesetz — mit und ohne meine Randglossen — muss einen deprimireuden Ein¬ 
druck auf Jeden hervorbringen, dem die Ehre des ärztlichen 8tandes am Herzen liegt. 
Diese Empfindung leitete unsere glarner Coilegen, als fast alle sich zu eiuer Vereinigung 
zusammen thaten. Aber von deren Resultaten kann man mit Recht sagen: nascitur ridi- 
culus mus. 8o viel Köpfe, so viel Meinungen I Am schlimmsten kam dabei die Sani- 
tätscommission weg. Anfänglich hoffte dieselbe, auf Grundlage der vom Rath fcstgestcll- 
ten Redaction des Landsgcmeindebcschlusses noch eine leidliche Regelung der Dinge, 
wenigstens in Bezug auf Sanitätspolizei, herbeizulühren. Wollte sie diess, so musste sie 
aber im Amte bleiben, bis ihr Entwurf beratben war — trotz des Gepoitcrs nicht über¬ 
einstimmender Coilegen. Seit sie aber ihre Hoffnungen alle zu Schanden werden sah, 
hätte sie allerdings herzlich gern „den nicht mehr schön grünen Sesseln“, wie Ihr P. 
Correspondcnt meint, den Rücken gekehrt. Sie hat unserer Regierung unumwunden er¬ 
klärt , wie schwer sic cs über sich bringe , in ihrer absurden Stellung auszuharren und 
dass nur jener §. der Verfassung sie zum Verbleiben für den kurzen Rest der Amtedaucr 
zwinge, der mit dürren Worten unteisagt, während der Amtsdauer die Demission ein¬ 
zureichen. 

Wenn aber nach Ablauf dieser Zeit voraussichtlich kein College mehr Lust zur Ueber- 
nahroe amtlicher Verrichtungen haben wird, ist doch zu hoffen, dass wir den Muth nicht 
sinken lassen und wenigstens diejenigen Fortschritte im Gebiet der öffentlichen Gesund¬ 
heitspflege anstreben, die auch unter unserer jetzigen Gesetzgebung erreichbar sind. Ob 
auch 8pecifisch ärztliche Behörden jetzt vor den Augen des glarnerischen Souveräns keiue 
Gnade finden — vernünftige Anregungen der Aerzte als Privatpersonen finden doch Ge¬ 
hör. So beabsichtigt unsere Verfassungscorfimiseion, durch die Bestrebungen der medic. 
Gesellschaft veranlasst, einen Passus in die Verfassung zu bringen, der dem Cantons- 
echulr&th das Recht gibt, Verordnungen zum Schutz der Gesundheit der 
Schulkinder zu erlassen; der Landrath empfiehlt der Landsgemeinde eine Motion 
des Nationalrath Dr. Tschudy zur Annahme, welche die Aufstellung einer rationellen, 
allgemein verbindlichen Begräbnissordnung verlangt; dasselbe ge¬ 
schieht mit einem Antrag auf Errichtung eines cantonalen Krankenhauses. 
Auch die Regierung hat bis anhin — es wäre Unrecht, dies zu verschweigen — den 
meisten Bestrebungen nach Verbesserung sanitarischer Zustände ihre Unterstützung ange¬ 
deihen lassen. Drum unverzagt vorwärts! Sch. 

lenzem. Der ärztliche Centralverein ist unser Papa und er bat seiner Söhne, die 
ihm immer zahlreicher erwachsen, in allen Gauen der Schweiz verbreitet Auch wir ge¬ 
hören zu dieser Familie und sind auf den Namen : „Medicinische Gesellschaft der Central- 
Schweiz“ getauft. Das Bttblein aber hat einen Fehler mit auf die Welt gebracht. Es 
hat nämlich nicht alle Glieder, die ein rüstiger Junge haben sollte, und daher ist wohl 
die ganze Constitution des Bürschchens etwas kränkelnd oder es entwickelt wenigstens 
nicht das kecke Leben, wie es die Zahl der Jahre seines Erdendaseins mit sich bringen 
sollte. In Prosa heisst das soviel, als dass die ärztliche Gesellschaft der Centralschweiz 
nicht alle jene C&ntone umfasst, welche nach ihrem Titel dabei sein sollten. Auch will 


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148 


«ich das Gefühl der Zusammengehörigkeit nicht so recht ausbilden. Man sieht das na¬ 
mentlich an den Versammlungen, die doch blos ein Mal des Jahres ßtattfinden. Der Be¬ 
such ist gering. Anno 1874 schrieb man eine Tagfahrt nach St Urbap aus, also nach 
der neueröffneten Irrenanstalt des Cantons Luzern. Man glaubte, es werde das eine At- 
tractionskraft nicht blos auf die Vereinssectionen des hiesigen Cantons ausüben, sondern 
auch auf die anderen mit jenen vereinigten Sectionen. Aber mit Nichten! Die Zahl der 
Pilger nach St. Urban war eine so geringe, dass wir sie lieber mit dem Mantel der Ver¬ 
gessenheit decken, als sie an den Pranger heften wollen. Doch haben wir auf dem Pa¬ 
pier eine nicht unbedeutende Mitgliederzahl: 

8ection Luzern 23, Sursce 16, Hochdorf Ö, Willisau-Entlebuch 8, Uri 4, Schwyz 15. 
Total 71. 

Die Gründe, warum sich das Gefühl der Zusammengehörigkeit nicht freudig ent¬ 
wickeln will, werde ich heute nicht erörtern. Ich glaube allerdings, das Leben iu den 
dem schweizerischen ärztlichen Centralverein unterstellten oder ihn bildenden Abtheilungen 
entwickle sich besser, wenn diese über nicht zu grosse Bezirke gezogen sind. Für Fra¬ 
gen , die das Standesintercssc überhaupt beschlagen, richtet man sein Augenmerk nach 
Olten und dampft von allen Windrosen zu den dortigen Generalversammlungen. In den 
einzelnen Abtheilungen spiegelt sich mehr das Leben in den Cantonen ab. Es ist das 
auch ganz natürlich und glaube ich, es sei ebenso gut, v\ enn je die Aerzte der einzelnen 
Cantone sich als Verein dem ärztlichen Centralverein anschliessen, wie das auch meistens 
in Wirklichkeit der Fall ist. Es ist das wenigstens eine Ansicht und für mich ein 
Grund, warum ich glaube, das Conglomcrat der medicinischen Gesellschaft der Central- 
schweiz wolle nicht so recht zusammenhaften. Ich wage diese Meinung zu haben, selbst 
auf die Gefahr hin, das Wort „Cantonese“ an den Kopf geschleudert zu erhalten. 

Von dem Leben und Weben der 6 einzelnen Sectionen der medicinischen Gesellschaft 
der Centralschweiz könnte ich beim besten Willen kein Bild entrollen. Ich beschränke 
mich somit auf einzelne Pinselstriche über die Section, der ich angehöre, über die von 
Luzern, Hier kann ich wenigstens die Mittheilung machen, dass diese nach allerdings 
ordentlich langem Winter- und auch Sommerschlafe wieder erwacht ist 

Wie ist das gegangen! Natürlich hat die medicinische Gesellschaft der Central- 
schweiz auch ihre Statuten und da steht im §. 7 unter Anderem zu lesen: „Findet wäh¬ 
rend 2 Jahren keine Versammlung statt, so hört die Section als solche zu existiren auf 
und wird der örtlich nächstgelrgenen zugetheilt.“ — Das ist doch ein wahres Damokles¬ 
schwert und da der Faden, mit dem es über der Section Luzern hing, Tag um Tag 
dünner wurde, so mochte die Furcht, einer selbstverschuldeten Existenzvernichtung zu 
verfallen, auch mit ein Grund zum Wiederaufleben oder zum Zusammenraffen gewesen 
sein. Edlere Motive werden auch stimulirend mitgewirkt haben. Das soll die Zukunft 
lehren! Sie soll auch zeigen, dass cs nicht ein blosses oder letztes Aufflackern war! 
Auf die erste Zusammenkunft im abgelaufenen Jahr (Ende Sommer) wurden alle Aerzte 
und Apotheker des Amtes Luzern eingeladen. Es folgten dem Rufe 12 Vereinsmitgliedcr. 
Neuanmeldungen haben wir leider keine zu verzeichnen. Man constituirte sich also neu 
und that das, was an solchen Gelegenheiten drum und dran bängt Bis Schluss 1874 
hatten wir 2 fernere Sitzungen, anno 1875 bereits die vierte. Die Frequenz blieb sich 
so ziemlich dieselbe, scheint eher im Steigen zu sein. Immerhin ist zu hoffen, dass, weil 
sich nun einmal ein solider Kern gebildet hat, sich nach und nach ein ordentlicher Cry- 
stallisationsprocess darum bilden werde. Die in vorgenannten Versammlungen gehaltenen 
fach wissenschaftlichen Vorträge standen zum Theil schon im „Correspondenzblatt für 
schweizer Aerzte“, namentlich diejenigen der Herren Collegen Dr. Steiger und Dr. Pflüger . 
Ich kann mich also darüber weiterer Meldung enthalten. Zu notiren ist aber des Fer¬ 
nern, dass Herr Apotheker OUo Suidter eine Serie von Vorträgen begonnen hat, um uns 
die neuesten Arzneimittel in Präparaten, in Dosirung, Eigenschaften und nach den bisher 
gemachten Erfahrungen etc. vorzufübren; ein sehr verdienstliches und für die Zuhörer 
sehr belehrendes Bcginuen. Herr Dr. Nager sprach über die Auslöfflung atonischer Ge¬ 
schwürsflächen unter Vorzeigen der dafür gebrauchten Instrumente und über die daherigen 
Resultate dieses Verfahrens etc. Mittheilungen über lehrreiche Begebenheiten aus der 
Praxis wurden dann namentlich noch gemacht von den Herren Dr. Fischer in Rodt, 
Dr. Steiger , Dr. Stöcker und Anderen. 


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Wir haben jetzt auch in Luzern ein ärztliches Lesezimmer, indem wir uns dem hie« 
sigen technischen Leseverein angeschlossen haben, und disponiren jetzt schon über eine 
bedeutende Zahl der gesuchtem Fachzeitschriften. Auch hier vollbringt vereinte Kraft, 
was bei Zersplitterung der Einzelnen nie erreichbar ist. 

„Aller Anfang ist schwer* , sagt das Sprichwort. Dieser Anfang liegt nun für die 
medicinische Section Luzern im Kücken, und ich wünsche nun derselben ein fröhliches: 
Floreat! Grescat! Ich schliesse mit dem Ausruf: Vivat sequensi Das heisst nämlich für 
mich zu deutsch: Es lebe der nun für die Section Luzern gewählte Correspondent in 
unsere schweizerische Fachzeitung, Herr Dr. PfA Möge er recht oft im Falle sein, vom 
Leben und Wirken der Section Luzern Kunde zu geben 1 B. 


W ochenbericht. 


Schweiz. 

91111täraanit AIswesen« Der Bundesrath hat die üblichen Ernennungen und 
Beförderungen im Sanitätsstabe vorgenommen und dabei zum ersten Mal in ausgiebiger 
Weise den Grundsatz des Avancements nur nach der Anciennetät bei Seite gelassen. Es 
sind die Stellen der Divisionsärzte besetzt worden für die : 

I. Division durch Stabsmajor Louis Rouge in Lausanne. 

II. Division durch Major Franz Gustav de Pury , Stabsarzt des Cantons Neuenburg. 

HL Division durch Stabsmajor Adolf Ziegler in Bern. 

IV. Division durch Stabsmajor Eugen Munzinger in Olten. 

V. Division durch Stabsmajor Eugen Bertschinger in Lenzburg. 

VI. Division durch Oberstlieutenant Albert Weifmann in Winterthur. 

VIL Division durch Major Jakob Bisegger, Stabsarzt des Cantons Thurgau. 

VIIL Division durch Stabsmajor August Heiser in Zug. 

Den Herren Rouge , de Pury, Ziegler, Munzinger, Bertschinger, Bisegger und Heiser ist zu¬ 
gleich der Oberstlieutenantsgrad verliehen worden. 

Die weitern Beförderungen im Sanitätsstab wurden noch nicht publicirt. 

Der vom Militärdepartement eingebrachte Entwurf einer Instruction über Unter¬ 
suchung und Ausmusterung der Militärpflichtigen gemäss den Bestimmungen der neuen 
Militärorganisation hat die Genehmigung des Bundesrathes erhalten. 

Die diesjährigen Schulen für das Medicinalpersonal der Sanitätstruppen vertheilen 
sich folgendermassen: 

Instructorenschule. Vom 8. bis 20. März in Basel. 

Ofücier-Bildungsschule. Für deutsch sprechende Aerzte vom 8. bis 29. Mai in 
Basel. — Für französisch und italienisch sprechende Aerzte und Apotheker vom 14. Juni 
bis 10. Juli-in Luzern. — Für deutsch sprechende Aerzte und Apotheker vom 20. Juli 
bis 21. August in Luzern. 

Recrutenschulen. Vorcurs für sämmtliche noch nicht brevetirte aber patentirte Aerzte 
und die Sanitäts-Recruten der Divisionskreise IV und V vom 8. bis 20. März in Basel. 
— Recruten des IV. und V. Kreises vom 22. März bi9 24. April in Basel. — Recruten 
des VI. Kreises vom 26. April bis 29. Mai in Basel. — Recruten des I. Kreises vom 
7. Juni bis 10. Juli in Luzern. — Recruten des VIII. Kreises vom 7. Juni bis 10. Juli 
in Zürich. — Recruten des IH. Kreises vom 19. Juli bis 21. August in Luzern. — Recru¬ 
ten des 1L Kreises vom 80. August bis 2. October in Luzern. — Recruten des VII. Kreises 
vom 30. August bis 2. October in Zürich. 

Wiederholungscurse. Operations-Wiederholungscurs für ältere Aerzte vom 20. Juli 
bis 7. August in Bern. — Operations-Wiederholungscurs für ältere Aerzte vom 20. Sep¬ 
tember bis 2. October in Zürich. 

Ueber die Zweckmässigkeit der Aufstellung von Platzärzten für die einzelnen Waffen¬ 
plätze bat sich im „Bund* ein Officier dahin ausgesprochen, dass diese Einrichtung wohl 
zur Bequemlichkeit der Aerzte, nicht aber zum Wohle der Truppen diene. Wir bestrei¬ 
ten das. Der eidg. Oberfeldarzt wird jedenfalls bei der practischen Ausführung der prin- 
cipiell beschlossenen Sache darauf sehen, dass die Platzärzte den Dienst bei den Truppen 


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150 


vollständig und nicht lückenhaft ausführen. Wir erhalten dadurch Aerzte, die mit den 
Bedürfnissen der Truppe und den Anforderungen, die an sie gestellt werden, völlig ver¬ 
traut sind und daher die Verhältnisse complet beurtheilen können. 


Basel« Aus „Rathschlag und Gesetzesentwurf betreffend die Kanalisation der 
Stadt Basel tf heben wir folgende zeitgemässe Rechnung heraus. 

Seitdem die Ueberzeugung durchgedrungen ist, dass es sich bei unsern Dohlen- 
und Abtrittverhältnissen nur um eine durchgreifende Gesammtkorrektion handeln kann, hat 
auch der Grosse Rath Gelegenheit genug gehabt, sich damit vertraut zu machen, dass 
dafür ein entsprechendes, bedeutendes Opfer muss gebracht werden. In der That be¬ 
läuft sich die Total-Kostensumme auf nicht weniger als Fr. 3,075,000, wobei für Ein¬ 
leitung der Arbeiten, Aufsicht und BaufUhrung, Verschiedenes und Unvorhergesehenes 
10% zugeschlagen und die Materialpreise nach den dermaligen hohen Ansätzen gerechnet 
sind. Die Zusammenstellung zeigt folgende einzelne Posten: 

Kanäle Fr. 2,014,779. 60 


Kanalvcrbindungen und Einsteigkamine 

Schlammsammler und Strassenwasserkanäle 

Regenauslässe 

Spülthüreu 

W asserzuleitungen 

KanalausmUndungen in den Rhein 

Chaussirungsarbeiten 

Pumpstationen 

Verschiedenes 


169,500. — 
371,600. — 
• 2,402. 50 
7,168. — 
27,510. 85 
80,512. 30 
90,100. — 
82,000. — 
279,426. 85 


Total für die Kanalisation der Stadt Basel Fr. 3,075.000, — 
Zu diesen Kosten kommen die jährliohen Auslagen für Strassenreinigung im ganzen 
Kanalisationsgebiet mit Fr. 77,000 und eine jährliche Ausgabe von circa Fr. 23,000 für 
Beaufsichtigung, Spülung und Unterhalt der Kanäle. 

Diese Baukosten von Fr. 3,075,000 nun gedenkt die Regierung durch ein Anleihen 
aufzubringen und difses zur Hälfte vom Staat, zur Hälfte von den Hausbesitzern (mittelst 
einer Steuer von 2°% vom Brandversicherungswerth) verzinsen und amortisiren zu lassen. 
Die Rechnung über Kanalisation und Birsigkorrektion wird sich dann folgendermassen stellen: 


Kanalisation 

Fr. 3,075,000. — 

Birsigkorrektion 

„ 282,000. - 

Zuschüsse an Hausbesitzer, Verluste und Diversa 

„ 93,000. — 


Fr. 3,450,000. — 

Verzinsung 4 4 8 /4% 

Fr. 163,875. — 

Amortisation 4 1% 

„ 34,500. — 


Fr. 198,375. — 

% durch das laufende Budget zu zahlen, V, durch die Hausbesitzer 

Fr. 99,187. 50 

Ferner durch die Hausbesitzer für Strassenreinigung 

„ 78,700. — 

Unterhalt, Beaufsichtigung, Kosten des Wassers zur Spülung 

„ 22,112. 50 


Fr. 200,000. — 


Das ist eine sehr respectablc Rechnung, allein auch eine sehr wohl überdachte. Das 
Opfer, das Staat und Privaten gemeinsam bringen sollen, ist wohl angewendet und wird 
reichliche Zinsen tragen. Es wird mächtig zur Hcbuug der Gesundheitsverhältnisse bei¬ 
tragen und „Volksgesundheit ist Volkswohlfahrt“. 


Ausland. 

ISllglandL V ivisectionen. Seit längerer Zeit werden die zu physiologischen 
und pathologischen Zwecken in medicinischen Instituten vorgenommenen Vivisectionen 
von allerlei Tbieren in medicinischen und nicht medicinischen Blättern Englands bespro¬ 
chen, bald pro, bald contra. Endlich hat die „Königliche Gesellschaft zur Verhinderung 
von Thierquälerci u sich zum Sachwalter aller Gegner der Vivisection aufgeworfen, indem 
sie an verschiedene ärztliche Vereine und Corporationen Circulare erlassen hat, die den 
Gegenstand betreffen. Unter Anderm hat die medicinisch-chirurgische Gesellschaft von 


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lM 


London ein solches Schreiben erhalten, worin der Secretär jenes Thierschutsvereins mit 
drohender Haltung verlangt, Anzeige zu erhalten, falls im Schooss der Gesellschaft Ex¬ 
perimente an Thieren sollten beabsichtigt werden. Er werde sich dann mit 2 andern 
Genticmen cinfinden, um — obwohl Laie — sein Urtheil über die Nothwendigkeit der 
betreffenden Versuche abzugeben und wieder an seinen Verein darüber zu berichten. 

Derselbe hat vorläufig die verdiente Abfertigung erhalten. Doch könnte leicht, falls 
es dem Thierschutzverein gelingt, Propaganda zu machen, bei der bekannten Macht der 
öffentlichen Meinung in England, daraus eine Gefahr für die dortige experimentelle Phy¬ 
siologie entstehen! - 


Stand der Infeetlom-Krankheltcn ln Basel. 

Vom 12. bis 24. Februar. 

Vor den in intensiver Weise herrschenden Krankheiten der Lungen sind die Infec- 
tionskrankheiten mehr zurückgetreten. Diphtherie, Erysipele, Keuchhusten und Varicellen 
sind nur in ganz vereinzelten Fällen gemeldet, Scharlach und Puerperalfieber in kleinen 
Gruppen; Typhus zeigt sich in 6 zerstreuten Fällen. 


Salicyl - Säure, 

Jod- u. Brompräparate 
liefert in reinster Qualität das 
chemische Laboratorium in 
Schweizerhalle bei Basel. [H-619-QJ 


Stelleausschreibung. 

Die Stelle eines Assistenzarztes der medlci- 
nlschen Abthellnng und eines Arztes der Poli¬ 
klinik am Kantonsspital in St Gallen mit einem 
Salarium von 500—700 Frcs. und freier Station 
wird hiemit öffentlich znr Wiederbesetzung 
ausgeschrieben. Anmeldungen sind bis zum 
20. Harz 1. J. an das Polizeidepartement des 
Kantons St Gallen in St Gallen einznreichen 
nnd bezügliche Zeugnisse beizul egen. 

St. Gallen, den 20. Februar 1875. 

[H-610-Q] Die Staatskanzlei. 

Assistelitenstelle gesucht 

Ein Mediciner, der kürzlich promovirt hat nnd 
der im nächsten Sommersemester das Concordats- 
examen absolviren will, wünscht bei einem be¬ 
schäftigten praktischen Arzt eine Assistenten¬ 
stelle während der Dauer der Frühlingsvakanzen 
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Eidgenössischer Gesundheitsdienst. 

Zur Besorgung des Gesundheitsdienstes auf den verschiedenen Waffenplätzen der 
Schweiz werden Platzärzte gesucht. 

Diejenigen Herren Militärärzte, welche geneigt sind, eine solche Stelle zu überneh¬ 
men, werden ersucht, ihre Anmeldungen beförderlichst an den eidgeiL Oberfeldarzt 
zu richten. [H-530-Q] 

Bern, den 12. Februar 1875. 


BeltanntmaeliuLiig. 

In Zukunft werden alle diensttauglichen Medicin-Studirenden eine Infanterierekruten¬ 
schule durchzumachen haben. Dasselbe gilt dermalen auch für alle bereits patentirten, 
aber noch nicht brevetirten jungen Aerzte. 

Zur Erleichterung dieser letztem wird nun ausnahmsweise vom 7. März ab in Basel 
eine militärische Yorbildungsschule in der Dauer von 14 Tagen abgehalten werden und 
wird diese Schule denselben für eine ganze Infanterierekrutenschule zählen. 

Sämmtliche schweizerischen Aerzte, welche sich in besagtem Falle befinden, haben 
sich ohne Verzug zur Aufnahme in diese Yorbildungsschule bei Unterzeichnetem zu melden. 

Bern, den 12. Februar 1875. Der eidgen. Oberfeldarzt: 

[H-531-Q] Schnyder. 


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fordernissen der Neuzeit eingerichtet. — Mässige Preise. 

Kröffnung^ im März 1875. 

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CORRESPOMMZ-BLATT 


Am 1. und 15. jeden 
Monats erscheint eine Nr. 

I 1 /*—2 Bogen stark; 
am Schluss des Jahrgaugs 
Titelu.Inhaltsverzeichniss. 


für 

schweizer Aerzte. 

Herausgegeben von 


Preis des Jahrgangs 
Fr. 10. — für die Schweiz; 
der Inserate 

25 Cts. die zweisp. Zeile. 
Die Postbureaux nehmen 
Bestellungen entgegen. 


Mr« Alb« Burekhardt-llerian und 

Prnr&tdoosnt in Basel. 


Dr. A« Baader 

in Gelterkinden. 


N.' 6. Y. Jahrg. 1875. 15. März. 


Inhalt: 1) Orlginalarbeiten: Dr. Conrad, Znr Aetiologie der congenitalen Gelenkdiformitäten. — 2) Vereins¬ 
berichte: Aerztlicher Verein des Cantons St. Gallen. (Schluss.) Section Luzern der mediciuischen Gesellschaft der Central- 
scbweiz. — 8) Referate «nd Kritiken: Dr. Theodor Kocher, Krankheiten des Hodens. Otto Oesterlcn, Das menschliche 

Haar und seine gerichtsfirztliche Bedeutung. — 4) Kantonale Correspondenzen: Basel; Genf. — 5) Wochen¬ 
bericht. — 6) Briefkasten. 


Original-Arbeiten. 

Zur Aetiologie der congenitalen Gelenkdiformitäten. 

Von Dr. Conrad, Privatdocent. 

Erster Assistenzarzt der geburtshülflichen und gynäcologischen Klinik in Bern. 

W as Lücke •) für den Klumpfuss mit vollem Recht hervorgehoben hat: dass 
die Erforschung seiner Aetiologie wichtig für die Methode und den Erfolg seiner 
Behandlung sei, gilt auch für andere angeborene Gelenkdiformitäten, und es möchte 
insofern ein Beitrag hiezu auch für den Praktiker nicht ohne Interesse sein. Ueber 
die Aetiologie der am häufigsten vorkommenden angeborenen Gelenkdiformität, dos 
Hauptrepräsentanten dieser Gruppe, des Klumpfusses sind hauptsächlich **) 4 An¬ 
sichten vertreten worden: 

1) Er entsteht durch primäre Erkrankung des Nervensystems ( Duchenne , S(ro - 
meyer , Pitha , Friedreich u. A.) 

2) Durch Hemmungsbildung, Verharren in der starken Suppinationsstellung des 
frühem Fcetallebens ( Eschricht ). 

3) Durch primäre Knochenveränderungen, abnormes Wachsthum der Gelenk¬ 
keime ( Hüter , Henke). 

4) Durch intrauterinen Druck in Folge geringer Fruchtwassermenge ( Volkmann , 
Lücke). 


*) Ueber den angeborenen Klumpfuss. Vollem, klin. Vorträge Nr. 10. 

**) Die ätiologischen Momente, wie Erblichkeit (Michaux), Fehlen einzelner Muskeln und Knochen 
(Bouvier , Duval , Charcellay, Roger , Billroth ), Nabelschnurumschlingung (Schreiber, Francilion) y gelten 
nur für seltenere Ausnahmsfälle. 

11 


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In den 9 Fällen, welche die angeführten Autoren zum Belege für die letztere 
Ansicht beibringen, haben sie hauptsächlich aus dem Befunde, den die Kinder kür¬ 
zere oder längere Zeit nach der Geburt darboten, allerdings mit guten Gründen 
(anatomische und physiologische Verhältnisse des Klumpfusses, Druckschwielen, 
Drucknarben) auf intrauterinen Druck geschlossen; ohne diesen aber aus dem Ver¬ 
laufe der Schwangerschaft und Geburt näher zu begründen; denn entweder sind 
über diese keine oder ganz kurze Angaben gemacht, welohe sich hauptsächlich 
darauf beschränken, dass nach Angabe der Frau oder der Hebamme bei der Ge¬ 
burt nur wenig Fruchtwasser abgegangen sei; nun sind aber die Angaben der 
Hebammen und der Frauen ganz unzuverlässig, da sie nur die Menge des „Ver¬ 
wässere“ und auch diese nur ungenau bestimmen. Die genauere Beobachtung der 
Schwangerschaft und der Geburt kann aber zur Erklärung des intrauterinen Druckes 
nicht gleichgültig sein, und sie ergab denn auch in den von uns beobachteten 
Fällen, mit denen wir die Theorie des Uterusdruckes weiter belegen möchten, dass 
der intrauterine Druck nicht nur ein passiver in Folge Raumbeschränkung durch 
abnorm gerihge Fruchtwassermenge, sondern sehr wahrscheinlich auch ein activer 
sein kann, hervorgerufen durch Contractionen des Uterus, welche durch den Reiz 
vorzeitigen Abflusses des Fruchtwassers in der Schwangerschaft eingeleitet 
werden. 

1. Fall. Polikl. Journal Nr. 103. Frau H . . . ., 35 Jahre alt, kräftig und 
regelmässig gebaut, gesund, hat zweimal am rechtzeitigen Ende der Schwanger¬ 
schaft normal geboren; die Kinder leben beide, sind gesund und wohl 
gebildet 

Anfangs November 1873 letzte Regel, bald nachher Auftreten der gewöhnli¬ 
chen Schwangerschaftserscheinungen. Am 14. Februar (also im 4. S. Monat) trat 
ohne äussere Veranlassung, nach vorhergegangenem plötzlichem 
Wasserabfluss aus der Scheide, welcher ihr die Kleider 
durchnässte, eine heftige Metrorhagie ein, welche von Zeichen der acuten 
Anämie gefolgt war. Bei diesem Anlass wurde meine Hülfe in Anspruch genom¬ 
men, welche ich den Umständen gemäss leistete. Der Abortus trat nicht ein, doch 
zeigte sich im weitern Verlaufe der Schwangerschaft, trotz fortgesetztem zweck¬ 
mässigem Verhalten öfters, in unregelmässigen Zwischenräumen, ein schwach blutig- 
seröser Ausfluss aus den Genitalien; die Ausdehnung des Unterleibs nahm nicht 
entsprechend dem Vorrücken der Schwangerschaft*) zu, so dass es der Frau 
auffiel, dass sie weniger stark sei wie in frühem Schwangerschaften, häufig 
empfand sie wehenartige Schmerzen; die Kindsbewegungen 
traten zur gehörigen Zeit ein, doch waren sie, nach bestimmter, unaufgeforderter 
Angabe, im Vergleich zu den frühem Schwangerschaften, auffallend schwach. 
Die Geburt trat am 3. Juni (im 8. S. Monat) ein; es war sehr wenig Vor¬ 
wasser vorhanden, so dass die Eihäute kaum vom vorliegenden Kopf abgehoben 
waren; der Austritt erfolgte spontan; kein Nachwasser. 


*) Die Bauchdecken waren durch wiederholte Geburten schlaff; Diastase der Recti vorhanden. 


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bender, frühzeitiger Knabe, 
39 Ctm. lang. Die Unter¬ 
tension und fest an den 
wegungen im Hüftgelenk 
Bewegungsversuch schnel- 
here Stellung zurück. Noch 
ankylose der beiden Knie¬ 
waltanwendung geringe 
gestatteten; die Patellss 
Hakenfüsse, deren Dorsal- 
der Unterschenkel voll- 
Fuss dabei in Plattfuss- 

Flexion der Füsse nur mit einiger Mühe bis zum spitzen Winkel möglich. 

An der Haut nirgends Druckschwielen oder Drucknarben ( Lücke, Volkmann ) zu 
bemerken. 

Im Uebrigen ist der Körper des Kindes, abgesehen von den Zeichen der Früh¬ 
zeitigkeit, regelmässig gebildet. 

Der Tod trat 7 Stunden nach der Geburt unter den Erscheinungen von Lebens¬ 
schwäche ein. 

Die anatomische Untersuchung der Gelenke konnte äusserer Umstände wegen 
leider nicht vorgenommen werden. 

Nachgeburt 400 gmm. schwer, die Eihäute auffallend dick und zähe, der Ei¬ 
hautriss central von rundlicher Form und geringer Weite; wurden die Eihäute 
möglichst stark aufgespannt, so machte die Eihöhle den Ein¬ 
druck einer auch im Verhältniss zu der frühzeitigen Geburt 
entschiedenen Kleinheit**). 

2. Fall. Privatpraxis. Frau M . . 30 Jahre alt, wohl gebildet, zum ersten 

Male schwanger seit Anfang December 1873. Die Schwangerschaft nahm einen 
regelmässigen Verlauf bis 4 Wochen vor ihrem rechtzeitigen Ende, wo sich ein 
starker wässriger Ausfluss aus den Genitalien einstellte, der von häufi¬ 
gen wehenartigen Schmerzen begleitet war; dabei wurden allmälig die 
Kindesbewegungen schwächer und hörten kurze Zeit vor der Geburt ganz 
auf, welche am 19. August 1874 in Gang kam. Wie schon in der letzten Zeit der 
Schwangerschaft, fiel mir auch jetzt bei der äussern Untersuchung der Kindslage 
auf, dass bei noch stehenden Wässern die Palpation der Kindstheile äusserst er¬ 
schwert war und zwar nicht durch -die Spannung der Bauchdecken, sondern durch 
die starke Retraction des Uterus um die Frucht (natürlich ausserhalb der Wehe). 
Der grösste Unterleibsumfang mit dem Bandmasse über dem Nabel gemessen be- 

*) Der geneigte Leser wolle gefälligst den üppigen Haarwuchs der beiden Köpfchen der Phan¬ 
tasie des Holzschneiders zu Gute halten. Die Abbildungen wurden nach Photographien geschnitten. 

Redact 

*•) Von diesem Verhalten überzeugten sich auch die Herren Prof. Breitlcy und Prof. Kocher •, welche 
die Nachgeburt im frischen Zustande sahen. 


Das Kind, *) ein le- 
war 1700 gmm. schwer, 
extremitäten in Hyperex- 
Leib gedrückt; ihre Be- 
sehr erschwert, nach jedem 
len sie wieder in die frü- 
stärker war die Pseudo¬ 
gelenke, die nur mit Ge- 
Ex cursion der Bewegungen 
vorhanden. Beidseitige 
flächen der Vorderfläche 
ständig anliegen, der linke 



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trug (der vorliegende Kopf war nur mit einem Segment im Beckeneingang) bei 
massig gefüllter Blase und Rectum nur 90 Ctm. (gewöhnlich 95—100) von 
Symphyse zu proc. xyph. bei normaler Lage des Uterus 34 Ctm. (gewöhn¬ 
lich 40—45). 

Herztöne nicht zu hören. 

Es bildete sich im Verlauf eine kaum fühlbare, sehr flache Blase, welche ich 
wegen Zähigkeit der Eihäute künstlich sprengte, wobei nicht mehr als 2 — 3 
Esslöffel Fruchtwasser abflossen, das mit Kindspech gemischt war. 
Die Austreibung der Frucht erfolgte spontan. Kein Nachwasser. 

Das Kind, ein reifer, todter Knabe, war 3800 

gmm. schwer, 47 Ctm. lang. 

Die beiden Oberschen- 
flectirt, wenig beweglich, 

Kniegelenke stark contra- 

Beidseitige Klumpfüssc, 
die nur wenig ausgiebige 
gestattete, und wie auch die 
Bewegungsversuchen stete in 
schnellen. 

Linkseitige Klumphand 
gelenkes. 

Die Extremitäten wie 
ausgebildet, namentlich an 
bare Abmagerung. 

An der Haut nirgends Druckschwielen oder Drucknarben. 

Die anatomische Untersuchung der Gelenke wurde von den Angehörigen nicht 
gestattet. 



kel im Hüftgelenke stark 
der rechte abducirt; die 
hirt, PatellsB gut gebildet. 
Contractur der Fussgelenke, 
Rectification der Stellung 
übrigen Gelenke nach den 
die frühere Stellung zurück- 

mit Contractur des Hand- 

der übrige Körper sonst gut 
den erstem keine bemerk- 


3. Fall. Frau R . . ., Polikl. Journal Nr. 95, von regelmässigem Körperbau, 
hat 3 gesunde, gut gebildete Kinder. Letzte Menses Anfangs Juni 1874. Gewöhn¬ 
liche Schwangerschaftserscheinungen; rechtzeitiger Eintritt der Kindsbewegungen: 
am 29. November 1874 (im 6. S. Monat) nach einem Falle plötzlicher Was¬ 
serabfluss aus der Scheide, welcher ihr die Kleider stark 
durchnässte, bald darauf Eintritt einer mässig starken Blutung, gegen welche 
ich die nöthigen Verordnungen traf. 

Der Abortus trat nicht ein, doch blieb, trotz zweckmässigem Verhalten, ein 
seröser, leicht blutig gefärbter Ausfluss; zeitweilig traten wehenartige 
Schmerzen auf, über welche die Frau besonders klagte, dabei gab sie an, 
„dass sie das Kind nicht mehr recht spüre 44 ; mit der aufgelegten Hand waren 
Kindsbewegungen nicht wahrzunehmen , doch konnte ich deutlich kindliche Herz¬ 
töne hören. Am 11. December kam die Geburt in Gang (am Ende des 6. S. Mo¬ 
nates). Die Frucht stellte sich in Schulterlage ein; kein Vorwasser; der 
Eihautriss erfolgt spontan ohne bemerkbaren Wasserabgang. Selbstentwicklung, 
Austritt in Fusslage;kein Nachwasser. 


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Die Fincht*) machte Inspirationsbewegungen, bewegte die Glieder, war 33 
Ctm. lang, 710 gmm. schwer, entsprach in ihrer Entwicklung dem 6. S. Monat. 

Der rechte Fuss ist ein Platt-Hakenfuss, seine Dorsalfläche liegt der Vorder¬ 
fläche des Unterschenkels unmittelbar auf, von welchem er sich nur bis zum rech¬ 
ten Winkel abheben lässt; doch schnellte er Anfangs nach den Bewegungsver¬ 
suchen in die falsche Stellung zurück; nach Wiederholung derselben hielt er sich 
im rechten Winkel. Von dem stark vorspringenden Maleol. int zieht eine Haut¬ 
furche gegen die Planta hin; der innere Fussrand ist an der Kreuzungsstelle mit 
dieser Hautfurche verwischt. 

Abgesehen von den Zeichen der Frühzeitigkeit war die Frucht sonst regel¬ 
mässig gebildet, namentlich war der rechte Fuss ganz normal, während sonst der 
congenitale Plattfuss gewöhnlich combinirt mit Klumpfuss der andern Seite vor¬ 
kommt (Martin, Hohl, Volkmann, Lücke.) 

Die anatomische Untersuchung der Gelenke, welche Prof. Kocher begonnen 
hatte, konnten leider durch Schuld eines Dritten nicht zu Ende geführt werden. 

Werfen wir nun noch einen Rückblick auf die drei mitgetheilten Fälle , so 
sehen wir bei den beiden ersten die eigenthümliche Haltung der Frucht, welche 
möglichst zum Ovoid zusammengepresst ist, bei allen die deformen Gelenke mit 
mehr oder weniger erschwerter Beweglichkeit bei im Uebrigen regelmässiger Kör¬ 
perbildung; im ersten Fall damit zusammentreffend die auffallende Kleinheit der 
Eihöhle mit zähen, sehr dicken Eihäuten; erinnern wir uns nun der wesentlichen 
Momente der Anamnesen, nämlich des abnormen (im 4., 6. und 10. S. Monat) Was¬ 
serabflusses aus den Genitalien, gefolgt von wehenartigen Schmerzen, Abnahme 
der Kindsbewegungen, geringer Ausdehnung des Unterleibs, so haben wir es mit 
Fällen von angeborenen Gelenkdiformitäten zu thun, welche 
durch intrauterinen Druck entstanden sind, und zwar ist dieser 
wohl nicht nur durch Raumbeschränkung innerhalb der Gebärmutter in Folge ge¬ 
ringer oder ganz fehlender Fruchtwassermenge verursacht, sondern auch durch ac- 
tive Contractionen des Uterus, welche durch den Reiz vorzeitigen Wasserabflusses 
her vor gerufen wurden. 

Die Entstehung des intrauterinen Druckes in dieser Weise wurde schon von 
Breieky **) als wahrscheinlich angenommen, obschon sie bis dahin durch bestimmte 
Beobachtungen nicht begründet worden war. Die von uns nun mitgetheilten Fälle 
sind zu wenig zahlreich und ihre Beobachtung, da wir während derselben an diese 
Entstehungsweise des intrauterinen Druckes nicht dachten, in manchen Puncten 
zu unvollständig, um diese specielle Frage sicher zu*entscheiden; wir wünschen 
nur sie angeregt und unsere Collegen zu weiteren Beobachtungen und Beiträgen 
veranlasst zu haben. 


•) Wir bedauern, eine sehr getreue Zeichnung von ihr hier nicht wiedergeben zu können. 
**) Vide dieses Journal m. Jahrgang, pag. 380. 


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ereinsberioh te. 


Aerztlicher Verein des Cantons St. Gallen. 

(Schluss.) 

Ihm schliesst sich ein Vortrag von Herrn Dr. Hartmann , älter, von Flawyl über 
öffentliche Gesundheitspflege an, wobei Referent zuerst einleitend 
constatirt, dass die Medicin gegenwärtig in einer durchgreifenden Reformation, in 
einer „bedeutungsvollen Schwenkung 44 ( Bettelheim ) begriffen sei, die sich nicht nur 
auf das Gremium des ärztlichen Standes beschränke, sondern sich auch bereits des 
Laienpublikums bemächtigt habe. Die Frage der privaten und öffentlichen Hygieine 
gewinne von Tag zu Tag mehr an Wichtigkeit, so dass sie unsere vollste Auf¬ 
merksamkeit verdiene. 

Es habe eine Zeit gegeben, wo ein Avicenna behaupten konnte, der Arzt dürfe 
die Vernunft so wenig gebrauchen als der Priester; wo die Wissenschaften das 
ausschliessliche Eigenthum gewisser Kasten waren und der Arzt sich ängstlich nach 
der Schuldogmatik richtete. Seitdem aber die Naturwissenschaften besser gepflegt 
und zum Gemeingut Aller geworden und die Physiologie in manche Vorgänge des 
gesunden und kranken Lebens Licht verbreitet, seien Zweifel an Stelle des Auto¬ 
ritäten- und Schulglaubens getreten; man wolle nicht mehr glauben, sondern 
wissen. 

Indessen herrschen allerwärts viel Verwirrung und Widersprüche: auf der 
einen Seite Unglauben und Misstrauen gegen die Aerzte und ihre Kunst bis zum 
Verlangen gänzlicher Beseitigung legaler Praxis; auf der andern Seite trotz Schul¬ 
bildung und vielseitiger Aufklärung in andern Künsten und Wissenschaften der 
frappanteste Wunder- und Aberglauben, so dass Charlatanerie und Curpfuscherci 
noch nie üppiger geblüht als jetzt, und Jene noch immer die besten Geschäfte 
machen, die es auf die Dummheit und den Aberglauben des Volkes abgesehen 
haben. 

Referent spricht die Ansicht aus, die practischen Aerzte dürfen da nicht müs- 
sig zusehen, sondern sollen sich frisch in das herrschende Fahrwasser wagen und 
sich der Strömung zu bemächtigen suchen. 

Es fehle diesfalls an der Bildung und Belehrung des Volkes. Man habe bis¬ 
her diese vernachlässigt oder falsche Wege eingeschlagen dadurch, dass man es 
mit Zweifeln und Misstrauen gegen die Arzneikunst erfüllte, ohne es über deren 
Zweck und Leistungsfähigkeit auf populäre Weise zu belehren. Die Ausnahmen, 
welche die Sache vom rechten Standpuncte aus verfolgt haben, seien bisher zu 
vereinzelt gewesen und haben den Weg zur Masse des Volkes nicht gefunden; da 
seien die practischen Aerzte die rechten Lehrer, die da mit Erfolg wirken können. 
Das Feld ihrer Arbeit sei das der Hygieine, was darüber hinaus geht, könne das 
Volk nur verwirren. Auf diesem Felde werde man auch den Kampf gegen die 
Curpfuscherei mit besserem Erfolge fortführen als mit gehässiger Polemik, Straf¬ 
gesetzen und Strafen. Wenn das Volk einmal mit den Gesetzen und Forderungen 


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einer natnrgemässen Pflege der Gesundheit bekannt gemacht sei, so werde es auch 
zur Einsicht kommen, dass auch bei der Krankheit natürliche Gesetze walten und 
keine Wunder geschehen. Die Folge davon werde sein, dass es sich nicht nur in 
gesunden, sondern auch in kranken Tagen vernünftiger benehmen, einer den Ansprü¬ 
chen der Hygieine entsprechenden rationellen Behandlung Zutrauen schenken, den 
gebildeten Arzt als Wohlthäter betrachten und nicht so leicht gegen einen Pfuscher 
vertauschen werde. Soll die Arbeit jedoch Erfolg haben, so müssen sich dabei 
nicht nur Einzelne, sondern das gesammte ärztliche Publikum betheiligen. 

Referent fasst dann im Allgemeinen die diesfallsige Aufgabe der practischen 
Aerzte in folgende zwei Puncte zusammen: 

1. Belehrung des Volkes über Gesundheitspflege; 

2. Aus- und Durchführung der Forderungen derselben überall in der practi¬ 
schen Wirksamkeit, namentlich auch am Krankenbette. 

Derselbe verhehlt sich dann keineswegs die Schwierigkeit der Aufgabe in Be¬ 
zug auf Volksbildung und Volksbelehrung. Indessen sei sie eine hehre, erhabene, 
in Wahrheit Arbeit im Weinberge des Herrn, würdig des ärztlichen Standes, dessen 
Wirken und Schaffen seinem Wesen und Ursprünge nach das Werk christlicher 
Liebe und Aufopferung sein soll. Thatkraft und unentwegte Ausdauer werden uns, 
wenn auch nur langsamen Schrittes, doch am Ende zum Ziele führen. Und wenn 
wir das Ideal auch nicht erreichen; wenn wir, so lange unsere Kräfte anhalten, 
unser Ziel verfolgen, so haben wir das Menschliche gethan und erfüllt 

Im Besonderen will dann Ref. für heute hauptsächlich aus dem umfang- und 
stoffreichen Gebiete der Hygieine das Capitel der körperlichen und gei¬ 
stigen Erziehung der Jugend besprechen, und betont mit allem Nach¬ 
druck, dass die Klagen über allzu grosse Sterblichkeit der Kinder im ersten Lebens¬ 
jahr noch immer ein stehender Artikel in den Büchern der Pathologie und Sta¬ 
tistik bilden und leider nur zu berechtigt seien, citirt Quetelet , Rotbeer , Rieche , Oester - 
le fi, Wappäus , nach welchen dieselbe immer noch 25—30% betrage. Ebenso viel 
Procent dürften sich krank oder mit Krankheitsanlage in die kommenden Jahre 
hinüber schleppen und so auch eine grössere Sterblichkeit in den folgenden Jahren 
bedingen, als naturgemäss sein müsste. Hieraus erhellte die hohe Wichtigkeit der 
Gesundheitspflege im ersten Lebensjahr, die immer noch auf unverantwortliche 
Weise vernachlässigt werde. 

Einen Hauptfactor dieser grossen Mortalität erblickt Ref. in der unzweckmäs¬ 
sigen künstlichen Ernährung der Neugeborenen. Der Säugling sei von der Natur 
an die Muttermilch gewiesen, diese,sei sein eigentliches Lebenselement. Nach ge¬ 
machten Erfahrungen steigere die künstliche Ernährung der Säuglinge die Sterb¬ 
lichkeit dieser auf eine erschreckende Höhe; in Frankreich z. B. nach ßouchut bis 
auf 55%; anderwärts ungefähr ebenso. Dessen ungeachtet seien auf dem Lande 
wie in Städten die Fälle immer noch die weitaus selteneren, wo die Mütter ihre 
Kinder selbst stillen. 

Das der Muttermilch nächst verwandte Surrogat wäre die Kuhmilch; allein in der 
Mehrzahl der Fälle werde diese ersetzt durch Mehlbrei, dicke Brodsuppen u. dgl., und 
die Kinder nicht selten so lange damit gestopft, bis sie oben wieder herauslaufen. 


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Ferner durchgeht Ref. die Nachtheile der sog. „Lutscher“ oder „Lüller“, die 
leider sogar noch bei den vornehmen und gebildeten Ständen nicht selten ange¬ 
troffen werden. Desgleichen verwirft er die statt der „Lüller“ gebrauchten Kaut¬ 
schukpräparate; denn nach den hierüber angestcllten Untersuchungen C . Mettenhei - 
mer 's setzen sich nicht nur an den innern und äussern Oberflächen des Kautschuk 
Pilze an, die auch durch die skrupulöseste Reinlichkeit kaum verhindert werden 
können, sondern das Kautschuk erleide auch in seiner ganzen Dicke Veränderun¬ 
gen, die es zum perpetuellen Ausgangspunct für Pilzbildung, zum eigentlichen In- 
fectionsheerde machen. 

Ueber all’ dieses das Volk resp. die Mütter zu belehren, sei nun vorzüglich 
die Aufgabe der practischen Aerzte und der Hebammen , die überhaupt bei der 
Pflege der Säuglinge eine bedeutende Rolle spielen; es sei aber kaum zu leugnen, 
dass die Aerzte diesem wichtigen Gegenstände nicht durchgehends die verdiente 
Aufmerksamkeit schenken, und die Hebammen benehmen sich desgleichen meist 
passiv oder arbeiten wohl gar den Bestrebungen der Aerzte entgegen. Ref. em¬ 
pfiehlt u. A. zum Zwecke der Belehrung auch öffentliche Vorträge, an denen Theil 
zu nehmen vorzüglich die Frauenwelt zu veranlassen wäre. 

Ref. geht dann über zur Periode der Schulzeit und sagt mit Lortnser , dass die 
Naturwissenschaft ein ernstes Wort in unsere Lehr- und Erziehungskunst hinein 
zu reden habe und wieder die Aerzte die natürlichen Dolmetscher derselben seien. 
Er fährt dann fort: „Ist das Kind trotz aller Misshandlung, Vernachlässigung und 
Verkehrtheiten aller Art in Nahrung und Pflege dennoch mit dem Leben davon 
gekommen, so warten seiner nur zu bald wieder neue Einflüsse, welche die zarten 
Keime seiner geistigen und körperlichen Entwicklung hemmen oder wohl vollends 
knicken und es seines Daseins nicht froh werden lassen. Es ist als ob Haus und 
Staat es völlig darauf abgesehen hätten, den jungen Erdenbürger schon in seinen 
ersten Jahren körperlich und geistig zu verkrüppeln. In Städten und Dörfern wer¬ 
den die Kinder schon mit dem 4. Altersjahr in sog. Döggeli- oder Kleinkinder- 
resp. Arbeitsschulen gesperrt, der gesunden Luft und freien Bewegung beraubt 
und um die schönste Zeit ihres Daseins betrogen. Man sage mir nicht, dass auch 
da ihnen Gelegenheit gegeben sei, zu spielen und sich zu bewegen. Spielen und 
Spazierengehen nach Vorschrift und nicht selten unter Aufsicht einer alten, gries¬ 
grämigen Jungfer, sind nicht die Spiele und Bewegungen, welche das Kind selbst 
wählt und frei übt, ohne sich nach gewissen Regeln und Formen zu richten. Spiele 
aber, freie und ungebundene Spiele, draussen in der freien Natur, nach eigener 
Wahl, sind dem Kinde zu gesunder Entwicklung so nöthig, wie der Pflanze Licht 
und Wärme. 

Und ist das Kind auch bisher glücklich zwischen Scylla und Charybdis durch¬ 
gekommen, so wartet seiner nach zurückgelegtem 6. Altersjahre schon wieder die 
obligatorische Schule, wo cs, zart und beweglich wie es ist, in die Schulbank ge¬ 
zwängt, täglich 4 resp. 6 Stunden ruhig sitzen und sein unreifes, zartes Gehirn 
schon die Arbeit eines reifen übernehmen und eine Unmasse von Lehrstoff bewäl¬ 
tigen soll.“ 

Ref. führt dann weiter aus, dass es den physiologischen Gesetzen und gesun- 


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den pädagogischen Grundsätzen widerstreite, das Kind schon nach dem 6. Alters¬ 
jahr sofort in die Schule zu sperren. Das Gehirn werde zu früh angestrengt, in 
seinem Wachsthum und der normalen Ausbildung gestört, sei nicht im Stande den 
Lehrstoff zu verarbeiten, von Selbstdenken und Selbstschaffen (die Hauptziele der 
Schulbildung) sei keine Rede; Stoffwechsel und Wachsthum des Körpers werden 
gestört, es treten Abnormitäten im Muskel- und Knochensystem ein, gestörte Ver¬ 
dauung, schlechte Blutbereitung und ein ganzes Heer von Krankheiten des lymphat. 
Systems. Man müsse sich daher nicht verwundern, wenn die Erfolge des ganzen 
Schulunterrichts dem Zeitaufwande und den gemachten Anstrengungen nicht ent¬ 
sprechen, und geistloser Mechanismus, Verlust der körperlichen und geistigen 
Spannkraft und Liebe zur Schule , getäuschte Hoffnungen der Eltern, geistige 
Ueberreizung, nervöse Störungen der mannigfachsten Art der Lohn dafür seien. 
Die Mädchen insonders kehren blutarm, kraftlos, ohne Ausdauer, als Treibhaus¬ 
pflanzen, welche bei jedem frischen Windzuge oder Sonnenblick dabinwelken, aus 
der Schule ins elterliche Haus zurück. 

All’ diese Nachtheile seien zwar längst von einsichtigen Pädagogen und Aerz- 
ten eingesehen worden, allein man habe immer noch zu vereinzelt gegen dieselben 
gekämpft und häufig die Ursache am Unrechten Ort gesucht und zu finden ge¬ 
glaubt. So z. B. glaubte man u. A. auch durch bessere Construction der Schul¬ 
bänke helfen zu können. Darauf habe eine Recension eines Gutachtens der Spe¬ 
cialcommission für Schul- und Gesundheitspflege in Basel (10. October 1870) die 
beste Antwort gegeben: dass nämlich diejenige Schulbank die physiologisch rich¬ 
tigste und beste sei, auf welcher die Schüler am wenigsten lang zu sitzen brauchen; 
dieselbe nenne auch mit vollem Grund das gegenwärtige Schulsystem eine unver¬ 
antwortliche Misshandlung geistiger und körperlicher Gesundheit. 

Ref. verlangt, dass man den Beginn des Schulbesuchs auf Ende des 7. oder 
8. Lebensjahrs stelle, die Unterrichtsstunden und den Lehrstoff auf ein zuträgliches 
Maas reducire, und man werde erfahren, dass die Erfolge in jeder Beziehung weit¬ 
aus befriedigender sein werden. Denn der Zweck des Primarschulunterrichts könne 
nicht weiter gehen, als die Fähigkeiten der Schüler zu wecken und so weit aus¬ 
zubilden, dass sie im Stande seien, die weitern Erfordernisse für ihre specielle Be- 
rufsthätigkeit aufzufassen und zu verarbeiten. Dieser Zweck werde aber nur er¬ 
reicht bei richtig verarbeitetem Stoffe und Aneignung positiver Kenntnisse , wozu 
es nicht die Ueberfülle von Stoff bedürfe, wie man leider gegenwärtig zu glauben 
scheine. Die Bildung des Denkvermögens müsse einen höhern Rang einnehmen als 
die Uebung des Gedächtnisses, was leider erfahrungsgemäss so wenig beachtet werde. 

Da zu einer normalen Erziehung nicht nur die Bildung des Geistes, sondern 
auch jene des Körpers gehöre, so verlangt Ref. die obligatorische Einführung der 
Gymnastik in die Schulen, schon vom ersten Schuljahr an. Er macht dann einen 
Abstecher ins classische Griechenland und zeigt, wie hoch die Griechen die Gym¬ 
nastik hielten und mit welch' glänzenden Erfolgen sie diese für hygieinische und 
therapeutische Zwecke zu verwerthen wussten. Mit der Gymnastik könne man die 
reducirte Stundenzahl zweckmässig ausgleichen und die nöthige Abwechslung zwi¬ 
schen geistige und körperliche Thätigkeit bringen. 


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Im Canton St. Gallen z. B. sei diesfalls noch sehr wenig geschehen, und wo 
etwa in einer Primarschule geturnt werde, weil es das Gesetz gestatte, so seien 
es einige mangelhafte Uebungen an Apparaten, ohne System, ohne rationelle Grund¬ 
sätze und Methode, daher oft mehr schädlich als nützlich. In die Primarschule 
gehöre vorzüglich das Freiturnen (Massenturnen), wodurch gleichsam spielend die 
schönsten Erfolge sich erzielen lassen. 

Bef. tadelt es, dass z. B. sogar an der Cantonsschufe der Besuch des Schwimm¬ 
unterrichts nicht obligatorisch vorgeschrieben sei, während keine Schule ohne 
Schwimmanstalt zu finden sein sollte. Völlig unerklärlich sei ihm auch, wie man 
die Mädchen ausdrücklich von der Gymnastik fernhalten könne, sie, die, um ihre 
Bestimmung erfüllen zu können, so sehr eines gesunden und starken Körpers be¬ 
dürfen. Man könnte die Arbeitslehrerinnen für diese ohne grosse Mühe zu Tum- 
lehrerinnen heranbilden. Behufs Heranbildung der Lehrer aber müsse am Lehrer¬ 
seminar ein rationeller Unterricht der Gymnastik eingeführt und je nach Bedürfniss 
von einem sachkundigen Arzte geleitet und beaufsichtigt werden. 

Im Ferneren unterstützt Ref. den Vorschlag des neuen eidgenössischen Mili¬ 
tärgesetzesentwurfs auf Einführung militärischer Uebungen in den Schulen vom 
10. Altersjahre an und glaubt, es liege in der Aufgabe der Aerzte, denselben vom 
hygieinischen Standpuncte aus zu befürworten. 

Endlich verlangt derselbe, dass der Staat in dessen höchstem Interesse eine 
rationelle Gesundheitspflege liegen müsse, dafür sörge, dass den Medicinstu- 
direnden ein rationeller Unterricht hierin ertheilt und daher auf jeder Universität 
ein Lehrstuhl für Hygieine errichtet und dessen Besuch obligatorisch erklärt werde. 

Nach gewalteter sehr belebter Discussion wurden folgende Resolutionen ein¬ 
stimmig angenommen: 

1. Die Versammlung erklärt, der Hygieine ihre besondere Aufmerksamkeit zu 
widmen. Es soll demnach dieselbe im Sinne des von unserem Präsidenten, Herrn 
Dr. Sonder egger, in der Versammlung des schweizerischen ärztlichen Central Vereins 
am 15. September 1873 in Bern diesfalls gestellten und angenommenen Antrages ein 
stehendes Tractandum unserer Tagesordnung bilden. 

2. Die Versammlung stimmt der Ansicht bei, dass es in der Aufgabe des ärzt¬ 
lichen Standes liege, das Volk über die Gesundheitspflege überhaupt und nament¬ 
lich der Neugeborenen und Säuglinge zu belehren und dass insbesondere öffentliche 
Vorträge hierüber als zweckdienlich zu empfehlen seien. Sie spricht auch zu 
Handeh der Sanitätscommission den Wunsch aus, es möchten die Hebammen durch 
ein Circular diesfalls an ihre Pflichten und die Beobachtung der Vorschriften des 
Hebammenbuches über Pflege der Neugeborenen und Störungen des Säugegeschäf¬ 
tes erinnert werden. 

3. Da unser Erziehungsgesetz voraussichtlich nach stattgehabter Revision un¬ 
serer Cantonaiverfassung einer grundsätzlichen Revision unterworfen werden wird, 
so erhält das Comite den Auftrag, sich vorkommenden Falls Namens des Vereins 
bei competenter Behörde zu verwenden, dass : 

a) Der Beginn der obligatorischen Schulzeit erst nach dem zurückgelegten 7. 

Altersjahre eintrete; 


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b) das Schulturnen auch in den Volksschulen als obligatorisches Fach bei 
Knaben und Mädchen eingeführt werde in dem Sinne, dass die gegenwär¬ 
tige Stundenzahl angemessen reducirt und durch jene abwechselnd ergänzt 
werde; 

c) am Lehrerseminar resp. dem Unterrichtscurs der Arbcitslehrerinnen für ge¬ 
nügenden gymnastischen Unterricht der Lehrer sowohl als der Lehrerinnen 
gesorgt werde. 

4. Das Comite erhält den weiteren Auftrag, sich Namens des Vereins an den 
ständigen Ausschuss des schweizerischen Centralvereins zu wenden, damit er an 
competenter Stelle dafür sorge, dass an unseren Landesuniversitäten resp. dem 
Polytechnikum je ein Lehrstuhl für Hygieine errichtet und diese als obligatorisches 
Unterrichtsfach für die Candidaten der Medicin erklärt werde. 

5. Die Errichtung von Ortsgesundheitscommissionen wurde vom Vereine als 
durchaus zweckmässige und nothwendige Organe warm befürwortet 

6. Der Verein beschliesst: eine Petition an den demnächst zusammenkommen¬ 
den Grossen Rath des Cantons zu richten und ihn dringend zu ersuchen, er möchte 
nicht nur die Lebensmittelfrage allein, wie sie auf seinen Tractanden steht, sondern 
das ganze Gebiet der Gesundheitspflege, wie es in dem entsprechenden grossräth- 
lichen Commissionsgutachten, von Herrn Dr. Sonderegger ausgearbeitet, vorliegt, in 
den Bereich der Gesetzgebung ziehen. 

7. Das Comite erhält einen unbestimmten Credit für Veröffentlichung zweck¬ 
entsprechender Aufklärungen in obigem Sinne durch die Tagespresse oder auf an¬ 
dere Weise. 

Es war spät geworden und nach Abmachung einiger kurzer Geschäfte (Rech¬ 
nung, Wahlen) schritt man zu einem fröhlichen, gut servirten Mahle in dem deco- 
rirten grossen Rathssaale der guten Stadt Lichtensteig, ein Mahl, das durch launige 
Trinksprüche, die Herr College Steger jedem Mitgliede auf den Teller gelegt hatte, 
und ein freigebig gespendetes gutes Tröpflein wesentlich erhöht wurde. Ich lasse 
zum Schluss einige der passend angebrachten Trinksprüche folgen; 

„Prasservari medicus curante nobilior“. (Dem Präses gewidmet) 

„„Sunt certi denique fines“, sagte der Fuchs zur Gans und biss ihr den 
Kopf ab. 

„Dat Galenus opes, 

Ich merk’ nichts davon! Ach Herr Jes!“ 

„Quod mcdicamenta non sanant, ferrum sanat, quod ferrum non sanat, ignis 
sanat, quod ignis non sanat, tempus sanat; aber Schmieren und Salben hilft 
allenthalben.“ 

„Mit Arznei und Pillen, 

Kann man nicht den Hunger stillen.“ 

„Duobus litigantibus tertius gaudet, 

Wo die Aerzte streiten, reibt sich der Tod die Hände.“ Dr. Hilty. 


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Section Luzern der medicinischen Gesellschaft der Centralschweiz. 

IV. Sitzung, den 29. Januar 1875. Anwesend 12 Mitglieder. 

Anschliessend an eine frühere Mittheilung von Dr. Steiger über Behandlung 
chronischer Geschwüre mit Chlorzinkpaste bespricht Dr. G. Nager ein¬ 
gehend die Ausdehnung, die der Gebrauch des Bruns' sehen Löffels in den letzten 
Jahren erlangt. Derselbe werde jetzt wohl häufiger noch an weichen Geweben 
(sog. scrophulöse Hohlgeschwüre, Drüsenvereiterungen, Fistelgänge) als bei Kno- 
chenaffectionen zur Anwendung gezogen, für die er ursprünglich bestimmt war und 
immer noch Grosses leistet. Verhältnissmässig neu und sehr empfehlenswerth sei 
sein Gebrauch bei Geschwüren der Nasenschleimhaut (Ozaena syphilitica), ebenso 
bei Neubildungen, wie Lupus ( Volkmann ), oder gewissen nicht mit dem Messer ope- 
rirbaren Carcinomen und Sarcomen (Simon). 

Derselbe demonstrirt noch zwei von einem jungen Landsmann, Favre in Paris, 
gearbeitete neuere Instrumente, eine Rugine (kurzes, schar&andiges Elevato- 
rium) nach Trelat und einen Potairi sehen Aspirationsapparat zur Entleerung von 
Exsudat, Eiter, Cystenflüssigkeit etc. bei Luftabschluss. 

Dr. Fischer von Root zeigte das ca. 4 cm. lange Sternalende einer C1 a - 
v i c u 1 a von einem 11jährigen Knaben vor, das sich necrotisch ausgestossen hatte. 
Die der Incisura clavicularis sterni entsprechende dreieckige Gelenkfläche war gut 
erhalten, so dass die Diagnose, welchem Knochen das Stück angehöre, die Fischer 
seinen Collegen zu stellen aufgab , ein nicht zu schwieriges Problem war. Der 
Krankheitsfall war folgender: Der Knabe war nach einer Erkältung, die er sich in 
den feuchten Matten zugezogen hatte, unter dem Bilde eines Rheumatismus acutus 
erkrankt; fast sämmtliche Gelenke schwollen an und wurden schmerzhaft. Die 
Stiche der Blutegel — die hauptsächlich afficirten Gelenke erhielten je ein Stück 
— wurden schnell eitrig; der Zustand verschlimmerte sich. Grössere Eiteran¬ 
sammlungen bildeten sich in rascher Aufeinanderfolge in 1 Kniegelenk, 1 Schulter, 
1 Hüfte und im linken Sterno-Clavicular-Gelenk. Die Diagnose Rheumatismus 
wurde durch die „Ostitis universalis“ ersetzt, die ableitende Behandlung mit einer 
roborirenden vertauscht, jede Incision sorgfältig vermieden und örtlich Jodtinctur, 
aber consequent und ausgiebig, angewendet. Sämmtliche Eiterheerde haben sich 
unter dieser Behandlung zurückgebildet, mit Ausnahme desjenigen am Sterno- 
Clavicular-Gelenk; dieses brach spontan auf und Hess sich aus demselben das 
Knochenstück mit der grössten Leichtigkeit entfernen. Nachdem sich noch einige 
Knochensplitterchen ausgestossen hatten, schloss sich die Wunde in kurzer Zeit. 
Gegenwärtig ist der Knabe bis auf einige Ueberreste einer Ostitis tibise geheilt. 

Dr. Steiger erwähnt aus seiner Praxis einen verwandten Fall. Bei einem jungen 
Menschen trat acut eine G o n i t i s auf; auf Blutegel w r ar nach 2 Tagen dieselbe 
verschwunden; dafür war eine Pericarditis aufgetreten; auf Vesicantien war auch 
die nach 2 Tagen wieder vollständig weg und hatte einer acuten Ostitis tibiae 
Platz gemacht mit totaler Necrose der Tibia am 8. Tage; später, wie eine frische 
Knochenlade sich gebildet hatte, wurde ein 6" langer Sequester entfernt. In Ueber- 
einstimmung mit Dr. Stöcker bemerkt Dr. Steiger , dass Jod äusserlich angewandt nicht 


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in den Organismus übergehe, sondern rein local wirke. Zur Zeit hat er darüber 
Versuche angestellt. Wenn er 2 gmm. Jodkali eingenommen hatte, so konnte er 
7 Minuten nachher das Jod im Harn deutlich nachweisen, während er keine Jod- 
reaction erhielt in Harn von einem Patienten, dem er Tage lang sämmtliche Gelenke 
mit Jodtinctur bepinselt hatte. Steiger benützt das Jodreagens vom wiener Urinologen 
Heller. Araylom wird mit concentrirter, reiner Salpetersäure verrieben und gelöst, mit 
liquor amon. caust. allmälig neutralisirt und destillirtes Wasser zugesetzt (Amyl. 
5 2—3: A4. dest. ^ 5—6) und hermetisch verschlossen. Der Harn wird in ein 
Gläschen gegossen und concentrirte Schwefelsäure, die sich zu Boden senkt, zuge¬ 
setzt (an der Grenze beider Flüssigkeiten gibt sich in der Regel das Jod durch 
einen röthlichen Schimmer zu erkennen) und nun das Reagens zugefugt, das auf Vbooo 
G enauigkeit Anspruch mache. Dr. Suidfer ist der Meinung, dass gewöhnlich die 
Jodtinctur zu schwach angewendet werde; er erinnert an einen Fall von 
Struma mit Erstickungsgefahr, bei dem schon vielfache Jodanstriche, aber ohne 
Erfolg, versucht worden waren ; wie die Erscheinungen immer bedenklicher wurden, 
Hess er einen Skrupel Jod in einer Unze tinctura jod. fort, lösen und machte da¬ 
mit einen intensiven Anstrich; der Erfolg war ein ganz befriedigender. 

Nachdem die Tractanden abgewickelt waren , kam die Sprache noch auf die 
Darmgeschwüre. Dr. S/eiger theilt mit, dass er bei der Section einer an 
Delirium tremens verstorbenen Frau als mehr zufälligen Befund circa 40 Darmge¬ 
schwüre notirt habe von der Grösse eines Stecknadelknopfes bis zu der eines 
Fünffrankenstückes, von denen sich die grossem durch hohe, harte Ränder aus- 
zeichneten. In 2 Fällen von Jahre alten Darmgeschwüren, die jeglicher Behand¬ 
lung getrotzt hatten, sah Steiger Heilung durch concentrirte Salzsäure (Acid. muriat. 
concent. 5 1 in starker Gummilösung auf 24 Stunden), eine Behandlung, die er in 
Hennocti s Unterleibskrankheiten angegeben gefunden hatte. Bei Magenblutungen 
rühmt Steiger das Kal. sulf. in folgender Formel: Kal. sulf. 5 3-4, Elixir. acid* 
Halleri gtt. 30—40 in Gummilösung auf 24 Stunden. 

Dr. Suidler fragt nach Beobachtungen über perforivende Duodenalgeschwüre 
bei ausgedehnten Verbrennungen. Dr. Stöcker hat noch keine Duodenalgeschwüre 
aber schon öfters heftige Diarrhoeen bei ausgedehnten Verbrennungen gesehen. 

Dr. Nager theilt mit, dass bei 5 oder 6 Sectionen von Bergwerkarbeitern in 
Zwickau, die durch schlagende Wetter umgekommen und universell verbrannt wa¬ 
ren, in keinem Falle Duodenalgeschwüre gefunden worden seien, und dass man auch 
in keinem Falle Diarrhoeen beobachtet habe. P. 


Referate und Kritiken. 

Krankheiten des Hodens mit seinen Hüllen, des Nebenhodens, Samenstrangs und der 

Samenblasen. 

Von Dr*. Theodor Kocher , Prof, in Bern. Handbuch der Chirurgie von Pitha und Billroth. 
3. Band, 2. Abtheilung, 7. Lieferung. Enke’s Verlagsb. Erlangen. 

Da in der gegenwärtigen Zeit die Betheiligung der Schweizer an literarischen Ar¬ 
beiten auf medicinischem Gebiete eine ziemlich geringe ist, so müssen wir schon deshalb 
das vorliegende Werk lebhaft begrüssen. Es ist die erste grosse, umfangreiche Arbeit 


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des jüngsten chirurgischen Professors unseres Landes, womit er sich auch im raschen 
Flug unter denjenigen Männern habilitirt hat, deren Namen an der Spitze von bedeuten¬ 
den wissenschaftlichen Unternehmungen nicht fehlen dürfen. Die Bearbeitung der Hoden- 
krankh eiten stösst auf grosse Schwierigkeiten , indem bis jetzt noch eine gewaltige Un¬ 
sicherheit in den Anschauungen über die einzelnen Zustande bestand, da die früheren 
Bearbeiter zu einseitig entweder nur den klinischen oder den anatomischen Standpunct 
einnahmen. Eine gesunde Mischung dieser beiden Quellen führte K. auf den richtigen 
Pfad und liess ihn für einzelne, bis jetzt am Krankenbett nur geahnte Formen ganz si¬ 
chere differential diagnostische Momente auffinden. Da der Stoff ein sehr mannigfaltiger 
ist, da die Hodenaffectionen auch nicht gerade häufig sich präsentiren, so musste der 
Verfasser alle möglichen Hülfsmittel benützen, um zu seinem Ziele zu gelangen. Die Li¬ 
teratur ist eine sehr zerstreute und ihre Daten getrübt durch die variirenden Ansichten. 
Der bekannte Riesenfleiss Ä?s und seine nüchterne kritische Schärfe waren nöthig, um 
sich in den einschlägigen Schriften auszufinden und dieses Material fruchtbringend zu 
machen. Die Quellenstudien genügten aber noch nicht, die eigene Erfahrung über sel¬ 
tenere Formen reichte nicht aus. deshalb unternahm K. im Jahre 1871 eine längere Reise 
nach den schweizerischen und einigen deutschen Hochschulen, um in den wichtigeren 
pathologisch-anatomischen Museen interessante Präparate zu untersuchen. Wie viele ver¬ 
borgene Schätze hier gehoben wurden, zeigt sich in manchem Abschnitte. Auch von be¬ 
freundeten Collegen wurde gutes Material zur Benützung an K. gesandt Wie anerken¬ 
nend er dafür war (und in Zukunft gewiss auch immer sein wird), kann Jeder der Be¬ 
theiligten aus der Anführung seines Namens ersehen. Bei den wenigen Affectionen, 
welche dem Experimente zugänglich sind, wurde es in geschickter Weise benützt und 
lieferte für das Verständniss der Blutergüsse in die Hüllen des Hodens, für die Quet¬ 
schung desselben, die Spermatocele werthvolle Beiträge. In allen Hauptabschnitten finden 
wir die genauesten anatomischen, physiologischen und entwicklungsgeschichtlichen Daten. 
Zeichnungen von Präparaten und Schnitten, die meisten von der geübten Hand ÜT.’s selber 
entworfen, erläutern die schwierigem Puncte, dienen dem Verfasser seine originellen, ab¬ 
weichenden Ansichten klar zu demonstriren. Ueberall wird die theoretische Darstellung 
durch Einschiebung von prägnanten Krankheitsfällen belebt; dadurch wird das ganze 
Werk fruchtbringender und interessanter, erinnert an die Arbeiten der grossen englischen 
Chirurgen. Von den vielen Abschnitten, in welchen K. Revisionen des Althergebrachten 
bringt, nenne ich nur denjenigen über Hydrocele. Weil er für alle Arten derselben den 
entzündlichen Ursprung nachweisen konnte, so führt er sie als „Periorchitis“ ein. Für 
die analoge Affcction am Samenstrang wird der noch nicht im Kalender stehende Name 
der „Perispermatitis“ gebraucht, welcher allerdings nicht so unmittelbar ist, aber doch 
nicht leicht zu ersetzen sein wird. In geographisch-medicinischer Beziehung ist das Ca- 
pitel über das Carcinoma scroti sehr interessant. Merkwürdig ist es, dass dieser Chim- 
ney-sweep’s Cancer auch von Dr. Rouge in Lausanne häufig beobachtet wurde. Mitthei¬ 
lungen über diesen Punct aus andern Gauen des Schweizerlandes wären gewiss sehr 
willkommen. Doch schon zu weit habe ich mich in Details eingelassen, da ich ja keinen 
Auszug bringen, sondern nur die Collegen auf das bedeutende Werk unseres Landsmannes 
aufmerksam machen will. Möge Jeder das Buch lesen, nicht nur, um sich eine Summe 
von Kenntnissen anzueignen, sondern auch um sich zu erfreuen an der ächt wissenschaft¬ 
lichen, meisterhaften Arbeit unseres Landsmannes. Kottmann. 


Das menschliche Haar und seine gerichtsärztliche Bedeutung. 

Von Otto Oesterlen. Tübingen, 1874. Verlag der H. Laupp’schen Buchhandlung. 

Unter diesem Titel legt der Sohn des bekannten medicinischen Schriftstellers Fr. Oesterlen 
ein Werk vor, in dem auf breitester Grundlage das angegebene Thema bearbeitet ist, 
und worin eine Anzahl Fragen in gründlicher Weise beantwortet werden, welche bis auf 
die neueste Zeit als offene galten. Ist doch auf diesem so wichtigen Gebiete bislang 
verhältnissmässig wenig gearbeitet worden! In neuerer Zeit, seit 2 Jahrhunderten zum 
ersten Male, hat Orfila ein Capitel (über Haarfärbung) bearbeitet; und erst mit dem all- 


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gemeinem Gebrauch des Mikroskopes schlossen sich weitere Untersuchungen anderer 
Forscher an. Dass der Wunsch nach Belehrung stark rege war, beweist die erst vor 
5 Jahren erfolgte abermalige Auflage des Pfaff' sehen Werkes, obgleich dasselbe schon 
damals als veraltet musste angesehen werden, so dass Verfasser oft gezwungen war, po¬ 
lemisch gegen diese Arbeit aufzutreten, da er zu wesentlich andern Resultaten gelangt 
war. Einzelne tüchtige Arbeiten endlich aus neuester Zeit flössen aus den Federn von 
Ed. Hofmann und Verfasser. 

Im ersten Theil, mit 68 Seiten fast die Hälfte der Monographie bildend, werden die 
bekannten anatomischen, physiologischen und physicalischen Eigenschaften des mensch¬ 
lichen Haares vom gerichtlich-medicinischen Standpuncte aus besprochen. Der zweite 
Theil bringt die forensische Verwerthuog dieser Eigenschaften; er behandelt die Fragen, 
welche schon in Wirklichkeit dem Gerichtsarzte Vorgelegen haben, und prüft sie an der 
Hand der im ersten Theile erlangten Kenntnisse; mit scharfer und selbstständiger Kritik 
wird hier gesiohtet; weniges gilt als musterhaft, die meisten Fälle erweisen sich als 
oberflächlich und kurzsichtig beurtheilt, bei andern ist in der Aussage zu weit gegangen. 
Am besten zeigt das reichliche casuistische Feld, wie diesem Gegenstand in Zukunft eine 
viel grössere Aufmerksamkeit geschenkt werden muss. Und wenn bisher namentlich die 
Blutflecken eines besonders eingehenden Studiums gewürdigt worden sind, so werden 
künftighin die Haare auch in dieser Hinsicht besser gepflegt werden. Diese Anregung 
haben die Gerichtsärzto dem bestens zu empfehlenden Werkchen zu verdanken. 

• D. B. 


Kantonale Correspondenzen. 


Basel. Der Recursfall Rouge. Mit der Entscheidung, welche der hohe 
Bundesrath über eine Beschwerde des Apothekers Rouge gegen die Regierung von Basel¬ 
stadt wegen Nichtertheilung einer Apothekenconcession gefällt hat, ist zugleich principiell 
die gänzliche Freigebung der Errichtung von Apotheken in der Schweiz entschieden. 

Es mag nicht nur für die Apotheker, sondern auch für die Aerzte und namentlich 
für die Regierungen und Sanitätsbehörden der einzelnen Cantone von Interesse sein , in 
actenmässiger Darstellung den ganzen Hergang dieses Recursfalles kennen zu lernen. 

S . Rouge , Apotheker in Bern, wandte sich mit Schreiben vom 22. October 1874 an 
den damaligen Amtsbürgermeister (Regierungspräsident) von Basel, um in Hinsicht auf 
die wachsende Bevölkerung der Stadt, namentlich im Aeschen- und St. Albanquartier, 
von ihm einen „sage avis“ zu erhalten, wie wohl die „mani^re de voir“ in Basel sei 
und ob „cas öchöant“ eine Apothekenconcession leicht ertheilt werde. 

Der Bürgermeister übergab dieses Schreiben dem Sanitätspräsidenten zur gutfinden- 
den Beantwortung und dieser schrieb an Herrn Ä., dass in Basel einstweilen noch keine 
Freigebung der Apotheken existire, sondern dass es zur Errichtung einer solchen einer 
staatlichen Concession im Interesse der Sanitätspolizei bedürfe. Im Falle einer ernst- 
lichefl Bewerbung solle daher R. ein förmliches Gesuch unter Beilegung seiner Zeugnisse 
und unter Bezeichnung der gewählten Liegenschaft an das Sanitätscollegium richten, wel¬ 
ches über diese Sache zu entscheiden habe. 

Dem inzwischen sich auch persönlich vorstellenden Petenten wurde in gleicher Weise 
mündlich geantwortet und ihm das übliche Verfahren und die bei den hiesigen Behörden 
geltende Anschauungsweise dargelegt. 

Am 22. November erfolgte von Seite des Herrn S. Rouge das eigentliche Concessions- 
begehren und zwar mit Bezeichnung einer Liegenschaft in der Spalenvorstadt, also in 
möglichst weiter Entfernung von dem früher schriftlich und mündlich in Aussicht gestell¬ 
ten Quartiere. — 

Nachdem die bezüglichen Actenstücke bei den Mitgliedern des Collegiums circulirt 
hatten, legte diesen der Präsident in der Sitzung vom 22. December 1874 die Frage der 
Ertheilung einer weitern Apothekenconcession vor. Dieselbe wurde einstimmig dahin be- 


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antwortet, dass in Basel derzeit kein Bedürfniss nach einer weitern Apotheke bestehe, da 
sowohl das Verhältnis zur Einwohnerzahl (1 Apotheke auf 5000 Seelen) als zu den Entfer¬ 
nungen noch ein normales sei. Mit dieser Entscheidung aus sanitätspolizeilichen Gründen 
fiel die Personenfrage von selbst dahin, obschon hinsichtlich der Giltigkeit der vorgelegten 
Zeugnisse spec. des waadtländischen Fähigkeitsdiplomes (patente de maitre pharmacien 
vom August 1869) kein Zweitel sich erheben konnte« 

Am 6. Januar 1875 recurrirte der Petent gegen diese Entscheidung des Sanitäts- 
Collegiums bei der Regierung von Baselstadt: 

„M’appuyant sur Tarticle 31 de la nouyelle Constitution fäddrale je viens faire appel 
ä votre h. autoritä pour faire revenir ces Messieurs de leur däcision.“ 

Hierauf erging der motivirte Rathsbeschluss vom 9. Januar 1875, welchen wir wört¬ 
lich in Folgendem mittheilen : 

„Da die Uebernahme oder Errichtung einer Apotheke im Canton Baselstadt aner¬ 
kannter Uebung zufolge an eine Bewilligung der Regierung geknüpft ist, welche Bewil¬ 
ligung je weilen aus sanitätspolizeilichen Gründen und abgesehen von der persönlichen 
und wissenschaftlichen Qualification eines Petenten nur für eine bestimmte Zahl von Apo¬ 
theken ertheilt wird, — 

„da ferner das Verhältnis der bereits bestehenden Apotheken sowohl zur Einwoh¬ 
nerzahl als zu den localen Entfernungen als ein normales durch die competente Sanitäts¬ 
behörde bezeichnet wird, — 

„da auch der vom Recurrenten angetufene Artikel 31 der Bundesverfassung bezüg¬ 
lich des Grundsatzes der absoluten Gewerbsfreiheit auf das im allgemeinen und Öffent¬ 
lichen Interesse einer staatlichen Controle unterstellte Apothekergewerbe nicht anwend¬ 
bar erscheint, wie denn der Bundesrath in seinem den Artikel 31 erläuternden Kreisschrei¬ 
ben vom 11. December 1874 dieses Gewerbe nicht berührt hat, 

„so wird auf den erhobenen Recurs nicht eingetreten.“ 

Hierauf erhielten Bürgermeister und Rath von Baselstadt folgendes Schreiben des 
Schweiz. Eisenbahn- und Handelsdepartements vom 16. Januar 1875: 

„Tit. In einem bei uns anhängig gemachten Specialfalle handelt es sich um die 
Frage, ob die resp, Cantonsbehörden ohne weiters gehalten seien , auf Grundlage des 
Art. 31 der Bundesverfassung und eines Fähigkeitszeugnisses die Bewilligung zur Eröff¬ 
nung eines Apothekergeschäftes zu ertheilen, oder ob die Cantone eine solche Bewilligung, 
abgesehen von persönlichen Gründen, verweigern dürfen, wenn mit Hinsicht auf die Be¬ 
völkerungszahl oder die Zahl der Aerzte kein solches Bedürfniss vorhanden ist. 

„Vor der Erledigung dieser grundsätzlichen Frage ist eine Umschau in den Cantonen 
über die dort bestehenden Vorschriften und beobachtete Praxis wohl angezeigt. Wir er¬ 
suchen Sie deshalb um nähere Berichterstattung über diese Verhältnisse in Ihrem Canton 
unter Beilage bestehender bezüglicher Vorschriften.“ 

Rathsbeschluss vom 20. Januar überwies dieses Schreiben dem Sanitätscollegium zur 
Vorlage eines Conceptantwortschrcibens. 

Dieses letztere wurde am 23. Januar dem Kleinen Rath vorgelegt und von demselben 
gutgeheissen. (Es muss hiezu bemerkt werden, dass Sanitätscollegium und Kleiner Rath 
anlässlich anderer Eingaben in den letzten Jahren hinreichende Gelegenheit gefunden hat¬ 
ten, den Apothekenverhältnissen nach allen Richtungen eine erschöpfende Aufmerksamkeit 
angedeihen zu lassen.) 

In dieser Zuschrift wurde nun zunächst auf das bereits erwähnte Kreisschreiben des 
Bundesraths vom 30. Mai 1874 betreffend Ausführung des Art 31 der Bundesverfassung 
hingewiesen, bei dessen Beantwortung Baselstadt ausdrücklich unter den hierorts einer 
Beschränkung unterworfenen Gewerben auch die Apothekerei aufgeführt hatte. Es wurde 
sodann an Beispielen gezeigt, wie hierorts schon seit Jahren der Staat keine Sonderpri¬ 
vilegien der Apothekenbesitzer anerkenne und keinerlei Realconcessionen mehr ertheile, 
obschon darüber gedruckte Gesetze und Vorschriften nicht existiren, dass er dagegen sich 
Vorbehalten habe, aus sanitätspolizeilichen Gründen die Bewilligung zur Errichtung einer 
Apotheke an eine persönliche Concession zu knüpfen, wobei, abgesehen von der Qualifi¬ 
cation des Bewerbers, namentlich das Bedürfniss der Bevölkerung als massgebend erach¬ 
tet werde. Aus diesem Grunde sei auch die früher Übliche ConcessionsgebÜhr Abgeschafft 
worden, eben um den rein sanitätspolizeilichen St&ndpunct um so besser wahren zu können. 


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„Wir halten dafür“, heisst es nun fernerhin in diesem Antwortschreiben, „dass die 
„Apothekenfrage ihrer Lösung noch nicht nahe genug sei und dass anderwärts gemachte 
„Erfahrungen noch nicht hinreichen, um ein genaues Abwägen der Vor- und Nachtheile 
„einer gänzlichen Freigebung zu ermöglichen. Vorderhand wiegt bei uns die Ansicht 
„vor, dass es mindestens ebenso sehr zum Vortheil des Publicums wie der Apotheker 
„ist, wenn die Zahl der Apotheken eine beschränkte bleibt, denn es liegt in der Natur 
„dieser Geschäfte, dass sie ihr Absatzfeld nicht vergrössern können, und es wird daher 
„bei gleichbleibeuder Bevölkerung die Entstehung einer neuen Apotheke blos die Kunden- 
„zahl der übrigen verringern, ohne die mindesten Vortheile für das Publicum, weil der 
„neu antretende Apothekenbesitzer jeweilen sich an die bestehende Taxe hält, es sei die¬ 
selbe vom Staat aufgestellt oder unter den Apothekern mit Vorbehalt der Staatsgeneh- 
„migung vereinbart“ — 

Die Antwort des Bundesrathes vom 1. März 1875 ist bekannt; sie wurde wegen 
ihrer Bedeutung für den Apothekerberuf vom Kleinen Rath im Cantonsblatt von Basel¬ 
stadt vom 6. März in extenso veröffentlicht. Der Vollständigkeit wegen soll sie auch hier 
ihren Platz finden. 

„Der Schweiz. Bundesrath an Bürgermeister und Rath des Cantons Baselstadt. 

„Samuel Rouge , von Lausanne, in Bern, beschwert sich mit Eingabe vom 12. Januar, 
dass ihm die Errichtung einer Apotheke in der Stadt Basel von Ihnen verweigert werden 
wolle. 

„Nach Prüfung der Acten, namentlich auch Ihrer Vernehmlassung an unser Eisen¬ 
bahn- und Handelsdepartement vom 23. Januar, haben wir Folgendes gefunden: 

„Nach Artikel 33 der Bundesverfassung und Art. 6 der Uebergangsbestimmungen 
sind Personen, welche den wissenschaftlichen Berufsclassen angehören und im Besitze 
eines von zuständiger Stelle ausgefertigten Fähigkeitszeugnisses sich befinden, auch befugt, 
ihren Beruf in der ganzen Eidgenossenschaft auszuüben. Der klare Wortlaut jener Ar¬ 
tikel lässt hierüber keinen Zweifel kommen und ebenso wenig darüber, dass 
die B e ru f s a u s üb u n g nicht von dem in einer Ortschaft vorhan¬ 
denen oder fehlenden Bedürfnisse abhängig gemacht werden 
darf. Der Recurrent ist im Besitze eines von der Regierung des Cantons Waadt auf 
Grund bestandener Prüfung vom 17. Aug. 1869 ausgestellten Fähigkeitszeugnisses, wes¬ 
halb die nöthigen Fordernisse vorhanden sind , um in der ganzen Schweiz, also auch in 
Basel, eine Apotheke eröffnen zu können. 

„Indem wir den Recurs sonach als begründet erklären, laden wir Sie ein, Herrn Rouge 
die fragliche Bewilligung nicht länger zu versagen.“ 

Rathsbeschluss vom 3. März 1875 überweist dieses Schreiben, das im Cantonsblatt 
publicirt werden soll, dem Sanitätscollegium zum Vollzug. 


Soweit der objective Thatbestand. Wir sehen uns nun vorderhand nicht veranlasst, 
die Entscheidung des h. Bundesrathes einer eingehenden Kritik zu unterwerfen und ebenso 
wenig sind wir unsererseits im Falle, bis auf weiteres einen theoretischen Spiess in den 
Streit über Majorität der Vor- oder Nachtheile der Freigebung zu tragen ; allein wir 
können uns einige wenige Bemerkungen doch nicht versagen, welche wir dem Nachdenken 
der verehrlichen Collegen empfehlen: 

1. Wir constatiren, dasB Hr. R. um eine Concession eingekommen ist, folglich die Be¬ 
rechtigung zur Ertheilung bezw. Nichtertheilung einer solchen anerkannt hat. 

2. Hr. R. hat in seinem Recurse an die Regierung von Baselstadt den Art. 31 der 
Bundesverfassung der Gewerbefreiheit angerufen. 

3. Der h. Bundesrath seinerseits hat den Art. 33 von den wissenschaftlichen Berufs¬ 
arten vorgezogen und zum Ueberfluss auch noch den Art. ö der Uebergangsbestimmungen 
in Anwendung gebracht, der doch bei dieser ganzen Sache kaum in Frage kommen 
dürfte; denn es ist der Regierung von Basel nicht eingefallen, Herrn R. wegen seines 
waadtländischen Patentes abzuweisen. Auf Grund dieser Zeugnisse würde man ihm in 
Basel nicht die mindesten Schwierigkeiten gemacht haben, eine Provisorstelle anzunehmen 
oder eine der bestehenden Apotheken käuflich zu übernehmen. 

4. Nach unserer Ansicht ist ein Apotheker weder eine blos wissenschaftliche noch 
eine blos gewerbliche Berufsart. 

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5. In Deutschland, wo man soweit gegangen ist, die Ausübung der Heilkunst frei¬ 
zugeben, hat man es nach eingehendster, vielfältiger und oftmaliger Prüfung durch Sani¬ 
tätsbehörden, Aerzte, Apothekerschaft etc. etc. doch noch nicht einmal gewagt, sich theo¬ 
retisch zur Freigebung der Apotheken zu bekennen, ganz abgesehen von der Frage der 
Schädigung bestehender Privatinteressen. 

6. Lemma 2 des Art. 33 der Bundesverfassung stellt eine gesetzliche Regelung die¬ 
ser Verhältnisse für die Schweiz in Aussicht und ebenso ist in Art. 6 der Uebergangs- 
bestimmungen darauf hingewiesen; war es im Hinblick auf diese kommende Gesetzgebung 
dringend nothwendig, mit einem Federzuge die sämmtlichen existirenden cantonalen sani¬ 
tätspolizeilichen Bestimmungen durchzustreichen ? 

7. Wie steht es mit den s. Z. in Aussicht gestellten Expertisen der ständigen Com¬ 
mission des ärztl. Central Vereins, als der in wichtigen Fragen von Seite des Bundesraths 
jederzeit einzuvernehmenden Medicinal- und sanitätspolizeilichen Oberbehörde , wie man 
sich gutmüthig genug eingebildet hat? Hat nicht vielmehr der damalige Unkenruf des 
Einsenders in der medic. Gesellschaft zu Basel Recht behalten? 

Anmerkung der Redaction. Der betreffende Artikel 5 der Uebergangsbe- 
stimmungen lautet: 

„Personen, welche den wissenschaftlichen Berufsarten angehören und welche bis zum 
Erlasse der im Art 33 vorgesehenen Bundesgesetzgebung von einem Cantone oder von 
einer mehrere Cantone repräsentirenden Concordatsbehörde den Ausweis der Befähigung 
erlangt haben, sind befugt, ihren Beruf in der ganzen Eidgenossenschaft auszuüben.“ 

Fügen wir noch den Art 33 der revidirten Bundesverfassung bei: „Den Cantonen 
bleibt es anheimgestellt, die Ausübung der wissenschaftlichen Berufsarten von einem Aus¬ 
weise der Befähigung abhängig zu machen. 

Auf dem Wege der Bundesgesetzgebung ist dafür zu sorgen, dass derartige Aus¬ 
weise für die ganze Eidgenossenschaft gültig erworben werden können." 

Aus diesen beiden Artikeln folgt klar, dass zur Zeit, d. h. bis zum Erlasse gesetz¬ 
licher Bestimmungen, de facto die Praxis freigegeben ist. Nehmen wir einen Canton mit 
Freigebung der ärztlichen Praxis, z. B. Glarus, so wird es einem durchgefallenen Medi- 
ciner oder einem andern wilden Practicanten ein Leichtes sein, sich von der zuständigen 
Justiz- oder Polizeibehörde die Bescheinigung ausstellen zu lassen, dass er zur Ausübung 
der Heilkunde in seinem CantoDe befugt und befähigt sei , ergo können ihm die 
übrigen 8 c h w e i z e r c a n t o n e das Practiciren nicht mehr ver¬ 
bieten. 

Solche Uebergangsbestimmungen tragen eben immer den Stempel des Provisorischen, 
Unfertigen an sich. Es wäre gut, wenn recht bald der Erlass sachbezüglicher gesetz¬ 
licher Bestimmungen dieser Halbheit ein Ende machen und grundsätzlichen Entscheid 
bringen würde. 

Nach unserer Meinung ist — und zwar ebenfalls nolens volens — durch die beiden 
Artikel noch eine andere Frage gelöst worden; wir meinen die Stellung des weiblichen 
Geschlechtes zu den wissenschaftlichen Berufsarten. Das Lehramt gehört zu den wissen¬ 
schaftlichen Berufsarten. Die Lehrerinnen sind längst anerkannt. Trotzdem heisst es 
nur „Personen“ ; es sind also offenbar darunter collectiv die „Schweizerbürger“ beider 
Geschlechter verstanden, mit andern Worten : die Schweizerin, die in Zürich z. B. promovirt, 
erwirbt sich dadurch direct (oder indirect auf einem kleinen Umwege) das Recht, wo sie 
will in jedem Cantone die ärztliche Praxis auszuüben. Damit scheint uns einer der 
Gründe, das Frauenstudium auf einer Universität zu verbieten, während die 2 anderen 
Schweizeruniversitäten demselben Vorschub leisten, dahin zu fallen. 

Das sind allerdings Fragen, unsern ständigen Ausschuss zu beschäftigen; vor Allem 
echeint es uns dringend an der Zeit, dass der Art. 33 einmal in Arbeit genommen werde, 
damit wir aus dem Provisorium endlich herauskommen und die Situation sich abkläre. 

Ob es wirklich nur eine allopathische Dosis „gutmüthiger Einbildung“ war, anzuneh¬ 
men, der ständige Ausschuss werde in derartigen Fragen von den Bundesbehörden zum 
Vernehmenlassen beigezogen werden, lassen wir freilich dahingestellt, erst muss die An¬ 
erkennung stattgefunden haben : im Ausschuss die ärztliche Stimme des Landes repräsen- 
tirt zu sehen, und hierüber vorerst hofft der ständige Ausschuss der Mai Versammlung be¬ 
friedigende Mittheilungen machen zu können. 


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171 


Gen&ve* C’est mercredi, aprds-midi, 3 Fdvrier 1875, que la premidre pierre 
de ) f aDgle des b&timents anatomiques a dtd placde en prdsence des auto- 
ritds cantonales, des professeurs de l’universitd, de toutes les socidtds d’dtudiants, de 
beaucoup d’invitdH et d’un nombreux public. — Monsieur Carteret, prdsident du ddparte- 
ment de l’instruction publique, a fait dans son discours d’ouverture un rapide historique 
de l’acaddmie de Gendve, il a rappeld que ce n’dtait pas saus lüttes et de nombreuses 
difficultds k surmonter que Ton dtait arrivd k voir s’dlever les murs de ce beau bätiment, 
consacrd aux dtudes physiologiques et anatomiques, murs non seulement dlevds en vue 
du prdsent. mais de l’avenir, en afflchant un caractdre international. 

M. le professeur Vogt, recteur de l’acaddmie, a rdpondu k ce discours par des paroles 
chaleureuaes, empreintes d’un sentiment de vive satisfaction, en voyant enfin s’dtablir k 
Gendve une facultd de mddecine depuis longtemps ddsirde par tous ceux qui s’occupent 
de Sciences et surtout de Sciences physiologiques et anatomiques; ce temple dlevd k la 
Science rendra de grands Services, car ici seront appelds k professer des professeurs qui 
ge sont illustrds par leurs travaux, et dont la rdputation scientifique due k leurs travaux 
originaux, nous donnera les plus grandes garanties pour le succds de cette noble entre- 
prise; le professeur Vogt, aprds avoir remercid les autoritds et tous ceux qui ont facilitd 
Tidde de crder une facultd de mddecine k Gendve, a remercid les trois jeunes architectes, 
Guy, Reverdin et Gampert, qui mettent k la rdussite de leur entreprise autant d’activitd que 
de talent en appliquant leur art, aux exigences du jour pour de pareils ddifices, au point 
de vue de l’Hygidne, de l’exposition, de la distribution, en Consultant les personnes com- 
pdtentes et aprds avoir dtudid dans dififdrentes villes tout ce qui k dtd dernidrement crdd 
dans ce genre de construction. Le discours de M. Vogt termind les nombreux invitds se 
rendirent au foyer du thd&tre oü une collation avait dtd prdparde. M. Carteret adressa 
encore quelques paroles aux assistants pour remercier tous ceux qui avaient contribuds k 
faire arriver k bonne fin les nombreux efforts tentds pour donner une facultd de mddecine 
k Gendve. 

II a dtd lu l’autre jour k la socidtd de mddecine par le Dr. Long, mddecin de l’hdpi¬ 
tal, une Observation intdressante sur un empoisonnement volontaire, par 
1 ’Hydrate de chloral, l’analyse chimique des diffdrents visedres a dtd faite par 
M. Testuz , pharmacien de l’hdpital, qui a lu une note relative k ses recherches qui sera 
probablement publide, il paraitrait que la personne qui a succombd k l’influence de l’Hy- 
drate de chloral dtait depuis longtemps atteinte d’une noire mdlancolie, il sera curieux 
de savoir combien cet individu a absorbd d’Hydrate de chloral en Consultant le registre 
du pharmacien qui a ddlivrd le mddicament? 

Le Dr. Odier dans la mdme sdance a entretenu la socidtd d’un cas assez curieux k 
savoir qu’il a dtd obligd d’amputer la main k un individu qui s’dtait rendu en Pre¬ 
mier lieu chez un personnage demeurant en ville, ayant la grande rdputation de gudrir 
les panaris, celui-ci croyant avoir k faire k un abeds, plongea son bistouri dans un 
andvrysme, qui occasionna une hdmorrhagie excessivement abondante, qui ne put 
dtre limitde qu’aprds de longues et difftciles tentatives, quelques jours aprds le malade 
perdant confiance dans cet homme, se rendit chez une femme jouissant de la mdme rd¬ 
putation mddicale, sitdt qu’elle eüt enlevd le pansement, une hdmorrhagie des plus vio¬ 
lentes s’ensuivit, qui ne put de nouveau dtre amandde que par des applications antihd- 
morrhagiques, force fut alors pour le malade de se rendre k l’höpital; l’dtat de Gangrdne 
des parties dtant fort avaned, les ligatures d’artdres ne pouvant se faire et des acci- 
dents graves se manifestant dans tout l’organisme, il fallut recourir k l’amputation de la 
main; le fait ainsi exposd l’on s’est demandd si Ton devait porter une plainte k qui de 
droit... lors mdme que le plus souvent il n’est pas donnd une suite sdrieuse par la jus- 
tice en pareille occurrence. 

Quantdtd d’indispositions se sont manifestdes durant ces derniers temps, ainsi qu’une 
grande quantitd de maladies assez graves, s urt ou t d ans la das s e des- 
hdritde, tout cela joint k une grande misdre, surtout chez les dtrangers k la Suisse 
et au canton, n’y aurait-il pas moyen de faciliter l’entrde de ces malades k l’hdpital, qui 
n’est ouvert pour cette classe de gens qu’d raison de 1 fr. 50 ct. par jour et avec argent 
ddposd k Tavance, k moins que ces personnes n’entrent k l’hdpital avec un billet d’ur- 
gence, signd d’un docteur et contresignd, moyen dont on ne peut abuser; il faut bien 


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172 


dire que Gen&ve, par sa position, est le rendez-vous d’une quantitd de personnes qui 
viennent y gagner lenr vie, ceux-ci tombant malades, se trouvent au bout de peu de 
jours d&ns la plus profonde mis&re, ne sachant que faire, ni ou aller, lee höpitaux de Sa- 
voie et des environs ätant insuffisants pour les recevoir; que faire, ne pourrait-il pas 
s’ötablir un comitö (maniöre de dire international) de personnes bien disposöes, qui une 
fois averties par le mddecin ou une autoritä quelconque feraient le näcessaire ? Comme 
le disait parfaitement bien M. Motto, directeur de l’höpital cantonal, si l’on s’occupe des 
blessös sur les champs de bataille, n’y aurait-il non plus rien a faire pour ceux qui 
souffrent continuellement en teraps de paix 

En fait de bibliographie il vient de parattre sous le titre de l’oreille et la eur- 
d i 1 6 un ouvrage dü au Dr. Henri Colladon , cette publication adressde surtout au public, 
sc met k la portöe de tous, le public atteint de troubles de l’organe de 1’ouie, anxieux 
d’avoir quelques renseignements sur les maladies de l’oreille, pourra par lui-m£me se 
rendre compte des inconvönients qu’il aura k courir en negligeant de faire soigner cet 
organe. L’ouvrage est öcrit dans un style simple et clair, nous fdlicitons l’auteur d’avoir 
si bien rdussi k intöresser ses coll&gues et surtout d’avoir mis k la port^e de tous la fa- 
cilite de pouvoir bönöficier des bienfaits de la Science. 

Josias Pdtavel. 


W oclieribericlit. 


Schweiz. 

Eldg. Sanitätsdienst. Bei Anlass der Ernennung der Divisionsärzte erwähn¬ 
ten wir in letzter Nr. irrthümlich, dass die üblichen Avancements im Sanitätsstabe vom 
Militärdepartement vorgenommen worden seien, dieselben kommen erst später an die 
Reihe. 

Mit lebhafter Freude begrüssen wir heute als neues Zeichen rastloser Thätigkeit 
auf dem Bureau unseres Oberfeldarztes die eben vom Bundesrath genehmigte Instruc¬ 
tion über die Untersuchung und Ausmusterung der Militär¬ 
pflichtigen. Dass gerade dieser Theil des früheren Reglements längst eine Um¬ 
arbeitung dringend verlangte, war Herrn Oberfeldarzt Lehmann wohl bekannt und, wenn 
wir uns recht erinnern, sass Ende der 60er Jahre eine Commission hierüber in Luzern. 
Die viel versprochene Militärorganisation war wohl die Schuld, dass erst heute allerdings 
in kräftiger und wohl überlegter Weise diese Instruction ihre Umgestaltung erfahren hat 
Wir sehen in dem Entwürfe die sichere Garantie, dass ohne Ansehen der Person nach 
scharf vorgezeichneten Grundsätzen, für alle Cantone gleich, die Ausmusterung der mili¬ 
tärpflichtigen Jugend soll an die Hand genommen werden. 

Diese Ausmusterung geschieht entsprechend der neuen Militärorganisation nicht mehr 
cantonsweise, sondern nach den Divisionsbezirken. Die Untersuchungscommission eines 
Divisionskreises besteht aus dem Divisionsärzte als Vorsitzendem, dem Commandanten des 
Recrutirungskreises, in welchem jeweilen die Untersuchung stattfindet, und zwei Militär¬ 
ärzten. Die letztem können wechseln, je nach den einzelnen Recrutirungskreisen. Für 
jede Untersuchungscommission werden zwei Aerzte als Ersatzmänner bezeichnet. Der 
Divisionsarzt kann sich in seinen Functionen als Vorsitzender durch den Feldlazarethcbef 
seiner Division, oder durch einen zweiten hiezu bezeichneten Sanitäts-Stabsofficier seines 
Divisionskreises vertreten lassen. Den Untersuchungscommissionen werden von Seiten 
der Cantone, und durch Vermittlung je des betreffenden Kreiscommandanten das nöthige 
Schreiberpersonal und die zweckentsprechenden Locale zur Verfügung gestellt. Die Wahl 
der ärztlichen Mitglieder der Untersuchungscommission erfolgt durch das schweizerische 
Militärdepartement auf Vorschlag des Oberfeldarztes, und nach Anhörung des betreffenden 
Divisionsarztes ; sie entscheidet über die Befähigung jedes Einzelnen zum Militärdienst, 
und wacht strenge darüber, dass weder Diensttaugliche wegen unerheblicher oder vorge¬ 
täuschter Gebrechen der Armee entzogen, noch Dienstuntaugliche in dieselbe eingereiht 
werden. Ebenso steht ihr allein die bleibende Entlassung bereits eingetheilter Wehr- 


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173 


männer wegen Krankheiten und Gebrechen zu. Die regelmässigen Sitzungen der Com¬ 
mission finden statt: 1. In den einzelnen Recrutirungskreisen beim Ausheben der Mann¬ 
schaft. Es hat das für jeden Divisionskreis je im Verlaufe der Monate September und 
October zu geschehen. 2. Für den ganzen Divisionskreis vor Beginn des Recrutenunter- 
richts für diejenige Mannschaft, welche bei der ersten Untersuchung aus irgend einem 
Grunde nicht erschienen ist, oder seit jener Zeit sich ein Gebrechen zugezogen hat, sowie 
zur Behandlung allfälliger Recurse. 

Gegen den Entscheid der Untersuchungscommission eines Divisionskreises kann Be¬ 
rufung ergriffen werden an die zum Voraus vom Schweiz. Militärdepartement als Recurs- 
instanz bezeichnete Untersuchungscommission eines benachbarten Kreises. Die Ergebnisse 
der Untersuchung und Entscheidung der Commission sind in deren Controle und in die 
Dienstbüchlein der Untersuchten einzutragen. Ein besonderes Protocoll wird über die 
Verhandlungen über schwierigere und zweifelhafte Fälle, sowie über Recursbegehren ge¬ 
führt. Die Untersuchungscontrole bleibt in Händen des Kreiscommandanten, steht aber 
dem Divisionsärzte behufs Rapporterstattung zur Verfügung. Die Divisionsärzte haben 
alljährlich auf den 31. Christmonat dem Oberfeldärzte über Recrutenuntersuchung und 
Ausmusterung eingetheilter Mannschaft auf Grundlage der Untersuchungscontrolen und 
Frotocolle Bericht zu erstatten. 

Wir finden in dem Entwürfe ferner zur Beurtheilung eines für den Militärdienst tüch¬ 
tigen Körperbaues und einer dauerhaften Gesundheit folgende Anhaltspuncte bemerkbar 
gemacht: Aufrecht getragener Kopf, starker Nacken, gesunde Gesichtsfarbe, lebhaft blik- 
kende Augen, gute Zähne, rothes, festes Zahnfleisch, breiter, gewölbter Brustkorb, starke, 
fleischige Schulterblätter, ein langsames, tiefes, leichtes und andauernd ruhiges Athmen, 
kräftiger, regelmässiger Puls, feste, elastische Haut, kräftige Muskeln, starke Knochen, 
ein fester Gang. Ueberhaupt ein richtiges Ebenmass der Körpertheile und ein freier Ge¬ 
brauch der Sinne. 

Wird nun ein Militärpflichtiger nicht sofort wegen eines Gebrechens dienstuntauglich 
gemacht, so sind folgende Verhältnisse genau festzustellen: die Körperlänge ; der Brust¬ 
umfang mit Berücksichtigung des Baues und der Ausdehnungsfähigkeit des Brustkorbes; 
zugleich ist die Beschaffenheit des Herzens und des Herzschlages zu untersuchen und die 
Sehschärfe. Ferner die richtige Stellung und Beschaffenheit des Kopfes und Halses; die 
Unversehrtheit der Sinnesorgane; die Beschaffenheit der Mundhöhle und der Zähne; die 
Beschaffenheit des Unterleibs und der Geschlechtsorgane; die Symetrie, die richtige Stel¬ 
lung und Ausbildung aller Gliedmassen, namentlich der Hände und Füsse, sowie die 
Freiheit sämmtlicher Gelenke. Endlich ist zu controliren, ob der Untersuchte revaccinirt 
ist oder nicht und ob mit Erfolg. — 

Wir finden ferner in dem Bericht eine detaillirte Aufzählung der Krankheiten und 
Gebrechen, welche bleibend dienstuntauglich machen, nicht mehr alphabetisch, dafür aber 
topographisch leicht übersichtlich zusammengestellt, sowie eine Instruction zur Prüfung 
der Sehschärfe und sich Sicherstellen vor versuchter Simulation. 

Zum Schluss enthält die Instruction noch die nöthigen Requisite an Körpergrösse 
und Sehschärfe für Schützen, Infanterie, Cavallerie, Artillerie etc. etc. genau zusammen¬ 
gestellt. 

Ein Jeder, der mit uns mit Interesse die Reorganisation des Schweiz. Heeres verfolgt, 
wird mit Befriedigung in dieser Instruction einen bedeutungsvollen Eckstein des neuen 
Gebäudes willkommen heissen. 

Aus dem soeben erschienenen Regulativ für den Platzarztdienst entnehmen 
wir folgende Bestimmungen. Der Oberfeldarzt bezeichnet für jeden eidg. Waffenplatz 
wo möglich aus der Zahl der brevetirten Militärärzte einen Platzarzt nebst Stellvertreter. 
Die Entlassung der Platzärzte und deren Stellvertreter erfolgt ebenfalls durch denselben. 
Die Platzärzte und deren Stellvertreter stehen in erster Linie unter dem Oberfeldärzte, 
in zweiter Linie, soweit ihre dienstlichen Verpflichtungen dieses mit sich bringen, haben 
sie die Weisungen der Schul- resp. Curscommandanten zu befolgen. Die in Militärschu¬ 
len und Curse einberufene Sanitätsmannschaft steht, soweit es den Gesundheitsdienst an¬ 
belangt, unter dem Befehle des Platzarztes, dessen Obliegenheiten bestehen in gewissen¬ 
hafter, reglementsmässiger Besorgung des Gesundheitsdienstes in allen Schulen und Gursen 
des betreffenden Waffenplatzes, für welche keine besondern Schulärzte einberufen werden. 


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174 


Die Platzärzte and ihre Stellvertreter sind in allen ihren Verrichtungen verbanden, sich 
an die bestehenden Vorschriften und Regiemente zu halten; sie übernehmen in dieser 
Hinsicht die volle Verantwortlichkeit und die Entschuldigung der Unkenntniss ist nicht 
zulässig; ihre besondern Obliegenheiten sind: 

Die Beantragung und Vornahme der sanitarischen Untersuchung je beim Einrücken 
einer Schule und zwar unter genauer Beachtung der Instruction über Untersuchung der 
Wehrpflichtigen vom 24. Februar 1875; die Vornahme der täglichen Morgenvisite vor 
dem Ausrücken der Truppen; das rechtzeitige Ausstellen des täglichen Krankenrapportes 
an die Compagniecommandanten; Anwesenheit beim Offleiersrapport und beim nachmit¬ 
täglichen Hauptappell; Ueberwachung der Gesundheitsverhältnisse der Schule, besonders 
in Beziehung auf Kleidung, Nahrung und Wohnung und Beantragung resp. Anordnung 
der nöthig scheinenden hygieinischen Massnahmen; Unterricht der Schulmannschaft in den 
wichtigsten Cap iteln der Militärhygieine, im Einverständniss mit dem Schulcommando ; Be¬ 
sorgung der Kranken im Kranken- (Infirmerie) Zimmer; wiederholungsweiser Unterricht der 
Sanitätsmannschaft, soweit möglich ; reglementarische Rapporterstattung an den Oberfeldarzt. 

Schwerer erkrankte Militärs sind in die vom Oberfeldarzt bezeichneten Civilspital- 
anstalten zu evaeuiren. Auf denjenigen Waffenplätzen, wo in Ermangelung von Civil- 
spitalanstalten Militärspitäler errichtet und betrieben werden, ist der Platzarzt zugleich 
Militärspitalarzt. 

ln dieser Beziehung ist das Regulativ für den Militärspital in Thun vom 20. Decem- 
ber 1873 massgebend. Der Platzarzt hat jedem an ihn ergehenden Ruf zur Leistung 
ärztlicher Hülfe bei Tag und bei Nacht möglichst rasch Folge zu geben, immerhin in 
dem Sinne, dass gewöhnliche Erkrankungsfälle bei der Morgenvisite oder bei Anlass des 
Nachmittagsappells zur Meldung kommen sollen. Er wird daher dafür sorgen, dass er 
immer zu finden sei. Er hat diejenige Sanitätsmannschaft zu bezeichnen, welche die 
Truppe auf den Manövrirplatz und zu den Schiessübungen zu begleiten hat.*) Bei vorüber¬ 
gehender Dienstverhinderung (unter drei Tagen) hat der Platzarzt jedesmal unter Kennt- 
nissgabe an den Schulcommandanten seinen Stellvertreter zur Uebernahme der Geschäfte 
zu veranlassen. Für längere Abwesenheit (über drei Tage) hat derselbe beim Oberfeld¬ 
arzt um Urlaub nachzusuchen. Zum Tragen der Uniform ist der Platzarzt nur verpflich¬ 
tet zur Vornahme der sanitarischen Untersuchung beim Schuleintritte und wenn er den 
Truppen auf Ausmärschen zu folgen hat, auch ist er für gewöhnlich nicht gehalten, an 
der obligatorischen Officierstafel zu speisen und in der Kaserne zu wohnen. 

Der Platzarzt erhält für 6eine Bemühungen eine Entschädigung von Fr. 7 per Tag 
und von Fr. 10 täglich, wenn derselbe zugleich Militärspitalarzt ist. 

Hat derselbe den Truppen auf Ausmärschen zu folgen, so bezieht er für diese Zeit 
statt des Taggeldes den Sold und die Competenzen eines berittenen Arztes und wird als 
im Dienste stehend betrachtet. Der Sold wird demselben vom Schul- resp. Waffenplatz- 
commissär ausgerichtet. Die Entschädigung des Stellvertreters ist bei vorübergehender 
Dienstleistung Sache des Platzarztes und hat auf gegenseitiger Verständigung zu beruhen. 
Befindet sich der Platzarzt in Urlaub, so wird der Stellvertreter direct besoldet* Ueber 
den Bezug von Medicamenten und Verbandmitteln erhalten die Platzärzte die nöthigen 
Weisungen vom Oberfeldärzte. Die bezüglichen Rechnungen sind je am Schlüsse einer 
Schule durch dieselben einzufordern, zu prüfen und, wenn richtig, visirt an den Oberfeld¬ 
arzt zu senden. Für Ausmärsche sind sie ermächtigt, aus dem nächsten cantonalen Zeug¬ 
hause des betreffenden Divisionskreises, in welchem der Waffenplatz liegt, eine Sanitäts¬ 
kiste für Specialwaffen mit Sanitätstornister zu requiriren, falls denselben solches Material 
nicht von Anfang an zur Verfügung gestellt wurde. 

Wir denken, dass hiemit jene ängstlichen Gemüther, welche im Aufstellen von 
Platzärzten nur eine anerkennenswerthe Erleichterung der activen Militärärzte zu Ungun¬ 
sten des Gesundheitsdienstes der Truppe entdecken wollten, sich werden beruhigen können. 

Ueber die Leistungen des Sanitätsdienstes im Jahre 1874 gibt der in 
Folge bereitwilligen Entgegenkommens des Herrn Oberfeldarztes dieser Nr. beigelegte 
Rapport ausführlichen Bericht. 


*) Die Gegenwart des Arztes selbst auf dem Manövrirplatze und bei den Schiessübungen wird 
also nicht verlangt. 


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175 


Basel« Oeffentliche Gesundheitspflege. Der Chef des basier Bau¬ 
wesens, Rathsherr Sarasin, hält Öffentliche Vorträge über die beabsichtigte rationelle Ca- 
nalisation mit Spülung. Er leitete dieselben mit der Bemerkung ein, er wolle sich im 
Gegensätze zu dem in Basel bis dahin herrschenden Principe des Repräsentativsystemes 
direct an das Volk wenden. Und da hat er Recht: diese Art der Democratie, das An¬ 
fachen der Theilnahme des Volkes an einem gemeinnützigen Werke, steht jedem Staats¬ 
manne wohl an. 

Ausland. 

England« Eine neue kühngeniale, zugleich auch radicale Operation der 
varicoesen Venen ist am 14. Nov. 1874 von John Marshall in University College 
Hospital in London ausgeführt worden. 

Der Patient, Schienenleger bei einer Eisenbahn, 38 Jahre alt, sonst gesund, litt an 
Hämorrhoiden und an starker, varicoeser Ausdehnung der grossen Saphen® und ihrer 
8ämmtlichen zuführenden Zweige. Besonders colossale Varicositäten am 1. Unterschenkel 
machten ihn endlich arbeitsunfähig. 

Nachdem mit Tinte die Vene am L Unterschenkel mit allen ihren Windungen deut¬ 
lich markirt worden, wurden in Cbloroformnarcose an Ö Stellen, an 3 in der Kniegegend 
und an 2 gegen den Fuss hin, Nadeln unter dem Gefäss durchgeführt und eine um¬ 
schlungene Naht darüber angelegt. Nadeln und Fäden waren gut carbolisirt. Esmarch 's 
Binde trieb das Blut durch sämmtliche Collateralen aus der Veno heraus und ohne Ver¬ 
lust eines einzigen Blutstropfens wurde nun die letztere einfach zwischen den Ligaturen 
9 Zoll lang aufgeschnitten und hierauf mit Pincette und Scheere exstirpirt, Alles unter 
Carbol-Spray. Die 5 Ligaturen blieben liegen. Lister 'scher Carbolgaze-Verband. * 

Am 1. December wurden 8, am 8. December die 2 andern Nadeln entfernt. Bis zum 
8. December 0 Fieber, kaum nennenswerthe Eiterung. — Von da an leichte Temperatur¬ 
erhöhungen, am 11. December deutliches Erysipel am ganzen Bein mit bedenklicher Ver¬ 
färbung und Schwellung der Gegend der Saphena magna am Oberschenkel. 

Nichtsdestoweniger war am 26. December die ganze Operationswunde geheilt; am 
6. Januar 1875 verliess Pat sehr zufrieden das Spital. (Lancet Nr. IV 1875.) 


Stand der Infectfons-Kranfeheften ln Basel. 

Vom 25. Februar bis 12. März. 

Noch immer herrschen vorzugsweise Krankheiten der Lungen vor, namentlich Grippe. 
Die Anzahl der Todesfälle in der letzten Woche erreichte das Doppelte des Wochen¬ 
mittels von 1874 und zwar sowohl für Kinder als für Erwachsene, und die oben erwähnte 
Krankheit ist wesentlich dabei betheiligt; auch sind 4 Todesfälle an Croup und Diphthe¬ 
rie verzeichnet. 

Die übrigen Infectionskrankheiten, Erysipele , Typhus , Scharlach, Varicellen und 
Keuchhusten, Rubeola, Puerperalfieber, kamen nur in vereinzelten Fällen vor. 


Briefkasten. 


Herrn Prof Huguenin in Zürich: Wegen des verspäteten Einlaufens des Manuscriptes sind wir 
geswungen, den Schluss der Hirnsyphüis auf nächste Nummer zu verschieben. — Herrn Prof. C— a 
in Z., Oberfeldarzt Dr. Schnyder in Bern, Prof. Dr. Kocher in Bern, Dir. Sch—l in K—n, Dr. Conrad 
in Bern, Prof. Dr. Quincke in Bern, Dr. Ladame in Locle: Dankend erhalten. 


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N? 7. V. Jahrg. 1875. 1. April 

Inhalt: 1) Originalarbeiten: Prof. Dr. Huguenin, TJeber Hirnsyphilia. (Fortsetzung.) Dr. Pflüger, Zur sympatischen 
Ophthalmie. — 2) Yereinsberichte: Neunte Versammlung der schweizerischen Irren&rzte. — 8) Referate nnd 

Kritiken: Dr. phiL J. Bitl, Untersuchungen über den Kumys und den Stoffwechsel während der Kumyscnr. Schürmayer, 
Lehrbuch der gerichtlichen Medicin. W. His, Unsere Körperform und das physiologische Problem ihrer Entstehung. — 
4) Kantonale Correspondenzen: Basel. — 5) Wochenbericht. — 6) Bibliographisches. — 7) Briefkasten. 


Original-Arbeiten. 

Ueber Hirnsyphilis. 

Von Prof. Dr. Huguenin in Zürich. 

(Fortsetzung.) 

II. 

Das Gumma des Hirnes. 

Wie im Vorigen, kann es sich nicht darum handeln, alle Symptome, welche 
ein Gumma unter Umständen machen kann, zu beschreiben. Dieselben werden 
sehr mannigfach sein, da das Gumma an jeder Stelle, wo es sich entwickelt, die 
Bolle eines kleinen Tumors, bei Weiterverbreitung hie und da die eines multipeln 
Tumors spielen wird. Somit beschränken wir uns auch hier, wie im vorigen Ar¬ 
tikel, auf einige genau beobachtete Krankheitsbilder und deren eingehendere Be¬ 
sprechung. 

Fall 1. Aus der Praxis des Prof. Cloetta in Zürich und von ihm gütigst mit- 
getheilt: 

J. S., 41 Jahre alt, ein sehr kräftiger junger Mann, von robuster Gesundheit, hatte 
vor 18 Jahren ein Ulcus indur., vor 11 Jahren inficirte er sich wieder, bekam beide Male 
secundäre Erscheinungen, Hautausschläge und Rachenaffectionen, wurde aber jedes Mal 
leicht und sicher davon befreit, machte in der Folge verschiedene Badecuren durch, hielt 
sich für vollkommen geheilt. Besitzt 2 gesunde Kinder. 

Mitten im vollen Wohlsein wurde er im Frühjahr 1874 von Parese der Beine befallen, 
langsam beschlich eine Schwäche seine untern Extremitäten, so dass er im Beginne blos 
etwas ungeschickt, hernach aber nur noch mühsam und wackelig gehen konnte. Absolute 
Freiheit von allen Hirnsymptomen, ebenso keine Spur von Reizsymptomen von Seiten des 
Rückenmarks, im Beginne wenigstens, Kopfweh fehlte durchaus. 

Nach circa 8 Tagen erfolgte als zweites Symptom eine nicht vollständige Incontinen¬ 
tia Alvi, Während Pat den Urin immer halten konnte, erlitt er mehr und mehr, nament- 

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lieh bei weichem Stuhl, unwillkürliche Abgänge, zu gleicher Zeit nahm die Parese der 
Beine an Intensität noch zu. Mit der unvollständigen Incont. Alvi traten Dysästhesien an 
Scrotum und Hinterbacken auf, Gefühl von Pelzigsein, leises Kriebeln und Ameisenkrie¬ 
chen in der bezeichneten Gegend, doch nirgendswo anders, namentlich nicht an den 
Beinen. — 

Während diese Symptome vorläufig die Aufmerksamkeit auf das Rückenmark hin- 
lenkten, traten nach 12 Tagen andere Symptome hinzu, welche nothwendigerweise den 
Arzt auf einen höher gelegenen Abschnitt der cerebrospinalen Axe hinwiesen. 

Abermals ohne alles Kopfweh und alle weitern Reizsymptome, aber etwas schneller, 
als die Pareße der Beine eingetreten war, entwickelte sich gleichzeitig eine Parese 
des linken Armes und eine Parese des ganzen rechten Facialgobietes, so dass 
irgendwie ausgiebige ^Bewegungen mit dem linken Arme unmöglich wurden. Der rechte 
Mundwinkel hing, am rechten Auge Lagophthulmus, und es entwickelte sich eine leichte 
Sprachstörung, welche aber durchaus nur von der Facialislähmung rührte und mit der 
aphasischen Störung keine Verwandtschaft zeigte. 

Nachdem sich der Zustand in der beschriebenen Weise ohne alle weitem Symptome 
von Seite des Hirnes 9 Tage hingezogen hatte, ergriff die Parese den rechten Arm 
und zwar in der gleichen langsamen und allmäligen Weise, wie auf der linken Seite, so 
dass nunmehr Schwäche und Schwerbeweglichkeit aller 4 Extremitäten, sowie totale 
rechtseitige Facialislähmung vorhanden war. 

Endlich erschien abermals einige Zeit später eine Parese der Sensibilität in beiden 
Armen, welche leicht zu constatiren war, indess nie einen sehr hohen Grad erreichte. — 

Trotz der Abwesenheit einer ganzen Reihe von Symptomen, welche gewöhnlich als 
Tumorensymptome gelten, wurde, fussend auf die dem behandelnden Arzte genau bekannte 
Anamnese, eine antisyphilitische Therapie eingeleitet (Jodkalium wechselnd mit Decoct 
Zittmanni, in verschiedenen Modificationen); die Diagnose war gestellt worden auf 
Gumma der Medulla oblong, an weiter unten näher zu beschreibender Stelle. 

Der Ei folg bestätigte die Diagnose. Nach circa 3 Wochen fingen alle Symptome 
an zurückzugehen. Es schwanden zuerst die Paresen der Sensibilität, dann liess die 
Lähmung des Facialis an Intensität nach, dann schwand die Incontinentia Alvi, endlich 
konnte der Kranke mit Hülfe von Möbeln und Stöcken sich im Zimmer wieder bewegen, 
mehr und mehr kehrte die alte Leichtigkeit der Functionen wieder zurück. Bis auf ganz 
geringe Spuren ist die frühere Leichtigkeit der Bewegungen vollkommen wieder herge¬ 
stellt, so dass der Mann sich als gesund betrachtet. — Die Reihenfolge der Symptome in 
diesem Falle ist folgende: 

1 . Parese der Beine. 

2. Incontinentia Alvi. 

3. Pelziges Gefühl an Scrotum und Hinterbacken, Sensibilität abgestumpft 

4. Parese des linken Arms. 

5. Parese des ganzen R. Facialis (4 und 6 zu gleicher Zeit eingetreten). 

6 . Motorische Parese des rechten Armes. 

7. Sensibilitäts-Parese in beiden Armen. — 


Es fragt sich bei der Diagnose vor Allem, ob man es mit einer diffusen Hirn¬ 
erkrankung im Griesinger* sehen Sinne des Wortes zu thun habe. Dies muss von 
vorneherein verneint werden, namentlich wegen des Fehlens aller und jeder psy¬ 
chischen Symptome, welche bei den verbreiteten Oberflächen-Erkrankungen des 
Hirnes im Vordergründe stehen. Eine andere Frage wird die sein, ob es sich nicht 
um eine in einem andern Sinne diffuse Affection handle, d. h. eine, welche unten 
im Rückenmarke begann und sich nach oben gegen die Med. obl. und das Hirn hin 
ausbreitete. Die Beantwortung der letztem Frage schieben wir bis später auf, 
übrigens wird sie sich aus dem Folgenden ohne Weiteres von selbst ergeben. 

Die vorliegenden Symptome sind ausgezeichnete Heerdsymptome. Wo 
kann nunmehr eine circumscripte Erkrankung, die sie gemacht hat, sitzen? — 


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a. Kann sie in der Rinde des Hirnes sitzen? Diese Frage wird mit Leichtig¬ 
keit durch folgende Erwägungen negirt. Der Kranke hat während der ganzen 
Dauer seiner Krankheit keine Spur psychischer Affection gezeigt, weder eine auch 

' nur temporäre Störung des Selbstbewusstseins, noch jemals Anfälle von Schwin¬ 
del, von Gleichgewichtsstörung, von Vergehen der Sinne u. dgl. Es schliesst dies 
selbstverständlich jede Betheiligung der Rinde und wäre es auch nur eine vorüber¬ 
gehende functionelle Störung — z. B. eine Alteration der Circulation — augen¬ 
blicklich aus. Und wenn man sich vielleicht zur Ansicht neigen wollte, dass ganz 
kleine symmetrische doppelseitige Heerde die initiale Schwäche der Beine verschul¬ 
det hätten, so wäre zur Erklärung der folgenden weiteren Lähmungen die Annahme 
der Entwickelung neuer Heerde nöthig, folglich eine Vielheit kleiner circumscripter 
Affectionen, welche auf die Functionen des Cortex nicht ohne Einfluss hätten blei¬ 
ben können. Endlich wäre eine auf einen Schlag eintretende Lähmung des gan¬ 
zen Facialis von der Rinde aus eine einfach unbegreifliche Thatsache; denn der 
Facialis hat im Cortex offenbar nicht ein, sondern eine ganze Menge von Centren, 
von welchen aus er Erregungen empfangen kann* Vernichtung aller dieser Centren 
ohne gleichzeitige Störung der Rindenfunction ist undenkbar. 

b. Kann sie in den Hemisphären sitzen? Die ganze Affection begann mit gleich- 
mässiger Parese beider Beine. Dazu ist nun schon ein doppelseitiger, genau sym¬ 
metrisch gelegener, genau zu beiden Seiten gleich grosser Heerd nöthig; die bei¬ 
den Heerde müssten ferner genau zur gleichen Zeit entstanden sein. Dies anzu¬ 
nehmen entschliesst man sich schwer; dass aber dies möglich ist, hat ein kürzlich 
auf der medicinischen Klinik vorgekommener Fall zur Genüge gezeigt. Ein Kran¬ 
ker mit multipler, seniler Hirnerweichung (Arteriothrombose) zeigte den gleichen 
Beginn seiner Erkrankung, wie von dem in Rede stehenden geschildert, lang¬ 
sam eintretende, aber ganz gleichseitige, symmetrische Schwäche der Beine. Die 
Section ergab, dass diese initialen Symptome geliefert waren von zwei gleichen, 
gänzlich symmetrischen Erweichungsheerden im Linsenkern auf der Grenze seines 
H. und HI. Gliedes, wo erfahrungsgemäss Fasern für das gegenüberliegende Bein 
durchlaufen. Dieser Fall wird immerhin ein höchst seltener sein — 

Wieder zu unserem Falle zurückkehrend, wird die zweite Ueberlegung folgen, 
dass die spätere Halblähmung beider Arme abermals entsprechen müsste zwei 
durchaus symmetrisch gelegenen, allerdings nicht zu gleicher Zeit entstandenen 
Heerden in der Nachbarschaft der vorhin bezeichneten Stelle. Sie müssten liegen 
auf der Grenze zwischen I. u. II. Gliede des Linsenkerns, wo erfahrungsgemäss Fa¬ 
sern für den Arm der andern Seite durchziehen. Theoretische Bedenken stünden 
der Annahme im Principe nicht entgegen. 

Um die Hemisphären mit Sicherheit auszuschliessen, müssen wir die totale 
Facialislähmung (Nasen-, Mund- und Augenäste) ins Auge fassen. Eine solche 
kann von den Hemisphären aus geliefert werden, in der ungeheuren 
Mehrzahl der Fälle aber werden von den Hemisphären aus 
nur Facialis lähmungen in Mund- und Nasenästen gelie¬ 
fert. Erreicht aber ein Heerd einmal die Grösse, dass er von der obern Con- 
tour der Capsula interna nach unten reicht bis über die Linsenkernbasis hinab, so 


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könnte eine totale Lähmung resultiren, weil sämmtliche Fasern des vom Pedun- 
culus aus pinselförmig auseinanderfahrenden centralen Facialisverlaufes betroffen 
werden, somit auch jene früher in diesen Blättern beschriebenen Augenmuskel¬ 
fasern, welche unter dem Linsenkern weg nach aussen laufen. Ein solcher Heerd 
wird aber ohne psychische Störungen kaum jemals entstehen, und vor Allem wird 
ein so ungeheurer Erweichungsheerd nicht mehr heilen, endlich wird er unaus¬ 
weichlich eine totale Hemiplegie der gegenüberliegenden Seite setzen. Diese 
Gründe machen also von vornherein die Annahme, dass Hemisphären-Läsionen 
bei dem Kranken vorhanden gewesen seien, höchst unwahrscheinlich. 

Ferner hat der Kranke Störungen der Sensibilität gehabt, unter denen wir 
hervorheben die Abnahme der Sensibilität an beiden Armen. Um dies von den 
Hemisphären aus zu erklären, müssten die bis jetzt supponirten Heerde sehr weit 
nach hinten gegen das Occiput gereicht haben, wodurch dieselben wieder einen 
wesentlichen Grössenzuwachs erleiden würden. 

Um somit die vorliegenden Lähmungen von den Hemisphären aus zu erklären, 
müsste man annehmen: 

1. Einen ganz ungeheuren Heerd der linken Seite, oder auch eine Summe klei¬ 
nerer Heerde (rechtseitige totale Lähmung des Facialis). 

2. Zwei an den beschriebenen Stellen des Linsenkerns liegende Heerde der 
rechten Seite mit wesentlicher Ausdehnung nach hinten (Halblähmung des linken 
Armes und Beines und die angegebene Störung der Sensibilität). 

Diese Erwägungen müssen als illusorisch bezeichnet wer den aus folgenden Gründen: 

1. Heerde von solcher Ausdehnung kommen nicht zur Heilung. 

2. Es hat sich im vorliegenden Falle nie, den Facialis auch nicht ausgenom¬ 
men , um vollkommene Lähmungen gehandelt, sondern blos um 
Paresen. Blosse Paresen wären bei der grossen Ausdehnung der supponirten 
Heerde einfach undenkbar. Viel besser würde dann die Form der vorliegenden 
Lähmung zu einer Heerdaflfection der Binde stimmen, welche oben aus andern 
Gründen auch verworfen wurde; denn von der Rinde aus ist durch 
H c e r d a f f e c t i o n dieMotilität d e r Ex tr e m i t ä t e n in der That 
nicht gänzlich umzubringen; dazu sind schon höchst intensive d i f f u s e, 
Rinde und Hemisphären comprimirende Aflfectionen nöthig. 

3. Es stimmt die Annahme solcher Heerde durchaus nicht zum völligen Intact- 
bleiben der geistigen Kräfte, wobei ich auf die Alteration derselben bei Encepha- 
lomalacia senilis verweise. 

c. Somit sind wir gezwungen, die Ursache sämmtlicher Erscheinungen im Hirn¬ 
stamme zu suchen. 

I. Gegend der Pedunculi Cerebri. Sobald in der Pedunculus-Region eine 
Heerdaflfection beide Pedunculi lädirt, so dass doppelseitige Lähmungen die Folge 
sind, so geht es ohne eine Parese oder Paralyse des einen oder beider Oculomo- 
torii niemals ab. Im vorliegenden Falle war aber der Oculomotorius völlig freu 
Zudem wäre eine einseitige Arm- und eine gekreuzte Facial-Parese von dieser 
Gegend aus blos äusserst schwer denkbar, indem die Kreuzung beider Bahnen hier 
schon vollendet ist. 


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II. Gegend des Pons Varoli. Sobald eine Affection im Pons sitzt, welche die 
durchtretenden Pedunculi verletzt, oder wenn sie den Pons von aussen derart com- 
primirt, dass die Pedunculi im Innern desselben leiden — und dies müsste im vor¬ 
liegenden Falle zweifelsohne angenommen werden — so wird eine Läsion der Tri¬ 
geminus unausweichlich sein. Im vorliegenden Falle war eine solche weder in der 
Form der Neuralgie, noch der Anästhesie vorhanden. 

III. Gegend des Facialis-Austrittes. Diese Region der Medulla obl. wird wohl 
die einzige sein, welche ernsthaft zur Erklärung aller vorliegenden Symptome in 
Betracht gezogen werden kann. Dafür ist Folgendes anzuführen: 

Sobald Armlähmung und Facialislähmung zu gleicher Zeit eintreten, so kann 
nach anatomischen Grundsätzen in der That die Ursache blos in dieser Gegend 
gesucht werden. 

Sobald eine totale Facialislähmung unzweifelhaft cerebraler Natur (dies im 
vorliegenden Falle zu discutiren, würde uns eine unnütze Weitläufigkeit scheinen) 
eintritt, so kann die Ursache blos hier gesucht werden $ denn schon in der Pe- 
dunculus-Region oberhalb dem Facialis-Eintritt gehen seine Fasern auseinander. 
Da aber, wo er eintritt, bis zu seinem Knie unter dem Boden der Rautengrube sind 
alle Fasern zu einem Stamm gesammelt. — 

Sobald die Läsion in dem Verlaufsstücke zwischen Eintritt und Knie sich be¬ 
findet, sind Willkür- und Reflexbewegungen gestört; dies war im vorliegenden Falle 
so, was hier nachholend bemerkt wird. 

IV. An eine unterhalb der Facialis-Ebene gelegene Stelle kann im Ernste wohl 
nicht gedacht werden, denn eine weiter unten sitzende Affection konnte ja den Fa¬ 
cialis nicht erreichen. — 

Es bleibt somit blos die Ebene des Facialis übrig. Wie muss nun ein Heerd, 
denn um einen solchen handelt es sich, beschaffen sein, wenn er von dieser Stelle 
aus die besprochenen Symptome liefern soll? 

Die in der Mitte als Pyramiden aus dem Pons austretenden Pedunculi müssen 
vor Allem gelitten haben, denn Parese beider Beine war das erste Symptom. Wo 
in den Pyramiden die Fasern für die Beine liegen, ist leider unbekannt. Wir wis¬ 
sen blos, dass sensible Fasern in dessen äusserm kleinerem, motorische in dessen 
innerem grösserem Theile gelegen sind. Die zweite Symptomengruppe war Incon¬ 
tinentia Alvi. Dass Fasern zu den Willkürmuskeln jener Region durch die Pyra¬ 
miden ziehen, ist unzweifelhaft, ihre Lage aber ist gänzlich unbekannt. Der dritte 
Complex von Symptomen betraf die Sensibilitätsstörungen an den Hinterbacken 
und am Scrotum. Da die sensibeln Fasern in den Pyramiden nach aussen liegen, 
so muss in der Folge der supponirte Heerd nach aussen und zwar auf beiden Sei¬ 
ten nach aussen zugenommen haben. — 

Nun wurde in der Folge der linke Arm und der rechte Facialis zusammen 
befallen; nach rechts hinüber, den Facialis lädirend, muss also der Heerd gewach¬ 
sen sein, zugleich müssen noch unbefallene Theile der rechten Pyramide mehr ein¬ 
bezogen worden sein. — 

Nun kam die Parese des rechten Armes; es ist also auch die linke Pyramide 
in der Folge intensiver afficirt worden. 


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Und endlich stellte sich die Sensibilitätsstörung beider Arme ein; es sind so¬ 
mit schliesslich beide äussere Theile der Pedunculi einem gleichen Schicksal 
verfallen. 

Somit lassen sich durch einen Heerd in dieser Gegend alle Symptome erklä¬ 
ren und keine andere Region wird gefunden werden können, welche die gleichen 
Bedingungen bietet. 

Es wirft sich sofort die Frage auf, ob der Heerd ein intra- oder ein extra- 
cerebraler gewesen sei. Gewöhnlich wird zur Entscheidung dieser Frage der Um¬ 
stand zu Hülfe genommen, dass bei extracerebraler Läsion der Facialis seine fa- 
radische Contractilität sehr bald einbüsst, bei intracerebraler aber behält. Im vor¬ 
liegenden Falle liegen über die faradische Contractilität keine Daten vor. Es wäre 
aber für die Diagnose die Entscheidung der Frage gänzlich werthlos gewesen, denn 
das Stück Facialis zwischen Eintritt und Knie ist ein Stück des peripheren Ver¬ 
laufes und in Bezug auf faradische Contractilität gänzlich gleichwerthig jedem an¬ 
dern peripheren Abschnitte. — Die Frage somit, ob die Affection intra- oder extra¬ 
cerebral gesessen sei, lässt sich von dieser Seite nicht entscheiden. Sie lässt sich 
überhaupt nicht zu Ende führen, denn nun gehen alle weitern Anhaltspuncte zu 
Ende. 

Nunmehr will aber die letzte Frage beantwortet sein, welcher Art die Af¬ 
fection ist? Wenn man die ganze Aetiologie der Hirnaffectionen durchgeht, so 
findet sich bei dem Patienten nicht ein Anhaltspunct, ausser die Syphilis, die man 
längst abgelaufen glaubte. 

Nie ist ein Trauma vorausgegangen, nie eine Knochenaffection, nie eine Eite¬ 
rung von irgend welcher Bedeutung, keine Gefäss-, keine Herzkrankheiten. Was 
ist schliesslich natürlicher, als dass man die Krankheit auf die abgelaufene Syphi¬ 
lis bezieht? 

Immerhin kann ein ganz Gesunder aus unbekannten Ursachen einen Tumor in 
jener Gegend bekommen, der weiter wächst, er kann schliesslich einen Symptomen- 
complex zeigen, welcher von dem beschriebenen nicht erheblich abweicht. Aber 
der vorliegende Kranke ist jetzt wieder vollkommen gesund, und damit fallen 
selbstverständlich alle Zustände aus der Wahl, welche einer gänzlichen Rückbildung 
unfähig sind. 

Da nunmehr kein anderer Ausweg bleibt, als auf die latente Syphilis zu re- 
curriren, so steht zwischen folgenden Processen die Wahl offen: 

1. Der necrotische Erweichungsheerd, ausgehend von Gefässerkrankungen. 

2. Die Meningitis chronica. 

3. Das Gumma. 

Den necrotischen Erweichungsheerd, zu Stande gekommen nach dem in einem 
frühem Aufsatze besprochenen Schema, hervorgegaugen aus einer Gefässerkrankung, 
wurde verworfen. Abgesehen von der besondern Gefässanordnung der Med. obl., 
welche eine Heerdbildung ausserordentlich erschwert, glauben wir dafür namentlich 
Folgendes anführen zu sollen: 

Ist in der Hemisphäre aus irgend einer Ursache ein Heerd entstanden, welcher 
auf der andern Seite eine Hemiplegie verursacht, so kann die letztere nach und 


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nach zurückgehen, trotzdem, dass von einer Faserregeneration an jener Stelle keine 
Rede ist Wir sind somit gezwungen, in den Hemisphären einen gewissen Luxus 
von Leitungsbahnen und somit das Betreten werden anderer Wege anzunehmen. 
In der Med. obl. ist dies durchaus nicht annehmbar. Es ist schon a priori un¬ 
wahrscheinlich, und es gibt in der That keine Erfahrungen, welche beweisen wür¬ 
den, dass für einmal zu Grunde gegangene Bündel in jener Gegend andere functio¬ 
neil einzutreten im Stande wären. 

Was die Meningitis betrifft, so wird man wohl an die Griesinger 'sehe specifische 
Meningitis der Convexität nicht denken wollen, eher könnte man ins Auge fassen 
eine circumscripte basale Meningitis. Eine solche müsste mehr chronisch binde¬ 
gewebiger Natur sein. Immerhin kennt man eine solche Meningitis in der circum- 
scripten Form, wie sie angenommen werden müsste, als eigenes specifisches Leiden 
kaum mit Sicherheit, man müsste ein Abhängigkeitsverhältniss annehmen von einem 
basalen Gumma des Knochens oder Periostes, oder einer basalen latent verlaufenen 
Periostitis. 

Es ist äusserst wahrscheinlich, dass es sich handelte um ein Gumma in der 
früher bezeichneten Gegend; die Ausgangsstelle desselben aber, ob von der Dura, 
ob vom Knochen, ob vom Hirn ist imbestimmbar. 

Dasselbe hat lädirt: 

1. Die beiden Pyramiden in ihrer motorischen Faserung. (Parese der Beine, 
des linken und nachher des rechten Armes.) 

2. Die sensible Faserung beider Pyramiden (Sensibilitätsstörungen an Scro- 
tum, an Beinen und Armen). 

3. Den rechten Facialis. Ob dies Alles ohne oder mit Vermittlung chro¬ 
nisch meningealer Veränderungen, ist gleichgültig. 

Man wird fragen, warum hat eine solche locale Krankheit wohl Sensibilitäts¬ 
störungen der oben beschriebenen Natur erzeugt, aber keine Neuralgien? Wir be¬ 
rühren damit einen Punct, der noch viel zu wenig hervorgehoben worden und doch 
zum Verständnis ^ehr vieler Erscheinungen bei den Hirnkrankheiten äusserst 
werthvoll ist. Die sensibeln Fasern der Pyramiden verbinden die Hirnrinde mit 
der grauen Substanz des Rückenmarks. Von diesen Commissuren aus 
entstehen keine Neuralgien; wir haben zu diesem Zwecke die ganze 
zu Gebote stehende Hirntumorencasuistik durchsucht und es stellt sich heraus, dass 
Neuralgien ex centro nur entstehen bei Läsion der grauen Rücken¬ 
markssubstanz oder der peripheren Nervenverläufe. An der 
Med. obl. treten allerdings in Bezug auf die sog. zum Rückenmark absteigende Tri¬ 
geminuswurzel eigenthümliche Verhältnisse ein, welche diese Behauptung zu wi¬ 
derlegen scheinen; es wird bald in diesen Blättern über diesen Punct gehandelt 
werden. 

Man wird ferner fragen, warum bei so manifester Läsion motorischer 
Faserungen an der Med. obL keine Convulsionen eintraten? Ich behaupte in 
Bezug auf die in Rede stehenden Faserungen motorischer Natur das nämliche, wie 
für die sensibeln. Sie sind mechanisch unerregbar und stehen als Commissu¬ 
ren gegenüber den mechanisch erregbaren Fasern der Peripherie (Projections- 


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System HI O,). Die Convulsionen vieler Hirnaffectionen sind 
nie zu beziehen auf die Irritation von Commissurensyste¬ 
men, sondern auf die Irritation grauer Centra. ( Nothnagel '- 
sches Krampfcentrum, ohne Zweifel gibt es aber noch andere.) 

Das Gumma ist nun immerhin ein Tumor, sei er auch noch so klein, fblglich 
ein raumbeschränkender Heerd, und es fragt sich, warum denn eine Er¬ 
regung des mechanisch so leicht erregbaren Krampfcentrums der nächsten Nach¬ 
barschaft nie erfolgte. Diese Frage ist nicht zu beantworten, bevor wir noch viel 
genauere Kenntnisse über das Gumma besitzen; es ist eine Thatsache, dass durch¬ 
aus nicht alle Arten von Neubildungen in gleicher Weise reizend auf die Nach¬ 
barschaft einwirken, was vielleicht mit differenten Gefässverhältnissen zusammen¬ 
hängt. Es bliebe daher die obige Frage vorläufig unbeantwortet — 

Endlich hat die vorliegende Afifection nie auch nur eine Spur von Kopfschmerz 
gemacht. 

Es fällt Niemanden ein, zu behaupten, dass alle Fälle von kleinen Tumoren 
den für Tumoren sonst so charakteristischen Kopfschmerz zu Stande bringen. Dass 
er fehlen kann, beweist folgender Fall: 

Fall 2. Mann von 3ö Jahren, kommt in Behandlung wegen eines Tic douloureux 
des linken Trigeminus. Vor 6 Jahren Ulcus indur. mit nachfolgender Roseola, vor 5 
Jahren Condylome des Pharynx und ad Anum. Vor 4 Jahren circa Periostitis der Tibia 
mit dolores osteocopi, jedesmal auf passende Therapie relativ schnelle Heilung. Seit 2 
Monaten Tic douloureux. 

Die Untersuchung ergibt: Anästhesie im Gebiete des 1. Trigeminus und zwar in allen 
Aesten, daneben lebhafte lancinirende Schmerzen ebenfalls im Gebiete aller 3 Aeste. die¬ 
selben sind nicht constant, setzen auf Stunden aus, erscheinen in irregulären Pausen wie¬ 
der, sind am intensivsten im Gebiete des 1. Astes. In dem Gebiete aller 3 Aeste neuro- 
paralytische Hyperämie. Alle electrische und medicamentöse Therapie bleibt erfolglos, 
Die antisyphüitische Therapie ( Ziltmann ) gleichfalls. 

2 Monate hernach cessiren die Schmerzen spontan, die Anästhesie bleibt, die lanci¬ 
nirende Neuralgie ist verschwunden. 

Daneben ist Pat. frei von allen weitern nervösen Symptomen, kein Kopfweh, kein 
Schwindel, keine Seh-, keine Sprachstörungen, Convulsionen u. dgl.«fehlen vollends, also 
von den Allgemeinsymptomen des Tumors gar nichts vorhanden. 

Nach circa x /\ Jahr acquirirt der Kranke eine heftige Bronchitis, nach einigen Mo¬ 
naten deutliche Infiltration der linken, nachher der rechten Spitze, schnell fortschreitende 
Phthise und Tod. 

Section: Neben und etwas hinter der Sella turcica sitzt unmittelbar auf dem Gang¬ 
lion Gasseri zwischen Oculomotorius und Art. Meningea med. ein bohnengrosses Gumma. 
Dasselbe hat den &mer’schen Knoten zur Atrophie gebracht, die zwischenliegende Dura 
ist sowohl mit dem Ganglion als mit dem Gumma verwachsen. Dasselbe scheint von der 
Pia ausgegangen zu sein, hat auch einen Substanzverlust in der rechten Hackenwindung 
bedingt; die umgebende Pia befindet sich im Zustande chronischer Entzündung, das Gumma 
ist im Innern verkäst. — 


Hier also haben wir die Entwicklung eines bohnengrossen, das Hirn an un¬ 
wichtiger Stelle lädirenden Tumors, welcher absolut keine allgemeinen Tumor¬ 
symptome verursachte; die Trigeminus-Neuralgie ist gänzlich localer Natur. Der¬ 
gleichen Fälle sind übrigens schon mehrfach beobachtet worden und dienen zur 
Illustration der obigen Behauptung, dass kleine Tumoren in der Peri¬ 
pherie sich entwickeln können, ohne dass ein einziges Symptom 


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vorhanden ist, welches als für Tumor charakteristisch gelten 
kann. Somit wird die Abwesenheit des Kopfschmerzes im geschilderten ersten 
Falle kein diagnostisches Hinderniss mehr sein. 

Wir nehmen somit an , dass es sich handelte um ein kleines Gumma in der 
Facialis-Ebene, ob intracerebral oder extracerebral, lässt sich nicht angeben, ebenso 
nicht, ob das Gumma vom Knochen, von der Dura oder vom Hirne ausgegangen 
sei. — 

In der angedeuteten Weise wird in einer Reihe von Fällen die Diagnose des 
Hirngumma’s möglich sein. Immerhin geben wir gerne zu, dass dies blos die klei¬ 
nere Reihe von Fällen ist. Weitere Krankheitsbilder werden uns in einem dritten 
Artikel beschäftigen. 


Zur sympathischen Ophthalmie. 

Vortrag gehalten in der Section Luzern der medicinischen Gesellschaft der Central¬ 
schweiz von Dr. Pflüger in Luzern. 

Wie Jeder von Ihnen aus Erfahrung weiss, dass in der Praxis zuweilen inter¬ 
essante gleichartige Fälle sich häufen, um nachher oft lange Zeit wieder auf sich 
warten zu lassen, so erging es mir dieses Jahr mit den sympathischen Augenaffec- 
tionen. Diesen Sommer hatte ich Gelegenheit, 5 Fälle von sympathischer Oph¬ 
thalmie, die zum Theil schon ausgebrochen waren, zum Theil sich durch ihre Pro¬ 
dromalerscheinungen ankündigten, zu beobachten und in allen 5 Fällen die Enu- 
cleation des erst erkrankten Bulbus auszuführen. Trotz der vielen trefflichen Arbei¬ 
ten über die sympathische Ophthalmie ist dieses Capitel noch nicht erschöpft, 
weshalb ich die Erwähnung der folgenden Beobachtungen für gerechtfertigt halte. 
Liegt doch eine Aufforderung dazu ausgesprochen in dem schon mehr citirten Dic¬ 
tum von p. Grcefe*): „Jeder Practiker sollte für die Fälle, wo er sympathische 
Irido-cyclitis unter seinen Augen entstehen sieht, den Zustand und die Geschichte 
des erst betroffenen Auges recht genau aufzeichnen, um hiedurch Beiträge für jene 
Frage zu liefern, bei welchen Krankheiten des erst afficirten Auges wir eine sym¬ 
pathische Affection des 2. zu befürchten haben.“ Mache um so lieber Mittheilung 
von diesen Fällen, weil sie grösstentheils zu den angenehmsten meiner therapeuti¬ 
schen Erinnerungen zählen. In der Regel ist die Behandlung sympathischer Affec- 
tionen keine dankbare; die Irido-cyclitis, unter welcher Form sie gewöhnlich auf- 
treten, trotzt häufig jedem Verfahren, so dass verschiedene Autoren gegen jeden 
operativen Eingriff am zweiterkrankten Auge sich aussprechen. — In den Fällen, 
in welchen ein erblindetes Auge verdächtig wird, sympathische Erkrankung des 
andern hcrvorrufen zu können, namentlich bei bestehender schleichender Cyclitis 
und Irido-cyclitis, können wir nie früh genug enucleiren. Hiefür liefert uns wieder 
einen neuen Beweis der Schmerzensspruch Hirschberg 's **): „eine traurige Erfah- 


*) Arch. f. O. XII. 2, 162. 

*) Hirschberg klin. Beobachtg. 33. 


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rang hat mich belehrt, wie 24 Stunden zu spät unwiederbringlichen Verlust bewir¬ 
ken kann“, und vermag ich in den Beobachtungen von Schmidt *) und Mooren *•), 
welche selbst noch nach der Enucleation des primär verletzten Bulbus die sympa¬ 
thische Ophthalmie des zweiten Auges sieb entwickeln sahen, keine Contraindication 
für die Operation zu erblicken, im Gegentheil eine um so dringendere Aufforderung 
prophylactisch zu enucleiren. 

I. J. M. v. Br., 22 Jahre alt, stellte sich zum ersten Male am 10. Juni vor 
mit Secundär-Glaukom des linken Auges und dem Wunsche, von den seit 6 Mo¬ 
naten dauernden Schmerzen in demselben befreit zu werden. Seit 2 Jahren, gibt 
M. an, habe das Sehvermögen seines linken Auges langsam abgenommen; immer 
dicker werdende schwarze und graue Fetzen, welche mit dem Auge sich hin und 
her bewegten, hätten bald die fixirten Gegenstände verdunkelt; Schmerzen seien 
anfänglich nur vorübergehend, als flüchtiges, heftiges Stechen und Zucken aufge¬ 
treten; vom letzten Januar an aber constant geworden. 

Die Untersuchung ergab ringförmige Adhärenzen des Pupillarrandes an die 
Linsenkapsel, das Pupillargebiet grösstentheils durch Exsudatmassen verlegt, die 
einige rissförmige Lücken freilassend, die ophthalmoskopische Untersuchung ge¬ 
statteten , mit deren Hülfe ausgedehnte Glaskörpertrübungen constatirt wurden. 
Der intraoeuläre Druck war sehr stark erhöbt, das Auge nach aussen abgewichen, 
Sehvermögen schwach quantitativ. Das rechte Auge war normal gebaut; Seh¬ 
schärfe normal ohne irgend welche Symptome, die wir als prodromale für die sym¬ 
pathische Erkrankung kennen. Schlug dem Patient als Radicalmittel die Enuclea¬ 
tion vor, wozu er sich aber absolut nicht entschliessen konnte; dringend ersuchte 
er mich, ihm auf irgend eine andere Weise Erleichterung zu verschaffen. Ent¬ 
schloss mich in Folge dessen zu einer Iridectomie nach oben, durch welche aller¬ 
dings die Tension bis unter die Norm herabgesetzt und die Schmerzen beseitigt 
wurden. Die Heilung ging gut von Statten, so gut, dass Patient schon am 6. Tage 
nach der Operation sich nicht mehr halten liess, sondern nach seinem ca. 12 Stun¬ 
den entlegenen Heimathort abreiste. Vor seiner Abreise machte ich ihn auf die 
Möglichkeit einer sympathischen Erkrankung des rechten Auges aufmerksam und 
schilderte ihm die Gefahren einer eventuell ausgebrochenen Entzündung mit so 
grellen Farben, dass ich mit Zuversicht annahm, bei den geringsten abnormen Er¬ 
scheinungen und Sensationen im guten Auge werde M. schleunigst sich wieder 
stellen. Am 28. Juni schon erhielt ich einen Brief von seiner Frau mit der Mel¬ 
dung, das bisher gesunde Auge sei roth geworden, sehe viel weniger, ein dunkler 
Punct sei stets da, wo er den Blick hinriebte und mit der Bitte, ich möchte Me- 
dicamente schicken. Sogleich bestellte ich M. telegraphisch zu mir und constatirte 
am 1. Juli folgenden Zustand: Die künstliche Pupille nach oben scheinbar rein, 
bei seitlicher Beleuchtung zeigten sich die Scbnittränder der Iris in ihrer grössten 
Ausdehnung scharf; nur die äusserste Partie des Coloboms war durch eine 
lichtgraue schleierartige Masse getrübt. Die Umgebung der Wunde ziemlich ge- 


*> Kl. Monatsbl. f. Aug. XIL 177. 

**) Ueber sympathische Gesichtsstörungen. Berlin 1869. 


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187 


Teizt, Tension des Bulbus unter normal. Schmerzen spontan und auf Druck. Auf 
dem rechten Auge lebhafte pericorneale Injection, 3 schmälere hintere Synechien 
der Irls nach oben, eine breite nach unten. Helles Licht schmerzt und ruft auch 
Stechen im linken, blinden Auge hervor. Vis. oc. d. = 2 %o5 in der Nähe wird 
Sn. 10, mit convex 16 Sn. 4 */, gelesen. Der linke Bulbus wurde sofort enucleirt, 
rechts reichlich atropinisirt und überdies alle 2 Stunden im Verlaufe der 4 folgen¬ 
den Tage 0,6 Unguent. einer, eingerieben bis zu beginnender Salivation. Da der 
Zustand derselbe blieb und keine der Adhärenzen Miene machte, nachzugeben, 
wurde am 6. Juli eine Iridectomie nach oben innen ausgeführt, wodurch die 3 
obern Synechien sämmtlich gehoben wurden. Die Heilung verlief auch diesmal 
glücklich; es bildeten sich keine neuen Synechien, wie man in solchen Fällen zu 
erwarten fast gewohnt ist, keine Spur von frischem plastischen Exsudat in der 
Pupille. Die Sehkraft hob sich so, dass am 16. Tage nach der Operation Sn. 1 */ a 
entziffert werden konnte, wiewohl nur auf ganz kurze Zeit. Bei der geringsten 
Anstrengung ermüdete das Auge, wurde röther und die kleine Wolke, welche nie 
ganz verschwunden war, lagerte sich wieder dichter über die fixirten Gegenstände. 
Als Ursache dieses in seiner Dichtigkeit sehr variablen Nebels konnte ophthalmo¬ 
skopisch nichts nachgewiesen werden, als eine geringe Netzhauthyperämie. Auf¬ 
fallend langsam ging die Injection des Bulbus, die pericorneale sowohl als die con- 
junctivale zurück und unterlag dieselbe sehr schnellen und beträchtlichen Intensi¬ 
tätsschwankungen; am Morgen früh beim Erwachen war das Auge in der Regel 
stark roth, eine Stunde später meist viel blasser, um bei der geringsten Anstrengung 
sich wieder lebhaft zu injiciren. 

Durch briefliche Mittheilungen — die letzten datirt vom 28. October — erfuhr 
ich, dass das Sehen nach und nach etwas kräftiger geworden sei, dass M., der 
Holzschnitzler ist, täglich 1—3 Stunden arbeite, aber immer noch leicht ermüde, 
dass das Wölklein kleiner und dünner geworden, aber immer nicht ganz geschwun¬ 
den sei, dass das Auge, welches noch Wochen lang geröthet gewesen, in letzter 
Zeit ein normales Aussehen bekommen habe. 

Der Bulbus wurde, nachdem er 3 Monate in Müller 'scher Lösung gelegen, im 
horizontalen Meridian durchgeschnitten. Seine Längsaxe misst 25,5 mm. Die vor¬ 
dere Kammer in der untern Hälfte von normalen Dimensionen. In der obern 
Hälfte liegt das innere Irissegment der Cornea an, das äussere hat seine normale 
Lage beibehalten. Der äusserste Theil des Coloboms ist durch eine trüb galler¬ 
tige Exsndatmasse verlegt, die sich nach aussen immer dicker werdend auf den 
Ciliarkörper fortsetzt, von dem sie offenbar ausgegangen ist. In der Begrenzungs¬ 
zone des Coloboms liegt sie am mächtigsten dem Ciliarkörper auf, um nach innen 
bis etwas unter die Horizontale, langsam dünner werdend, sich zu verlieren, wäh¬ 
rend die Spuren desselben nach aussen nur auf eine ganz kurze Strecke makros¬ 
kopisch sich verfolgen lassen. Der Canalis Petiti, welcher in neuerer Zeit nur als 
Leichenphänomen 41 ) erklärt wird, ist sehr deutlich. Das Aufhängeband hat sich in 


*) Merkelf makroskop. Anal, im Handb. der geflammten Augenheilkunde, v. Grafe und Sämisch 
1.1, 40. 


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188 


2 Membranen getheilt, von denen die hintere, derbere, zum Theil von dem opak 
gelb gewordenen Glaskörper sich isoliren lässt, und wenigstens 1 mm. weiter hin¬ 
ten nach der Ora serrata sich inserirt als die vordere. Auf dem Durchschnitt zeigt 
sich die hintere Membran sowohl gegen den canalförmigen Hohlraum als auf ihrer 
Rückseite durch kleine ßlutcoagula roth gefärbt. Löst man den Glaskörper von 
der hintern Linsenkapsel ab und schiebt ihn zurück, so sieht man dieselbe in ihrer 
ganzen Ausdehnung mit einer mehr oder weniger continuirlichen Schichte Blut be¬ 
deckt , welche, nach aussen saturirter werdend, auf der Hinterfläche der Zonula 
am ausgeprägtesten ist und hier einen intensiv rothen Ring darstellt. Der erste 
Anblick erinnert lebhaft an die von Jäger gezeichnete Blutung in den Canalis 
Petiti. 

Im gelblichen Glaskörper fanden sich einige graue, zum Theil rundliche, zum 
Theil unregelmässige linienförmige Trübungen. Retina und Chorioidea in situ, 
Nervus opticus schwach excavirt. 

Der anatomische Befund gibt uns einigen Aufschluss über die Entstehung der 
sympathischen Erkrankung des 2. Auges. Die Iridectomie hatte eine makroskopisch 
wenigstens localisirte Cyclitis inducirt, die in der Umgebung des Coloboms am 
heftigsten über den obern innern Quadranten des Corpus ciliare sich erstreckt 
hatte. Die Cyclitis ist aber die Erkrankungsform, welche weitaus am häufigsten 
sympathische Entzündungen hervorruft. Eine andere Frage bleibt es, ob die Cy¬ 
clitis und in der Folge die sympathische Entzündung auch zu Stande gekommen 
wäre, wenn M. sich einer gehörigen Nachbehandlung unterzogen hätte, da der erste 
Heilverlauf nichts zu wünschen übrig Hess und in der Operation kein Moment an¬ 
dauernder abnormer Reizung — Iriseinklemmung etc. — lag. 

II. Kath. B. von A., 35 Jahre alt, hatte vor 2 Jahren ihr linkes Auge durch 
eitrige Kerato-iritis verloren; sie consultirte mich damals, als die Cornea ganz 
vereitert, zum Theil schon vernarbt war. Im Juli 1874 suchte sie Hülfe für das 
rechte Auge. Bis vor einigen Wochen, berichtet sie, sei es ihr mit den Augen 
recht ordentlich gegangen; von dieser Zeit an aber habe das rechte Auge ange¬ 
fangen schwach zu werden; sie sehe weniger und namentlich ermüde sie leichter 
in demselben; das helle Licht blende sie und verursache ihr Schmerzen in beiden 
Augen; anfänglich seien diese Erscheinungen zeitweise wieder geringer geworden 
und fast verschwunden, in letzter Zeit aber anhaltend gewesen und im Zunehmen 
begriffen. Stat. präs.: Linkes Auge phthisisch, vorzüglich in seiner vertikalen und 
sagittalen Axe geschrumpft, mit totalem Leukom. Druck in der Gegend des 
Ciliarkörpers wenig schmerzhaft; Lichtschein gänzlich aufgehoben. Rechtes Auge 
stark geröthet, thränend zeigt nach Atropineinträufelung eine breite hintere Syne¬ 
chie nach unten. Nach Correction der Myopie V« Visus 2 %oo5 1° der Nähe wird 
Sn. 3y 2 gelesen. 

Das linke Auge wurde enucleirt; rechts Atropin, Kataplasmen und Schmiercur 
während 8 Tagen. Der Zustand besserte sich unter dieser Behandlung nicht, im 
Gegentheil bildete sich neben der ersten Synechie eine zweite, nun führte ich 
eine Iridectomie nach unten aus, durch welche beide Verlöthungen beseitigt wur¬ 
den. Von nun an Rückgang sämmtlicher Erscheinungen. Am 11. Tage aach der 


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zweiten Operation wurde Patientin entlassen; alle subjectiven Beschwerden waren 
weg; in der Nähe wurde Sn. 2 gelesen. Drei Wochen später war jede Röthung 
verschwunden; Sn. l 1 /* wurde erkannt. 

Der Bulbus, in Müller "scher Lösung und nachher 3m Spiritus gelegen, wurde 
in horizontaler Richtung durchgeschnitten. Die sagittale Axe misst 17 mm.; senk¬ 
recht zu derselben ist der Bulbusraum durch die trichterförmig abgehobene Netz¬ 
haut in eine hintere grössere, 13—14 mm. tiefe und in eine vordere, im Mittel 
2,5 mm. tiefe Kammer getheilt. Nach vorn setzt sich die Retina in umgekehrtem 
Sinne etwas trichterförmig ausgezogen vereint mit einem den verjüngten Glaskör¬ 
per in sagittaler Richtung durchsetzenden Strang an das restirende Linsenrudiment, 
das eine Scheibe darstellt von 0,5 mm. Dicke und 4 mm. Durchmesser, welche 
nach aussen unzertrennbar mit Iris, Ciliarkörper und Cornealnarbe verwachsen ist, 
nach innen aber von diesen Gebilden sich abheben lässt. Iris und Ciliarkörper 
haben an der allgemeinen Phthisis participirt. Die Ciliarfortsätze waren nicht ent¬ 
zündlich infiltrirt, ebenso wenig als der Ciliarmuskel, welcher vielmehr hie und da 
in fettiger Degeneration begriffen war. Nur in der Uebergangszone zur Iris fanden 
sich einzelne Rundzellen, die als Efctzündungsproducte gedeutet werden konnten. 

III. J. W. v. Schl., 45 Jahre alt, Arbeiter an der Rigi-Scheideck-Bahn, wurde 
mir im Juli 1874 durch College Fassbind in Gersau zugeschickt. Sechs Wochen 
früher war sein rechtes Auge durch einen Sprengschuss, der sich während der 
Einfüllung der Pulverladung zu frühzeitig entladen hatte, verletzt worden. 

Stat. präs.: Rechtes Auge eingesunken, ganz weich, lebhaft geröthet; im äus- 
sern Drittel der Cornea nahezu in vertikaler Richtung eine 3 mm. lange Narbe, in 
welche in ihrem ganzen Verlauf die Iris eingelöthet war; Linse wegen dieser Narbe 
und der totalen vordem Synechie nicht sichtbar. Bulbus spontan und auf Druck 
in mässigem Grade schmerzhaft und soll es auch die ganzen 6 Wochen seit der 
Verletzung gewesen sein; Lichtschein ganz aufgehoben. Die Hauptklagen des Pa¬ 
tienten betrafen das linke Auge, da er das rechte schon verloren gegeben hatte. 
Dasselbe war leicht geröthet, schmerzte, thränte beim geringsten Lichteinfall; die 
Photophobie war so gross, dass W. nur mit der grössten Mühe seinen Weg finden 
konnte; Sehprüfung und ophthalmoskopische Untersuchung war durch dieselbe un¬ 
möglich gemacht. Auf Atropin erweiterte sich die Pupille regelmässig. 

Mit Rücksicht auf die totale Amaurose des rechten Auges, mit Rücksicht auf 
die Wahrscheinlichkeit, es möchte ein Fremdkörper zurückgeblieben sein, mit Rück¬ 
sicht ferner auf die Erscheinungen des linken Auges, welche als Prodrome einer 
sympathischen Entzündung aufgefasst werden mussten, verrichtete ich unverzüglich 
die Enucleation, mit der W. ohne Bedenken sich einverstanden erklärt hatte. Nach 
der Operation verloren sich ohne jede weitere Behandlung die verdächtigen Symp¬ 
tome auf dem linken Auge in wenig Tagen yon selbst. Am 8. Tage schon lasW. 
bei mittlerer Tageshelle Sn. 1V 2 ohne Anstand, soweit es seine Lesekunst erlaubte. 
Laut seither über W. eingezogene Erkundigungen geht es demselben ganz gut. 

Der Bulbus, ungefähr 8 Wochen in Müller "scher Lösung und nachher in Spiri¬ 
tus aufbewahrt, wurde wie der vorhergehende etwas über der Mitte in horizonta¬ 
ler Richtung durchschnitten. Die vordere Kammer ist durch die einerseits in die 


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Cornealnarbe eingelöthete, anderseits mit der Linsenkapsel verwachsene Iris quasi 
in 2 Seitenkammern abgetheilt, von denen die äussere in jeder Richtung kleinere 
Dimensionen besitzt als die innere. Entsprechend dieser Verlöthung der 3 Mem¬ 
branen ist die Linse vollständig zertrümmert, während in ihrem innera Theil ihre 
Faserung noch Erhalten ist. Der Schusscanal durch die Linse ist in der obern 
Hälfte scharf markirt. Der Glaskörper ist geschrumpft und in einer mehrfach ge¬ 
wundenen, wellenförmigen Falte nach vorn gezogen, wo er an der Austrittsstelle 
der Fremdkörper aus der Linse fest mit derselben verwachsen ist. Im Grunde 
der untern Bulbushälfte liegen 2 grössere und 2 kleinere röthlich gelbe Fremdkör¬ 
per, wahrscheinlich kleine Steinfragmente, ein drittes grösseres Fragment liegt an 
der Hinterfläche des Glaskörperwulstes. Etwas nach aussen von der am meisten 
zertrümmerten Linsenpartie steckt ferner ein ziemlich derbes Haar in der vordem 
Wand des Glaskörpers, das 1 Va mm. hervorragte, aber auf mehr als 3 mm. Länge 
ausgezogen werden kann, wahrscheinlich eine Cilie. 

Die mikroskopische Untersuchung erstreckte sich lediglich auf das Corpus ci¬ 
liare und ergab, was nach dem makroskopischen Anblick hatte vermuthet werden 
können, eine vollständig normale Beschaffenheit' derselben mit Ausschluss jedweden 
Entzündungszustandes. 

IV. J. J. v. S., 22 Jahre alt, hatte vor 15 Jahren das Unglück gehabt, dass 
ihm in der Spenglerwerkstätte seines Vaters ein Stückchen Blech gegen das linke 
Auge geflogen und, wie angenommen wurde, darin sitzen geblieben war. In Folge 
dessen verlor das Auge seine Sehkraft vollständig, verursachte weiter aber keine 
Beschwerden bis Ende letzten Jahres, zu welcher Zeit Schmerzen in demselben 
auftraten, die seither ohne Unterbrechung fortgedauert haben und welche Patient 
seit 9 Monaten keine Nacht haben ruhig durchschlafen lassen. Zur Enucleation, 
welche ihm schon von Collegen war vorgeschlagen worden, hatte er sich nicht ent¬ 
schlossen können und konnte es ebenso wenig, wie ich ihm am 1. Mai die Opera¬ 
tion als dringend nothwendig erklärte. Damals war das Auge spontan und auf 
Druck schmerzhaft, in der Ciliargegend über der Cornea etwas abgeflacht, stark 
injicirt; es bot das Bild einer alten Irido-Cyclitis. Die Pupille dick mit Exsudat¬ 
schwarten verlegt gestattete nicht den geringsten Einblick in die Tiefe. Die Iris 
verdickt und verfärbt war nach vorn gedrängt der Cornea anliegend. Sehvermögen 
erloschen. Das rechte Auge functionirte normal. Da Patient um nicht operative 
Erleichterung seines Zustandes nachsuchte, verordnete Atropineinträufelungen, bei 
Zunahme der Schmerzen Umschläge mit warmem Belladonnainfus und verwies auf 
die imminente Gefahr einer sympathischen Entzündung des gesunden Auges. 

Am 13. September erscheint J. moralisch furchtbar deprimirt eingedenk der 
schlimmen Prognose, die ihm für eine eventuell ausgebrochene sympathische Ent¬ 
zündung gestellt worden war und berichtet, dass im Frühjahr die Schmerzen auf 
die Umschläge ziemlich nachgelassen hätten, so dass es ihm möglich gewesen sei, 
das Schützenfest in St. Gallen zu besuchen, wo er mit dem linken Auge Fr. 500 
herausgeschossen habe. Seit 10 Tagen ungefähr sei nun das linke Auge erkrankt, 
erst sei es blos schwach und neblig, bald aber roth und schmerzhaft geworden; 
namentlich helles Licht könne es nicht mehr ertragen; beim Anblick desselben 


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flimmere und tanze es vor dem Auge wie ein farbiger Schein und fühle er jedes¬ 
mal auch im rechten Auge zuckende Schmerzen. 

Fand das Auge hochroth, thränend, in hohem Grade lichtscheu, Pupille regel¬ 
mässig erweitert. Auf Befragen theilt J. mit, dass, sobald er das geringste Ausser¬ 
ordentliche im linken Auge verspürt habe, er aus eigener Eingebung reichlichen 
Gebrauch von denselben Tropfen, die für das rechte Auge verordnet waren, auch 
für jenes gemacht und beständig die Schutzbrille getragen habe. Diesem 
Umstande hat J. wahrscheinlich nicht zum kleinsten Theile den günstigen Ausgang 
seines Leidens zu verdanken. Mit convex 10 wurden einzelne Buchstaben von Sn. 3 
erkannt. 

Die Enucleation, welche jetzt gewünscht wurde, wurde am 14. September vor¬ 
genommen. Am folgenden Morgen wollte Patient besser geschlafen haben als je 
zuvor in den letzten 9 Monaten. Auf dem linken Auge wurde mit Atropin fortge¬ 
fahren, den ersten Tag mit 6 Tropfen und da die Mydriasis die gleiche blieb, wurde 
mit jedem folgenden Tag ein Tropfen weniger eingeträufelt. Am 18. September 
schon waren alle subjectiven Beschwerden, Schmerzen und Flimmern verschwun¬ 
den; am 19. September wurde mit convex 10 Sn. I 1 /* gelesen. 

Am 28. November stellte sich J. zum letzten Male vor, um sich ein künstliches 
Auge geben zu lassen. Das Sehvermögen war normal für Ferne und Nähe bei 
emmetropischem Bau des Auges; hingegen waren noch Spuren einer Injection 
sichtbar, die, anfangs sehr intensiv, im Verlaufe von Wochen nur langsam sich 
zurückgebildet hatte. 

Der Bulbus war auf Wunsch der Eltern gleich nach der Enucleation eröflhet 
worden, um des darin vermutheten Fremdkörpers habhaft zu werden. Der Baum 
zwischen Iris und Linse war mit einer nach hinten bröckligen, nach vorn zähen, 
in der Mitte l x /% mm. dicken Exsudatmasse ausgefullt, von der sich die verdickte 
Iris sowohl als die in dieselbe eingebetteten Ciliarfortsätze nicht mehr rein isoliren 
liessen. Die Linse ist getrübt, von gelblichgrauer Farbe und von ungemein derber 
Consistenz; auf ziemlich energischen Druck zwischen den Fingern gibt sie etwas 
elastisch nach, aber Corticalmassen lösen sich nicht von einem Kerne ab. Auffällig 
ist die grosse Flächenausdehnung der Linse; ihr grösster Durchmesser beträgt 
11,5 mm.; in der Dicke misst sie 4 mm. Vorn entsprechend der Pupillaröffnung 
der Iris zeigt sie nach Lüftung der festadhärirenden Exsudatschwarten eine rund¬ 
liche, 4 mm. weite Vertiefung ähnlich der Ansatzstelle des Stieles an einer Frucht. 

Mikroskopisch zeigen die Rindenschichten des Kerns und der Linse ein sehr 
differentes Verhalten. Während in dem ersten die normale Linsenfaserung erhal¬ 
ten blieb, so ist dieselbe in den Rindenschichten meist verdrängt durch die massen¬ 
haften Producte des Zerfalles — Körnchenzellen, Detritus — sowie durch die Ele¬ 
mente der Entzündung. An einer peripheren Stelle fand ich sogar einen Cylinder 
erfüllt mit Rundz allen, den ich als Blutgefäss deuten musste. 

Die Retina ist total abgelöst und zieht als derber Strang vom hintern Linsen¬ 
pol zur Pupille. Einen Fremdkörper aufzufinden, gelang nicht. 

(Schluss folgt.) 


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“V ei*einsl>ei*iolite. 


Neunte Versammlung der schweizerischen Irrenärzte 

den 24. und 25. November 1874 in der Heil- und Pflegeanstalt Königsfelden 

(Ctn. Aargau). 

Erster Tag. 

Anwesend sind die Herren: Binswanger von Kreuzlingen; Felscherin von Bern 
(Waldau); Fischer von Basel; Moor von Rheinau; Rist von Lausanne; Schaufelbüel 
von Königsfelden; Wille von St. Urban; Weibel und Zumsteg von Königsfelden. 

Als erstes Geschäft war in dem Programm ein Besuch der neuen im October 
1872 eröffneten Irrenanstalt angesetzt. 

Um J/Jll Uhr wurde unter Führung des Hm. Director Schaufelbüel \ des Schöpfers 
dieser Anstalt, die Wanderung angetreten und dauerte bis gegen 2 Uhr. 

Es musste wohl für alle Anwesenden ein Genuss sein, diesen stolzen Bau 
kennen zu lernen, der in Bezug auf die ganze Anlage, die Zweckmässigkeit der 
Einrichtungen und die Eleganz der Ausführung von allen competenten Irrenärzten, 
welche die Anstalt besucht haben, als mustergültig anerkannt worden ist. 

Nach beendigtem Mittagessen um 5 Uhr versammelte sich die Gesellschaft im 
prächtigen Conferenzsaal der Königsfelder Anstalt. Hier eröffnete Director Schau¬ 
felbüel, als Präsident der Versammlung, die Sitzung mit einer warmen Begrüssung 
der Anwesenden unter Hinweisung auf die Gründe des Ausfalles der vorjährigen 
und der etwas späten Einberufung der diesjährigen Versammlung. , 

Es folgte nun eine Discussion über die Frage, wie die Protokolle der frühem 
Versammlungen, die zum Theil verloren gegangen sind, zum Theil in verschiede¬ 
nen Händen sich befinden, der Vergessenheit entrissen und für die Zukunft nutz¬ 
bar gemacht werden könnten. Nachdem ein diesbezüglicher Antrag Binswanger s 
verworfen, wurde auf den Vorschlag Schaufelbüel' & beschlossen, es solle über die 
wichtigsten Beschlüsse der frühem Versammlungen vom diesjährigen Vorort ein 
Resum6 ausgearbeitet und dem gegenwärtigen Protokoll als Memorandum voraus- 
geschickt, werden. In Abwesenheit des ständigen Secretärs wird auf den Vorschlag 
des Präsidenten der Unterzeichnete als Schriftführer bezeichnet. 

Nun folgte das angekündigte Referat des Herrn Director Wille über die 
Einführung eines einheitlichen ärztlichen Frag % >7^ns für alle 
Irrenanstalten der Schweiz. 

Der Vortragende bemerkt einleitend, dass er von der let * Sammlung det 

schweizerischen Irrenärzte im Burghölzli anno 1872 in seinei rnheit' mit der 

Ausarbeitung eines solchen Fragebogens betraut worden sei h dieser Auf¬ 
gabe unterzogen habe, obschon er damals nicht ganz mit * . iission einver¬ 
standen gewesen sei. Aus einer grossen Anzahl von solche] jogen, die sich 

Wille verschafft, habe er nämlich die Ueberzeugung gewonr i lass viele Wege 
zum Ziele führen und dass mehrere schweizerische Anst* . 'eits Formulare 
besitzen, welche ganz brauchbar seien. 


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- 193 


t)a aber immerhin Werth auf die Einheitlichkeit des Formulars zu legen sei 
und ein solches gegenüber den vorhandenen auch noch verbessert werden könne, 
habe er sich der Aufgabe unterzogen und ein Formular ausgearbeitet, bei dessen 
Abfassung ihn folgende Gesichtspuncte geleitet hätten: 

1. Beschränkung der Fragen auf das in wissenschaftlicher und practischer Be¬ 
ziehung unumgänglich Nothwendige. 

2. Bequemlichkeit in formeller Beziehung für den ausfüllenden Arzt. 

3. Uebersichtlichkeit und zweckmässige Benutzung des Raums. 

4. Rücksicht auf das Schema unserer Anstaltsstatistik. 

Der Präsident bemerkt, dass es wünschenswert sei, in diese Sache einmal 
Einheit zu bringen und schlägt der Versammlung vor, sofort auf den Gegenstand 
einzutreten. Dies wird beschlossen. In der Discussion, worin dem Fi/fe’schen 
Fragebogen allgemeine Anerkennung gezollt wird, hebt Rist hervor, dass er für 
seine Anstalt ebenfalls ein Formular ausgearbeitet habe und freut sich der grossen 
Uebereinstimmung zwischen seinem und dem Wille' sehen Fragebogen. Auf einige 
Varietäten geht er noch näher ein, hält dieselben aber nicht für so wichtig, um 
bestimmte Anträge auf Aenderung des Wille'sehen Formulars stellen zu können. 
Nur auf einen Punct möchte er grösseres Gewicht legen, das ist die Aufnahme 
einer besonderen Frage, durch welche die Aerzte veranlasst werden, das Ergeb¬ 
nis der letzten Untersuchung in der Antwort genau anzugeben (Etat actuel). 

Schaufelbüel glaubt, dass die Fragestellung Wille' s die NothWendigkeit einer 
solchen Untersuchung schon involvire, während Fetscherin nach dem Vorschlag Rist' s 
eine eigene Frage dafür aufgenommen wissen möchte. Binswanger hält den Frage¬ 
bogen Wille' 8 ebenfalls für sehr zweckmässig und ausreichend auch ohne die Auf¬ 
nahme des Etat actuel. Schwierigkeit scheint ihm nur die Einführung desselben 
für die ganze Schweiz zu haben. Moor glaubt, dass man den neuen Fragebogen 
dem Kalender für schweizerische Aerzte einverleiben soll, damit der referirende 
Arzt jederzeit ein Formular zur Verfügung habe, nach dem er die Untersuchung 
vornehmen könne. Dieser Ansicht gegenüber schlägt Präsident Schaufelbüel vor, 
die Einführung des Fragebogens den einzelnen Irrenärzten (respective den Direc- 
toren der öffentlichen Anstalten) zu überlassen und den Wünschen einzelner Direc- 
toren durch Aufnahme des Rist sehen Zusatzes entgegenzukommen. Diese beiden 
Vorschläge werden schliesslich gutgeheissen und der Wille'sche Fragebogen mit 
dem obigen Zusatze (Ergebniss der letzten Untersuchung) einstimmig angenommen. 

Der Präsident anerbietet sich, die deutsche Ausgabe des Fragebogens drucken 
zu lassen und die nöthigen Exemplare seiner Zeit an die sämmtlichen Anstalts- 
directoren zu übersenden, während Herr Rist mit der Redaction und Versendung 
des französischen Formulars betraut wird. 

Vortrag des Herrn Dr. Fetscherin über die Irrenpflege in der 
Schweiz. 


Der Vortragende erinnert an eine vor circa 30 Jahren von dem St. Gallischen 
Staatsmann Hungerbühler erschienene Schrift: „Ueber das öffentliche Irren¬ 
wesen in der Schweiz“, worin der Verfasser den Zustand der damaligen 
Verhältnisse schildert und am Schlüsse seiner Arbeit einige Anträge zu Händen 


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194 


der schweizerischen naturforschenden Gesellschaft stellt, welche auf Vervollständi¬ 
gung der daherigen Statistik und die Veröffentlichung von geeigneten Reformvor- 
schlägen abzielen. Es ist dem Vortragenden nicht bekannt, dass die Uungerbühler - 
sehe Anregung directe Folgen gehabt hätte. Dagegen sei auf indirecte Weise die 
Sache gefördert worden, und die heutige Versammlung dürfte ein besonderes In r 
teresse daran haben, sich umzuschauen, was innert 30 Jahren in dieser Richtung 
geschehen ist. 

Zu Hungerbühler's Zeit (1846) gab es noch 13 Cantone, in welchen weder vom 
Staat noch von der Polizei Etwas für die Geisteskranken gethan wurde (Luzern, 
Uri, Schwyz, Ob- und Nidwalden, Glarus, Zug, beide Appenzell, Freiburg, Schaff¬ 
hausen, Tessin und Wallis). In 3 Cantonen (Solothurn, Baselland und Graubünden) 
treffen wir zwar staatliche Fürsorge, aber in der Weise, dass die Geisteskranken 
in Siechen-, Armen-, Kranken- oder Correctionshäusern verwahrt wurden. Nur 5 
Cantone (Zürich, Bern, Aargau, Thurgau und Waadt) hatten damals schon eigent¬ 
liche Irrenanstalten, die aber mit Spitälern für körperlich Kranke mehr oder weni¬ 
ger in Verbindung standen. Die zürcherische Anstalt (damals im „alten Spi¬ 
tal“) hatte Platz für 20—22 heilbare und für circa 100 unheilbare Geisteskranke. 
Der Canton Bern konnte im sogenannten „äussern Krankenhaus“ 50 
Kranke, der Canton Aargau im Kloster Königsfelden circa 60 Kranke placiren. 
Thurgau hatte anno 1838 in Münsterlingen eine Irrenabtheilung für 16 — 18 
Kranke einzurichten beschlossen und in Waadt war 1810 mit dem Cantonsspital 
ein Irrenhaus auf Champ de l’ain für 70 Kranke gegründet worden. Selbst¬ 
ständige Irrenanstalten (Heil- und Pflegeanstalten) hatten damals die 4 Cantone 
Baselstadt, St. Gallen, Neuenburg und Genf. 

Baselstadt bekam anno 1842 eine Anstalt für 74 Kranke, St. Gallen be¬ 
schloss anno 1845 den Umbau des Klosters Pfäffers für 108 Kranke und im 
Canton Neuenburg hatte ein hochherziger Bürger aus eigenen Mitteln die sehr 
zweckmässige Anstalt Prüfargier erbauen und einrichten lassen und seinen Mit¬ 
bürgern zum Geschenk gemacht. In Genf endlich besteht seit 1838 die Anstalt 
les Vernets mit circa 66 Plätzen. 

Dies war 1 der Stand der öffentlichen Irrenpflege in der Schweiz vor 30 Jahren. 
In den genannten 13 Anstalten konnten circa 500 Geisteskranke verpflegt werden, 
was im Verhältniss zur damaligen Bevölkerung (2 Millionen) 1 Platz auf 4400 Ein¬ 
wohner ergibt. Damit stellte sich die Schweiz zwischen Amerika und Preussen 
und nahm daher den 8.—9. Rang ein. Eine Zählung von Geisteskranken existirte 
damals noch nicht. Doch war die Einsicht in die NothWendigkeit einer besseren 
Fürsorge vorhanden. 

Nachdem nun anno 1847 Pirminsberg und 1849 Prüfargier eröffnet waren, folgte 
im Jahr 1855 die Eröffnung der Waldau für 230, und 1860 der Rosegg für 
160 Kranke. Sieben Jahre später eröffnete der Canton Zürich die erste Pflegean¬ 
stalt für 600 Kranke in Rheinau mit grossem landwirtschaftlichen Betrieb und 
3 Jahre später die neue Heilanstalt Burghölzli für 260 Kranke. Im Jahr 1871 
bezog Thurgau seine Pflegeanstalt St Katharinenthal mit 200 Plätzen (für 
unheilbare Körper- und Geisteskranke). Im folgenden Jahre wurde die neue Heil- 


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und Pflegeanstalt in Königsfelden mit 300 Plätzen eröffnet, welche wohl als 
die am zweckmässigsten und besten eingerichtete von allen neuen Anstalten unseres 
Landes bezeichnet werden darf. Endlich folgen noch als neueste Heil- und Pflege¬ 
anstalten anno 1873 die waadtländische im Bois de Cery für 350 und die luzer- 
nische in St. Urban für 300 Kranke. 

Im Bau begriffen ist die freiburgische Anstalt Marsens für 300 Kranke. 

Inzwischen sind mehrere der ältern Anstalten erweitert oder theilweise umge¬ 
baut worden (Waldau, Rosegg, Pirminsberg, Prüfargier — letztere durch Verbes¬ 
serung der finanziellen Verhältnisse —, les Vernets bei Genf), so dass sich die 
Zahl der gegenwärtig vorhandenen Plätze (St. Katharinenthal mit 300 eingerechnet, 
aber ohne Marsens) in den öffentlichen Anstalten auf 3300 beläuft. Rechnen wir 
noch dazu 300 Plätze in den 13 Privatanstalten der Schweiz, so bekommen wir 
zusammen 3600 Plätze, somit 1 Platz auf 737,5 Einwohner oder 1,35 Plätze auf 
1000 Einwohner im Gegensatz zu 1 Platz auf 4400 Einwohner oder 0,2 Plätze auf 
1000 Einwohner vor 30 Jahren. Damit rangirt die Schweiz zwischen England und 
Frankreich, vor Belgien. Auf 1000 Einwohner sind 1,12 Kranke in Anstalten ver¬ 
sorgt und auf 887 Einwohner kommt 1 Kranker in eine Anstalt. 

Dr. Fetscherin präsentirt nun 2 Tabellen. Die eine beleuchtet die Verhältnisse 
verschiedener Staaten mit Rücksicht auf die Zahl ihrer gesunden und kranken Ein¬ 
wohner, sowie auf die Zahl ihrer Irrenanstalten und diejenige ihrer daselbst ver¬ 
pflegten Bewohner zu den gesunden. Die andere enthält eine Uebersicht der öf¬ 
fentlichen schweizerischen Irrenanstalten mit Berücksichtigung ihrer Plätze, der 
auf 1. Januar 1874 verpflegten Kranken, der Bau- und Einrichtungskosten, des vor¬ 
handenen Wartpersonal3, nebst einigen finanziellen Angaben. 

Aus letzterer Tabelle erhellt, dass mit Ausnahme der Waldau und Rosegg 
sämmtliche Anstalten auf 1. Januar 1874 noch einige freie Plätze hatten (im Gan¬ 
zen 600— 700 auf 3300 Plätze), dass Thurgau und Zürich die meisten Plätze (3—5 
auf 1000), Bern kaum V* Platz auf 1000 Einwohner besitzt 

In den 11 Cantonen, die immer noch keine öffentlichen Irrenanstalten haben, 
finden wir eine gewisse Vorsorge für das Irrenwesen in Nidwalden, Schaffhausen 
und Tessin (durch Baufonds), während andere (Uri, Glarus, Appenzell A. Rh., 
Schaff hausen und Graubünden) für Versorgung armer Geisteskranker einen Staats¬ 
beitrag zahlen. 

Appenzell A. Rh. hat einen Vertrag mit Thurgau für 18 Kranke und Zug hat 
seine Gemeinden ofßciell St. Urban empfohlen. Es bleiben also noch 4 Cantone 
(Obwalden, Zug, Appenzell I. Rh. und Tessin), wahrscheinlich auch noch Wallis, 
die gegenwärtig gar Nichts für arme Geisteskranke leisten. 

Baselland hat seit 1854 eine Irrenversorgungsanstalt mit 120 Plätzen. Die 
schlimmsten Verhältnisse hat Graubünden, indem dort die Kranken mit den Sträf¬ 
lingen gleich gehalten werden, während allerdings für Unterbringung heilbarer 
Fälle in auswärtigen Anstalten auch dort Beiträge bezahlt werden. 

Was die Idioten und Taubstummen anbelangt, so lässt deren Unterbringung 
noch Vieles zu wünschen übrig. Anstalten für diese sind ebenso nothwendig, wie 
besondere Versorgungsanstalten für criminelle Geisteskranke. Die Frage der Un- 


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terbringung unheilbarer Geisteskranker ist mit Rücksicht auf die zunehmende lieber- 
füllung der Irrenheilanstalten nicht aus dem Auge zu verlieren. Schliesslich er¬ 
wähnt der Vortragende noch der Wiinschbarkeit eines Irrengesetzes und glaubt, 
dass der Zeitpunct gekommen sei, auch hiefiir die nöthigen Schritte zu thun. 

Der Vortrag wird vom Präsidenten bestens verdankt und von diesem darauf 
hingewiesen, dass die Culturbestrebungen der Schweiz in dieser Richtung aller An¬ 
erkennung werth seien. Was die Versorgung der Idioten und Taubstummen be¬ 
treffe, dürfte es zweckmässig sein, die Cantone, welche gegenwärtig durch die 
grossen Ausgaben für Irrenanstalten etwas ermüdet seien, noch einige Zeit in Ruhe 
zu lassen. Nach einigen Jahren werde der Erfolg grösser sein. Criminelle Gei¬ 
steskranke dürften am besten central versorgt werden, während die Frage der Un¬ 
terbringung unheilbarer Geisteskranker in den verschiedenen Cantonen je nach den 
vorhandenen Verhältnissen eine verschiedene Lösung finden werden. Mancherorts 
werden ältere disponible Gebäude diesem Zwecke dienen müssen. 

Bezüglich des Irrengesetzes, mit dessen Bearbeitung seiner Zeit eine Commis¬ 
sion betraut wurde, bemerkt Wille, dass er einen neuen Entwurf ausgearbeitet habe, 
dass aber die Commission ( Brenner , Cramer , Wille ) früher nie zusammen gekommen 
und jetzt durch den Tod Brenner ’s und den Wegzug Cramer' s factisch aufgelöst 
sei. Nach dem Anträge Binswanger'a wird beschlossen, die Commission durch 
Scherer und Fetscherin zu ergänzen und ihr der Auftrag ertheilt, auf die nächste 
Frühjahrssitzung den Entwurf einer Irrengesetzgebung vorzulegen. 

Binswanger , im Anschluss an das Fetscherin 'sehe Referat, erinnert daran, dass 
einzelne Mitglieder der naturforschenden Gesellschaft sich mit dem Gegenstand der 
Irrenzählung befasst haben und damit für die Hungerhühler' sehen Vorschläge thätig 
gewiesen seien. Ausserdem seien 2 Monographien über das Irrenwesen der Schweiz 
(von Erlenmeier und Lanier) erschienen, welche die Sache ebenfalls gefördert 
hätten. 

Bezüglich der criminellen Irren macht er darauf aufmerksam, dass in andern 
Staaten der Gedanke an Appendices der bestehenden Anstalten für diese Classe 
von Geisteskranken die Oberhand zu gewinmen scheine, und glaubt, Bern solle in 
der Schweiz damit den ersten Versuch machen. 

Wille glaubt, dass für verbrecherische Irren nur grössere Staaten besondere 
Anstalten errichten können und hält für die Schweiz die Appendices auch für 
zweckmässiger. 

Auf die Anfrage Bist s bezüglich der Erfahrungen über Vereine zur Unter¬ 
stützung entlassener Geisteskranker antwortet Wille , dass er im Canton Luzern 
seit October 1873 die Sache eingeleitet habe und dass er mit den Resultaten sehr 
zufrieden sei. 

Mittlerweile war es ValO Uhr geworden und die Versammlung trennte sich, 
um am folgenden Morgen die Verhandlungen fortzusetzen. 

(Schluss folgt.) 


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Referate und Kritiken. 


Untersuchungen Uber den Kumys und den Stoffwechsel während der Kumyscur. 

Von J. Biel , Dr. phil. in St Petersburg. Wien 1874, F®sy & Frick, k. k. Hofbuch¬ 
handlung. 

Unbestritten ist der hohe Werth des ächten Kumys, als diätetisches Heilmittel gegen 
eine gewisse Classe von Krankheiten, und daher die Bestrebungen, denselben auch aus¬ 
serhalb Russlands aus der Milch anderer Thiere nachzuahmen. Die vorliegende Schrift 
ist vorzüglich geeignet, in dieser Richtung vor Täuschung zu bewahren und die Sache 
ins rechte Geleise zu bringen. Der Herr Verfasser, ausgerüstet mit allen Mitteln der 
Wissenschaft, hat die Gelegenheit, den Gegenstand an der Quelle zu studiren, gewissen¬ 
haft benutzt und damit in chemisch-technischer Beziehung diejenigen Aufschlüsse gege¬ 
ben, die man bis jetzt umsonst gesucht hat. Es mag daher gerechtfertigt erscheinen, den 
Inhalt der gediegenen Arbeit etwas näher anzudeuten. 

Die Schrift zerfällt in 4 Abschnitte, und zwar: 

L Bereitung und Eigenschaften des Kumys. 

Man erhält hier endlich genaue Auskunft über die Darstellung des Stoffes, wie sie 
in den grossen russischen Kumysanstalten betrieben wird, die Herstellung des Fermentes, 
den Gang der Gährung und das Stadium, in welchem dieselbe unterbrochen werden muss, 
die Aufbewahrung des Products und eine genaue Beschreibung, desselben. Der Herr 
Verfasser kommt zum Schlüsse, dass heilkräftiger Kumys nur aus der Milch von Kirgisen¬ 
steppenstuten, oder wenigstens aus der Milch nicht arbeitender, naturgemäss lebender, 
gewöhnlicher Stuten bereitet werden kann, und stützt diese Behauptung auf die aus seinen 
Untersuchungen wiederum hervorgehende Thatsache, dass diese Milch sich wesentlich 
von derjenigen aller andern Thierarten durch das chemische Verhalten des Kaseins unter¬ 
scheidet, welches eine auffallende Analogie mit dem der Frauenmilch zeigt, wie auch von 
Anderen schon beobachtet und festgestellt wurde. Die Analysen der Milch von 6 gesun¬ 
den russischen Bauernfrauen dienen als Belege. 

II. Analyse der Stutenmilch und des Kumys. 

Dieser für Jeden, der sich mit Milchanalyaen zu befassen hat, sehr lehrreiche Ab¬ 
schnitt gibt nach einer kritischen Beleuchtung einiger der bekannten Methoden der Milch¬ 
analyse den Nachweis, dass dieselben bei Stutenmilch, des eigentümlichen Verhaltens 
des Kaseins wegen, nicht anwendbar sind. Nur das PrtbramC sehe Verfahren, nach welchem 
die Coagulation des Kaseins und Albumins mit Kochsalz bewirkt wird, entsprach der 
Anforderung, nachdem der Herr Verf. dasselbe durch Scheidung des Kaseins mit über¬ 
schüssig kohlensaurem Natron von Albumin und Lactoprotein vervollständigt hatte. So 
finden wir in der Milch bestimmt: 1. Zucker, 2. Fett, 3. Kasein, 4. Albumin, 5. Lacto¬ 
protein, 6. Salze; und weiterhin im Kumys: 7. freie Kohlensäure, 8. gelöste Kohlensäure, 
9. Alcohol, 10. Milchsäure, 11. morphotische Bestandteile. Die zahlreichen Analysen 
geben Aufschluss über die Veränderung in der Zusammensetzung des Kumys während 
der Aufbewahrung auf Eis vom 1. bis zum 16. Tage. Die Proteinstoffe finden sich in 
gleicher Menge wie in der Milch im unverdorbenen Product, der Alcohol steigt und der 
Zucker vermindert sich mit der Dauer der Aufbewahrung. Die Milchsäure vermehrt sich 
unbedeutend auf dem Eise, nach 24stündigem Stehen des Kumys in Zimmertemperatur 
aber vermehrt sie sich bedeutend unter entsprechendem Schwinden des Zuckers. Gelösto 
Kohlensäure enthält der Kumys doppelt soviel, als die gleiche Quantität Wasser unter 
gleichen Bedingungen zu lösen vermag. Von morphotischen Bestandteilen fand sich nur 
das gewöhnliche Milchsäureferment; die runden Zellen der eigentlichen Wein- oder Bier¬ 
hefe waren nicht aufzufinden. 

m. Der Stoffwechsel während der Kumysbehandlung. 

Der Herr Verfasser macht darauf aufmerksam, wie alle Schriftsteller, welche sich 
mit den physiologischen und therapeutischen Wirkungen des Kumys beschäftigen, sich 


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darauf beschränkten, eine gewöhnlich enorme Körpergewichtszunahme zu constatiren, und 
vielleicht noch die ausgeschiedenen Harnmengen nebst dem specifischen Gewicht dersel¬ 
ben anzugeben, 'Wichtiger scheint ihm, die durch den Harn ausgeschiedenen Stoffe vor, 
während und nach der ausschliesslichen Ernährung mit Kumys qualitativ und quantitativ 
zu bestimmen. Unter practischer Auswahl der besten Methode fttr den einzelnen Fall 
sind bestimmt: 1. Chlornatrium, 2. Phosphorsäurc, 8. Schwefelsäure und 4. Harn¬ 
säure. Die Resultate dieser sehr mühevollen und verdienstlichen Arbeit können nicht 
im Auszug wiedergegeben werden, ohne dem Ganzen zu schaden, und muss daher auf 
die Schrift selbst verwiesen werden. 

Würdig schliesst die lehrreiche Schrift mit dem IV. Abschnitt, der Mittheilung einer 
bezüglichen Krankengeschichte von Dr. Ebermann, ab. Für jeden der 51 Tage der Be¬ 
handlung des Patienten findet sich eine Tabelle zusammengestellt: die Morgen- und 
Abendtemperatur, die Pulsfrequenz, das Kumysquantum, die Menge des Harns und sein 
specifisches Gewicht, die Menge von Chlornatrium, Phosphorsäure, Harnstoff, Schwefel¬ 
säure und Harnsäure. Dieses reiche Material ist ausserdem für jeden der genannten 
Momente auf 2 grossen Kurventafeln zur leichtern Uebersicht dargestellt. 

Unstreitig ist diese gründliche Arbeit berufen, wesentliche Lücken in der Kumys¬ 
literatur auszufüllen. Die chemisch-physicalische Natur des Stoffes, seine physiologischen 
Wirkungen und auch der therapeutische Werth desselben sind wissenschaftlich erörtert 
und es ist nun leicht, die Frage zu beantworten, wie weit die Bestrebungen, aus Kuh¬ 
milch ein dem Kumys auch nur entfernt ähnliches Product herzustellen, führen können. 

M. 


Lehrbuch der gerichtlichen Medicin. 

Von Schürmayer . Mit vorzüglicher Berücksichtigung des deutschen Strafgesetzbuches. 

Für Aerzte und Juristen. Vierte verbesserte und vermehrte Auflage. Erlangen, Verlag 

von Ferd. Enke, 1874. 408 S. 

Zum vierten Male erscheint unter diesem Titel ein Werk, das zum ersten Male vor 
25, zum letzten vor 18 Jahren verlegt wurde. Da musste freilich viel verbessert und 
vermehrt werden; namentlich gebot die Rücksicht auf das neue Strafgesetzbuch für das 
deutsche Reich eine vielfache Umarbeitung. 

Verfasser geht vom practischen Standpuncte aus; nur auf Grundlage der Anschauung 
kann sich der Mediciner zum Gerichtsarzte bilden. Besonders sorgfältig ist der allge¬ 
meine Theil bearbeitet worden, der die gerichtsärztliche Vorbildung behandelt Was den 
speciellen Theil anbelangt, so erfahren seine Capitel eine ungleichmässige Bearbeitung, 
indem diejenigen Materien, welche besonders häufig Vorkommen und die meiste Aussicht 
auf Erfolg haben, mit mehr Weitläufigkeit behandelt sind, während andere Capitel mehr 
in den Hintergrund treten. Zur letztem Categorie mögen z. B. die Verletzungen des 
Ohres gehören , welche auf */, Seite, und diejenigen der Augenlider und des Auges, 
welche auf nicht viel mehr als 1 Seite abgefertigt sind, wobei denn natürlich ganz wich¬ 
tige Folgen, z. B. die sympathischen Augenentzündungen, ausgelassen sind. So plädirt 
Verfasser für ständige chemische Sachverständige; unter dieser Voraussicht ist bei der 
Lehre von den Vergiftungen der chemische Nachweis der Gifte vollständig übergangen. 
Die Gerichtsmikroekopiker dagegen sind ihm nicht absolut nothwendig; in dieser Hinsicht 
sind dann die Capitel über Blutflecken und Haare gar zu dürftig ausgefallen; und mit 
dem beständigen Hinweise auf Quelienwerke ist nicht gedient, da sie von denjenigen 
Gerichtsärzten, welche nicht als solche sehr vielfach in Anspruch genommen sind, doch 
nicht wohl angeschafft werden. In manchen medicinischen Anschauungsweisen steht Ver¬ 
fasser nicht auf der Höhe der Jetztzeit So lässt er die Carunculae myrtiforroes sich durch 
die Ausübung des Coitus bilden; den Kindesbewegungen zur Berechnung der Zeitdauer 
der Schwangerschaft wird eine zu grosse Beweiskraft zugeschrieben; die combinirte Un¬ 
tersuchungsmethode und die daraus entspringenden Resultate scheinen dem Verfasser nicht 
geläufig, wenn nicht gar unbekannt zu sein; in neuerer Zeit öfter vorgekommene Vergif¬ 
tungsarten , z. B. mit Carbol oder mit Nitroglycerin, finden sich mit keinem Worte er¬ 
wähnt Auch bei manchen sonst ausführlich dargestellten Abschnitten zeigt sich dieser 


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Mangel, z. B. bei der Untersuchung der Kindesleiche, wo die so wichtige Untersuchung 
der Paukenhöhlen oder die Bedeutung des Bronchialinhalts nicht erwähnt sind. — Sehr 
mangelhaft ist auch das Register am Schlüsse des Buches. 

Dies einige Mängel, die der (frühem) Lehrthätigkeit des Verfassers ihren Ursprung 
verdanken. Im Gänsen aber ist das Buch empfehlenswerth, am meisten für Studirende 
als Anhaltspuncte bei practischen Gursen. Uebel berührt hat uns hin und wieder eine 
wenig musterhafte Schreibweise. Das Aeussere des Druckes ist sehr hübsch und correct; 
dagegen sind viele Wörter — fast auf jeder Seite, das Titelblatt abgerechnet — sehr 
pathologisch gedruckt, manchmal auch, was dem Verfasser zugeschricben werden muss, 
pathologisch gebildet. D. B. 


Unsere Kifrperform und das physiologische Problem ihrer Entstehung. 

Briefe an einen befreundeten Naturforscher, von W. His. Mit 140 Holzschnitten, 224 p. 

Leipzig, F. C. W. Vogel. (Fr. 7. 85.) 

„Die nachfolgenden Briefe“, so spricht in der Vorrede der unserem Leserkreis wohl- 
bekannte Verfasser, „sollen in gedrängter und übersichtlicher Form die Stellung ausein¬ 
andersetzen, welche die Entwicklungsgeschichte bei den Grundfragen organischer Natur- 
forschnng zu behaupten hat.“ 

Bis vor wenigen Jahren waren Bücher über Entwicklungsgeschichte ausschliesslich 
in den Händen von uns Medicinern und etwa noch von Zoologen; dazu galt diese Dis- 
ciplin für einen von den schwerer zugänglichen 'Winkeln unserer Wissenschaft, und, ge¬ 
stehen wir es offen, als wir studirten, war es nicht Jedermanns Sache unter uns, sich in 
dem Labyrinth von Keimblättern und Schichten zurecht zu finden, das man in buntfarbi¬ 
ger Kreidezeichnung vor uns entfaltete. 

Ganz anders heutzutage, wo in Tausenden von Exemplaren die „natürliche Schöpfungs- 
geschichte tt von den weitesten Kreisen gelesen wird. Wie ein vierwöchentlicher Hunde¬ 
embryo aussieht, das zu wissen, verlangt man heute von jedem gebildeten Mann, der mit 
dem Geiste seines Jahrhunderts fortschreitet Denn in jenen Hacket sehen Embryonentafeln 
enthüllt sich das wunderbare „biogenetische Grundgesetz tt , das Gesetz der 
Identität aller Wesen in frühen Jugendzuständen, wonach die Entwicklung des Indivi¬ 
duums aus dem Ei (Ontogenie) nichts Anderes als ein zusammengedrängtes Abbild der 
Entwicklung des ganzen 8tammes (Phylogenie) darstellt und eine Suite von embryologi¬ 
schen Präparaten ohne Weiteres als Surrogat einer paläontologischen Sammlung demon- 
strirt werden kann. 

Nur Eines war doch auffallend, die schweigsame Zurückhaltung der eigentlichen be¬ 
währten Kenner auf embryologischem Gebiete. Was zum Zwecke der Beweisführung in 
Hdckets Schriften dem grossen Publicum vorgeführt wurde, waren, soweit es höhere Thiere 
betraf, grossentheils Copien, und zwar, wie der Vergleich mit den Originalwerken (z. B. 
von Bischof ) lehrt, meist schlechte, im Sinne einer Verwischung aller Unterschiede völlig 
entstellte Gopien. Es war an der Zeit, hierüber die Stimme eines Mannes zu hören, der 
anerkanntermassen zu den bedeutendsten Forschern über Entwicklung höherer Thiere 
gehört. 

Da sieht es nun freilich ganz anders aus. Es ist unmöglich, ohne Anwandlung von 
Heiterkeit die Abbildungen der „natürlichen Schöpfungsgeschichte“ oder der „Anthropo- 
genie“ zu vergleichen init den getreuen unter Benützung des Zeichenprisma entworfenen 
Figuren von His (Fig. 182—187); wie da alle typischen Züge schon schArf sich zeichneu 
bei Embryonen von 1 cm. Länge, das auffallende Zurücktreten des Gesichtes relativ zum 
Gehirn beim Menschen, die unverkennbare Anlage des künftigen Rüssels beim Schwein 
u. dgl. — Und wie steht es gar mit der Identität der Embryonen bei Fischen, wo uns 
am Beispiel von Petromyzon, Amphioxus und vom Rheinlachs — von letzterem nach 
neuen, hier zum ersten Mal publicirten Untersuchungen — drei Entwicklnngsweisen vor¬ 
geführt werden, so grundverschieden, dass man die grösste Mühe hat, in den ersten Sta¬ 
dien irgend welche Pnncto der Vergleichung zu finden. 

Aber auch zwischen viel näher zusammengehörigen Thieren (z. B. Kaninchen und 


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Meerschweinchen, Fig. 135 und 136) erkennt der aufmerksame Beobachter schon frühe 
bemerkenswerthe Unterschiede der embryonalen Gestaltung. 

Nach des Verfassers Ueberzeugung sind die Verschiedenheiten der Thierformen bis 
ins Kleinste schon angedeutet in den Embryonen von der ersten Anlage an. Wie einem 
fremden Gaste an den Gliedern einer Familie zuerst die gemeinsamen Züge der Aehnlich- 
keit auffallen, und erst bei längerem Verkehr die individuellen Eigentümlichkeiten sich 
aufdrängen, so sind auch unserm ungeübten Blicke embryonale Bildungen noch zu fremd¬ 
artig, als dass wir die Unterschiede derselben ohne Weiteres nach ihrem wahren Werthe 
auffassen könnten, um eo mehr, da einfachere Formen schon an sich bei der Vergleichung 
eine schärfere Beobachtungsgabe verlangen, als complicirte, reich gegliederte, wie wir sie 
im fertigen, mit allen seinen Attributen ausgerüsteten Thiere finden. 

So sind also mit Unrecht die entwicklungsgeschichtlichen Thatsachen als gleichwer¬ 
tig mit paläontologischen herbeigezogen worden; denn wie frappante Beispiele von Aehn- 
lichkeit zwischen fossilen Geschöpfen und Embryonalformen jetziger Thiere und zwischen 
Embryonen unter einander Vorkommen mögen, so findet sich doch dies Verhältniss bei 
weitem nicht consequent genug in der Natur durchgeführt, um wiederum seinerseits als 
strenges Beweismaterial zu irgend einem Zwecke dienen zu können. Die Berechtigung 
des Descendenzprincipes als Leitstern der heutigen Zoologie erkennt der Verf. ausdrück¬ 
lich und mit Wärme an. Aber er verlangt, dass man beim Ausbau der Descendenzlehre 
sich der allein zuverlässigen Methoden paläontologischer und thiergeographischer For¬ 
schung bediene und nicht angebliche „Grundgesetze der Entwicklung 1 * herbeiziehe, welche 
bei näherer Betrachtung in Nichts zerrinnen. 

Neben den kritischen Bemerkungen, die uns mitten in die grossen Tagesfragen auf 
biologischem Gebiete hineinfuhren, bietet die vorliegende Schrift in Wort und Bild eine 
Fülle interessanter Belehrung. 

„Die Entwicklungsgeschichte**, sagt der Verf., „ist nicht blos dazu da, der Descen¬ 
denzlehre als Dienerin Material herbeizuschaffen; sie ist ihrem Wesen nach eine selbst¬ 
ständige physiologische Wissenschaft; sie hat die Aufgabe, die werdenden Formen nicht 
nur zu beschreiben, sondern derart abzuleiten, dass jede Entwicklungsstufe als nothwen- 
dige Folge der vorangegangenen erscheint. Bekanntlich ist der Verfasser in seinen Un¬ 
tersuchungen seit einer Reihe von Jahren mehr als irgend andere Embryologen darauf 
ausgegangen, eine physiologische Erklärung der organischen Formbildung, eine „Mechanik 
der EntwicklungsVorgänge** zu begründen, im Gegensatz zu dem Standpunct fast völliger 
Resignation, der bis dahin dieser Aufgabe gegenüber von eeinen Fachgenossen festgeh&l- 
ten wurde. 

In vorliegender Schrift gibt er eine gedrängte, für einen weiteren Leserkreis als die 
speciellen Fachmänner bestimmte Darstellung der ersten Entwicklung des Hühnchens nach 
den Ergebnissen seiner Forschungen, verdeutlicht durch eine grosse Zahl originaler Ab¬ 
bildungen, von denen wir namentlich einige nach den bekannten Hi$-Ziegler'sehen Wachs¬ 
modellen gefertigte Zeichnungen hervorheben. Es ist durchaus nicht ein vollständiges 
Handbuch der Entwicklungsgeschichte, was uns hier geboten wird. Wenn aber die Aus¬ 
wahl der Thatsachen eine beschränkte ist, so ist dafür um so mehr das Streben erkenn¬ 
bar nach geistiger Verknüpfung, nach Verwerthung aller Einzelheiten für die Lösung der 
grossen Frage nach den nächsten Ursachen der organischen Form. 

Einige Hauptgedanken des Verf. sind folgende; der befruchtete und gefurchte Keim 
des Eies zeigt als fundamentale Erscheinung das W r achsthum, die Massenzunahme. Die¬ 
ses Wachsthum findet, wie durch Messungen unwiderleglich bewiesen werden kann, mit 
ungleicher Geschwindigkeit statt in den verschiedenen Abschnitten des Keimes. Die 
Wacbsthumegeschwindigkeit ist am grössten in den oberflächlichen Schichten und nimmt ab 
nach den tiefem; sie nimmt ferner von der Stelle ihres Maximums aus auch nach der Fläche 
stetig ab symmetrisch zu einer Medianebene, asymmetrisch nach vom und hinten. Daraus 
folgt nothwendig, dass der Anfangs scheibenförmige Keim im Verlauf seine Form ändern 
muss, und da die Keimscheibe eine elastische Platte ist, so müssen zunächst Falten ent¬ 
stehen, welche dann weiter zu Knickungen, Abschnürungen, Gliederungen der verschie¬ 
densten Art führen müssen. So sind zwei Längsfalten und zwei Qucrfalten die Einlei¬ 
tung zur Abschnürung des Embryonalleibes, zwei weitere Falten bilden zwischen sich die 
Medullarrinne, die sich zum Hira-Rückenmarksrohr schliesst u. s. f, — Die Verschieden- 


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heit der Wachsthumsgeschwindigkeit nach der Tiefe zu muss ferner Spannungen innerhalb 
der Substanz erzeugen, welche schliesslich die Cohäsion überwinden und zur Abspaltung 
der Keimblätter führen. 

In dieser Weise sucht nun der Verf. des Weiteren darzuthun, wie die primitiven An¬ 
lagen aller Organe im innigsten Zusammenhänge mit diesen mechanischen Factoren ent¬ 
stehen. Insbesondere machen wir diejenigen Collegen, die sich für Gehirnanatomie inter- 
eesiren, aufmerksam auf die Capitel über die Mechanik der Hirnentwicklung. Was hier 
theils nach älteren, theils nach neueren, noch nicht publicirten Untersuchungen am mensch¬ 
lichen und thierischen Gehirn mitgetheilt wird über die Ursachen der Hirnkrümmungen 
und Hirngliederungen, über die gegenseitige mechanische Abhängigkeit der Hirntheile von 
einander, über die Entwicklung der Hemisphären, die Auffassung der Fossa Sylvii und des 
corpus Striatum als Concavität und Convexität einer und derselben primären Hirnfalte, — 
Alles dies kann für die Gehirnpathologie, namentlich für das Verständniss von Bildungs¬ 
anomalien, nicht ohne Bedeutung sein. 

Im Gegensatz zu der bisher gangbaren, namentlich auf Remak 's Arbeiten beruhenden 
Darstellung betrachtet His das „mittlere Keimblatt“ als aus verschiedenen Quellen ent¬ 
sprungen; die Anlagen der Muskeln und Geschlechtsdrüsen entstehen aus Schichten, die 
(wie schon v . Bär angibt) sich von dem oberen und unteren Keimblatte abgespalten ha¬ 
ben. Knochen und Bindesubstanzen Überhaupt sind dagegen entstanden aus Gefässspros- 
sen, die von aussen, vom Dotter her, in die Lücken des Keimes hereingewachsen sind. 

Für die histologische Differenzirung ergibt sich die merkwürdige Regel, dass Nerven- 
substanz jeweilen entsteht in Bezirken von grösster anfänglicher Wachsthumsgeschwin¬ 
digkeit, und so stuft sich die Entstehung von höher organisirten zu niedrigeren Geweben 
durch Muskeln und Drüsen bis zu den Epitelien ab, je nachdem das verwendete Keim- 
material einem Bezirk von grösserer oder geringerer primärer Wachsthumsenergie angehört. 

Indem nun His alle diese einzelnen Ergebnisse zusammenfasst, kommt er zu dem 
Schlüsse , dass in letzter Linie alle Eigentümlichkeiten der fertigen Thierform auf das 
Gesetz sich zurückfuhren, nach welchem die verschiedenen Wachsthumsgeschwindigkeiten in 
derKeimscheibe am Beginne der Entwicklung räumlich vertheilt sind und sodann im Verlauf 
des Embryonallebens in ungleicher Weise abnehmen (räumliches und zeitliches Wachsthums¬ 
gefälle). Er vermuthet, dass dieses „Wachsthumsgesetz“ eine relativ einfache 
Form habe und dass es exacten Messungen mit mehr und mehr verschärften Methoden 
dereinst gelingen werde, dasselbe mit einer gewissen Annäherung festzustellen. Könnten 
wir, was freilich noch in endloser Ferne liegt, die Wachsthumsgesetze aller Thiere auf 
Grund empirischer Feststellungen in mathematischer Form niederschreiben und die erhal¬ 
tenen Formeln in Reihen zusammenstellen, so hätten wir die Geschöpfe nach ihrer tief¬ 
sten innern Zusammengehörigkeit geordnet, und das höchste Ziel zoologischer Systematik 
wäre erreicht. 

Im Zusammenhang mit dem Wachsthumsgesetze gibt nun His noch Erörterungen Über 
das Wesen der geschlechtlichen Zeugung. Er beginnt mit einer kurzen historischen Dar¬ 
legung der älteren und neueren Zeugungstheorien, die er nach der Verwandtschaft ihrer 
Grundgedanken übersichtlich in Gruppen ordnet. Unter der Voraussetzung, dass seine 
Ansichten über die Ursachen der Formbildung in den Hauptzügen richtig seien, gelangt 
er sodann, zwar nicht zu einer Lösung, aber wenigstens zu einer überraschend einfachen, 
scharfen wissenschaftlichen Formulirung dieses für die Physiologie bisher völlig transcen- 
denten Problems. 

„Das unbefhichtete Ei ist eine zum Wachsthum erregbare Substanz, der Same bringt 
die Wachsthumserregung“. Denken wir uns die Erregbarkeit des Eies gesetzmässig un¬ 
gleich vertheilt, den Samen ferner so beschaffen, dass die Erregungen nicht nach allen 
Richtungen gleichmässig und gleichzeitig von ihm ausgehen, so wird sich daraus ein 
Wachsthumsgesetz des befruchteten Keimes ergeben, in welchem die Eigenschaften von 
Samen und Ei ihren präcisen Ausdruck finden. — Da nun ferner offenbar die Bildung 
der Geschlechtsproducte in den Eltern in innigem Zusammenhang mit der Gesammtorga- 
nisation derselben erfolgt, so ist schliesslich die Möglichkeit gegeben, das Wachsthums¬ 
gesetz des Keimes mit der Organisation resp. dem Wachsthumsgesetz der Eltern causal 
zu verknüpfen und es eröffnet sich eine entfernte Aussicht auf eine dereinstige Erklärung 
der erblichen Uebertragung elterlicher Eigenschaften auf die Frucht. — 


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Es sind nun sieben Jahre verflossen, seit der Verfasser vorliegender Schrift die so¬ 
eben angedeuteten Betrachtungen in seiner grossen, auf ein ungeheures Material an sorg¬ 
fältigen Beobachtungen gegründeten Monographie über die Entwicklung des Hühnchens 
zum ersten Male mitgetheilt hat. Noch jetzt steht er mit seinen Ansichten unter den 
Fachgenossen so zu sagen allein. Denn über der Jagd nach Analogien, Homologien, Ur¬ 
typen, kommen die heutigen Morphologen noch wenig dazu , sich über die nächsten Ur¬ 
sachen der Dinge irgend etwas zu denken. — Ist doch sogar das seltsame Missverständ- 
niss begangen worden, zu behaupten, die Aufstellung einer mechanischen Theorie der 
Formbildung widerspreche dem Princip der Descendenz und der natürlichen Zuchtwahl. Nicht 
umsonst geschah dieses Missverständnis. Denn in das abgerundete naturphilosophische 
System, das unter der Etiquette „Descendenzlehre“ dem heutigen Publicum so eindring¬ 
lich gepredigt wird, passen nicht ungelöste Fragen, scharfe Begriffe, strenge Kritik 
der wissenschaftlichen Methoden. 

Wer aber etwas vom Geiste ächt physiologischer Wissenschaft versteht, wem das 
Bedürfniss innewohnt, bei seinen Arbeiten und Studien in steter Fühlung mit den exacteu 
Grundlagen unserer Naturerkenntniss zu bleiben, der wird sich des Gedankens nicht er¬ 
wehren können, dass einer Forschung nach solchen Gesichtspuncten, wie die von His ver¬ 
tretenen, die Zukunft gehört, — ganz unabhängig davon, ob dieser erste grossartige Ver¬ 
such schon in allen seinen Theilen gleichmässig gelungen ist, ob da und dort in den 
Einzelheiten die //iVsche Lehre durch spätere Beobachtung eine Ergänzung, Berichtigung 
erfahren mag oder nicht. 

In die Zukunft blickt auch der Verfasser, wenn er am Schluss der Vorrede sagt: 
„Besonders soll es mich freuen, wenn es den Briefen gelingen wird, ihre Freunde in der 
Generation heranwachsender Forscher zu gewinnen. Dass die Schrift, anstatt mit einer 
abgerundeten Weltanschauung, mit der Aufstellung neuer Arbeitsziele schliesst, werden 
mir diejenigen gerade nicht verargen, die, noch unbefangenen Sinnes, ihre frischen Kräfte 
der wissenschaftlichen Arbeit zu widmen entschlossen sind.“ — 

Die Darstellung ist insofern gemeinverständlich, als sie ausser einigen anatomischen 
Notionen keine speciellen Fachkenutnisse voraussetzt; sie erfordert aber einen wissen¬ 
schaftlich gebildeten Leser, der im Stande ist, strengen Gedankenentwicklungen aufmerk¬ 
sam zu folgen. Dafür wird sich jeder unserer Collegen, der noch Lust an ernsteren Stu¬ 
dien und Interesse an den grossen wissenschaftlichen Fragen besitzt, reich belohnt finden 
durch die tiefe und mannigfaltige Anregung, die ihm aus der Lectüre des vorliegenden 
Buches zu Theil werden wird. 

Die äussere Ausstattung macht der Verlagshandlung alle Ehre. F. M. 


Kantonale Correspondenzen. 


Basel« Dieser Tage ist eine neue Impfordnung erlassen worden, der wir fol¬ 
gende Bestimmungen entnehmen: 

„Im C an ton Baselstadt soll jedes Kind vor dem Ablauf des auf sein Geburtsjahr fol¬ 
genden Kalenderjahres geimpft werden; ebenso ist die erste Wiederimpfung obligatorisch 
für sämmtliche Schüler und Schülerinnen öffentlicher und privater Schulen; sie soll in der 
Regel im Verlauf des 13. Altersjahres statt finden. Kann ein Kind laut ärztlichem Zeug- 
niss wegen Krankheit innerhalb des gesetzlichen Zeitraumes nicht geimpft werden, so soll 
die Impfung spätestens im Lauf des nächsten Jahres vollzogen werden. 

Bleibt eine Impfung erfolglos, so hat der Impf-Arzt zu bestimmen, bis wann und 
wie oft dieselbe zu wiederholen ist. Die vom Physicus und den amtlichen Impfärzten 
ausgeführten öffentlichen Impfungen n: d Wiederimpfungen sind unentgeltlich. Der Phy¬ 
sicus wird alljährlich die nöthigen Bekanntmachungen über Zeit und Ort der öffentlichen 
Impfungen erlassen und sich betreffend der Wiederimpfung mit den Schulvorstehern in 
Verbindung setzen. Jeder amtlich Geimpfte hat sich in einem vom Impfarzt zu bestim¬ 
menden Zeitraum zur Revision zu stellen. Kein Kind soll in öffentliche oder Pnvat- 
schulen aufgenommen werden, das nicht eine ärztliche Bescheinigung über erfolgreich be- 


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standene Impfung beibringt. Die Schulvorsteher sind mit der Controle über die Ausfüh¬ 
rung der Bestimmungen betreffend Impfung und Wiederimpfung der Schulkinder beauf¬ 
tragt Sie werden daher bei der Aufnahme von Schülern sich die gesetzliche Bescheini¬ 
gung vorlegen lassen und ebenso 6 Wochen vor Beendigung des Schuljahres dem Phy- 
siens ein Verzeichniss derjenigen Schüler vorlegen, welche den Nachweis der Wieder¬ 
impfung nicht geleistet haben. 

Zur Vornahme einer Impfling und Ausstellung eines gütigen Impfscheins sind nur 
berechtigt die Impfärzte. Als solche gelten: 1. Der Physicus, bezw. die ihm beigegebe¬ 
nen amtlichen Impfärzte. 2. Diejenigen Privatärzte, welche sich gegenüber dem Sanitäts«- 
collegium zu sorgfältiger Ausführung und Revision der Impfungen verpflichten und von 
demselben anerkannt werden. Die Privatärzte werden dem Physicus jeweilen am Schlüsse 
des Kalenderjahres ein Verzeichniss der von ihnen im Laufe des Jahres vollzogenen 
Impfungen und ersten Wiederimpfungen nach besondern Formularen übermitteln. Der 
Physicus wird diese Verzeichnisse mit den von ihm resp. den ihm beigegebenen amtlichen 
Impfärzten geführten am Schlüsse des Jahres zusammenstellen und dem Sanitätscollegium 
über die Resultate Bericht erstatten. Ueber jede Impfung wird nach vorgenommener 
Revision von dem Impfarzt ein Impfschein nach besonderm Formular ausgestellt Diese 
Scheine sind für die amtlichen Impfungen und Wiederimpfungen gebührenfrei. Das Sa¬ 
nitätscollegium hat dafür zu sorgen, dass jeweilen ein genügender Vorrath von gutem 
Impfstoff zur Verfügung steht. Den Impfärzten steht das Recht zu, zum Zwecke der 
Wiederimpfung nach ihrer Wahl Stoff von den durch sie geimpften Kindern zu entneh¬ 
men. Dem Sanitätscollegium bleibt mit Genehmigung der Regierung Vorbehalten, in 
Seuchezeiten die Impfungen auch für Erwachsene zu verfügen, wenn dieselben entweder 
gar nicht geimpft oder nicht zum erstenmal wiedergeimpft sind. 

Von jedem Blatternanfall ist seitens der Angehörigen resp. Hausbewohner so¬ 
fortige Anzeige an einen Arzt zu machen. Blatternkranke sind in der Regel in das be¬ 
treffende Spital zu verbringen. Sie können nur dann in ihrer Wohnung verbleiben, wenn 
sich der Physicus resp. dessen Stellvertreter von der Möglichkeit einer vollständigen Ab¬ 
sperrung und dem Vorhandensein geeigneter Räumlichkeiten persönlich überzeugt haben 
und ihre Einwilligung dazu geben. Bei solchen Kranken, welche in Privathäusern be¬ 
handelt werden, sollen die behandelnden Aerzte ihrerseits Alles thun, dass die angeord¬ 
nete Absperrung strenge eingehalten und dem Reconvalescenten der Verkehr mit Andern 
nicht vor dem gänzlichen Abfallen der Krusten gestattet werde; ebenso sollen sie die 
grösstmögliche Vorsicht beobachten, dass nicht durch sie die Krankheit verschleppt werde; 
sie werden daher, wenn thunlich, die Blattemkranken zuletzt besuchen. Leichen von an 
Blattern Verstorbenen sollen zunächst in eines der öffentlichen Leichenhäuser gebracht 
und 24—36 * Stunden nach eingetretenem Tode bestattet werden. Zur unentgeltlichen 
Aufnahme in ein Leichenhaus bedarf es des Zeugnisses eines Arztes. Betreffs der Des- 
infection der Wohnräume und Leichen, sowie betreffs des Transports der Kranken und 
Gestorbenen wird das Sanitätscollegium bezw. der Physicus die nöthigen Anweisungen an 
die Aerzte ertheilen.“ 


W ochenbericht. 


Schweiz. 

A erstlich er Centralverein. Der ständige Ausschuss wird Sonntag 
den 4. April in Olten seine zweite Sitzung abhalten, an der die Heiren Dr. Pierre Dvnani 
(Genf) und Dr. Ph. de la Harpe (Lausanne) als Vertreter der Societä mädicale de la Suisse 
romande theilnehmen werden. Der Wunsch des Ausschusses zur Berathung der zahlrei¬ 
chen, die sämmtlichen Schweizer Aerzte in gleichem Grade interessirenden, Fragen eine 
Vertretung der ärztl. Gesellschaft der rom. Schweiz in seiner Mitte zu haben, ist somit 
in Erfüllung gegangen; d. h. die Sectionen Genf und Waadt haben den Vorschlag ange¬ 
nommen und die oben genannten Herren zu Delegirten designirt, während die Section 
Freiburg eine Sitzung noch nicht abgehalten hat, in der sie sieh über diese Frage, even¬ 
tuell die Wahl eines stellvertretenden Delegirten, aussprechen wird. — 


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204 


Wir entnehmen dem Schreiben des Herrn Dr. Dufour , Centralpräsident der Sociätä 
mödicale der romanischen Schweiz, an Herrn Präsident Sonderegger: „C’est avec un vrai 
plaisir, que nous ponvons ainsi vous annonccr l’adoption par les sections romandes des 
propositions de votre comitä; car nous avons la conviction, cette adoption constitue an 
acheminement vers une päriode de plus grande infiuence et aussi de plus grande mctivitä 
du corps medical. L’existence de cette Commission comme Organe central rapprochera 
encore nos sociätäs mädicales, que plusieurs de leurs membres däsireraient voir tout k fait 
unies, et nous sommes convaincus que, co iaisant, eile contribuera k augmenter l’union 
des mädecins, la force du corps mödical et le bien du pays . . .“ 

Somit scheint zur Andiehandnahme der vorliegenden Arbeiten der Boden geebnet, die 
Missverständnisse entfernt und gibt uns die Persönlichkeit unseres Präsidenten die sichere 
Gewähr, dass die ins Auge gefassten Ziele in richtiger Verwerthung der Kräfte eifrig 
erstrebt werden sollen. 

Die Frühjahrs Versammlung wird nach dem Oltener Beschluss gemeinsam mit den 
Collegen der welschen Schweiz in der ersten Hälfte Mai in Bern stattfindcn , über die 
Tractanden und die näheren Details hoffen wir in nächster Nr. weitere Mittheilungen ma¬ 
chen zu können» 

Eldg. Mllitärinnitätsdienit. Eine neue Frucht rastloser Thätigkeit unse¬ 
res oberfeldärztlichen Bureaus gibt uns die Garantie, dass auch in unserer Branche ohne 
Zeitverlust die neue Militärorganisation vom Papier der reellen Verwirklichung entgegen - 
geführt wird. Wir meinen den Entwurf eines Reglementes über die Organisa¬ 
tion des Gesundheitsdienstes (Medicinalabtheilung) bei der eidgenössischen 
Armee, der uns im Drucke heute vorliegt. « 

Nach Entwicklung der allgem. Bestimmungen umfasst derselbe vorläufig in 85 Para¬ 
graphen A. das ßanitätscorps und B. das Sanitätsmaterial, während die Bearbeitung der Ab¬ 
schnitte: C. der Sanitätsdienst bei den Truppencorpe, D. der Feldlazareth- und Am- 
bulancendienst, E. der Spitaldienst, F. der Gesundheitsdienst bei den Reserve-Transport- 
colonnen und den Eisenbahnkrankenzügen, G. das Rapportwesen, H. der Aufsichtsdienst 
und die Inspectionen , sowie der Anhang über dos Hülfsvereinswesen später nachfolgen 
werden. — 

Wir finden in diesem Entwürfe auf dem Boden der Militärorganisation mit allem 
Detail die Organisation des Sanitätsdienstes durchgeführt und begrüssen darin den Schluss¬ 
stein einer langen Periode eifriger Debatten. 

Indem wir uns Vorbehalten, später etwas ausführlicher Über diesen Entwurf zu refe- 
riren, möchten wir für heute nur 2 Paragraphen herausgreifen, die unsere Collegen lebhaft 
interessiren werden. 

Vor Allem § 41. 

„Zu Militärärzten und Militärapothekern dürfen nur wissenschaftlich ge¬ 
bildete Aerzte und Apotheker verwendet werden. 

Als Ausweis über wissenschaftliche Bildung gelten: 

1) der laut Art. 33 der Bundesverfassung für Ausübung der wissenschaftlichen Be¬ 
rufsarten vorgesehene Ausweis der Befähigung, sobald das hierauf bezügliche Bundesge- 
setz erlassen sein wird; 

2) der laut Art. 5 der Uebergangsbestimmungen von einem Cantone oder einer Con- 
cordatsbebörde ausgestellte Ausweis der Befähigung; 

3) der Besitz eines Diploms oder amtlichen Actenstückes, welches in einem der an 
die Schweiz angrenzenden Grossstaaten: Deutsches Reich, Frankreich, Oesterreich oder 
Italien zur unbedingten Ausübung der Arzt-Praxis berechtigt 

Die Ausweise sind durch die Divisionsärzte den betreffenden Aerzten und Apothe¬ 
kern abzufordern und mit Bericht und Antrag dem Oberfeldärzte zum Entscheide einzu¬ 
senden. 

Gegen den Entscheid des Oberfeldarztes kann an das eidg. Militärdepartement recur- 
rirt werden.“ 

Unsere Leser erinnern sich noch der Petition, die 446 schweizerische Militärärzte 
den Bundesbehörden überreicht hatten und die zum Zwecke hatte, zu verhindern, dass 
durch die laxe Fassung des Begriffes „wissenschaftliche Bildung“ Individuen dem mili- 


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205 


tärärztlichen Corps einverleibt würden, die dasselbe entehren würden. Aus der unbehag¬ 
lichen Stimmung, die die Abweisung unserer Petition in ärztlichen Kreisen zurücklassen 
musste, reisst uns allerdings obiger Paragraph heraus, gibt er doch das deutliche Bestre¬ 
ben laut genug kund, im militärärztlichen Corps keine Aerzte II. CL (vulgo wilde Aerzte) 
dulden zu wollen. 

Ferner möchten wir auf § 64 aufmerksam machen. „Im Kriegsfälle trägt sämmt- 
liches dem Sanitätscorps zugehörendes oder zugetheiltes Personal am linken Arme die ge¬ 
stempelte internationale weisse Armbinde mit rothem Kreuz. Die Abgabe der gestempelten 
Armbinden geschieht ausschliesslich auf Anordnung und unter Controls des Oberfeldarztes. tf 

Somit dürfte in Zukunft das Tragen von Genferbinden m Friedenszeiten weg¬ 
fallen, eine Verordnung, die wir lebhaft begrüssen. Wir haben schon früher einmal (s. 
Corr.-Bl. Seite 619, 1874) darauf aufmerksam gemacht, dass es zwecklos sei, im Frieden 
die Binden tragen zu lassen, da nachher die im Kriege dringend nöthige exacte Controls 
der gestempelt auszugebenden Genferbinden illusorisch gemacht werde. Das Bulletin in¬ 
ternational de la Convent, de Genöve hat damals unsere Bemerkung als eine grundlose 
hingestellt und uns belehrt, dass im Kriege die Blessirten keine Genferbinden angelegt 
bekämen, was zu behaupten uns wahrlich nie in den Sinn gekommen, über den notori¬ 
schen Abusus mit Genferbinden, der eine strenge Controls unentbehrlich macht, hat es 
vorgezogen auf eine Discussion sich nicht einzulassen. 

Univerftit&teil« In Basel ist zum ordentlichen Professor der Psychiatrie und 
Director des Irrenhauses ernannt worden Herr Dr. Wille (in St. Urban), in Zürich zu glei¬ 
cher Stellung Herr Dr. Hitzig (Berlin) ; letzterer bekannt durch seine physiopathologischen 
Untersuchungen über das „Gehirn" und seine Leistungen in der Electrotherapie. 

Ausland. 

England« Frequenz des Todes in den einzelnen Tagesstun¬ 
den. Verschiedene Statistiker haben sich mit der Frage beschäftigt, zu welchen Tages¬ 
stunden bei acuten und chronischen Krankheiten das Mortalitätsmaximum eintrete; es 
sind aber noch keine Resultate erzielt worden, u. A. gewiss auch deshalb, weil die vor¬ 
liegenden Zahlenreihen noch zu klein sind, um für ein Verhältniss Normen zu finden, das 
so vielen Zufälligkeiten unterworfen ist 

Für kleinere Intervalle ist das Verhältniss nicht sehr verschieden. Der Tod tritt 
unter je 1000 Fällen ein nach 


Zahl. 

12—4 

4—8 

8—12 

12—4 

4—8 

8 — 12 


«££4 {‘M* 

Morgens. 

159 

180 

174 

162 

166 

159 


169 

191 

169 

152 

163 

157 


166 

174 

226 

176 

151 

117 | 

gestorben 

Ä'.”> ,3 ' 000 

162 

182 

223 

176 

152 

105 

an chron. Krankh. 
nur an Tubercul. 

162 

180 

170 

164 

177 

147 

an acut. Krankh. 


156 

176 

169 

150 

188 

161 

nur an Flecktyph. 


Wie man sieht, ist die Differenz keine bedeutende. (Schmidt’s Jahrb.) 


Bibliographisches. 

Wiener Klinik , herausgegeben von Schnitzler, 1. und 2. Heft Monä , über Croup im Kindes¬ 
alter. 3. Heft. WintemUz, über Wesen und Behandlung des Fiebers. WieD, Urban 
und Schwarzenberg. 

Fikentscherj die Cholera asiatica zu Augsburg 1873/74 vom sanitätspolizeilichen Standpunct, 
Augsburg, Max Rieger’sche Buchhandlung. 


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Deutsche Zeitschrift für Tbiermedicin und vergleichende Pathologie, hersg. von BolHnger und 
Frank. I. Band, 1. Heft (6 Hefte bilden einen Band, der 9 Mark kostet). Leipzig, 
F. C. W. Vogel. 

CentralblaU für Chirurgie , hersg. von Lesser, Schede, Tillmanns. I. Jahrg. 1874 April- 
December (1Ö Mark). Leipzig, Breitkopf & Härtel. 

Mesiorfy der internat. archäolog. und anthropolog. Gongress in Stockholm (7. - 16. Aug. 1874). 
Hamburg, Otto Meissner. 

Störk, Mittheilungen über Asthma bronchiale und die mechanische Lungenbehandlung nebst 
einem Anhang über den Hustenreiz. Stuttgart, Ferd. Enke. 

Beigel , die Krankheiten des weiblichen Geschlechtes. II. Band, 1. Hälfte mit 125 Holz¬ 
schnitten. (Krankheiten der Eileiter und der breiten Mutterbänder, Anomalien der 
Entwicklung, der Form und Lage und der Structur der Gebärmutter.) Stuttgart, 
Ferd. Enke. 

Zehender , Handbuch der gesammten Augenheilkunde für Aerzte und Studirende. 3. gänz¬ 
lich neu gestaltete Auflage mit 75 Holzschnitten. Stuttgart, Ferd. Enke. 

Specielle Krankentabellen zur sofortigen leichten Uebersicht für practische Aerzte in Franken¬ 
währung (gebunden 8 Mark 75 Pf.) Breslau, Leukart’s Sortimentsbuchh. 

Braune , Topographisch-anatomischer Atlas nach Durchschnitten an gefrorenen Gadavern 
mit 50 Holzschnitten und 34 gr. Tafeln in Hochquart. Leipzig, Veit & Gomp. 1875. 

Erhard , Vorträge über die Krankheiten des Ohres mit vielen Holzschnitten im Text. 278 S. 
Leipzig, Veit & Gomp. 1875. 

von Ammon , Brunnendiätetik, 6. Auf!., hersg. von Hermann Reimer. 312 Seiten. Leipzig, 
S. Hirzel. 1875. 


Stand der Inffections-Krankheiten ln Basel. 

Vom 12. biz 23. März. 

In dieser Zeit sind 4 Scharlach- und ebenso viele Diphtheriefälle gemeldet worden. 
Typhus ist seit längerer Zeit gänzlich ausgeblieben. Erysipele sind selten, Croup und 
Keuchhusten nur in Einzelfällen zur Anzeige gekommen. Krankheiten der Lungen (Grippe) 
sind namentlich bei ältern Leuten vorherrschend. 


Briefkasten. 


Herrn Prof. Huguenin: Wir erbitten schleunige Zusendung weiteren Manuscriptes. — Herrn Dr. 
H—y: Den kleinen Druckfehler wird der geneigte Leser sich selbst corrigirt haben. — Herrn Divi¬ 
sionsarzt B—er: Es ist uns der versprochene Vereinsbericht der aargauer medicin. Gesellschaft noch 
nicht sugesandt worden — Herrn Prof. Dr. Kocher , Bern; Studer , Stabsapotheker, Bern, dankend 
erhalten. — Herrn Oberfeldarzt: Besten Dank für die ZusendungI — Herrn Dr. C — ter: Trinkwasser 
und Scarlatina wegen Platzmangel in nächster Nr. — Herrn Dr. Bxuh: Wir sehen der versprochenen 
Einsendung entgegen. 


Clarens-Montreux. 

Kötel & Fernstem Bell. 

In prachtvoller Lage am Genfersee und herrlicher Aussicht. — Mit allen Er¬ 
fordernissen der Neuzeit eingerichtet. — MäSSige Preise. 

Eröffnung im März 1875. 

[H-1215-X] Louis Roth, Besitzer. 


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207 


Specialite de Montres pour Medecins 

soit: Chronomfetres k Seconde indäpendaiite et k Reraontoir (se remontant s&ns def) 
boite et cuyette or trks forts, 18 Karat, mouvement SOignd et gar&nti par facture. 
Prix 675 francs. — Grand choix de toutes sortes de montres or et argent. 

Envoi du Prix-Courant franeo. 

[H-58-b-X] Chez J. LeyaUlant, fabr. d’horlogerie k Gen^ve» 


Die Bernische Medicamenten-Taxe 1 

in Preisen nach dem Grammen Gewicht nen ; 
ansgearbeitet, herausgegeben vom bernischen 
Kantonal-Apothekerverein, versendet in Lein¬ 
wand gebunden k 3 Fr. [H-873 Q] 

Der Secretair des Vereins: 

A« 'l'homass 9 Apotheker in Bern. 

Nene ansserst vortbeil- 
bafte anseinanderscbranbbare 

Clysopompen 

mit Porzellanreservoir, sind 
auch für den Selbstgebrauch 
bequem, sehr reinlich und 
solid. Preis 8 Fr. mit Etui. 
Gewöhnliche Clysopompen 
für Hebammen von 5 Frcs. an und Mutterrohre 
von 60 Cts. an empfiehlt [H-652-Q] 

C. W alter-Bioncletti. 
Freiestrasse 73, Basel. 

Verlag von August Hirschwald in Berlin. 
Soeben erschienen: 

Binz, Prof. Dr. C., Das Chinin. Nach den neuern 
pharmakologischen Arbeiten dargestellt. 8. 

Haussmann, Dr., Heber die Entstehung der über¬ 
tragbaren Krankheiten des WochenBettes. Ver¬ 
suche und Beobachtungen. 8. Mit Holzschn. 

3 M. 

Rothe, Dr. C. G., Die Carbolsäure in der Medicin. 

8. 1 M. 60 Pf. 

Seitz, Dr. Joh., Die Meningitis tuberculosa der ! 

Erwachsenen. Klinisch bearbeitet. 8. 10 M. I 
— Die Ueberanstrengung des Herzens. Sechs 
Abhandlungen von Th. CI. Albutt, Da Costa, 
Myers, Seitz, W. Thurn. 8. Mit 23 Holzschn. 

8 1 L (H-969-Q) 


Verlag von F. C. W# Vogel in Leipzig. 

Soeben erschien: 

Unsere Körperform 

und 

das physiologische Problem ihrer Entstehung. 

Briefe 

an einen befreundeten Naturforscher 
von 

Wilhelm His, 

Prof d. Anatomie a. d. Univ. Leipzig. 

Mit 104 Holzschnitten. 

5 M. 60 Pf. (H-880-Q) 

Verlag von August Hlrsefcwald in Berlin. 

(Durch alle Bnchhandlnngen zn beziehen.) 

Beobachtungsjournale 

fflr 

fieberhafte Krankheiten. 

Entworfen von 

Dr. Max Beehr. 

50 Tafeln mit Abweisung in einer Mappe. 

Folio. Preis: 3 M. 

Zur sicheren Beurtheilung der fieberhaften 
Krankheiten giebt das Bcehrsche Schema das 
einfachste und übersichtlichste Mittel für die fort¬ 
dauernde Notirung von Temperatur, Puls¬ 
frequenz, Respiration und Tagestherapie. 

! Diese Beobachtungsjournale werden allen An- 
I Sprüchen genügen. 50 Stück, wie sie hier mit 
Anweisung für den Gebrauch geliefert werden, 
dürften für die Privat-Praxis jedem Arzte für 
längere Zeit, seihst auf Jahre ausreichend sein. 

(H-1063-Q) 



Das 

Nene Faulensee-Bad 


hei Spiez am Thunersee 


liegt — 10 Minuten von Aeschi, 45 Minuten von Spiez, 40 Minuten vom Bad Heustrich, 
2^2 Stunden von Thun und ebenso viel von Interlaken entfernt —* hart am Saume des 
über 200 Jucharten haltenden üppigen Buchen- und Fichtenwaldes, das „Seeholz“ genannt, 
mit herrlicher Aussicht auf den ganzen Thunersee, das Bödeli mit Interlaken und den 
Brienzersee bis Iseltwald, 930 Fuss über dem Spiegel des Thnnersee’s, 2670 Fuss ü. M. 


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m 


Seine Heilquelle enthält nach den Analysen von Dr. Chr. Müller, Apotheker in 
Bern, und Dr. Simmler sei. in Zürich übereinstimmend in 1 Liter oder 1000 Grammes: 

Grammes. 


Schwefelsaures Natron | n nno 

Schwefelsaures Kali \.’ 

Schwefelsäuren Kalk.1,451 

Chlorcalcium.0,014 

Doppelt kohlensauren Kalk.0,066 

Doppelt kohlensaure Magnesia . . . . 0,197 

Doppelt kohlensaures Eisenoxydul . . . 0,005 

Doppelt kohlensaures Manganoxydul . . Spuren. 

Thonerde.. 0,002 

Kieselerde.0,038 

Summe fester Bestandteile.1,782 

Freie Kohlensäure bei 8° und 760mm . 1,98 cc 

Schwefelwasserstoff.Spuren. 


Strontian- und Lithionsalze wurden durch Hrn. Dr. Simmler auf spectralanalytischem 
Wege in geringer Menge nachgewiesen. 

Specifisches Gewicht des Mineralwassers bei 15° C. 1,002; Temperatur desselben 
bei 26° C. der Atmosphäre + 11° C. 

Das Mineralwasser wird seit vielen Jahren mit Erfolg zu Trink- und Badecuren 
verwendet bei chron. Rheumatismus, Gicht, chron. Catarrhen verschiedener Schleimhäute, 
besonders des Magens, sowie der Respirations- und Genitalorgane, bei Chlorose, Anaemie, 
überhaupt bei Schwächezuständen, namentlich im Reconvalescenzstadium nach erschöpfen¬ 
den Krankheiten. - 

Das Klima des Faulenseebades ist eines der mildesten und gesundesten, seine jetzige 
Lage unstreitig eine der lieblichsten des Berner-Oberlandes. 

Hiedurch, besonders aber durch den herrlichen Waldpark mit seinen stundenlangen, 
beinahe horizontalen Spaziergängen, sowie durch die wundervolle Fernsicht, eignet es sich 
nicht nur ausgezeichnet zu Kuren für Leidende und Genesende, sondern auch zu einem 
der angenehmsten Erholungs- und Vergnllgungsaufenthalte Gesunder. 

Die sehr primitiven Räumlichkeiten des alten Bades im Walde sind verlassen und 
durch schon im Laufe des Herbstes beendigte, mit Wasser- und Gaseinrichtungen, elec- 
trischer Sonnerie etc. versehene comfortable Neubauten mit geräumigem Speisesaal, Lese- 
und Billardzimmer, in weit schönerer Lage ersetzt und bedeutend vergrössert; eine ge¬ 
räumige Trinkhalle, sowie Bäder und Douchen sind neu und zweckmässig eingerichtet und 
ausgedehnte Terrassenanlagen und Promenaden erstellt worden. 

Die neue Eigenthümerin der Kuranstalt, deren Eröffnung im Mai dieses Jahres 
stattfindet, wird et sich angelegen sein lassen, durch aufmerksame Behandlung, sowie durch 
gute Küche und Keller bei mässigen Preisen ihren Gästen den Aufenthalt daselbst mög¬ 
lichst behaglich und angenehm zu machen. 

Eine neue Dampfschiffstation wird dieses Frühjahr im Dorfe Faulensee errichtet, 
und ein Telegraphenbureau ist in dem nahen Ae sc hi, dessen Arzt, Herr Dr. LuginbUhl- 
Bucher, die Besorgung der Gäste übernehmen wird. 

Als Besitzerin empfiehlt ihr neues Etablissement bestens die 

Familie Müller 

von Weissenburg. 

Literatur über das Faulenseebad: (H-980-Q) 

Dr. J. Schären, Die Heilquelle im Seeholzwalde zu Faulensee. Thun. Buchdruckerei 
Christen. 1864. 

Dr. C. Meyer-Ahrens, Schweizerische Balneographie. Zürich edit. 1867. pag. 230 ff. 
Dr. Abr. Roth, Thun und seine Umgebungen. Bern. Dalp. 1873. pag. 35 ff. 


Sohweighauserische Bufchdruckerei. 


B. Schwabe, Verlagsbuchhandlung in Basel* 

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COMESPOMMZ-BLATT 


Am 1. und 15. jeden 
Monats erscheint eine Nr. 

l*/i—2 Bogen stark; 
am Schloss des Jahrgangs 
TiteloJiihaltsverzeichniss. 


für 

schweizer Aerzte. 

Herausgegeben von 


Preis des Jahrgangs 
Fr. 10. — für die Schweis; 
der Inserate 

25 Cts. die sweisp. Zeile. 
Die Postbnreanx nehmen 
Bestellungen entgegen. 


Br. Alb* Bnrelaliardt-JIerlaii und 

Prirstfoomt in Basel. 


Br. A* Baader 

in Gelterkill den. 


N: 8. V. Jahrg. 1875. 15. April 


Inkalt: 1) Originalarbeiten: Prot Dr. H. Quincke, lieber die Incnbationszeit dea Abdominaltyphua. Dr. Pflüger, 
Zur sjmpatiscben Ophthalmie. (Schluss.) — 2) Vereinsberichte: Neunte Versammlung der schweizerischen Irrenftrzte. 
(Öchluaa) — 8) Referate und Kritiken: Dr. Neuhaus, Bericht über die Verwaltung des Gemeindespitals in Biel in 
den Jahren 1870—1878. Dr. Friedrich Küchenmeister, Allgemeine Zeitschrift für Epidemiologie. — 4) Kantonale Oor- 
respondenzen: Basellaad; Schaffhausen. — 5) Wochenbericht. — 6) Bibliographisches. — 7) Briefkasten. 


Original-Arbeiten* 

lieber die Incubationszeit des Abdominaltyphu?. 

Von Prof. Dr. H. Quincke in Bern. 

Wenn wir es auch als ausgemacht ansehen können, dass der Abdominaltyphus 
durch die Aufnahme in Zersetzung begriffener organischer Substanzen in den Körper 
bedingt werde, und dass wir in der Mehrzahl der Fälle das Gift auf grösseren oder 
kleineren Umwegen aus dem Boden aufnehmen, so sind unsere Kenntnisse nicht 
allein über die Art des Giftes, sondern auch über den Weg und den Zeitpunct, 
wie und wann dasselbe in den Körper gelangt, doch noch sehr unsichere. Der 
Hauptgrund für diesen letzteren Umstand ist darin zu suchen, dass die erkrankten 
Individuen auf dem krankheiterzeugenden Terrain (Ortschaft, Gehöft oder Haus) 
meist wohnen, daher nicht einer einmaligen, sondern einer wiederholten oder durch 
Tage und Wochen fortdauernden Infection, sei es aus Luft, Wasser oder Nahrungs¬ 
mitteln, ausgesetzt sind. 

Für die Incubationszeit werden daher von verschiedenen Autoren ausserordent¬ 
lich verschiedene Angaben gemacht, selbst in günstigen Fällen können oft nur 2 
Grenztermine (das Maximum und das Minimum der möglichen Zeit) angegeben 
werden. Nur in 3 von Dr. Gaulier beschriebenen Fällen •), wo nach einem halb¬ 
tägigen Besuch eines entfernten Hauses, wahrscheinlich durch Genuss verunreinig¬ 
ten Wassers die Erkrankung erfolgte, liess sich die Incubationszeit auf 12, resp. 
19 und 21 Tage bestimmen. 

Gelegenheit zu ähnlichen Beobachtungen gab das eidgenössische Schwingfest 
in Münsingen am 22. Juni 1873, dem mehrere Tausend Theilnehmer von nah und 
fern beiwohnten. 

*) Bull, de la Soc. m6d. de la Suiase romande 1874, p. 64. 


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210 


In diesem Orte brach einige Wochen nach dem Fest eine kleine Typhusepidemie 
aus. Ausserdem aber kamen auch hier in Bern einige Typhusfalle vor, welche 
mit Wahrscheinlichkeit auf den Besuch des Schwingfestes zurückzufuhren waren. 
Da von anderen Orten Aehnliches verlautete, richtete ich damals (in Nr. 16 
des Correspondenz-Blattes) an die Herren Collegen des Cantons Bern und der 
übrigen Cantone die Bitte um Mittheilung ähnlicher Fälle, bei denen andere Infec- 
tionsqucllen auszuschliessen wären, und erbat mir die Beantwortung einer Anzahl 
unten anzuführender Fragen. Waren die eingehenden Antworten auch spärlicher 
als ich gehofft hatte, so erscheint mir ihre Mittheilung doch von Werth, da sich 
einzelne bestimmte Schlüsse daraus ziehen lassen. 

Es sind die Herren Dr. Willener in Huttwyl, A. Fetscherin in Zäziwyl, P. Schupbach 
in Diesbach, A. Wyttenbach , A. Ziegler und E. Schwrer in Bern, denen ich für ihre 
Angaben zu Dank verpflichtet bin. Uebrigens kamen ausser diesen Fällen eine 
Anzahl anderer zu meiner Kenntniss, die ihren Ursprung wahrscheinlich auch in 
Münsingen hatten, für den vorliegenden Zweck aber nicht verwerthbar waren; die 
Mehrzahl der aus Münsingen geholten Typhusfälle dürfte mir unbekannt, geblieben 
sein. — 

Zur Zeit des Schwingfestes am 22. Juni 1873 waren in dem Dorfe Münsingen 
(2 ’/2 Stunden südöstlich von Bern, auf leicht geneigtem Terrain gelegen) nur 2 
Typhuskranke *), die Frau und der 12jährige Sohn des Wirthes H. vom Gasthaus 
zum Klösterli, welche sich seit dem 15. Juni in ärztlicher Behandlung (Dr. von Ins') 
befanden. Erst vom 6. Juli ab, also 14 Tage später, traten in Münsingen weitere 
Typhusfälle auf, welche sich zu einer förmlichen Localepidemie häuften und ebenso 
wie kleinere Epidemien in umliegenden Ortschaften wohl den beiden erstgenannten 
Fällen ihren Ursprung verdankten, hier aber, als für uns gleichgültig und nicht 
verwerthbar, gänzlich ausser Betracht gelassen werden. 

Neben dem Gasthaus zum Klösterli und nur 10' von der schadhaften Abtritt¬ 
grube dieses Hauses entfernt befand sich ein Sodbrunnen, der nicht nur vom Gast¬ 
haus aus, sondern auch von den Umwohnern vielfach benutzt wurde und auch das 
Trinkwasser für die nahe gelegene Festhütte lieferte, in welcher mit einem andern 
Wirthe gemeinschaftlich der Inhaber des Klösterli die Gäste bewirthete. Mit we¬ 
nigen Ausnahmen blieben letztere nicht über Nacht in Münsingen, sondern verweil¬ 
ten nur am Festtag selbst, meist nur einige Stunden, dort. Der Tag war ein sehr 
heisser, gewitterschwüler; das Schwingen fand etwa von 1—5 Uhr auf einem freien, 
der Sonne vollkommen ausgesetzten Platze, unweit des Klösterli und der Festhütte 
statt. Letztere wurde sowohl während des Schwingens von den ab- und zugehen¬ 
den Gästen als besonders nachher bei dem Festessen besucht. 

Auf Seite 212 und 213 sind die mir speciell mitgetheilten Fälle in tabellari¬ 
scher Form aufgeführt; alle diese Kranken lebten an typhusfreien Orten, so dass 
eine anderweitige Infection. soweit das überhaupt möglich ist, ausgeschlossen wer- 


*) Ich entnehme diese, sowie einige weiter unten folgende Angaben den auf der Direction des 
Innern in Bern befindlichen Acten, welche mir durch die Güte der Herren Regierungsrath Bodenheimcr 
und Dr. A, Ziegler zugänglich gemacht wurden. 


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211 


den konnte und man berechtigt war, den Besuch des Schwingfestes in Miinsingeii 
als Ursache anzusehen. Von den 10 ersten Fällen der Tabelle steht es fest, von 
den übrigen ist es höchst wahrscheinlich, dass sie höchstens einen Tag (ohne Nacht), 
viele sogar nur einige Stunden in M. verweilten. In den 7 ersten Fällen konnte 
der Tag der Erkrankung genau bezeichnet werden und zwar war es der 12. bis 
16. Tag (im Mittel aus den 7 Fällen der 14. Tag) nach dem Schwingfest; 
diese Zahlen würden also die Dauer des Incubationsstadiums bezeichnen. 

Da erfahrungsgemäss die Patienten sehr oft den Beginn der Typhuserkrankung 
später angeben, als der Wirklichkeit entspricht, so sind diese Zahlen eher zu gross 
als zu klein. 

In den Fällen 7—14 sind die Daten theils unvollständiger, theils weniger ge¬ 
nau; die Extreme der Incubationszeit sind hier 8 und 21 Tage, bei den übrigen 5 
fallen die Zahlen mit den erst angeführten ganz oder beinahe ganz zusammen. 

Eine Erkrankung bald nach der Aufnahme des Giftes fand sich (wenn wir Fall 
1, wo psychische Ursachen mitwirkten, fortlassen) 6 Mal unter 11 Fällen, wo diese 
Frage beantwortet ist (Nr. 3, 4, 5, 9, 11, 12); und zwar in Form von gastrischen 
Störungen (Diarrhöe, Erbrechen, Kopfschmerz), die nach wenigen Tagen verschwanden 
und, mit Ausnahme von Nr. 5, von der eigentlichen Typhuserkrankung durch eine 
Periode vollkommenen Wohlbefindens getrennt war. 

Auffallend ist es, dass in allen 6 Fällen das primäre Unwohlsein dem 22. Juni 
nicht unmittelbar folgte, also nicht etwa als Katzenjammer aufgefasst werden kann, 
sondern erst nach einigen Tagen (4 Mal wird speciell der zweite Tag angegeben) 
auftrat. — 

Auf welchem Wege ist nun in diesen Fällen das Gift in den Körper gelangt? 
Durch die Respirationsorgane oder durch den Verdauungstractus? 

Die erstere Annahme erscheint deshalb unwahrscheinlich, weil die erkrankten 
Individuen sicher die meiste Zeit ihres Münsinger Aufenthalts in freier Luft zuge¬ 
bracht haben (auch die Festhütte war eine hohe seitlich offene Halle). Wie weit 
der Besuch eines Abtritts (und vielleicht gerade des mit Typhusstuhl inficirten Ab¬ 
tritts des Klöstcrli) in Frage kommt, lässt sich aus den wenigen Daten der Colonne 
5 nicht entnehmen. 

Denkt man an den Verdauungscanal als Eingangspforte, so entsteht wohl zu¬ 
erst die Frage nach einer etwaigen Trinkwasserinfection, die hier um so näher 
liegt, als das auf dem Festplatz consumirte Wasser zum allergrössten Theil, wenn 
nicht ausschliesslich dem Klösterlisodbrunnen entstammte, der nur 10' von der 
schadhaften Abtrittgrube des Typhushauses entfernt lag und, an jenem Tage der 
Ansammlung so vieler Menschen stark in Anspruch genommen, das Grundwasser 
jedenfalls aus weiterem Umkreise als sonst ansog. *) 

Laut Tabelle haben nun 8 Personen unter den 10, bei denen die Wasserfrage 
beantwortet ist, bestimmt Wasser genossen; einige geben sogar ausdrücklich grös- 


*) Ohne für meine Schlussfolgerungen grossen Werth darauf legen zu können, bemerke ich, dass 
die im August von Herrn Staatsapotheker Perrenoud assgeführte Untersuchung des Wassers viel or¬ 
ganische Substanz sowohl suspendirt als gelöst in dem Wasser nach wies. 


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I ^‘t 0 Äf Wo hat er Two? Was hat Pat. 

Nr. Name, Alter. M ^“‘ eich aufee- ge *™J*'“"L wo? eonat dort 

singen ge- * wie oft? rossen? 


wesen? 


1. Dr. S., 50 J. Den ganzen 
in W., l /t St Tag.*) 
von Bern. 


2. FrL X., 20 J., 10 Stunden, 
in Bern. 


wie viel? 


Auf dem Ja. In der Fest- 

Festplatz. hütte 1 Flasche, 

später Wein mit 
Wasser. 

Festplatz, Nein. i 

Festhütte. 


Festessen. 


welchen ? 


Suppe, Brod, Ja; im 
Schinken, Klösterli. 
Sauerkraut, 

Wein. 


3. Sch., 55 J., 12 Stunden. 

Fabrikant von 
Mehlacker. 


4. H., 35 J., 
Wirth von 
Wissacben. 


12 Stunden. 


Im „Ochsen“; Ja; viel, in der Im Ochsen 
später Fest- Festhütte. Suppe, Cotte- 
hütte, let; in d. Festh. 

Festplatz. Festessen. 

Wie 3. Wie 3. Wie 3. 


Auf dem Wenig Wasser; 


Land wirth (ohne Nacht). Festplatz.*) aber Wein und 


Ja. Jedoch war 
eine betrübende 
Familiennachr. 
wohl d. Ursache. 
Nein. 


Erste gastrische 
Störungen am 
24. Juni. 


24. Juni. 


in Nieder- 
hüningen. 

6. Marie A. St., 
24 J. 


7. Gf. 


1 Tag. 


7 Stunden. 


Festhütte. 


Festhütte, 

Klösterli, 

Bären. 


Bier durchein¬ 
ander. 

?; wenn über- 


Festessen; Ja; in der 


haupt, so kam Wein, Bier. Klösterli- 


es vom« Ochsen.“ 


scheuer. 


Ja; 2 Glas Fleisch, Ge- Nein. 
Wasser beim müse, Wein, 
Klösterli. Bier. 


8. K., Lehrling 4—5 Stunden. FestpL, Klö- Ja; 1 Glas Wein im 

in Bern. steril (1 St), Wasser im Bären, Bier 

Löwen (lSt). Klösterli. im Klösterli. 


9. Frau X., 38 1 Tag 

J., in Bowyl. (ohne Nacht). 


10. W. 8., 17 J., 
Sattler in 
Bern. 

U.Elsb. Th., 19 
J., in Heut- 
ligen. 

12. Sch. Käser 
in Linden. 


18. M. M., 25 J., 
Spinnerin in 
Worb. 

14. Frau Tsch. 
in Trim- 
stein. 


Einige 

Stunden. 


Festplatz. 


Ja; mehr als 
gewöhnlich, in 
der Festhütte. 

Ja; eine Flasche Brod und 
Wasser aus dem Käse. 
Klösterlibrunnen 


Etwa am 26. Juni 
Brechdurchfall 
(nicht behan- 

2 Tage nach 
dem Schwing¬ 
fest Durchfall. 


Nein; nur Bier. 


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213 



ca. am 7. Juli, 
15. Tag. 


12 Tage 
später. •) 


Leicht. Gegen 
Ende schwere 
Darmblutung. 

Langwierig. 

Darmblutung. 


*) Pal. verweilte als Preisrichter stark beschäftigt den 
ganzen Tag auf dem Festplats. Die vorhergehende und 
folgende Nacht wohnte er bei einem Freunde in der Nähe 
toq HQnsingen. 

•) Zu dieser Zeit zeigten sich die ersten gastrischen 
Störungen. 


6. Juli, 
14. Tag. 


4. Juli, 6. Juli 

12. Tag. 


Schwer, 
f 17. JuH 


•) Beide Pat. (3 nnd 4) hatten fast den ganzen Tag in 
der Festhfltte viel Wasser getrunken, sowohl rein als mit 
Wein gemischt; jedenfalls jeder mehr als 2 Maass. 


8 Juli, 
16. Tag. 


6. Juli, 
14. Tag. 


12. Juli. Leicht 


10. JuH. Mittelschwer. 

Langwierig. 


*) Pat. fangirte im Polizeicomitd. Am 24. Jnni erkrankte 
er mit Kopfschmerz, Erbrechen, Diarrhoe, wurde davon 
bald wieder hergestellt, ftthlte sich aber bis zur eigent¬ 
lichen Erkrankung nie recht wohl; 8. Juli heftige Kopf¬ 
schmerzen, legte sich ins Bett. 

Pat. war Kellnerin in der Festhfltte. 


8. Juli, 
16. Tag. 


16. Juli. Mittelschwer. 


ca. 17. Tag. 10. JuH. Schwer. 


ca. 16.—18. Tag. Kurs nach Mittelschwer, 
dem 8. JuH. 


Erst 6—9 Tage nach dem Schwingfest etwas Unwohlsein; 
ausgesprochenes Fieber erst seit dem 9. Juli. Sein Bru¬ 
der, der mit ihm beim Schwingfest war, aber nicht im 
Klösterli ein kehrte, blieb gesund. 

Sie erkrankte wenige Tage nach dem Schwingfest mit hef¬ 
tigem Erbrechen und Diarrhoe; war dann wohl. 


Vor d. 22. Tag. 14. JuH. 


7. Juli, 
15. Tag. 


10. Juli. 


Schwer. 

Langwierig. 


Schwer. 


Pat. ging mit 12—14 Kameraden zu Fuss von Bern nach 
M. zum Schwingfest und zurflck; seine Kameraden, die 
in M. kein Wasser tranken, blieben sämmtlich gesund. 
Schon eine Woche vor dem ersten Besuch beim Arzt halte 
er intensive Kopfschmerzen. 


12 Tage später 
gastrisches 
Fieber. 


Pat. wurde bald geheilt; es wurde kein ausgesprochenerI 
Typhus. I 


5. Juli, 
13. Tag. 


Schwer. 


Fall 13 und 14 sind den Berichten der Herren Dr. e. ins I 
und PiUiekoijf an die Direction des Innern entnommen. I 


CA. 8 Tage nach ca. 8 Tage 
dem später. 

Schwingfest. 


f 18. JuH. 


Pat. verkaufte beim Schwingfest in Mttnsingen EsswaarenII 


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214 


sere Quantitäten an. Erwägt man dabei, dass der Bruder von Fall 8, der nicht 
mit im Klösterli einkehrte, dass die 12 Kameraden von Fall 10, die kein Wasser 
tranken, gesund blieben, so gewinnt die Annahme der Schädlichkeit des genosse¬ 
nen Wassers doch an Wahrscheinlichkeit. Und wenn wir nicht erklären können, 
warum nicht alle Leute, die da vermuthlich Wasser getrunken haben, am Typhus 
erkrankt seien, so haben wir dieselbe Schwierigkeit bei Annahme der Infection durch 
die Lungen, da doch Alle ungefähr dieselbe Luft geatlimet haben. 

In den sonstigen genossenen Getränken oder Speisen den Anlass zur Typhus- 
infection zu suchen, dafür konnte ein Anhaltspunct nicht gefunden werden. — 

Resumiren wir also das Ergebniss der Analyse obiger Fälle, so findet sich: 

1) dass Typhusinfection durch einen einmaligen mehrstündigen (bis ^ständi¬ 
gen) Aufenthalt in Münsingen erfolgte; 

2) dass die Incubationszeit bis zum Ausbruch der fieberhaften Erkrankung 12 
bis 16 (im Mittel 14) Tage betrug; 

3) dass mehrfach primäre vorübergehende gastrische Störungen am 2.-4. Tage 
nach erfolgter Infection beobachtet wurden; 

4) dass mit einiger Wahrscheinlichkeit der Genuss von mit Typhusdejectionen 
verunreinigtem Trinkwasser als Ursache der Infection beschuldigt werden kann. 


Ich schliesse hier einige Beobachtungen des Herrn Dr. Salchli in Aarberg an, 
die. derselbe mir freundlichst mittheilte und die ebenfalls für die Aetiologie des 
Typhus von Interesse sind. 

Herr Dr. S. schreibt: „In der letzten Woche des Aufenthalts der internirten 
Franzosen in Aarberg, vom 13.—19. März 1871, balgten sich 3 Knaben im Alter 
von 9—14 Jahren in einem Haufen Stroh herum, der von geleerten Strohsäcken 
an Typhus verstorbener Franzosen herrührte. Dabei schüttelten sie das Stroh zu 
mehreren Malen und an verschiedenen Tagen durcheinander. Mit Typhuskranken 
waren die Knaben nie in Berührung gewesen.“ 

„Am 22. März erkrankte einer der Knaben und kam am 24. in meine Beobach¬ 
tung. Vom 20. —31. März erkrankte ein zweiter; den Tag der Erkrankung kann 
ich nicht genau angeben, da er erst am 31. März in meine Beobachtung kam, aber 
schon mehrere Tage krank darniedergelegen war. Am 2. April war auch der dritte 
und älteste der Knaben, des zweiten Bruder, bettlägerig. Alle 3 Fälle entwickel¬ 
ten sich zu sehr schweren Typhen, besonders bei den beiden Brüdern, von denen 
der jüngere einer foudroyanten Darmblutung in Zeit von 2 Stunden am 12. April 
erlag. Ein dritter Bruder von 7 Jahren erkrankte dann in der letzten Woche 
Aprils. Eine Weiterverbreitung auf andere Familienglieder oder andere Familien 
hatte nicht statt und so blieben diese 4 Fälle die einzigen in unserer Gemeinde.“ — 
Diese Erkrankungen sind dadurch von grossem Interesse, als hier in 2, viel¬ 
leicht sogar in 3 Fällen die Infection fast sicher durch Einathmung erfolgt 
ist, — durch den aus dem Stroh aufgewirbelten Staub, in welchem eingetrocknete 
Reste von Typhusdejectionen zu vermuthen nicht unberechtigt erscheinen wird. 
Immerhin wird es unentschieden bleiben, ob das Gift aus diesem Staub von der 


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Schleimhaut der Respirationswege selbst (Nase, Bronchien) resorbirt wurde, oder 
ob der Staub in Mund- und Pharynxhöhle hängen blieb und dann verschluckt 
wurde. 

Die Incubationszeit ist nicht scharf zu bestimmen, da die Knaben im Lauf 
einer Woche mehrmals im Stroh spielten , doch muss sie für den ersten Knaben 
zwischen 3 und 9 Tagen, für den zweiten zwischen 1 und 15 Tagen 
angenommen werden. 

Die Erkrankung des dritten Knaben ist für die Incubationsdauer deshalb nicht 
zu verwerthen, weil er, Bruder des zweiten, möglicherweise erst im Hause durch 
dessen Vermittlung inficirt sein konnte.“ — 

Weiter schreibt Herr Dr. Salchli :„Einen weiteren Fall von Infection nach kurz 
dauernder Einwirkung des Typhusgiftes hatte ich 1873 Gelegenheit zu beobachten: 
Eine ältere Frau, die in der Nähe von Wichtrach (unweit Münsingen) nahe 
Verwandte hatte, von denen mehrere an Typhus krank w r aren und einige erlagen, 
begab sich an eines der Leichenbegängnisse und verweilte blos 2, höchstens 3 Tage 
in dem Typhushause. Bei ihrer Fahrt nach Hause fühlte sie sich schon unwohl 
und nach einigen Tagen lag sie bei sich zu Hause am Bielersee, wo im ganzen 
Dorf und Umgegend kein Typhus war, an Typhus darnieder, dem sie dann nach 
14 Tagen erlag. Ihre Tochter erkrankte 14 Tage nach dem Tode ihrer Mutter 
auch an Typhus, überstand denselben aber. Auch von hier aus entwickelten sich 
keine weiteren Fälle.“ 

Hier erfolgte die Infection durch den kurzen Aufenthalt im Typhushause; ob 
durch Luft, Wasser oder sonstwie muss dahingestellt bleiben* Die Grenzen der 
Incubationszeit liegen zwischen 1 und 6 Tagen. 


Gewiss ist es auffallend, dass bei verschiedenen Beobachtungen, von denen 
jede einzelne, soviel ich sehe, als zuverlässig und einwurfsfrei angesehen werden 
muss, so verschiedene Incubationszeiten sich herausstellen. Allerdings sind die 
von anderen Autoren gegebenen Incubationszeiten (vergl. Dr. A . Vogt , „Corr.-Bl.“ 
1874, pag. 121) noch verschiedener und in den einzelnen Fällen meist noch unbe¬ 
stimmter begrenzt. (Maximum 77, Minimum 1 Tag); auch wird die Bestimmung 
der Incubationszeit durch die Unsicherheit des Anfangs der eigentlichen Krankheit 
erheblich erschwert; allein, wenn wir absehen von Morbillen, Vaccine und Variola, 
wo die Incubationszeit einige Constanz zeigt, so begegnen wir ähnlichen Verschie¬ 
denheiten auch sonst; und selbst bei Impfversuchen mit syphilitischem Gift, wo 
also über den Zeitpunct der Infection durchaus kein Zweifel herrschen kann, finden 
wir nach der Zusammenstellung von Bäumler (Ziemssen Handb. d. spec. Path. III) 
sehr verschiedene Zeiträume bis zum Erscheinen der Localaffection und noch ver¬ 
schiedenere bis zum Ausbruch der constitutioneilen Symptome. Differenzen der 
Incubationszeit des Typhus in verschiedenen Beobachtungen sind daher an sich 
nicht verdächtig, sobald die Beobachtungen im Uebrigen einwurfsfrei sind, und 
werden wir den Grund dafür suchen müssen in der Menge des eingefiihrten Giftes, 


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in der verschieden schnellen Zerstörung (durch den Magensaft z. B.) oder Vermeh¬ 
rung desselben, vielleicht auch in der Verschiedenheit der Einfuhrwege desselben. 

Gerade letzterer Umstand kommt vielleicht für die Kritik der oben aufgeführ¬ 
ten Fälle in Betracht, da in den Münsinger Fällen mit einer Incubationszeit von 
12—16 Tagen die Infection vermuthlich durch Wasser erfolgt war, während in den 
Fällen von Dr. SalchH mit soviel kürzerer Incubationszeit das Gift wahrscheinlich 
eingeathmet worden war. Auch Griesinger und Murchison fuhren Fälle sehr kurzer 
(z. Th. nur ltägiger) Incubationszeit an, wo augenscheinlich Einathmung stattge¬ 
funden hatte. 

Wie die oben angeführten primären gastrischen Störungen zu erklären seien, 
die erst zwei Tage nach der Infection auftraten, muss dahingestellt bleiben. 


Zur sympathischen Ophthalmie. 

Vortrag gehalten in der Section Luzern der medicinischen Gesellschaft der Central- 

Schweiz von Dr. Pflüger in Luzern. 

(Schluss.) 

Fall V. Fr. Z. in L., 20 Jahre alt, Dachdecker, suchte am 29. August bei mir 
Hülfe für sein linkes Auge. Vor 8 Tagen, erzählte er, habe er sich bei der Arbeit 
mit einem Nagel am obern Lide geritzt; der Arzt, an den er sich gewendet, habe 
erklärt, in 3—4 Tagen sei alles gut und nun werde doch das Auge von Tag zu 
Tag schlimmer. Die Spuren der Verletzung waren noch sichtbar, erklärten aber, 
da sie ganz oberflächlich waren und nur die Cutis betrafen, keineswegs den hoch¬ 
gradigen Entzündungszustand des ganzen Auges, die massenhafte blennorrhoischo 
Secretion und die bereits totale, zum Theil schon dicht graue, zum Theil rauchige 
Infiltration der Cornea. Auf die Frage, ob Patient an Gonnorrhos leide, wurde 
dies ohne Anstand zugegeben, ein neuer Beweis dafür, dass leichte Conjunctiviti¬ 
den oder unbedeutende Verletzungen des Auges, indem sie Anlass zur Berührung 
der Augen geben, bei gleichzeitig bestehender Gonnorhoe verhängnisvoll werden 
können. Mit kalten Umschlägen und Atropin wurden bald die heftigen Schmer¬ 
zen gelindert; die Secretion wurde mit Tanninlösungen bekämpft. Der fortschrei¬ 
tenden totalen Necrose der Cornea konnte kein Einhalt geboten werden. 

Am 1. October erscheint Z. mit der Klage, er sehe auf dem rechten Auge 
nicht mehr gut, es tanzten lauter Farben vor demselben, er sehe über allen Gegen¬ 
ständen einen gelbrothen Schein, die Helle verblende ihn und verursache ihm in 
beiden Augen stechende Schmerzen. 

Der linke Bulbus war bedeutend zusammengeschrumpft, spontan und auf Druck 
etwas schmerzhaft, die Schmerzhaftigkeit hatte aber nicht den ausgesprochenen 
cyclitischen Charakter; die Secretion batte ganz aufgehört. Das rechte Auge war 
schwach injicirt, las nach Correction der Hypermetropie V 90 Sn. X mit convex 
10 Sn. VHI; für die Feme betrug der Visus “/tot* Die Pupille erweiterte sich 
auf Atropin maximal. Das Ophthalmoscop zeigte eine beginnende Neuro-retinitis, 


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leicht geschwellte, verwischte Pupillarränder, Retinalgefässe in der Nähe der Pu¬ 
pille stellenweise umflort. Da mir über die Correspondenz dieser Entzündung mit 
dem pbthisischen Bulbus kein Zweifel zu bestehen schien, so wurde am 2. October 
die Enucleation ausgeführt, welche in der Technik etwas mehr Schwierigkeiten 
als gewöhnlich bot, weil die Conjunctiva bulbi überall innig mit der Sklera ver¬ 
wachsen war. Zwei Tage nach der Operation war das Flimmern und Farben¬ 
sehen, der gelbrothe Schein ganz vergangen, eine Bestätigung der sympathischen 
Natur des Leidens. Am 6. Tage hatte sich die Sehkraft auf *%o gehoben. Am 
12. Odober wurde Heucteloup applicirt und 8 Tage später betrug der Visus a %o 5 
in der Nähe wurde Sn. II erkannt; die Retinalgefässe waren frei, der Pupillenrand 
noch nicht ganz scharf. Damit zufrieden, hat Patient sich seither nicht wieder 
vorgestellt. 

Der phthisische Bulbus hat unter der Druck- und Zugwirkung der 4 Recti 
die Form einer kurzen Birne angenommen. Seine Längsaxe beträgt^l8 mm., der 
grösste Breitendurchmesser 20 mm., ungefähr 6 mm. hinter der Cornealebene, von 
wo an der Bulbus sich rasch verjüngt. Der Querdurchmesser des Cornealrudiments 
misst 8 mm.; etwas excentrisch nach innen ist es von einer 4 mm. im Durchmesser 
haltenden flachen knopfförmigen Masse occupirt. Auf dem horizontalen Durchschnitt 
ist zu beiden Seiten der Narbe ein 1 mm. breiter Rand von Cornealsubstanz er¬ 
halten ; diesen entsprechend findet sich die vordere Kammer noch angedeutet. Die 
Linse fehlt vollständig; die Ueberreste ihrer Kapsel, der grössere centrale Theil 
der Iris und die Corneanarbe sind innig zu einer Masse verschmolzen, an der eine 
makroskopische Differenzirung der ursprünglichen Gebilde nur durch die dunkle 
Farbe der Iris möglich ist. Die Netzhaut ist entsprechend der phthisischen 
Schrumpfung des Bulbus faltenförmig abgehoben. 

Das Corpus ciliare wurde mikroskopisch untersucht, um zu eruiren, ob eine 
Cyclitis, die makroskopisch nicht nachweisbar war, vorhanden gewesen sei oder 
nicht. Eine entzündliche Infiltration war nur in der Iris aufzufinden; einzelne Ei¬ 
terzellen waren bis in die Basis der Ciliarfortsätze und zwischen die allernächsten 
Bündel des Ciliarmuskels vorgedrungen. Der eigentliche Corpus ciliare hingegen 
war frei von entzündlicher Infiltration. Die circulären Faserbündel des Ciliarmus¬ 
kels waren stark entwickelt, was nach lxcanoff im Gegensatz zu den myopischen 
• Augen in den hypermetropisch gebauten regelmässig Vorkommen soll 

Im einen oder andern Falle möchte vielleicht die sympathische Natur des Lei¬ 
dens angezweifelt werden, namentlich mit Rücksicht auf den günstigen Verlauf, 
weil wir, wie oben erwähnt, gewöhnlich die sympathische Erkrankung unter der 
Form der perniciösen Irido-Cyclitis auftreten sehen, welche häufig genug alle An¬ 
strengungen der Kunsthülfe compromittirt. Was mir den sympathischen Charakter 
8ämmtlicher Fälle beweist, ist die enge Wechselbeziehung der später afficirten mit 
dem ersterkrankten Auge, welche durchgehende evident war. Unter Schmerzen 
des ersterkrankten Auges entzündete sich das andere. Lichteinfall ins zweite Auge 
erregte in allen Fällen mehr ojler weniger Schmerzen im ersten. Photophobie war 
bei jedem Patienten in ausserordentlich hohem Grade vorhanden. Subjective Far¬ 
benerscheinungen sowie Schwankungen in den Symptomen bei Erkrankung des 


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zweiten Auges wurden mehrmals angegeben. Die Druckempfindlichkeit, der cycli- 
tische Schmerz des ersterkrankten Auges war hingegen nicht in allen Fällen so 
ausgesprochen, wie dies gewöhnlich postulirt wird. Es sind übrigens von anderer 
Seite schon Fälle bekannt gemacht worden, wo dieser Schmerz ganz fehlte. Einem 
Zweifel über die sympathische Natur des Leidens im einen oder andern Falle 
würde ich gleichwohl keinen Einfluss auf die Behandlung eingeräumt haben, da 
4 Bulbi amaurotisch waren und nur einer quantitative Lichtempfindung besass, aber 
ohne Aussicht auf Besserung. Conservative Behandlung wäre Unterlassungssünde 
gewesen. 

Obwohl es sich hier nur um 5 Fälle handelt, so erlauben Sie mir dennoch 
einige zusammenfassende Bemerkungen. 3 Fälle betreffen junge Männer von 21 
bis 23 Jahren; 4 Mal ist das linke Auge das ersterkrankte und nur 1 Mal das 
rechte. Als Affectionen, welche die sympathische Erkrankung hervorgerufen ha¬ 
ben, sind zu verzeichnen: 2 Mal Irido-Cyclitis in Fall 1 nach Iridectomie 
bei Secundärglaukom in Folge von plastischer Iritis, in Fall 4 wahrscheinlich durch 
ein Corpus alienum hervorgerufen, 2 Mal Phthisis bulbi in Folge von Horn¬ 
hautvereiterung, in Fall 2 nach Hypopion-Keratitis, in Fall 5 nach gonnorrhoischer 
Ophthalmie, in beiden Fällen ohne eigentliche nachweisbare Cyclitis, 1 Mal per- 
forirende Wunde der Cornea und Linse mit Verlöthung der Iris an den Wund¬ 
rändern und mit verschiedenen Fremdkörpern im Glaskörper und dem Augenhinter¬ 
grund. Die Zeitdauer, in welcher die sympathische Entzündung nach Erkrankung 
des ersten Auges auftrat, variirt zwischen wenigen Wochen und 15 Jahren. In 3 
Fällen war die sympathische Affection zum Ausbruch gekommen; 2 Mal Iritis mit 
Adhärenzen (Fall 1 und 2), 1 Mal Neuro-retinitis (Fall 5), eine bisher nur selten 
als sympathische Affection erwähnte Form. Ein Mal wurde im Prodromalstadium 
operirt (Fall 3) Fall 4 ist mit Bezug darauf, ob noch Prodromalstadium oder Ent¬ 
zündung vorlag, nicht ganz klar. Das Auge war lebhaft injicirt, Sehvermögen 
herabgesetzt, Iris nicht wesentlich verändert, Augenspiegeluntersuchung war wegen 
der grossen Lichtscheu unterlassen worden. Wahrscheinlich gehört der Fall zu 
den sogenannten sympathischen Neurosen. 

Alle 5 Patienten kamen schliesslich dazu, Sn. 2— D/a zu lesen. In Fall 1 blieb 
noch Monate lang eine enorme Ermüdbarkeit und ein kleiner Nebel zurück. In 
Fall 1 und 4 verlor sich die Injection des Bulbus sehr langsam, im Verlauf von 
Wochen. 

Die günstigen Resultate sind grossentheils dem Umstande zu verdanken, dass 
in allen Fällen relativ früh operirt wurde; sie geben beredtes Zeugniss für die früh¬ 
zeitige Enucleation amaurotischer Bulbi, welche im Verdachte stehen, sympathische 
Erkrankung des zweiten Auges anregen zu können. 

Da kaum sämmtlichc Collegen mit den sympathischen Gesichtsstörungen genau 
vertraut sein werden, so mag es nicht unstatthaft sein, in Kürze auf das Wesent¬ 
lichste des uns über dieselben Bekannten zurückzukommen. Trotz des äusserst 
pernieiösen Charakters der sympathischen Affectionen und trotz der interessanten 
Vielgestaltung derselben sowie der ursächlichen Erkrankungen war es doch einer 
relativ jungen Zeit Vorbehalten , Licht über diese Krankheitsgruppe zu verbreiten. 


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Nach Arlt ist es wahrscheinlich, dass erst zu Anfang dieses Jahrhunderts von den 
Ophthalmologen der Wiener Schule einige Beobachtungen über den sympathischen 
Einfluss einer traumatischen Entzündung des ersten Auges auf das zweite gemacht 
wurden. In Frankreich war Demours der erste Arzt, der schon im Jahre 1818 das 
Vorkommen sympathischer Erblindungen constatirt hat; seine Beobachtungen blie¬ 
ben aber ganz vereinzelt, bis im Jahre 1848 Makenzie von einer Iritis sympathica 
sprach, durch dessen französische Uebersetzung mehrere französische Autoren 
(Laugier , Tavignot , Nelaton , Prichard) angeregt, dem Gegenstände grössere Aufmerk¬ 
samkeit schenkten. Von Grcefe's Verdienst um die Lehre der sympathischen Augen¬ 
leiden liegt vorzugsweise darin, dass er die Cyclitis symptomatisch präcisirte und 
dieselbe entschieden für das Zustandekommen jener verantwortlich machte. Ich 
bin nicht mehr geneigt, spricht er sich aus,*) anzunehmen, dass eine einfache 
Spannungsvermehrung mit oder ohne Ektasie, oder wiederkehrende intraoeuläre 
Blutungen für sich sympathische Ophthalmien hervorrufen, sondern ich glaube, dass 
diese Zustände alle durch das Hülfsmoment hinzutretender hyperplastischer Cyclitis 
den Vorgang einleiten. 

Eine äusserst werthvolle, auf sorgfältige Beobachtung einer grossen Anzahl 
von Fällen basirte Bearbeitung der sympathischen Gesichtsstörungen lieferte Mooren 
in Düsseldorf im Jahre 1869. Dieser Autor beobachtete in 52 Fällen eine sym¬ 
pathische Amaurose durch Vermittlung einer auf dem ersten Auge bestandenen 
Cyclitis; als veranlassende Erkrankungen des ersten Auges sind in 14 Fällen Ver¬ 
letzungen des Ciliarkörpers, in ebenso viel Fällen Phthisis bulbi angeführt; 7 Mai 
war die Reclination vorausgegangen. Von 1856 — 1866 behandelte Mooren 20 Fälle 
sympathischer Augenaffectionen, ohne dass die Amaurose des ersten Auges zu Er¬ 
blindung des zweiten geführt hatte; unter den veranlassenden Momenten figuriren 
9 Reclinationen, 2 Verletzungen des Corpus ciliare, 2 Phthisis bulbi traumatica, 
2 Irido-chorioiditis etc. Vom 15. October 1866 bis 14. April 1869 beobachtete 
Mooren 40 Fälle sympathischer Erkrankungen; Primäraffectionen waren 10 Irido- 
cyclitis, 6 Prolapsus iridis, 6 Phthisis bulbi, 3 Netzhautablösungen, 3 Ciliarkörper¬ 
verwundungen etc. 

In der Analyse der ursächlichen Primär-Erkrankungen, welche sympathische 
Ophthalmie zur Folge haben können, spricht Mooren conform den von Grafe* sehen 
Ansichten von den Ursachen der Cyclitis in ihrem Einfluss auf sympa¬ 
thische Störungen, d. h. er nimmt auch an, dass sämmtliche Primär-Affectionen 
nur durch das Mittelglied einer secundären Cyclitis zu sympathischen Störungen 
Veranlassung geben. Sein Schlusssatz lautet: Eine jede Entzündung im Bereiche 
des Uvealtractus, ganz unabhängig von der ersten Ursache ihres Entstehens, er¬ 
langt die Fähigkeit sympathische Störungen zu veranlassen, sobald sie von vorn¬ 
herein als Cyclitis auftritt oder sobald sie im Laufe der Zeiten diesen Charakter 
annimmt. 

Eine gewisse Modification des Dogma’s, dass Cyclitis stets das Mittelglied 
bilden müsse, gibt Mooren durch 2 Krankengeschichten. Im einen Falle handelte 
es sich nicht, wie er vorausgesetzt hatte, um eine schon bestehende Cyclitis, son- 


*) Arch. c O. xn. 2. 


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«!* 


— 220 — 


dern, wie es sich nachträglich herausstellte, blos um eine Neuralgia ciläaris, die 
durch den Einfluss eines gezerrten, sensiblen Nerven jene Erscheinungen sympa¬ 
thischer Ophthalmie hervorgerufen hatte, Vorgänge, die Mooren mit dem Namen 
Pseudo-cyclitis bezeichnen möchte. Im zweiten Falle sieht er sich zu dem Aus¬ 
spruche veranlasst: Ich vermuthe, dass auch in diesem Falle (Prolapsus iridis) den 
Zerrungseinflüssen, welche die unbehinderte Action des Corpus ciliare beeinträch¬ 
tigen, eine grössere Bedeutung beizulegen ist, als den relativ unbedeutenden Er¬ 
scheinungen einer sich kaum manifestirenden Cyclitis; dem sei doch, wie ihm wolle, 
ich hege die feste Ueberzeugung, dass die durch die Dehnung bewirkten Irritations¬ 
phänomene sich zur Höhe einer Cyclitis weiter entwickeln können. 

Diese Ansichten Mooren's sind sehr beherzigenswerth; schon eine durch Zer¬ 
rung, Druck oder irgend eine mechanische Beleidigung bedingte Irritation eines 
oder mehrerer Ciliarnerven ist im Stande, sympathisches Erkranken wachzurufen, 
ohne dass es zu einer erklärten Cyclitis gekommen sein muss, welche allerdings 
in der Regel die Mittlerrolle übernimmt. Diese Auffassung wird gestützt durch 
die vereinzelten Beispiele, wo gleich nach der Enucleation noch sympathische Oph¬ 
thalmie auftrat, ferner durch die Fälle, in denen geraume Zeit nach der Enuclea¬ 
tion durch das Tragen eines künstlichen Auges der Opticusstumpf und die Orbita 
an verschiedenen Stellen schmerzhaft und das zweite Auge sympathisch erkrankt 
gefunden wurde. Analoge Dehnungs- und Zerrungseinflüsse werden in upsern 
beiden Fällen von Phtbisis bulbi (2 und 5) mitgewirkt haben; in beiden Fällen 
war nahezu die ganze Hornhaut vereitert, die Iris innig mit der CornealnarLe 
verwachsen und hatte bei der Narbencontraction nothwendig gezerrt werden müssen. 

Als Ursachen sympathischer Erkrankungen respective der Cyclitis führt Mooren 
an Hand eigener Beobachtungen an: Irido-chorioiditis, spontane Netzhautablösung, 
Cysticercus, Prolapsus iridis, Linsenluxation, Reclination, Tragen eines künstlichen 
Auges, Quetschungen und Verwundungen des Ciliarkörpers, Scleralwunden, Ein¬ 
dringen von Fremdkörpern, Phthisis bulbi. 

Als Formen sympathischer Störungen beschreibt Mooren vor Allem die häufigste 
und pernieiöseste derselben, die plastische Irido-Cyclitis, ferner eine einfache sym¬ 
pathische Iritis, zu welcher unsere Fälle 1 und 2 gezählt werden dürften, eine 
seröse sympathische Iritis, eine sympathische Chorioiditis, als seltene Form eine 
sympathische Chorio-retinitis, ferner sympathisches Glaukom und endlich die sym¬ 
pathische Neurose, deren Erscheinungen die grösste Aehnlichkeit mit denen der 
Photophobia scrofulosa haben sollen. Mooren betont nachdrücklich, dass jede sym¬ 
pathische Entzündungsform, gleichviel in Welchem Theile des Uvealtractus sie be¬ 
ginnt, wenn sic in ihrem Entwicklungsgänge nicht sistirt wird, später unbedingt 
den Charakter der Irido-cyclitis annimmt. 

Ueber der Pathogenese der sympathischen Störungen ist schon manches 
Dunkel gelichtet, indessen sind wir noch weit entfernt von einer Lösung der Frage. 
Die erste und wesentlichste Bedingung für das Zustandekommen einer sympathi¬ 
schen Störung ist die Reizung eines Ciliarnerven resp. eines Trigeminusastes, 
gleichgültig, ob sie durch genuine Cyclitis oder durch Zerrung, Dehnung, Verkal¬ 
kungen etc. bedingt wird. Es fragt sich nun, welche Nerventhätigkeit könnte hier 


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221 - 


möglicherweise mitwirken, um eine solche eigentümliche Reihe von Storungen 
hervorzurufen. Mooren gibt hierauf die Antwort, es ist die Einwirkung des Tri¬ 
geminus einerseits auf den Opticus, anderseits auf den Sympathicus. Die Mitwir¬ 
kung des Oculomotorius weist er auf Grund zahlreicher Untersuchungen bewähr¬ 
ter Physiologen von der Hand ; ebenso negirt er den Einfluss des Trigeminus der 
einen Seite direct auf den Trigeminus der andern Seite, da in der Pathologie nicht 
eine einzige Thatsache vorliegt, die bewiese, dass eine einseitig aufgetretene, durch 
peripherische Einflüsse bedingte Neuralgie eines Trigeminusastes jemals eine Aus¬ 
dehnung auf die zweite Gesichtshälfte genommen hätte. Mooren erinnert an den 
reflectorischen Einfluss des Opticus auf den Trigeminus, der sich beim Licbteinfall 
in ein entzündetes Auge durch Niessen, Husten kund gibt, ferner an die von Hyrtl 
u. A. behauptete Nervenverbindung eines Ciliarastes mit dem Opticus, an die That¬ 
sache der vergleichenden Anatomie, dass bei den Avertebraten durchgängig durch 
anatomische Anordnung sowohl als durch physiologische Dignität der Empfindungs¬ 
nerv des Kopfes, also der Trigeminus, als der Hauptnerv sich zeigt, als dessen 
Aeste die andern Sinnesorgane auftreten. Umgekehrt wirkt auch der Trigeminus 
reflectorisch auf den Opticus; bei den verschiedensten Trigeminusneuralgien hat 
Mooren schon Opticushyperästhesie, subjective Lichtempfindungen etc. beobachtet 
Für die Einwirkung des Trigeminus auf den Sympathicus argumentirt namentlich 
die Beobachtung von Mooren , dass in Fällen, wo nach Cyclitis sympathische Ent¬ 
zündung des andern Auges und Epilepsie aufgetreten war, die letztere durch die 
Enucleation geheilt wurde, ferner die Beobachtung, dass in einem Falle von Blcn- 
norhoe, complicirt mit Kerato-iritis bei einem Erwachsenen die Secretion erst anfing 
deutlich abzunehmen, als die gleichzeitigen Ciliarschmerzen durch subcutane Mor- 
phiuminjectionen bekämpft wurden, endlich die 2 Mal gemachte Erfahrung, dass 
durch Beseitigung einer Trigeminusneuralgie der ganz merkwürdig herabgesetzte 
intraoculäre Druck wieder zur Norm zurückkehrte. 

Die Einwirkung des Trigeminus auf den Opticus, spricht sich Mooren wörtlich 
aus, und die Leitung der Reize durch die Vermittlung des letzten Nerven erklärt, 
dass der Sehnerv des zweiten Auges reflectorisch auf den Trigeminus der entspre¬ 
chenden Seite zurückwirkt und die Auslösung der übermittelten Reizvorgänge in 
dem Ganglion ciliare stattfindet Diese Verhältnisse können indessen nicht genü¬ 
gend sein, um das Zustandekommen sympathischer Störungen zu erklären, es be¬ 
darf dazu noch eines dritten Factors, der die Verhältnisse der Nutrition, der Se¬ 
cretion und Accommodation bestimmt Diese Einflüsse können nicht anders als 
von der Mitwirkung der Sympathicus abhängig sein. Auf welchem Wege die Leitung 
dieser Mitwirkung vor sich geht, ob auf centralen Bahnen oder durch die von 
Adamiuk behaupteten directen Uebergänge sympathischer den Opticus begleitender 
Fasern ist noch nicht festzustellen. Wir sind genöthigt in dem Ganglion ciliare 
des zweiten Auges den Centralheerd der sympathisch vermittelten Einwirkungen 
zu suchen, nicht blos aus rein physiologischen Gründen, sondern weil mehrere Be¬ 
obachtungen vorliegen, in denen correspondirend dem cyclitiscben Entzündungs- 
heerd des primär erkrankten Auges die sympathische Entzündung an derselben 
Stelle des zweiten Auges ihren Anfang nahm. 


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222 


Zum Schluss noch einige Worte über die Therapie. Obenan steht die Enu- 
cleation des ersten erkrankten Auges; als Präventivmassregel ist sie unersetzlich. 
Indicirt ist sie für alle stark amblyopischen und amaurotischen Bulbi, welche an 
ausgesprochener Cyclitis leiden, bei denen sich die gewöhnliche Behandlung der 
Cyclitis als erfolglos erwiesen hat, ferner wenn eine sog. Pseudo-Cyclitis, eine 
Schmerzhaftigkeit des Ciliarkörpers vorliegt; in seltenen Fällen können diese fehlen 
und müssen dann die Prodromalerscheinungen sympathischer Störungen massgebend 
sein, von denen die wichtigsten sind Photophobie, Thränen, Herabsetzung der Seh¬ 
schärfe, grosse Ermüdbarkeit der Aceommodation, subjective Licht« und Farben¬ 
erscheinungen, zuweilen Einengung des Gesichtsfeldes. Ist eine sympathische 
Entzündung schon zum Ausbruch gekommen, so muss gleichwohl enucleirt werden, 
da hiedurch nicht selten leichtere sympathische Formen gehoben werden können, 
so die Neuro-retinitis, die Secretionsneurose, die seröse und die einfache Iritis; 
es liegen sogar vereinzelte Beobachtungen vor, in denen ein mit perniciöser Irido- 
cyclitis behaftetes Auge gerettet worden ist. Ist dies bei der perniciösen Form 
auch eine grosse Ausnahme, so beschränkt die Operation doch durch Unterbre¬ 
chung in der Continuität der Reizerscheinungen die Summe der auf das zweite 
Auge einwirkenden Gefahren. Contraindicirt ist die Enucleation einzig dann, wenn 
bei fortgeschrittener maligner sympathischer Irido-Cyclitis das erste Auge noch 
ein leidliches Sehvermögen behalten hat, da erfahrungsweise zuweilen der primäre 
Process erlöschen kann, ohne dass es zur Amaurose kommt. Andere operative 
Eingriffe, als Ersatz für die Enucleation, 1. die Zerstörung der Ciliarnerven durch 
Erregung einer eitrigen Chorioiditis, 2. die intraoculäre Durchschncidung der Ci¬ 
liarnerven, sind später von ihrem Autor, von Grafe , wieder aufgegeben worden. 
Vor der Iridectomie auf dem zweiten Auge während des entzündlichen Stadiums 
wird von den bewährtesten Ophthalmologen gewarnt, da durch dieselbe nie genützt, 
häufig geschadet wurde. Dies mag von der malignen Irido-Cyclitis gelten, nicht 
po ganz aber für die einfache sympathische Iritis; in unsern 2 Fällen wenigstens 
hat die Iridectomie vortreffliche Dienste geleistet. Die Behandlung der perniciösen 
Irido-Cyclitis beschränkt sich rein auf Abhaltung äusserer Schädlichkeiten; Deri- 
vantien, sogar Atropin, sollen schädlich wirken; erst nach Ablauf sämmtlicher Reiz¬ 
erscheinungen darf der Versuch einer Iridectomie gemacht werden. 


"V eireinstoeriohte. 


Neunte Versammlung der schweizerischen Irrenärzte 

den 24. und 25. November 1874 in der Heil- und Pflegeanstalt Königsfelden 

(Ctn. Aargau). 

(Schluss.) 

Zweiter Tag. 

Zu den am ersten Tag anwesenden Theilnehmern waren noch hinzugekommen 
die Herren Dr. Bruggisser von Wohlen, Erismann von Brestenberg und Schriebti von 
Baden als Mitglieder der Aufsichtscommission für Königsfelden. 


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223 


r 


Um 10 Uhr begann Herr Director Wille seinen Vortrag über das Ver* 
bältniss der c o n s t i t u ti o n e 11 e n Krankheiten zu den erbli¬ 
chen Psychosen. 

Da der Vortragende dieses Thema nur als Bruchstück einer grossem Arbeit 
bezeichnet, deren Veröffentlichung uns in Aussicht steht, kann sich der Referent 
auf einige kurze Notizen beschränken. Dr. Wille sagt: Eine der wichtigsten Fra¬ 
gen in der Psychiatrie ist die der Erblichkeit. Wir besitzen darüber zwar einige 
Daten, aber noch lange kein vollständiges statistisches Material. Aber auch das 
statistische Zahlenverhältniss kann uns nur theilweise aufklären. Die Lösung der 
Frage muss hauptsächlich durch die Erfahrung, basirend auf exacter Beobachtung 
und klinischer Untersuchung geschehen. Auf diesem Wege gelangen wir zur Auf¬ 
stellung folgender 4 Gruppen: 

I. Die Nachkommen geistes- und nervenkranker Voreltern tragen schon von 
Geburt oder wenigstens von der ersten Kindheit an die Merkmale abnormer Hirn¬ 
organisation und davon abhängige Symptome pathologischer Hirnfunction an sich. 

II. Die Nachkommen solcher Eltern entwickeln sich von der Kindheit an 
durch eine verschieden grosse Reihe von Jahren hindurch normal, gelangen auch 
wohl bis zur Stufe höchster Entwicklung, deren ihre Organisation überhaupt fähig 
ist, verfallen aber alsdanu der Entwicklung abnormer Hirnzustände. 

III. Die Nachkommen solcher Eltern sind von Geburt psychisch und neuros 
normal und bleiben es, dagegen verfallen die Nachkommen dieser Nachkommen 
abnormen Hirnzuständen, 

IV. Die Nachkommen solcher Voreltern bleiben gesund und ebenso die Nach¬ 
kommen dieser Nachkommen. 

Bei der I. Gruppe ist der Zusammenhang klar. Die Krankheit der Nachkom¬ 
men ist als Fortsetzung der Krankheit der Eltern zu betrachten und entwickelt sich 
durch directe Uebertragung. 

Bei der II. Gruppe können wir 2 Fälle unterscheiden: 

1. Die Entwicklung der Geistesstörung steht in Zusammenhang mit sie veran¬ 
lassenden äussern Momenten (Pubertät, Involution, Alcohol). 

2. Die Erkrankung erfolgt ohne jede äussere oder innere Veranlassung. 

Zur Erklärung dieser Fälle müssen wir annehmen, dass nicht unmittelbar die 
Krankheit vererbt wird, sondern nur die Anlage dazu. Das Wesen dieser Anlage 
besteht darin, dass das Hirn solcher Individuen unter gewöhnlichen Verhältnissen 
in normaler Function bis zu einem gewissen Alter fortdauert, dann aber in Folge 
innerer oder äusserer Schädlichkeiten erkrankt (analoge Verhältnisse bei Rhachitis, 
Krebs, Chlorose, Phthisis). Fehlt dieses Moment der innern oder äussern Veran¬ 
lassung, wie im zweiten Fall dieser Gruppe, so wird die Erklärung des Zusammen¬ 
hanges schwierig und wir stehen hier vor einer noch offenen Aufgabe der Psy¬ 
chiatrie. Zur Lösung derselben muss ein pathologischer Zusammenhang, ein ver¬ 
bindendes Glied in der Kette der Erscheinungen gesucht und gefunden werden. 
Der Vortragende bringt nun 6 Krankengeschichten, aus denen hervorgeht, dass 
ludividuen, von geisteskranken Eltern abstammend, ohne Veranlassung geisteskrank 
geworden sind., mit grosser Neigung zum Uebergang in psychische Schwäche. Alle 


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diese Individuen zeigten Symptome von constitutioneilen Krankheiten (2 Mal in 
Form der Pseudoleukämie, 2 Mal in Form der Scrophulose, 1 Mal in Form der 
Phthise, 1 Mal in der Form des chronischen Rheumatismus. 

Da die Geistesstörung mit diesen Symptomen gleichen Schritt hielt, ist wohl 
anzunehmen, dass zwischen den committirenden Krankheiten und den Psychosen 
ein näherer Zusammenhang bestand in der Weise, dass die constitutionellen 
Krankheiten in der Form von Krankheitsanlagen vererbt wurden, eine Zeit 
lang latent geblieben sind, als solche aber immerhin eine derartige Altera¬ 
tion der Säftemischung bedingt haben, dass durch die abnorme Ernährung der 
Nervenelemente die spätem psychischen Krankheitszustände hervorgerufen werden 
konnten. 

Dr. Wille glaubt, dass nach Analogie dieser Erfahrungen überhaupt Geistes¬ 
krankheiten in Form von constitutionellen Krankheiten sich vererben können, und 
ist überzeugt, dass diese Art der Vererbung dem zweiten Fall seiner zweiten Gruppe 
zu Grunde liege. 

Eine grosse Rolle spielen neben obigen Krankheiten die Anlage zu Chlorose, 
Anämie, höchst wahrscheinlich auch zu Arthritis, Syphilis und Osteomalacie. 

Auf Grundlage dieser Thatsachen muss die Lehre von der Vererbung der 
Geisteskrankheiten an Verständniss gewinnen. Indem wir jene Krankheiten nicht 
als einfache Complicationen auffassen, sondern sie in das Verhältniss von Ursache 
und Wirkung stellen, muss auch für die klare Beobachtung und die practisch the¬ 
rapeutische Verwerthung Vieles gewonnen werden.* 

Bei der III. Gruppe müssen die nämlichen Erwägungen geltend gemacht wer¬ 
den , wie bei der IL Auch hier ist die Erklärung der Vererbung schwierig. Mit 
der blossen Annahme der Latenz der Geistesstörung ist die Sache nicht erklärt. 
Es scheint vielmehr auch hier die Wirkung einer latenten constitutionellen Krank¬ 
heit eine Rolle zu spielen, wofür Wille in seinen Krankengeschichten einzelne Be¬ 
lege gefunden hat 

Die IV. Gruppe möchte ihre Erklärung am besten durch glückliche Kreuzun¬ 
gen finden und als Analogon der modernen Thierzucht aufzufassen sein. Es wird 
die Aufgabe einer zukünftigen Gesundheitspflege sein, durch die Verwerthung der 
glänzenden Thierzuchtresultate für die Menschheit der Vererbung der Geisteskrank¬ 
heiten innerhalb der Familien entgegen zu wirken. 

Nach Verdankung dieser Arbeit hielt schliesslich Herr Director Schaufelbüel 
einen sehr interessanten freien Vortrag über Ernährung der Kranken. 

Beginnend mit einem ausführlichen R£sum4 der neuesten Anschauungen über 
die Physiologie der Ernährung erläutert der Vortragende die Wichtigkeit von ge¬ 
nauen Angaben über die Ernährung von gesunden und kranken Menschen. Diese 
Angaben müssen sich auf Zahlen stützen. 

Uebcr die Ernährung arbeitsfähiger Menschen gehen die Angaben der Physio¬ 
logen und Aerzte noch sehr weit auseinander. 

Während z. B. MolachoU , gestützt auf umfangreiche Versuchsreihen, für einen 
kräftig arbeitenden Mann ein mittleres Kostmass aufstellt von 130 Gramm Eiweiss, 
84 Gramm Fett, 404 Gramm Fettbildner und 30 Gramm Salz per Tag, verlangt 


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225 


Ranke per Tag 100 Gramm Eiweiss, 100 Gramm Fett, 240 Gramm Fettbildner und 
25 Gramm Salz. 

Director Schaufelbüel hat sich die Mühe genommen, für die Kranken und Irren 
in Königsfelden Ernährungstabellen anzufertigen, deren detaillirte Resultate im 
Jahresbericht pro 1873 veröffentlicht sind. Die Durchschnittszahlen wurden ge¬ 
funden durch Theilung der im Jahre 1873 verbrauchten Nahrungsmittel durch die 
Anzahl der Verpflegungstage. 

Auf diese Weise ergab sich per Tag und per Kopf folgender Verbrauch: 

a. Für die Krankenanstalt: 

Eiweiss 102,52 Gramm, Kohlenhydrate 349,25 Gramm, Fett 123,63 Gramm, 
Salz 30,71 Gramm oder C. = 311,62 Gramm, H. = 43,73 Gramm, N. = 15,38 
Gramm, O. = 203,34 Gramm, S. = 2,05 Gramm. 

b. Für die Irrenanstalt: 

Eiweiss 88,54 Gramm, Kohlenhydrate 361,22 Gramm, Fett 123,07 Gramm, Salz 
32,15 Gramm oder C. = 309,18 Gramm, H. = 43,27 Gramm, N. = 13,28 Gramm, 
O. = 205,34 Gramm, S. = 1,77 Gramm. 

Es erhellt aus diesen Zahlen, dass in der Ernährung der Anstaltskranken zu 
Königsfelden a priori so ziemlich das Richtige getroffen wurde, so weit nämlich 
die etwas weit auseinander gehenden Angaben der genannten Forscher als Mass¬ 
stab dienen können und insofern der fast bei allen Kranken zu constatirende gute 
Ernährungszustand als Beweis hiefür angeführt werden darf. Es scheint auch im 
Verhältniss des Eiweisses zu den Kohlenhydraten in der Kranken- und Irrenan¬ 
stalt das Richtige getroffen worden zu sein, indem die Ernährung dort mehr auf 
den Ersatz verloren gegangener Maschinenbestandtheile, hier mehr auf die Zufuhr 
von Brennmaterial zur Entwicklung von Kraft ausgohen muss. 

Freilich fehlen zur Vervollständigung der obigen Statistik die Resultate der 
Wägung der Kranken, welche aber in Zukunft bei jedem Ein- # und Austritt vorge¬ 
nommen werden soll. 

Die Angaben über gute, reichliche und genügende Kost in einzelnen Berichten 
über Kranken- und Irrenanstalten, welche sich nicht auf Zahlen stützen, sind nicht 
zu verwerthen. Nur durch Aufstellung von Nahrungstabellen verschiedenartiger 
Anstalten und verschiedener Länder und durch fortgesetzte physiologische Unter¬ 
suchungen wird es mit der Zeit möglich werden, genaue Formeln aufzustellen über 
eine sogenannte richtige Ernährung, d. h. über die nothwendige tägliche Einfuhr 
vpn Kohlenstoff, Stickstoff, Wasserstoff und Sauerstoff bei gesunden und kranken 
Menschen unter wechselnden Bedingungen. 

Nachdem auch dieser Vortrag von Herrn Director Wille im Namen der Gesell¬ 
schaft bestens verdankt, war die Zeit so weit vorgerückt, dass der projectirte Be¬ 
such der Krankenanstalt aufgegeben werden musste. Dagegen besichtigte man 
noch schnell die herrlichen Parkanlagen,' das zweckmässig eingerichtete Sections- 
haus und die Oeconomiegebäude der Irrenanstalt. 

Bei dem nun folgenden Mahle herrschte die fröhlichste Stimmung, welche sich 
bald in einigen gelungenen Toasten Luft machte. Director Kramer wurde als 
Ehrenmitglied aufgenommen. Man trennte sich mit der Hoffnung auf baldiges 


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16 



226 


Wiedersehen in Genf, dessen Anstalt als Versammlungsort für das Frühjahr 1875 
bestimmt wurde. 

Königsfelden den 31. December 1874. A. Weibel. 


Referate und Kritiken. 

Bericht Uber die Verwaltung des Gemeinde-Spitals in Biel in den Jahren 1870—1873. 

Von Dr. Neuhaus . 

Der im Jahre 1837 zum grössten Theil als sog. Nothfallstube gegründete Spi¬ 
tal ist 1867 in den im Pasquart gelegenen Neubau verlegt worden. Was sieb im alten 
Local an Negativem in allen Beziehungen vorgefunden, ist im neuen Gebäude in Posi¬ 
tives umgewandelt worden. In diesem laufenden Jahre ist bereits eine Döpendance er¬ 
richtet worden mit Glaci&re, Tröckne- und Waschlocal, Isolir-, Operations- uud Sections- 
Zimmern. Mit dem Spital ist auch eine Krätzcur-Anstalt und eine Poliklinik verbunden. 
Wenn man weise, welche geringen Mittel zu Gebote, und welche Schwierigkeiten anfäng¬ 
lich entgegengestanden waren, so wird man sich nicht verwundern, sondern es der un¬ 
ausgesetzten Energie des leitenden Arztes zum höchsten Verdienste rechnen, dass die 
Anstalt gegenwärtig schon so Vieles zu leisten vermag. Die Einnahmen des Spitals hat¬ 
ten sich früher auf den Staatsbeitrag für 10, und einen Beitrag der Gemeinde für 2 
Betten beschränkt. Nebst dem erstem (welcher gegenwärtig factisch in Folge Gleich¬ 
bleibens gegenüber den allgemeinen Preiserhöhungen nur noch für 7 */ 2 Betten besteht) 
hat der Spital bereits Ertrag von eigenem Vermögen (Liegenschaften, Capitalien) und 
Einkünfte aus Gemeindebeiträgen. Mit einer Anzahl Gemeinden besteht z. B. ein Vertrag, 
nach welchem sie per Pflegetag für jeden ihrer armen Angehörigen 1 Franken zu 
bezahlen haben, während früher u. A. der Amtsbezirk Nidau eine Zeit lang fix 2 Betten 
unterhielt. Daran schliessen sich Geschenke und Legate, sowie Kostgelder selbstbezah¬ 
lender Patienten. 


Der Bericht, welcher zunächst nur 

über die Verwaltung Rechenschaft geben boII, 

enthält eine vollständige Haushaltungsrechnung für die einzelnen Jahre der Periode. 

An interessanten statistischen Daten theilen 

wir mit: 




1870. 


1871. 

1872. 

1873. 

Zahl der Patienten 4 

472 


515 

564 

540 

Pflegetage im Ganzen 

11,551 


11,628 

13,171 

12,763 

per 1 Kranker durchschnittlich 

23,41 


22,58 

23,35 

28,63 

Bezahlende Kranke 

20,55 


20,52 

21,40 

20,65 

Arme Kranke 

25,31 


23,84 

25,04 

26,87 

Betten belegt 

30,30 


31,86 

36,08 

34,96 

Kosten per Pflegetag 

1,82 


1,85 

1,93 

2,02 

Das Resultat der Behandlung von den 2091 

im Spital v 

erpflegten Patienten war: 

1870. 

1871. 

1872. 

1873. 

Total. 

Geheilt 366 

876 

439 

409 

1590 

Gebessert 35 


36 

31 

89 

141 

Ungebessert entlassen 6 


7 

10 

20 

43 

Gestorben 8,05 %=38 

11,84%= 

r.61 

8,68%=50 

9,07%=49 

9,47%=198 

Auf Ende Jahrs verblieben 27 


35 

34 

23 

119 

472 

515 

564 

540 

2091 

Nach einem Verzeichniss der jeder Gemeinde per Jahr 

zukommenden 

Patientenzahl 

findet sich Uber das Geschlecht der Verpflegten: 




1870. 

1871. 

1872. 

1873. 

Total. 

Männer 320 


361 

404 

877 

1462 

Weiber 105 


127 

116 

113 

461 

Knaben 23 


17 

29 

83 

102 

Mädchen 24 


10 

15 

17 

66 




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e 





oder 


1870. 

1871. 

1872. 

1873. 

Total. 

Münnlitth 


343 

378 

433 

410 

1564 

Weiblich 


129 

137 

131 

130 

527 

Nach dem Alter 

verhalten sich 

die Kranken : 






1870. 

1871. 

1872. 

1873. 

Total. 

Unter 15 Jahren 

47 

27 

44 

50 

168 

15—20 Jahre 

41 

49 

67 

62 

219 

20—30 

0 

133 

189 

198 

169 

689 

30—40 

0 

93 

106 

98 

86 

383 

40—50 

0 

75 

66 

72 

89 

302 

50—60 

0 

61 

39 

50 

42 

182 

60—70 

0 

28 

34 

30 

31 

123 

70-80 

0 

3 

5 

5 

10 

23 

über 80 

0 

1 

— 

— 

1 

2 

Eine 

fernere Tabelle bezieht sich auf den Beruf der Patienten, 

sehr detaillirt 

nach 


den einzelnen Krankheitsformen und ihrem individuellen Verlauf ist der nosologische Theil 
in klarer übersichtlicher Form. Wir theilen daraus nur die Hauptzahlen mit: 


Krankheiten 

des Nervensystems 

total 

51, 

einzelne 

Formen 

14 

0 

der Athmungsorgane 

0 

163, 

0 

0 

18 

0 

„ Kreislaufsorgane 

0 

2, 

0 

0 

2 

0 

„ V erdauungs organ e 

0 

307, 

0 

0 

14 

0 

a Harn- und Geschlechtsorgane „ 

49, 

0 

0 

14 

0 

„ Bewegungsorgane 

n 

108, 

0 

0 

5 

Intoxicationen 

0 

16, 

f} 

0 

3 

Infectionskrankheiten 

0 

247, 

0 

0 

10 

darunter Typhus und Febris typhoides mit 

179 Fällen. 





Hautkrankheiten und vereinzelte Fälle 

total 16, mit 7 einzelnen Formen, 

darunter 1 


M. BasedowiL — 

Die chirurgischen Krankheiten vertheilen sich: 

Knochenbrüche 176, wovon 72 complicirte; diese zerfallen in 22 Unterabtheilungen 
nach den einzelnen Körpertheilen. 

Wunden total 211, einzelne Formen 6. 

Contusionen und Distorsionen 137. 

Luxationen 28, mit 5 Abtheilungen nach den Körpertheilen« 

Gelenkentzündungen, Arthropyosen und Arthrophlogosen 32, nach einzelnen Gelenken 
4 Abtheilungen. 

Periostitis 13, Necrosis 9, Exostosis 2, Osteomyelitis 1. 

Caries total' 63, mit 10 Abtheilungen. 

Phlegmonen und Lymphangitiden 42, Erysipele und Pseudoerysipele 22, Panaritien 35, 
Abscesse 67, Geschwüre 44. 

Geschwülste total 48, mit 19 einzelnen Formen. 

Incarcerirte Hernien 16, Stricturen 17, Incarnatio ungius 6, Phimosis et Paraphimosis 
9, Fistula ani et anus praeternaturalis 4, Contractura digitorum (verginitis) 3, Phlebitis 4, 
Corpora aliena 4. Teleangiektasie 2, Aneurysmen 2, Decubitis gasgränosus 1, Graviditas 
extrauterina 1. 

Augenkrankheiten total 26, mit 5 Abtheilungen, Ohrenkrankheiten 4. 

In der Poliklinik wurden behandelt: Wunden 45, Hypertrophien 52, Neubil¬ 
dungen 9, Hernien 11, Prolapsus 10, Stricturen 2, Knochen- und Gelenkkrankheiten (mit 
Luxationen und Fracturen 14) 59, Krankheiten der Nase 1, Krankheiten des Gehörorgans 
6, des Sehorgans 91, der Haut 166, Infectionskrankheiten (mit 7 Formen) 38, Intoxica- 
tionen 3, Blutkrankheiten (mit 6 Formen) 229, Krankheiten des Nervensystems (mit 6 
Formen) 34, der Respirationsorgane (mit 8 Formen) 258, der Digestionsorgane (mit 8 
Formen) 281, der Circulationsorgane (mit 5 Formen) 27, der Harnorgane 12, der Geni¬ 
talorgane 41. 

Summa der innern Krankheiten in den 4 Jahren 929 
» „ äuseern » „ „ » » 454 

Total 1383. 


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228 


In den 4 Jahren sind folgende grössere Operationen vorgekommen, sämmtlich mit 
günstigem Erfolg: 

1 Oberkiefer-Resection wegen Medullarsarcom. 

1 Oberschenkel-Exarticulation wegen Maschinenwunde. 

1 Kniegelenk-Resection wegen Caries. 

1 Exarticulation beider Füsse (Lisfrane und Cbopart) mit theilweiser Resection des 
Calcaneus wegen Erfrierung. 

1 Resection des Oberkiefers (beidseitig) wegen Phosphor-Necrose. 

1 Oberschenkel-Amputation (mittl. Drittel) bei compl. Fractur beider Oborschenkel 
(Eisenbahnunglück). 

1 Doppel-Amputation des rechten Fusses und linken Vorderarmes (Eisenbahnunglück). 

1 „ v v n n v rechten n . » 

Es ist sehr zu bedauern, dass das reichhaltige und wissenschaftlich interessante Ma¬ 
terial von dem sonst mit Arbeit überhäuften dirigirenden Arzte nicht nach dem Vorgang 
anderer Spitäler literarisch näher verarbeitet werden kann, wie es z. B. in den Basler Be¬ 
richten geschieht _ Cr. 


Soeben erhalten wir einen Bericht über die im Jahre 1873 auf der m c - 
dicinischen Abtheilung des I n s e 1 s p i t a 1 e s besorgten Kranken 
von Dr. J. R. Schneider . 

Es freut den Berichterstatter an das Correspondenzblatt, wenigstens für eine Ab¬ 
theilung des Inselspitales einen Bericht zu sehen, wie wir ihn leider noch für die andern 
vermissen. 

Die im Jahre 1873 auf der Abtheilung des Herrn Dr. Schneider verpflegten Kranken 
waren: Männer 228, Weiber 185, Total 413. 

31 
38,5 

3.9 

1.9 

14.3 

10.4 


% 


•i 

n 1 


des Totais und 34,6°/ 0 des Abgangs. 

v v 43 ,0 v v n 


6,5 „ 


15,9 


Davon wurden geheilt 128 

„ „ gebessert 159 

„ „ nicht gebessert 16 

„ kamen auf andere Abtheil. 8 
„ verstarben 59 

Auf das Jahr 1874 sind verblieben 43 
Von einzelnen Erkrankungsformen finden wir: 

1. Darmtyphus # ): 60 (33 M., 17 W.), wovon 6 = 10% verstorben. 

2. Intermittens: 2 M. 

3. Syphilis : 2 W., wovon 1 an cariöser Perforation der Schädelhöhle verstorben. 

4. Chronische Vergiftung (Alcohol, Tabak, Blei) 5 (3 M. 2 W.). 

Ö. Chlorose, Anämie, Hydrämie, Scrophulose, Diabetes 25 (3 M. 22 W.). 

6. Rheumatismus 28 (19 M. 9 W.). 

7. Käsige und tubercul. Entartungen 38 (24 M. 14 W.), wovon 11 verstorben = 

28,9%. * 

8. Krebs 11 (5 M. 6 W.), wovon 7 = 53,8% verstorben. 

9. Erysipelas und Erythema 5 (1 M. 4 W.). 

10. Krankheiten des Zellgewebes 3 (2 M. 1 W.). 

11. „ der Knochen und Gelenke 10 (4 M. 6 W.). 

12. „ „ Verdauungsorgane 54 (33 M. 21 W.), wovon 2 = 3,7°/ 0 verst. 

13. „ „ Harnorgane 24 (21 M. 3 W.), wovon 5 = 2% verstorben. 

14. „ b Respirationsorgane 53 (41 M. 12 W.), wovon 4 = 7,1% verst. 

16. b n Kreislaufsorgane 31 (16 M. 15 W.), wovon 10 = 32,2% verst. 

16. b des Nervensystems 50 (18 M. 32 W.), wovon 8 = 16% verst. **) 

17. b der Geschlechtsorgane 16 W., wovon 1 = 6,2% verstorben. 

18. Varia und Recidive 6. 

Ueber die einzelnen Krankheitsformen sind specielle sehr interessante Commentare, 
so über den Typhus nach Herkunft der Kranken, Zeit und Verlauf der Erkrankungen, 


*) Im Berichte sind bemerkenswerthe Mittheilungen Ober die Ansteckung Kranker und Spital¬ 
wärter niedergelegt, auf die wir hiemit hin weisen. (Ref.) 

**) Hier diflerirt die Uebersichtstabelle mit dem Text, der 56 Erkrankungen aufweist. 


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229 


Behandlungsweise, begleitet von Krankengeschichten, specieller Altersstatistik, Berufs- 
statistik. Bei den verschiedenen Hauptgruppen sind die Einzelformen genauer beschrie¬ 
ben und in statistischer Ordnung behandelt. Leider erlaubt der für Referate zu be¬ 
schränkte Raum dieses Blattes nicht, hier näher einzutreten und das vielfach Instructive 
eingehender zu erwähnen. Cr. 


Allgemeine Zeitschrift für Epidemiologie. 

Hcrausgegeben von Dr. Friedrich Küchenmeister . Erster Band. 483 Seiten. Mit 16 lithogr* 
Tafeln und zahlreichen Tabellen. Erlangen, Enke, 1874. 

Wir sind dem Herausgeber gewiss Dank schuldig dafür, dass er eine Lücke in der 
deutschen Journalistik ausfüllt, indem er ein Archiv geschaffen hat, in welchem die ihrer 
Natur nach oft weitschichtigen Epidemieberichte können niedergelegt und von Vereinzelung 
und Vergessenheit bewahrt werden. Solche Berichte und deren weitere Verwerthung bil¬ 
den den Grundstock des Inhaltes. Daneben her läuft ein „theoretischer Theil“ , welcher 
bis jetzt hauptsächlich einer Polemik gegen Petlenkofer's Ansichten über Contagien und 
Miasmen dient, die den Grundsatz „sine ira et Studio“ vielleicht nicht Überall genugsam 
im Auge behalten hat. In eine dritte Kategorie fallen „Mittheilungen über öffentliche 
Acte im Interesse der öffentlichen Gesundheitspflege, mit Rücksicht auf Fpidemien, bis 
jetzt ein Bericht über den internationalen medicinischen Congress in Wien und ein Aus¬ 
zug aus dem bekannten deutschen Untersuchungsplan zur Erforschung der Ursachen der 
Cholera und deren Verhütung. 

Die bemerkenswertheste Seuchenschilderung ist wohl diejenige der Cholera 1873 im 
Regierungsbezirke Gumbinnen von Dr. Albert Weiss. Der Verf. gibt, theilweise an obiges 
Reichsschema sich anlehnend, eine musterhafte Uebersicht von Allem, was in einem Land¬ 
striche vorgefallen ist, der, so gross wie das Grossherzogthum Baden, in keinem seiner 
Kreise ganz verschont geblieben ist. Die eigenthümlichen Verkehrsverhältnisse, welche 
immer neue bestimmt nachweisbare Einschleppungen bedingten, sind trefflich geschildert, 
ebenso das bei einem jeden Anlauf scheiternde Bestreben, den Zufluss der zahlreichen 
von Russland herab die Infection bringenden Flösser zu stopfen. Man musste sich damit 
begnügen, mit den hergebrachten Mitteln zu Wirtschaften; wie viel mit ihnen, nament¬ 
lich mit der Desinfection und Auskasernirung genützt werden kann, zeigt der Bericht, 
zugleich aber auch, wie dies in einer armen ländlichen Bevölkerung nur durch Staatshülfe 
und centrale Leitung möglich war. Eine andere kleinere Darstellung aus Bieslau macht 
sehr wahrscheinlich, dass es den Verbesserungen von Untergrund und Trinkwasser zu 
danken ist, wenn die letzte Epidemie in dieser Stadt einen soviel geringeren Umfang 
erreicht hat, als die vorhergegangene. In Holland ferner ist für die Epidemie 1866/67 
offfeiel nachgewiesen, wie die Bezölkerung der jüngst angcschweramten Bodenschichten, 
die der unreinlichsten Städte und die Grundwassertrinker (im Gegensätze zu den aufs 
Regenwasser Angewiesenen) am meisten gelitten haben. Die leider 'etwas formlos ge¬ 
haltene Zusammenstellung v. Gietfs über seine Cholerabeobachtungen aus dem langen Zeit¬ 
raum von 1831—1874 machen aufmerksam auf die Gefährlichkeit gewisser Speisen, na¬ 
mentlich fetter Charcuterien, auf welchen seiner Ansicht nach der Keim besonders häufig 
haftet und von deren Bereitungs- und Verkaufsstätten aus radienförmig ausgestreut wird« 
Für nicht minder schuldig hält er die schlechten Schlafzimmer der untern Classen. Auch 
er ist vom Nutzen der bisher angewandten Desinfectionsmittel überzeugt. 

Von statistischen Aufsätzen greifen wir heraus: Albu , die Sterblichkeit Berlins im 
Jahr 1873. Wenn auch Verf. in seinem Angriffe auf Virchow's Ansichten über den Zu¬ 
sammenhang von Grundwasserstand mit Typhus und Kindersterblichkeit mit der Beweis¬ 
führung nicht überall Glück hat, so ist doch das beigebrachte Material sehr belehrend 
und sind namentlich die Curven schlagend, welche zeigen, wie genau die Säuglingssterb¬ 
lichkeit mit der Lufttemperatur parallel geht. Die Frage , ob die Wirkung eine directe 
sei, oder ob Vermittlung der Milch nöthig ist, kann Verf. so wenig wie Andere beant¬ 
worten. Trotzdem wird seinem Schlüsse Niemand widersprechen: „Wie die Canalisation, 
wie die Wasserleitung muss die Beschaffung guter und unverfälschter Milch für Säuglinge 
eine erste Aufgabe der Stadt sein.* 


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230 


Dr. Pfeiffer beginnt eine fortlaufende Veröffentlichung über die Erfahrungen, welche 
an verschiedenen Nationen mit Messungen des unterirdischen Sauerstoff- und Kohlen¬ 
säuregehaltes der Feuchte und Wärme gemacht werden. Derselbe liefert in der „ M o r - 
b i 1 i t ä t s s t a ti 81 i k des allgemeinen ärztlichen Vereins von Thü¬ 
ringen“ ein nachahmungswerthes Beispiel, wie es einer freien, vom Staate unabhängi¬ 
gen Vereinigung von Collegen möglich geworden ist, mit sehr bescheidenen Anfängen 
beginnend, ein wenn auch unvollkommenes Bild der Krankheitsverhältnisse eines ganzen 
Landes zu entwerfen. Wenn schon die Vollständigkeit einer Mortalitätsstatistik nachzu¬ 
ahmen ein unerreichbares Ziel ist, so sind doch die gewonnenen scizzirtrn Umrisse von 
grosser hygieinischer und volkswirtschaftlicher Bedeutung. 

Eine weitere wohl zu beherzigende Anregung, welche die Zeitschrift uns gibt, ist 
die einer comperativen Epidemiologie, d. h. der Ausbeutung der unerschöpfli¬ 
chen Fundgrube, welche die Thierheilkunde für Statistik und Aetiologie der Menschen¬ 
krankheiten bietet. 

Druck und Papier entsprechen völlig den gesteigerten modernen Anforderungen. 

W. B. 


Kantonale Gorrespondenzen. 


Baselland. Mobiliaranschaffung für das projectirte baselland¬ 
schaftliche Krankenhaus. 

Wenn wir hier in Baselland eine neue gemeinnützige Institution ins Leben rufen 
wollen, so haben wir stets mit der financiellen Frage uns in einer oft sehr peinlichen 
Weise auseinanderzusetzen. Das neue Krankenhaus, dessen Erstellung bei der Unzuläng¬ 
lichkeit des gegenwärtigen Spitals, eines Asyls für allerlei nicht mehr zur übrigen Mensch¬ 
heit passendes Volk, zur unabweisbaren Nothwendigkeit geworden ist, scheint in dieser 
Beziehung eine Ausnahme machen zu wollen. Durch die grossartige Schenkung des Herrn 
Nationalrath Gutzwiller (im Betrage von Fr. 50,000) wurde die Möglichkeit eines solchen 
Baues schon wesentlich näher gerückt. Und nun haben auch einige Gemeinden des Can- 
tons, bevor der Bau definitiv beschlossen ist, für die Einrichtung zu sorgen angefangen. 
Und auf dieses Vorgehen, das für die Aerste von besonderem Interesse sein muss, in 
Kürze zu beleuchten, sind wir von der verehrlichen Redaction dieses Blattes ersucht 
worden. 

Ein schönes Gebäude in freier Umgebung und mit gehöriger Ventilation — das sind 
freilich die Grundbedingungen zu einem Krankenhaus in Friedenszeit, aber damit ist erst 
der kleinste Theil der Wünsche eines gewissenhaften Spitalarztes erfilllt. Die Spitalärzte 
stehen bei den Spitalpflegen nicht umsonst im Geruch der Unersättlichkeit. Kaum haben 
sie die Schwelle des neuerbauten Krankenhauses überschritten, ßo fangen sie schon an, 
ihre Desideria für die zweckmässige Einrichtung vorzutragen. Und da müssen ihnen mit 
der Randbemerkung „zu theures Pläsir“ gar oft auch solche gestrichen werden, die kei¬ 
neswegs nur zur Erzielung eines „wissenschaftlich schönen Resultates“ nöthig, sondern 
zur Erleichterung der armen Leidenden absolut unentbehrlich sind. 

Eine solche Budgetbeschneidung war nun auch bei uns ohne Prophetengabe sicher 
vorauszusehen, und darum wurde gleich von Anfang an die Hülfe freiwilliger Liebesthä- 
tigkeit in Aussicht genommen. Um ein möglichst sicheres Resultat zu erzielen, haben 
wir folgenden Weg eingeschlagen; Einige der kleinern Gemeinden des Cantons machten 
den Anfang, indem sie sich verpflichteten, aus ihren Gemeindefonds, aus dem Erlös von 
Bauholz oder aus der vielleicht seit Jahrzehnten nie angesprochenen Armencasse je ein 
vollständiges Bett mit Zubehör, d. h. mit Stuhl, Nachttischchen und Leinenzeug zu be¬ 
zahlen. Eine grössere Gemeinde übernahm sofort die Bezahlung von zwei Betten. So 
hoffen wir die nöthigen Betten zusammenzubringen, ohne die grössten Ortschaften des 
Cantons für diesen Theil der Einrichtung anzugehen. Diese grössern Gemeinden würden 
ihre Beiträge dann in entsprechenden fixen Summen zur Bestreitung der übrigen Kranken— 
hausausstattung leisten. Ebenso opferwillige Privaten. 


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231 


Natürlich war es nie unsere Absicht, ein Museum von Lagerstätten anzulegen und 
unsern Dorfschreinern Gelegenheit zu geben, die Erzeugnisse ihrer Industrie auszustellen) 
sondern es wurde sofort die Anschaffung eines Musterbettes angeordnet, damit den Ge 
meinden gleichmässige Rechnung und dem Spital das, was wir eben wollen: eine prac- 
tische, den Anforderungen der Wissenschaft und der Humanität entsprechende Ausstattung 
zu Theil werde. Dr. R. 

Bchaffhaosen« Gestern, den 6. April, verschied hier der in weiten Kreisen be¬ 
kannte College Med. Dr. Joh. Martin Oschwald in seinem 52. Jahre. 

Zu Thayngen geboren, hatte er nach vollendeter Studienzeit eine Reihe von Jahren 
in seinem Vaterorte practicirt, ist aber später nach Schaffhausen übergesiedelt. Er war 
ein Mann von seltener Begabung und vielseitiger Bildung; auch seine Eloquenz und sein 
conversatorisches Talent wird noch manchem seiner Bekannten und Universitätsfreunden 
in angenehmer Erinnerung sein. Gerade seine vielseitige Bildung und seine angeborenen 
Geistesanlagen haben wohl nicht wenig dazu beigetragen, dass sein immer lebhafter Geist 
sich bei der practischen Thätigkeit eines Arztes auf dem Land oder in der Stadt nicht 
recht heimisch fühlte; er war nicht ganz in seiner Sphäre. Ein Trieb nach weiterem, 
lohnenderem Wirkungskreise rief bei ihm zu wiederholten Malen mancherlei Pläne hervor, 
führte ihn für Jahre lang ebenfalls zu wiederholten Malen vom practischen Leben weg 
m die Hörsäle und Kliniken bedeutender Universitäten, brachte ihn zur Zeit des Krim¬ 
krieges auch als Arzt in die englische Legion. Seit etwa 14 Jahren aber practicirte er 
in Schaffhausen, wo seine Thätigkeit aber durch körperliche Leiden und wiederholte, oft 
lang dauernde Krankenlager in Folge Rheumatismus und Gicht vielfache Störungen erlitt 
und seine körperlichen Eigenschaften für die Anstrengungen eines practischen Arztes nach 
und nach kaum mehr hinreichend waren. In dem Bewusstsein eines regen lebhaften 
Geistes seine physischen Kräfte immer mehr sinken zu sehen, musste bei ihm wohl man¬ 
chen bittern Gedanken erweckt haben. Seit Neujahr war er fast beständig bettlägerig; 
erst in den letzten Tagen manifestirte sich eine chronische Meningitis deutlicher und raffte 
den Verstorbenen rascher als man erwartet dem Kreise seiner Familie weg. 

Requiescat in pace! 


W ochenbericlit. 


Schweiz. 

Einladung zur XL Versammlung des ärztlichen Central rer eins und 
der Mitglieder der Socl£t6 m£dicale de la Sntsse romande zu Bern im 
Casino* Sa mstag den 15. Mai 1875 (Anfang der Verhandlungen 12 Uhr Mittags). 

Tr actanda: 

1. Aus den Acten der Aerzte-Commission: Organisation der ärzt¬ 
lichen Kräfte gegenüber Volk und Behörden. Aufnahme der Can- 
tonalvereine von Glarus und Bünden. 

2. Ueber schweizerische Mortalitätsstatistik. Referenten: Herr 
Dr. Vogt von Bern und Herr Dr. Ph. de la Harpe von Lausanne. 

3. Prophylactische Behandlung des Tumor alb. Herr Professor 
Dr. Kc$her von Bern. 

4. Die Rolle des innern Muttermundes in der Geburtshülfe. 
Herr Prof. Dr. Peter Müller von Bern. 

5. Ueber In do 1 - Bil du n g bei der D ar m ver d auu n g. Herr Prof. Dr. Nensky 
von Bern. 

6. Die antipyretische Wirkung der Salicylsäure. Herr Dr. Buss 
von Bargen (Ct. Bern). 

Nach den Verhandlungen gemeinsames Mittagessen im Casino. — 

Titl Diejenigen Herren Collegen, welche am Abend des 14. in Bern anlangen, 
werden von 8 Uhr an im Casino empfangen. 

Den 15. Vormittags werden die Herren Collegen von Bern ihre Gäste vom Casino 
aus nach Wunsch nach dem Insel-, dem Ziegler-, dem Augen-, dem Frauenspital oder 


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nach der Entbindungsanstalt begleiten oder dieselben in die Waldau, ins chemisch-phy¬ 
siologische Institut, die Anatomie oder in andere den Naturwissenschaften gewidmete An¬ 
stalten führen. 

Olten, den 4. April 1876. Im Namen des festlichen Centralvereins: 

Der Präses: Dr. Sonderegger . 

Der Actuar: Dr. Burckhardt-Merian. 


Aente*Ausschuss» Sonntag den 4. April fand in Olten die zweite Sitzung 
des ständigen Ausschusses statt, der als Delegirte der Soc. mäd. de la Suisse rom. die 
Herren P. Dunand (Genf) und Ph, de la Harpe (Lausanne) beiwohnten. Es wurde beschlos¬ 
sen, dass während zur Behandlung einzelner Geschäfte z. B. Veranstalten der Oltener Zu¬ 
sammenkünfte etc. der ständige Ausschuss des Centralvereins allein sich versammle, in 
allen jenen wichtigen Fragen aber von allgemeinem schweizerischen Interesse: Mortali¬ 
tätsstatistik, Fabrikgesetz, Gesetz über Ausweis wissenschaftlicher Berufsarten § 38 etc. 
etc., die Delegirten der ärztL Gesellschaft der rom. Schweiz mit dem ständigen Ausschuss 
des Centralvereins zu gemeinsamer Berathung zusammentreten sollen. 

Als erster Act gemeinsamen Vorgehens wurde eine von Präsident Sonderegger redi- 
girte Eingabe an den h. Bundesrath berathen, die denselben einladet, bei der gesetzgebe¬ 
rischen Bearbeitung hygieinischer Fragen von den ärztlichen Vereinen der Schweiz eine 
Meinungsabgabe einzuholen resp. den Aerzte-Ausschuss zur Mitwirkung beizuziehen. Wir 
werden die Petition, die Herrn Bundesrath Knüsel überreicht wurde , in nächster Nr. 
mittheilen. 

Glarus hat definitiv seinen Beitritt zum Centralvei ein mitgetheilt, und von Graubün¬ 
den ist von massgebender Seite eine Beitrittserklärung gleichfalls in Aussicht gestellt 
worden. — 


Ueber das Detail der gesetzlichen Bestimmungen in Sachen Mortalitätssta¬ 
tistik referirte hierauf eingehend Dr. Vogt und wird derselbe die Hauptpuncte des Ent¬ 
wurfs in Bern der Discussion unterbreiten, während Dr. de la Harpe dieselben in franz. 
Sprache den Collegen der rom. Schweiz gegenüber vertreten wird. Dr. Burckhardt-Merian 
besprach sodann den vom Herrn Oberfeldarzt dem ständigen Ausschuss mitgetheilten Ent¬ 
wurf über die Organisation des Gesundheitsdienstes (Medici- 
nalabtheilung) bei der eidg. Armee und es wurde eine Eingabe an den 
Herrn Oberfeldarzt beschlossen, welche einige Puncte hervorheben soll, in denen der Aus¬ 
schuss eine von dem Entwürfe abweichende Auffassung vertreten zu sollen glaubt 

Dr. Steiger als Cassier berichtete schliesslich über seine Bemühungen, die Zahl der 
A e r z t e in den einzelnen Cantonen, sowie die der den ärztlichen Gesellschaften beige¬ 
tretenen Collegen zu constatiren. Es ergab sich folgende Zusammenstellung: 


Canton, 

Aerzte. 

davon einer ärztL 
Gesellsch. angehörend. 

Zürich 

189 

140 

Bern 

186 

160 

Luzern 

84) 


Uri 

8 

71 

Schwyz 

33) 


Unter- (Obwalden 

9) 

18 

walden f Nidwalden 

9) 

Glarus 

29 

12 

Zug 

16 

16 

Freiburg 

34 

13 

Solothurn 

30 

20 

«-es£? 

58 

49 

26 

17 

Schaffhausen 

35 

12 

Uebertrag 

746 

528 


Name des Präsidenten, Actuars 
oder Correspondenten. 

Dr. Zehnder, Prof. 0. Wyss (Zürich). 
Dr. J. R. Schneider , Prof. Kocher (Bern). 

Dr. A. Steiger (Luzern). 

Dr. Käppeli (Sursee). 

Dr. Rohrer (Sächseln^ 

Dr. Deschwanden (Stanz), 

Dr. Schüler (Mollis). 

(Dr. Hegghn (Schönbrunn). 

(Dr. Hüsler (Cham). 

S Dr. Bumann (Freiburg). 

Dr. Hayoz (Romont). 

Dr. Munzinger (Olten). 

Prof. Roth , Dr. Lotz (Basel). 

Dr. Martin (Pratteln). 

Dr. E . Rahm (Schaffhausen). 


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Canton 

Uebertrag 

Appenzell| j . 

Aerzte. 

746 

34 

11 

davon einer ärztL 
Gesell sch. angehörend. 
528 

24 

? 

St. Gallen 

122 

110 

Graubünden 

63 

? 

Aargau 

102 

69 

Thurgau 

Tessin 

59 

126 

33 

? 

Waadt 

103 

89 

Wallis 

Neuenburg 

31 

60 

? 

30 

Genf 

87 

49 

Total“ 

1544 

932 


Name des Präsidenten, Actuars 
oder Correspondenten. 

Dr, E. Fisch (Herisau). 

? 

i Dr. Sonderegger (St. Gallen). 
(Dr. HiUy (St. Gallen). 

Dr. Kaiser (Chur). 
iDr. Bertschinger (Lenzburg). 

(Dr. Bruggisser (Wohlen). 

Dr. Kappeier (Münsterlingen). 
Dr. Corecco (Bodio). 
jDr. M. Dufour (Lausanne). 

(Dr. Challand (Lausanne). 

Dr. Mengis , Sohn (Visp). 

Dr. Ladame (Locle). 

(Dr. Revilüod (Genf). 

(Dr. dEspine (Genf). 


Zar Aerzte»Statlitik der Schwell. Nach den vonft ständigen Aerzte - 
Ausschuss erhobenen Zahlen hat der 


Canton 


Aerzte 

auf Einwohner 

oder 1 Arzt auf 

Basel-Stadt 



(Volkszählung von 1870) 

Einwohner. 


58 

47,760 

823 

Tessin 


126 

119,569 

949 

Genf 


87 

94,116 

1082 

Schaffhausen 


35 

37,721 

1078 

Appenzell I.-Rh. 


11 

11,914 

1083 

Glarus 


29 

35,150 

1212 

Unterwalden n. d. 

w. 

9 

11,700 

1300 

Zug 


16 

20,993 

1312 

Appenzell A.-Rh. 


34 

48,734 

1433 

Schwyz 


33 

47,707 

1446 

Graubünden 


63 

91,794 

1457 

Zürich 


189 

284,867 

1507 

St. Gallen 


122 

191,096 

1566 

Luzern 


84 

132,337 

1575 

Thurgau 


59 

93,308 

1581 

Unterwalden o. d. 

w. 

9 

14,413 

1601 

Neuenburg 


60 

97,286 

1621 

Aargau 


102 

198,874 

1950 

Uri 


8 

16,108 

2013 

Baselland 


26 

54,135 

2082 

Waadt 


103 

231,506 

2248 

8olothum 


30 

74,718 

2491 

Bern 


186 

506,561 

2723 

Wallis 


31 

97,081 

3132 

Freiburg 


34 

110,897 

3262 


Total in der Schweiz 1544 Aerzte auf 2,670,345 Einw., oder 1 Arzt auf 1729 E. 

In den 3 Universi¬ 
tätsstädten der deutschen 
Schweiz stellt sich das 
Verhältni88 folgender- 
massen: 


Stadt Basel 

57 

1 

44,834 

787 

9 Bern 

„ Zürich mit ihren 

44 


36,002 

818 

Aussengemeinden 

68 


56,695 

834 


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4 


234 


Diese Zahlen umfassen natürlich nicht nur die wirklich pr&cticirenden Aerzte , son¬ 
dern sämmtliche zur Ausübung der Heilkunde berechtigte Medicinalpersonen. Bei etwai- 
gan Ungenauigkeiten bitten wir um rasche Berichtigung im Interesse einer exacten Sta¬ 
tistik. — 

Eidg. nilitärsanitätodiens«. Mit der neuen Militärorganisation ist der be¬ 
stehende Sanitätsstab aufgelöst, d. h. er wird neu gewählt resp. bestätigt und besteht 
hinfort nur noch aus Majoren, Obersllieutenants und Obersten (§ 12). 

Die nicht zu diesem SanitätsBtabe gehörenden Aerzte sind nun in erster Linie zur 
Disposition des betreffenden Divisionsarztes, der dem Oberfeldärzte über die Verwendung 
derselben zur Truppe und zu den S&nitätsanstalten die nöthigen Vorschläge macht (§ 21). 
Domicilwechsel der Aerzte muss daher selbstverständlich hinfort dem Divisionsärzte des 
alten und des neugewählten Kreises unverzüglich angezeigt werden, da sonst eine genaue 
Controle des disponiblen Medicinalpersonals illusorisch wird. 

Es wird deshalb den Collegen dringend empfohlen, diese Anzeige bei etwaigem Do¬ 
micilwechsel ja nicht zu unterlassen, wenn sie disciplinarischer Unannehmlichkeiten ent¬ 
hoben bleiben wollen. 

Wie wir hören, soll es ferner im Plane sein, den Aerzten, die bis Ende August ihr 
Staatsexamen absolvirt haben, einen zweiten und letzten 14tägigen militärischen Vor- 
curs in Frauenfeld zu veranstalten, nach welchem aber für alle noch nicht brevetirten 
Aerzte das Mitmachen einer ganzen Recrutencaserne (Art 85 Miütärorg.) obligatorisch 
sein wird. Diese Notiz dürfte manchen Examcncandidaten sehr erwünscht sein. — 

BMItfirsanltfitftweftenu Der Bundesrath hat fernere Wahlen und Avancements 
in den Sanitätsstab vorgenommen, bewogen durch den § 2, Satz 8 der neuen Instruction 
über die Untersuchung und Ausmusterung der Militärpflichtigen , nach welchem sich der 
Divisionsarzt, welcher den Vorsitz der Untersuchungscommission seines Divisionskreises 
führt, im Verhinderungsfälle durch den Feldlazarethchef oder durch einen zweiten, von 
ihm hiezu bezeichneten Sanitätsstabsofflcier seiner Division vertreten lassen kann (Art. 30 
und 51 der Militärorganisation). Die diesjährigen Untersuchungen der Recruten sind nun 
für den Bund besonders wichtig, weil er zum ersten Male selbst controlirt, und weil viele 
Mannschaft aus alten Jahrgängen, die bis dahin dienstfrei war, zum activen Dienste ist 
einberufen worden. Der Bundesrath hat daher die Bezeichnung der Feldlazarethchefs 
(Majore) und theilweise ihrer Stellvertreter bereits wie folgt vorgenommen: 

I. Division. Chef: Ferdinand Cöresole von Vivis, in Morges, bisher Stabshauptmann. 

II. Division. Chef: Gustav Virchaux von St Blaise, in Locle, bisher Stabshauptmann. 

III. Division. Chef: Albert Wytlenbach von und in Bern, bisher Stabshauptmann. Stell¬ 
vertreter: Emanuel Niehans von und in Bern, bisher Stabshauptmann. 

IV. Division. Chef: Jacob Kummer in Aarwangen, bisher Bataillonsarzt. Stellvertre¬ 
ter: Franz Bucker in Luzern, bisher Stabsarzt des Cantons Luzern. 

V. Division. Chef: Carl Fischer von Reinach, in Basel, bisher Stabshauptmann. Stell¬ 
vertreter: Wilhelm Hirt von und in Solothurn, bisher Stabshauptmann. 

VI. Division. Chef: Emil Rahm von und in Schaffhausen, bisher Stabshauptmann. 
Stellvertreter: Adolf Baumann von Stäfa, in Meilen, bisher Stabshauptmann, 

VU. Division. Chef: Ulrich Bö hi von Schönholzersweilen, in Erlen, bisher Stabshaupt¬ 
mann. Stellvertreter: Albert Girtanner in St. Gallen, bisher Major und Stabsarzt in 
St. Gallen. 

VIII. Division. Chef: Paul Lorenz in Chur, bisher Bataillonsarzt. Stellvertreter: Jo¬ 
seph Mariotti von und in Locarno, bisher Stabsarzt 

. Wie man sieht, wird auch der innere Ausbau unseres reorganisirten Militärsanitäts- 
wesens emsig betrieben. 

Sanftätspolizel. Der Bufidesrath hat durch die Beantwortung einer Anzahl 
Recurse am 31. März den Art. 31 der Bundesverfassung (Handels- und Gewerbefreiheit) 
in einer Weise interpretirt, die wir vom hygieinischen Standpuncte aus lebhaft begrüssen. 

Ein Zündhölzchenfabrikant in Brunnen beschwerte sich darüber, dass die Regierung 
von Schwyz diese Fabrikation an die Bedingung des Besitzes einer regierungsräthlichen 
Bewilligung und an die Leistung einer Caution als Garantie der Erfüllung der betreffen^ 
den Bedingungen (alle an Phosphornecrose erkrankten Arbeiter auf Kosten des Fabrik¬ 
unternehmers verpflegen zu lassen) knüpfte. 


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235 


Die Beschwerde wird vom Bundesrath als unbegründet abgewiesen. Wenn bei einem 
Gewerbe Gesundheit und Feuersicherheit in so hohem Grade in Frage kommen, wie bei 
dieser Fabrikation, so ist dagegen nichts einzuwenden, wenn Staatsbehörden schützende 
Massregeln, wie die vom Recurrenten angefochtenen, treffen. (Bund.) 

Ferner recurrirte ein Bäcker aus dem Canton Glarus, weil er wegen zu geringem 
Gewichte seiner Brodlaibe war bestraft worden. Er wurde abgewiesen, weil eine amt¬ 
liche Controle über Qualität und Gewicht des Brodes mit dem Art. 31 nicht ausgeschlos¬ 
sen, und das Urtheil darüber, ob eine solche Controle mit dem Grundsätze der Handels¬ 
und Gewerbe fr eiheit im Widerspruche stehe, nicht Sache des einzelnen Bürgers sei. 

Es ist gut, dass solcher egoistischen Speculation gegenüber ein practischer Sinn und 
nicht doctrinäre Sophistik entscheidet. 

Saliejlsftnre« Unter dem Titel: Ueber die antipyretische Anwen¬ 
dung der Salicylsäure von Dr. Emil Buss (Ct. Bern), Assistenzarzt am Cantons- 
spital St. Gallen, erscheint demnächst im Archiv für klinische Medicin von Prof. Ziemssen 
und Zenker eine Arbeit, worin der Verf. die Resultate seiner Beobachtungen veröffentli¬ 
chen wird; vorläufig können wir nur bemerken, dass sich durch seine Untersuchungen 
eine intensive antipyretische Eigenschaft der Salicylsäure herausgestellt bat, so dass 
die mit derselben erreichbare Wirkung der mit Chinin min¬ 
destens gleichkommt, sowie dass in den angewendeten Dosen (ungefähr doppelt 
so gross wie von Chinin; für denselben antipyretischen Effect, meist 4—8 Grammes) durch¬ 
aus keinerlei unangenehme Nebenwirkungen auftreten, welche nicht 
auch dem Chinin eigen wären. Die Salicylsäure ist etwa 10 Mal billiger als Chi¬ 
nin, kann in Wasser suspendirt, oder in Oblaten, am besten wohl in der Limousin'' scheu 
Oblate, auch in verdünntem Extr. Liquir. oder MeL depur. ganz gut genommen werden. 

Durch zahlreiche Versuche sind im Basler Spital diese Aufsehen erregenden Resul¬ 
tate constatirt worden und hoffen wir, hierüber bald detaillirte Mittheilungen bringen zu 
können. — 

Bern« Sanitätswesen. In der Sitzung des berner Grossen Rathes vom 
31. Mära stellte Dr. Müller von Sumiswald den Antrag, die Regierung zu Untersuchung 
einzuladen, ob nicht durch eine bessere Organisation der öffentlichen Gesundheitspflege 
die Branntweinpest mit Erfolg bekämpft werden könnte. Der Antrag wurde zum Be¬ 
schlüsse erhoben. 

Bekanntlich hat der Canton Sh Gallen kürzlich sein Gesetz über das Öffentliche 
Gesundheitswesen in die Praxis eingeführt. Wir hoffen, darüber unsera Lesern durch 
einen Sh Galler Collegen eingehender berichten zu können. Ueber das von der gross- 
räthlichen Commission des Cantons Neuenburg ausgearbeitete Project eines neuen 
Sanitätsgesetzes mit dem Principe der freien Ausübung der Heilkunde, bringen wir in 
nächster Nummer ein Resumä. 

Allgemeine schweizerische Beceptnrtsxe« Nach der Schweiz. Zeit¬ 
schrift für Pharmacie haben nur die unten genannten Cantone officiell eingeführte Re- 
cepturtaxen und zwar in der Weise, dass sich die Preise derselben zu einander ver¬ 
halten, wie: 

Wallis Thurgau St. Gallen Bern Zürich Basel Aargau Schaffhausen 
6 6,6 7,5 8 9 9 10 11,5. 

Dazu kommt noch die für die eidg. Waffenplätze gültige eidg. Militärrecepturtaxe, 
die sich mit 6,25 zwischen Wallis und Thurgau einreiht. Die Mannigfaltigkeit ist gross 
und jedenfalls auch hier ein einheitliches System zweckmässig. 

Zur Coametlk« Ein wasser, machet sehr junggeschaffen also dass ein weib nit 
über fünfftzehen jahren alt scheinet. Nimm viij. eyerklar, wol geklopffet, siege sie durch ein 
tuch darnach mische darunder Alumen zuccharinum, Alumen squamosum, Burzis (mit wel¬ 
chen die Goldschmidt das silber löten), campfer, jedes zwey lot, Essig sechtzehen lot, 
Bonenblustwasser iiij. lot, thu es alles jn eyn glass, xv. tag lang an die Sonnen, und 
mische es alle tag zwey oder drey mal, demnach giesse es in ein ander glass, und be¬ 
halt es. Und so du es wilt gebrauchen, Wäsche zum ersten das angesicht darmit, dar¬ 
nach reibe es wol mit einem purpurfarben tuch. Und so die weiber dies wasser gebrau- 


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230 


chen, ob sie schon LX jar alt seind, werden sie jung geschaffen als ob sie nur XV. jar 
alt weren. (pag. 89 von „weiber Zierung des Hocherfarnen Herren Alexij Pedemontani 
von mancherley nützlichen und bewerten Artzneyen, den Leib zierlich und woigestalt zu 
machen. Jetzundt newlich auss Welscher und Lateinischer sprach in gemein Teutsch 
ordentlich zusammen verfasset, durch Hans Jacob Wecker, der artzney D. und Physicum 
zu Colmar. Mit Röm. Kei. Mai. Gnad und Freyheit getruckt zu Basel, bei Peter Perna. 
M.D.LXXV.) 

Ausland. 

Deutschland* Freigebung der Praxis. Der Cölner Bezirksverein des 
Verbandes der Aerzte Rheinlands u. s. w. hat letzthin eine interessante Frage ventilirt. 
Ein Arbeitgeber, der contractlich verpflichtet ist, seine Arbeitnehmer in Krankheitsfällen 
ärztlich behandeln zu lassen, hatte sich zu diesem Zwecke mit einem Pfuscher abgefun¬ 
den. Der Bezirksverein hat nun das Centralorgan bewogen, eine Eingabe an das Reichs- 
kanzleramt zu machen, durch welche das letztere um eine Interpretation des § 29 der 
deutschen Gewerbeordnung angegangen wird und zwar in dem Sinne der Frage, ob der 
Paragraph die Auslegung zulasse, dass auch Cooperationen , industrielle Gesellschaften, 
Fabrikbesitzer u. 8. w. verpflichtet seien, mit der contractlich geregelten ärztlichen Be¬ 
handlung ihrer Beamten , Untergebenen und Arbeiter nur approbirte Aerzte zu betrauen. 
Es scheint uns, dass denn doch der Arbeitgeber hiezu sollte verpflichtet werden können. 

(Corr.-BL d. niederrh. V. f. Gesundheitspfl.) 

England. Studium der Medicin durch Frauen. In London soll 
nahe beim Brunswick Square eine medicinische Schule für Frauen eröffnet werden. Einst¬ 
weilen sind für interne Medicin, Chirurgie, Pathologie (?), Geburtshülfe, Matcria medica, 
Anatomie, Botanik und Chemie passende Lehrkräfte gewonnen worden. In der Verwal¬ 
tungsbehörde wirken unter Andern Prof. Huxley und Dr. Walker mit. Bereits denkt man 
daran, in dem an die Hörsäle stossenden grossen Garten Sectionslocalitäten zu errichten. 
Schon hat sich auch eine Anzahl Studentinnen inscribiren lassen. (Scalpel.) 

Trinkwasser und Scarlatina. Ein Dr. Ballard berichtet über eine Epide¬ 
mie von Scarlatina in dem kleinen englischen Ort Wood-Sutton, bei welcher unzweifel¬ 
haft eine hinter einer Häuserreihe verlaufende Wasserleitung Ursache für die Verbreitung 
der Krankheit gewesen sein soll. (?) In den Jahren 1871 und 1872 kamen 17 Todesfälle 
an Scarlatina vor, und die Epidemie beschränkte sich fast ausschliesslich auf zwei mit 
jener Leitung gespeiste oder aber mit Sodbrunnen versehene Parallelstrassen, während 
eine nahe andere Strasse mit eigener Wasserversorgung frei blieb. (!) 

Wenn das mit dem guten Trinkwasser so fort geht, werden wir bis in 10 Jahren 
keines mehr gemessen dürfen, 

„Dieweil darin enthalten sind 
Viel Gifte für die Menschenkind!“ 

(Lancet Nr. IX, 1875.) 

Zum Capitel der „Freigebung“. Vor Kurzem stand vor den Assiscn 
von Warwick unter der Anklage, einer Frau durch ihre grobe Nachlässigkeit als Heb¬ 
amme das Puerperalfieber überbracht zu haben, das den Tod der Betreffenden zur Folge 
hatte, die Elisabeth Ingram. Nachdem derselben in kurzer Zeit 4 Wöchnerinnen hinter¬ 
einander an dieser Krankheit gestorben waren, wurde ihr die Hebammenthätigkeit strenge 
untersagt; unter der Protection eines Arztes aber setzte sie sich ruhig über dieses Ver¬ 
bot hinweg und veranlasste die obengenannte neue Erkrankung, die ebenfalls tödtlich ab¬ 
lief. — Vor die Geschworenen gestellt erklärte sie einfach: sie habe nie in ihrem Leben 
von dem Puerperalfieber reden gehört noch viel weniger von dessen contagiöser Natur 
eine Ahnung gehabt; demzufolge wurde sie von der Jury freigesprochen. (!) 

In einer Zeit, wo in verschiedenen Cantonen Jedermann, auch ohne irgend eine Ga¬ 
rantie eines Verständnisses zu bieten, zum Hebammendienst solle zugelassen werden, ge¬ 
ben denn doch derartige Fälle, wo rohe Unwissenheit die directe Veranlassung zum Tode 
von 5 Wöchnerinnen abgab, reichen Stoff zum Nachdenken. — 


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237 


Stand der Infectlous-Kraukhelten in Basel« 

Vom 24. März bis 12. April. 

Von Scharlach sind 13 neue Fälle gemeldet, von welchen 8 in 2 Familien, 3 ver¬ 
einzelt, 2 im Kinderspital zum Ausbruch gekommen sind ; in letzterem ist daher das Ab¬ 
sonderungshaus wieder geöffnet worden Die Formen werden in einzelnen Fällen als 
irreguläre geschildert, so zwar, dass das Exanthem sich eher den Morbillen im Aussehen 
nähert, während doch die Prodromalsymptome oder ein begleitender Beleg der Mandeln 
entschieden für Scharlach sprechen. Auffallend ist, dass während die Masern, wie aus 
den monatlichen Strassburger Gesundheitsberichten hervorgeht, in dieser Stadt schon Mo¬ 
nate lang gemeinschaftlich mit dem Scharlach herrschen, Basel bis jetzt ganz frei davon 
geblieben ist, obschon es sonst regelmässig von denselben heimgesucht wird. (1873: 59 
f an Masern.) Erysipelas , Diphtherie und Typhus sind seltener, dagegen sind in den 
Tagen vom 4.—7. April 5 Fälle von achtem Croup vorgekommen, von denen 2 zur Tra¬ 
cheotomie führten. Von Keuchhusten verlautet nichts mehr. 


Bibliographisches. 

Volkmann Samtnl . kl. Vorträge , Nr. 83 Kocher, die Analogien von Schulter- und Hüftgelenk- 
Luxationen und ihre Repositimsmethoden; Nr. 84 und 85 Thiersch , klinische Ergeb¬ 
nisse der Lister’schen Wundbehandlung und über den Ersatz der Carbolsäure durch 
Salicylsäure. Leipzig, Breitkopf & Härtel. 

Sander , über Geschichte, Statistik, Bau und Einrichtung der Krankenhäuser, nebst einem 
Bericht über das Krankenhaus der Stadt Barmen. Mit 3 Zeichnungen und 1 Tabelle. 
Köln, Dumont-Schauberg’sche Buchhandl. 

Herlzka f der atheromatöse Process in s. Beziehungen zum Gehirn. Vorträge. 50 Seiten. 
Stuttgart, Ferd. Enke. 

F. W. Müller , Pathologie und Therapie des Harnröhrentrippers. 186 Seiten. Stuttgart, 
Ferd. Enke. 

Virschfeld und Pichler , die Bäder, Quellen und Curorte Europa’s in 2 Bänden. I. Bd. 546 S. 
Stuttgart, Ferd. Enke. 

Reimer und v. Sigmund } Vierteljahrsschrift für Klimatologie, mit bes. Rücksicht auf klimat. 

Curorte. Jahrg. 1875, Heft 1, 104 Seiten. Leipzig, Veit & Comp. 

Hünefeld , die Blutproben vor Gericht und das Kohlenoxydblut in Bezug auf die Asphyxie 
durch Kohlendunst. Preis 1 Mark 20 Pf. Leipzig, Veit & Comp. 


Briefkasten. 


Herrn Dr. Sch — er: Mit vielem Dank erhalten. Behalten Sie nur den betr. Entwurf. Herrn Dr. 
TP— er, Baden: Mit vielem Dank erhalten. — Herrn G. K—e in H-n; Dr. Kottmann , Solothurn; 
Dr. Sch—ch lnB—n: dankend erhalten. — Herrn Dr. B-r in Leuk: Verdanke bestens die fr. Zusendung 
der Badebroch üre. 


T)jp "FUfSVR besitzt, laut Analyse des Herrn Prof. FRESENIUS, bei gleichen mine- 
* LfAC JJ1U-JJ AI» ralischen Bestandteilen, einen bedeutenden Mebrgehalt an Kohlen« 
- II f\ r\ ■ a säure (Victoriaquelle 1,20 — Kränchen 1, 03) ist daher haltbarer und 
1111" | || U I A zum Versandt — zum curmässigen Gebrauch zu Hause — geeigneter, 
VIOI V/Illll“' a * s tt ^ e »öderen Emser Quellen. Sorgfältigste Füllung und bestes 
Material. — Niederlage derselben hält jede bedeutende Mineralwasser- 
FELSBNQtjELLE ^ aut ^ un £’ durch welche auch Proben an die Herren Aerzte gratis abge- 

Administration der Künig Wilhelms-Felsenquellen. 


Die Basler Nachrichten 

erscheinen wöchentlich sechsmal in grösstem Format — Jährlich Fr. 16, halbjährlich Fr. 8. — 
vierteljährlich Fr. 4. — franco durch die Post in der ganzen Schweiz. — Bestellungen nehmen zu 
Anfang jedes Vierteljahres alle Postbureaux entgegen, ln der Zwischenzeit kann man sich für jeden 
beliebigen Zeitraum, worauf wir die Herren Badbeeitzer und Badeärzte auftnerksam machen, bei 
der Expedition der Basler Nachrichten, Schwanengasse 2, Basel, zu verhältnissmässigen 
Preisen abonniren. Briefe und Gelder franco. 


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288 


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gen Soolsprudeln. Zu Trinkkuren, salinische 
Quellen und ein alkalischer Säuerling. [416-R] 
Eröffnung am 1« Mai« 

Grossh. Hess. Bade-Directiou Nauheim. 

Die Bernische Medicamenten-Taxe 

in Preisen nach dem Grammen Gewicht neu 
ausgearheitet, herausgegeben vom heroischen 
Kantonal-Apotheker verein, versendet in Lein¬ 
wand gebunden k 3 Fr. [H-873-Q] 

Der Secretair des Vereins: 

A. Thomas» 9 Apotheker in Bern. 

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de source apentive et alcaline, k 8°. Douches 
puissautes. Bains de riviere ä tempärature variable 
suivant les heures de la jouruäe. Belle vue sur 
les Alpes et le, lac. Maguifiques ombrages. Parc. 
Promenades faciles dans toutes les directions et 
aux gorges de PAreuse. Prix moderäs. S’adresser 
au Dr. Tonga, professeur et membre du Conseil 
de santd k Chanälaz, par Areuse. [H-1679-N] 


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rentable aber anstrengende Praxis einem jüngern, 
tüchtigen Collegen abzutreten. 

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Sammlung klin. Vorträge, 

red. von J3. Volkmann-Halle. 

Verlag von Breitkopf & Härtel in Leipzig. 
Soeben erschienen: 

Heft 83: Die Analogien von Schalter- and Hüftgelenk-Luxa- 
tionen and ihrer Repositionsmethoden. Von Th. Kocher, 
Prof, in Bern. 

Heft 84—85. Klinische Ergebnisse der Lister'schen Wundbe¬ 
handlung und über den Ersatz der Carbolsüure durch 
8alicylsäure. Von C. Thier ach, Prot in Leipzig. 

Preis eines einzelnen Vortrags 75 Pf., bei Sub¬ 
scription auf 30 Vorträge 1—30 oder 31—60 
k 50 Pf. [H-1211-Q] 

Prospecte stehen gratis zu Dienst. 


Verlag von Ferdinand Enke in Stuttgart. 

Soeben erschien: 

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Geburtshülfe und Frauenkrankheiten. 

Unter Mitwirkung 

der Gesellschaft für Gynaekologie in Berlin 

herausgegeben von 

Dr. Eduard Martin und Dr. Heinrich Fasbender 

Geh. Medicin&lrath, ord .Prof, der Geburtshülfe, Director Docent der Gynaekologie an 

der gynaekologischen Klinik an der Univeraitäts-Ent- der Universität, 

bindnngsanstalt. 

L Band. 1. Heft. 

224 Selten gr. 8. Preis 4 Mark. 

Die Zeitschrift erscheint in zwanglosen Heften, von denen drei einen Band von ca. 32 
Bogen bilden. 

Preis des Bandes ungefähr 12 Mark. 

Das erste Heft liegt in allen Buchhandlungen auf. 


Anzeigen sind zn adressiren an Haasenstein & Vogler. 


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289 


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In prachtvoller Lage am Genfersee und herrlicher Aussicht. — Mit allen Er¬ 
fordernissen der Neuzeit eingerichtet. — Massige Preise. 

Eröffnung- im März 1875. 

[H-1215-X] Louis Botli, Besitzer. 


Das 

Nene Faulensee-Bad 


bei Spiez am Thunersee 

liegt — 10 Minuten von Aeschi, 45 Minuten von Spiez, 40 Minuten vom Bad Heustrich, 
272 Stunden von Thun und ebenso viel von Interlaken entfernt — hart am Saume des 
über 200 Jucharten haltenden üppigen Buchen- und Fichtenwaldes, das „Seeholz“ genannt, 
mit herrlicher Aussicht auf den ganzen Thunersee, das Bödeli mit Interlaken und den 
Brienzersee bis Iseltwald, 930 Fuss über dem Spiegel des Thunersee’s, 2670 Fuss ü. M. 

Seine Heilquelle enthält nach den Analysen von Dr. Chr. Müller, Apotheker in 
Bern, und Dr. Simmler sei. in Zürich übereinstimmend in 1 Liter oder 1000 Grammes: 

Grammes. 


Schwefelsaures Natron \ nftftQ • 

Schwefelsaures Kali \ .. 

Schwefelsäuren Kalk.1,451 

Chlorcalcium ...•••••.. 0,014 

Doppelt kohlensauren Kalk . . . . . 0,066 

Doppelt kohlensaure Magnesia • • • • 0,197 

Doppelt kohlensaures Eisenoxydul . . . 0,005 

Doppelt kohlensaures Manganoxydul • • Spuren. 

Thonerde.0,002 

Kieselerde.0,038 

Summe fester Bestandteile.1,782 

Freie Kohlensäure bei 8° und 760mm • l,Ö8cc 

Schwefelwasserstoff.Spuren. 


Strontian- und Lithionsalze wurden durch Hrn. Dr. Simmler auf spectralanalytischem 
Wege in geringer Menge nachgewiesen. 

Specifisches Gewicht des Mineralwassers bei 15° C. 1,002; Temperatur desselben 
bei 26° C. der Atmosphäre + 11° C. 

Das Mineralwasser wird seit vielen Jahren mit Erfolg zu Trink- und Badecuren 
verwendet bei chron. Rheumatismus, Gicht, chron. Catarrhen verschiedener Schleimhäute, 
besonders des Magens, sowie der Respirations- und Genitalorgane, bei Chlorose, Anämie, 
überhaupt bei Schwächezuständen, namentlich im Reconvalescenzstadium nach erschöpfen¬ 
den Krankheiten. 

Das Klima des Faulenseebades ist eines der mildesten und gesundesten, seine jetzige 
Lage unstreitig eine der lieblichsten des Berner-Oberlandes. 

Hiedurch, besonders aber durch den herrlichen Waldpark mit seinen stundenlangen, 
beinahe horizontalen Spaziergängen, sowie durch die wundervolle Fernsicht, eignet es sich 


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240 


nicht nur ausgezeichnet zu Kuren für Leidende und Genesende, sondern auch zu einem 
der angenehmsten Erholungs- und Vergnügungsaufenthalte Gesunder. 

Die sehr primitiven Räumlichkeiten des alten Bades im Walde sind verlassen und 
durch schon im Laufe des Herbstes beendigte, mit Wasser- und G&seinrichtungen, eiec- 
trischer Sonnerie etc. versehene comfortable Neubauten mit geräumigem Speisesaal, Lese- 
und Billardzimmer, in weit schönerer Lage ersetzt und bedeutend vergrössert; eine ge¬ 
räumige Trinkhalle, sowie Bäder und Doucben sind neu und zweckmässig eingerichtet und 
ausgedehnte Terrassenanlagen und Promenaden erstellt worden. 

Die neue Eigenthiimerin der Kuranstalt, deren Eröffnung im Mai dieses Jahres 
stattfindet, wird et sich angelegen sein lassen, durch aufmerksame Behandlung, sowie durch 
gute Küche und Keller bei mässigen Preisen ihren Gästen den Aufenthalt daselbst mög¬ 
lichst behaglich und angenehm zu machen. 

Eine neue Dampfschiffstation wird dieses Frühjahr im Dorfe Faulensee errichtet, 
und ein Telegraphenbureau ist in dem nahen Aeschi, dessen Arzt, Herr Dr. LuginbUhl- 
Bücher, die Besorgung der Gäste übernehmen wird. 

Als Besitzerin empfiehlt ihr neues Etablissement bestens die 

Familie Müller 

von Weissenbnrg. 

Literatur über das Faulenseebad: (H-980-Q) 

Dr. J. Schären, Die Heilquelle im Seeholzwalde zu Faulensee. Thun. Buchdruckerei 
Christen. 1864. 

Dr. C. Meyer-Ahrens, Schweizerische Balneographie. Zürich edit. 1867. pag. 230 ff. 
Dr. Abr. Roth, Thun und seine Umgebungen. Bern. Dalp. 1873. pag. 35 ff. 






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(Berner Oberland, 2758' über Meer.) 

Eröffnung des neuen Kurhauses s SO. Mai. 
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Am 1. und 15. jeden 
Monats erscheint eine Nr. 

17 s—2 Bogen stark; 
am Schluss des Jahrgangs 
Titelu.Inhaltsverzeichniss. 


für 

schweizer Aerzte. 

ITerausgegoben von 


Preis des Jahrgangs 
Fr. 10. — für die Schwei»; 
der Inserate 

25 Cts. die zweisp. Zeile. 
Die Postbureaux nehmen 
Bestellungen entgegen. 


Dr* Alb« Barekherd(-Heriaii und 

Privatdocent in Basel. 


Br. A. Baader 

in Gelterkinden. 


9. Y. Jahrg. 1875. 1. Mai. 


Inhalt: 1) Orlginalarbeitpn: Dr. E. Trechsel, Hämorrhagin pelvina. Adolf Topt, Zur Aetiologie des Abdominaltyphug. — 
2) Vereinsberichte: Ordentliche Versammlung der raedicinisch-ebirurgisrb.-n Gesolhchaft dfs Cantons Bern. — 3) Referate 
und Kritiken: H. r. Ziemssen, Handbuch der epeciellen Pathologie und Therapie. — 4» Kantonale Correspondensen: 
Glarus; Neuenburg; Aus den Acten der Schweiz. Aerzte-Connnission. — 5) Wochenbericht. — 6) Bibliographische«.— 
7) Briefkasten. 


Orig-inal-Arbeiten. 

Hämorrhagia pelvina. 

Von Dr. E. Trechsel in Locle. 

Die unter dem Namen „Tumeur sanguine du pelvis“ in den Jahren 1851 und 
1853 von Nelaton zuerst als besondere Krankheitsform beschriebene Reihe von Af- 
fectionen, welche jetzt fast allgemein unter der gemeinsamen Bezeichnung der „Hsema- 
tocele retrouterina“ verstanden wird, ist bekanntlich der Häufigkeit ihres Vor¬ 
kommens nach ein Gegenstand des Streites Seitens hervorragender Gynäkologen. 
Im grossem ärztlichen Publicum hat. sich im letzten Decennium das Interesse mehr 
und mehr diesen eigenthümlichen Formen von Blutextravasaten im Beckenraum 
zugew r endet, was jedenfalls für ein verhältnissmässig häufiges Vorkommen derselben 
spricht; lässt cs sich doch annehmen, dass, wären die Fälle so extrem selten, wi^ 
es den Angaben von Scanzoni , Crede , Spiegelberg und Hugenberger zufolge scheinen 
muss, ein grosser Procentsatz der practischen Aerzte gar niemals einen Fall der 
Art zur Beobachtung erhielte, was unstreitig nicht geeignet wäre, das Interesse für 
dieselben, wohl aber die Skepsis zu steigern. 

Die Literatur der Hsematocelo ist nun bereits eine reichhaltige; sie dreht sich 
vorzugsweise um Aetiologie, specielle Differenzirung der einzelnen Formen und um 
die Behandlung. In übersichtlicher Weise findet sic sich zusammengestellt in 
Hermann Beigel , Handbuch der Krankheiten des weiblichen Geschlechts (1875), pag. 
118 ff., auf welches ich zu näherer Orientirung überhaupt verweise. Ausserdem 
findet sich eine Monographie der Heematocele retroutcrina von Fritsch in Nr. 56 der 
klin. Vorträge von Volkmann ; der Jahrgang 1873 dieser Zeitschrift enthält ein Re¬ 
ferat über dieselbe. 

Da meines Wissens dieses Referat die einzige Notiz bildet, welche unser Blatt 

17 


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242 


über die iii Rede stehende Krankheit enthält, und da hoch weitere Umstande mich 
bestimmen, auf den Gegenstand einzutreten, so erlaube ich mir, die Aufmerksam¬ 
keit der Collegen auf einige Momente für ihn in Anspruch zu nehmen. Ein Fall, 
welcher mir, immerhin durch einen glücklichen Zufall nach kurzer practischer 
Laufbahn, zur Beobachtung kam , verdient meines Erachtens die Veröffentlichung 
in hohem Masse und wird mir Veranlassung geben, einige Bemerkungen allgemei¬ 
ner Art einzuflechten. — Doch zur Sache. 

Den 24. Juni vorigen Jahres wurde ich zu einer Patientin gerufen mit der 
Weisung, dass Eile äusserst wünschenswerth sei. Ich fand die Kranke, eine 28jäh- 
rige, in massigem Wohlstand lebende Frau, im Zustande hochgradigen Collapses, 
ausserordentlich blass und ohne Besinnung. Die Anamnese ergab Folgendes: Frau 
M. war seit 7 Jahren verheirathet und hatte vor 5 Jahren leicht und glücklich ge¬ 
boren, seither nicht mehr. Sie hatte sich fortwährend guter Gesundheit erfreut, 
bis vor circa einem Jahre, wo sie einen Anfall hatte, welcher dem jetzigen völlig 
glich; sie hatte damals etwa 14 Tage lang das Bett gehütet, war seither aber nicht 
mehr krank gewesen. Wie auch jetzt war damals der Anfall während der Menses 
eingetreten, welche sofort ausgesetzt hatten. Seither waren sie immer in Ordnung 
gewesen. 

Der Collapsus war ganz plötzlich über sie gekommen; bevor sie ohnmächtig 
wurde, klagte sie sehr über heftige Leibschmerzen; die Blässe war um so auffal¬ 
lender, als sie binnen einer halben Stunde so intensiv wurde und als Patientin 
sonst, wie ich mich später selbst überzeugen konnte, ein sehr blühendes Aussehen 
hatte. 

Die Untersuchung ergab einen äusserst kleinen Puls; der Athem war ruhig, 
die Haut kühl. 

Das ganze Bild war also sehr deutlich dasjenige einer acuten Ansemie. 

Der Umstand, dass dieselbe während der Menses unter heftigen Bauchschmer¬ 
zen aufgetreten war, leitete den Verdacht sofort auf die richtige Spur. Das Be¬ 
wusstsein kehrte bei Bespritzen von Gesicht und Brust mit kaltem Wasser bald 
wieder. Die Untersuchung des Unterleibes ergab massige Schmerzhaftigkeit; der¬ 
selbe war etwas aufgetrieben und es stellte sich dem Drucke oberhalb der Sym- 
phys. oss. pub. eine gewisse Resistenz entgegen, welche jedoch nicht den Eindruck 
hervorrief, als ob sie von einem festen Tumor herrührte; eine ausgesprochene Fluc- 
tuation war indessen auch nicht vorhanden. 

Per vaginam war dagegen, und zwar durch das vordere Scheidengewölbe, nach 
rechts und bis über die Mittellinie hinaus nach links eine deutlich vor dem gleich 
hoch und ganz nach hinten stehenden Uterus befindliche, dunkel fluctuirende Masse 
durchzufühlen. Mit Rücksicht auf den Zustand der Kranken wurde die Untersu¬ 
chung rasch und schonend ausgeführt. 

Wer Gelegenheit gehabt hat, einen Fall von Hsematocele zu beobachten, wird 
zugeben, dass der ganze Symptomencomplex, welcher in Kürze geschildert wurde, 
für dieselbe im Allgemeinen charakteristisch genannt werden kann; auf etwas An¬ 
deres als auf eine plötzliche Blutung im Beckenraum Hesse sich derselbe wohl nicht 
deuten. 


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Da die Schmerzen im Unterleib fortdauerten, wurde ausser ruhiger Rückett- 
lage, Kälte auf den Unterleib und kalten Injectionen in die Scheide Morphium 
innerlich verordnet. 

Etwa 24 Stunden später sah ich die Kranke wieder. Obgleich noch sehr bleich, 
hatte sie sich doch sichtlich erholt; der Puls war weniger klein und schnell, die 
Temperatur 39,2° C.; Schmerzen im Unterleib immer noch erheblich; zuweilen 
leichter Brechreiz, etwas Kopfschmerz. Die Resistenz im Unterleib hatte indessen 
sehr erheblich zugenommen; es liess sich leicht ein gleich scharf abgegrenzter, 
solider Tumor umgreifen, der seinen Sitz ganz vorn in der Bauchhöhle hatte und 
von so beträchtlicher Grösse war, dass er bis nur 2 Fingerbreiten unter dem Na¬ 
bel reichte; nach links überschritt er die Mittellinie ebenfalls um Weniges, wäh¬ 
rend er dagegen nach rechts viel weiter reichte und einen Theil der Darmbeingrube 
ausfüllte. Fluctuation war keine zu fühlen. Die innere Untersuchung bestätigte 
die äussere; der Befund war wie gestern; nur fühlte ich ebenfalls statt einer fluc- 
tuirenden, undeutlich begrenzten Masse einen soliden Tumor in der angegebenen 
Lage. Der Uterus befand sich hinten in der Excavatio sacri in normaler Richtung, 
so weit man ihn fühlen konnte; da dies aber nur von der Portio vaginalis galt, 
so wäre ich nicht Am Stande, über seine Beweglichkeit oder Fixirung etwas aus¬ 
zusagen. 

Der Verlauf, auf den ich nicht im Detail eingehen will, war weit günstiger, 
als ich eigentlich zu hoffen gewagt hatte. Die Temperatur sank schon in den 
nächsten 3 Tagen spontan bis zur Norm, die peritonitischen Reizungserscheinungen 
verschwanden, und trotzdem Patientin am 6. Tage gegen mein Wissen und Wollen 
sich erhoben und von einem zweiten, doch schwächern Collapsus befallen worden 
war, so ging doch ungeachtet dieser Unterbrechung die Genesung gleich rasch 
vorwärts. Immerhin machte ich mir den „Rückfall“ und den auch von der Kran¬ 
ken deutlich durchgefühlten Tumor zu Nutze, um sie möglichst lang im Bett zu 
halten; nach 6 Wochen etwa hiess ich sie aufstehen, verbot aber das Ausgehen 
noch eine Weile. 

Die Menstruation, welche ich mit Bangen erwartet batte, ging zur richtigen 
Zeit ohne krankhafte Erscheinungen in Scene. Beschwerden Seitens des Urins 
waren Anfangs in geringem Masse, später gar nicht mehr vorhanden. Doch möchte 
ich einen Umstand anführen, den ich bei dieser Affection nirgends erwähnt gefun¬ 
den habe. Mitte der ersten Woche trat nämlich ein deutlicher, nicht ganz geringer 
Blutgehalt des Urins auf — blutiger Ausfluss aus der Scheide war nicht vorhanden 
— der übrigens nicht alkalisch war und ohne nennenswerthe Beschwerden entleert 
wurde. Diese Erscheinung verlor sich erst nach etwa 14 Tagen. Ich erklärte mir 
dieselbe durch einen Reiz, welchen der Erguss auf den Fundus vesicae, ähnlich 
wie auf das Peritoneum, ausüben mochte; völlig befriedigte mich freilich diese 
Hypothese nicht. 

Die Resorption des Tumors ging rasch und wohl vollständig von Statten; ich 
hatte etwa 11 Wochen nach Auftreten der Hsemorrhagie Gelegenheit, die Kranke 
noch einmal zu untersuchen. Aeusserlich fühlte ich nichts mehr; per vaginam war 
nach rechts noch eine vermehrte Resistenz nachzuweisen. Der Uterus hatte den- 


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selben Stand, wie bei den frühem Untersuchungen, was wohl am besten für seine 
Fixation spricht. 

Der Fall verdient die Veröffentlichung namentlich aus dem Grunde, weil er 
die seltenste Form der Hoematocele, die Ansammlung de9 Blutes in der vordem 
Bauchfellfalte (zwischen Blase und Uterus) repräsentirt. Unter den wenigen der¬ 
artigen Fällen, welche zur Beobachtung kamen, ist es besonders ein von Gustav 
Braun 1872 (Wiener medic, Wochenschrift, pag. 545 ff.) beschriebener, der zu wei¬ 
tester Kenntniss gelangt ist. Dieser Fall ist durch die Autopsie bestätigt. Ich 
glaube, der meine reihe sich seiner Entstehung nach am nächsten an diesen an; 
im Froi/n’schen Falle war die Hsematocele eine mehr links-, im meinen mehr rechts¬ 
seitige. Es ist evident, dass die Hsematocele ante-uterina nur dann zu Stande 
kommen kann, wenn das Blut verhindert ist, der Schwere entsprechend im tiefer 
gelegenen Cavum Douglasii sich anzusammeln; dies ist aber dann der Fall, wenn, 
wie bei Braun , der Uterus durch Pseudomembranen ans Rectum, resp. Kreuzbein 
angelöthet, oder wie in einem von Schrwder veröffentlichten Falle durch anderwei¬ 
tige Massen (Fibrincoagula zwischen Pseudomembranen) ausgefüllt ist. Ebenso ist 
es unmöglich, dass sich eine grössere Menge Blut bei retrouteriner Hsematocele 
in der an sich schon sehr flachen Plica vesico-uterina ansammelt, da die hinter 
dem Uterus liegende Masse denselben nach vorn drängt und so gewissermassen 
die Falte comprimirt und ausgleicht. 

Dass zuweilen, bei sehr raschem und massenhaftem Ergüsse sich derselbe zu 
allen Seiten der Gebärmutter ansammeln kann, also auch vor derselben, ist ein¬ 
leuchtend, sowie dass in seltenen Fällen sich Verklebungen vorfinden können, 
welche das Blut nur auf der einen oder andern Seite des Uterus zurückhalten. 
Diese verschiedenen Eventualitäten sind es, welche der Affection die Eintheilung 
in Hsematocele retro-, peri-, ante- und laterouterina verschafft haben, eine Unter ¬ 
scheidung, welcher offenbar in pathologischer Beziehung keine Bedeutung beizu¬ 
messen ist, die aber für den Verlauf unter Umständen von Wichtigkeit sein kann* 
Die periuterine Form setzt das grösste Extravasat voraus und kann deswegen als 
die schwerste bezeichnet werden. 

In welcher Weise die eigenthümliche Bedingung zur Entstehung der anteute- 
rinen Hsematocele zu Stande gekommen, ist in diesem Falle mit grosser Wahr¬ 
scheinlichkeit aus der Anamnese nachzuvveisen. Ein Bluterguss ähnlicher Art war 
im Vorjahre aufgetreten, damals wohl ein schulgerechter retrouteriner von massi¬ 
ger Grösse, welcher, trotz der grossen Toleranz des Bauchfells gegenüber freien 
Blutaustritten, wie auch beim zweiten Male peritonitische Reizungen hervorgerufen 
und zur Anheftung des Uterus an die Rückwand nach erfolgter Resorption durch 
zurückfcleibende Pseudomembranen Veranlassung gab. Ausserdem lässt sich an¬ 
nehmen, dass auch sonst noch mehrfach plastische Exsudatmassen erzeugt wurden, 
welche es ermöglichten, dass ein so starker Erguss sich in so scharf umschriebener 
Form in kürzester Zeit abkapselte. 

Es kann hier die Frage wohl kaum aufgeworfen werden, ob der Erguss extra- 
oder intraperitoneal gewesen sei. Extraperitoneale Ergüsse würden schwerlich zu 
einem Tumor von der beschriebenen Gestalt führen, obschon der innere Befund 


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eher für als gegen einen solchen Erguss spräche; das starke Vordrängen der 
Scheidenwand mag indessen eher auf Rechnung der Massenhaftigkeit des Extra¬ 
vasates kommen. 

Aus welchem Organ der Bluterguss stammte, möchte ich in diesem Falle nicht 
entscheiden. Das Auftreten während der Menses beweist nichts für die Beschul¬ 
digung der Geschlechtsorgane; denn die physiologische Congestion beschränkt sich 
nicht auf diese, und ein Uebertritt aus dem Uterus durch die Tuben wäre beson¬ 
ders in dieser Quantität und in so kurzer Zeit wohl nicht möglich. Andrerseits 
spricht das Auftreten im vorigen Jahr, wo wahrscheinlich noch keine peritonitische 
Pseudoplasmen bestanden hatten, ebenso sehr gegen die Anwendung der Virchow - 
sehen Theorie, dass die Blutung aus solchen herrühre, als die erwiesene Existenz 
solcher beim zweiten Anfall für dieselbe. Zudem könnte man vielleicht den abso¬ 
luten Mangel entsprechender Vorkommnisse beim männlichen Geschlechte gegen 
diese Anschauungsweise anführen, da peritonitische Membranen bei demselben sich 
auch finden (z. B. nach der gleich häufigen Perityphlitis) und zu Darmverlegung 
führen können, und da die Haematocele des Weibes nicht immer zur Zeit der Men¬ 
ses entsteht. 

Die Diagnose war hier und ist im Allgemeinen nicht schwierig. Von Pel- 
veoperitonitis ist die Affection durch die Anamnese, das plötzliche Entstehen des 
Tumors, das geringe oder fehlende Fieber leicht zu unterscheiden. Ein seröses 
oder eitriges Exsudat verwandelt sich auch nicht binnen 24 Stunden in einen soli¬ 
den Tumor, der zudem hier noch durch seine Lage in der Nähe der Mittellinie und 
deutlich ganz vorn in der Bauchhöhle sich auszeichnete. Zur raschen Coagulation 
des Blutes mag die in Anwendung gebrachte Kälte beigetragen haben. 

Die Behandlung, welche zu den wesentlichsten Streitpuncten gehört, war 
hier eine rein exspectative. Die Resorption des Ergusses ging, trotz seiner Grösse, 
in raschem und, wie ich glaube, vollständigem Masse vor sich. Punction und Aus¬ 
spritzung von der Scheide her wäre sehr leicht gewesen; auch war ich von vorn¬ 
herein dazu entschlossen, sobald sich Erscheinungen von beginnender Zersetzung 
und septischer Infection gezeigt hätten. Dieser Anlass bot sich aber nicht dar. 
Natürlich musste etwas gethan werden; Einreibungen von Jodkaliumsalbe in den 
Unterleib und Eisen innerlich werden vielleicht etwas zur Beförderung der Resorp¬ 
tion beigetragen haben; auch wirkte vielleicht im spätem Verlauf die wohl nicht 
ganz schulgerechte Anwendung von stärkern Abführmitteln von Zeit zu Zeit Auf 
einen günstigen Ausgang machte mir aber namentlich der Umstand Hoffnung, dass 
der vorjährige Erguss offenbar zur Resorption gekommen war. Das Zu warten 
scheint mir demnach auch bei grossem Tumoren erlaubt, immerhin unter bestän¬ 
diger Aufsicht, um bei drohenden Symptomen mit der erforderlichen Energie ein¬ 
zuschreiten. 

Es hätte meinen Wünschen entsprochen, den Fall in der Beobachtung eines 
geübten Gynäkologen zu sehen; seine Veröffentlichung hätte dadurch jedenfalls an 
Bedeutung gewonnen. Zur Verbürgung der Treue des angeführten Krankheits¬ 
bildes kann ich leider nur die Versicherung gewissenhafter Untersuchung und 
Darstellung geben; ich glaube auch wirklich nicht, dass es wohlgethan sei, die 


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Skepsis so weit zu treiben, alle Mittheilungen, die nicht aus durchaus anerkannt 
competenter Feder geflossen, einfach als unverbürgt zu übergehen. Es ist noch 
die Frage, ob dies im Interesse der Statistik sei, welche eben mit grossen Zahlen 
rechnen soll, so sehr ich zugebe, dass auf Zuverlässigkeit des benutzten Materials 
ein Hauptgewicht zu legen sei. 


Zur Aetiologie des Abdominaltyphus. 

Eine Antwort an Herrn Geheimrath Dr. von Rothmund in München von Adolf Vogl . 

Die Aufsätze, welche ich über diesen Gegenstand im Anfang des vergangenen 
Jahres in dieser Zeitschrift veröffentlicht habe, und von welchen ein Separatabdruck 
unter dem Titel: „Trinkwasser oder Bodengase. Eine Streitschrift“ in den Buch¬ 
handel gelangte, haben in mehreren medicinischen Journalen Besprechung gefun¬ 
den — kritische Besprechung könnte ich jedoch nicht sagen, da ich bei der¬ 
selben gerade von Kritik, welche durch die Bezeichnung der Schrift als einer 
Streitschrift herausgefordert war, bis jetzt nicht viel entdecken konnte, weder in 
den beifälligen noch in den gegnerischen Stimmen. Bei dem erbärmlichen Zu¬ 
stande, in welchem sich die wissenschaftliche Kritik der Neuzeit befindet, durfte 
ich in dieser Beziehung auch nicht viel erwarten: Lessing ist schon sehr lange todt 
und die Enthüllungen Wuttke's *) über unsere zeitgenössische Presse sind bereits 
mit dem Leichentuch des Schweigens wieder zugedeckt. Einen Beleg für diesen 
herben Ausspruch liefere ich heute dem Leser. Herr Geheimrath Dr. von Rothmund 
in München hat nämlich im bayrischen „Aerztlichen Intelligenzblatt“ (1875 Nr. 7) 
eine kritische Besprechung meiner Schrift geliefert, die nicht nur an Gewissenlosig¬ 
keit das Unglaubliche leistet, sondern auch als Mustervorlage jener landläufigen 
Logik (lucus a non lucendo) dienen kann, welche so vielfach die Tagesliteratur 
unserer practischen Medicin unter das Niveau der Wissenschaftlichkeit herabdrückt. 

Herr p. Ä. theilt seinen Lesern mit, dass meine Ansicht dahin gehe: der Typhus 
werde ausschliesslich durch die Ausströmungen der Bodengase acquirirt. 
Auf Seite 1 meiner Schrift sage ich hingegen: „die epidemiologischen Forschungen 
haben uns die Ueberzeugung verschafft, dass der Ileotyphus das Resultat von der 
Zusammenwirkung verschiedener äusserer Einflüsse ist, von welchen jeder 
für sich allein genommen nicht ausreicht, um die Krank¬ 
heit zu erzeugen;“ und auf Seite 3: „da aber eine Schwalbe keinen Som¬ 
mer und ein einziger mitwirkender Factor nicht die ausreichende 
Ursache einer infectiösen Krankheit macht, u. s. w.“ Des Herrn Geheimraths 
Brille scheint beim Lesen etwas trübe gewesen zu sein. Ferner lässt er mich be¬ 
haupten: „der Typhuskeim kann nicht durch den Nahrungsschlauch aufgenommen 
werden;“ — und doch bemühen sich 5 volle Seiten meiner Schrift (S. 6—11) 
nachzuweisen, wie höchst unwahrscheinlich es sei, dass das durch Trinkwasser 


*) Wuttke , „Die deutschen Zeitschriften etc.“, Hamburg 1866. 


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in den Nahrangscanal aufgenommene Typhusgift durch Resorption in das 
Blut gelange. Herr v. R. versteigt sich sogar im Ueberwallen seines Aergers zu 
dem Ausspruche: „Hat man die Stirne, rundweg zu behaupten, der Weg der 
Typhusinfection sei nur in den menschlichen Athmungsorganen zu suchen und 
seine Acquisition durch die Ingesta geradezu unmöglich, so wird man sich auch 
den Muth nehmen dürfen“, — zu ignoriren, dass ich auf Seite 8 meiner Schrift 
sage, dass »von keinem vernünftigen Menschen die Möglich¬ 
keit eine r Ansteckung durch das Wasser könne geleugnet 
werden.“ Glaubt sich wohl der Herr Geheimrath der Verpflichtung überhoben, 
die Schriften auch zu lesen, welche er öffentlich bespricht? 

Nach diesen Leistungen kritischer Ehrlichkeit dürfte ich wohl den verwobenen 
Knäuel von logischem Gewirre, den der Kritiker auftischt, unberührt bei Seite 
schieben, mit der Bitte: noli turbare circulos meos! Aber auch der weitergehende 
Wunsch, dass uns der Geheimrath mit öffentlichen Rathen künftig ver¬ 
schonen möge, dürfte aus jener Thatsache die Berechtigung ziehen, sich zu äus- 
sern. Seine civile Ausdrucksweise findet in meinen Darstellungen ein „dünkel¬ 
haftes Absprechen“, mit welchem sein „bescheidenes Zweifeln“ so 
sehr contrastire. Ich kann dem bescheidenen Veilchen, das unter dem Blatte so 
stark hervorduftet, diese Selbstliebe nicht verwehren. Es fällt mir aber dabei ein, 
wie Herr Dr. v . R . (im ärztlichen Intelligenzblatt von Bayern 1872, Nr. 4 und 12) 
der wissenschaftlichen Welt mittheilte, dass der Genuss von Hammelfleisch Icterus 
erzeuge, und dass die Ursachen der Pyämie unter Anderem auch in der Wundbe¬ 
handlung mit Carbolsäure und Chlorwasser zu suchen sei. Es wird mir der Herr 
Geheimrath wohl erlauben, dass ich diesmal mit ihm einen kleinen Platzwechsel 
vornehme und nun meinerseits an jener ersteren Entdeckung mein „bescheidenes 
Zweifeln“ applicire und die letztere als ein „dünkelhaftes Absprechen“ über unsere 
chirurgischen Erfahrungen zurückweise. So wären wir ja vollständig wieder aus¬ 
geglichen, wenn wir Beide den Dünkel als Zopf nachtragen. 

Herr u. ä. „glaubt, das Forsche Expose auf seinen wahren Werth zurückzu¬ 
führen , wenn er dasselbe als eine R e c 1 a m e für gewisse moderne Theorien be¬ 
trachtet.“ Hat wohl Pettenkofer dem Herrn Geheimrath in München einmal gele¬ 
gentlich einen Rippenstoss gegeben , dass er sich veranlasst fühlt, mir über die 
bayrische Grenze hinaus so malitiös auf die Hühneraugen zu treten? Und wie 
konnte er sich so weit vergessen, meine blosse Reclame einer 12spaltigen Erörte¬ 
rung zu unterziehen, zumal da sie „in der That nichts Neues vorbringt“? Oder 
sollte vielleicht meine werthlose Reclame im Kopfe des Herrn Geheimraths doch 
einige Spinnweben versehrt und einige Nachteulen im Schlafe gestört haben? Ich 
hatte wenigstens nicht die Absicht, ich schwöre es, da ich bis jetzt nicht die Ehre 
von dero Bekanntschaft hatte. Wenn er sich so sehr über meine „wenig rühmliche 
Zurückweisung der Trinkwassertheorie und meinen in dieser Beziehung sehr ein¬ 
seitigen Standpunct“ ereifert, so will ich mich suchen zu bessern. Man kann sich 
ja bei gutem Willen und zäher Ausdauer selbst in seinen alten Tagen vielleicht 
noch die mannigfaltigsten Standpüncter angewöhnen, z. B. in der einen Epidemie 
denjenigen der inductiven Methode der Naturforschung, in der andern denjenigen 


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des subjectiven Glaubens, welcher Herrn v. R. mehr zuzusagen scheint; heute mit 
den eigenen Augen die Erscheinungen betrachten und morgen einmal durch die 
blindgewordene miasmatisch-contagiöse Brille unserer Vorgänger; auf den Schlacht¬ 
feldern von Wörth und Sedan die „Unverfänglichkeit putrider Emanationen“ nach- 
weisen und für München und andere Städte es für „nicht opportun erklären, dass 
sich die Leichenäcker in unmittelbarer Nähe der betreffenden Stadt befinden“; 
u. s. w. So können wir ungestört dem wissenschaftlichen Fortschritt Staffeten 
reiten: reisst ein Sattelgurt, so sitzen wir bereits auf dem andern Sattel und reiten 
lustig weiter. 

Da dieser Ort der Behandlung ernsterer Gegenstände gewidmet sein soll, so 
darf ich meine Blumenlese aus v . /Ts Kapuzinerpredigt doch nicht zu überreich 
werden lassen und winde daher zum Schlüsse den bunten Strauss noch mit fol¬ 
gendem Ausspruch des Herrn Geheimrath zusammen. Er bezeichnet nämlich „die 
VogC sehe Ereiferung bezüglich des Trinkwassers als eine kühne Negation, welche 
wohl dem Gelehrten, dem Naturforscher, dem Chemiker, nicht aber 
Einem, der sich einen practischen Arzt nennt, zu verzeihen 
wäre.“ Also was der Gelehrte, der Naturforscher negiren muss, sollte dem prac¬ 
tischen Arzte nicht zu negiren erlaubt sein? Liegt denn bei dem Herrn Geheim¬ 
rath die practische Medicin jenseits der Wissenschaft und Naturforschung? Es 
scheint, bei ihm fange der practische Arzt erst da an, wo der Gelehrte und Natur¬ 
forscher aufhört. Dieser Standpunct mag der „guten alten Zeit“ entsprechen; uns 
möge aber der Herr Geheimrath die Ansicht erlauben, nach welcher in der prac¬ 
tischen Medicin da, wo Wissenschaft und Naturforschung aufhören, die Tradition 
und der autoritäre Glauben, die Empirie und das Handwerk beginnen. Und die 
Resultate, welche 0 . Ä. als Arzt mit seiner medicinischen Praxis, die über Wissen¬ 
schaft und Naturforschung erhaben ist, im Abdominaltyphus erzielt hat, werden 
den practischen Aerzten, welche sich unter die Flügel der Wissenschaft und Na¬ 
turforschung zu flüchten suchen, nicht gerade sehr einladend erscheinen. Während 
im Allgemeinen Krankenhaus zu München ( Lindwurm ) *) 1870 8% und 1871 12,3% 
der Typhuskranken starben, zählt Herr v. R. bei seiner Oberleitung des Kriegsspi- 
tales zu Oberwiesenfeld bei München vom 1. August 1870 bis 10. Mai 1871 unter 
148 Typhen 22 Todte oder 14,9%, d. h. eine höhere Sterblichkeit als sie sich gleich¬ 
zeitig in der Türkenkaserne, neuen und alten Isarkaserne in München (11 — 13,8%) 
ergab. **) 

Es geht doch Nichts über die Bescheidenheit, „welche noch dazu des Geprä¬ 
ges einer nicht leidenschaftslosen Erregung keineswegs ermangelt (RothmuTid'sehe 
Stilprobe mit vier Negationen!). 


•) Acrztiiches Intelligenzblatt 1873, S. 235. 

*•) Berechnet nach Dr. Post in der Zeitschrift für Biologie Band VIII, S. 470 und 471. 


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V ereinsbericbte. 


Ordentliche Versammlung der medicinisch-chirurgischen Gesellschaft 

des Cantons Bern. 

Samstag, den 25. Juli 1874, Morgens 11 Uhr in der „Krone“ zu Tavannes. 

Präsident: Dr. J. R. Schneider , Actuar: Prof. Dr. Kocher. 

Anwesend 40 Mitglieder der Gesellschaft. Auch beehrte Herr Dr. Regnier , Sohn, 
von Neuenburg die Gesellschaft mit seiner Gegenwart. 

1. Die Verlesung des Protocolls findet auf Antrag des Herrn Dr. Vogt nicht 
statt wegen grosser Länge desselben. 

2. Der Präsident theilt mit, dass in der Spitalfrage seit der letzten Sitzung 
nichts geschehen sei, als die Veröffentlichung eines Berichtes über die Leistungen 
des Inselspitals seit 1840. Ferner habe Herr Regierungsrath Bodcnheimer die Zu¬ 
sicherung gegeben, dass die Spitalfrage noch vor September 1874 vor den Grossen 
Rath kommen werde. Betreffend die von hier aus angeregte Einführung und Auf¬ 
nahme einer allgemein schweizerischen Mortalitätsstatistik, so 
habe sich der Centralverein derselben angenommen. Dasselbe werde auch ge¬ 
schehen bezüglich des Antrages des Herrn Dr. Verdat auf Gründung einer Le¬ 
bensversicherungs-Anstalt für Medicinalpersonen. Endlich 
wird angezeigt, dass die von der Gesellschaft gekrönte Preisschrift des Herrn 
Dr. Kröpfli sei., über die Gesundheitsschädlichkeit der im Canton betriebenen In¬ 
dustrien, dem Druck noch nicht übergeben wurde , weil einzelne Theile derselben 
einer Umarbeitung bedürfen. 

3. Eingelangte Schriften: a. Krankheiten des Hodens: Pilha und Billroltis Chi¬ 
rurgie, 1. Hälfte, von Prof. Kocher ; b. Gesammelte Abhandlungen von Prof. R. Bemme ; 
c. Die med. Werke der Erbschaft des Herrn Dr. llaller sind der Gesellschaft ge¬ 
schenkt worden. Beschlossen wurde, diese werthvollen Geschenke auf angemessene 
Weise zu verdanken. 

4. Der Präsident theilt mit, dass die Zahl der Mitglieder des Vereins auf 136 
gestiegen sei. 

5. Herr Dr. Schwab: „Existe-t-il des maladies sp^ciales des 
ouvriers-horlogers et quelles sont-elles?“*) 

Dr. Lanz wünscht den Vortrag nach seinen Bieler Erfahrungen zu vervoll¬ 
ständigen. Auch er hält dafür, dass es keine Uhrmacherkrankheiten gebe. Unter¬ 
stützt den Schlussantrag von Dr. Schwab . Dr. Kaiser kennt ebenfalls keine Uhr¬ 
macherkrankheiten. Hält aber dafür, dass die Uhrmacher schwächlicher seien, als 
die Landarbeiter. Macht dagegen Opposition, dass Phthisiker in den Bergen bald 
zu Grunde gehen. Das Gegentheil sei der Fall. Dr. Vogt hält dafür, die statisti¬ 
schen Angaben seien nicht exact, weil die Uhrmacher zum Theil aus dem alten 
Cantonstheil kommen und krank wieder nach letzterem zurückkehren. Er glaubt 
auch, dass die hygieinischen Verhältnisse der Uhrmacher schlechter seien wegen 

*) Der Vortrag ist uns leider nicht zugekommen. Red. 


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Mangel an Ventilation etc. Hinsichtlich der MercurialVergiftung sei hervorzuheben, 
dass es bei diesen Beschäftigungen, wo chronische Vergiftungen in Frage kommen, 
darauf ankomme, dass der Fabrikherr verantwortlich gemacht werde für die Schä¬ 
digung seiner Arbeiter. Es müsse energische Ventilation etc. stattfinden. 

Präsident Schneider will den Antrag, an die Direction des Innern zu gelangen 
mit der Bitte, dass die Gesetze bezüglich Handhabung der Gifte auch wirklich 
durchgeführt werden, unterstützen. Dagegen sei es nicht Sache des Vereins, die 
rein technische Frage bezüglich Ersatzes des Cyancalium durch einen andern Stoff 
zu einer Preisfrage zu machen. Er ist nicht einverstanden mit der Behauptung, 
dass die Uhrmacher nicht gewissen Krankheiten mehr ausgesetzt seien. Herr Schwab 
habe keine Gegenbeweise gegen vorliegende Statistiken vorgebracht, z. B. bezüg¬ 
lich der Phthigis. Er erwähnt aus dem Werke von Hirt statistische Angaben: die 
Uhrmacher sterben zu 36,5% an Phthisis, während andere Arbeiter wie Schlosser 
und Schmiede blos zu 10%. 

# Dr. Schwab reclamirt, er habe 10% Tod an Phthise bei Uhrmachern angegeben. 
Doch will er nicht behaupten, dass sie ganz genau sei. Er weiss nicht, woher 
Hirt seine Statistik hat. Präsident Schneider w T ill den Antrag Vogt unterstützen, es 
möchte das Gesuch gestellt werden, der Fabrikherr soll verantwortlich gemacht 
werden für Schädigung seiner Arbeiter an der Gesundheit. 

Dr. Gobal unterstützt die Bemerkungen von Dr. Kaiser. 

Die Anträge von Dr. Schwab werden in ihrer durch Dr. Schneider modificirten 
Form angenommen. Es sei nämlich das Comite beauftragt: 1. Bei den Behörden 
dafür einzukommen, die bestehenden Gesetze und Verordnungen über den Giftver¬ 
kauf und über die Verwendung der Giftstoffe bei der Industrie strenger zu hand¬ 
haben. 2. Das Comite habe sich mit der physicalisch-chemischen Section der na¬ 
turforschenden Gesellschaft in Verbindung zu setzen, in wiefern bei der Vergol¬ 
dung das Cyancalium durch einen unschädlichem Stoff ersetzt werden könnte. 

6. Prof. Breisky: „Die Anwendung der Expressionsmethode in der Geburts¬ 
hülfe.“ (Siehe Correspondenzblatt 1875, Seite 121.) Prof. Kocher macht auf die 
Analogie aufmerksam mit zwei Beobachtungen, welche er gemacht hat, wo durch 
Druck auf die Bauchwand bei Lähmung der Bauchmuskulatur einmal einem Indi¬ 
viduum die Entleerung des Mageninhalts ermöglicht wurde, zu grosser Erleichte¬ 
rung bei bestehendem Brechbedürfniss, in einem andern Falle ein Anfall von hoch¬ 
gradiger Dyspnoe bei einem ebenso Gelähmten in Folge subacuten Catarrhs coupirt 
wurde durch die künstliche „Expression der Sputa“ durch Druck auf den Bauch 
bei jedem Hustenanfall. Dr. Kaiser fragt, ob nicht durch die Expression Prolapsus 
Uteri befördert w^erde, und ob es nicht schonender sei, die Extraction an den be¬ 
reits geborenen Füssen bei Beckenendlage zu machen. Prof. Breisky erklärt, dass 
der Vortheil der Expression liege in der Vermeidung von Zerreissungen, Blutungen 
und der Erhaltung einer für di^ Geburt günstigen Stellung des Kindes. 

Dr. Herzog gibt einen eingehenden Bericht über das Vorkommen des 
Abdominal-Typhus in seinem Bezirke (Münster im bernischen Jura) , in 
welchem er seit 24 Jahren practicirt. Obgleich die Bevölkerung von Münster in 
dieser Zeit von 900 Seelen auf 2000 gestiegen ist, ohne dass mit dieser Bevölke- 


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rungszunahme auch der Bau von Wohnhäusern Schritt gehalten hätte, so dass die 
Wohnungen überfüllt sind, griff doch daselbst der Typhus nie Platz. Ausser ein¬ 
geschleppten Fällen kamen nur 1871 einzelne sporadische Fälle vor, ohne zu einer 
Weiterverbreitung Anlass zu geben. Hingegen soll daselbst, nach der Aus¬ 
sage alter Leute, seiner Zeit die „Fifevre des Autrichiens“ sehr stark gehaust 
haben. 

Anders verhält es sich mit den Seitenthälern Münsters. 1852 war in Gr and- 
val, etwa */* Stunden östlich von Münster, eine kleine, aber sehr intensive Epi¬ 
demie. 1854 und 1855 raffte die Krankheit inCorban, 3 Stunden östlich von 
Delsberg, etwa den 10. Theil der Bevölkerung (395) weg. Von dieser Epidemie 
beobachtete er nur einen sehr interessanten Fall von Verschleppung der Krankheit 
durch einen 23jährigen Burschen von einem einzelliegenden, hohen Berggute (Sur 
Soulce, Gemeinde Envilier), welcher vor Weihnachten 1854 nach Corban zur Mühle 
gegangen war und einige Tage nachher erkrankte. Anfangs Januar erkrankte seine 
Mutter und etwas später auch sein Bruder an Typhus. Als Abwart bei diesen 
Fällen fungirte zuerst ein älterer armer Mann aus dem Thale, welcher sich nach 
wenigen Tagen unwohl fühlte und krank in seine Hütte heimkehrte. Nach wenigen 
Tagen erkrankten fast alle Familienglieder in dieser Hütte. Ein Mädchen aus 
einem andern Berggute (Raimeux) trat nun als Aushülfe bei der ersteren Familie 
ein, erkrankt ebenfalls nach wenigen Tagen, kehrt zurück nach Hause und theilt 
daselbst allen Hausbewohnern die Krankheit mit. Eine Krankenpflegerin vom nahe¬ 
gelegenen Vermes theilt das gleiche Schicksal und verbreitet dann von ihrem 
Hause aus die Krankheit in der Dorfschaft. Sur Soulce und Raimeux sind durch 
eine tiefe Thalschlucht von einander getrennt. Es scheint hier eine Ansteckung 
von Person zu Person sehr klar zu sein. 

Von dieser Zeit an traten in seinem Wirkungskreise bis zum Jahre 1866 keine 
Typhen mehr auf. 

1866—1868 trat der Typhus in dem etwa 2 Stunden von Münster entfernten 
solothurnische Dorf Gänsbrunnen auf. Das Dorf liegt auf dem Nordabhang 
des Weissensteins und besteht aus einzelstehenden Bauernhöfen, welche in der Nähe 
der von West nach Ost absteigenden Strasse liegen. Zuerst wurde 1866 im Früh¬ 
jahr das zu höchst westlich gelegene Haus ergriffen (5 Fälle, wovon 1 starb). 1867 
wurde das zunächst nach Osten liegende Haus im März befallen und zwar in sehr 
intensiver Weise, indem von 7 Befallenen 5 starben. Im Frühjahr 1868 endlich 
rückte der Typhus wieder einen Schritt ostwärts und ergriff die 3 folgenden Häuser, 
von welchen in dem einen 6 Kranke mit 2 Todesfällen, in dem zweiten 5 Kranke 
mit 1 Todesfall und in dem dritten 4 Kranke ohne Todesfall auftraten. Hier also 
ein jahrweises Fortschreiten der Krankheit trotz täglichem Verkehr. Alle diese Häu¬ 
ser sind mit eigenen Laufbrunnen versehen, deren Wasser aus tadellosen Quellen vom 
Nordabhang des Weissensteins stammt. 

Mit Ausnahme von einem sind alle diese Häuser gleich schmutzig und von 
Jahrhunderte altem Kothe umgeben. Auf ihr Grundwasser mochte vielleicht der 
Umstand einwirken, dass, entsprechend den inficirten Häusern, die darüber liegende 
Waldfläche vorher durch Kahlschläge entblösst worden war; allein auf der ent- 


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gegengesetzten Thalseite, der sog. Sonnseite, hatten ganz die gleichen Kahlschläge 
stattgefunden, ohne dass in den ihnen entsprechenden Bauernhöfen unten an der 
Typhus eingekehrt wäre. 

Im Jahre 1870 trat in seinem Wirkungskreise die Krankheit nicht auf, obschon 
die ganze Gegend ziemlich stark mit Truppen besetzt war, unter welchen verein¬ 
zelte Fälle von Typhus vorkamen. Erst im Juni 1871 zeigten sich in Cr6mine, 
welches etwa V 4 Stunde jenseits von dem bereits erwähnten Grandval liegt, ver¬ 
einzelte Fälle, und Ende September bildete sich daselbst in 4 zusammengruppirten 
Häusern eine kleine Epidemie von 11 Fällen, welche sich in den Winter hinein¬ 
zog und einen Todesfall an Darmblutung verursachte. Diese Häuser liegen auf 
einem ebenen, etwas nassen Terrain, zwischen zwei stark fliessenden Bächen. Sie 
gehören der Dorf-Aristokratie an und sind reinlich gehalten. Die verschiedenen 
laufenden Brunnen lieferten sowohl den Inficirten als auch der gesund gebliebenen 
Bevölkerung ihr Trinkwasser. Die zuerst aufgetretenen Fälle standen in keinerlei 
Verkehr mit den später befallenen Häusern. Auch in Munster kamen im gleichen 
Sommer einige leichtere, sporadische Typhusfälle zur Beobachtung. Mit Ende des 
Jahres war an beiden Orten die Krankheit verschwunden. 

Im September 1872 zeigte sie sich wieder in Cr 6m ine. Eine Familie von 
6 Gliedern, welche im September 1871 vier Typhusfälle gehabt hatte, war in ein 
Haus in einem andern Theile des Dorfes übergezogen. In dieser Familie erkrank¬ 
ten nun zuerst die im vorigen Jahr verschont gebliebenen zwei Kinder nebst einem 
neuen Mitbewohner. Nach 1—2 Wochen kamen 3 Fälle in einem nahegelegenen, 
nicht anstossenden Hause vor. Zwischen beiden Häusern fand kein Verkehr statt, 
und sie sind auch mit verschiedenem Trinkwasser versorgt. 

Gleichzeitig mit dem Auftreten des Typhus in Cremine nistete er sich auch in 
dem Eingangs erwähnten nahegelegenen Grandval wieder ein. Zuerst trat er 
im October 1871 in einem einzeln stehenden Hofe am Siidabhang des Raimeux- 
Berges auf. Von den 12 Hausgenossen erkrankten 10, nämlich eine Mutter und 
ihre 9 Kinder; von letzteren starben 5. Weder eine Einschleppung von Cr6mine 
her, noch die Möglichkeit einer Brunneninfection konnte hier angenommen werden. 
Das Haus ist von einem urväterlichen Miste umgeben und besitzt keinen Abtritt. 
Eines der verstorbenen Kinder wurde nach Grandval verlegt, ohne dass sich da¬ 
selbst die Krankheit weiter verbreitete, trotz des lebhaften Verkehres mit den 
dortigen Anverwandten. Erst im September 1873 bildet sich in Grandval selbst 
ein Typhusheerd in 3 zusammenliegenden Häusern, von welchen 2 auf einer Brand¬ 
stätte neu erbaut und reinlich gehalten sind, während das dritte, gross und alt, 
von armen Leuten bewohnt wird. Schon im Juni des vorhergehenden Jahres war 
in dem letztem Hause ein Typhusfall aufgetreten, der mit keinen Kranken in Be¬ 
rührung gekommen war; ebenso kam im October noch ein zweiter Fall daselbst 
vor, welcher in Cr6minc erkrankt war. Beide Fälle erlagen der Krankheit, und 
ihre Dejectionen wanderten auf den Mist, unter welchem der schadhafte Strang 
des Laufbrunnens durchgeht. Ende September des darauf folgenden Jahres, 1873, 
werden nun plötzlich in den drei genannten Häusern 20 Personen binnen 8 Tagen 
vom Typhus befallen, und 5 derselben erliegen der Krankheit. Der Verdacht der 


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Infection musste hier auf jene schadhafte unter dem Mist durchlaufende Wasser¬ 
leitung fallen, aus welcher die drei Häuser ihr Trinkwasser bezogen. Die Quelle 
selbst war einer Verunreinigung nicht ausgesetzt, und der über jenen Typhushäu¬ 
sern abzweigende Strang der Leitung versorgt andere Häuser mit Wasser, in wel¬ 
chen die Krankheit nicht auftrat. In zwei von den inficirtcn Häusern erklärte 
jedoch die Bewohnerschaft, dass sie nie Wasser trinke ^ sondern nur Kaffee oder 
Schnaps. In wieweit sich diese Gewohnheit auch auf die Kinder erstreckt, welche 
vorzugsweise ergriffen wurden, lässt sich nicht bestimmen. Es trat übrigens Ende 
October 1873 wieder ein Typhusfall in Grandval, in einem weit von jenem Typhus- 
heerd abgelegenen Hause, jenseits des starken Baches und mit ganz unverdächti¬ 
gem Trinkwasser auf. Die Patientin erklärte bestimmt, nie von jenem verdächti¬ 
gen Wasser getrunken zu haben und auch mit den obigen Typhusfällen in keiner¬ 
lei Berührung gekommen zu sein. Es folgten ihr im gleichen Hause dann noch 
zwei Fälle von Erkrankung. 

Aus den mitgetheilten Beobachtungen zieht der Redner den Schluss, dass der 
Typhus mit Vorliebe kleine auf ein Haus beschränkte Epidemien erzeuge. In eini¬ 
gen derselben sei eine Ansteckung evident, welche in andern wieder von der Hand 
gewiesen werden müsse. Für die Infection durch das Trinkwasser könne selbst 
die intensive Epidemie von Grandval im September 1873 nicht in Anspruch 
genommen werden, so sehr auch im Anfang ihr Auftreten dieser Ansicht 
günstig zu sein schien. Da unser Wissen seine Grenzen habe, jenseits welcher 
bei den Einen der Glaube, bei den Andern das Nichtwissen anfange, so 
schliesst sich der Redner den Letzteren an, um durch den Zweifel zur Wahrheit 
zu gelangen. 

Dr. Vogt wünscht, Dr. Herzog möchte für das Correspondenzblatt seinen Vor¬ 
trag ausarbeiten. Er mahnt, zwischen Ansteckung und Verschleppung zu unter¬ 
scheiden. 

8. Herr Dr. Kaiser von Dachsfelden demonstrirte eine von ihm erfundene Naht 
mit Anwendung von Caoutchouk bei Wunden. 

Mittagessen um 2 Uhr. Während desselben überreicht der Präsident dem 
scheidenden Prof. Breisky im Namen des Vereins ein kunstvoll ausgearbeitetes 
Ehrendiplom und richtet in gewohnter gediegener und herzlicher Weise den Ab- 
schiedsgruss an denselben. Herrn Prof. Quincke wird die Ablehnung seines Rufes 
nach Jena verdankt. 

Als Mitglieder des Vereins wurden während dem Bankett aufgenommen die 
Herren Prof. Ncnckg , Dr. Thciler in Saignelegier und Herr Parrenoud , Staatsapothe¬ 
ker. Zu der allgemeinen Gemüthlichkeit, wie sie sich besonders bei diesem zwei¬ 
ten Act des Zusammenseins geltend machte, trugen auch die eingegangenen tele¬ 
graphischen Grüsse bei, von Herren Dr. Gottlieb Burckhardl in Basel, Kummer in 
Aarwangen, Valcniin im Namen der Mitglieder des Sanitätscurses in Luzern. 


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— *54 — 

Referate und. Kritiken 


H. v. Ziemssen, Handbuch der speziellen Pathologie und Therapie. 

Leipzig, F. C. W. Vogel. 

1. Siebenter Band. Erste Hälfte. Krankheiten des chylopoötischen Apparates L Frof. A Vogel , 
Lippen und Mundhöhle. Prof. E. Wagner , weicher Gaumen. Prof. H. Wendt y Nasenrachen¬ 
höhle und Rachen. 

Höchst erfreulich ist die bei solchen Sammelwerken ungewohnte Raschheit, mit der 
sich die einzelnen Theile folgen. Aber es zeigt auch ganz besonders der vorliegende 
Halbband die Schattenseiten der auf die Spitze getriebenen Arbeitsteilung: ein so kleines 
Gebiet hat drei Mitarbeiter erfordert, und für das naturgemäss daran sich zunächst an- 
schliessende' von Nase und Kehlkopf sind vier weitere in Aussicht Eine gemeinsame 
Behandlung des gesammten oberen Thciles des Respirationstractus hätte gewiss die praktische 
Brauchbarkeit des Handbuches, die doch wohl mit ein Zweck desselben sein soll, erhöht. 
Wir gebrauchen mit Absicht den Ausdruck Respirationstractus; denn wenn auch anatomisch 
schon der Pharynx den Verdauungs- und Athmungsorganen gleichmässig angehört, so muss 
er vom Standpunkte der Pathologie und Therapie mit viel grösserem Recht den letzteren 
angereiht werden. Während — abgesehen von der Zunge — nur ausnahmsweise Con- 
tinuität zwischen den Erkrankungen des Pharynx und denen des Oesophagus und Magens 
besteht, so ist ein Zusammenhang zwischen Affectionen des Rachens und analogen des 
Kehlkopfes einerseits und der Nasenhöhlen anderseits ein ganz gewöhnliches Vorkommniss ; 
ja, Rachenkrankheiten sind so häufig mit solchen der Athmungsorgane combinirt, dass 
eine gesonderte Abhandlung beider eine ohne sehr häufige Wiederholungen nicht zu lösende 
Aufgabe bildet 

Am leichtesten ist noch die Abtrennung der Mundhöhle und Lippen. Prof. Vogel be¬ 
arbeitet in ausführlicher Weise neben den eigentlich internen Krankheiten auch Herpes, 
Lippenhypertrophie, sowie Zungenkrebs. Etwas knapp ist allein die Darstellung der so 
wichtigen Angina Ludovici ausgefallen. Anschauungs- und Darstellungsweise dieses ersten 
Drittheils des Halbbandes dürfte ältere Practiker noch am meisten ansprechen. 

Durchgehend neu bearbeitet, namentlich auf selbstgeschaffene anatomische Basis ge¬ 
gründet, hat Ernst Wagner die Pathologie des weichen Gaumens (mit Einschluss der Mandeln). 
Französischen Schriftstellern sich anschliessend und daneben auf eigene histologische Unter¬ 
suchungen stützend, macht er von den entzündlichen Störungen zahlreiche Unterabtheilungen, 
deren manche „übrigens das Krankheitsbild nicht wesentlich ändern und im Leben bei 
Schwierigkeit in der Besichtigung des Gaumens nicht immer zu unterscheiden sind.“ Auf¬ 
stellung solcher Modifikationen der allerhäufigsten Krankheiten ist gewiss gerechtfertigt: 
Die eine, die sog. rheumatische Angina (d. h. die einem Gelenkrheumatismus unmittelbar 
vorangehende) ist bei uns nicht einmal so selten, wie es Verf. für Norddeutschland annimmt. 
Der Diphtherie ist besondere Aufmerksamkeit gewidmet: von seinen eigenen Leipziger 
Erfahrungen ausgehend differirt Verf. wesentlich von den durch Oertel im zweiten Bande 
dieses Handbuches aufgestellten Grundsätzen (deren kurze Umrisse siehe Gorrespondenz- 
blatfc Pag. 493), den von jenem behaupteten Unterschied zwischen Diphtherie und Croup 
erkennt W. nicht an; er bezweifelt überhaupt die parasitäre Natur der ersteren, schon 
wegen den vielfachen Abweichungen in den zu Grunde liegenden Angaben von Tommasi- 
Hüler bis auf Eberth herab. Seine eigenen Ansichten fasst Wagner dahin zusammen: 
die croupös-diphtheritische Angina kommt, bei anatomisch und klinisch vielfach gleichen 
Charakteren, unter vier verschiedenen Verhältnissen vor: l) als primäre Krankheit (mit 
Unterabtheilungen nach Graden) eigentlich sog. Rachendiphtheritis, bei Gesunden, selten bei 
anderweitigen Kranken; 2) als Complication des Scharlachs, sog. scarlatinöse 
Rachendiphtheritis; 3) als secundäre Krankheit der übrigen acuten Exantheme 
(Masern und Pocken), der acuten Infectionskrankheiten (Typhus, Cholera, Pyämie, Puer¬ 
peralfieber) verschiedener chronischer Krankheiten (Tuberkulose); 4) als sog. nicht- 
specifische Angina mit croupösem Exsudat. (Die Definition der letzteren wird auch 
durch das beigegebene französische Synonym Angine couenneuse nicht ganz verständlich.) 
Gegen jede Localbehandlung der Diphtherie, mit Ausnahme milder Rachenreinigungen, ver¬ 
hält sich Verfasser skeptisch. Doch hofft er durch aufgelegte Eisbeutel vor Kehlkopf- 


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cröup Zu schützen. — Bei der kurzbeschriebenen Hypertrophie der Mandeln wird der sö 
häufigen und bedeutungsvollen, sonst viel zu wenig berücksichtigten Deformirung des 
Thorax (und Gesichtes) Erwähnung getban. Auch hier finden die gewöhnlich angewandten 
Mittel , selbst das Jod, wenig Zutrauen ; einzig die Abtragung bringe Hilfe. 

Noch mehr als bei Wagner überwiegt bei Wendt der anatomische Standpunkt; als Frucht 
äusserst fleissiger Beobachtung am Leichentische bietet die Arbeit eine unentbehrliche 
Grundlage für weitere klinische Forschungen. Dagegen dürfte unter der in’s histologische 
Dätail reichenden Gründlichkeit die für den täglichen Gebrauch wünschenswerthe Ueber- 
sichtlichkeit einige Noth leiden. Auch hätten einige Abbildungen dazu gedient, den ver¬ 
borgenen Raum, über welchen in selten gestörtem Dunkel die Pharynxtonsille thront, ge¬ 
wöhnlichem Verständnisse zugänglicher zu machen. Sehr eingehend werden alle Bezirke 
dieses weniger für sich als durch seine Nachbarschaft wichtigen Gebietes erörtert, beson¬ 
ders die zur Paukenhöhle. Für die Untersuchung des Nasenrachenraums ist Rhinoskopie 
und, wo diese nicht ausführbar, das leichtere, aber dem Patienten unangenehmere Tou- 
chiren unerlässlich. Bei Anlass der Therapie werden die verschiedenen Arten des Gurgelns 
und die Nasendouche ausführlich besprochen, dagegen wird , wie schon beim weichen 
Gaumen, den Inhalations- und Pinselkuren weniger Aufmerksamkeit zugewandt. Von den 
Gefahren allzu eifrigen Hantierens im Nasenrachenraume, namentlich ungeschickten Kathe- 
terisirens der Tuba gibt Verfasser lehrreiche Beispiele ; für nothwendige eingreifendere 
Operationen zieht er die Galvanokaustik allen andern Methoden vor. 

2. Zehnter Band. Krankheiten der weiblichen Geschlechtsorgane von Prof. Carl Schröder . 

Schröders Werk nimmt gegenwärtig unter den deutschen Lehrbüchern der Gynaekologie 
gewiss die erste 8telle ein. Es ist dem Verfasser gelungen, das Wesentliche auch der 
ausländischen Forschungen und technischen Fortschritte auf einen so massigen Raum 
zusammenzudrängen, dass der Nichtspezialist unter den Lesern keine Gefahr läuft, durch 
die Fülle des Stoffes erdrückt zu werden. Ausgezeichnet ist die Klarheit und Ucber- 
sichtlichkeit der Darstellung, welche an den 147 eingedruckten Holzschnitten eine mächtige 
Stütze findet. Ein grosser Theil derselben besteht in trefflich ausgeführten an die natür¬ 
lichen Verhältnisse genau sich anlehnenden sagittalen Durchschnitten der Beckenhöhle, 
welche die mannigfaltigen Gestalt- und Lageveränderungen von deren Inhalt beleuchtend 
auch dem weniger Geübten feste Anhaltspunkte für die Untersuchung geben. 

Den Inhalt im Einzelnen durchzugehen steht Referent dem Fache zu ferne, namentlich 
ht er nicht im Stande, diejenigen Ansichten, worin Verfasser von andern Bearbeitern ab¬ 
weicht, einer vergleichenden Würdigung zu unterziehen. Nur auf wenige Einzelheiten, 
die im Durchblättern sich gerade darboten, erlaubt er sich aufmerksam zu machen. Eine 
gedrängte Einleitung behandelt die gynaekologische Untersuchung. Dass Verfasser für 
einen jeden Fall auf Anwendung der bimanuellen Methode dringt, ist selbstverständlich, 
sind ihr doch die meisten der neuen Errungenschaften zu verdanken. Sie gestattet den 
Gebrauch der (immer etwas biegsamen) Sonde auf wenige Indicationen einzuschränken, 
von denen Messung der Länge der Uterushöhle wohl die wichtigste ist. Von Spiegeln 
gebraucht Schröder neben den Röhrenspeculis blos die Simon’ sehen, welche in der Rücken¬ 
lage angewendet werden, allerdings aber die Hilfe von zwei Assistenten nöthig machen. 
Es ist von Referent vielleicht unbescheiden, dass er diesen Abschnitt gerne durch eine 
kurze methodische Anleitung zum mündlichen Krankenexamen, als eine Eselsbrücke für 
ihn und seines Gleichen, bereichert gesehen hätte. 

Nun folgt Besprechung der Krankheiten der einzelnen Theile. Als chronische Ent¬ 
zündung des Uterus lässt Verfasser aetiologisch sehr verschiedene Fälle passiren, die 
jedoch alle dasselbe Krankheitsbild geben und gleich behandelt werden müssen. Immer¬ 
hin sind die durch mangelhafte Involution bedingten die zahlreichsten : bei allen besteht 
eine mit Empfindlichkeit verbundene Bindegewebshyperplasie. Zur Beseitigung der lästigen 
Symptome wendet Schröder mit Vorliebe kleine häufige Scarificationen des Cervix an, selbst 
bei Anämischen. Mit Anwendung der Douche empfiehlt er Vorsicht. Bei Betrachtung 
der chronischen Endometritis (Katarrh) ist massgebend, ob die ganze Schleimhaut oder 
blos die des Cervix leidet. Die intrauterine Behandlung sei, weil gefährlich, auf die 
hartnäckigen Fälle zu versparen, wo Einwirkungen auf Vagina und Cervix nichts nützen; 
am wirksamsten seien die Einspritzungen. Bei Catarrh des Cervix helfe neben Aetzung 


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hauptsächlich Anstechen der vergrösserten Follikel. Hinsichtlich der Seltenheit syphilitischer 
Geschwüre stimmt Verfasser mit andern genauen Beobachtern üherein. Für Flexionen 
und Versionen zieht er allen andern Mitteln die eehr wirksamen und nicht besonders ge * 
fäbrlichen intrauterinen Stäbchen vor. Bei Krebs der Gebärmutter (der unter 948 zu- 
sammcngestcllten Fällen verschiedener Autoren nur 78 erbliche aufweist) muss man schon 
der Abwechslung wegen für jedes nur einigermassen wirksame Palliativmittel dankbar 
sein: Verfasser schreibt einer alkoholischen Broralösung (20 °/ 0 ) eine besonders zer¬ 
störende Wirkung auf die Krebsnester zu ; womöglich solle ausgiebige Excision oder Aus¬ 
löffelung deren Anwendung vorausgehen ; der durch frühzeitige gründliche Operation erlangte 
Vortheil sei grösser, al3 deren schwächender Einfluss. 

Die Uteruskrankheiten beschliesst eine physiologische und pathologische Betrachtung 
der Menstruation. Die bekannte Pflüger 'sehe Theorie einer Reflexwirknng vom ausge¬ 
dehnten Graaf's chen Follikel aus nimmt Verfasser mit den durch neuere Untersuchungen 
gebotenen Modificationen an, welche dahin gehen, dass die menstruale Blutung und Schleim¬ 
hautexfoliation bereits ein regressiver Vorgang ist, mit dessen Erscheinen die Fortpflanzungs¬ 
vorgänge der betreffenden Periode abgeschlossen sind und dass eine von da an eintretende 
Conception ein neu ausgestossenes Ei betreffen muss, welches in die neu wuchernde 
Schleimhaut sich einbettet. Der Ausdruck Dysmenorrhoe wird auf die Fälle beischiänkt, 
wo Fremdkörper (worunter auch zu schnell ergossenes flüssiges Blut) Contractionen ver¬ 
anlassen und ihren Ausweg durch mechanische Hindernisse versperrt finden. Die Therapie 
besteht in deren Hebung. 

Es folgen die Krankheiten der Eierstöcke. Bei Gelegenheit der Cysten und Cystome 
wird die ganze Raffinirthcit der neuern Diagnostik entfaltet, übrigens auch die noch mög¬ 
lichen Täuschungen nicht verhehlt. Ovariotomie und Nachbehandlung sind in’s Ddtaii 
ausgemalt. Von innern Mitteln, mit welchen man selbst namhafte Spezialisten schlendrian- 
mässig noch fortwirthschaften sieht, will Verfasser nichts wissen ; doch vermöge gehörige 
Diätetik das Wachsthum der Tumoren zu verlangsamen. Von Operationen sei neben 
Excision nur noch die einfache Punktion erlaubt und in den seltenen Fällen tiefliegender 
Cysten Drainage per vaginam. 

Für Fisteln und Dammrisse werden die Simon '?chen Methoden durch Abbildungen er¬ 
läutert. Das Verhalten des chronischen Vaginalcatarrhs zu Gonorrhoe ist genügend be¬ 
rührt, im Ganzen aber diese häufigste aller Erkrankungen wohl etwas kurz behandelt. 
Vaginismus heilt Verfasser nach Scanzoni durch allmähligo Erweiterung. Für Pruritus 
empfiehlt er 1 / G0 — Vio Carbollösuug. 

Die Affectionen der Brustdrüse sind weggelassen, da sie in jedem Werke über Chirurgie 
ausführlich behandelt werden. 

Abgesehen von dem Lobe, welches die Ziemsserin chen Bände durch ihren Inhalt 
verdienen, haben sie noch einen andern Vorzug, welcher bei Collegen, die mit ihrer Seh¬ 
kraft haushalten müssen, sehr in’s Gewicht fallen kann, nämlich den eines angenehmen 
Druckes. W. B. 


Kantonale Correspondenzen. 


Glarus« Von den glarner Aerzten ist ein Strike beschlossen, der nach der be¬ 
vorstehenden Frühlingslaudsgemeinde ius Werk gesetzt werden soll. 21 von den 23 ge¬ 
prüften und patentirten Aerztcn unseres Cantons erklären, keinerlei ärztlich-amtliche Func¬ 
tionen übernehmen zu wollen, bis die Beurtheilung der Ausweise über genügende wissen¬ 
schaftliche Befähigung der Mediciualpcrsonen — wie dieselben vor der Uebcrtragung amt¬ 
licher Verrichtungen verlangt werden — wieder einer aus competenten Fachleuten beste¬ 
henden Behörde übertragen ist, und bis auch die übrige Medicinalgcsctzgebung derart 
modificirt ist, dass die Handhabung einer vernünftigen Medicinalpolizei wieder ermöglicht 
wird. Ich bemerke ausdrücklich, dass die glarner Acrztc durchaus nicht bezwecken, auch 
die Aufhebung der Pfuschereiverbote wieder rückgängig zu machen. 

In wenigen Wochen haben wir Landsgemeinde und damit den Schluss der Amts- 


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Periode unserer Sanitätscommission. Nachher soll die Standescommission das bisher ins 
Departement der Sanitätscommission Fallende besorgen und wir sind im intelligenten, 
thätigen, fortschrittlichen Lande Glarus puncto Sanitätswesen wieder ungefähr so weit 
wie vor einem halben Jahrhundert. 

Anderwärts muss in gebildeten Kreisen das Ding ungefähr den Eindruck machen, 
wie wenn im Fastnachtszuge dumme Bitten und Gebräuche längst verschwundener Zeiten 
dem lachenden Publicum zum Amüsement vorgeführt werden. Für etliche Jahre werden 
wir diese ComÖdie mit ansehen müssen ; aber auf die Dauer sollte mit so wichtigen und 
tief ins pr actis che Leben schneidenden Dingen nicht so frivoles Spiel getrieben werden. 

(Dieser Beschluss der glarner Collegen freut uns herzlich und zeigt uns eine schöne 
Frucht collegialen Zusammenstehens. Wenn das der Dank des Volkes ist für alle ärzt¬ 
lichen Leistungen und treue uneigennützige Pflichterfüllung, dass es das üppig sich ent¬ 
wickelnde Pfuscherthum vollkommen ebenbürtig der wissenschaftlichen Medicin gleich¬ 
stellt, dass es deren sanitätspolizeiliche Bestrebungen durch unüberlegte Gesetze lahmlegt, 
wohlan so mag der Souverain vor den Consequenzen nicht zurückschrecken. Nous main- 
tiendrons! — Red.) 

Neuenbürg« Das vom neuenburgischen Grossen Rathe soeben angenommene 
neue Gesetz über die Banitätspolizei verdient in mehrfacher Hinsicht ganz be¬ 
sondere Aufmerksamkeit von Beiten der Schweiz. Aerzte. 

Bekanntlich haben fast alle Cantone für ihre Medicinalpolizei, ihre öffentl. Gesundheits¬ 
pflege bisher auf die althergebrachte Weise, ungefähr nach preussischem, oder überhaupt 
deutschem Muster gesorgt. Alles gieng von den Oberbehörden, alles nur von medicinischen 
Fachleuten aus, die durch unzählige dötaillirte Vorschriften ihre Ziele zu erreichen suchten, 
nirgends die Mitwirkung des Volkes, der medicinischen Laien zu erlangen trachteten. 

Von England aus, wo die Gesundheitsgesetze erst in den letzten Jahrzehnten ent¬ 
standen sind, gieng der Anstoss, die Bache mehr auf demokratischer Grundlage aufzubauen, 
Localbehörden unter staatlicher Oberleitung und Nachhülfe die Borge für das 'öffentliche 
Gesundheitswesen zu übertragen. Neuenburg war unseres Wissens der erste und einzige 
Canton, der dies ebenfalls versuchte, und im Sonderegger'sehen Gesetzesentwurf für den 
Canton St. Gallen zeigte sich zum ersten Mal in der deutschen Schweiz das Bestreben, 
dem englischen Vorbild zu folgen. 

Neuenburg war im Fall, selbstgemachte Erfahrungen zu benutzen, als es seine Sa¬ 
nitätspolizei in den letzten Tagen neu ordnete. Es hat dies ungefähr in folgender 
Weise gethan: 

Der Staatsrath, resp. das Departement des Innern überwacht die öffentliche Gesund¬ 
heitspflege von Menschen und Vieh und erlässt bezügliche Verordnungen. Ein Cantonsarzt und 
ein cantonaler Thierarzt sind speciell mit Wahrnehmung der Interessen der öffentlichen 
Hygieine und der Aufsicht über genaue Ausführung der Gesetze und Verordnungen 
betraut. Eine Sanitätscommission steht dem Staatsrath als berathende Fachbehörde 
zur Seite. 

Jeder Gemeinderath ernennt ferner eine Localgesundheitsbehörde, die vom Ortspolizei¬ 
vorsteher oder an dessen Stelle von einem Mitglied des Gemeinderathes präsidirt wird. Diesen 
Localgesundheitsämtern liegt die Sorge für öffentliche Hygieine und Medicinalpolizei ob. 
Sie sind hiefür mit den nöthigen Competenzen ausgerüstet Gegen ihre Befehle kann 
aber an den Staatsrath in Verbindung mit der Sanitätscommission recurrirt werden. Der 
Staat sorgt durch Curse über Hygieine am Cantonalgymnasium, durch den Unterricht in 
den Elementen derselben an den Secundarschulen, durch die Ermöglichung öffentlicher Be¬ 
lehrung in jedem District dafür, dass seine Bürger die zur Pflege der Öffentlichen Ge¬ 
sundheit nöthigen Kenntnisse erlangen Eine alljährlich in jeder Gemeinde vorgenommene 
sanitarische Inspection durch die Local-Commission soll vorhandene Schädlichkeiten zur 
Kenntniss bringen. Der Cantonsarzt controlirt die Ortsbehörde durch Vornahme einer 
gleichen Inspection. Ermittlungen über Ursachen, Stand und Verlauf epidemischer Krank¬ 
heiten sind Sache der Ortsgesundheitsämter, welche die erforderlichen Massregeln zu 
treffen, der Direction des Innern aber Anzeige zu machen haben. 

Schliesslich stellt das Gesetz Specialverordnungen in Aussicht über: Polizei der Brunnen 
und Wasserläufe. — Lebensmittel und deren Verfälschung. — Abtritte und Cloaken. — 
Strassen und öffentliche Plätze. — Ablagerungen von Mist und andern Stoffen, welche 


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Luft oder Wasser verderben können. — Wohnungen, Arbeiterkosthäuser, öffentliche An¬ 
stalten, Schulen, Casernengeföngnisse etc. — Ställe. — Schlachthäuser und Fleischerladen. 
— Kirchhöfe und Begräbnisswesen. — Abdeckerei. — Gefährliche oder ungesunde Indu¬ 
strien. — Ankündigung und Verkauf von Geheimmitteln. — Sanitätspolizei auf Eisenbahnen 
und Dampfschiffen. — Vaccination und Revaccination. — Epidemien und Epizootien. — 
Giftverkauf. — Apotheken. — 

So wartet denn eine ungeheure Aufgabe der vorberathenden und gesetzgebenden Be¬ 
hörde — und doch wäre zu wünschen, dass noch einige Nummern mehr zum Programm 
hinzugekommen wären, — wir meinen die Aufsicht über die Pflege der Kranken sowie 
der Kinder, soweit es Sache des Staates sein kann, in diese Gebiete einzugreifen. Die 
Durchführung all’ dieser Massregeln wäre kaum möglich, wenn nur einzelne wenige Be¬ 
amte im Verein mit der Polizeimannschaft — nach altem Brauch — hiefür zu sorgen hätten. 
Was für Interesse, wie viel Verständniss hat der Polizist dafür? Wie ist’s dem eifrig¬ 
sten Bezirksarzt oder Sanitätsrath möglich, sich mit dem tausendfachen Dötail vertraut zu 
machen, von dessen Kenntniss die zweckmässige Ausführung sanitarischer Massregeln ab¬ 
hängt ? Nur eine Localbehörde, Leute, welche direct an der Beseitigung von Uebel- 
ständen betheiligt sind , wird auch mit der Regelung so vielfach untergeordneter Dinge 
sich ernstlich befassen mögen, — aber auch sie nur dann, wenn sie mit den Befugnissen 
ausgerüstet ist, welche ihr das neuenburgische Gesetz wirklich überträgt. Dieser Umstand 
ist nicht zu unterschätzen. Behufs gehöriger Pflege der öffentlichen Gesundheit sind eine 
solche Menge kleiner Bedürfnisse zu berücksichtigen, dass der Wahrnehmung derselben 
deren Befriedigung auf dem Fusse folgen muss, wenn nicht die ganze Sache vergessen 
und vernachlässigt werden soll. Wo erst eine höhere Amtsstelle um ihre Mitwirkung an¬ 
gegangen werden muss, da unterlässt man’s oft lieber, als dass man alle Bagatellen vor 
deren Forum zieht. 

Soll aber der Ortsgesundheitsrath richtig functioniren, so braucht’s vor allem aus Ver¬ 
ständniss für die Aufgaben und guten Willen für deren Lösung — und darin mag’s freilich 
stellenweise schlimm bestellt sein. Es wird gehen, wenn auch nur Eine treibende Kraft 
in der Behörde sitzt; aber die Wahl dieses Motors zum Präsidenten sollte mindestens 
frei gestellt sein. Wir halten deshalb die neuenburgische Bestimmung für eine verfehlte, 
dass der Polizeivorsteher von Amtswegen Präsident des Ortsgesundheitsrathes sei. Wer 
erfahren hat, wie viel, besonders in kleinen Ortschaften, von der Persönlichkeit des Prä¬ 
sidenten einer Behörde abhängt, wie selten sich die Mitglieder zu einem energischen Ein¬ 
greifen in den Geschäftsgang ermannen, der wird bedauern, dass so oft der Vorsitz einem 
Manne zukommen wird, der sich in keiner Richtung hiefür eignet. Es dürfte vollständig 
genügen, wenn — wie im St. Gallischen Entwurf — ein Mitglied des Gemeinderaths vor- 
schriftsgemäss im Ortsgesundheitsrath sitzen müsste. Sehr zweckmässig erscheint uns 
hingegen das Institut eines Cantonsarztes als sanitarischer Inspector, der die Verbindung 
zwischen der Sanitätscommission in ihrer Stellung als vorzugsweise berathende technische 
Behörde und den Ortsgesundheitsräthen vermittelt, letztere controlirt und ein gewisses 
Maass von Gleichförmigkeit in das Vorgehen der verschiedenen Ortsbehörden bringt. Ander¬ 
wärts ist’s üblich, diese Functionen Bezirksärzten zu übertragen, die zugleich als Ge¬ 
richtsärzte beansprucht werden und alle diese Aufgaben neben der Besorgung ihrer Pri¬ 
vatpraxis zu lösen haben. Es springt in die Augen, dass selten ein Arzt diesem allem 
gewachsen sein wird. Wie mancher treffliche Arzt oder Gerichtsarzt entbehrt durchaus 
der technischen und theoretischen Kenntnisse, welche die Pflege der öffentlichen Hygieine 
erfordert, er hat keine Zeit mehr, sie sich zu erwerben und selbst wenn er in den letzten 
Jahrzehnten studirt hat, war ihm an den meisten Universitäten nicht einmal Gelegenheit 
geboten, ihrem Studium obzuliegen. Begrüssen wir daher die Trennung der Functionen! 

Das 3. Capitel des neuenburgischen Sanitäts-Gesetzes beschlägt endlich einen Punkt, 
der in den letzten Jahren unzählige Male und in immer weiteren Kreisen zur Discussion 
gekommen ist, — die Stellung, die der Staat zur Ausübung der Medicin und verwandter 
Berufsarten einnimmt. 

Freigebung der ärztlichen Praxis ist allgemach ein wahrer Mode-Artikel geworden. 
Aber man ist in dieser Richtung sehr verschiedenartig zu Werke gegangen. Appenzell 
hat einige ängstliche Schrittchen auf dem neuen Boden gethan und hat sich nicht mehr 
weiter getraut. Apotheker und Hebammen amtiren nach wie vor unter den Fittigen des 


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Staates, höhere Chirurgie und Geburtshülfe kommen nur dem „approbirten“ Arzte zu, 
auch alle amtlichen Funktionen. Glarus wollte recht freisinnig sein, gab alles frei — und 
fängt ein Jahr später an nacbzudenken, was es denn eigentlich gewollt und gemacht. 
Neuenburg geht vorsichtiger vor, ungefähr nach dem Muster des deutschen Reichsgesetzes. 
Es kennt keine Personen mehr, die durch besonderes Patent das Recht zur ärztlichen Be¬ 
handlung erworben haben, aber der Staat kennt Niemanden als Arzt, Apotheker, Thierarzt, 
der sich nicht über seine Befähigung hiezu durch den Besitz eines Concordatsdiploms oder 
cantonalen Patentes, nicht aber durch den blossen Besitz eines Titels, wie z. B. des Doc- 
torhutes, ausgewiesen. Auch Apothekergehilfen, Zahnärzte, Hebammen anerkennt er nicht 
als solche, bis sie ein Examen im Canton bestanden. Das Publicum darf bei Strafe durch 
keinerlei Annahm e eines Titels oder Anzeige glauben gemacht werden , irgend eine den 
ärztlichen oder einen verwandten Beruf ausübende Person besitze die staatliche Aner¬ 
kennung, während diess nicht der Fall ist. 

Die staatlich anerkannten Medicinalpersonen besitzen allein das Recht Zeugnisse aus¬ 
zustellen , gerichtlich-medicinische Erklärungen mit amtlichem Gharacter abzugeben, in 
Spitälern, Irrenhäusern, Pflegeanstalten, Gefängnissen, Zuchthäusern, überhaupt öffentlichen 
Anstalten zu functioniren, irgend welche amtliche, vom Staat oder den Gemeinden zu 
übertragende amtliche